Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 180: sukanyā-cyavana-muni-vivāhaḥ Die Vermählung von Sukanyā und Cyavana Muni

Kapitel 3 aus Skandha 9 der Śrīmad-Bhāgavata-Purāṇa. Sanskrit-Grundlage: vedabase.io (Verse 1,2,4,5,6,8,27,28-teilweise,29-36 zur Grenzbestimmung) und GRETIL (bhp_09u.htm) für die übrigen Verse; deutsche Übersetzung und Wort-für-Wort-Glossen eigenständig erarbeitet. Die Versgrenzen in den Versen 28-35 wurden anhand von vedabase.io korrigiert, da die Zeilennummerierung der GRETIL-Quelle dort um jeweils eine Zeile versetzt war.

śrī-śuka uvāca / śaryātir mānavo rājā brahmiṣṭhaḥ sambabhūva ha / yo vā aṅgirasāṁ satre dvitīyam ahar ūcivān

Śrī Śuka sprach: Der König Śaryāti, ein Sohn Manus, war der Frömmste (im Brahman Bewandertste); er war es, der bei der Opferversammlung der Aṅgirasas den zweiten (Opfer-)Tag verkündete.

Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
śaryātiḥ mānavaḥ rājā
der König Śaryāti, der Sohn Manus
brahmiṣṭhaḥ sambabhūva ha
war fürwahr der Frömmste (im Brahman Bewandertste)
yaḥ vā aṅgirasāṁ satre
er, bei der Opferversammlung der Aṅgirasas
dvitīyam ahaḥ ūcivān
verkündete den zweiten (Opfer-)Tag

sukanyā nāma tasyāsīt kanyā kamala-locanā / tayā sārdhaṁ vana-gato hy agamac cyavanāśramam

Er hatte eine lotusäugige Tochter namens Sukanyā; mit ihr zog er in den Wald und gelangte zur Einsiedelei Cyavanas.

Wort für Wort
sukanyā nāma
namens Sukanyā
tasya āsīt kanyā
hatte er eine Tochter
kamala-locanā
lotusäugig
tayā sārdham
mit ihr
vana-gataḥ hy agamat
zog er, in den Wald gehend, wahrlich
cyavana-āśramam
zur Einsiedelei Cyavanas

sā sakhībhiḥ parivṛtā vicinvanty aṅghripān vane / valmīka-randhre dadṛśe khadyote iva jyotiṣī

Von Freundinnen umgeben, durchstreifte sie im Wald die Bäume und erblickte in der Öffnung eines Ameisenhügels zwei leuchtende Punkte, einem Glühwürmchenpaar gleich.

Wort für Wort
sā sakhībhiḥ parivṛtā
sie, von Freundinnen umgeben
vicinvanty aṅghripān vane
die Bäume im Wald durchstreifend/absuchend
valmīka-randhre
in der Öffnung eines Ameisenhügels
dadṛśe
erblickte sie
khadyote iva jyotiṣī
zwei Lichter, einem Glühwürmchenpaar gleich

te daiva-coditā bālā jyotiṣī kaṇṭakena vai / avidhyan mugdha-bhāvena susrāvāsṛk tato bahiḥ

Vom Schicksal getrieben, durchstach das Mädchen jene beiden Lichter in kindlicher Unwissenheit mit einem Dorn - da floss Blut daraus hervor.

Wort für Wort
te jyotiṣī
jene beiden Lichter
daiva-coditā bālā
das vom Schicksal getriebene Mädchen
kaṇṭakena vai avidhyat
durchstach fürwahr mit einem Dorn
mugdha-bhāvena
in kindlicher Unwissenheit
susrāva asṛk tato bahiḥ
Blut floss von dort heraus

śakṛn-mūtra-nirodho 'bhūt sainikānāṁ ca tat-kṣaṇāt / rājarṣis tam upālakṣya puruṣān vismito 'bravīt

In jenem Augenblick befiel plötzlich alle Soldaten eine Verstopfung von Kot und Urin. Der königliche Weise bemerkte dies und sprach erstaunt zu seinen Männern:

Wort für Wort
śakṛt-mūtra-nirodhaḥ abhūt
es entstand eine Verstopfung von Kot und Urin
sainikānām ca tat-kṣaṇāt
bei den Soldaten, in diesem Augenblick
rājarṣiḥ tam upālakṣya
der königliche Weise, dies bemerkend
puruṣān vismitaḥ abravīt
sprach erstaunt zu seinen Männern

apy abhadraṁ na yuṣmābhir bhārgavasya viceṣṭitam / vyaktaṁ kenāpi nas tasya kṛtam āśrama-dūṣaṇam

Habt ihr etwa nichts Übles gegen den Nachkommen Bhṛgus verübt? Es ist offenkundig, dass jemand von uns eine Schändung seiner Einsiedelei begangen hat.

