Kapitel 8: bhīṣmakuntīstutiḥ
Uttarās Errettung, Kuntīs Lobpreis und die Rückkehr nach Hastinapura
Nach den Bestattungswassern für die Gefallenen tröstet Kṛṣṇa Dhṛtarāṣṭra, Gāndhārī, Kuntī und die anderen Trauernden; Yudhiṣṭhira wird zum König gesalbt und vollzieht drei Aśvamedha-Opfer. Als Kṛṣṇa nach Dvārakā aufbrechen will, fleht die schwangere Uttarā um Schutz vor dem noch heranrasenden Brahmāstra Aśvatthāmans; Kṛṣṇa schützt mit seinem Sudarśana-Diskus und durch seine Māyā verhüllend die Leibesfrucht (den künftigen Parīkṣit) im Mutterleib. Daraufhin spricht Kuntī (Pṛthā) ihren berühmten, ausführlichen Lobpreis (Kuntī-Stuti, V.18-43) auf Kṛṣṇas verhüllte, allgegenwärtige und zugleich unzugängliche Gottheit, gefolgt von Kṛṣṇas sanftem, rätselhaftem Lächeln und seinem - vom König aufgehaltenen - Eintritt in Hastinapura. Das Kapitel schließt mit Yudhiṣṭhiras tiefer Gewissens- und Sinnkrise (V.46-52): trotz Unterweisung durch Vyāsa und andere Weise mittels lehrhafter Geschichten (Itihāsas) findet er keinen inneren Frieden, bekennt seine Verblendung durch Zuneigung, beklagt die zahllosen im Krieg Getöteten und das den Kriegerwitwen zugefügte Leid, verwirft die bloße kṣatriya-dharma-Rechtfertigung des Tötens im rechten Krieg als unzureichend und erkennt, dass keine Opferhandlung die Schuld des Tötens tilgen kann - eine Krise, die den Übergang zum Aufsuchen des sterbenden Bhīṣma in Adhyāya 9 motiviert.
Sūta sprach: Danach gingen die Frauen, mit Kṛṣṇā (Draupadī) an der Spitze, zur Gaṅgā, um denen der eigenen (Angehörigen), die dahingeschieden waren und (nach) Wasseropfer verlangten, dieses darzureichen.
te ninīyodakaṃ sarve vilapya ca bhṛśaṃ punaḥ | āplutā haripādābjarajaḥpūtasarijjale
Sie alle, nachdem sie das Wasseropfer dargebracht und abermals heftig geklagt hatten, badeten (dann) im Flusswasser, das durch den Staub von Haris Lotosfüßen geheiligt war.
Wort für Wort
te sarve
sie alle
udakam ninīya
nachdem sie das Wasser(opfer) dargebracht hatten
vilapya ca bhṛśaṃ punaḥ
und abermals heftig geklagt hatten
āplutāḥ
sie badeten
hari-pāda-abja-rajaḥ-pūta
geheiligt durch den Staub von Haris Lotosfüßen
sarij-jale
im Flusswasser
[Anm.: Wie bereits in Adhyāya 3 vermerkt, sind die Verse dieser Ausgabe durchgehend nur mit den Pāda-Zählungen /1 und /3 (gelegentlich /5) versehen; /2 und /4 fehlen systematisch - eine Eigenheit dieser digitalisierten Edition, kein Übertragungsfehler.]
Mādhava (Kṛṣṇa) [tröstete - siehe V.4] den dort sitzenden Kuru-Herrscher Dhṛtarāṣṭra samt seinem jüngeren Bruder (Vidura), Gāndhārī, die vom Kummer um ihre Söhne gequält war, sowie Pṛthā (Kuntī) und Kṛṣṇā (Draupadī).
Wort für Wort
tatra āsīnam
den dort Sitzenden
kurupatim dhṛtarāṣṭram
den Kuru-Herrscher Dhṛtarāṣṭra
saha-anujam
samt seinem jüngeren Bruder
gāndhārīṃ putra-śoka-ārtām
Gāndhārī, vom Kummer um die Söhne gequält
pṛthāṃ kṛṣṇāṃ ca
sowie Pṛthā (Kuntī) und Kṛṣṇā (Draupadī)
mādhavaḥ
Mādhava (Kṛṣṇa)
[Anm.: V.3 und V.4 bilden syntaktisch einen Satz - V.3 nennt die Objekte, V.4 das Verb 'sāntvayām āsa' (er tröstete).]
[Mādhava] tröstete, zusammen mit den Weisen, die von Kummer Erfüllten, die ihre Verwandten verloren hatten, indem er ihnen den unabänderlichen Gang der Zeit unter den Wesen aufzeigte, gegen den es keine Abhilfe gibt.
