Kapitel 191: purūravā-urvaśī-mohanam
König Purūravā, von Urvaśī bezaubert
Sanskrit-Text und Verszählung nach GRETIL (bhp_09u.htm), da vedabase.io ab Vers 2 durch Ratenbegrenzung (HTTP 429) blockiert war. Übersetzung und Wort-für-Wort-Glossen eigenständig aus dem Sanskrit erarbeitet.
Śrī Śuka sprach: Nun höre, o König, von der reinigenden Dynastie des Mondgottes Soma, in der Könige wie Aila (Purūravā) und andere gepriesen werden, deren Ruhm heilig ist.
Aus dessen Augen entstand der Sohn Soma, ganz aus Nektar bestehend; von Brahmā wurde er zum Herrn der Brahmanen, der Heilkräuter und der Sternengruppen (Nakṣatras) eingesetzt.
Er (Soma) vollzog, nachdem er die drei Welten erobert hatte, das Rājasūya-Opfer; aus Hochmut raubte er gewaltsam Tārā, die Gattin Bṛhaspatis, mit Namen.
yadā sa deva-guruṇā yācito 'bhīkṣṇaśo madāt
nātyajat tat-kṛte jajñe sura-dānava-vigrahaḥ
Als er (Soma), obwohl vom Guru der Götter (Bṛhaspati) wiederholt gebeten, sie aus Rausch (Stolz) nicht zurückgab, entstand ihretwegen ein Kampf zwischen Göttern und Dämonen.
Śukra ergriff aus Feindschaft gegen Bṛhaspati [die Partei] des Mondes samt den Dämonen; Hara (Śiva) [unterstützte], von seinen Scharen aller Wesen umgeben, aus Zuneigung den Sohn des Guru (Atri, d.h. Soma).
Wort für Wort
śukraḥ
Śukra
bṛhaspateḥ dveṣāt
aus Feindschaft gegen Bṛhaspati
agrahīt
ergriff, nahm Partei für
sa-asura-uḍupam
den Mond samt den Dämonen
haraḥ
Hara (Śiva)
guru-sutam
den Sohn des Guru (Atris)
snehāt
aus Zuneigung
sarva-bhūta-gaṇa-āvṛtaḥ
umgeben von allen Scharen der Wesen
[Anm.: "guru-sutam" bezieht sich auf Soma als Sohn des Weisen Atri; Śiva unterstützt ihn aus Zuneigung.]
Mahendra, begleitet von allen Scharen der Götter, [stand] aus Gefolgschaft zum Guru [Bṛhaspati auf dessen Seite]; [so] entstand die Vernichtung von Göttern und Dämonen, die Schlacht, die Tārakāmaya ("das Verlangen nach Tārā") genannt wird.
Dann, von Āṅgirasa (Bṛhaspati) unterrichtet, tadelte der Weltenschöpfer (Brahmā) Soma streng und ließ ihn Tārā ihrem eigenen Gatten zurückgeben; der Gatte erkannte, dass sie schwanger war.
[Bṛhaspati sprach:] Verstoße, verstoße rasch, du Törin, [das Kind], das von einem anderen in meinem Feld [Schoß] gesät wurde; ich werde dich nicht zu Asche verbrennen, o Frau, die du in Bezug auf Nachkommenschaft untreu bist.
mamāyaṁ na taveti uccais tasmin vivadamānayoḥ
papracchur ṛṣayo devā naivoce vrīḍitā tu sā
"Er ist mein, nicht deiner!" - so stritten sie laut über ihn; die Weisen und Götter fragten [Tārā, wer der Vater sei], doch sie, beschämt, sagte es nicht.
Wort für Wort
mama ayam
er ist mein
na tava iti
"nicht deiner", [sprachen sie]
uccaiḥ
laut
tasmin vivadamānayoḥ
während die beiden [Bṛhaspati und Soma] über ihn stritten
kumāro mātaraṁ prāha kupito 'līka-lajjayā
kiṁ na vacasy asad-vṛtte ātmāvadyaṁ vadāśu me
Der Knabe, zornig über die falsche Scham [seiner Mutter], sprach zu seiner Mutter: "Warum sprichst du nicht, du Schamlose? Sage mir rasch meinen [eigenen] Ursprung."
Der Selbstgeborene (Brahmā) gab ihm den Namen Budha, o König; durch diesen Sohn von tiefgründiger Weisheit erlangte der Sternenherr (Soma) Freude.
