Kapitel 180: sukanyā-cyavana-muni-vivāhaḥ
Die Vermählung von Sukanyā und Cyavana Muni
Kapitel 3 aus Skandha 9 der Śrīmad-Bhāgavata-Purāṇa. Sanskrit-Grundlage: vedabase.io (Verse 1,2,4,5,6,8,27,28-teilweise,29-36 zur Grenzbestimmung) und GRETIL (bhp_09u.htm) für die übrigen Verse; deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Glossen eigenständig erarbeitet. Die Versgrenzen in den Versen 28-35 wurden anhand von vedabase.io korrigiert, da die Zeilennummerierung der GRETIL-Quelle dort um jeweils eine Zeile versetzt war.
śrī-śuka uvāca / śaryātir mānavo rājā brahmiṣṭhaḥ sambabhūva ha / yo vā aṅgirasāṁ satre dvitīyam ahar ūcivān
Śrī Śuka sprach: Der König Śaryāti, ein Sohn Manus, war der Frömmste (im Brahman Bewandertste); er war es, der bei der Opferversammlung der Aṅgirasas den zweiten (Opfer-)Tag verkündete.
Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
śaryātiḥ mānavaḥ rājā
der König Śaryāti, der Sohn Manus
brahmiṣṭhaḥ sambabhūva ha
war fürwahr der Frömmste (im Brahman Bewandertste)
Von Freundinnen umgeben, durchstreifte sie im Wald die Bäume und erblickte in der Öffnung eines Ameisenhügels zwei leuchtende Punkte, einem Glühwürmchenpaar gleich.
śakṛn-mūtra-nirodho 'bhūt sainikānāṁ ca tat-kṣaṇāt / rājarṣis tam upālakṣya puruṣān vismito 'bravīt
In jenem Augenblick befiel plötzlich alle Soldaten eine Verstopfung von Kot und Urin. Der königliche Weise bemerkte dies und sprach erstaunt zu seinen Männern:
Als Śaryāti diese Worte seiner Tochter hörte, wurde er von Furcht ergriffen und versuchte behutsam, den Weisen, der im Ameisenhügel verborgen war, gnädig zu stimmen.
Als er dessen Absicht erkannte, übergab er dem Weisen seine Tochter. Von der Bedrängnis befreit, verabschiedete er sich von ihm und zog gefassten Sinnes zur Stadt zurück.
Wort für Wort
tad-abhiprāyam ājñāya
dessen Absicht erkennend
prādād duhitaraṁ muneḥ
übergab er dem Weisen die Tochter
kṛcchrān muktaḥ
von der Bedrängnis befreit
tam āmantrya puraṁ prāyāt samāhitaḥ
von ihm Abschied nehmend zog er gefassten Sinnes zur Stadt
Sukanyā, die nun Cyavana, den überaus jähzornigen Weisen, zum Gatten erhalten hatte, kannte sein Herz und erfreute ihn durch unermüdliche, achtsame Dienstbereitschaft.
kasyacit tv atha kālasya nāsatyāv āśramāgatau / tau pūjayitvā provāca vayo me dattam īśvarau
Nach einiger Zeit kamen die beiden Nāsatyas (Aśvinī-Kumāras) zur Einsiedelei. Er (Cyavana) erwies ihnen Verehrung und sprach: Ihr Mächtigen, schenkt mir Jugend!
Wort für Wort
kasyacit tv atha kālasya
nach einiger Zeit aber
nāsatyāv āśrama-āgatau
kamen die beiden Nāsatyas (Aśvins) zur Einsiedelei
grahaṁ grahīṣye somasya yajñe vām apy asoma-poḥ / kriyatāṁ me vayo-rūpaṁ pramadānāṁ yad īpsitam
Ich werde beim Opfer für euch beide - obwohl ihr sonst keinen Soma trinken dürft - den Soma-Anteil in Anspruch nehmen; verschafft mir dafür Jugend und eine Gestalt, wie sie von Frauen begehrt wird.
Wort für Wort
grahaṁ grahīṣye somasya
ich werde den Soma-Anteil nehmen
yajñe vām apy asoma-poḥ
beim Opfer, auch für euch beide, die (ihr sonst) keinen Soma trinkt
'Einverstanden', sprachen die beiden besten Ärzte und stimmten dem Brahmanen freudig zu: 'Tauche, Ehrwürden, in diesen von den Siddhas bereiteten Teich ein.'
So angesprochen, wurde er - dessen Körper, von Falten und grauem Haar gezeichnet, vom Alter ergriffen und von hervortretenden Adern durchzogen war - von den beiden Aśvins in den Teich geführt.
Wort für Wort
ity uktaḥ
so angesprochen
jarayā grasta-dehaḥ
dessen Körper vom Alter ergriffen war
dhamani-santataḥ
von (hervortretenden) Adern durchzogen
hradaṁ praveśito 'śvibhyām
wurde von den beiden Aśvins in den Teich geführt
valī-palita-vigrahaḥ
dessen Gestalt von Falten und grauem Haar gezeichnet war
Drei Männer stiegen empor - wohlgestaltet, den Frauen begehrenswert, mit Lotosgirlanden und Ohrringen geschmückt, von gleicher Gestalt und schön gekleidet.
