Kapitel 193
Herr Paraśurāma vernichtet die herrschende Kriegerkaste der Welt
Quellen: Sanskrit-Text (Verse 1-37) aus der GRETIL-Ausgabe (bhp_09u.htm), da vedabase.io ab Vers 3 wiederholt mit HTTP 429 (Rate-Limit) blockierte. Die deutsche Übersetzung und die Wort-für-Wort-Glossen wurden eigenständig aus dem Sanskrit erarbeitet. Verse 18-19 und 21-22 wurden - der Gliederung von vedabase.io folgend, die für diese beiden Verspaare durchgehende Satzkonstruktionen erkennen lässt - jeweils als eine Einheit zusammengefasst.
Śrī Śuka sprach: O Freude der Kurus (Parīkṣit), von seinem Vater [zu dieser Buße] unterwiesen, sagte Rāma „So sei es“, und nachdem er ein Jahr lang eine Wallfahrt zu den heiligen Stätten unternommen hatte, kehrte er zur Einsiedelei zurück.
Sie war zum Fluss gegangen, um Wasser zu holen, doch als sie den Spielenden betrachtete, empfand sie ein wenig Verlangen nach Citraratha und vergaß darüber die Zeit des Feueropfers.
Als sie bemerkte, dass die Zeit verstrichen war, kehrte sie, den Fluch des Weisen fürchtend, zurück, stellte den Wasserkrug [vor sich] hin und stand mit gefalteten Händen [vor ihm].
vyabhicāraṃ munir jñātvā patnyāḥ prakupito 'bravīt / ghnatainaṃ putrakāḥ pāpām ity uktās te na cakrire
Der Weise erkannte die [innere] Untreue seiner Frau und sprach zornig: „Tötet sie, o Söhne, die Sünderin!“ Doch obwohl sie so angesprochen wurden, taten sie es nicht.
Rāma aber, vom Vater aufgefordert, tötete die Brüder zusammen mit der Mutter, denn er kannte wohl die Macht der [geistigen] Versenkung und Askese seines Vaters.
Wort für Wort
rāmaḥ
Rāma
sañcoditaḥ pitrā
vom Vater aufgefordert
bhrātṝn
die Brüder
mātrā saha
zusammen mit der Mutter
avadhīt
tötete
prabhāva-jñaḥ
die Macht kennend
muneḥ samyak samādheḥ
der [Versenkungs-]Kraft des Weisen völlig
tapasaḥ ca
und der Askese
saḥ
er
[Anm.: GRETIL liest an dieser Stelle fehlerhaft „bhrāt-n“ (Schreibfehler/Scan-Artefakt); rekonstruiert als „bhrātṝn“ (Akk. Pl. von bhrātṛ, „die Brüder“), was durch den Kontext (Verse 5-9) eindeutig gestützt wird: die älteren Brüder hatten sich geweigert, die Mutter zu töten, und wurden daher von Rāma zusammen mit ihr getötet.]
Der Sohn Satyavatīs [Jamadagni], erfreut [über Rāmas Gehorsam], ließ ihn eine Gunst erbitten; und Rāma erbat das Leben für die Getöteten sowie für sich selbst das Vergessen der Tötung.
Sogleich standen sie wohlbehalten auf, wie Menschen, die aus dem Schlaf erwachen. Rāma, der die Kraft der Askese seines Vaters kannte, hatte [daher ohne Zögern] die Tötung seiner Angehörigen vollzogen.
ye 'rjunasya sutā rājan smarantaḥ sva-pitur vadham / rāma-vīrya-parābhūtā lebhire śarma na kvacit
O König, die Söhne Arjunas [Kārtavīryas], die sich an die Tötung ihres Vaters erinnerten und von Rāmas Heldenkraft [einst] besiegt worden waren, fanden nirgends Ruhe.
