Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 20: pratikramaṇa-prathama-sopānam Die erste Stufe der Gottesverwirklichung

Skandha 2, Adhyāya 1. Quelle: vedabase.io, vers-für-vers abgerufen (nur Devanagari/IAST-Quelltext, keine vorhandene Übersetzung konsultiert). Śuka beginnt seine Antwort auf Parīkṣits Frage: die Sinnlosigkeit unachtsamen weltlichen Lebens und die Dringlichkeit, den Höchsten Herrn zu hören/preisen/erinnern (V.1-12), illustriert am Beispiel des Königsweisen Khaṭvāṅga, der binnen eines Augenblicks alles aufgab (V.13), und Parīkṣit selbst mit sieben verbleibenden Tagen ermahnt (V.14). Es folgt eine Anleitung zur meditativen Fixierung (dhāraṇā) auf die grobstoffliche, kosmische Gestalt des Höchsten (virāṭ-puruṣa) (V.15-23), mit einer ausführlichen, klassischen Zuordnung der Weltteile, Himmelsregionen, Götter, Naturerscheinungen und der vier Stände (varṇas) zu den Gliedern dieser kosmischen Gestalt (V.24-38), abschließend mit der Aufforderung, das Selbst als den wahren Hort der Wonne zu verehren und sich an nichts anderem festzuhaften (V.39).

śrī-śuka uvāca varīyān eṣa te praśnaḥ kṛto loka-hitaṁ nṛpa ātmavit-sammataḥ puṁsāṁ śrotavyādiṣu yaḥ paraḥ

Śrī Śuka sprach: Diese deine Frage, o König, zum Wohl der Welt gestellt, ist die vorzüglichste — von den Selbstkundigen gebilligt als die höchste unter den zu hörenden Dingen.

Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
varīyān eṣa te praśnaḥ
diese deine Frage ist die vorzüglichste
kṛtaḥ loka-hitam nṛpa
zum Wohl der Welt gestellt, o König
ātmavit-sammataḥ puṁsām
von den Selbstkundigen gebilligt
śrotavya-ādiṣu yaḥ paraḥ
die unter den zu hörenden Dingen die höchste ist

śrotavyādīni rājendra nṛṇāṁ santi sahasraśaḥ apaśyatām ātma-tattvaṁ gṛheṣu gṛha-medhinām

Zu hörende Dinge und dergleichen gibt es zu Tausenden für Menschen, die das Wesen des Selbst nicht erkennen, in den Häusern der Haushälter, o Herrscher der Könige.

Wort für Wort
śrotavya-ādīni rājendra
zu hörende Dinge, o Herrscher der Könige
nṛṇām santi sahasraśaḥ
gibt es für Menschen zu Tausenden
apaśyatām ātma-tattvam
die das Wesen des Selbst nicht erkennen
gṛheṣu gṛha-medhinām
in den Häusern der Haushälter

nidrayā hriyate naktaṁ vyavāyena ca vā vayaḥ divā cārthehayā rājan kuṭumba-bharaṇena vā

Durch Schlaf wird die Nacht hinweggenommen, oder auch die Lebenszeit durch Geschlechtsverkehr; und tagsüber, o König, durch das Streben nach Gewinn oder durch das Ernähren der Familie.

Wort für Wort
nidrayā hriyate naktam
durch Schlaf wird die Nacht hinweggenommen
vyavāyena ca vā vayaḥ
oder auch durch Geschlechtsverkehr die Lebenszeit
divā ca artha-īhayā rājan
und tagsüber durch das Streben nach Gewinn, o König
kuṭumba-bharaṇena vā
oder durch das Ernähren der Familie

dehāpatya-kalatrādiṣv ātma-sainyeṣv asatsv api teṣāṁ pramatto nidhanaṁ paśyann api na paśyati

An Körper, Nachkommen, Gattin und dergleichen — die wie das eigene Heer sind, obwohl sie nicht wirklich beständig sind — unachtsam gebunden, sieht er, obwohl er ihren Untergang sieht, ihn doch nicht.

Wort für Wort
deha-apatya-kalatra-ādiṣu
an Körper, Nachkommen, Gattin und dergleichen
ātma-sainyeṣu asatsu api
die das eigene Heer sind, obwohl nicht beständig
teṣām pramattaḥ
an ihnen unachtsam/berauscht
nidhanam paśyan api na paśyati
obwohl er den Untergang sieht, sieht er ihn doch nicht

tasmād bhārata sarvātmā bhagavān īśvaro hariḥ śrotavyaḥ kīrtitavyaś ca smartavyaś cecchatābhayam

Deshalb, o Nachkomme Bharatas, ist der allbeseelende, erhabene Herr Hari zu hören, zu preisen und zu erinnern von dem, der Furchtlosigkeit begehrt.