Wort für Wort
sāntvayām āsa
er tröstete
munibhiḥ
zusammen mit den Weisen
hata-bandhūn śuca-arpitān
die von Kummer Erfüllten, die ihre Verwandten verloren hatten
bhūteṣu kālasya gatiṃ darśayan
indem er den Gang der Zeit unter den Wesen aufzeigte
Nachdem er dem Ajātaśatru (Yudhiṣṭhira) sein eigenes, von den falschen Spielern geraubtes Königreich wiederverschafft, und nachdem er die schlechten Könige, deren Lebenszeit durch die Berührung (ihres) Haares verletzt worden war, hatte töten lassen,
Wort für Wort
sādhayitvā
nachdem er verschafft hatte
ajātaśatroḥ svaṃ rājyam
dem Ajātaśatru (Yudhiṣṭhira) sein eigenes Königreich
kitavaiḥ hṛtam
von den falschen Spielern geraubt
ghātayitvā
nachdem er hatte töten lassen
asataḥ rājñaḥ
die schlechten Könige
kaca-sparśa-kṣata-āyuṣaḥ
deren Lebenszeit durch die Haarberührung verletzt war
[Anm.: 'kacasparśakṣatāyuṣaḥ' spielt auf die Schmähung Draupadīs durch Duḥśāsana an, der sie an den Haaren zog - ein Vergehen, dessen Sühne den Tod der 'schlechten Könige' (der Kaurava-Verbündeten) forderte.]
und nachdem er ihn (Yudhiṣṭhira) drei Aśvamedha-Opfer nach bestem Ritus hatte durchführen lassen, breitete er dessen reinigenden Ruhm in alle Himmelsrichtungen aus, wie einst den des Śatamanyu (Indra).
Kṛṣṇa verabschiedete sich von den Söhnen Pāṇḍus, begleitet von Śaineya (Sātyaki) und Uddhava, geehrt von den ihn seinerseits ehrenden Brahmanen mit Dvaipāyana (Vyāsa) an der Spitze,
Wort für Wort
āmantrya
er verabschiedete sich (von)
pāṇḍuputrān ca
und den Söhnen Pāṇḍus
śaineya-uddhava-saṃyutaḥ
begleitet von Śaineya (Sātyaki) und Uddhava
dvaipāyana-ādibhiḥ vipraiḥ
von den Brahmanen mit Dvaipāyana (Vyāsa) an der Spitze
Uttarā sprach: Rette, rette (mich), o großer Yogin, Gott der Götter, Herr der Welt! Ich sehe keinen anderen Schutz außer dir vor der Furchtlosigkeit, die ich brauche - (an einem Ort,) wo der Tod (uns) wechselseitig (bedroht).
Wort für Wort
uttarā uvāca
Uttarā sprach
pāhi pāhi
rette, rette (mich)
mahāyogin devadeva jagatpate
o großer Yogin, Gott der Götter, Herr der Welt
na anyam ... paśye
ich sehe keinen anderen
tvat-abhayam
(Schutz) vor der Furchtlosigkeit, die von dir (kommt)
yatra mṛtyuḥ parasparam
wo der Tod wechselseitig (waltet)
[?: 'yatra mṛtyuḥ parasparam' syntaktisch verdichtet - evtl. auch 'wo (sonst überall) der Tod einander (trifft)', als Anspielung auf das allgemeine gegenseitige Gemetzel des Krieges.]
Ein Pfeil aus geglühtem Eisen stürmt auf mich zu, o Herr, o Gebieter! Er möge, wenn er will, mich verbrennen, o Herr - nur möge mein Leibesfrucht nicht zu Fall gebracht werden!
Wort für Wort
abhidravati mām
er stürmt auf mich zu
īśa vibho
o Herr, o Gebieter
śara-tapta-ayasaḥ
ein Pfeil aus geglühtem Eisen
kāmam dahatu mām
er möge mich verbrennen, wenn er will
nātha
o Herr
mā me garbho nipātyatām
möge mein Leibesfrucht nicht zu Fall gebracht werden
Sūta sprach: Nachdem der Erhabene, der seinen Geweihten zugetan ist, ihre Worte vernommen hatte, erkannte er, dass Droṇas Sohnes (Aśvatthāmans) Waffe darauf abzielte, dies (die Pāṇḍava-Nachkommenschaft) der Pāṇḍavas zu berauben.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
upadhārya vacaḥ tasyāḥ
nachdem er ihre Worte vernommen hatte
bhagavān bhaktavatsalaḥ
der Erhabene, der seinen Geweihten zugetan ist
apāṇḍavam idaṃ kartum
dies der Pāṇḍava-Nachkommenschaft zu berauben
drauṇeḥ astram abudhyata
er erkannte Droṇas Sohnes (Aśvatthāmans) Waffe (als darauf gerichtet)
[Anm.: Sūtas Sprechertag ist hier korrekt gesetzt - anders als bei den bereits vermerkten Fehlzuschreibungen in Adhyāya 4 und 6.]