Wort für Wort
api abhadram
etwa Übles
na yuṣmābhir bhārgavasya viceṣṭitam
habt ihr wider den Nachkommen Bhṛgus verübt?
vyaktam kena api naḥ
offenkundig hat jemand von uns
tasya kṛtam āśrama-dūṣaṇam
eine Schändung seiner Einsiedelei begangen

sukanyā prāha pitaraṁ bhītā kiñcit kṛtaṁ mayā / dve jyotiṣī ajānantyā nirbhinne kaṇṭakena vai

Ängstlich sprach Sukanyā zu ihrem Vater: Ich habe etwas getan - ohne es zu wissen, habe ich zwei Lichter mit einem Dorn durchstochen.

Wort für Wort
sukanyā prāha pitaraṁ bhītā
Sukanyā sprach erschrocken zum Vater
kiñcit kṛtaṁ mayā
etwas habe ich getan
dve jyotiṣī ajānantyā
zwei Lichter, ohne es zu wissen
nirbhinne kaṇṭakena vai
durchstochen fürwahr mit einem Dorn

duhitus tad vacaḥ śrutvā śaryātir jāta-sādhvasaḥ / muniṁ prasādayām āsa valmīkāntarhitaṁ śanaiḥ

Als Śaryāti diese Worte seiner Tochter hörte, wurde er von Furcht ergriffen und versuchte behutsam, den Weisen, der im Ameisenhügel verborgen war, gnädig zu stimmen.

Wort für Wort
duhituḥ tad vacaḥ śrutvā
als er diese Worte der Tochter gehört hatte
śaryātir jāta-sādhvasaḥ
wurde Śaryāti von Furcht ergriffen
munim prasādayām āsa
er versuchte, den Weisen gnädig zu stimmen
valmīka-antarhitaṁ śanaiḥ
der im Ameisenhügel verborgen war, behutsam

tad-abhiprāyam ājñāya prādād duhitaraṁ muneḥ / kṛcchrān muktas tam āmantrya puraṁ prāyāt samāhitaḥ

Als er dessen Absicht erkannte, übergab er dem Weisen seine Tochter. Von der Bedrängnis befreit, verabschiedete er sich von ihm und zog gefassten Sinnes zur Stadt zurück.

Wort für Wort
tad-abhiprāyam ājñāya
dessen Absicht erkennend
prādād duhitaraṁ muneḥ
übergab er dem Weisen die Tochter
kṛcchrān muktaḥ
von der Bedrängnis befreit
tam āmantrya puraṁ prāyāt samāhitaḥ
von ihm Abschied nehmend zog er gefassten Sinnes zur Stadt

sukanyā cyavanaṁ prāpya patiṁ parama-kopanam / prīṇayām āsa citta-jñā apramattānuvṛttibhiḥ

Sukanyā, die nun Cyavana, den überaus jähzornigen Weisen, zum Gatten erhalten hatte, kannte sein Herz und erfreute ihn durch unermüdliche, achtsame Dienstbereitschaft.

Wort für Wort
sukanyā cyavanaṁ prāpya
Sukanyā, die Cyavana erlangt hatte
patiṁ parama-kopanam
als Gatten, den überaus Jähzornigen
prīṇayām āsa citta-jñā
erfreute ihn, seinen Sinn kennend
apramatta-anuvṛttibhiḥ
durch unabgelenkte, achtsame Dienstbereitschaft

kasyacit tv atha kālasya nāsatyāv āśramāgatau / tau pūjayitvā provāca vayo me dattam īśvarau

Nach einiger Zeit kamen die beiden Nāsatyas (Aśvinī-Kumāras) zur Einsiedelei. Er (Cyavana) erwies ihnen Verehrung und sprach: Ihr Mächtigen, schenkt mir Jugend!

