Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Obwohl die Seele (puruṣa) in der materiellen Natur weilt, wird sie von den materiellen Erscheinungsweisen (guṇas) nicht befleckt – wegen ihrer Unveränderlichkeit, ihrer Nicht-Handelnden-Schaft und ihrer Eigenschaftslosigkeit, so wie [die Sonne, die sich] im Wasser [spiegelt, davon unberührt bleibt].
sa eṣa yarhi prakṛter
guṇeṣv abhiviṣajjate
ahaṅkriyā-vimūḍhātmā
kartāsmīty abhimanyate
Sobald sich eben diese Seele an die Erscheinungsweisen der materiellen Natur haftet, wird sie, durch das falsche Ego verwirrt, der Meinung: „Ich bin der Handelnde.“
tena saṁsāra-padavīm
avaśo 'bhyety anirvṛtaḥ
prāsaṅgikaiḥ karma-doṣaiḥ
sad-asan-miśra-yoniṣu
Dadurch betritt sie, unfrei und unzufrieden, den Pfad des Daseinskreislaufs – wegen der beiläufig aus dieser Verstrickung entstehenden fehlerhaften Handlungen – in guten, schlechten und gemischten Geburten.
Wort für Wort
tena
dadurch
saṁsāra-padavīm
den Pfad des Daseinskreislaufs
avaśaḥ
unfrei, hilflos
abhyeti
betritt, erreicht
anirvṛtaḥ
unzufrieden
prāsaṅgikaiḥ karma-doṣaiḥ
durch beiläufig entstandene fehlerhafte Handlungen
arthe hy avidyamāne 'pi
saṁsṛtir na nivartate
dhyāyato viṣayān asya
svapne 'narthāgamo yathā
Denn obwohl der eigentliche Gegenstand [dieser Bindung] gar nicht wirklich vorhanden ist, hört der Daseinskreislauf nicht auf, solange sie über die Sinnesobjekte nachsinnt – so wie im Traum Unheil hereinbricht [obwohl nichts real geschieht].
ata eva śanaiś cittaṁ
prasaktam asatāṁ pathi
bhakti-yogena tīvreṇa
viraktyā ca nayed vaśam
Eben deshalb soll man den an den Pfad der vergänglichen Dinge gebundenen Geist allmählich durch intensiven Bhakti-Yoga und durch Entsagung unter Kontrolle bringen.
yamādibhir yoga-pathair
abhyasañ śraddhayānvitaḥ
mayi bhāvena satyena
mat-kathā-śravaṇena ca
[Indem man] die mit Yama usw. beginnenden Pfade des Yoga übt, mit Glauben ausgestattet, mit wahrhaftiger Hingabe zu Mir und durch das Hören von Erzählungen über Mich –
…durch Gleichmut gegenüber allen Lebewesen, durch Feindlosigkeit, durch das Meiden unnötiger Verbindungen, durch Keuschheit, durch Schweigen und durch die kraftvolle Erfüllung der eigenen Pflicht –
…zufrieden mit dem, was sich von selbst einstellt, maßvoll im Essen, nachdenklich, an einem abgeschiedenen Ort weilend, friedvoll, freundlich, mitfühlend und selbstbeherrscht,
sānubandhe ca dehe 'sminn
akurvann asad-āgraham
jñānena dṛṣṭa-tattvena
prakṛteḥ puruṣasya ca
…und indem man in Bezug auf diesen mit [familiären] Bindungen verknüpften Körper keine falsche Anhaftung hegt – all dies durch das Wissen, mit dem die Wahrheit von materieller Natur und Seele erkannt wird –
Wort für Wort
sa-anubandhe dehe asmin
in Bezug auf diesen mit Bindungen verknüpften Körper
akurvan asat-āgraham
ohne falsche Anhaftung zu hegen
jñānena dṛṣṭa-tattvena
durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erkannt wird
prakṛteḥ puruṣasya ca
von materieller Natur und Seele
Fortsetzung des Satzes aus Vers 6; wird in Vers 10 abgeschlossen.
…[ein solcher], dessen Verweilen in den Zuständen der [gewöhnlichen] Intelligenz aufgehört hat, dem jede andere Sichtweise fern gerückt ist, erkennt mit dem [geläuterten] Selbst das Selbst, so wie man mit dem Auge die Sonne [erblickt] – er ist ein Selbst-Schauender.
Wort für Wort
nivṛtta-buddhi-avasthānaḥ
dessen Verweilen in den Zuständen der Intelligenz aufgehört hat
dūrī-bhūta-anya-darśanaḥ
dem jede andere Sichtweise fern gerückt ist
upalabhya ātmanā ātmānam
nachdem er mit dem Selbst das Selbst wahrgenommen hat
mukta-liṅgaṁ sad-ābhāsam
asati pratipadyate
sato bandhum asac-cakṣuḥ
sarvānusyūtam advayam
Er erkennt [das Selbst als] das von der subtilen Hülle befreite, im Nicht-Seienden als Widerschein des Seienden erscheinende, [als] die Stütze des Seienden, [das zugleich] das Auge des Nicht-Seienden ist, in allem durchdringend Vorhandene, das Eine ohne ein Zweites.
sthala-sthenāvadṛśyate
svābhāsena tathā sūryo
jala-sthena divi sthitaḥ
[So wie jenes Prinzip] durch das auf einer Wand befindliche [Abbild] mittels seines eigenen Widerscheins erblickt wird, so [wird] die eigentlich am Himmel weilende Sonne durch das im Wasser [befindliche Abbild wahrgenommen] [?].