Da, o bester der Weisen, ergriffen die fünf Pāṇḍavas sogleich ihrerseits ihre Waffen, als sie die auf sie selbst gerichteten, lodernden Geschosse erblickten.
Wort für Wort
tarhi eva atha
da, sogleich
muniśreṣṭha
o bester der Weisen
pāṇḍavāḥ pañca
die fünf Pāṇḍavas
sāyakān ... astrāṇi upādaduḥ
ergriffen (ihre) Waffen/Geschosse
ātmanaḥ abhimukhān dīptān ālakṣya
als sie die auf sie selbst gerichteten, lodernden (Geschosse) erblickten
Als der Allmächtige diese Gefahr für sie sah, deren Sinn auf kein anderes Ziel als ihn gerichtet war, bewirkte er mit seiner eigenen Waffe, dem Sudarśana(-Diskus), den Schutz der Seinen.
Wort für Wort
vyasanaṃ vīkṣya tat
als er diese Gefahr sah
teṣām ananya-viṣaya-ātmanām
für sie, deren Sinn auf kein anderes Ziel gerichtet war
Hari, der im Inneren aller Wesen weilende Selbst, der Herr des Yoga, umhüllte mit seiner eigenen Māyā die Leibesfrucht der Virāṭa-Tochter (Uttarā), um die Kuru-Nachkommenschaft zu sichern.
Obwohl die Waffe, das Brahmaśiras, unfehlbar und ohne Gegenmittel war, o Nachkomme Bhṛgus (Śaunaka), erlosch sie doch, sobald sie auf die Glut Viṣṇus traf.
Halte dies nicht für ein Wunder bei dem, in dem alles Wunderbare west, dem Unvergänglichen (Acyuta) - bei ihm, dem Ungeborenen, der dies (Universum) durch die göttliche Māyā erschafft, erhält und vernichtet.
Wort für Wort
mā maṃsthāḥ
halte nicht (für)
etat āścaryam
dies (für) ein Wunder
sarva-āścaryamaye acyute
bei dem Unvergänglichen, in dem alles Wunderbare west
brahmatejovinirmuktairātmajaiḥ saha kṛṣṇayā | prayāṇābhimukhaṃ kṛṣṇam idam āha pṛthā satī
Zusammen mit ihren Söhnen, die nun von der Brahma-Glut befreit waren, und mit Kṛṣṇā (Draupadī), sprach die tugendhafte Pṛthā (Kuntī) dies zu Kṛṣṇa, der im Begriff war aufzubrechen:
Wort für Wort
brahmatejovinirmuktaiḥ ātmajaiḥ saha
zusammen mit ihren (nun) von der Brahma-Glut befreiten Söhnen
Kuntī sprach: Ich verneige mich vor dir, dem ursprünglichen Puruṣa, dem Herrn, der jenseits der Materie (Prakṛti) steht, der - im Inneren wie im Äußeren aller Wesen weilend - dennoch unwahrnehmbar ist.
Wort für Wort
kuntī uvāca
Kuntī sprach
namasye puruṣaṃ tvā ādyam
ich verneige mich vor dir, dem ursprünglichen Puruṣa
īśvaraṃ prakṛteḥ param
dem Herrn, der jenseits der Materie steht
alakṣyam
unwahrnehmbar
sarvabhūtānām antar-bahiḥ avasthitam
im Inneren wie Äußeren aller Wesen weilend
[Anm.: Beginn der berühmten Kuntī-Stuti (V.18-43), einer der theologisch dichtesten und meistzitierten Hymnen des gesamten Bhāgavata-Purāṇa.]
māyājavanikācchannam ajñādhokṣajam avyayam | na lakṣyase mūḍhadṛśā naṭo nāṭyadharo yathā
Verhüllt durch den Vorhang der Māyā, bist du, der Unvergängliche, jenseits der Sinne Stehende, den Unwissenden verborgen; von törichtem Blick wirst du nicht wahrgenommen, wie ein Schauspieler nicht erkannt wird, der eine (andere) Rolle trägt.