Als Rāma einst mit seinen Brüdern die Einsiedelei verlassen hatte und in den Wald gegangen war, kamen jene, die ihre Rache vollenden wollten und eine günstige Gelegenheit gefunden hatten, heran.
dṛṣṭvāgny-āgāra āsīnam āveśita-dhiyaṃ munim / bhagavaty uttama-śloke jaghnus te pāpa-niścayāḥ
Als sie den Weisen [Jamadagni] im Opferhaus sitzend erblickten, seinen Geist ganz auf den Herrn gerichtet, der in erhabenen Versen gepriesen wird, töteten sie ihn - fest entschlossen zur Sünde.
Wort für Wort
dṛṣṭvā
erblickend
agni-āgāre āsīnam
im Feueropferhaus sitzend
āveśita-dhiyam munim
den Weisen mit gerichtetem Geist
bhagavati uttama-śloke
auf den Herrn, der in erhabenen Versen gepriesen wird
yācyamānāḥ kṛpaṇayā rāma-mātrātidāruṇāḥ / prasahya śira utkṛtya ninyus te kṣatra-bandhavaḥ
Obwohl sie von der bejammernswerten Mutter Rāmas angefleht wurden, schnitten diese überaus grausamen Männer, bloße Namensträger des Kṣatriya-Standes, gewaltsam das Haupt [Jamadagnis] ab und trugen es fort.
Von Leid und Kummer gequält, schlug sich die tugendhafte Reṇukā mit den eigenen Händen und schrie laut: „Rāma, Rāma! O [mein] Geliebter!“
Wort für Wort
reṇukā
Reṇukā
duḥkha-śoka-ārtā
von Leid und Kummer gequält
nighnantī ātmānam ātmanā
sich mit den eigenen Händen schlagend
rāma rāma iti
„Rāma, Rāma!“
tāta iti
„o Geliebter!“ [?]
vicukrośa uccakaiḥ satī
schrie laut, die Tugendhafte
[Anm.: Die genaue Anrede „tāta“ ist mehrdeutig - eigentlich eine Anrede für einen Sohn, hier aber wohl klagend an den erschlagenen Gatten Jamadagni gerichtet, als liebevolle Anrede zu verstehen. Markiert mit [?].]
Als sie, die sich in der Ferne befanden, diesen schmerzerfüllten Ruf „Ach, Rāma!“ hörten, eilten sie zur Einsiedelei und sahen den Vater getötet [daliegen].
Sie, überwältigt vom Ansturm der Trauer, von Leid, Zorn, Unmut und Schmerz, [riefen]: „Ach, Vater, o Tugendhafter, o Rechtschaffenster! Du hast uns verlassen und bist zum Himmel gegangen!“
Nachdem er so geklagt und den Leichnam des Vaters den Brüdern anvertraut hatte, ergriff Rāma selbst die Axt und entschloss sich zur Vernichtung der Kṣatriyas.
Rāma zog nach Māhiṣmatī, dessen Glanz durch den Brahmanenmord zerstört war, und häufte, o König, aus ihren Häuptern mitten [in der Stadt] einen großen Berg auf.
Mit jenem Blut schuf er einen schrecklichen Fluss, der jenen, die den Brahmanen feindlich gesinnt sind, Furcht einflößte - indem er die Tötung des Vaters zum Anlass nahm gegen den Kṣatriya-Stand, der Unheil angerichtet hatte. Der Mächtige machte die Erde einundzwanzigmal frei von Kṣatriyas und schuf bei Samantapañcaka neun aus Blut bestehende Seen.
Nachdem er das Haupt mit dem Leib seines Vaters auf dem Opfergras wiedervereinigt hatte, verehrte er mit Opferriten die Gottheit, die aus allen Göttern besteht, das [höchste] Selbst.
Er gab dem Hotṛ-Priester die östliche Region, dem Brahmā-Priester die südliche Region, dem Adhvaryu die westliche und dem Udgātṛ die nördliche Region. Den übrigen [Priestern] gab er die Zwischenrichtungen, dem Kaśyapa aber die Mitte, dem Upadraṣṭṛ das Land Āryāvarta, und den Sadasya-Priestern schließlich, was übrig blieb.
