Kapitel 28: catuḥ-ślokī-bhāgavatam
Antworten mit den Worten des Herrn selbst
Skandha 2, Adhyāya 9. Quelle: vedabase.io, vers-für-vers abgerufen (alle 46 Verse einzeln aufgeführt; V.12 ist im Original ein Halbvers). Śukadeva beginnt seine Antwort mit der Erklärung von Brahmās eigener Erleuchtung: nach vergeblichem Erschaffungsversuch hört Brahmā eine Stimme aus den Urgewässern, die ihm - im berühmten Silben-Rätsel "tapa tapa" - Buße zu üben gebietet (V.1-8). Nach tausendjähriger Askese erblickt Brahmā die transzendente Welt Vaikuṇṭha mit ihren vierarmigen Bewohnern und dem Herrn selbst (V.9-19). Der Erhabene erklärt Brahmā, dass Buße sein eigenes Herz sei, gewährt ihm einen Wunsch, und Brahmā bittet um Einsicht in die Natur von dessen Māyā-Spiel (V.20-30). Den Kern des Kapitels bilden die berühmten "vier Verse" (catuḥ-ślokī, V.33-36), die als Keim des gesamten Bhāgavata-Purāṇa gelten: die Aussage "Ich allein war am Anfang", die Definition der Māyā, das Paradox der Immanenz und Transzendenz des Höchsten in allen Wesen, und die Methode, das Bleibende durch An- und Abwesenheit zu erkennen (V.31-37). Der Rahmen schließt sich: der Erhabene entschwindet, Brahmā erschafft das Universum, unterweist später Nārada, der es Vyāsa weitergibt, der es (über Śukadeva) schließlich Parīkṣit erzählen lässt - eine mehrfach verschachtelte Überlieferungskette, die Śukadeva hier ausdrücklich bestätigt (V.38-46).
śrī-śuka uvāca
ātma-māyām ṛte rājan
parasyānubhavātmanaḥ
na ghaṭetārtha-sambandhaḥ
svapna-draṣṭur ivāñjasā
Śrī Śuka sprach: O König, ohne seine eigene Māyā könnte für den Höchsten, dessen Wesen reine Erfahrung ist, keine Verbindung mit weltobjekthaften Dingen zustandekommen, geradeso wie dies für einen Traumschauenden nur scheinbar der Fall ist.
Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
ātma-māyām ṛte rājan
ohne seine eigene Māyā, o König
parasyānubhavātmanaḥ
für den Höchsten, dessen Wesen reine Erfahrung ist
na ghaṭetārtha-sambandhaḥ
könnte keine Verbindung mit (welt-)objekthaften Dingen zustandekommen
yarhi vāva mahimni sve
parasmin kāla-māyayoḥ
rameta gata-sammohas
tyaktvodāste tadobhayam
Wenn er aber, frei von Verblendung, in seiner eigenen, höchsten Herrlichkeit ruht, dann verweilt er, nachdem er beides - Zeit und Māyā - aufgegeben hat.
ātma-tattva-viśuddhy-arthaṁ
yad āha bhagavān ṛtam
brahmaṇe darśayan rūpam
avyalīka-vratādṛtaḥ
Zur Läuterung der Wahrheit über das Selbst offenbarte der Erhabene seine Gestalt und sprach die Wahrheit zu Brahmā, geehrt durch dessen Gelübde untrüglicher Aufrichtigkeit.
Wort für Wort
ātma-tattva-viśuddhy-arthaṁ
zur Läuterung der Wahrheit über das Selbst
yad āha bhagavān ṛtam
sprach der Erhabene die Wahrheit
brahmaṇe darśayan rūpam
Brahmā seine Gestalt zeigend
avyalīka-vratādṛtaḥ
geehrt durch (dessen) Gelübde untrüglicher Aufrichtigkeit
Er, der uranfängliche Gott, der höchste Lehrer der Welten, nahm seinen eigenen Sitz ein und blickte, in der Absicht zu erschaffen; doch fand er nicht jene rechte Einsicht, durch die die Weise der Erschaffung der vielfältigen Welt hätte zustandekommen können.
