Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 56: prakṛti-puruṣa-vivekaḥ Die Unterscheidung von materieller Natur und Seele

śrī-bhagavān uvāca prakṛti-stho 'pi puruṣo nājyate prākṛtair guṇaiḥ avikārād akartṛtvān nirguṇatvāj jalārkavat

Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Obwohl die Seele (puruṣa) in der materiellen Natur weilt, wird sie von den materiellen Erscheinungsweisen (guṇas) nicht befleckt – wegen ihrer Unveränderlichkeit, ihrer Nicht-Handelnden-Schaft und ihrer Eigenschaftslosigkeit, so wie [die Sonne, die sich] im Wasser [spiegelt, davon unberührt bleibt].

Wort für Wort
śrī-bhagavān uvāca
die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach
prakṛti-sthaḥ api
obwohl in der materiellen Natur weilend
puruṣaḥ
die Seele
na ajyate
wird nicht befleckt
prākṛtaiḥ guṇaiḥ
von den materiellen Erscheinungsweisen
avikārāt
wegen Unveränderlichkeit
akartṛtvāt
wegen Nicht-Handelnden-Seins
nirguṇatvāt
wegen Eigenschaftslosigkeit
jala-arka-vat
wie die Sonne im Wasser

sa eṣa yarhi prakṛter guṇeṣv abhiviṣajjate ahaṅkriyā-vimūḍhātmā kartāsmīty abhimanyate

Sobald sich eben diese Seele an die Erscheinungsweisen der materiellen Natur haftet, wird sie, durch das falsche Ego verwirrt, der Meinung: „Ich bin der Handelnde.“

Wort für Wort
sa eṣaḥ
eben diese (Seele)
yarhi
sobald, wenn
prakṛteḥ guṇeṣu
an die Erscheinungsweisen der Natur
abhiviṣajjate
haftet sich an
ahaṅkriyā-vimūḍha-ātmā
durch falsches Ego verwirrter Geist
kartā asmi iti
‚ich bin der Handelnde‘
abhimanyate
meint, bildet sich ein

tena saṁsāra-padavīm avaśo 'bhyety anirvṛtaḥ prāsaṅgikaiḥ karma-doṣaiḥ sad-asan-miśra-yoniṣu

Dadurch betritt sie, unfrei und unzufrieden, den Pfad des Daseinskreislaufs – wegen der beiläufig aus dieser Verstrickung entstehenden fehlerhaften Handlungen – in guten, schlechten und gemischten Geburten.

Wort für Wort
tena
dadurch
saṁsāra-padavīm
den Pfad des Daseinskreislaufs
avaśaḥ
unfrei, hilflos
abhyeti
betritt, erreicht
anirvṛtaḥ
unzufrieden
prāsaṅgikaiḥ karma-doṣaiḥ
durch beiläufig entstandene fehlerhafte Handlungen
sat-asat-miśra-yoniṣu
in guten, schlechten und gemischten Geburtsarten

arthe hy avidyamāne 'pi saṁsṛtir na nivartate dhyāyato viṣayān asya svapne 'narthāgamo yathā

Denn obwohl der eigentliche Gegenstand [dieser Bindung] gar nicht wirklich vorhanden ist, hört der Daseinskreislauf nicht auf, solange sie über die Sinnesobjekte nachsinnt – so wie im Traum Unheil hereinbricht [obwohl nichts real geschieht].

Wort für Wort
arthe
der Gegenstand, Grund
hi avidyamāne api
obwohl fürwahr nicht [wirklich] vorhanden
saṁsṛtiḥ na nivartate
der Daseinskreislauf hört nicht auf
dhyāyataḥ viṣayān asya
während sie über die Sinnesobjekte nachsinnt
svapne
im Traum
anartha-āgamaḥ yathā
so wie das Hereinbrechen von Unheil

ata eva śanaiś cittaṁ prasaktam asatāṁ pathi bhakti-yogena tīvreṇa viraktyā ca nayed vaśam

Eben deshalb soll man den an den Pfad der vergänglichen Dinge gebundenen Geist allmählich durch intensiven Bhakti-Yoga und durch Entsagung unter Kontrolle bringen.