Wort für Wort
māyā-javanikā-channam
verhüllt durch den Vorhang der Māyā
ajñā-adhokṣajam avyayam
den Unwissenden verborgen, den Unvergänglichen, jenseits der Sinne Stehenden
tathā paramahaṃsānāṃ munīnām amalātmanām | bhaktiyogavidhānārthaṃ kathaṃ paśyema hi striyaḥ
Wie sollten wir Frauen dich denn sehen können - dich, der selbst den höchsten Schwänen (Paramahaṃsas) unter den Weisen, deren Wesen makellos ist, nur um der Anweisung des Bhakti-Yoga willen sichtbar wird?
Wort für Wort
tathā paramahaṃsānāṃ munīnām
(dir, der) so den höchsten Schwänen unter den Weisen
amalātmanām
deren Wesen makellos ist
bhaktiyogavidhānārtham
nur um der Anweisung des Bhakti-Yoga willen
kathaṃ paśyema hi striyaḥ
wie sollten wir Frauen (dich) denn sehen
[Anm.: Berühmter Vers über Kṛṣṇas Unzugänglichkeit selbst für vollendete Asketen (Paramahaṃsas), außer aus Gnade zum Zweck der Belehrung in Bhakti-Yoga.]
Verehrung dem, dessen Nabel ein Lotos ist; Verehrung dem, der einen Lotoskranz trägt; Verehrung dem, dessen Augen Lotosblüten gleichen; Verehrung dir, dessen Füße Lotosblüten gleichen.
Wie, o Hṛṣīkeśa, Devakī, vom bösen Kaṃsa lange eingekerkert, dem Kummer preisgegeben war, so bin auch ich, mit meinen Söhnen, o Allmächtiger, von dir, meinem einzigen Beschützer, wieder und wieder aus der Menge der Gefahren befreit worden.
Vor Gift, vor der großen Feuersbrunst, vor dem Menschenfresser, vor der Unsichtbarkeit, vor der Versammlung der Bösen, vor der Mühsal des Waldlebens, in Schlacht um Schlacht vor den Waffen zahlloser großer Wagenkämpfer, und zuletzt vor Droṇas Sohnes Waffe - vor all dem wurden wir, o Hari, von dir beschützt.
Wort für Wort
viṣāt mahāgneḥ puruṣādadarśanāt
vor Gift, vor der großen Feuersbrunst, vor dem Menschenfresser, vor dem Verschwinden
asatsabhāyā vanavāsakṛcchrataḥ
vor der Versammlung der Bösen, vor der Mühsal des Waldlebens
mṛdhe mṛdhe
in Schlacht um Schlacht
aneka-mahāratha-astrataḥ
vor den Waffen zahlloser großer Wagenkämpfer
drauṇi-astrataḥ ca
und vor Droṇas Sohnes Waffe
asma hare abhirakṣitāḥ
wurden wir, o Hari, beschützt
[Anm.: Aufzählung der Errettungen der Pāṇḍavas aus früheren Erzählungen: die vergiftete Speise, das brennende Lackhaus, der Dämon(-Menschenfresser), eine Episode des Verborgenseins/Exils, die Würfelspiel-Versammlung, das Waldexil, die Kurukṣetra-Schlacht und zuletzt Aśvatthāmans Brahma-Waffe.]
vipadaḥ santu tāḥ śaśvat tatra tatra jagadguro | bhavato darśanaṃ yat syādapunarbhavadarśanam
Mögen jene Gefahren immer wieder da und dort über uns kommen, o Weltenlehrer, wenn dadurch dein Anblick zuteilwird - dein Anblick, der zugleich das Nicht-mehr-Sehen des erneuten Werdens (Saṃsāra) bedeutet.
Wort für Wort
vipadaḥ santu tāḥ śaśvat
mögen jene Gefahren immer wieder kommen
tatra tatra jagadguro
da und dort, o Weltenlehrer
bhavato darśanaṃ yat syāt
wenn (dadurch) dein Anblick zuteilwird
apunarbhavadarśanam
der (zugleich) das Nicht-mehr-Sehen des erneuten Werdens (bedeutet)
janmaiśvaryaśrutaśrībhiredhamānamadaḥ pumān | naivārhatyabhidhātuṃ vai tvām akiñcanagocaram
Ein Mann, dessen Hochmut durch Geburt, Herrschaft, heilige Gelehrsamkeit und Schönheit/Reichtum wächst, vermag dich, der du nur den Besitzlosen zugänglich bist, wahrlich nicht angemessen anzureden.