Als die schönhüftige, tugendhafte Sukanyā sie erblickte - allesamt gleichgestaltig und strahlend wie die Sonne -, erkannte sie ihren Gatten nicht und nahm Zuflucht bei den beiden Aśvins.
Erfreut über ihre Gattentreue, zeigten sie ihr nun ihren wahren Gatten; dann nahmen sie vom Weisen Abschied und zogen mit ihrem Himmelswagen zum Himmel.
Wort für Wort
darśayitvā patiṁ tasyai
ihr den Gatten zeigend
pātivratyena toṣitau
erfreut über ihre Gattentreue
ṛṣim āmantrya
vom Weisen Abschied nehmend
yayatur vimānena triviṣṭapam
zogen die beiden mit ihrem Himmelswagen zum Himmel
Nun, da er ein Opfer darbringen wollte, begab sich Śaryāti zur Einsiedelei Cyavanas und erblickte an der Seite seiner Tochter einen Mann von sonnengleichem Glanz.
Der König sprach zu seiner Tochter, die sich ihm zu Füßen verneigt hatte, ohne ihr seinen Segen zu erteilen, gleichsam nicht sonderlich erfreuten Herzens:
cikīrṣitaṁ te kim idaṁ patis tvayā pralambhito loka-namaskṛto muniḥ / yat tvaṁ jarā-grastam asatya-sammataṁ vihāya jāraṁ bhajase 'mum adhvagam
Was hast du dir vorgenommen? Deinen Gatten, den von aller Welt verehrten Weisen, hast du betrogen, da du den vom Alter gezeichneten [Gatten] verlässt und dich diesem Landstreicher, einem Liebhaber, zuwendest, der [nur] bei den Unaufrichtigen Anerkennung findet [?].
Wort für Wort
cikīrṣitaṁ te kim idam
was hast du dir vorgenommen?
patis tvayā pralambhitaḥ
dein Gatte wurde von dir betrogen
loka-namaskṛto muniḥ
der von aller Welt verehrte Weise
yat tvaṁ jarā-grastam
da du den vom Alter Ergriffenen
asatya-sammatam
den bei den Unaufrichtigen geschätzten/missachteten [?]
vihāya jāraṁ bhajase
verlässt und dich einem Liebhaber zuwendest
amum adhvagam
diesem Landstreicher
'asatya-sammataṁ' ist doppeldeutig (bezieht sich möglicherweise auf den verkannten Gatten oder auf den vermeintlichen Liebhaber, der 'bei Unaufrichtigen Anerkennung findet'); mit [?] markiert.
kathaṁ matis te 'vagatānyathā satāṁ kula-prasūte kula-dūṣaṇaṁ tv idam / bibharṣi jāraṁ yad apatrapā kulaṁ pituś ca bhartuś ca nayasy adhas tamaḥ
Wie konnte sich dein Sinn so in die Irre wenden, du in einem Geschlecht der Rechtschaffenen Geborene? Dies ist fürwahr eine Schändung des Geschlechts! Da du schamlos einen Liebhaber hegst, stürzt du die Familie sowohl deines Vaters als auch deines Gatten in tiefste Finsternis.
Wort für Wort
kathaṁ matis te 'vagatānyathā
wie konnte dein Sinn sich so in die Irre wenden
satāṁ kula-prasūte
o du, geboren in einem Geschlecht der Rechtschaffenen
kula-dūṣaṇaṁ tv idam
dies ist fürwahr eine Schändung des Geschlechts
bibharṣi jāram
du hegst einen Liebhaber
yad apatrapā
da du schamlos bist
kulaṁ pituś ca bhartuś ca
das Geschlecht sowohl des Vaters als auch des Gatten
Cyavana, der für den Helden Śaryāti das Somaopfer vollzog, nahm nun kraft seiner eigenen Macht auch den Soma-Anteil für die beiden Aśvins, obgleich diese sonst keinen Soma trinken durften.
Wort für Wort
somena yājayan vīram
während er den Helden (Śaryāti) mit Soma opfern ließ
grahaṁ somasya cāgrahīt
nahm er auch den Soma-Anteil
asoma-po 'py aśvinoḥ
für die beiden Aśvins, obwohl (sie sonst) keinen Soma trinken durften
Daraufhin billigten alle Götter den Soma-Anteil auch für die beiden Aśvins, die zuvor - weil sie bloß Ärzte seien - von der Soma-Opfergabe ausgeschlossen gewesen waren.
Er (Revata) erbaute inmitten des Meeres eine Stadt namens Kuśasthalī, ließ sich dort nieder und beherrschte, o Bezwinger der Feinde, die Länder Ānarta und andere. Ihm wurden hundert vortreffliche Söhne geboren, deren ältester Kakudmī war.
