Śrī Bādarāyaṇi [Śukadeva] sprach: Als der stierbannertragende Śiva dies vernommen hatte – daß Hari die Dānavas durch die Gestalt einer Frau getäuscht und die Scharen der Götter den Soma hatte trinken lassen –, bestieg der Bergbewohner [Śiva] seinen Stier und zog, umgeben von allen Scharen seiner Geisterwesen, zusammen mit der Göttin [Umā] dorthin, um zu sehen, wo der Töter des Madhu [Viṣṇu] weilte.
Von dem Herrn ehrerbietig willkommen geheißen, ließ sich Bhava [Śiva] zusammen mit Umā bequem nieder; und nachdem er Hari verehrt hatte, sprach er lächelnd dieses [im Folgenden Gesagte].
Śrī Mahādeva sprach: O Gott der Götter, o alldurchdringender, o Herr der Welt, o der du aus der Welt bestehst – du bist das Selbst, die Ursache und der Gebieter aller Seinszustände.
ādy-antāv asya yan madhyam idam anyad ahaṁ bahiḥ / yato 'vyayasya naitāni tat satyaṁ brahma cid bhavān
Anfang und Ende dieser [Welt] und was ihre Mitte ist, dies, ein anderes, ich, [oder] außerhalb – all dies gibt es nicht wirklich beim Unvergänglichen; du, verehrter Herr, bist das Wahre, das Brahman, das reine Bewußtsein.
Allein deinen Lotosfuß verehren die Weisen, die, ohne [weltliche] Wünsche, nach dem höchsten Heil begehren und die Anhaftung auf beiden Seiten [an diese und die jenseitige Welt] aufgegeben haben.
Du bist das Brahman – vollkommen, unsterblich, frei von den [materiellen] Erscheinungsweisen, frei von Kummer, reine Wonne, unveränderlich, ohne ein Anderes [neben dir] und doch alles andere [zugleich]; du bist die Ursache von Entstehen, Bestehen und Vergehen des Universums und der innere Lenker [aller Lenker], und obwohl alles von dir abhängt, bist du selbst von nichts abhängig.
ekas tvam eva sad asad dvayam advayaṁ ca / svarṇaṁ kṛtākṛtam iveha na vastu-bhedaḥ / ajñānatas tvayi janair vihito vikalpo / yasmād guṇa-vyatikaro nirupādhikasya
Du allein bist sowohl das Seiende als auch das Nicht-Seiende, beides und doch ohne Zweiheit – wie Gold, ob verarbeitet oder unverarbeitet, in der Substanz keinen Unterschied kennt. Nur aus Unwissenheit wird von den Menschen eine Zweiheit an dir angenommen; darum ist die Vermischung der Erscheinungsweisen [nur scheinbar] bei dir, der du frei von jeder [materiellen] Kennzeichnung bist.
Wort für Wort
ekaḥ
einzig
tvam
du
eva
wahrlich
sat
das Seiende (Wirkung)
asat
das Nicht-Seiende (Ursache)
dvayam
beides
advayam
ohne Zweiheit
ca
und
svarṇam
Gold
kṛta
verarbeitet
akṛtam
unverarbeitet
iva
wie
iha
hier
na
nicht
vastu-bhedaḥ
Unterschied der Substanz
ajñānataḥ
aus Unwissenheit
tvayi
an dir
janaiḥ
von den Menschen
vihitaḥ
angenommen
vikalpaḥ
Zweiheit/Unterscheidung
yasmāt
weshalb
guṇa-vyatikaraḥ
die Vermischung der Erscheinungsweisen
nirupādhikasya
dessen, der frei von (materieller) Kennzeichnung ist
Dich erkennen manche als das Brahman, andere als den Dharma; wieder andere [erkennen dich] als die transzendente höchste Person jenseits von Wirkung und Ursache, den höchsten Gebieter; andere erkennen dich als den mit neun Kräften ausgestatteten Höchsten, und manche als die unvergängliche, selbständige Große Person.
nāhaṁ parāyur ṛṣayo na marīci-mukhyā / jānanti yad-viracitaṁ khalu sattva-sargāḥ / yan-māyayā muṣita-cetasa īśa daitya- / martyādayaḥ kim uta śaśvad-abhadra-vṛttāḥ
Weder ich noch der langlebige Brahmā, noch die Seher, angeführt von Marīci, kennen wahrlich dein Wirken [deine Schöpfung], obwohl wir aus der Erscheinungsweise der Reinheit entstanden sind; was ist dann erst zu sagen von den Daityas, den Sterblichen und anderen, deren Geist durch deine Māyā geraubt ist, o Herr, die stets von unheilvollem Wesen sind?