Wort für Wort
janma-aiśvarya-śruta-śrībhiḥ
durch Geburt, Herrschaft, Gelehrsamkeit und Schönheit
namo 'kiñcanavittāya nivṛttaguṇavṛttaye | ātmārāmāya śāntāya kaivalyapataye namaḥ
Verehrung dir, der du der Schatz der Besitzlosen bist, dessen Wirken sich von den Erscheinungsweisen (Guṇas) zurückgezogen hat; Verehrung dem in sich selbst Ruhenden, dem Friedvollen, dem Herrn der Alleinheit (Kaivalya).
Wort für Wort
namaḥ akiñcanavittāya
Verehrung dem Schatz der Besitzlosen
nivṛttaguṇavṛttaye
dessen Wirken sich von den Guṇas zurückgezogen hat
Ich halte dich für die Zeit selbst, den Herrscher, den Allgegenwärtigen ohne Anfang und Ende, der überall gleichmäßig waltet, durch den unter den Wesen wechselseitiger Streit entsteht.
Wort für Wort
manye tvāṃ kālam īśānam
ich halte dich für die Zeit, den Herrscher
anādinidhanaṃ vibhum
den Allgegenwärtigen ohne Anfang und Ende
samaṃ carantaṃ sarvatra bhūtānām
der überall gleichmäßig unter den Wesen waltet
yan mithaḥ kaliḥ
durch den wechselseitiger Streit (entsteht)
[Anm.: Dichter, vieldeutiger Vers über Kṛṣṇa als personifizierte Zeit (Kāla) - als deren gleichmäßiges, unparteiisches Wirken paradoxerweise die Ursache des wechselseitigen Streits (Kali) unter den Geschöpfen erscheint.]
na veda kaścidbhagavaṃścikīrṣitaṃ tavehamānasya nṛṇāṃ viḍambanam | na yasya kaściddayito 'sti karhicid dveṣyaśca yasmin viṣamā matirnṛṇām
Niemand, o Erhabener, kennt dein Vorhaben, dessen Wirken selbst dann noch eine Nachahmung der Handlungsweise der Menschen darstellt; für dich gibt es niemals einen Liebling, noch einen Verhassten - nur bei den Menschen entsteht daraus eine ungleiche Meinung über dich.
Wort für Wort
na veda kaścit bhagavan
niemand, o Erhabener, kennt
cikīrṣitaṃ tava
dein Vorhaben
īhamānasya nṛṇāṃ viḍambanam
dessen Wirken eine Nachahmung der Handlungsweise der Menschen (ist)
na yasya kaścit dayitaḥ asti karhicit
für den es niemals einen Liebling gibt
dveṣyaḥ ca
noch einen Verhassten
yasmin viṣamā matiḥ nṛṇām
bei dem (nur) die Menschen eine ungleiche Meinung (haben)
janma karma ca viśvātmann ajasyākarturātmanaḥ | tiryaṅnṝṣiṣu yādaḥsu tadatyantaviḍambanam
Geburt und Handeln, o Weltseele, des Ungeborenen, des nicht-handelnden Selbst - unter Tieren, Menschen, Weisen und Wasserwesen -, das ist deine äußerste Nachahmung (des weltlichen Daseins).
Die Kuhhirtin (Yaśodā), die, als du als Kind Schuld auf dich geladen hattest, den Strick nahm, um dich zu binden - und dabei dein Gesicht, das mit Tränen und verwischtem Augenschminken vor Verwirrung erfüllt war, während du in furchtsamer Vorstellung verharrtest, betrachtete - sie verwirrt mich: denn selbst die Furcht fürchtet sich (vor dir).
Wort für Wort
gopī ādade dāma
die Kuhhirtin nahm den Strick
tvayi kṛtāgasi
als du Schuld auf dich geladen hattest
yā te vaktraṃ ninīya
die, nachdem sie dein Gesicht betrachtet hatte
daśā-aśru-kalila-añjana-sambhrama-akṣam
das mit Tränen und verwischtem Augenschminken vor Verwirrung erfüllt war
bhayabhāvanayā sthitasya
während du in furchtsamer Vorstellung verharrtest
sā māṃ vimohayati
sie verwirrt mich
bhīḥ api yat bibheti
denn selbst die Furcht fürchtet sich (vor dir)
[Anm.: Anspielung auf die berühmte Dāmodara-Episode aus Kṛṣṇas Kindheit (ausführlich erzählt im 10. Skandha des Bhāgavata), hier vorausdeutend erwähnt.]
Manche sagen, der Ungeborene sei zum Ruhme des Puṇyaśloka (Yudhiṣṭhira, des von reiner Rede) geboren worden, im Geschlecht des Yadu, der (Kṛṣṇa) lieb ist, wie Sandelholz im Malaya-Gebirge (entsteht).