Wort für Wort
ataḥ eva
eben deshalb
śanaiḥ
allmählich
cittam prasaktam
den verhafteten Geist
asatām pathi
auf dem Pfad der vergänglichen Dinge
bhakti-yogena tīvreṇa
durch intensiven Bhakti-Yoga
viraktyā ca
und durch Entsagung
nayet vaśam
soll man unter Kontrolle bringen

yamādibhir yoga-pathair abhyasañ śraddhayānvitaḥ mayi bhāvena satyena mat-kathā-śravaṇena ca

[Indem man] die mit Yama usw. beginnenden Pfade des Yoga übt, mit Glauben ausgestattet, mit wahrhaftiger Hingabe zu Mir und durch das Hören von Erzählungen über Mich –

Wort für Wort
yama-ādibhiḥ yoga-pathaiḥ
durch die mit Yama beginnenden Pfade des Yoga
abhyasan
übend
śraddhayā anvitaḥ
mit Glauben ausgestattet
mayi bhāvena satyena
mit wahrhaftiger Hingabe zu Mir
mat-kathā-śravaṇena ca
und durch das Hören von Erzählungen über Mich

Satz wird über mehrere Verse (6–9) fortgeführt.

sarva-bhūta-samatvena nirvaireṇāprasaṅgataḥ brahmacaryeṇa maunena sva-dharmeṇa balīyasā

…durch Gleichmut gegenüber allen Lebewesen, durch Feindlosigkeit, durch das Meiden unnötiger Verbindungen, durch Keuschheit, durch Schweigen und durch die kraftvolle Erfüllung der eigenen Pflicht –

Wort für Wort
sarva-bhūta-samatvena
durch Gleichmut gegenüber allen Lebewesen
nirvaireṇa
durch Feindlosigkeit
aprasaṅgataḥ
durch Meiden unnötiger Verbindungen
brahmacaryeṇa
durch Keuschheit
maunena
durch Schweigen
sva-dharmeṇa balīyasā
durch die kraftvolle eigene Pflichterfüllung

Fortsetzung des Satzes aus Vers 6.

yadṛcchayopalabdhena santuṣṭo mita-bhuṅ muniḥ vivikta-śaraṇaḥ śānto maitraḥ karuṇa ātmavān

…zufrieden mit dem, was sich von selbst einstellt, maßvoll im Essen, nachdenklich, an einem abgeschiedenen Ort weilend, friedvoll, freundlich, mitfühlend und selbstbeherrscht,

Wort für Wort
yadṛcchayā upalabdhena
mit dem von selbst Erlangten
santuṣṭaḥ
zufrieden
mita-bhuk
maßvoll essend
muniḥ
der Nachdenkliche
vivikta-śaraṇaḥ
an abgeschiedenem Ort Zuflucht nehmend
śāntaḥ
friedvoll
maitraḥ
freundlich
karuṇaḥ
mitfühlend
ātma-vān
selbstbeherrscht

Fortsetzung des Satzes aus Vers 6.

sānubandhe ca dehe 'sminn akurvann asad-āgraham jñānena dṛṣṭa-tattvena prakṛteḥ puruṣasya ca

…und indem man in Bezug auf diesen mit [familiären] Bindungen verknüpften Körper keine falsche Anhaftung hegt – all dies durch das Wissen, mit dem die Wahrheit von materieller Natur und Seele erkannt wird –

Wort für Wort
sa-anubandhe dehe asmin
in Bezug auf diesen mit Bindungen verknüpften Körper
akurvan asat-āgraham
ohne falsche Anhaftung zu hegen
jñānena dṛṣṭa-tattvena
durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erkannt wird
prakṛteḥ puruṣasya ca
von materieller Natur und Seele