Wort für Wort
tasmāt bhārata
deshalb, o Nachkomme Bharatas
sarva-ātmā bhagavān īśvaraḥ hariḥ
der allbeseelende erhabene Herr Hari
śrotavyaḥ kīrtitavyaḥ ca
ist zu hören und zu preisen
smartavyaḥ ca icchatā abhayam
und zu erinnern von dem, der Furchtlosigkeit begehrt

etāvān sāṅkhya-yogābhyāṁ sva-dharma-pariniṣṭhayā janma-lābhaḥ paraḥ puṁsām ante nārāyaṇa-smṛtiḥ

So groß, wie es durch Sāṅkhya und Yoga oder durch Standhaftigkeit in der eigenen Pflicht erreichbar ist, ist der höchste Gewinn der Geburt für die Menschen: am Ende die Erinnerung an Nārāyaṇa.

Wort für Wort
etāvān
so groß wie dies
sāṅkhya-yogābhyām sva-dharma-pariniṣṭhayā
durch Sāṅkhya und Yoga, durch Standhaftigkeit in der eigenen Pflicht
janma-lābhaḥ paraḥ puṁsām
der höchste Gewinn der Geburt für die Menschen
ante nārāyaṇa-smṛtiḥ
am Ende die Erinnerung an Nārāyaṇa

prāyeṇa munayo rājan nivṛttā vidhi-ṣedhataḥ nairguṇya-sthā ramante sma guṇānukathane hareḥ

Meistenteils haben sich die Weisen, o König, von Geboten und Verboten zurückgezogen, und, in transzendentalem Gleichmut verweilend, fanden sie ihre Freude am Erzählen der Eigenschaften Haris.

Wort für Wort
prāyeṇa munayaḥ rājan
meistenteils die Weisen, o König
nivṛttāḥ vidhi-ṣedhataḥ
zurückgezogen von Geboten und Verboten
nairguṇya-sthāḥ
in Eigenschaftslosigkeit verweilend
ramante sma guṇa-anukathane hareḥ
fanden Freude am Erzählen der Eigenschaften Haris

idaṁ bhāgavataṁ nāma purāṇaṁ brahma-sammitam adhītavān dvāparādau pitur dvaipāyanād aham

Dieses Purāṇa mit Namen Bhāgavata, das dem Wissen des Brahman gleichkommt, habe ich zu Beginn des Dvāpara-Zeitalters von meinem Vater Dvaipāyana studiert.

Wort für Wort
idam bhāgavatam nāma purāṇam
dieses Purāṇa mit Namen Bhāgavata
brahma-sammitam
das dem Brahman-Wissen gleichkommt
adhītavān dvāpara-ādau
habe ich studiert zu Beginn des Dvāpara
pituḥ dvaipāyanāt aham
von meinem Vater Dvaipāyana

[Anm.: Śukas Angabe, das Werk bereits 'zu Beginn des Dvāpara' erlernt zu haben, steht in einer gewissen Spannung zur Rahmenhandlung, die am Ende des Dvāpara/Beginn des Kali spielt - wohl als Verweis auf eine frühere Lehrübertragung durch Vyāsa zu verstehen, unabhängig vom gegenwärtigen Erzählanlass.]

pariniṣṭhito 'pi nairguṇya uttama-śloka-līlayā gṛhīta-cetā rājarṣe ākhyānaṁ yad adhītavān

Obwohl ich in Eigenschaftslosigkeit fest verankert war, wurde, o Königsweiser, mein Geist durch die Taten des Hochgepriesenen ergriffen — das ist die Erzählung, die ich studiert habe.

Wort für Wort
pariniṣṭhitaḥ api nairguṇye
obwohl in Eigenschaftslosigkeit fest verankert
uttama-śloka-līlayā
durch die Taten des Hochgepriesenen
gṛhīta-cetāḥ rājarṣe
mein Geist ergriffen, o Königsweiser
ākhyānam yat adhītavān
die Erzählung, die ich studiert habe

tad ahaṁ te 'bhidhāsyāmi mahā-pauruṣiko bhavān yasya śraddadhatām āśu syān mukunde matiḥ satī

Das werde ich dir verkünden, denn du bist ein großer Verehrer des Höchsten Puruṣa — durch diese Erzählung möge rasch für jene, die Vertrauen hegen, wahrhaftige Gesinnung zu Mukunda entstehen.