Wieder andere sagen, du seiest geboren, um die Last der Erde abzunehmen, die - wie ein Schiff im Ozean - unter gewaltiger Last zu versinken drohte, von Selbstentsprossenem (Brahmā) darum gebeten.
Wort für Wort
anye (āhuḥ)
wieder andere (sagen)
bhāra-avatāraṇāya
um die Last abzunehmen
bhuvaḥ nāvaḥ iva udadhau
der Erde, die wie ein Schiff im Ozean
sīdantyāḥ bhūribhāreṇa
unter gewaltiger Last zu versinken drohte
jātaḥ hi ātmabhū-arthitaḥ
seiest geboren, von Selbstentsprossenem (Brahmā) darum gebeten
Wieder manche sagen, du seiest geboren, um denen, die in diesem Dasein durch Unwissenheit, Begierde und deren Werke gequält werden, Taten zu vollbringen, die würdig sind, gehört und erinnert zu werden.
Wort für Wort
bhave asmin kliśyamānānām
denen, die in diesem Dasein gequält werden
avidyā-kāma-karmabhiḥ
durch Unwissenheit, Begierde und (deren) Werke
śravaṇasmaraṇārhāṇi kariṣyan
um Taten zu vollbringen, die würdig sind, gehört und erinnert zu werden
śṛṇvanti gāyanti gṛṇantyabhīkṣṇaśaḥ smaranti nandanti tavehitaṃ janāḥ | ta eva paśyantyacireṇa tāvakaṃ bhavapravāhoparamaṃ padāmbujam
Die Menschen, die immer wieder von deinem Wirken hören, singen, verkünden, sich erinnern und sich daran erfreuen - eben sie erblicken in Kürze deinen Lotosfuß, der das Aufhören des Daseinsstromes bewirkt.
Willst du, o Herr, dessen Handeln stets eigenem Ratschluss entspringt, uns heute wirklich verlassen - uns, deine Freunde und von dir Abhängigen, für die es, da wir den Königen mit Leid belastet ausgesetzt sind, keine andere Zuflucht gibt als deinen Lotosfuß?
Wort für Wort
api adya naḥ tvam
willst du uns heute
svakṛtehita prabho
o Herr, dessen Handeln eigenem Ratschluss entspringt
jihāsasi svit
wirklich verlassen
suhṛdaḥ anujīvinaḥ
(uns,) deine Freunde und Abhängigen
yeṣāṃ na ca anyat
für die es keine andere (Zuflucht) gibt
bhavataḥ padāmbujāt parāyaṇam
als deinen Lotosfuß
rājasu yojitāṃhasām
die den Königen mit Leid belastet ausgesetzt sind
[?: Die genaue syntaktische Auflösung von 'rājasu yojitāṃhasām' bleibt unsicher - hier verstanden als 'die durch die (Bedrängnis der) Könige mit Leid belastet wurden'; andere Auflösungen sind denkbar.]
ke vayaṃ nāmarūpābhyāṃ yadubhiḥ saha pāṇḍavāḥ | bhavato 'darśanaṃ yarhi hṛṣīkāṇām iveśituḥ
Was sind wir, die Pāṇḍavas, schon, nur durch Namen und Gestalt von den Yadus unterschieden - wenn wir dich nicht mehr sehen können, sind wir wie die Sinne ohne ihren Gebieter.
Wort für Wort
ke vayaṃ pāṇḍavāḥ
was sind wir, die Pāṇḍavas
nāmarūpābhyāṃ yadubhiḥ saha
nur durch Namen und Gestalt (unterschieden) von den Yadus
neyaṃ śobhiṣyate tatra yathedānīṃ gadādhara | tvatpadairaṅkitā bhāti svalakṣaṇavilakṣitaiḥ
Dieses Land wird dort in Zukunft nicht mehr so erstrahlen wie jetzt, o Gadādhara, da es, gezeichnet von deinen Fußspuren mit ihren eigentümlichen Merkmalen, jetzt noch glänzt.
tvayi me 'nanyaviṣayā matirmadhupate 'sakṛt | ratim udvahatādaddhā gaṅgevaugham udanvati
Möge mein auf nichts anderes gerichteter Sinn, o Herr der Madhus, beständig und wahrhaftig Liebe zu dir hin führen, wie die Gaṅgā unaufhörlich ihre Flut zum Ozean trägt.
O glücklicher Kṛṣṇa, Freund des Kṛṣṇa (Arjuna), Stier der Vṛṣṇis ohne Falschheit, dessen Heldenkraft, die das Königsgeschlecht verbrannte, endlos ist; Govinda, herabgestiegen, um die Bedrängnis der Kühe, Brahmanen und Götter zu beheben; Herr des Yoga, Lehrer von allem, Erhabener - Verehrung dir!