Fortsetzung des Satzes aus Vers 6; wird in Vers 10 abgeschlossen.

nivṛtta-buddhi-avasthāno dūrī-bhūtānya-darśanaḥ upalabhyātmanātmānaṁ cakṣuṣevārkam ātma-dṛk

…[ein solcher], dessen Verweilen in den Zuständen der [gewöhnlichen] Intelligenz aufgehört hat, dem jede andere Sichtweise fern gerückt ist, erkennt mit dem [geläuterten] Selbst das Selbst, so wie man mit dem Auge die Sonne [erblickt] – er ist ein Selbst-Schauender.

Wort für Wort
nivṛtta-buddhi-avasthānaḥ
dessen Verweilen in den Zuständen der Intelligenz aufgehört hat
dūrī-bhūta-anya-darśanaḥ
dem jede andere Sichtweise fern gerückt ist
upalabhya ātmanā ātmānam
nachdem er mit dem Selbst das Selbst wahrgenommen hat
cakṣuṣā iva arkam
wie man mit dem Auge die Sonne [erblickt]
ātma-dṛk
der Selbst-Schauende

Abschluss des in Vers 6 begonnenen Satzes.

mukta-liṅgaṁ sad-ābhāsam asati pratipadyate sato bandhum asac-cakṣuḥ sarvānusyūtam advayam

Er erkennt [das Selbst als] das von der subtilen Hülle befreite, im Nicht-Seienden als Widerschein des Seienden erscheinende, [als] die Stütze des Seienden, [das zugleich] das Auge des Nicht-Seienden ist, in allem durchdringend Vorhandene, das Eine ohne ein Zweites.

Wort für Wort
mukta-liṅgam
das von der subtilen Hülle befreite
sat-ābhāsam
als Widerschein des Seienden erscheinend
asati pratipadyate
erkennt er im Nicht-Seienden
sataḥ bandhum
die Stütze des Seienden
asat-cakṣuḥ
das Auge des Nicht-Seienden
sarva-anusyūtam
in allem durchdringend vorhanden
advayam
das Eine ohne ein Zweites

sthala-sthenāvadṛśyate svābhāsena tathā sūryo jala-sthena divi sthitaḥ

[So wie jenes Prinzip] durch das auf einer Wand befindliche [Abbild] mittels seines eigenen Widerscheins erblickt wird, so [wird] die eigentlich am Himmel weilende Sonne durch das im Wasser [befindliche Abbild wahrgenommen] [?].

Wort für Wort
sthala-sthena
durch das auf einer Stätte/Wand befindliche [Abbild]
avadṛśyate
wird erblickt
sva-ābhāsena
durch seinen eigenen Widerschein
tathā sūryaḥ
ebenso die Sonne
jala-sthena
durch das im Wasser befindliche [Abbild]
divi sthitaḥ
am Himmel weilend

[Anm.: Die Quelle (vedabase.io) zeigt für diesen Vers nur 3 statt der für einen Anuṣṭubh-Vers zu erwartenden 4 Verszeilen (Padas); sowohl Devanagari als auch IAST-Transliteration wurden mehrfach gegengeprüft und zeigen konsistent nur diese 3 Zeilen. Die Übersetzung wurde anhand der vorhandenen Zeilen und des Vers-Kontexts (Fortsetzung der Sonne/Spiegelbild-Analogie aus Vers 10) rekonstruiert; eine fehlende Pada konnte nicht wiederhergestellt werden.]

evaṁ trivṛd-ahaṅkāro bhūtendriya-manomayaiḥ svābhāsair lakṣito 'nena sad-ābhāsena satya-dṛk

So wird das dreifache falsche Ego – bestehend aus den [groben] Elementen, den Sinnen und dem Geist – durch seine eigenen Erscheinungsformen von demjenigen wahrgenommen, der als Widerschein des Seienden die Wahrheit schaut.