Wort für Wort
kasyacit tv atha kālasya
nach einiger Zeit aber
nāsatyāv āśrama-āgatau
kamen die beiden Nāsatyas (Aśvins) zur Einsiedelei
tau pūjayitvā provāca
sie verehrend sprach er
vayo me dattam īśvarau
gebt mir Jugend, ihr Mächtigen

grahaṁ grahīṣye somasya yajñe vām apy asoma-poḥ / kriyatāṁ me vayo-rūpaṁ pramadānāṁ yad īpsitam

Ich werde beim Opfer für euch beide - obwohl ihr sonst keinen Soma trinken dürft - den Soma-Anteil in Anspruch nehmen; verschafft mir dafür Jugend und eine Gestalt, wie sie von Frauen begehrt wird.

Wort für Wort
grahaṁ grahīṣye somasya
ich werde den Soma-Anteil nehmen
yajñe vām apy asoma-poḥ
beim Opfer, auch für euch beide, die (ihr sonst) keinen Soma trinkt
kriyatāṁ me vayo-rūpam
verschafft mir Jugend und Gestalt
pramadānāṁ yad īpsitam
wie sie von Frauen begehrt wird

bāḍham ity ūcatur vipram abhinandya bhiṣaktamau / nimajjatāṁ bhavān asmin hrade siddha-vinirmite

'Einverstanden', sprachen die beiden besten Ärzte und stimmten dem Brahmanen freudig zu: 'Tauche, Ehrwürden, in diesen von den Siddhas bereiteten Teich ein.'

Wort für Wort
bāḍham ity ūcatuḥ
'Gut', sprachen die beiden
vipram abhinandya
den Brahmanen (Cyavana) beglückwünschend
bhiṣak-tamau
die beiden besten Ärzte
nimajjatāṁ bhavān asmin hrade
tauche Ehrwürden in diesen Teich ein
siddha-vinirmite
der von den Siddhas bereitet wurde

ity ukto jarayā grasta-deho dhamani-santataḥ / hradaṁ praveśito 'śvibhyāṁ valī-palita-vigrahaḥ

So angesprochen, wurde er - dessen Körper, von Falten und grauem Haar gezeichnet, vom Alter ergriffen und von hervortretenden Adern durchzogen war - von den beiden Aśvins in den Teich geführt.

Wort für Wort
ity uktaḥ
so angesprochen
jarayā grasta-dehaḥ
dessen Körper vom Alter ergriffen war
dhamani-santataḥ
von (hervortretenden) Adern durchzogen
hradaṁ praveśito 'śvibhyām
wurde von den beiden Aśvins in den Teich geführt
valī-palita-vigrahaḥ
dessen Gestalt von Falten und grauem Haar gezeichnet war

puruṣās traya uttasthur apīvyā vanitā-priyāḥ / padma-srajaḥ kuṇḍalinas tulya-rūpāḥ suvāsasaḥ

Drei Männer stiegen empor - wohlgestaltet, den Frauen begehrenswert, mit Lotosgirlanden und Ohrringen geschmückt, von gleicher Gestalt und schön gekleidet.

Wort für Wort
puruṣās trayaḥ uttasthuḥ
drei Männer stiegen empor
apīvyā vanitā-priyāḥ
wohlgestaltet, den Frauen begehrenswert
padma-srajaḥ kuṇḍalinaḥ
mit Lotosgirlanden und Ohrringen geschmückt
tulya-rūpāḥ suvāsasaḥ
von gleicher Gestalt, schön gekleidet

tān nirīkṣya varārohā sarūpān sūrya-varcasaḥ / ajānatī patiṁ sādhvī aśvinau śaraṇaṁ yayau

Als die schönhüftige, tugendhafte Sukanyā sie erblickte - allesamt gleichgestaltig und strahlend wie die Sonne -, erkannte sie ihren Gatten nicht und nahm Zuflucht bei den beiden Aśvins.

Wort für Wort
tān nirīkṣya varārohā
sie erblickend, die Schönhüftige
sarūpān sūrya-varcasaḥ
allesamt gleichgestaltig, strahlend wie die Sonne
ajānatī patiṁ sādhvī
ihren Gatten nicht erkennend, die Tugendhafte
aśvinau śaraṇaṁ yayau
nahm Zuflucht bei den beiden Aśvins

darśayitvā patiṁ tasyai pātivratyena toṣitau / ṛṣim āmantrya yayatur vimānena triviṣṭapam

Erfreut über ihre Gattentreue, zeigten sie ihr nun ihren wahren Gatten; dann nahmen sie vom Weisen Abschied und zogen mit ihrem Himmelswagen zum Himmel.

