Kapitel 35: virāḍ-rūpa-varṇanam
Beschreibung der Universalform
Skandha 3, Adhyāya 6. Quelle: vedabase.io, individuell verifizierte Einzelverse (1-40, keine vom Quelltext ausgewiesenen Gruppierungen). Maitreya beschreibt, wie der Herr in die noch ungeeinte Gruppe der 23 kosmischen Grundprinzipien (tattvas) eintrat und daraus den goldenen kosmischen Puruṣa (virāṭ) im Weltenei erzeugte (V.1-10); aus dessen durchglühtem, aufbrechendem Körper entstehen der Reihe nach die Sitze der Elementgottheiten - Agni (Mund/Sprache), Varuṇa (Gaumen/Geschmack), die Aśvins (Nase/Geruch), Tvaṣṭā (Augen/Sehen), Anila (Haut/Berührung), die Himmelsrichtungen (Ohren/Gehör), die Pflanzen (Körperhaare), Ka (Zeugungsglied/Wonne), Mitra (Ausscheidung), Indra (Hände/Greifen), Viṣṇu (Füße/Bewegung), Vāgīśa-Brahmā (Intellekt), der Mond (Herz/Gemüt), Abhimāna-Rudra (Ich-Bewusstsein/Handeln) und Mahat (Sattva/Erkenntnis) (V.11-26); sodann die Entstehung von Himmel, Erde und Luftraum aus Kopf, Füßen und Nabel, bewohnt je nach Guṇa-Vorherrschaft von Göttern, Menschen und Rudras Gefolgschaft, sowie die Entstehung der vier Stände (Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya, Śūdra) aus Mund, Armen, Schenkeln und Füßen des Puruṣa (V.27-34); das Kapitel schließt mit Maitreyas Erklärung der Unbeschreiblichkeit der Yoga-Māyā, dem einzig wahren Nutzen der Sprache im Lobpreis Haris, und einem Verweis darauf, dass selbst Brahmā erst nach tausend Jahren Yoga-Versenkung die Größe des Puruṣa-Selbst erkannte (V.35-40).
[Der Weise sprach:] So bemerkte der Herr den Zustand jener seiner eigenen Schöpfungsenergien [der 23 Tattvas], die noch nicht miteinander vereint waren und deren Weltordnungswirken noch schlief.
Wort für Wort
iti tāsāṁ sva-śaktīnām satīnām
so jener seiner eigenen [wirklichen] Energien
asametya
ohne [ihre] Vereinigung / bevor sie sich vereinigten
Der Weitschreitende [Viṣṇu], die damals 'Zeit' genannte Göttin als seine Kraft tragend, trat gleichzeitig in die Gruppe der 23 kosmischen Grundprinzipien ein.
Der eingetretene Erhabene vereinigte durch seine tätige Form jene bislang getrennte Gruppe der Prinzipien, indem er das schlafende Karma in ihnen erweckte.
Die Gruppe der 23 Prinzipien, durch das Göttliche in ihrem Karma erweckt und angetrieben, erzeugte mit ihren eigenen Bestandteilen den überragenden kosmischen Puruṣa.
Wort für Wort
prabuddha-karmā daivena
durch das Göttliche mit erwecktem Karma
trayoviṁśatikaḥ gaṇaḥ
die Gruppe der 23
preritaḥ ajanayat
angetrieben erzeugte sie
svābhiḥ mātrābhiḥ adhipūruṣam
mit ihren eigenen Bestandteilen den überragenden Puruṣa
Durch den Höchsten, der mit seinem Anteil in sein Eigenes [die Materie] eintrat, geriet die Gruppe der Weltschöpfer-Prinzipien in gegenseitige Erregung, worin in der Folge die beweglichen und unbeweglichen Welten entstanden.
sa vai viśva-sṛjāṁ garbho deva-karmātma-śaktimān vibabhājātmanātmānam ekadhā daśadhā tridhā
Er, fürwahr, der Keim der Weltschöpfer-Prinzipien, ausgestattet mit den Kräften der Götter, des Handelns und des eigenen Selbst, teilte sich selbst durch sich selbst - einfach, zehnfach und dreifach.