Wort für Wort
sa ādi-devo jagatāṁ paro guruḥ
er, der uranfängliche Gott, der höchste Lehrer der Welten
svadhiṣṇyam āsthāya sisṛkṣayaikṣata
nahm seinen eigenen Sitz ein und blickte, in der Absicht zu erschaffen
tāṁ nādhyagacchad dṛśam atra sammatāṁ
doch fand er nicht jene rechte Einsicht
prapañca-nirmāṇa-vidhir yayā bhavet
durch die die Weise der Erschaffung der vielfältigen Welt hätte zustandekommen können
sa cintayan dvy-akṣaram ekadāmbhasy
upāśṛṇod dvir-gaditaṁ vaco vibhuḥ
sparśeṣu yat ṣoḍaśam ekaviṁśaṁ
niṣkiñcanānāṁ nṛpa yad dhanaṁ viduḥ
Nachdenkend, hörte der Allmächtige einst über den Gewässern ein zweisilbiges, zweimal gesprochenes Wort - jenen Laut, der unter den Berührungslauten der sechzehnte und einundzwanzigste ist, und den, o König, die Besitzlosen als ihren Reichtum kennen.
Wort für Wort
sa cintayan dvy-akṣaram ekadāmbhasy
nachdenkend, einst über den Gewässern, ein zweisilbiges (Wort)
upāśṛṇod dvir-gaditaṁ vaco vibhuḥ
hörte der Allmächtige, zweimal gesprochen
sparśeṣu yat ṣoḍaśam ekaviṁśaṁ
das unter den Berührungslauten der sechzehnte und einundzwanzigste ist
niṣkiñcanānāṁ nṛpa yad dhanaṁ viduḥ
und das, o König, die Besitzlosen als ihren Reichtum kennen
[Anm.: berühmtes Rätselwort - der 16. Konsonant der sparśa-Reihe ist "ta", der 21. ist "pa"; zusammen "ta-pa", zweimal gesprochen "tapa tapa" ("übe Buße, übe Buße") - eine Stimme aus den Urgewässern weist Brahmā zur Askese an.]
Nachdem er dies gehört hatte, blickte er, in dem Wunsch den Sprecher zu sehen, in alle Richtungen; doch da er dort nichts anderes wahrnahm, kehrte er zu seinem eigenen Sitz zurück und richtete, das ihm Zuträgliche erwägend, wie ein Unterwiesener seinen Geist auf die Buße.
Wort für Wort
niśamya tad-vaktṛ-didṛkṣayā diśo
nachdem er dies gehört hatte, in dem Wunsch den Sprecher zu sehen, in alle Richtungen
vilokya tatrānyad apaśyamānaḥ
blickend, doch da er dort nichts anderes wahrnahm
svadhiṣṇyam āsthāya vimṛśya tad-dhitaṁ
kehrte er zu seinem eigenen Sitz zurück, das ihm Zuträgliche erwägend
tapasy upādiṣṭa ivādadhe manaḥ
richtete er wie ein Unterwiesener seinen Geist auf die Buße
Für ein göttliches Jahrtausend übte er, von untrüglicher Einsicht, den Lebenshauch und das Selbst bezwungen, beide Arten von Sinnen bezwungen, wohlgesammelt, jene Buße, die alle Welten in Ehrfurcht erhitzt, er selbst der Buße-Reichste unter den Asketen.
Wort für Wort
divyaṁ sahasrābdam amogha-darśanaḥ
für ein göttliches Jahrtausend, von untrüglicher Einsicht
jitānilātmā vijitobhayendriyaḥ
den Lebenshauch und das Selbst bezwungen, beide Arten von Sinnen bezwungen
atapyata smākhila-loka-tāpanaṁ
übte er jene Buße, die alle Welten erhitzt
tapas tapīyāṁs tapatāṁ samāhitaḥ
wohlgesammelt, der Buße-Reichste unter den Asketen
Diesem, geehrt, zeigte der Erhabene seine eigene höchste Welt, über die es nichts Höheres gibt, frei von Kummer, Verblendung und Furcht, gepriesen von den Menschen, die sich selbst geschaut haben.