Wort für Wort
darśayitvā patiṁ tasyai
ihr den Gatten zeigend
pātivratyena toṣitau
erfreut über ihre Gattentreue
ṛṣim āmantrya
vom Weisen Abschied nehmend
yayatur vimānena triviṣṭapam
zogen die beiden mit ihrem Himmelswagen zum Himmel

yakṣyamāṇo 'tha śaryātiś cyavanasyāśramaṁ gataḥ / dadarśa duhituḥ pārśve puruṣaṁ sūrya-varcasam

Nun, da er ein Opfer darbringen wollte, begab sich Śaryāti zur Einsiedelei Cyavanas und erblickte an der Seite seiner Tochter einen Mann von sonnengleichem Glanz.

Wort für Wort
yakṣyamāṇo 'tha śaryātiḥ
Śaryāti, der nun opfern wollte
cyavanasyāśramaṁ gataḥ
zur Einsiedelei Cyavanas gegangen
dadarśa duhituḥ pārśve
erblickte er an der Seite seiner Tochter
puruṣaṁ sūrya-varcasam
einen Mann von sonnengleichem Glanz

rājā duhitaraṁ prāha kṛta-pādābhivandanām / āśiṣaś cāprayuñjāno nātiprītimanā iva

Der König sprach zu seiner Tochter, die sich ihm zu Füßen verneigt hatte, ohne ihr seinen Segen zu erteilen, gleichsam nicht sonderlich erfreuten Herzens:

Wort für Wort
rājā duhitaraṁ prāha
der König sprach zur Tochter
kṛta-pādābhivandanām
die sich (ihm) zu Füßen verneigt hatte
āśiṣaś cāprayuñjānaḥ
ohne ihr seinen Segen zu erteilen
nātiprītimanā iva
gleichsam nicht sonderlich erfreuten Herzens

cikīrṣitaṁ te kim idaṁ patis tvayā pralambhito loka-namaskṛto muniḥ / yat tvaṁ jarā-grastam asatya-sammataṁ vihāya jāraṁ bhajase 'mum adhvagam

Was hast du dir vorgenommen? Deinen Gatten, den von aller Welt verehrten Weisen, hast du betrogen, da du den vom Alter gezeichneten [Gatten] verlässt und dich diesem Landstreicher, einem Liebhaber, zuwendest, der [nur] bei den Unaufrichtigen Anerkennung findet [?].

Wort für Wort
cikīrṣitaṁ te kim idam
was hast du dir vorgenommen?
patis tvayā pralambhitaḥ
dein Gatte wurde von dir betrogen
loka-namaskṛto muniḥ
der von aller Welt verehrte Weise
yat tvaṁ jarā-grastam
da du den vom Alter Ergriffenen
asatya-sammatam
den bei den Unaufrichtigen geschätzten/missachteten [?]
vihāya jāraṁ bhajase
verlässt und dich einem Liebhaber zuwendest
amum adhvagam
diesem Landstreicher

'asatya-sammataṁ' ist doppeldeutig (bezieht sich möglicherweise auf den verkannten Gatten oder auf den vermeintlichen Liebhaber, der 'bei Unaufrichtigen Anerkennung findet'); mit [?] markiert.

kathaṁ matis te 'vagatānyathā satāṁ kula-prasūte kula-dūṣaṇaṁ tv idam / bibharṣi jāraṁ yad apatrapā kulaṁ pituś ca bhartuś ca nayasy adhas tamaḥ

Wie konnte sich dein Sinn so in die Irre wenden, du in einem Geschlecht der Rechtschaffenen Geborene? Dies ist fürwahr eine Schändung des Geschlechts! Da du schamlos einen Liebhaber hegst, stürzt du die Familie sowohl deines Vaters als auch deines Gatten in tiefste Finsternis.