Wort für Wort
na
nicht
aham
ich
para-āyuḥ
der von langem Leben (Brahmā)
ṛṣayaḥ
die Seher
na
nicht
marīci-mukhyāḥ
angeführt von Marīci
jānanti
kennen
yat-viracitam
was (von dir) geschaffen wurde
khalu
wahrlich
sattva-sargāḥ
obwohl aus der Erscheinungsweise der Reinheit entstanden
sa tvaṁ samīhitam adaḥ sthiti-janma-nāśaṁ / bhūtehitaṁ ca jagato bhava-bandha-mokṣau / vāyur yathā viśati khaṁ ca carācarākhyaṁ / sarvaṁ tad-ātmakatayāvagamo 'varuntse
Eben du durchdringst und erkennst all jenes Hervorgebrachte – Entstehen, Bestehen und Vergehen, das Tun der Lebewesen der Welt, Bindung und Befreiung des Daseins –, so wie der Wind den Raum durchdringt, [du durchdringst] alles, was beweglich und unbeweglich genannt wird, da es von deinem Wesen erfüllt ist.
avatārā mayā dṛṣṭā ramamāṇasya te guṇaiḥ / so 'haṁ tad draṣṭum icchāmi yat te yoṣid-vapur dhṛtam
Ich habe die Inkarnationen gesehen, in denen du, mit deinen Eigenschaften spielend, [Gestalt annimmst]; nun wünsche ich eben jene Gestalt zu sehen, die du als Frau angenommen hast.
yena sammohitā daityāḥ pāyitāś cāmṛtaṁ surāḥ / tad didṛkṣava āyātāḥ paraṁ kautūhalaṁ hi naḥ
Im Wunsch, jene Gestalt zu sehen, durch die die Daityas getäuscht und die Götter den Nektar trinken gemacht wurden, sind wir hergekommen; wahrlich, unsere Neugier ist überaus groß.
Der Erhabene Herr sprach: Zur Täuschung der Daityas habe ich die Gestalt einer Frau angenommen, da ich, als das Nektargefäß fortgetragen worden war, [die Notwendigkeit sah,] die Angelegenheiten der Götter [zu besorgen].
tat te 'haṁ darśayiṣyāmi didṛkṣoḥ sura-sattama / kāmināṁ bahu mantavyaṁ saṅkalpa-prabhavodayam
Ich werde dir, o Bester der Götter, der du danach verlangst, jene Gestalt zeigen, die von den Begehrenden vielfach als bewundernswert erachtet wird und das Entstehen von [lüsternem] Verlangen bewirkt.
tato dadarśopavane vara-striyaṁ vicitra-puṣpāruṇa-pallava-drume / vikrīḍatīṁ kanduka-līlayā lasad-dukūla-paryasta-nitamba-mekhalām
Da erblickte er im Hain, unter Bäumen mit mannigfaltigen Blüten und rötlichen jungen Trieben, eine vortreffliche Frau, die mit dem Ball spielte, mit schimmerndem feinem Gewand, das um ihre Hüften geschlungen war, und einem Gürtel [geschmückt].
Durch die schwere Last der bei jedem Drehen und Aufrichten erzitternden Brüste und der prächtigen Halsketten schien sie bei jedem Schritt in der Mitte [der Taille] zu zerbrechen, während sie ihre korallenroten Füße bewegte und sich bald hierhin, bald dorthin wandte.
In alle Richtungen unstet durch den umherrollenden Ball, waren ihre großen, weitgeöffneten Augen heftig unruhig und rastlos; ihr Antlitz war geschmückt von den an den Ohren glänzenden Ohrringen, erstrahlenden Wangen und dunklen Locken.