Wort für Wort
tat aham te abhidhāsyāmi
das werde ich dir verkünden
mahā-pauruṣikaḥ bhavān
du bist ein großer Verehrer des Höchsten Puruṣa
yasya śraddadhatām āśu
durch dessen Erzählung rasch für die Vertrauenden
syāt mukunde matiḥ satī
möge wahrhaftige Gesinnung zu Mukunda entstehen

etan nirvidyamānānām icchatām akuto-bhayam yogināṁ nṛpa nirṇītaṁ harer nāmānukīrtanam

Dies ist für jene, die Entsagung üben, die von nirgendher drohende Furchtlosigkeit begehren, für die Yogīs, o König, als Mittel erwiesen: das wiederholte Besingen des Namens Haris.

Wort für Wort
etat nirvidyamānānām
dies für jene, die Entsagung üben
icchatām akutaḥ-bhayam
die von nirgendher Furchtlosigkeit begehren
yogīnām nṛpa nirṇītam
für die Yogīs, o König, als erwiesen
hareḥ nāma-anukīrtanam
das wiederholte Besingen des Namens Haris

kiṁ pramattasya bahubhiḥ parokṣair hāyanair iha varaṁ muhūrtaṁ viditaṁ ghaṭate śreyase yataḥ

Was nützen dem Unachtsamen die vielen, unbewusst verstreichenden Jahre hier? Besser ist ein bewusst erlebter Augenblick, durch den man zum höchsten Wohl gelangt.

Wort für Wort
kim pramattasya bahubhiḥ
was dem Unachtsamen die vielen
parokṣaiḥ hāyanaiḥ iha
unbewusst verstreichenden Jahre hier
varam muhūrtam viditam
besser ein bewusst erlebter Augenblick
ghaṭate śreyase yataḥ
durch den man zum höchsten Wohl gelangt

khaṭvāṅgo nāma rājarṣir jñātveyattām ihāyuṣaḥ muhūrtāt sarvam utsṛjya gatavān abhayaṁ harim

Der Königsweise namens Khaṭvāṅga, als er die genaue Begrenztheit seiner Lebenszeit hier erkannte, gab binnen eines Augenblicks alles auf und ging zu Hari, dem Furchtlosigkeit-Verleihenden.

Wort für Wort
khaṭvāṅgaḥ nāma rājarṣiḥ
der Königsweise namens Khaṭvāṅga
jñātvā iyattām iha āyuṣaḥ
die Begrenztheit seiner Lebenszeit hier erkennend
muhūrtāt sarvam utsṛjya
binnen eines Augenblicks alles aufgebend
gatavān abhayam harim
ging er zum furchtlosigkeit-verleihenden Hari

tavāpy etarhi kauravya saptāhaṁ jīvitāvadhiḥ upakalpaya tat sarvaṁ tāvad yat sāmparāyikam

Auch für dich, o Nachkomme des Kuru, ist nun die Grenze des Lebens sieben Tage; bereite dir daher binnen dieser Zeit all das, was für den Weg nach dem Tod nützlich ist.

Wort für Wort
tava api etarhi kauravya
auch für dich nun, o Nachkomme des Kuru
saptāham jīvita-avadhiḥ
sieben Tage die Grenze des Lebens
upakalpaya tat sarvam tāvat
bereite daher all das binnen dieser Zeit
yat sāmparāyikam
was für den Weg nach dem Tod nützlich ist

anta-kāle tu puruṣa āgate gata-sādhvasaḥ chindyād asaṅga-śastreṇa spṛhāṁ dehe 'nu ye ca tam

Zur Zeit des Endes aber, wenn sie herangekommen ist, möge der Mensch, ohne Beklommenheit, mit dem Schwert der Nichtbindung die Sehnsucht nach dem Körper und dem, was ihm anhängt, durchtrennen.

Wort für Wort
anta-kāle tu puruṣaḥ
zur Zeit des Endes aber der Mensch
āgate gata-sādhvasaḥ
wenn sie herangekommen ist, ohne Beklommenheit
chindyāt asaṅga-śastreṇa
möge er durchtrennen mit dem Schwert der Nichtbindung
spṛhām dehe anu ye ca tam
die Sehnsucht nach dem Körper und dem, was ihm folgt

gṛhāt pravrajito dhīraḥ puṇya-tīrtha-jalāplutaḥ śucau vivikta āsīno vidhivat kalpitāsane

Vom Haus fortgezogen, der Standhafte, im Wasser einer heiligen Pilgerstätte gebadet, an reinem, abgeschiedenem Ort sitzend, auf einem vorschriftsgemäß bereiteten Sitz —

Wort für Wort
gṛhāt pravrajitaḥ dhīraḥ
vom Haus fortgezogen, der Standhafte
puṇya-tīrtha-jala-āplutaḥ
im Wasser einer heiligen Pilgerstätte gebadet
śucau vivikte āsīnaḥ
an reinem, abgeschiedenem Ort sitzend
vidhivat kalpita-āsane
auf vorschriftsgemäß bereitetem Sitz

abhyasen manasā śuddhaṁ trivṛd-brahmākṣaraṁ param mano yacchej jita-śvāso brahma-bījam avismaran

— möge er mit reinem Geist die dreifache, höchste Brahman-Silbe [Oṃ] wiederholen; möge er, den Atem beherrschend, den Geist zügeln, ohne die Brahman-Keimsilbe zu vergessen.