Wort für Wort
saḥ vai viśva-sṛjāṁ garbhaḥ
er, fürwahr, der Keim der Weltschöpfer
deva-karma-ātma-śaktimān
ausgestattet mit den Kräften der Götter, des Handelns, des Selbst
eṣa hy aśeṣa-sattvānām ātmāṁśaḥ paramātmanaḥ ādyo 'vatāro yatrāsau bhūta-grāmo vibhāvyate
Dieser Puruṣa ist fürwahr der Seelen-Anteil des höchsten Selbst in allen Lebewesen, die erste Inkarnation, worin diese Gesamtheit der Geschöpfe zur Entfaltung gelangt.
Wort für Wort
eṣaḥ hi aśeṣa-sattvānām
dieser fürwahr aller Lebewesen
ātma-aṁśaḥ paramātmanaḥ
der Seelen-Anteil des höchsten Selbst
ādyaḥ avatāraḥ
die erste Inkarnation
yatra asau bhūta-grāmaḥ vibhāvyate
worin die Gesamtheit der Geschöpfe zur Entfaltung kommt
sādhyātmaḥ sādhidaivaś ca sādhibhūta iti tridhā virāṭ prāṇo daśa-vidha ekadhā hṛdayena ca
Der Virāṭ, die kosmische Gestalt, ist dreifach - gegliedert in adhyātma (das Individuelle), adhidaiva (das Göttliche) und adhibhūta (das Elementare) -, die Lebenskraft zehnfach, und einfach samt dem Herzen/Geist.
Wort für Wort
sa-adhyātmaḥ sa-adhidaivaḥ ca sa-adhibhūtaḥ iti tridhā
Sich erinnernd an das ihm von den Weltschöpfer-Göttern Vorgetragene, durchglühte der Transzendente, der Herr der Weltschöpfer, den Virāṭ mit seiner eigenen Glut, zu deren voller Entfaltung.
In dessen aufgebrochenen Mund trat Agni, der Welthüter, als dessen Sitz ein, mit seinem eigenen Anteil, der Sprache, wodurch dieser Virāṭ die Fähigkeit des Sprechens erlangt.
In die aufgebrochenen Nasenlöcher Viṣṇus traten die beiden Aśvins als deren Sitz ein, mit dem Anteil des Geruchssinns, wodurch die Wahrnehmung des Geruchs entsteht.
Wort für Wort
nirbhinne nāse
die aufgebrochenen Nasenlöcher
aśvinau viṣṇoḥ āviśatām padam
die beiden Aśvins traten in [diesen] Sitz Viṣṇus ein
In die aufgebrochenen Augen des Allmächtigen trat Tvaṣṭā, der Welthüter, ein, mit dem Anteil des Sehsinns, wodurch die Wahrnehmung der Formen entsteht.
nirbhinnāny asya carmāṇi loka-pālo 'nilo 'viśat prāṇenāṁśena saṁsparśaṁ yenāsau pratipadyate
In dessen aufgebrochene Haut trat Anila [der Windgott], der Welthüter, ein, mit dem Anteil des Lebenshauchs, wodurch dieser die Berührungswahrnehmung erlangt.
In dessen aufgebrochene Ohren traten die Himmelsrichtungen als ihren eigenen Sitz ein, mit dem Anteil des Gehörs, wodurch die Wahrnehmung des Schalls erlangt wird.
Wort für Wort
karṇau asya vinirbhinnau
dessen aufgebrochene Ohren
dhiṣṇyaṁ svam viviśuḥ diśaḥ
die Himmelsrichtungen traten in ihren eigenen Sitz ein
In dessen aufgebrochene Körperbehaarung traten die Pflanzen als deren Sitz ein, mit ihrem Anteil, durch die Körperhaare, wodurch dieser den Hautreiz [das Jucken] erlangt.
meḍhraṁ tasya vinirbhinnaṁ sva-dhiṣṇyaṁ ka upāviśat retasāṁśena yenāsāv ānandaṁ pratipadyate
In dessen aufgebrochenes Zeugungsglied ließ sich der Gott Ka als eigenen Sitz nieder, mit dem Anteil des Samens, wodurch dieser die sinnliche Wonne erlangt.
