Kapitel 39: sarga-vibhāgaḥ
Die Unterteilungen der Schöpfung
Skandha 3, Adhyāya 10. Quelle: vedabase.io, Sanskrit-Kapiteltitel dort nicht in IAST angegeben (nur Englisch 'Divisions of the Creation'); title_sa daher als knappe eigene IAST-Kurzbezeichnung des Inhalts gebildet, nicht dem Quelltext entnommen.
Vidura sprach: Nachdem der Erhabene entschwunden war, wie viele Arten von Geschöpfen erschuf Brahmā, der Großvater der Welten, der Mächtige - körperliche und geistige?
ye ca me bhagavan pṛṣṭās | tvayy arthā bahuvittama | tān vadasvānupūrvyeṇa | chindhi naḥ sarva-saṁśayān
Und die Belange, nach denen ich dich gefragt habe, o Erhabener, du Kenner der meisten Dinge - sprich sie der Reihe nach aus, zerschneide all unsere Zweifel.
Wort für Wort
ye ca me bhagavan pṛṣṭās
und die [Belange], die ich dich gefragt habe, o Erhabener
Maitreya sprach: Auch Viriñca [Brahmā] übte ebenso hundert göttliche Jahre Askese, indem er das Selbst ins Selbst versenkte, wie es der erhabene Ungeborene [ihm] gesagt hatte.
tad vilokyābja-sambhūto | vāyunā yad-adhiṣṭhitaḥ | padmam ambhaś ca tat-kāla-kṛta-vīryeṇa kampitam
Dies erblickend - der aus dem Lotos Entstandene [Brahmā sah], wie der Lotos, auf dem er ruhte, [?] und das Wasser durch die zu jener Zeit erzeugte Kraft [des Windes] erschüttert wurden.
Wort für Wort
tad vilokya
dies erblickend
abja-sambhūtaḥ
der aus dem Lotos Entstandene [Brahmā]
vāyunā yad-adhiṣṭhitaḥ
[der Lotos,] worauf der Wind ruhte / den der Wind erfasst hatte
padmam ambhaś ca
den Lotos und das Wasser
tat-kāla-kṛta-vīryeṇa kampitam
durch die zu jener Zeit erzeugte Kraft erschüttert
[?] Bezug von 'vāyunā yad-adhiṣṭhitaḥ' (ob der Lotos vom Wind getragen wird oder Brahmā selbst gemeint ist) im Quelltext nicht eindeutig aufgeloest, unabhaengig als wahrscheinlichste grammatische Lesart uebersetzt.
Durch die wachsende Askese und durch das im Selbst gegründete Wissen, dessen Erkenntniskraft angewachsen war, verschlang er [Brahmā] den Wind zusammen mit dem Wasser.
Dann in den Lotoskelch eintretend, angetrieben durch das Wirken des Erhabenen, teilte er das Eine vielfach - dreifach, [und] das Werdende vierzehnfach.
Vidura sprach: Wie du von dem vielgestaltigen Hari, dessen Taten wunderbar sind, gesprochen hast - beschreibe uns, o Brahmane, o Herr, das als 'Zeit' bezeichnete Merkmal.
Der Puruṣa, dessen Gestalt aus der Vermischung der Guṇas entsteht, unbestimmt und ohne festen Grund, erschuf mit dieser [Zeit] als Werkzeug spielerisch sich selbst.
Wort für Wort
guṇa-vyatikarākāraḥ
dessen Gestalt aus der Vermischung der Guṇas entsteht
Wie es jetzt ist, so war es zuvor, und auch danach wird dies ebenso sein.
Wort für Wort
yathedānīṁ
wie jetzt
tathāgre ca
so auch zuvor
paścād apy etad īdṛśam
auch danach wird dies ebenso sein
[Anm.] Kurzer Halbvers (nur eine Zeile) im Quelltext als eigenstaendiger Vers 13 gefuehrt; setzt den Gedanken ueber die unveraenderliche Natur des Universums aus Vers 12 fort.
sargo nava-vidhas tasya prākṛto vaikṛtas tu yaḥ | kāla-dravya-guṇair asya tri-vidhaḥ pratisaṅkramaḥ
Seine Schöpfung ist neunfacher Art: die eine ist die ursprüngliche (prākṛta), die andere die abgewandelte (vaikṛta); durch Zeit, Substanz und Guṇas ist deren Wandlung [wiederum] dreifacher Art.