Wort für Wort
śrīkṛṣṇa kṛṣṇasakha
o glücklicher Kṛṣṇa, Freund des Kṛṣṇa (Arjuna)
vṛṣṇi-ṛṣabha avanidhruk
Stier der Vṛṣṇis, ohne Falschheit
rājanya-vaṃśa-dahana-anapavarga-vīrya
dessen das Königsgeschlecht verbrennende Heldenkraft endlos ist
govinda
o Govinda
go-dvija-sura-ārti-hara-avatāra
herabgestiegen, um die Bedrängnis der Kühe, Brahmanen und Götter zu beheben
yogeśvara akhilaguro bhagavan
Herr des Yoga, Lehrer von allem, Erhabener
namaste
Verehrung dir
[Anm.: Einer der dichtesten Epitheta-Verse des Kapitels und zugleich der Abschluss der Kuntī-Stuti vor der Erzähler-Rückkehr in V.44; mehrere Kompositumsauflösungen sind möglich.]
So von Pṛthā mit von Rührung stockenden Worten gepriesen, dessen gesamte Herrlichkeit dadurch bezeugt wurde, lächelte der Vaikuṇṭha-Herr sanft, wie um sie zugleich noch durch seine Māyā zu täuschen.
Wort für Wort
pṛthayā ittham kalapadaiḥ
von Pṛthā so mit von Rührung stockenden Worten
pariṇūta-akhila-udayaḥ
dessen gesamte Herrlichkeit (dadurch) gepriesen wurde
Nachdem er ihr mit 'So sei es' geantwortet und Gajasāhvaya (Hastinapura) betreten hatte, wurde er, im Begriff, mitsamt den Frauen in seine eigene Stadt aufzubrechen, von dem König aus Zuneigung zurückgehalten.
Wort für Wort
tāṃ bāḍham iti upāmantrya
nachdem er ihr mit 'So sei es' geantwortet hatte
praviśya gajasāhvayam
nachdem er Gajasāhvaya (Hastinapura) betreten hatte
striyaḥ ca svapuraṃ yāsyan
im Begriff, mitsamt den Frauen in seine eigene Stadt aufzubrechen
Obwohl er von Vyāsa und anderen, aus eigenem Willen handelnden Herren, sowie von Kṛṣṇa wunderbaren Wirkens, durch Geschichten (Itihāsas) unterwiesen wurde, erwachte der von Kummer Erfüllte (Yudhiṣṭhira) dennoch nicht zur inneren Ruhe.
Wort für Wort
vyāsa-ādyaiḥ īśvara-īhā-ājñaiḥ
von Vyāsa und anderen, aus eigenem Willen handelnden Herren
kṛṣṇena adbhutakarmaṇā
von Kṛṣṇa wunderbaren Wirkens
prabodhitaḥ api itihāsaiḥ
obwohl er durch Geschichten (Itihāsas) unterwiesen wurde
na abudhyata śucārpitaḥ
erwachte der von Kummer Erfüllte (Yudhiṣṭhira) nicht (zur inneren Ruhe)
[Anm.: KORRIGIERT gegenüber der ursprünglichen Fassung - die zunächst per WebFetch aus der GRETIL-Quelle erhaltene Fortsetzung dieses Verses sowie der gesamte Text der Verse 47-50 erwiesen sich bei unabhängiger Gegenprüfung (Sanskrit-Text ohne Hinzuziehung von dessen Übersetzung, von einer zweiten öffentlich zugänglichen Wiedergabe) als vom WebFetch-Werkzeug frei erfunden (Konfabulation), nachdem dieses ab genau dieser Vers-Grenze wiederholt widersprüchlich reagierte ("Text bricht ab", aber dennoch scheinbar zuversichtliche Antworten bei umformulierten Anfragen). Die Verse 46-52 wurden daher komplett neu aus der verifizierten Quelle übersetzt. Aus dem nun gesicherten Vers 47 ("āha rājā dharmasutaḥ...") geht hervor, dass sich "śucārpitaḥ" (der von Kummer Erfüllte) hier auf Yudhiṣṭhira bezieht, nicht - wie zunächst irrtümlich vermutet - auf Dhṛtarāṣṭra.]