Wort für Wort
kathaṁ matis te 'vagatānyathā
wie konnte dein Sinn sich so in die Irre wenden
satāṁ kula-prasūte
o du, geboren in einem Geschlecht der Rechtschaffenen
kula-dūṣaṇaṁ tv idam
dies ist fürwahr eine Schändung des Geschlechts
bibharṣi jāram
du hegst einen Liebhaber
yad apatrapā
da du schamlos bist
kulaṁ pituś ca bhartuś ca
das Geschlecht sowohl des Vaters als auch des Gatten
nayasy adhas tamaḥ
stürzt du in tiefste Finsternis

evaṁ bruvāṇaṁ pitaraṁ smayamānā śuci-smitā / uvāca tāta jāmātā tavaiṣa bhṛgu-nandanaḥ

Zu ihrem so sprechenden Vater sagte sie lächelnd, mit reinem Lächeln: 'Vater, dies ist dein Schwiegersohn, der Nachkomme Bhṛgus!'

Wort für Wort
evaṁ bruvāṇaṁ pitaram
zum so sprechenden Vater
smayamānā śuci-smitā
lächelnd, mit reinem Lächeln
uvāca tāta
sprach sie: Vater
jāmātā tavaiṣa bhṛgu-nandanaḥ
dies ist dein Schwiegersohn, der Nachkomme Bhṛgus

śaśaṁsa pitre tat sarvaṁ vayo-rūpābhilambhanam / vismitaḥ parama-prītas tanayāṁ pariṣasvaje

Sie berichtete ihrem Vater das alles - wie Cyavana Jugend und neue Gestalt erlangt hatte. Erstaunt und höchst erfreut umarmte er seine Tochter.

Wort für Wort
śaśaṁsa pitre tat sarvam
sie berichtete dem Vater das alles
vayo-rūpābhilambhanam
das Erlangen von Jugend und Gestalt
vismitaḥ parama-prītaḥ
erstaunt und höchst erfreut
tanayāṁ pariṣasvaje
umarmte er seine Tochter

somena yājayan vīraṁ grahaṁ somasya cāgrahīt / asoma-po 'py aśvinoś cyavanaḥ svena tejasā

Cyavana, der für den Helden Śaryāti das Somaopfer vollzog, nahm nun kraft seiner eigenen Macht auch den Soma-Anteil für die beiden Aśvins, obgleich diese sonst keinen Soma trinken durften.

Wort für Wort
somena yājayan vīram
während er den Helden (Śaryāti) mit Soma opfern ließ
grahaṁ somasya cāgrahīt
nahm er auch den Soma-Anteil
asoma-po 'py aśvinoḥ
für die beiden Aśvins, obwohl (sie sonst) keinen Soma trinken durften
cyavanaḥ svena tejasā
Cyavana, kraft seiner eigenen Macht

hantuṁ tam ādade vajraṁ sadyo manyur amarṣitaḥ / savajraṁ stambhayām āsa bhujam indrasya bhārgavaḥ

Da ergriff Indra sogleich, von Zorn erfüllt, den Donnerkeil, um ihn zu töten. Doch der Nachkomme Bhṛgus ließ Indras Arm samt dem Donnerkeil erstarren.

Wort für Wort
hantuṁ tam ādade vajram
um ihn zu töten, ergriff er den Donnerkeil
sadyo manyur amarṣitaḥ
sogleich, von Zorn erfüllt (Indra)
savajraṁ stambhayām āsa
ließ samt dem Donnerkeil erstarren
bhujam indrasya bhārgavaḥ
den Arm Indras, der Nachkomme Bhṛgus

anvajānaṁs tataḥ sarve grahaṁ somasya cāśvinoḥ / bhiṣajāv iti yat pūrvaṁ somāhutyā bahiṣkṛtau

Daraufhin billigten alle Götter den Soma-Anteil auch für die beiden Aśvins, die zuvor - weil sie bloß Ärzte seien - von der Soma-Opfergabe ausgeschlossen gewesen waren.

Wort für Wort
anvajānaṁs tataḥ sarve
daraufhin billigten alle (Götter)
grahaṁ somasya cāśvinoḥ
den Soma-Anteil auch für die beiden Aśvins
bhiṣajāv iti yat pūrvam
die zuvor, weil (bloß) Ärzte
somāhutyā bahiṣkṛtau
von der Soma-Opfergabe ausgeschlossen waren

uttānabarhir ānarto bhūriṣeṇa iti trayaḥ / śaryāter abhavan putrā ānartād revato 'bhavat

Uttānabarhi, Ānarta und Bhūriṣeṇa - diese drei waren die Söhne Śaryātis. Von Ānarta stammte Revata.