Wort für Wort
abhyaset manasā śuddham
möge er mit reinem Geist üben
trivṛt-brahma-akṣaram param
die dreifache höchste Brahman-Silbe
manaḥ yacchet jita-śvāsaḥ
möge er den Geist zügeln, den Atem beherrschend
brahma-bījam avismaran
die Brahman-Keimsilbe nicht vergessend

niyacched viṣayebhyo 'kṣān manasā buddhi-sārathiḥ manaḥ karmabhir ākṣiptaṁ śubhārthe dhārayed dhiyā

Möge er, den Verstand als Wagenlenker nutzend, mit dem Geist die Sinne von den Sinnesobjekten zurückhalten; den durch frühere Taten fortgerissenen Geist möge er durch Einsicht auf das Heilsame richten.

Wort für Wort
niyacchet viṣayebhyaḥ akṣān
möge er die Sinne von den Objekten zurückhalten
manasā buddhi-sārathiḥ
mit dem Geist, den Verstand als Wagenlenker
manaḥ karmabhiḥ ākṣiptam
den durch Taten fortgerissenen Geist
śubha-arthe dhārayet dhiyā
möge er durch Einsicht auf das Heilsame richten

tatraikāvayavaṁ dhyāyed avyucchinnena cetasā mano nirviṣayaṁ yuktvā tataḥ kiñcana na smaret padaṁ tat paramaṁ viṣṇor mano yatra prasīdati

Darin möge er mit ununterbrochenem Bewusstsein auf ein einziges Glied der Gestalt Gottes meditieren; den Geist, von allen anderen Objekten gelöst, darauf versenkend, möge er sich danach an nichts anderes mehr erinnern — dies ist jener höchste Ort Viṣṇus, an dem der Geist zur Ruhe kommt.

Wort für Wort
tatra eka-avayavam dhyāyet
darin möge er auf ein einziges Glied meditieren
avyucchinnena cetasā
mit ununterbrochenem Bewusstsein
manaḥ nirviṣayam yuktvā
den Geist, von Objekten gelöst, versenkend
tataḥ kiñcana na smaret
danach möge er sich an nichts erinnern
padam tat paramam viṣṇoḥ
jener höchste Ort Viṣṇus
manaḥ yatra prasīdati
an dem der Geist zur Ruhe kommt

rajas-tamobhyām ākṣiptaṁ vimūḍhaṁ mana ātmanaḥ yacched dhāraṇayā dhīro hanti yā tat-kṛtaṁ malam

Den durch Leidenschaft und Dunkelheit fortgerissenen, verwirrten Geist des Selbst möge der Standhafte durch meditative Fixierung zügeln — jene Fixierung, die den von jenen Qualitäten verursachten Schmutz vernichtet.

Wort für Wort
rajaḥ-tamobhyām ākṣiptam
durch Leidenschaft und Dunkelheit fortgerissen
vimūḍham manaḥ ātmanaḥ
den verwirrten Geist des Selbst
yacchet dhāraṇayā dhīraḥ
möge der Standhafte durch Fixierung zügeln
hanti yā tat-kṛtam malam
die den von jenen verursachten Schmutz vernichtet

yasyāṁ sandhāryamāṇāyāṁ yogino bhakti-lakṣaṇaḥ āśu sampadyate yoga āśrayaṁ bhadram īkṣataḥ

Wenn diese Fixierung beständig geübt wird, entsteht für den Yogī, dessen Merkmal die Hingabe ist, rasch die vollständige Verbindung — für den, der darin die segensreiche Zuflucht erblickt.

Wort für Wort
yasyām sandhāryamāṇāyām
wenn diese Fixierung beständig geübt wird
yoginaḥ bhakti-lakṣaṇaḥ
für den Yogī, dessen Merkmal die Hingabe ist
āśu sampadyate yogaḥ
entsteht rasch die Verbindung
āśrayam bhadram īkṣataḥ
für den, der die segensreiche Zuflucht erblickt

rājā uvāca yathā sandhāryate brahman dhāraṇā yatra sammatā yādṛśī vā hared āśu puruṣasya mano-malam

Der König sprach: Wie, o Brahmane, wird diese Fixierung geübt, worauf gerichtet gilt sie als recht, und welcher Art muss sie sein, die rasch den Schmutz des Geistes eines Menschen hinwegnimmt?

Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach
yathā sandhāryate brahman
wie wird geübt, o Brahmane
dhāraṇā yatra sammatā
die Fixierung, worauf gerichtet anerkannt
yādṛśī vā haret āśu
und welcher Art, die rasch hinwegnimmt
puruṣasya manaḥ-malam
den Schmutz des Geistes des Menschen

śrī-śuka uvāca jitāsano jita-śvāso jita-saṅgo jitendriyaḥ sthūle bhagavato rūpe manaḥ sandhārayed dhiyā

Śrī Śuka sprach: Die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert, die Bindung gemeistert, die Sinne gemeistert, möge er mit Einsicht den Geist auf die grobstoffliche Gestalt des Erhabenen richten.

Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
jita-āsanaḥ jita-śvāsaḥ
die Sitzhaltung gemeistert, den Atem gemeistert
jita-saṅgaḥ jita-indriyaḥ
die Bindung gemeistert, die Sinne gemeistert
sthūle bhagavataḥ rūpe
auf die grobstoffliche Gestalt des Erhabenen
manaḥ sandhārayet dhiyā
möge er den Geist mit Einsicht richten

viśeṣas tasya deho 'yaṁ sthaviṣṭhaś ca sthavīyasām yatredaṁ vyajyate viśvaṁ bhūtaṁ bhavyaṁ bhavac ca sat

Eine Besonderheit ist dieser sein Körper, der grobstofflichste unter den grobstofflichen Dingen, worin sich dieses ganze Universum offenbart — das Vergangene, das Zukünftige und das Gegenwärtige, was je ist.

Wort für Wort
viśeṣaḥ tasya dehaḥ ayam
eine Besonderheit ist dieser sein Körper
sthaviṣṭhaḥ ca sthavīyasām
der grobstofflichste unter den grobstofflichen
yatra idam vyajyate viśvam
worin sich dieses Universum offenbart
bhūtam bhavyam bhavat ca sat
das Vergangene, Zukünftige, Gegenwärtige

aṇḍa-kośe śarīre 'smin saptāvaraṇa-saṁyute vairājaḥ puruṣo yo 'sau bhagavān dhāraṇāśrayaḥ

In diesem Körper, der Form eines Welteis, mit sieben Hüllen versehen, weilt jener kosmische Puruṣa, der Virāṭ, der Erhabene, die Stütze der meditativen Fixierung.

Wort für Wort
aṇḍa-kośe śarīre asmin
in diesem Körper der Form eines Welteis
sapta-āvaraṇa-saṃyute
mit sieben Hüllen versehen
vairājaḥ puruṣaḥ yaḥ asau
jener kosmische Puruṣa, der Virāṭ
bhagavān dhāraṇā-āśrayaḥ
der Erhabene, die Stütze der Fixierung

pātālam etasya hi pāda-mūlaṁ paṭhanti pārṣṇi-prapade rasātalam mahātalaṁ viśva-sṛjo 'tha gulphau talātalaṁ vai puruṣasya jaṅghe

Pātāla, so sagt man, ist die Sohle seines Fußes; Rasātala nennt man Ferse und Vorderfuß; Mahātala sind die Knöchel des Weltschöpfers; Talātala sind fürwahr die Unterschenkel des Puruṣa.

Wort für Wort
pātālam etasya hi pāda-mūlam
Pātāla ist die Sohle seines Fußes
paṭhanti pārṣṇi-prapade rasātalam
Rasātala nennt man Ferse und Vorderfuß
mahātalam viśva-sṛjaḥ atha gulphau
Mahātala die Knöchel des Weltschöpfers
talātalam vai puruṣasya jaṅghe
Talātala die Unterschenkel des Puruṣa

[Anm.: Es folgt eine klassische kosmologische Zuordnung der sieben unterirdischen Welten (Pātālas) zu den Gliedern der kosmischen Gestalt (virāṭ-puruṣa), von unten nach oben aufsteigend.]

dve jānunī sutalaṁ viśva-mūrter ūru-dvayaṁ vitalaṁ cātalaṁ ca mahītalaṁ taj-jaghanaṁ mahīpate nabhastalaṁ nābhi-saro gṛṇanti

Die beiden Knie der Weltgestalt nennt man Sutala, das Schenkelpaar Vitala und Atala; Mahītala ist dessen Hüfte, o Herr der Erde, Nabhastala nennt man den Nabel-See.