Wort für Wort
so 'ntaḥ-samudre
er, inmitten des Meeres
nagarīṁ vinirmāya kuśasthalīm
eine Stadt namens Kuśasthalī erbauend
āsthito 'bhuṅkta viṣayān
dort weilend, beherrschte er die Länder
ānartādīn arindama
Ānarta und andere, o Bezwinger der Feinde
tasya putra-śataṁ jajñe
ihm wurden hundert Söhne geboren
kakudmi-jyeṣṭham uttamam
vortrefflich, mit Kakudmī als ältestem
Dieser Vers umfasst im Quelltext ungewöhnlicherweise drei Zeilen (sechs Pādas) statt der üblichen zwei Zeilen.
Kakudmī nahm seine Tochter Revatī mit sich und begab sich zum Erhabenen (Brahmā), zum ihm offenstehenden Brahma-Loka, um für seine Tochter um einen geeigneten Gatten zu bitten.
Wort für Wort
kakudmī revatīṁ kanyāṁ svām
Kakudmī nahm seine Tochter Revatī
ādāya vibhuṁ gataḥ
mit sich und begab sich zum Erhabenen (Brahmā)
putryā varaṁ paripraṣṭum
um für die Tochter einen Gatten zu erfragen
brahmalokam apāvṛtam
zum (ihm) offenstehenden Brahma-Loka
'apāvṛtam' (wörtl. 'unverschlossen/offenliegend') hier im Sinne von 'für ihn zugänglich' übersetzt.
Während gerade eine Gandharva-Darbietung im Gange war, wartete er, ohne auch nur einen Augenblick Gehör zu finden. Als sie zu Ende war, verneigte er sich vor dem Urersten (Brahmā) und trug sein Anliegen vor.
tac chrutvā bhagavān brahmā prahasya tam uvāca ha / aho rājan niruddhās te kālena hṛdi ye kṛtāḥ
Als der erhabene Brahmā dies gehört hatte, lachte er und sprach zu ihm: 'Ach, o König! Jene, die du in deinem Herzen als Freier erwogen hattest, sind längst von der Zeit dahingerafft worden.'
tat putra-pautra-naptṝṇāṁ gotrāṇi ca na śṛṇmahe / kālo 'bhiyātas tri-ṇava-catur-yuga-vikalpitaḥ
Selbst von deren Söhnen, Enkeln und Urenkeln vernehmen wir die Geschlechternamen nicht mehr; es sind bereits siebenundzwanzig Catur-yugas (Vier-Zeitalter-Zyklen) verstrichen.
Wort für Wort
tat putra-pautra-naptṝṇām
deren Söhne, Enkel und Urenkel
gotrāṇi ca na śṛṇmahe
deren Geschlechternamen vernehmen wir nicht einmal mehr
kālo 'bhiyātaḥ
die Zeit ist vergangen
tri-ṇava-catur-yuga-vikalpitaḥ
bestehend aus siebenundzwanzig (3×9) Catur-yugas
[Anm.: Der Quelltext (GRETIL) hat 'śṛṇmahe' statt der grammatisch erwarteten Form 'śṛṇumahe' ('wir hören'); vermutlich metrische Verkürzung oder Transkriptionsvariante der Ausgabe.]
Darum geh: Eine Teilmanifestation des Gottes der Götter, der überaus starke Baladeva, weilt jetzt auf Erden - gib, o König, dieses Juwel von einer Tochter diesem Juwel unter den Männern!
Wort für Wort
tad gaccha
darum geh
deva-devāṁśo baladevo mahā-balaḥ
der überaus starke Baladeva, eine Teilmanifestation des Gottes der Götter
Der Erhabene, der Wohltäter aller Wesen, dessen Hören und Preisen heilig macht, ist mit seiner eigenen Teilmanifestation herabgestiegen, um die Last der Erde hinwegzunehmen.
Wort für Wort
bhuvo bhārāvatārāya
um die Last der Erde hinwegzunehmen
bhagavān bhūta-bhāvanaḥ
der Erhabene, der Wohltäter aller Wesen
avatīrṇo nijāṁśena
ist mit seiner eigenen Teilmanifestation herabgestiegen
So unterwiesen, verehrte der König den Ungeborenen (Brahmā) und kehrte in seine Stadt zurück - die er nun verlassen vorfand, denn seine Brüder hatten sie aus Furcht vor den Puṇyajanas (Dämonen) aufgegeben und sich in verschiedenen Himmelsrichtungen niedergelassen.
Wort für Wort
ity ādiṣṭaḥ
so unterwiesen
abhivandyājam
den Ungeborenen (Brahmā) verehrend
nṛpaḥ sva-puram āgataḥ
kehrte der König in seine Stadt zurück
tyaktaṁ puṇya-jana-trāsāt
die er nun verlassen vorfand, aus Furcht vor den Puṇyajanas
bhrātṛbhir dikṣv avasthitaiḥ
durch seine Brüder, die sich in verschiedenen Himmelsrichtungen niedergelassen hatten
Nachdem er seine makellos gestaltete Tochter dem kraftvollen Baladeva gegeben hatte, zog der König zu dem als Badarī bekannten Ort, zur Einsiedelei Nārāyaṇas, um dort Buße zu üben.
Wort für Wort
sutāṁ dattvānavadyāṅgīm
nachdem er die makellos gestaltete Tochter gegeben hatte