Wort für Wort
tasmai sva-lokaṁ bhagavān sabhājitaḥ
diesem, geehrt, der Erhabene seine eigene Welt
sandarśayām āsa paraṁ na yat-param
zeigte, die höchste, über die es nichts Höheres gibt
vyapeta-saṅkleśa-vimoha-sādhvasaṁ
frei von Kummer, Verblendung und Furcht
sva-dṛṣṭavadbhir puruṣair abhiṣṭutam
gepriesen von den Menschen, die sich selbst geschaut haben
pravartate yatra rajas tamas tayoḥ
sattvaṁ ca miśraṁ na ca kāla-vikramaḥ
na yatra māyā kim utāpare harer
anuvratā yatra surāsurārcitāḥ
Wo weder Rajas noch Tamas, noch das mit beiden vermischte Sattva wirksam ist, noch das Fortschreiten der Zeit; wo keine Māyā ist - wieviel weniger deren andere Wirkungen -, wo die Hari Ergebenen von Göttern und Dämonen verehrt werden.
Wort für Wort
pravartate yatra rajas tamas tayoḥ
wo weder Rajas noch Tamas wirksam ist
sattvaṁ ca miśraṁ na ca kāla-vikramaḥ
noch das vermischte Sattva, noch das Fortschreiten der Zeit
na yatra māyā kim utāpare
wo keine Māyā - wieviel weniger andere (Wirkungen)
harer anuvratā yatra surāsurārcitāḥ
wo die Hari Ergebenen von Göttern und Dämonen verehrt werden
Dort weilen Wesen von dunkel-heller Farbe, mit lotosblütenblattgleichen Augen, in gelbe Gewänder gekleidet, von schönem Glanz und schöner Gestalt, alle vierarmig, mit funkelnden, aus erlesenen Edelsteinen gefertigten Halsschmuckstücken geschmückt, von großem Glanz.
Wort für Wort
śyāmāvadātāḥ śata-patra-locanāḥ
von dunkel-heller Farbe, mit lotosblütenblattgleichen Augen
piśaṅga-vastrāḥ surucaḥ supeśasaḥ
in gelbe Gewänder gekleidet, von schönem Glanz und schöner Gestalt
sarve catur-bāhava unmiṣan-maṇi-
alle vierarmig, mit funkelnden Edelsteinen
praveka-niṣkābharaṇāḥ suvarcasaḥ
mit erlesenen Halsschmuckstücken geschmückt, von großem Glanz
Jene Welt, die ringsum durch die strahlenden Reihen der leuchtenden Flugpaläste der großen Seelen erglänzt, aufleuchtend durch die vortrefflichsten Frauen und andere Schönheiten, wie der Himmel durch Wolkenreihen mit Blitzen.
Wort für Wort
bhrājiṣṇubhir yaḥ parito virājate
die ringsum durch die strahlenden (Reihen) erglänzt
lasad-vimānāvalibhir mahātmanām
durch die leuchtenden Flugpaläste der großen Seelen
vidyotamānaḥ pramadottamādyubhiḥ
aufleuchtend durch die vortrefflichsten Frauen und andere
Wo Śrī, in Gestalt verkörpert, den Füßen des Weitgepriesenen auf vielfältige Weise mit ihren Reichtümern Ehre erweist, sie, auf der Schaukel sitzend, gepriesen von den Gefolgsleuten des Frühlings, seine geliebten Taten besingend.
Wort für Wort
śrīr yatra rūpiṇy urugāya-pādayoḥ
wo Śrī, in Gestalt verkörpert, den Füßen des Weitgepriesenen
karoti mānaṁ bahudhā vibhūtibhiḥ
auf vielfältige Weise mit ihren Reichtümern Ehre erweist
preṅkhaṁ śritā yā kusumākarānugair
auf der Schaukel sitzend, von den Gefolgsleuten des Frühlings
Dort erblickte er den Herrn aller Gottgeweihten, den Herrn der Śrī, den Herrn des Opfers, den Herrn der Welt, den Allmächtigen, bedient von Sunanda, Nanda, Prabala, Arhaṇa und anderen führenden eigenen Gefährten.