Wort für Wort
dve jānunī sutalam viśva-mūrteḥ
die beiden Knie der Weltgestalt sind Sutala
ūru-dvayam vitalam ca atalam ca
das Schenkelpaar Vitala und Atala
mahītalam tat-jaghanam mahīpate
Mahītala dessen Hüfte, o Herr der Erde
nabhastalam nābhi-saraḥ gṛṇanti
Nabhastala nennt man den Nabel-See

uraḥ-sthalaṁ jyotir-anīkam asya grīvā mahar vadanaṁ vai jano 'sya tapo varāṭīṁ vidur ādi-puṁsaḥ satyaṁ tu śīrṣāṇi sahasra-śīrṣṇaḥ

Seine Brust ist die Sphäre der Lichter, sein Hals ist Maharloka, sein Antlitz fürwahr ist Janaloka; Tapoloka kennt man als die Stirn des Urmenschen, Satyaloka aber sind die Häupter des Tausendhäuptigen.

Wort für Wort
uraḥ-sthalam jyotiḥ-anīkam asya
seine Brust ist die Schar der Lichter
grīvā mahaḥ
sein Hals ist Maharloka
vadanam vai janaḥ asya
sein Antlitz fürwahr ist Janaloka
tapaḥ varāṭīm viduḥ ādi-puṁsaḥ
Tapoloka kennt man als die Stirn des Urmenschen
satyam tu śīrṣāṇi sahasra-śīrṣṇaḥ
Satyaloka die Häupter des Tausendhäuptigen

indrādayo bāhava āhur usrāḥ karṇau diśaḥ śrotram amuṣya śabdaḥ nāsatya-dasrau paramasya nāse ghrāṇo 'sya gandho mukham agnir iddhaḥ

Indra und die anderen Götter, so sagt man, sind seine leuchtenden Arme; seine Ohren sind die Himmelsrichtungen, sein Hörvermögen der Schall; die beiden Aśvins sind die Nasenlöcher des Höchsten, sein Geruchssinn der Duft, sein Mund das entzündete Feuer.

Wort für Wort
indra-ādayaḥ bāhavaḥ āhuḥ usrāḥ
Indra u.a. sind seine leuchtenden Arme
karṇau diśaḥ śrotram amuṣya śabdaḥ
seine Ohren die Richtungen, sein Hören der Schall
nāsatya-dasrau paramasya nāse
die Aśvins die Nasenlöcher des Höchsten
ghrāṇaḥ asya gandhaḥ mukham agniḥ iddhaḥ
sein Geruch der Duft, sein Mund das entzündete Feuer

dyaur akṣiṇī cakṣur abhūt pataṅgaḥ pakṣmāṇi viṣṇor ahanī ubhe ca tad-bhrū-vijṛmbhaḥ parameṣṭhi-dhiṣṇyam āpo 'sya tālū rasa eva jihvā

Der Himmel ist seine beiden Augen, sein Sehvermögen ist die Sonne geworden; Viṣṇus Wimpern sind Tag und Nacht; das Spiel seiner Brauen ist der Sitz des Höchsten; die Wasser sind sein Gaumen, der Geschmack fürwahr seine Zunge.

Wort für Wort
dyauḥ akṣiṇī
der Himmel seine beiden Augen
cakṣuḥ abhūt pataṅgaḥ
sein Sehvermögen ist die Sonne geworden
pakṣmāṇi viṣṇoḥ ahanī ubhe ca
Viṣṇus Wimpern sind Tag und Nacht
tat-bhrū-vijṛmbhaḥ parameṣṭhi-dhiṣṇyam
das Brauenspiel der Sitz des Höchsten
āpaḥ asya tālu rasaḥ eva jihvā
die Wasser sein Gaumen, der Geschmack seine Zunge

chandāṁsy anantasya śiro gṛṇanti daṁṣṭrā yamaḥ sneha-kalā dvijāni hāso janonmāda-karī ca māyā duranta-sargo yad-apāṅga-mokṣaḥ

Die Veda-Metren nennt man das Haupt des Unendlichen; seine Fangzähne sind Yama; die Liebreiz-Anteile seine übrigen Zähne; sein Lächeln ist die berauschende Māyā; die unendliche Schöpfung ist das, was aus seinem Seitenblick entlassen wird.