ādyas tu mahataḥ sargo | guṇa-vaiṣamyam ātmanaḥ | dvitīyas tv ahamo yatra | dravya-jñāna-kriyodayaḥ
Die erste [Schöpfung] aber ist die des Mahat - die Ungleichheit der Guṇas der Urnatur; die zweite ist die des Ahaṅkāra, worin das Entstehen von Substanz, Erkenntnisvermögen und Handlungsvermögen erfolgt.
Wort für Wort
ādyas tu mahataḥ sargaḥ
die erste aber ist die Schöpfung des Mahat
guṇa-vaiṣamyam ātmanaḥ
die Ungleichheit der Guṇas der Urnatur
dvitīyas tv ahamo yatra
die zweite aber ist die des Ahaṅkāra, worin
dravya-jñāna-kriyodayaḥ
das Entstehen von Substanz, Erkenntnis und Handlung
bhūta-sargas tṛtīyas tu tan-mātro dravya-śaktimān | caturtha aindriyaḥ sargo yas tu jñāna-kriyātmakaḥ
Die dritte aber ist die Schöpfung der Elemente aus den Feinstoffen, die die Kraft der Substanz besitzen; die vierte ist die Schöpfung der Sinnesorgane, die aus Erkenntnis- und Handlungssinnen besteht.
Wort für Wort
bhūta-sargas tṛtīyas tu
die dritte aber ist die Schöpfung der Elemente
tan-mātro dravya-śaktimān
aus den Feinstoffen, die die Kraft der Substanz besitzen
vaikāriko deva-sargaḥ pañcamo yan-mayaṁ manaḥ | ṣaṣṭhas tu tamasaḥ sargo yas tv abuddhi-kṛtaḥ prabhoḥ
Die fünfte ist die aus Vaikārika hervorgehende Schöpfung der Götter, aus welcher auch der Geist besteht; die sechste aber ist die aus Tamas entstandene Schöpfung, die vom Herrn als Ursache des Unverstandes gemacht wurde.
Wort für Wort
vaikāriko deva-sargaḥ
die aus Vaikārika hervorgehende Schöpfung der Götter
ṣaḍ ime prākṛtāḥ sargā | vaikṛtān api me śṛṇu | rajo-bhājo bhagavato | līleyaṁ hari-medhasaḥ
Diese sechs sind die ursprünglichen Schöpfungen; höre von mir nun auch die abgewandelten - dies ist das Spiel des mit Rajas verbundenen Erhabenen [Brahmā], dessen Geist auf Hari gerichtet ist.
Wort für Wort
ṣaḍ ime prākṛtāḥ sargāḥ
diese sechs sind die ursprünglichen Schöpfungen
vaikṛtān api me śṛṇu
höre von mir auch die abgewandelten
rajo-bhājo bhagavataḥ
des mit Rajas verbundenen Erhabenen
līleyaṁ hari-medhasaḥ
dies ist das Spiel dessen, dessen Geist auf Hari gerichtet ist
saptamo mukhya-sargas tu ṣaḍ-vidhas tasthuṣāṁ ca yaḥ | vanaspaty-oṣadhi-latā-tvaksārā vīrudho drumāḥ
Die siebte aber ist die Hauptschöpfung, sechsfacher Art, der unbeweglichen Wesen: fruchttragende Bäume, Kräuter, Schlingpflanzen, rindenreiche Sträucher, Kriechpflanzen und blühende Bäume.
[Sie sind] nach oben wachsend, überwiegend von Tamas geprägt, innerlich empfindungsfähig, mit eigenen Unterscheidungsmerkmalen.
Wort für Wort
utsrotasas
nach oben wachsend
tamaḥ-prāyāḥ
überwiegend von Tamas geprägt
antaḥ-sparśā viśeṣiṇaḥ
innerlich empfindungsfähig, mit eigenen Unterscheidungsmerkmalen
[Anm.] Kurzer Halbvers (nur eine Zeile) im Quelltext als eigenstaendiger Vers 20 gefuehrt; setzt die Aufzaehlung der Pflanzenmerkmale aus Vers 19 syntaktisch fort.
Die achte Schöpfung ist die der Tiere, sie gilt als achtundzwanzigfacher Art - unwissend, reich an Tamas, durch den Geruchssinn erkennend, im Herzen ohne Erkenntnis.