Wort für Wort
uttānabarhir ānarto bhūriṣeṇaḥ
Uttānabarhi, Ānarta, Bhūriṣeṇa
iti trayaḥ
diese drei
śaryāter abhavan putrāḥ
waren die Söhne Śaryātis
ānartād revato 'bhavat
von Ānarta stammte Revata

so 'ntaḥ-samudre nagarīṁ vinirmāya kuśasthalīm / āsthito 'bhuṅkta viṣayān ānartādīn arindama / tasya putra-śataṁ jajñe kakudmi-jyeṣṭham uttamam

Er (Revata) erbaute inmitten des Meeres eine Stadt namens Kuśasthalī, ließ sich dort nieder und beherrschte, o Bezwinger der Feinde, die Länder Ānarta und andere. Ihm wurden hundert vortreffliche Söhne geboren, deren ältester Kakudmī war.

Wort für Wort
so 'ntaḥ-samudre
er, inmitten des Meeres
nagarīṁ vinirmāya kuśasthalīm
eine Stadt namens Kuśasthalī erbauend
āsthito 'bhuṅkta viṣayān
dort weilend, beherrschte er die Länder
ānartādīn arindama
Ānarta und andere, o Bezwinger der Feinde
tasya putra-śataṁ jajñe
ihm wurden hundert Söhne geboren
kakudmi-jyeṣṭham uttamam
vortrefflich, mit Kakudmī als ältestem

Dieser Vers umfasst im Quelltext ungewöhnlicherweise drei Zeilen (sechs Pādas) statt der üblichen zwei Zeilen.

kakudmī revatīṁ kanyāṁ svām ādāya vibhuṁ gataḥ / putryā varaṁ paripraṣṭuṁ brahmalokam apāvṛtam

Kakudmī nahm seine Tochter Revatī mit sich und begab sich zum Erhabenen (Brahmā), zum ihm offenstehenden Brahma-Loka, um für seine Tochter um einen geeigneten Gatten zu bitten.

Wort für Wort
kakudmī revatīṁ kanyāṁ svām
Kakudmī nahm seine Tochter Revatī
ādāya vibhuṁ gataḥ
mit sich und begab sich zum Erhabenen (Brahmā)
putryā varaṁ paripraṣṭum
um für die Tochter einen Gatten zu erfragen
brahmalokam apāvṛtam
zum (ihm) offenstehenden Brahma-Loka

'apāvṛtam' (wörtl. 'unverschlossen/offenliegend') hier im Sinne von 'für ihn zugänglich' übersetzt.

āvartamāne gāndharve sthito 'labdha-kṣaṇaḥ kṣaṇam / tad-anta ādyam ānamya svābhiprāyaṁ nyavedayat

Während gerade eine Gandharva-Darbietung im Gange war, wartete er, ohne auch nur einen Augenblick Gehör zu finden. Als sie zu Ende war, verneigte er sich vor dem Urersten (Brahmā) und trug sein Anliegen vor.

Wort für Wort
āvartamāne gāndharve
während eine Gandharva-Darbietung im Gange war
sthito 'labdha-kṣaṇaḥ kṣaṇam
wartete er, ohne einen Augenblick Gehör zu finden
tad-anta ādyam ānamya
an deren Ende, sich vor dem Urersten verneigend
svābhiprāyaṁ nyavedayat
trug er sein Anliegen vor

tac chrutvā bhagavān brahmā prahasya tam uvāca ha / aho rājan niruddhās te kālena hṛdi ye kṛtāḥ

Als der erhabene Brahmā dies gehört hatte, lachte er und sprach zu ihm: 'Ach, o König! Jene, die du in deinem Herzen als Freier erwogen hattest, sind längst von der Zeit dahingerafft worden.'

Wort für Wort
tac chrutvā bhagavān brahmā
dies gehört habend, der erhabene Brahmā
prahasya tam uvāca ha
lachend sprach er fürwahr zu ihm
aho rājan
ach, o König
niruddhās te kālena
jene sind durch die Zeit zunichtegemacht
hṛdi ye kṛtāḥ
die du im Herzen (als Freier) erwogen hattest

tat putra-pautra-naptṝṇāṁ gotrāṇi ca na śṛṇmahe / kālo 'bhiyātas tri-ṇava-catur-yuga-vikalpitaḥ

Selbst von deren Söhnen, Enkeln und Urenkeln vernehmen wir die Geschlechternamen nicht mehr; es sind bereits siebenundzwanzig Catur-yugas (Vier-Zeitalter-Zyklen) verstrichen.