Danach, als durch das rituelle Abschlussbad all seine Verfehlungen abgewaschen waren, erstrahlte er in der großen [Flusgöttin] Sarasvatī wie die Sonne am wolkenlosen Himmel.
Wort für Wort
tataḥ ca
danach
avabhṛtha-snāna
durch das Abschlussbad
vidhūta-aśeṣa-kilbiṣaḥ
von dem alle Verfehlungen abgewaschen waren
sarasvatyām mahā-nadyām
in der großen Sarasvatī
reje
erstrahlte
vyabhraḥ iva aṃśumān
wie die Sonne am wolkenlosen [Himmel]
[Anm.: GRETIL liest „vyabbhra“ (Doppel-b), korrigiert zu „vyabhra“ („wolkenlos“), da dies dem Kontext und der geläufigen Lesart entspricht.]
sva-dehaṃ jamadagnis tu labdhvā saṃjñāna-lakṣaṇam / ṛṣīṇāṃ maṇḍale so 'bhūt saptamo rāma-pūjitaḥ
Jamadagni aber erlangte seinen eigenen, nun wieder mit Bewusstsein versehenen Leib zurück und wurde, von Rāma verehrt, der Siebte im Kreis der [sieben großen] Weisen.
Wort für Wort
sva-deham
seinen eigenen Leib
jamadagniḥ tu labdhvā
Jamadagni aber erlangend
saṃjñāna-lakṣaṇam
gekennzeichnet durch [wiedergewonnenes] Bewusstsein
Auch der lotusäugige, erhabene Rāma, der Sohn Jamadagnis, wird, o König, im kommenden [Manu-]Zeitalter fürwahr die erhabene [Lehre der Weisen] aufrechterhalten.
Wort für Wort
jāmadagnyaḥ api
auch der Sohn Jamadagnis
bhagavān rāmaḥ
der erhabene Rāma
kamala-locanaḥ
der Lotusäugige
āgāmini antare
im kommenden [Manu-]Zeitalter
rājan
o König
vartayiṣyati vai bṛhat
wird fürwahr das Erhabene aufrechterhalten [?]
[Anm.: Der genaue Bezug von „bṛhat“ („das Große/Erhabene“) - vermutlich das erhabene vedische Wissen bzw. seine Stellung als Weiser im nächsten Manvantara - bleibt unsicher, markiert mit [?].]
Bis heute verweilt er, die Waffe [des Zorns] niedergelegt, mit befriedetem Geist, auf dem Berg Mahendra, während Siddhas, Gandharvas und Cāraṇas seine Taten besingen.
So erschlug der erhabene Hari, der Herr, die Seele des Universums, als Er im Geschlecht der Bhṛgus herabgestiegen war, um die große Last der Erde [zu erleichtern], vielfach die Könige.
Wort für Wort
evam
so
bhṛguṣu
im Geschlecht der Bhṛgus
viśva-ātmā bhagavān hariḥ īśvaraḥ
der erhabene Hari, der Herr, die Seele des Universums
Von Gādhi wurde [ein Sohn] geboren, von großer Macht, wie ein loderndes Feuer, der durch Askese das Kṣatriya-Wesen aufgab und brahmanischen Glanz erlangte.
viśvāmitrasya caivāsan putrā ekaśataṃ nṛpa / madhyamas tu madhucchandā madhucchandasa eva te
Viśvāmitra hatte, o König, hunderteins Söhne. Der mittlere unter ihnen war Madhucchandas, und [die jüngere Hälfte] gehörte eben zu Madhucchandas.
Wort für Wort
viśvāmitrasya ca eva āsan putrāḥ
und Viśvāmitra hatte Söhne
ekaśatam
hunderteins
nṛpa
o König
madhyamaḥ tu madhucchandāḥ
der mittlere aber [war] Madhucchandas
madhucchandasaḥ eva te
eben diese des Madhucchandas [?]