Wort für Wort
tasya
ihm
ātma-yoniḥ
der Selbstgeborene (Brahmā)
akṛta abhidhām
gab den Namen
budhaḥ iti
"Budha"
nṛpa
o König
buddhyā gambhīrayā
durch [seine] tiefgründige Weisheit
yena putreṇa
durch welchen Sohn
āpa uḍurāṭ
der Sternenherr (Soma) erlangte
mudam
Freude
[Anm.: Die Verbform āpa (von √āp) ist im GRETIL-Text mit dem folgenden Wort verschmolzen wiedergegeben (apoḍurāṇ); Lesart nach Sandhi-Auflösung āpa uḍurāṭ.]
tataḥ purūravā jajñe ilāyāṁ ya udāhṛtaḥ
tasya rūpa-guṇaudārya- śīla-draviṇa-vikramān
Dann wurde Purūravā von Iḷā geboren, der [im Folgenden] beschrieben wird; seine Schönheit, Tugenden, Großmut, sein Charakter, Reichtum und seine Tapferkeit -
Wort für Wort
tataḥ
dann
purūravāḥ jajñe
Purūravā wurde geboren
ilāyām
von Iḷā
yaḥ udāhṛtaḥ
der [nun] beschrieben wird
tasya
seine
rūpa-guṇa-audārya-śīla-draviṇa-vikramān
Schönheit, Tugend, Großmut, Charakter, Reichtum und Tapferkeit
- als sie [diese], im Palast Indras vom Götterweisen [Nārada] besungen, hörte, näherte sich Urvaśī ihm, die Göttin, von den Pfeilen des Liebesgottes gepeinigt.
Sie, die durch den Fluch von Mitra und Varuṇa in die Menschenwelt geraten war, hatte von dem besten der Männer gehört, der an Gestalt dem Liebesgott gleiche; die liebreizende [Frau] fasste sich in Geduld und trat vor ihn hin.
sa tāṁ vilokya nṛpatir harṣeṇotphulla-locanaḥ
uvāca ślakṣṇayā vācā devīṁ hṛṣṭa-tanūruhaḥ
Der König, sie erblickend, seine Augen vor Freude weit geöffnet, sprach mit sanfter Stimme zur Göttin, während sich seine Körperhaare vor Entzücken sträubten.
śrī-rājovāca
svāgataṁ te varārohe āsyatāṁ karavāma kim
saṁramasva mayā sākaṁ ratir nau śāśvatīḥ samāḥ
Der König sprach: Willkommen sei dir, du Schönhüftige! Setze dich; was können wir tun? Erfreue dich zusammen mit mir - möge unsere Liebe ewige Jahre [währen].
urvaśy uvāca
kasyās tvayi na sajjeta mano dṛṣṭiś ca sundara
yad aṅgāntaram āsādya cyavate ha riraṁsayā
Urvaśī sprach: Wessen [Frau] Geist und Blick würden sich nicht an dich heften, du Schöner, da [jede Frau], die deiner Nähe begegnet, vor Verlangen nach Liebesvereinigung dahinschmilzt?
O König, bewahre diese beiden Lämmer als anvertrautes Gut, du Ehrenwerter; ich werde mich mit dir vereinen - du bist rühmenswert, als der beste unter den [von] Frauen [Begehrten] bekannt.
Wort für Wort
etau uraṇakau
diese beiden Lämmer
rājan
o König
nyāsau
als anvertrautes Gut/Pfand
rakṣasva
bewahre
māna-da
o Ehrenwerter (der Achtung gewährt)
saṁraṁsye bhavatā sākam
ich werde mich mit dir vereinen
ślāghyaḥ
rühmenswert
strīṇām varaḥ smṛtaḥ
als der Beste unter [den von] Frauen [Begehrten] bekannt
ghṛtaṁ me vīra bhakṣyaṁ syān nekṣe tvānyatra maithunāt
vivāsasaṁ tat tatheti pratipede mahā-manāḥ
"Geklärte Butter sei meine Nahrung, o Held, und außer bei der Vereinigung möge ich dich nicht unbekleidet sehen." - "So sei es", nahm der Großherzige diese Bedingung an.
aho rūpam aho bhāvo nara-loka-vimohanam
ko na seveta manujo devīṁ tvāṁ svayam āgatām
"Oh, welche Schönheit, oh, welcher Liebreiz, der die Menschenwelt betört! Welcher Mensch würde dich, die Göttin, die von selbst gekommen ist, nicht verehren?"