Wort für Wort
evam
so, auf diese Weise
tri-vṛt-ahaṅkāraḥ
das dreifache falsche Ego
bhūta-indriya-manaḥ-mayaiḥ
bestehend aus Elementen, Sinnen und Geist
sva-ābhāsaiḥ lakṣitaḥ
durch seine eigenen Erscheinungsformen wahrgenommen
anena sat-ābhāsena
durch diesen Widerschein des Seienden
satya-dṛk
den die Wahrheit Schauenden

bhūta-sūkṣmendriya-mano- buddhy-ādiṣv iha nidrayā līneṣv asati yas tatra vinidro nirahaṅkriyaḥ

Wenn hier durch den Schlaf die [groben] Elemente, die subtilen [Sinnesobjekte], die Sinne, der Geist, die Intelligenz usw. im Unmanifesten aufgelöst sind, [bleibt] derjenige, der dabei wach und frei vom falschen Ego ist, [der wahre Zeuge].

Wort für Wort
bhūta-sūkṣma-indriya-manaḥ-buddhi-ādiṣu
in Elementen, subtilen Sinnesobjekten, Sinnen, Geist, Intelligenz usw.
iha nidrayā
hier durch den Schlaf
līneṣu asati
wenn [diese] im Unmanifesten aufgelöst sind
yaḥ tatra
wer dabei
vinidraḥ
wach bleibend
nirahaṅkriyaḥ
frei vom falschen Ego

manyamānas tadātmānam anaṣṭo naṣṭavan mṛṣā naṣṭe 'haṅkaraṇe draṣṭā naṣṭa-vitta ivāturaḥ

Dann bildet sich der Betrachter fälschlich ein, er selbst sei, obwohl [in Wahrheit] nicht verloren, verlorengegangen, wenn das falsche Ego verschwunden ist – wie jemand, der sein Vermögen verloren hat und darüber bekümmert ist.

Wort für Wort
manyamānaḥ
sich einbildend
tadā ātmānam
dann sich selbst
anaṣṭaḥ naṣṭa-vat mṛṣā
obwohl nicht verloren, fälschlich als verloren
naṣṭe ahaṅkaraṇe
wenn das falsche Ego verschwunden ist
draṣṭā
der Betrachter
naṣṭa-vittaḥ iva āturaḥ
wie ein bekümmerter, der sein Vermögen verloren hat

evaṁ pratyavamṛśyāsāv ātmānaṁ pratipadyate sāhaṅkārasya dravyasya yo 'vasthānam anugrahaḥ

So erkennt jener [Weise], nachdem er [dies] erwogen hat, das Selbst als das, was die Grundlage und der Offenbarer der mit falschem Ego behafteten [materiellen] Substanz ist.

Wort für Wort
evam pratyavamṛśya
so, nachdem er erwogen hat
asau
jener
ātmānam pratipadyate
erkennt er das Selbst
sa-ahaṅkārasya dravyasya
der mit falschem Ego behafteten Substanz
yaḥ avasthānam
das, was [deren] Grundlage ist
anugrahaḥ
und Offenbarer

devahūtir uvāca puruṣaṁ prakṛtir brahman na vimuñcati karhicit anyonyāpāśrayatvāc ca nityatvād anayoḥ prabho

Devahuti sprach: O Brahmane, die materielle Natur lässt die Seele niemals los – wegen ihrer gegenseitigen Abhängigkeit voneinander und wegen der Ewigkeit der beiden, o Herr.