Wort für Wort
chandāṁsi anantasya śiraḥ gṛṇanti
die Veda-Metren das Haupt des Unendlichen
daṁṣṭrāḥ yamaḥ
seine Fangzähne sind Yama
sneha-kalāḥ dvijāni
die Liebreiz-Anteile seine Zähne
hāsaḥ jana-unmāda-karī ca māyā
sein Lächeln die berauschende Māyā
duranta-sargaḥ yat-apāṅga-mokṣaḥ
die Schöpfung, was aus seinem Seitenblick entlassen wird

vrīḍottarauṣṭho 'dhara eva lobho dharmaḥ stano 'dharma-patho 'sya pṛṣṭham kas tasya meḍhraṁ vṛṣaṇau ca mitrau kukṣiḥ samudrā girayo 'sthi-saṅghāḥ

Die Scham ist seine Oberlippe, die Gier fürwahr seine Unterlippe; Dharma ist seine Brust, der Pfad des Unrechts sein Rücken; Prajāpati ist sein Zeugungsglied, und Mitra und Varuṇa seine Hoden; die Ozeane sind sein Leib, die Berge die Ansammlung seiner Knochen.

Wort für Wort
vrīḍā-uttara-oṣṭhaḥ
die Scham seine Oberlippe
adharaḥ eva lobhaḥ
die Unterlippe die Gier
dharmaḥ stanaḥ
Dharma seine Brust
adharma-pathaḥ asya pṛṣṭham
der Unrechtspfad sein Rücken
kaḥ tasya meḍhram
Prajāpati sein Zeugungsglied
vṛṣaṇau ca mitrau
und Mitra-Varuṇa seine Hoden
kukṣiḥ samudrāḥ girayaḥ asthi-saṅghāḥ
die Ozeane sein Leib, die Berge seine Knochen

[Anm.: 'Mitrau' (Dual) wird hier als das Götterpaar Mitra-Varuṇa gedeutet, dem traditionell eine Zuordnung zu den beiden Hoden zugeschrieben wird.]

nadyo 'sya nāḍyo 'tha tanū-ruhāṇi mahī-ruhā viśva-tanor nṛpendra ananta-vīryaḥ śvasitaṁ mātariśvā gatir vayaḥ karma guṇa-pravāhaḥ

Die Flüsse sind seine Adern, und die auf der Erde wachsenden Bäume sind seine Körperhaare, des Weltkörpers, o Herrscher der Könige, des unendlich Kraftvollen, dessen Atem der Wind ist; sein Gang ist die Zeit, seine Tat der Strom der Erscheinungsweisen.

Wort für Wort
nadyaḥ asya nāḍyaḥ
die Flüsse seine Adern
atha tanū-ruhāṇi mahī-ruhāḥ
und seine Körperhaare die Erdbäume
viśva-tanoḥ nṛpendra ananta-vīryaḥ
des Weltkörpers, o Herrscher, des unendlich Kraftvollen
śvasitam mātariśvā
sein Atem der Wind
gatiḥ vayaḥ karma guṇa-pravāhaḥ
sein Gang die Zeit, seine Tat der Guṇa-Strom

īśasya keśān vidur ambuvāhān vāsas tu sandhyāṁ kuru-varya bhūmnaḥ avyaktam āhur hṛdayaṁ manaś ca sa candramāḥ sarva-vikāra-kośaḥ

Man kennt die Wolken als die Haare des Herrn, das Gewand aber, o Vortrefflichster der Kurus, ist die Abenddämmerung des Allmächtigen; das Unmanifeste nennt man sein Herz, und der Mond ist jener — der Speicher aller seelischen Wandlungen.

Wort für Wort
īśasya keśān viduḥ ambu-vāhān
die Haare des Herrn kennt man als die Wolken
vāsaḥ tu sandhyām kuru-varya bhūmnaḥ
das Gewand die Dämmerung, o Vortrefflichster der Kurus
avyaktam āhuḥ hṛdayam
das Unmanifeste nennt man sein Herz
manaḥ ca sa candramāḥ
und der Geist, jener [ist] der Mond
sarva-vikāra-kośaḥ
der Speicher aller Wandlungen

vijñāna-śaktiṁ mahim āmananti sarvātmano 'ntaḥ-karaṇaṁ giritram aśvāśvatary-uṣṭra-gajā nakhāni sarve mṛgāḥ paśavaḥ śroṇi-deśe

Die Kraft des Erkennens nennt man Mahat, das innere Organ des Allbeseelenden ist Giritra; Pferde, Maultiere, Kamele und Elefanten sind seine Nägel; alle Wildtiere und Haustiere wohnen an seiner Hüftregion.