Wort für Wort
dadarśa tatrākhila-sātvatāṁ patiṁ
dort erblickte er den Herrn aller Gottgeweihten
śriyaḥ patiṁ yajña-patiṁ jagat-patim
den Herrn der Śrī, den Herrn des Opfers, den Herrn der Welt
sunanda-nanda-prabalārhaṇādibhiḥ
von Sunanda, Nanda, Prabala, Arhaṇa und anderen
sva-pārṣadāgraiḥ parisevitaṁ vibhum
von führenden eigenen Gefährten bedient, den Allmächtigen
Dessen Blick voller Wonne den Dienern zugewandt ist wie ein berauschender Trank, mit heiterem Lächeln, rötlichen Augen und Antlitz, mit Krone, Ohrringen, vier Armen, gelbem Gewand, auf dessen Brust das Zeichen Śrīs sichtbar ist.
Wort für Wort
bhṛtya-prasādābhimukhaṁ dṛg-āsavaṁ
dessen Blick voller Wonne den Dienern zugewandt, wie ein berauschender Trank
prasanna-hāsāruṇa-locanānanam
mit heiterem Lächeln, rötlichen Augen und Antlitz
kirīṭinaṁ kuṇḍalinaṁ catur-bhujaṁ
mit Krone, Ohrringen, vier Armen
pītāṁśukaṁ vakṣasi lakṣitaṁ śriyā
gelbem Gewand, auf dessen Brust das Zeichen Śrīs sichtbar ist
adhyarhaṇīyāsanam āsthitaṁ paraṁ
vṛtaṁ catuḥ-ṣoḍaśa-pañca-śaktibhiḥ
yuktaṁ bhagaiḥ svair itaratra cādhruvaiḥ
sva eva dhāman ramamāṇam īśvaram
Auf einem höchst verehrungswürdigen Sitz thronend, den Höchsten, umgeben von den vier, sechzehn und fünf Arten von Kräften, ausgestattet mit seinen eigenen, dort unvergänglichen, anderswo aber vergänglichen Herrlichkeiten, den Herrn, sich in seinem eigenen Reich erfreuend.
Wort für Wort
adhyarhaṇīyāsanam āsthitaṁ paraṁ
auf einem höchst verehrungswürdigen Sitz thronend, den Höchsten
vṛtaṁ catuḥ-ṣoḍaśa-pañca-śaktibhiḥ
umgeben von den vier, sechzehn und fünf Kräften
yuktaṁ bhagaiḥ svair itaratra cādhruvaiḥ
ausgestattet mit eigenen, anderswo aber vergänglichen Herrlichkeiten
sva eva dhāman ramamāṇam īśvaram
den Herrn, sich in seinem eigenen Reich erfreuend
[?: die genaue Identifikation der "vier, sechzehn und fünf Kräfte" (catuḥ-ṣoḍaśa-pañca-śaktibhiḥ) folgt vermutlich einer Sāṅkhya-nahen Kategorisierung, deren exakte Zuordnung hier offenbleibt.]
tad-darśanāhlāda-pariplutāntaro
hṛṣyat-tanuḥ prema-bharāśru-locanaḥ
nanāma pādāmbujam asya viśva-sṛg
yat pāramahaṁsyena pathādhigamyate
Von der Wonne dieses Anblicks im Inneren überflutet, mit vor Freude erschauerndem Körper, die Augen von der Last der Liebe voll Tränen, verneigte sich der Schöpfer des Universums vor dessen Lotosfüßen, die nur auf dem Pfad der Paramahaṃsas erreicht werden.
Wort für Wort
tad-darśanāhlāda-pariplutāntaro
von der Wonne dieses Anblicks im Inneren überflutet
hṛṣyat-tanuḥ prema-bharāśru-locanaḥ
mit vor Freude erschauerndem Körper, die Augen von Liebestränen voll
nanāma pādāmbujam asya viśva-sṛg
verneigte sich der Schöpfer des Universums vor dessen Lotosfüßen
yat pāramahaṁsyena pathādhigamyate
die nur auf dem Pfad der Paramahaṃsas erreicht werden
Zu ihm, dem sich Nähernden, Erfreuten, dem Weisen, der für die Aussendung der Geschöpfe seine eigene Anweisung verdient hatte, sprach der Geliebte, mit erfreutem Geist, mit leicht lächelnder, strahlender Stimme, ihn an der Hand berührend, den Geliebten.