Wort für Wort
meḍhram tasya vinirbhinnam
dessen aufgebrochenes Zeugungsglied
ka upāviśat sva-dhiṣṇyam
Ka [der Wassergott/Prajāpati] setzte sich als eigenen Sitz
In das aufgebrochene Rektum des kosmischen Menschen trat Mitra, der Weltherr, ein, mit dem Anteil des Ausscheidungsorgans, wodurch dieser die Ausscheidung erlangt.
Wort für Wort
gudam puṁsaḥ vinirbhinnam
das aufgebrochene Rektum des [kosmischen] Menschen
Und in dessen aufgebrochenen Intellekt trat Vāgīśa [Brahmā, der Herr der Erkenntnis] als dessen Sitz ein, mit dem Anteil des Erkennens, wodurch die Wahrnehmung des zu Erkennenden entsteht.
Und in dessen aufgebrochenes Ich-Bewusstsein trat Abhimāna [die personifizierte Ich-Identifikation, Rudra] als Sitz ein, mit dem Anteil des Handelns, wodurch dieser das zu Verrichtende erlangt.
Und in dessen aufgebrochenes Sattva-Prinzip ließ sich Mahat [das kosmische Erkenntnisprinzip] als Sitz nieder, mit dem Anteil des Denkvermögens, wodurch dieser das unterscheidende Wissen erlangt.
Aus dessen Kopf entstand der Himmel, aus den Füßen die Erde, aus dem Nabel der Äther - dies sind die Wirkweisen der Guṇas, in denen die Götter und andere Wesen erkennbar werden.
Wort für Wort
śīrṣṇaḥ asya dyauḥ
aus dessen Kopf der Himmel
dharā padbhyām
die Erde aus den Füßen
khaṁ nābheḥ udapadyata
der Äther entstand aus dem Nabel
guṇānāṁ vṛttayaḥ yeṣu pratīyante surādayaḥ
die Wirkweisen der Guṇas, worin die Götter usw. erkennbar sind
ātyantikena sattvena divaṁ devāḥ prapedire dharāṁ rajaḥ-svabhāvena paṇayo ye ca tān anu
Durch das reine Sattva erreichten die Götter den Himmel; die Erde erreichten durch die Rajas-Natur die Händler [Menschen] und diejenigen, die ihnen folgen.
tārtīyena svabhāvena bhagavan-nābhim āśritāḥ ubhayor antaraṁ vyoma ye rudra-pārṣadāṁ gaṇāḥ
Durch die dritte Natur [Tamas] bewohnen die Scharen der Gefolgsleute Rudras den Zwischenraum von beiden - den Luftraum -, gelegen bei dem Nabel des Erhabenen.
Aus dem Mund des Puruṣa entstand das heilige Wort [Brahman], oh Bester der Kurus, wodurch derjenige, der daraus hervorging, wegen seiner vordersten Stellung unter den Ständen zum Vornehmsten wurde - der Brahmane, der Lehrer.
Wort für Wort
mukhataḥ avartata brahma
aus dem Mund entstand das Brahman
puruṣasya kuru-udvaha
des Puruṣa, oh Bester der Kurus
yaḥ tu unmukhatvāt varṇānām
welcher wegen [seiner] vordersten Stellung unter den Ständen
bāhubhyo 'vartata kṣatraṁ kṣatriyas tad anuvrataḥ yo jātas trāyate varṇān pauruṣaḥ kaṇṭaka-kṣatāt
Aus den Armen entstand die Kriegermacht, und danach der Kṣatriya, ihr folgend - der vom Puruṣa stammend geboren wurde, um die Stände vor der Bedrohung zu schützen.
Aus den Schenkeln des Allmächtigen entstanden die Nährstände, die den Lebensunterhalt der Welt bewirken; der Vaiśya, aus diesem hervorgegangen, etablierte den Erwerb für die Menschen.