Mit ihrer lieblichen linken Hand versuchte sie das sich lockernde Gewand und die sich lösende Haarflechte zu ordnen, während sie mit der anderen Hand den Ball schlug – so verwirrte sie, durch ihre eigene Māyā, die ganze Welt.
tāṁ vīkṣya deva iti kanduka-līlayeṣad-vrīḍāsphuṭa-smita-visṛṣṭa-kaṭākṣa-muṣṭaḥ / strī-prekṣaṇa-pratisamīkṣaṇa-vihvalātmā nātmānam antika umāṁ sva-gaṇāṁś ca veda
Als der Gott [Śiva] sie so beim Ballspiel erblickte, wurde er durch die mit leichter Scheu gesandten, undeutlich lächelnden Seitenblicke seiner Fassung beraubt; durch das Anschauen der Frau und ihr Zurückschauen war sein Geist so verwirrt, daß er weder sich selbst noch Umā in seiner Nähe noch seine eigenen Begleiter mehr wahrnahm.
tasyāḥ karāgrāt sa tu kanduko yadā gato vidūraṁ tam anuvrajat-striyāḥ / vāsaḥ sasūtraṁ laghu māruto 'harad bhavasya devasya kilānupaśyataḥ
Als jener Ball ihrer Hand entglitt und weit fortrollte, trug der Wind, während die Frau ihm nachlief, ihr leichtes Gewand samt der Gürtelschnur fort – und der Gott Bhava schaute dem, fürwahr, unentwegt zu.
Als er sie so erblickte, mit ihren reizvollen Augenwinkeln, schön anzusehen und den Geist erfreuend, richtete Bhava, fürwahr, seinen Sinn auf sie, während sie ihn [zunehmend] fesselte.
tayāpahṛta-vijñānas tat-kṛta-smara-vihvalaḥ / bhavānyā api paśyantyā gata-hrīs tat-padaṁ yayau
Seiner Urteilskraft von ihr beraubt und von dem durch sie erregten Liebesverlangen überwältigt, ging er, aller Scham entledigt, zu ihrem Platz, obwohl Bhavānī [Umā] selbst zusah.
tām anvagacchad bhagavān bhavaḥ pramuṣitendriyaḥ / kāmasya ca vaśaṁ nītaḥ kareṇum iva yūthapaḥ
Der erhabene Bhava, dessen Sinne geraubt waren und der unter die Macht des Verlangens geraten war, folgte ihr, wie ein Leitbulle [der Elefantenherde] einer Elefantenkuh folgt.
Von ihm umfangen wie eine Elefantenkuh vom Elefantenbullen, wand sie sich, mit zerzaustem Haar, hierhin und dorthin; und, o [König], nachdem sie sich aus der Umschlingung der Arme des Stieres unter den Göttern [Śiva] befreit hatte, lief sie, die breithüftige Māyā-[Gestalt], die vom Herrn erschaffen war, davon.
Während er ihr nachlief, entfiel ihm, dessen Same nie vergeblich ist, der Same – wie einem brünstigen Leitbullen, der der [brünstigen] Elefantenkuh nachläuft.
Als der Same vergossen war, sah er sich selbst, durch die Māyā des Herrn betäubt und zum Toren gemacht, o bester der Könige, und er wandte sich von seiner Verblendung ab.
athāvagata-māhātmya ātmano jagad-ātmanaḥ / aparijñeya-vīryasya na mene tad u hādbhutam
Da er nun die Größe seines eigenen [Selbst] und der Weltseele [Viṣṇu], dessen Macht unermeßlich ist, erkannt hatte, erachtete er dies fürwahr nicht als erstaunlich.
śrī-bhagavān uvāca / diṣṭyā tvaṁ vibudha-śreṣṭha svāṁ niṣṭhām ātmanā sthitaḥ / yan me strī-rūpayā svairaṁ mohito 'py aṅga māyayā
Der Erhabene Herr sprach: Glücklicherweise, o bester der Götter, befindest du dich wieder aus eigener Kraft in deinem [wahren] Zustand, obwohl du, o Śiva, durch meine Māyā in Gestalt einer Frau nach Belieben verwirrt worden bist.
ko nu me 'titaren māyāṁ viṣaktas tvad-ṛte pumān / tāṁs tān visṛjatīṁ bhāvān dustarām akṛtātmabhiḥ
Wer außer dir, an [die Sinnesobjekte] gebundene Person, könnte meine Māyā überwinden, die mannigfaltige Zustände hervorbringt und für jene, deren Selbst nicht beherrscht ist, schwer zu überwinden ist?