Wort für Wort
taṁ prīyamāṇaṁ samupasthitaṁ kaviṁ
zu ihm, dem sich Nähernden, Erfreuten, dem Weisen
prajā-visarge nija-śāsanārhaṇam
der für die Aussendung der Geschöpfe seine eigene Anweisung verdient hatte
babhāṣa īṣat-smita-śociṣā girā
sprach mit leicht lächelnder, strahlender Stimme
priyaḥ priyaṁ prīta-manāḥ kare spṛśan
der Geliebte zum Geliebten, mit erfreutem Geist, ihn an der Hand berührend
Der Erhabene sprach: Von dir, o Brahmā, dessen Schoß die Veden birgt, wurde ich vollkommen zufriedengestellt durch die lange gepflegte Buße, getan in der Absicht zu erschaffen - ich, der selbst für betrügerische Yogis schwer zufriedenzustellen ist.
Wort für Wort
śrī-bhagavān uvāca
der Erhabene sprach
tvayāhaṁ toṣitaḥ samyag
von dir wurde ich vollkommen zufriedengestellt
veda-garbha sisṛkṣayā
o Veden-Schoß, durch die Absicht zu erschaffen
ciraṁ bhṛtena tapasā
durch die lange gepflegte Buße
dustoṣaḥ kūṭa-yoginām
ich, der schwer zufriedenzustellen ist für betrügerische Yogis
varaṁ varaya bhadraṁ te
vareśaṁ mābhivāñchitam
brahmañ chreyaḥ-pariśrāmaḥ
puṁsāṁ mad-darśanāvadhiḥ
Erwähle einen Wunsch, Segen sei dir, erwähle mich, den Herrn der Wünsche, den Ersehnten, o Brahmā; das Bemühen der Menschen um das höchste Gut endet mit dem Anblick meiner selbst.
manīṣitānubhāvo 'yaṁ
mama lokāvalokanam
yad upaśrutya rahasi
cakartha paramaṁ tapaḥ
Dies, die Erschauung meiner Welt, ist die Wirkung dessen, was du dir erdacht hast; denn du hast, nachdem du jenes Wort vernommen hattest, in Einsamkeit die höchste Buße vollbracht.
Wort für Wort
manīṣitānubhāvo 'yaṁ
dies ist die Wirkung dessen, was du dir erdacht hast
mama lokāvalokanam
die Erschauung meiner Welt
yad upaśrutya rahasi
denn nachdem du (jenes Wort) in Einsamkeit vernommen hattest
pratyādiṣṭaṁ mayā tatra
tvayi karma-vimohite
tapo me hṛdayaṁ sākṣād
ātmāhaṁ tapaso 'nagha
Dort, als du durch den Wunsch nach Tätigkeit verwirrt warst, wurde dir von mir jenes Wort angewiesen; Buße ist mein Herz, ich selbst bin unmittelbar das Selbst der Buße, o Sündloser.
Wort für Wort
pratyādiṣṭaṁ mayā tatra
dort wurde dir von mir (jenes Wort) angewiesen
tvayi karma-vimohite
als du durch (den Wunsch nach) Tätigkeit verwirrt warst
Ich erschaffe dies durch Buße, ich verschlinge es wieder durch Buße, ich erhalte das Universum durch Buße - meine Kraft ist die schwer zu vollziehende Buße.
tathāpi nāthamānasya
nātha nāthaya nāthitam
parāvare yathā rūpe
jānīyāṁ te tv arūpiṇaḥ
Dennoch, o Herr, erfülle die Bitte dessen, der dich um Herrschaft bittet: dass ich deine beiden Gestalten, die höhere und die niedere, erkennen möge, obwohl du in Wahrheit gestaltlos bist.