Wort für Wort
aho rūpam
oh, welche Schönheit
aho bhāvaḥ
oh, welcher Liebreiz/welches Wesen
nara-loka-vimohanam
das die Menschenwelt betört
kaḥ na seveta manujaḥ
welcher Mensch würde nicht verehren
devīm tvām
dich, die Göttin
svayam āgatām
die von selbst gekommen ist
[Anm.: Vermutlich ein Ausruf Śukadevas selbst, der die Erzählung unterbricht; kein Sprecherwechsel im Text vermerkt.]
tayā sa puruṣa-śreṣṭho ramayantyā yathārhataḥ
reme sura-vihāreṣu kāmaṁ caitraratha-ādiṣu
Mit ihr, die ihn erfreute, genoss jener beste der Männer, wie es sich geziemte, nach Belieben in den göttlichen Lustgärten wie Caitraratha und anderen.
Sich vergnügend mit jener Göttin, die nach Lotuspollen duftete, seiner Sinne beraubt durch den Duft ihres Antlitzes, freute er sich viele Reihen von Tagen hindurch.
Wort für Wort
ramamāṇaḥ
sich vergnügend
tayā devyā
mit jener Göttin
padma-kiñjalka-gandhayā
die nach Lotuspollen duftete
tat-mukha-āmoda-muṣitaḥ
beraubt [seiner Sinne] durch den Wohlgeruch ihres Antlitzes
Sie [die Gandharvas] kamen mitten in der Nacht, als die Dunkelheit hereingebrochen war, und raubten die beiden Lämmer Urvaśīs, die von der Gattin dem König anvertraut worden waren.
Als die Göttin das Klagen der beiden "Söhne" hörte, die fortgetragen wurden, [sprach sie]: "Ich bin zugrunde gerichtet durch diesen schlechten Beschützer, einen Unmann, der sich für einen Helden hält!"
"Auf dessen Vertrauen hin ich zugrunde gehe, meiner Kinder durch Diebe beraubt - [ihm], der nachts verängstigt daliegt wie eine Frau, [und nur] am Tage wie ein Mann [erscheint]."
te visṛjyoraṇau tatra vyadyotanta sma vidyutaḥ
ādāya meṣāv āyāntaṁ nagnam aikṣata sā patim
Sie [die Gandharvas], die dort die beiden Lämmer fallen ließen, leuchteten auf wie Blitze; sie [Urvaśī] erblickte ihren Gatten, der die beiden Lämmer geholt hatte, nackt herankommend.
Auch Aila (Purūravā), der seine Gattin nicht auf dem Lager sah, wie geistesabwesend, mit auf sie gerichtetem Sinn, verzweifelt und klagend, wanderte wie ein Wahnsinniger über die Erde.
sa tāṁ vīkṣya kurukṣetre sarasvatyāṁ ca tat-sakhīḥ
pañca prahṛṣṭa-vadanaḥ prāha sūktaṁ purūravāḥ
Er, sie in Kurukṣetra an der [Flusses] Sarasvatī erblickend, zusammen mit ihren fünf Gefährtinnen, sprach Purūravā mit freudestrahlendem Antlitz wohlgesetzte Worte.
"Dieser schöne Körper fällt hier hin, o Göttin, von dir weit fortgetragen; Wölfe und Geier werden ihn verzehren, [da er] keine Stätte deiner Gnade mehr [ist]."
urvaśy uvāca
mā mṛthāḥ puruṣo 'si tvaṁ mā sma tvādyur vṛkā ime
kvāpi sakhyaṁ na vai strīṇāṁ vṛkāṇāṁ hṛdayaṁ yathā
Urvaśī sprach: "Stirb nicht! Du bist ein Mann. Mögen dich diese Wölfe heute nicht fressen. Mit Frauen gibt es nirgends Freundschaft, denn [ihr Herz] gleicht dem Herzen der Wölfe."
"Frauen sind ja mitleidlos, grausam, unduldsam, verwegenen Taten zugeneigt; sie töten selbst aus geringem Anlass den vertrauenden Gatten oder sogar den Bruder."
"Nachdem sie bei den Unwissenden falsches Vertrauen erweckt haben, ihre Zuneigung aufgebend, stets nach einem neuen [Liebhaber] verlangend, [sind sie] Wankelmütige, die nach eigenem Belieben handeln."
antarvatnīm upālakṣya devīṁ sa prayayau purīm
punas tatra gato 'bdānte urvaśīṁ vīra-mātaram
Nachdem er bemerkt hatte, dass die Göttin schwanger war, kehrte er in seine Stadt zurück; wieder dorthin gegangen, [fand er] am Ende des Jahres Urvaśī, die Mutter eines Helden [geworden].