[Anm.: Die genaue Bedeutung von „madhucchandasa eva te“ - vermutlich, dass die jüngeren fünfzig Söhne als Madhucchandas' Gefolge/Gruppe galten - erschließt sich erst aus den folgenden Versen (bes. 34); mit [?] markiert.]
Nachdem er Śunaḥśepha, den Nachkommen Bhṛgus, den Sohn Ajīgartas, zu seinem Sohn gemacht und [ihn] Devarāta [genannt] hatte, sprach er zu [seinen] Söhnen: „Dieser sei als der Älteste eingesetzt.“
yo vai hariścandra-makhe vikrītaḥ puruṣaḥ paśuḥ / stutvā devān prajeśādīn mumuce pāśa-bandhanāt
Er, der beim Opfer des Hariścandra als menschliches Opfertier verkauft worden war, wurde, nachdem er die Götter, angefangen mit Prajāpati, gepriesen hatte, von der Fesselung [am Opferpfahl] befreit.
yo rāto devayajane devair gādhiṣu tāpasaḥ / devarāta iti khyātaḥ śunaḥśephas tu bhārgavaḥ
Er, der Asket, der beim Götteropfer von den Göttern dem [Sohn] Gādhis [Viśvāmitra] übergeben wurde, ist als Devarāta bekannt - er, Śunaḥśepha, der Bhārgava.
jyeṣṭhaṃ mantra-dṛśaṃ cakrus tvām anvañco vayaṃ sma hi / viśvāmitraḥ sutān āha vīravanto bhaviṣyatha / ye mānaṃ me 'nugṛhṇanto vīravantam akarta mām
„Wir haben [ihn] zum Ältesten, zum Seher der Mantras gemacht; wir folgen dir fürwahr [darin nach].“ Viśvāmitra sprach zu [seinen] Söhnen: „Ihr werdet Männer mit heldenhaften Nachkommen sein - ihr, die ihr meine Wertschätzung anerkennend, mich [selbst] zu einem mit heldenhaften [Söhnen gesegneten Vater] gemacht habt.“
Wort für Wort
jyeṣṭham mantra-dṛśam cakruḥ
sie machten [ihn] zum ältesten Seher der Mantras
tvām anvañcaḥ vayam sma hi
wir folgen dir fürwahr nach [?]
viśvāmitraḥ sutān āha
Viśvāmitra sprach zu den Söhnen
vīravantaḥ bhaviṣyatha
ihr werdet heldenhafte [Nachkommen] haben
ye mānam me anugṛhṇantaḥ
die ihr meine Wertschätzung anerkennend
vīravantam akarta mām
habt mich zu einem mit heldenhaften [Söhnen gesegneten Vater] gemacht
[Anm.: Die syntaktische Aufteilung dieses Verses (Fortsetzung der Rede der fünfzig Söhne und anschließende Antwort Viśvāmitras) ist im Detail unsicher; mit [?] markiert.]
„Dieser, o Kuśikas, ist euer Held: Devarāta - ihm sollt ihr zugehören. Und die anderen [meine Söhne sind] Aṣṭaka, Hārīta, Jayakratu, Madanta und so weiter.“
evaṃ kauśika-gotraṃ tu viśvāmitraiḥ pṛthag-vidham / pravarāntaram āpannaṃ tad dhi caivaṃ prakalpitam
So wurde das Kauśika-Gotra durch die [Nachkommen] Viśvāmitras vielfach verzweigt und erlangte unterschiedliche Pravaras (Ahnenlinien); dies wurde eben so festgelegt.
Wort für Wort
evam
so
kauśika-gotram tu
das Kauśika-Gotra aber
viśvāmitraiḥ pṛthak-vidham
durch [die Nachkommen] Viśvāmitras vielfach verzweigt