Wort für Wort
devahūtiḥ uvāca
Devahuti sprach
puruṣam
die Seele
prakṛtiḥ
die materielle Natur
brahman
o Brahmane
na vimuñcati karhicit
lässt niemals los
anyonya-apāśrayatvāt ca
und wegen gegenseitiger Abhängigkeit
nityatvāt anayoḥ
wegen der Ewigkeit der beiden
prabho
o Herr

yathā gandhasya bhūmeś ca na bhāvo vyatirekataḥ apāṁ rasasya ca yathā tathā buddheḥ parasya ca

So wie es zwischen dem Duft und der Erde kein voneinander getrenntes Sein gibt, und so wie [dies] bei Wasser und Geschmack [der Fall ist], ebenso [verhält es sich] mit der [materiellen] Intelligenz und dem Höchsten [Selbst].

Wort für Wort
yathā gandhasya bhūmeḥ ca
so wie des Duftes und der Erde
na bhāvaḥ vyatirekataḥ
es kein getrenntes Sein gibt
apām rasasya ca yathā
und so wie des Wassers und des Geschmacks
tathā buddheḥ parasya ca
ebenso der Intelligenz und des Höchsten

akartuḥ karma-bandho 'yaṁ puruṣasya yad-āśrayaḥ guṇeṣu satsu prakṛteḥ kaivalyaṁ teṣv ataḥ katham

Wie [kann es] diese Bindung an Handlung, die dem nicht-handelnden Purusha [zugeschrieben wird] und deren Grundlage [in den Erscheinungsweisen liegt, geben], und wie [kann es], solange die Erscheinungsweisen der materiellen Natur bestehen, Freiheit von ihnen geben?

Wort für Wort
akartuḥ puruṣasya
des nicht-handelnden Purusha
karma-bandhaḥ ayam
diese Bindung an Handlung
yat-āśrayaḥ
deren Grundlage [dies ist]
guṇeṣu satsu prakṛteḥ
solange die Erscheinungsweisen der Natur bestehen
kaivalyam teṣu
Freiheit von diesen
ataḥ katham
wie also, wie dann

kvacit tattvāvamarśena nivṛttaṁ bhayam ulbaṇam anivṛtta-nimittatvāt punaḥ pratyavatiṣṭhate

Manchmal wird durch das Nachsinnen über die [wahren] Prinzipien die gewaltige Furcht zum Verschwinden gebracht; doch weil ihre Ursache nicht [wirklich] beseitigt ist, stellt sie sich wieder ein.

Wort für Wort
kvacit
manchmal
tattva-avamarśena
durch Nachsinnen über die Prinzipien
nivṛttam bhayam ulbaṇam
die gewaltige Furcht zum Verschwinden gebracht
anivṛtta-nimittatvāt
weil die Ursache nicht beseitigt ist
punaḥ pratyavatiṣṭhate
stellt sie sich wieder ein

śrī-bhagavān uvāca animitta-nimittena sva-dharmeṇāmalātmanā tīvrayā mayi bhaktyā ca śruta-sambhṛtayā ciram

Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Durch [das Ausüben] der eigenen Pflicht ohne [selbstsüchtigen] Beweggrund, mit reinem Herzen, und durch intensive Hingabe zu Mir, die durch langes Hören [über Mich] genährt wurde,

Wort für Wort
śrī-bhagavān uvāca
die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach
animitta-nimittena
durch [Handeln] ohne selbstsüchtigen Beweggrund
sva-dharmeṇa amala-ātmanā
durch die eigene Pflicht, mit reinem Herzen
tīvrayā mayi bhaktyā ca
und durch intensive Hingabe zu Mir
śruta-sambhṛtayā ciram
die durch langes Hören genährt wurde

Satz wird in den folgenden Versen fortgeführt.

jñānena dṛṣṭa-tattvena vairāgyeṇa balīyasā tapo-yuktena yogena tīvreṇātma-samādhinā

…durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erschaut wird, durch kraftvolle Entsagung, durch mit Askese verbundenen Yoga und durch intensive Selbstversenkung –