Wie du durch die Verbindung mit deiner eigenen Māyā, ausgestattet mit vielfältigen Kräften, die Schöpfung zerstörend, aussendend, ergreifend, dich selbst durch dich selbst erhaltend...
bhagavac-chikṣitam ahaṁ
karavāṇi hy atandritaḥ
nehamānaḥ prajā-sargaṁ
badhyeyaṁ yad-anugrahāt
Was von dir, dem Erhabenen, gelehrt wurde, will ich fürwahr unermüdlich ausführen; möge ich, mich um die Aussendung der Geschöpfe bemühend, durch dessen Gnade nicht gebunden werden.
yāvat sakhā sakhyur iveśa te kṛtaḥ
prajā-visarge vibhajāmi bho janam
aviklavas te parikarmaṇi sthito
mā me samunnaddha-mado 'ja māninaḥ
Solange ich, wie ein Freund vom Freund, o Herr, von dir für die Aussendung der Geschöpfe eingesetzt bin, und die Menschen einteile, möge ich, unerschütterlich in deinem Dienst stehend, nicht von übersteigertem Stolz ergriffen werden, o Ungeborener, ich, der sich zu Unrecht als Schöpfer wähnt.
Wort für Wort
yāvat sakhā sakhyur iveśa te kṛtaḥ
solange ich, wie ein Freund vom Freund, o Herr, von dir eingesetzt bin
prajā-visarge vibhajāmi bho janam
für die Aussendung der Geschöpfe die Menschen einteile
aviklavas te parikarmaṇi sthito
unerschütterlich in deinem Dienst stehend
mā me samunnaddha-mado 'ja māninaḥ
möge ich nicht von übersteigertem Stolz ergriffen werden, o Ungeborener
śrī-bhagavān uvāca
jñānaṁ parama-guhyaṁ me
yad vijñāna-samanvitam
sarahasyaṁ tad-aṅgaṁ ca
gṛhāṇa gaditaṁ mayā
Der Erhabene sprach: Mein höchst geheimes Wissen, das mit praktischer Erkenntnis verbunden ist, samt seinem Geheimnis und seinen Bestandteilen, nimm es an, wie es von mir dargelegt wird.
yāvān ahaṁ yathā-bhāvo
yad-rūpa-guṇa-karmakaḥ
tathaiva tattva-vijñānam
astu te mad-anugrahāt
Wie groß ich bin, welchen Zustand ich habe, welche Gestalt, Eigenschaften und Handlungen mir eigen sind - genau so möge dir durch meine Gnade die wahre Erkenntnis davon zuteilwerden.
Wort für Wort
yāvān ahaṁ yathā-bhāvo
wie groß ich bin, welchen Zustand ich habe
yad-rūpa-guṇa-karmakaḥ
welche Gestalt, Eigenschaften und Handlungen mir eigen sind
aham evāsam evāgre
nānyad yat sad-asat param
paścād ahaṁ yad etac ca
yo 'vaśiṣyeta so 'smy aham
Ich allein war am Anfang, es gab nichts anderes, weder Seiendes noch Nichtseiendes noch etwas Höheres; danach bin ich das, was dies Universum ist; und was übrigbleiben wird, das bin ich.
Wort für Wort
aham evāsam evāgre
ich allein war am Anfang
nānyad yat sad-asat param
es gab nichts anderes, weder Seiendes noch Nichtseiendes noch Höheres
paścād ahaṁ yad etac ca
danach bin ich das, was dies (Universum) ist
yo 'vaśiṣyeta so 'smy aham
und was übrigbleiben wird, das bin ich
[Anm.: der erste der berühmten "vier Verse" (catuḥ-ślokī) des Bhāgavata-Purāṇa, die als Keim/Essenz des gesamten Werks gelten.]
ṛte 'rthaṁ yat pratīyeta
na pratīyeta cātmani
tad vidyād ātmano māyāṁ
yathābhāso yathā tamaḥ
Was ohne wirkliche Grundlage erscheint und doch im Selbst nicht wirklich erscheint - das erkenne als die Māyā des Selbst, wie ein bloßer Abglanz, wie die Finsternis.