Der König, der Sohn des Dharma (Yudhiṣṭhira), an die Tötung seiner Verwandten und Freunde denkend, sprach, o Brahmanen - durch das gewöhnliche, an die Materie gebundene Ich-Bewusstsein der Macht von Zuneigung und Verblendung verfallen:
Wort für Wort
āha rājā dharmasutaḥ
der König, der Sohn des Dharma (Yudhiṣṭhira), sprach
cintayan suhṛdāṃ vadham
an die Tötung seiner Verwandten und Freunde denkend
prākṛtena ātmanā
durch das gewöhnliche, an die Materie gebundene Ich-Bewusstsein
aho me paśyatājñānaṃ hṛdi rūḍhaṃ durātmanaḥ | pārakyasyaiva dehasya bahvyo me 'kṣauhiṇīrhatāḥ
Ach, seht meine Unwissenheit, die im Herzen des Bösgesinnten (in mir) tief verwurzelt ist: um eines Leibes willen, der ohnehin einem anderen gehört, habe ich viele Akṣauhiṇīs (Heerscharen) töten lassen!
Wort für Wort
aho me paśyata ajñānam
ach, seht meine Unwissenheit
hṛdi rūḍhaṃ durātmanaḥ
die im Herzen des Bösgesinnten tief verwurzelt ist
pārakyasya eva dehasya
um eines Leibes willen, der ohnehin einem anderen gehört
bahvyaḥ me akṣauhiṇīḥ hatāḥ
habe ich viele Akṣauhiṇīs (Heerscharen) töten lassen
bāladvijasuhṛnmitrapitṛbhrātṛgurudruhaḥ | na me syānnirayānmokṣo hyapi varṣāyutāyutaiḥ
Für einen, der sich an Kindern, Brahmanen, Wohlgesinnten, Freunden, Vater, Brüdern und Lehrern vergangen hat, gibt es für mich keine Befreiung aus der Hölle, selbst nicht nach zehntausend mal zehntausend Jahren.
Wort für Wort
bāla-dvija-suhṛt-mitra-pitṛ-bhrātṛ-guru-druhaḥ
für einen, der sich an Kindern, Brahmanen, Wohlgesinnten, Freunden, Vater, Brüdern und Lehrern vergangen hat
na me syāt nirayāt mokṣaḥ
gibt es für mich keine Befreiung aus der Hölle
hi api varṣāyutāyutaiḥ
selbst nicht nach zehntausend mal zehntausend Jahren
naino rājñaḥ prajābharturdharmayuddhe vadho dviṣām | iti me na tu bodhāya kalpate śāsanaṃ vacaḥ
'Es ist keine Sünde für einen König, den Beschützer der Untertanen, wenn im rechtmäßigen Krieg (Dharmayuddha) Feinde getötet werden' - so lautet die Lehre; doch dieses Vorschriftswort verhilft mir nicht zur wahren Einsicht.
Wort für Wort
na enaḥ rājñaḥ prajābhartuḥ
es ist keine Sünde für einen König, den Beschützer der Untertanen
dharmayuddhe vadho dviṣām
wenn im rechtmäßigen Krieg Feinde getötet werden
iti me
so (lautet es) für mich
na tu bodhāya kalpate śāsanaṃ vacaḥ
doch dieses Vorschriftswort verhilft (mir) nicht zur wahren Einsicht
strīṇāṃ madhatabandhūnāṃ droho yo 'sāvihotthitaḥ | karmabhirgṛhamedhīyairnāhaṃ kalpo vyapohitum
Das Unrecht, das den Frauen widerfahren ist, deren Angehörige von mir getötet wurden - dieses Leid, das hier entstanden ist, vermag ich durch die Werke des häuslichen Opferlebens nicht zu tilgen.
Wort für Wort
strīṇāṃ madhatabandhūnām
der Frauen, deren Angehörige von mir getötet wurden
So wie man Schlammwasser nicht mit Schlamm(wasser) und die durch Branntwein verursachte Verunreinigung nicht mit Branntwein reinigen kann, so vermag auch die Tötung von Lebewesen - und sei es auch nur eine einzige - nicht durch Opferhandlungen getilgt zu werden.
Wort für Wort
yathā paṅkena paṅkāmbhaḥ
so wie (man) Schlammwasser mit Schlamm(wasser)
surayā vā surākṛtam
oder mit Branntwein die durch Branntwein verursachte (Verunreinigung, nicht reinigen kann)
bhūtahatyāṃ tathā eva ekām
ebenso (kann) die Tötung von Lebewesen, und sei es nur eine einzige
na yajñaiḥ mārṣṭum arhati
nicht durch Opferhandlungen getilgt werden
[Anm.: Berühmter Schlussvers über die Unzulänglichkeit ritueller Sühne (Yajña) angesichts der moralischen Schuld des Tötens - Höhepunkt von Yudhiṣṭhiras Sinnkrise, die den Übergang zu Adhyāya 9 (Aufsuchen Bhīṣmas auf dem Pfeilbett zur höheren Unterweisung) motiviert.]