Wort für Wort
jñānena dṛṣṭa-tattvena
durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erschaut wird
vairāgyeṇa balīyasā
durch kraftvolle Entsagung
tapaḥ-yuktena yogena
durch mit Askese verbundenen Yoga
tīvreṇa ātma-samādhinā
durch intensive Selbstversenkung

Fortsetzung des Satzes aus Vers 21.

prakṛtiḥ puruṣasyeha dahyamānā tv ahar-niśam tiro-bhavitrī śanakair agner yonir ivāraṇiḥ

…wird die materielle Natur der Seele hier, Tag und Nacht verzehrt, allmählich verschwinden – so wie das Reibholz, aus dem das Feuer entsteht, [selbst vom Feuer verzehrt wird].

Wort für Wort
prakṛtiḥ puruṣasya iha
die materielle Natur der Seele hier
dahyamānā tu ahaḥ-niśam
die jedoch Tag und Nacht verzehrt wird
tiraḥ-bhavitrī śanakaiḥ
allmählich verschwindend
agneḥ yoniḥ iva araṇiḥ
wie das Reibholz, der Ursprung des Feuers

Fortsetzung des Satzes aus Vers 21.

bhukta-bhogā parityaktā dṛṣṭa-doṣā ca nityaśaḥ neśvarasyāśubhaṁ dhatte sve mahimni sthitasya ca

…die materielle Natur, deren Genüsse [bereits] genossen wurden, die aufgegeben wurde und deren Fehlerhaftigkeit stets erkannt ist, kann demjenigen, der in seiner eigenen [wahren] Herrlichkeit verankert und [damit] Herr [über sich selbst] ist, kein Unheil mehr zufügen.

Wort für Wort
bhukta-bhogā
deren Genüsse bereits genossen wurden
parityaktā
die aufgegeben wurde
dṛṣṭa-doṣā ca nityaśaḥ
und deren Fehlerhaftigkeit stets erkannt ist
na īśvarasya aśubham dhatte
fügt dem Herrn [über sich selbst] kein Unheil zu
sve mahimni sthitasya ca
der in seiner eigenen Herrlichkeit verankert ist

Abschluss des in Vers 21 begonnenen Satzes.

yathā hy apratibuddhasya prasvāpo bahv-anartha-bhṛt sa eva pratibuddhasya na vai mohāya kalpate

So wie fürwahr der Traum für den nicht Erwachten vielerlei Unheil mit sich bringt, so vermag eben derselbe [Traum] für den Erwachten gewiss nicht zur Verwirrung zu führen.

Wort für Wort
yathā hi
so wie fürwahr
apratibuddhasya
für den nicht Erwachten
prasvāpaḥ bahu-anartha-bhṛt
der Traum, der vielerlei Unheil mit sich bringt
saḥ eva pratibuddhasya
eben derselbe für den Erwachten
na vai mohāya kalpate
vermag gewiss nicht zur Verwirrung zu führen

evaṁ vidita-tattvasya prakṛtir mayi mānasam yuñjato nāpakuruta ātmārāmasya karhicit

Ebenso vermag die materielle Natur demjenigen, der die Wahrheit erkannt hat, der seinen Geist auf Mich richtet und der sich im Selbst erfreut, niemals Schaden zuzufügen.

Wort für Wort
evam vidita-tattvasya
ebenso dem, der die Wahrheit erkannt hat
prakṛtiḥ
die materielle Natur
mayi mānasam yuñjataḥ
der den Geist auf Mich richtet
na apakurute
fügt keinen Schaden zu
ātma-ārāmasya karhicit
dem sich im Selbst Erfreuenden, jemals

yadaivam adhyātma-rataḥ kālena bahu-janmanā sarvatra jāta-vairāgya ābrahma-bhuvanān muniḥ

Wenn so der an der Selbst-Erkenntnis erfreute Weise im Laufe vieler Geburten und langer Zeit überall – bis hinauf zu Brahmaloka – Entsagung entwickelt hat,