Wort für Wort
vijñāna-śaktim mahim āmananti
die Erkenntniskraft nennt man Mahat
sarva-ātmanaḥ antaḥ-karaṇam giritram
das innere Organ des Allbeseelenden ist Giritra
aśva-aśvatari-uṣṭra-gajāḥ nakhāni
Pferde, Maultiere, Kamele, Elefanten seine Nägel
sarve mṛgāḥ paśavaḥ śroṇi-deśe
alle Wild- und Haustiere an der Hüftregion

vayāṁsi tad-vyākaraṇaṁ vicitraṁ manur manīṣā manujo nivāsaḥ gandharva-vidyādhara-cāraṇāpsaraḥ svara-smṛtīr asurānīka-vīryaḥ

Die Vögel sind dessen mannigfaltige Artikulation, Manu ist seine Weisheit, der Mensch seine Wohnstatt; Gandharvas, Vidyādharas, Cāraṇas und Apsaras sind seine musikalischen Erinnerungen, die Kraft der Dämonenheere ist seine rohe Kraft.

Wort für Wort
vayāṁsi tat-vyākaraṇam vicitram
die Vögel seine mannigfaltige Artikulation
manuḥ manīṣā
Manu seine Weisheit
manujaḥ nivāsaḥ
der Mensch seine Wohnstatt
gandharva-vidyādhara-cāraṇa-apsaraḥ svara-smṛtīḥ
Gandharvas u.a. seine musikalischen Erinnerungen
asura-anīka-vīryaḥ
die Kraft der Dämonenheere

brahmānanaṁ kṣatra-bhujo mahātmā viḍ ūrur aṅghri-śrita-kṛṣṇa-varṇaḥ nānābhidhābhījya-gaṇopapanno dravyātmakaḥ karma vitāna-yogaḥ

Der Große Geist hat den Brahmanenstand als Antlitz, die Kṣatriyas als Arme, die Vaiśyas als Schenkel, die dunkle Kaste an seinen Füßen weilend; er ist versehen mit Scharen von Gottheiten unter verschiedenen Namen, wesenhaft aus Opfersubstanz, seine Tat das Ausbreiten des Opferrituals.

Wort für Wort
brahma-ānanam kṣatra-bhujaḥ mahātmā
der Große Geist: Brahmanen sein Antlitz, Kṣatriyas seine Arme
viṭ ūruḥ
die Vaiśyas seine Schenkel
aṅghri-śrita-kṛṣṇa-varṇaḥ
die dunkle Kaste an seinen Füßen weilend
nānā-abhidhā-abhījya-gaṇa-upapannaḥ
versehen mit unter vielen Namen zu verehrenden Scharen
dravya-ātmakaḥ karma vitāna-yogaḥ
wesenhaft aus Substanz, seine Tat das Ausbreiten des Ritus

iyān asāv īśvara-vigrahasya yaḥ sanniveśaḥ kathito mayā te sandhāryate 'smin vapuṣi sthaviṣṭhe manaḥ sva-buddhyā na yato 'sti kiñcit

So groß ist diese Gestalt des Herrn, deren Anordnung ich dir dargelegt habe; auf diesen grobstofflichsten Körper werde der Geist durch die eigene Einsicht gerichtet, wodurch nichts anderes mehr in ihm bestehen bleibt.

Wort für Wort
iyān asau īśvara-vigrahasya
so groß ist diese Gestalt des Herrn
yaḥ sanniveśaḥ kathitaḥ mayā te
deren Anordnung ich dir dargelegt habe
sandhāryate asmin vapuṣi sthaviṣṭhe
werde auf diesen grobstofflichsten Körper gerichtet
manaḥ sva-buddhyā
der Geist durch eigene Einsicht
na yataḥ asti kiñcit
wodurch nichts anderes mehr besteht

sa sarva-dhī-vṛtty-anubhūta-sarva ātmā yathā svapna-janekṣitaikaḥ taṁ satyam ānanda-nidhiṁ bhajeta nānyatra sajjed yata ātma-pātaḥ

Er, der durch alle Zustände des Verstandes als alles erfahren wird, das Selbst, wie der im Traum erblickte Einzige, der als viele Menschen erscheint — ihn, den wahrhaftigen Hort der Wonne, möge man verehren, und sich an nichts anderem festhaften, wodurch der Fall des Selbst droht.

Wort für Wort
sa sarva-dhī-vṛtti-anubhūta-sarvaḥ
er, durch alle Verstandeszustände als alles erfahren
ātmā yathā svapna-jana-īkṣita-ekaḥ
das Selbst wie der im Traum erblickte Einzige
tam satyam ānanda-nidhim bhajeta
ihn, den wahren Hort der Wonne, möge man verehren
na anyatra sajjet
möge man sich an nichts anderem festhaften
yataḥ ātma-pātaḥ
wodurch der Fall des Selbst droht

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