Wort für Wort
tat putra-pautra-naptṝṇām
deren Söhne, Enkel und Urenkel
gotrāṇi ca na śṛṇmahe
deren Geschlechternamen vernehmen wir nicht einmal mehr
kālo 'bhiyātaḥ
die Zeit ist vergangen
tri-ṇava-catur-yuga-vikalpitaḥ
bestehend aus siebenundzwanzig (3×9) Catur-yugas

[Anm.: Der Quelltext (GRETIL) hat 'śṛṇmahe' statt der grammatisch erwarteten Form 'śṛṇumahe' ('wir hören'); vermutlich metrische Verkürzung oder Transkriptionsvariante der Ausgabe.]

tad gaccha deva-devāṁśo baladevo mahā-balaḥ / kanyā-ratnam idaṁ rājan nara-ratnāya dehi bhoḥ

Darum geh: Eine Teilmanifestation des Gottes der Götter, der überaus starke Baladeva, weilt jetzt auf Erden - gib, o König, dieses Juwel von einer Tochter diesem Juwel unter den Männern!

Wort für Wort
tad gaccha
darum geh
deva-devāṁśo baladevo mahā-balaḥ
der überaus starke Baladeva, eine Teilmanifestation des Gottes der Götter
kanyā-ratnam idaṁ rājan
dieses Juwel von einer Tochter, o König
nara-ratnāya dehi bhoḥ
gib sie dem Juwel unter den Männern, wohlan

bhuvo bhārāvatārāya bhagavān bhūta-bhāvanaḥ / avatīrṇo nijāṁśena puṇya-śravaṇa-kīrtanaḥ

Der Erhabene, der Wohltäter aller Wesen, dessen Hören und Preisen heilig macht, ist mit seiner eigenen Teilmanifestation herabgestiegen, um die Last der Erde hinwegzunehmen.

Wort für Wort
bhuvo bhārāvatārāya
um die Last der Erde hinwegzunehmen
bhagavān bhūta-bhāvanaḥ
der Erhabene, der Wohltäter aller Wesen
avatīrṇo nijāṁśena
ist mit seiner eigenen Teilmanifestation herabgestiegen
puṇya-śravaṇa-kīrtanaḥ
dessen Hören und Preisen heilbringend ist

ity ādiṣṭo 'bhivandyājaṁ nṛpaḥ sva-puram āgataḥ / tyaktaṁ puṇya-jana-trāsād bhrātṛbhir dikṣv avasthitaiḥ

So unterwiesen, verehrte der König den Ungeborenen (Brahmā) und kehrte in seine Stadt zurück - die er nun verlassen vorfand, denn seine Brüder hatten sie aus Furcht vor den Puṇyajanas (Dämonen) aufgegeben und sich in verschiedenen Himmelsrichtungen niedergelassen.

Wort für Wort
ity ādiṣṭaḥ
so unterwiesen
abhivandyājam
den Ungeborenen (Brahmā) verehrend
nṛpaḥ sva-puram āgataḥ
kehrte der König in seine Stadt zurück
tyaktaṁ puṇya-jana-trāsāt
die er nun verlassen vorfand, aus Furcht vor den Puṇyajanas
bhrātṛbhir dikṣv avasthitaiḥ
durch seine Brüder, die sich in verschiedenen Himmelsrichtungen niedergelassen hatten

sutāṁ dattvānavadyāṅgīṁ balāya balaśāline / badaryākhyaṁ gato rājā taptuṁ nārāyaṇāśramam

Nachdem er seine makellos gestaltete Tochter dem kraftvollen Baladeva gegeben hatte, zog der König zu dem als Badarī bekannten Ort, zur Einsiedelei Nārāyaṇas, um dort Buße zu üben.

Wort für Wort
sutāṁ dattvānavadyāṅgīm
nachdem er die makellos gestaltete Tochter gegeben hatte
balāya balaśāline
dem kraftvollen Bala(deva)
badaryākhyaṁ gato rājā
zog der König zu dem als Badarī bekannten Ort
taptuṁ nārāyaṇāśramam
um Buße zu üben, zur Einsiedelei Nārāyaṇas

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