Wort für Wort
viśaḥ avartanta tasya ūrvoḥ
die Nährstände entstanden aus dessen Schenkeln
loka-vṛtti-karīḥ vibhoḥ
die den Lebensunterhalt der Welt bewirken, des Allmächtigen
Aus den Füßen des Erhabenen entstand der Dienst, zur Vollendung des Dharma; in diesem Wirken wurde einst der Śūdra geboren, durch dessen pflichtgetreue Tätigkeit Hari zufriedengestellt wird.
ete varṇāḥ sva-dharmeṇa yajanti sva-guruṁ harim śraddhayātma-viśuddhy-arthaṁ yaj-jātāḥ saha vṛttibhiḥ
Diese Stände, aus dem kosmischen Puruṣa geboren samt ihren jeweiligen Berufstätigkeiten, verehren durch ihre eigene ständespezifische Pflicht mit Glauben ihren eigenen Lehrer, Hari, zum Zweck der Selbstläuterung.
Wort für Wort
ete varṇāḥ sva-dharmeṇa
diese Stände durch ihre eigene Pflicht
yajanti sva-gurum harim
verehren ihren eigenen Lehrer, Hari
śraddhayā ātma-viśuddhi-artham
mit Glauben, zum Zweck der Selbstläuterung
yat-jātāḥ saha vṛttibhiḥ
aus dem [Puruṣa] geboren, samt [ihren] Tätigkeiten
Wer, oh Kṣattā, könnte es je wagen, die Entfaltung der Kraft der Yoga-Māyā dieses Erhabenen, dessen Gestalt aus dem Göttlichen, dem Handeln und dem Selbst besteht, vollständig zu beschreiben?
Wort für Wort
etat kṣattaḥ
dies, oh Kṣattā
bhagavataḥ daiva-karma-ātma-rūpiṇaḥ
des Erhabenen, dessen Gestalt aus Göttlichem, Handeln, Selbst
Dennoch verkünde ich, oh Lieber, so gut es meiner Einsicht und meinem darüber Gehörten entspricht, um Haris eigenen Ruhm zu heiligen - und damit meine sonst Anderes benennende, sonst nichtige Sprache zu würdigen.
Wort für Wort
tathāpi kīrtayāmi aṅga
dennoch verkünde ich, oh Lieber
yathā-mati yathā-śrutam
so gut es meiner Einsicht und meinem Gehörten entspricht
ekānta-lābhaṁ vacaso nu puṁsāṁ suśloka-mauler guṇa-vādam āhuḥ śruteś ca vidvadbhir upākṛtāyāṁ kathā-sudhāyām upasamprayogam
Als den einzig wahren Gewinn der menschlichen Sprache bezeichnen die Weisen fürwahr die Lobpreisung der Eigenschaften des herrlich Besungenen, und als den einzig wahren Gewinn des von den Gelehrten dargebrachten heiligen Hörens den Genuss im Nektar der göttlichen Erzählung.
Wort für Wort
ekānta-lābham vacasaḥ nu puṁsām
den einzigen Gewinn der Sprache der Menschen, fürwahr
suśloka-mauleḥ guṇa-vādam āhuḥ
nennen die Lobpreisung der Eigenschaften des herrlich Besungenen
Die Größe des Selbst [des kosmischen Puruṣa], oh Kind, wurde vom urzeitlichen Weisen [Brahmā] erst am Ende von tausend Jahren, mit durch Yoga gereiftem Verstand, erkannt.
ato bhagavato māyā māyinām api mohinī yat svayaṁ cātma-vartmātmā na veda kim utāpare
Deshalb ist die Māyā des Erhabenen selbst für die Meister der Illusion verwirrend, da sogar Brahmā selbst, der Selbstentstandene, seinen eigenen Ursprung nicht kennt - um wie viel weniger andere?
yato 'prāpya nyavartanta vācaś ca manasā saha ahaṁ cānya ime devās tasmai bhagavate namaḥ
Vor jenem, den, ihn nicht erreichend, die Worte samt dem Geist zurückkehrten - vor jenem Erhabenen verneigen wir uns, ich und diese anderen Götter: Verehrung sei ihm!