Wort für Wort
yadā evam
wenn so
adhyātma-rataḥ
an Selbst-Erkenntnis erfreut
kālena bahu-janmanā
im Laufe vieler Geburten und Zeit
sarvatra jāta-vairāgyaḥ
in dem überall Entsagung entstanden ist
ā-brahma-bhuvanāt
bis hinauf zu Brahmaloka
muniḥ
der Weise

Satz wird in den folgenden Versen fortgeführt.

mad-bhaktaḥ pratibuddhārtho mat-prasādena bhūyasā niḥśreyasaṁ sva-saṁsthānaṁ kaivalyākhyaṁ mad-āśrayam

…[dann] erlangt Mein Geweihter, dessen [wahres] Wesen erwacht ist, durch Meine überreiche Gnade das höchste Gut – die eigene [wahre] Wohnstätte, genannt Kaivalya, die in Mir gegründet ist –

Wort für Wort
mat-bhaktaḥ
Mein Geweihter
pratibuddha-arthaḥ
dessen wahres Wesen erwacht ist
mat-prasādena bhūyasā
durch Meine überreiche Gnade
niḥśreyasam
das höchste Gut
sva-saṁsthānam
die eigene Wohnstätte
kaivalya-ākhyam
genannt Kaivalya
mad-āśrayam
in Mir gegründet

Fortsetzung des Satzes aus Vers 27; wird in Vers 29 abgeschlossen. [Anm.: Diese Verszählung folgt der auf vedabase.io als kombinierte Seite 'sb/3/27/28-29' dargestellten Zuordnung der beiden Sanskrit-Texte zu den Versnummern 28 und 29.]

prāpnotīhāñjasā dhīraḥ sva-dṛśā cchinna-saṁśayaḥ yad gatvā na nivarteta yogī liṅgād vinirgame

…er, der Standhafte, dessen Zweifel durch die eigene [innere] Einsicht beseitigt sind, erlangt [es] hier auf direktem Weg – [jenen Ort,] wohin gegangen der Yogi beim Ausscheiden aus der subtilen Hülle nicht wieder zurückkehrt.

Wort für Wort
prāpnoti iha añjasā
erlangt hier auf direktem Weg
dhīraḥ
der Standhafte
sva-dṛśā chinna-saṁśayaḥ
dessen Zweifel durch eigene Einsicht beseitigt sind
yat gatvā na nivarteta
wohin gegangen er nicht zurückkehrt
yogī liṅgāt vinirgame
der Yogi beim Ausscheiden aus der subtilen Hülle

Abschluss des in Vers 27 begonnenen Satzes.

yadā na yogopacitāsu ceto māyāsu siddhasya viṣajjate 'ṅga ananya-hetuṣv atha me gatiḥ syād ātyantikī yatra na mṛtyu-hāsaḥ

Wenn, o [liebe Mutter], das Bewusstsein des vollkommenen [Yogis] sich nicht an die durch Yoga angehäuften Kräfte der Māyā haftet, sondern [ausschließlich] an das [Ziel], das keine andere Ursache als Mich hat, dann wird sein Gang zu Mir endgültig, wo es keine Macht des Todes [mehr gibt] [?].

Wort für Wort
yadā
wenn
na yoga-upacitāsu māyāsu
nicht an die durch Yoga angehäuften Kräfte der Māyā
cetaḥ viṣajjate
das Bewusstsein sich haftet
aṅga
o [liebe Mutter]
ananya-hetuṣu atha
sondern an das, was keine andere Ursache hat
me gatiḥ syāt ātyantikī
wird mein/sein Gang endgültig
yatra na mṛtyu-hāsaḥ
wo es keine Macht des Todes gibt

„mṛtyu-hāsaḥ“ wörtlich etwa ‚das Lachen/die Regung des Todes‘; hier sinngemäß als ‚Macht/Zugriff des Todes‘ wiedergegeben.

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