Wort für Wort
tiraścām aṣṭamaḥ sargaḥ
die achte Schöpfung ist die der Tiere
so 'ṣṭāviṁśad-vidho mataḥ
diese gilt als achtundzwanzigfacher Art
avido bhūri-tamasaḥ
unwissend, reich an Tamas
ghrāṇa-jñā hṛdy avedinaḥ
durch den Geruchssinn erkennend, im Herzen ohne Erkenntnis
arvāk-srotas tu navamaḥ kṣattar eka-vidho nṛṇām | rajo 'dhikāḥ karma-parā duḥkhe ca sukha-māninaḥ
Die neunte aber, o Kṣattā, genannt Arvāk-srotas, ist von einheitlicher Art - die der Menschen: reich an Rajas, dem Handeln hingegeben und im Leid noch Glück wähnend.
vaikṛtās traya evaite deva-sargaś ca sattama | vaikārikas tu yaḥ proktaḥ kaumāras tūbhayātmakaḥ
Diese drei eben sind die abgewandelten Schöpfungen, und dazu die Schöpfung der Götter, o Bester - jene, die als vaikārika bezeichnet wird; der Kaumāra-Sarga aber ist von beiderlei Wesen zugleich.
Wort für Wort
vaikṛtās traya evaite
diese drei eben sind die abgewandelten [Schöpfungen]
Und die Schöpfung der Götter ist [genannt] achtfacher Art: die Götter, die Ahnen, die Asuras, die Gandharvas und Apsaras, die Siddhas, die Yakṣas und Rākṣasas, die Cāraṇas, sowie die Bhūtas, Pretas und Piśācas, die Vidyādharas, Kinnaras und dergleichen - diese zehn [Arten], o Vidura, wurden dir nun genannt als die vom Weltenschöpfer gemachten Schöpfungen.
Wort für Wort
deva-sargaś cāṣṭa-vidhaḥ
und die Schöpfung der Götter ist achtfacher Art
vibudhāḥ pitaro 'surāḥ
die Götter, die Ahnen, die Asuras
gandharvāpsarasaḥ siddhāḥ
die Gandharvas und Apsaras, die Siddhas
yakṣa-rakṣāṁsi cāraṇāḥ
die Yakṣas und Rākṣasas, die Cāraṇas
bhūta-preta-piśācāś ca
und die Bhūtas, Pretas, Piśācas
vidyādharāḥ kinnarādayaḥ
die Vidyādharas, Kinnaras und dergleichen
daśaite vidurākhyātāḥ
diese zehn, o Vidura, wurden genannt
sargās te viśva-sṛk-kṛtāḥ
als Schöpfungen, die vom Weltenschöpfer gemacht wurden
[?] Der Quelltext benennt diese Schöpfung selbst als 'achtfacher Art' (aṣṭa-vidhaḥ), zaehlt anschliessend jedoch zehn (daśa) Kategorien auf - Widerspruch im Ausgangstext selbst, hier unaufgeloest wiedergegeben, ohne Ruecksprache mit Fremduebersetzungen.
Danach werde ich weiter die Königsgeschlechter und die Manv-antaras verkünden. So erschafft, vom Rajas durchdrungen, der Schöpfer - der Selbstentstandene, [hier] Hari [genannt], dessen Entschluss nie fehlgeht - zu Beginn der Weltzeitalter durch sich selbst sich selbst.
Wort für Wort
ataḥ paraṁ pravakṣyāmi
danach werde ich weiter verkünden
vaṁśān manvantarāṇi ca
die Königsgeschlechter und die Manv-antaras
evaṁ rajaḥ-plutaḥ sraṣṭā
so, vom Rajas durchdrungen, der Schöpfer
kalpādiṣv ātmabhūr hariḥ
der Selbstentstandene, Hari, zu Beginn der Weltzeitalter
sṛjaty amogha-saṅkalpaḥ
erschafft, dessen Entschluss nie fehlgeht
ātmaivātmānam ātmanā
er selbst sich selbst durch sich selbst
[Anm.] 'Hariḥ' bezeichnet hier vermutlich Brahmā (ātmabhūḥ, der Selbstentstandene) als von Haris/Viṣṇus Schoepfungskraft erfuellten Handelnden, nicht Viṣṇu selbst - im Sinne einer engen Identifikation von Schoepfer und hoechstem Herrn, wie es der Kontext dieses Kapitels durchgehend nahelegt.