Nachdem er sie gefunden hatte, verbrachte er, von Freude erfüllt, die Nacht mit ihr; dann sprach Urvaśī zu ihm, der elend und von Trennungsschmerz gequält war.
gandharvān upadhāvemāṁs tubhyaṁ dāsyanti mām iti
tasya saṁstuvatas tuṣṭā agni-sthālīṁ dadur nṛpa
urvaśīṁ manyamānas tāṁ so 'budhyata caran vane
"Wende dich verehrend an diese Gandharvas; sie werden mich dir [für immer] geben." - Während er sie pries, gaben sie, zufrieden gestellt, [ihm] ein Feuergefäß, o König; dieses für Urvaśī haltend, erkannte er, im Wald umherziehend, [die Wahrheit].
Nachdem er das Gefäß im Wald niedergesetzt und war nach Hause gegangen, entstand, als er nachts in Gedanken versunken war, als die Tretā [-Ordnung, das Ritual] sich entfaltete, das dreifache [Wissen der Veden] in seinem Geist.
Wort für Wort
sthālīm nyasya vane
das Gefäß im Wald niedersetzend
gatvā gṛhān
nach Hause gegangen
ādhyāyataḥ niśi
während er nachts in Gedanken versunken war
tretāyām sampravṛttāyām
als die Tretā (das dreifache Feueropfer) sich entfaltete
manasi trayī avartata
entstand das dreifache [Vedenwissen] im Geist
[Anm.: "tretāyām" kann sowohl das dreifache Feueropfer als auch das Tretā-Zeitalter bezeichnen; hier im Sinn des sich entfaltenden dreifachen Feuerrituals verstanden.]
sthālī-sthānaṁ gato 'śvatthaṁ śamī-garbhaṁ vilakṣya saḥ
tena dve araṇī kṛtvā urvaśī-loka-kāmyayā
Er, zu der Stelle des Gefäßes gegangen, bemerkte einen Aśvattha-Baum, der im Innern eines Śamī-Baumes wuchs; daraus fertigte er zwei Reibhölzer, aus Verlangen nach der Welt Urvaśīs.
Wort für Wort
sthālī-sthānam gataḥ
zur Stelle des Gefäßes gegangen
aśvattham śamī-garbham
einen Aśvattha[-Baum] im Innern eines Śamī[-Baumes]
Während er nach der Vorschrift des Mantras Urvaśī als das untere Reibholz meditierte und [sich selbst] als das obere, [und] sich selbst zwischen beiden, [vollzog] der Herrscher jenes [Ritual des] Erzeugens.
Wort für Wort
urvaśīm mantrataḥ dhyāyan
Urvaśī gemäß der Mantra-Vorschrift meditierend
adhara-araṇim uttarām
[und] das untere und obere Reibholz [entsprechend]
ātmānam ubhayoḥ madhye
sich selbst zwischen beiden
yat tat prajananam
jenes Erzeugen
prabhuḥ
der Herrscher [vollzog]
[Anm.: Die Syntax ist elliptisch; "adharāraṇim" und "uttarām" beziehen sich vermutlich auf Urvaśī als unteres und Purūravā selbst als oberes Reibholz.]
Aus seinem Reiben entstand Jātavedas, der Alldurchleuchtende (Agni); dieser wurde durch das dreifache [Veden-]Wissen vom König in dreifacher Form in die Stellung eines Sohnes eingesetzt.
Mit diesem [Feuer] verehrte er den Herrn des Opfers, den Erhabenen, den Transzendentalen, Hari, der alle Götter in sich vereint, im Verlangen nach der Welt Urvaśīs.
Wort für Wort
tena
mit diesem [Feuer]
ayajata
verehrte er
yajña-īśam
den Herrn des Opfers
bhagavantam adhokṣajam
den Erhabenen, den Transzendentalen (jenseits der Sinne)
eka eva purā vedaḥ praṇavaḥ sarva-vāṅmayaḥ
devo nārāyaṇo nānya eko 'gnir varṇa eva ca
Einst war der Veda nur einer, die Silbe Om, bestehend aus aller Rede; [es gab] den einen Gott Nārāyaṇa und keinen anderen, ein einziges Feuer und auch nur einen [gesellschaftlichen] Stand.
Durch Purūravā allein entstand, o König, am Anfang der Tretā[-Ordnung] das dreifache [Vedenwissen]; durch das Feuer und durch die Nachkommenschaft gelangte der König in die Welt der Gandharvas.