Wort für Wort
ṛte 'rthaṁ yat pratīyeta
was ohne (wirkliche) Grundlage erscheint
na pratīyeta cātmani
und doch im Selbst nicht (wirklich) erscheint
tad vidyād ātmano māyāṁ
das erkenne als die Māyā des Selbst
yathābhāso yathā tamaḥ
wie ein (bloßer) Abglanz, wie die Finsternis
[Anm.: der zweite Vers der catuḥ-ślokī - die klassische Definition der Māyā als das, was ohne eigene Realität dennoch erscheint.]
yathā mahānti bhūtāni
bhūteṣūccāvaceṣv anu
praviṣṭāny apraviṣṭāni
tathā teṣu na teṣv aham
Wie die großen Elemente in den höheren und niederen Einzelwesen zugleich eingegangen und nicht eingegangen sind, so bin ich in ihnen und doch nicht in ihnen.
etāvad eva jijñāsyaṁ
tattva-jijñāsunātmanaḥ
anvaya-vyatirekābhyāṁ
yat syāt sarvatra sarvadā
Nur dies allein ist von dem, der die Wahrheit über das Selbst zu erkennen wünscht, zu erforschen: was durch die Methode von Anwesenheit und Abwesenheit überall und immer als bleibend erwiesen ist.
Wort für Wort
etāvad eva jijñāsyaṁ
nur dies allein ist zu erforschen
tattva-jijñāsunātmanaḥ
von dem, der die Wahrheit über das Selbst erkennen will
anvaya-vyatirekābhyāṁ
durch (die Methode von) Anwesenheit und Abwesenheit
yat syāt sarvatra sarvadā
was überall und immer (als bleibend erwiesen) ist
[Anm.: der vierte und letzte Vers der catuḥ-ślokī - die methodische Anweisung, das Bleibende durch anvaya-vyatireka (positive und negative Konkomitanz) zu erkennen.]
Śrī Śuka sprach: Nachdem der Ungeborene so den Höchsten der Wesen unterwiesen hatte, entzog Hari, während jener noch zusah, jene Gestalt seines Selbst seinem Blick.
Wort für Wort
śrī-śuka uvāca
Śrī Śuka sprach
sampradiśyaivam ajano
nachdem der Ungeborene (Hari) so unterwiesen hatte
antarhitendriyārthāya
haraye vihitāñjaliḥ
sarva-bhūtamayo viśvaṁ
sasarjedaṁ sa pūrvavat
Zu Hari, dessen Gestalt als Sinnesobjekt verschwunden war, die Hände ehrerbietig gefaltet, erschuf er, aus allen Wesen bestehend, dieses Universum wie zuvor.
Wort für Wort
antarhitendriyārthāya
dessen (Gestalt als) Sinnesobjekt verschwunden war
Der Herr der Geschöpfe, der Herr des Dharma, übte einst, das Wohl der Geschöpfe erstrebend, aus eigenem Wunsch die äußeren Zügelungen und inneren Enthaltungen.
Wort für Wort
prajāpatir dharma-patir
der Herr der Geschöpfe, der Herr des Dharma
ekadā niyamān yamān
einst die (äußeren) Zügelungen und (inneren) Enthaltungen
Diesem verkündete, erfreut, der Schöpfer der Wesen dieses Bhāgavata-Purāṇa mit den zehn Kennzeichen, wie es ihm vom Erhabenen verkündet worden war, seinem Sohn.
yad utāhaṁ tvayā pṛṣṭo
vairājāt puruṣād idam
yathāsīt tad upākhyāste
praśnān anyāṁś ca kṛtsnaśaḥ
Das also, wonach du mich gefragt hast - wie dies Universum aus dem kosmischen Puruṣa entstand - das habe ich dir erzählt, sowie auch alle anderen Fragen vollständig.
Wort für Wort
yad utāhaṁ tvayā pṛṣṭo
das also, wonach du mich gefragt hast
vairājāt puruṣād idam
wie dies (Universum) aus dem kosmischen Puruṣa
yathāsīt tad upākhyāste
entstand, das habe ich dir erzählt
praśnān anyāṁś ca kṛtsnaśaḥ
sowie auch alle anderen Fragen vollständig
[Anm.: Schlussvers, der den mehrfach verschachtelten Rahmen der Erzählung schließt - vom Erhabenen an Brahmā, von Brahmā an Nārada, von Nārada an Vyāsa, von Vyāsa (über Śuka) an Parīkṣit, hier ausdrücklich von Śukadeva selbst bestätigt.]