Eben diese aus den [drei] Erscheinungsweisen bestehende Māyā, von mir und der Zeit – in Gestalt der Zeit – in ihren Anteilen begleitet, wird dich nicht [mehr] überwältigen.
Śrī Śuka sprach: So von dem Erhabenen, der das Śrīvatsa-Zeichen trägt, geehrt, verabschiedete er sich, umschritt ihn und zog, o König, zusammen mit seinen Scharen zu seiner eigenen Wohnstatt.
Hierauf, o Nachkomme Bharatas, erzählte der erhabene Bhava seiner Bhavānī [Umā] mit Zuneigung von jener Māyā-[Gestalt], die ein Teil des [Höchsten] Selbst war und von den vornehmsten Sehern hochgeschätzt wird.
Oh, du hast die Māyā des ungeborenen höchsten Mannes, der höchsten Gottheit, gesehen! Selbst ich, obgleich der Vornehmste unter den [göttlichen] Teilerscheinungen, werde durch sie machtlos verwirrt – was ist da erst zu sagen von anderen, die nicht unabhängig sind?
yaṁ mām apṛcchas tvam upetya yogāt samā-sahasrānta upārataṁ vai / sa eṣa sākṣāt puruṣaḥ purāṇo na yatra kālo viśate na vedaḥ
[Nach dem], nach dem du mich fragtest, als du zu mir herangetreten warst, nachdem ich am Ende von tausend Jahren mit dem Yoga geendet hatte – eben dieser ist die uralte, unmittelbare Ur-Person, wohin weder die Zeit noch der Veda [die Erkenntnis] eindringt.
Wort für Wort
yam
nach welchem
mām
mich
apṛcchaḥ
du fragtest
tvam
du
upetya
herangetreten
yogāt
vom Yoga
samā-sahasra-ante
am Ende von tausend Jahren
upāratam
geendet
vai
fürwahr
sa eṣaḥ
eben dieser
sākṣāt
unmittelbar
puruṣaḥ
die Ur-Person
purāṇaḥ
die uralte
na
nicht
yatra
wohin
kālaḥ
die Zeit
viśate
eindringt
na
noch
vedaḥ
der Veda (die Erkenntnis)
Śiva setzt hier seine Rede an Umā fort (vgl. V.42f.) und bezieht sich auf einen früheren, hier nicht ausgeführten Vorfall, bei dem Umā ihn nach seiner tausendjährigen Yoga-Versenkung nach der Höchsten Person fragte; im Kontext des Kapitels erscheint dies als eingeschobene Rückbezugnahme [Anm.].
Śrī Śuka sprach: So ist dir, mein Lieber, die Heldenkraft dessen dargelegt worden, der den Śārṅga-Bogen trägt [Viṣṇu], durch die beim Quirlen des Ozeans der große Berg auf [seinem] Rücken getragen wurde.
etan muhuḥ kīrtayato 'nuśṛṇvato na riṣyate jātu samudyamaḥ kvacit / yad uttamaśloka-guṇānuvarṇanaṁ samasta-saṁsāra-pariśramāpaham
Für den, der dies beständig besingt, und für den, der danach zuhört, scheitert das Bemühen niemals in irgendeiner Weise; denn die Schilderung der Eigenschaften des mit erhabenen Versen gepriesenen Herrn vertreibt alle Mühsal des weltlichen Daseins.
asad-aviṣayam aṅghriṁ bhāva-gamyaṁ prapannān amṛtam amara-varyān āśayat sindhu-mathyam / kapaṭa-yuvati-veṣo mohayan yaḥ surārīṁs tam aham upasṛtānāṁ kāma-pūraṁ nato 'smi
Ich verneige mich vor jenem [Herrn], der den Ergebenen seinen den Atheisten unzugänglichen, [nur] durch liebende Hingabe erreichbaren Lotosfuß [schenkt], der allein den vornehmsten Unsterblichen den aus dem Ozean gequirlten Nektar trinken ließ, indem er in der trügerischen Gestalt einer jungen Frau die Feinde der Götter täuschte – er, der [alle] Wünsche der zu ihm Zuflucht Suchenden erfüllt.