Wort für Wort
sthala-sthena
durch das auf einer Stätte/Wand befindliche [Abbild]
avadṛśyate
wird erblickt
sva-ābhāsena
durch seinen eigenen Widerschein
tathā sūryaḥ
ebenso die Sonne
jala-sthena
durch das im Wasser befindliche [Abbild]
divi sthitaḥ
am Himmel weilend
[Anm.: Die Quelle (vedabase.io) zeigt für diesen Vers nur 3 statt der für einen Anuṣṭubh-Vers zu erwartenden 4 Verszeilen (Padas); sowohl Devanagari als auch IAST-Transliteration wurden mehrfach gegengeprüft und zeigen konsistent nur diese 3 Zeilen. Die Übersetzung wurde anhand der vorhandenen Zeilen und des Vers-Kontexts (Fortsetzung der Sonne/Spiegelbild-Analogie aus Vers 10) rekonstruiert; eine fehlende Pada konnte nicht wiederhergestellt werden.]
So wird das dreifache falsche Ego – bestehend aus den [groben] Elementen, den Sinnen und dem Geist – durch seine eigenen Erscheinungsformen von demjenigen wahrgenommen, der als Widerschein des Seienden die Wahrheit schaut.
Wort für Wort
evam
so, auf diese Weise
tri-vṛt-ahaṅkāraḥ
das dreifache falsche Ego
bhūta-indriya-manaḥ-mayaiḥ
bestehend aus Elementen, Sinnen und Geist
sva-ābhāsaiḥ lakṣitaḥ
durch seine eigenen Erscheinungsformen wahrgenommen
bhūta-sūkṣmendriya-mano-
buddhy-ādiṣv iha nidrayā
līneṣv asati yas tatra
vinidro nirahaṅkriyaḥ
Wenn hier durch den Schlaf die [groben] Elemente, die subtilen [Sinnesobjekte], die Sinne, der Geist, die Intelligenz usw. im Unmanifesten aufgelöst sind, [bleibt] derjenige, der dabei wach und frei vom falschen Ego ist, [der wahre Zeuge].
Wort für Wort
bhūta-sūkṣma-indriya-manaḥ-buddhi-ādiṣu
in Elementen, subtilen Sinnesobjekten, Sinnen, Geist, Intelligenz usw.
Dann bildet sich der Betrachter fälschlich ein, er selbst sei, obwohl [in Wahrheit] nicht verloren, verlorengegangen, wenn das falsche Ego verschwunden ist – wie jemand, der sein Vermögen verloren hat und darüber bekümmert ist.
Wort für Wort
manyamānaḥ
sich einbildend
tadā ātmānam
dann sich selbst
anaṣṭaḥ naṣṭa-vat mṛṣā
obwohl nicht verloren, fälschlich als verloren
naṣṭe ahaṅkaraṇe
wenn das falsche Ego verschwunden ist
draṣṭā
der Betrachter
naṣṭa-vittaḥ iva āturaḥ
wie ein bekümmerter, der sein Vermögen verloren hat
evaṁ pratyavamṛśyāsāv
ātmānaṁ pratipadyate
sāhaṅkārasya dravyasya
yo 'vasthānam anugrahaḥ
So erkennt jener [Weise], nachdem er [dies] erwogen hat, das Selbst als das, was die Grundlage und der Offenbarer der mit falschem Ego behafteten [materiellen] Substanz ist.
devahūtir uvāca
puruṣaṁ prakṛtir brahman
na vimuñcati karhicit
anyonyāpāśrayatvāc ca
nityatvād anayoḥ prabho
Devahuti sprach: O Brahmane, die materielle Natur lässt die Seele niemals los – wegen ihrer gegenseitigen Abhängigkeit voneinander und wegen der Ewigkeit der beiden, o Herr.
yathā gandhasya bhūmeś ca
na bhāvo vyatirekataḥ
apāṁ rasasya ca yathā
tathā buddheḥ parasya ca
So wie es zwischen dem Duft und der Erde kein voneinander getrenntes Sein gibt, und so wie [dies] bei Wasser und Geschmack [der Fall ist], ebenso [verhält es sich] mit der [materiellen] Intelligenz und dem Höchsten [Selbst].
Wie [kann es] diese Bindung an Handlung, die dem nicht-handelnden Purusha [zugeschrieben wird] und deren Grundlage [in den Erscheinungsweisen liegt, geben], und wie [kann es], solange die Erscheinungsweisen der materiellen Natur bestehen, Freiheit von ihnen geben?
Manchmal wird durch das Nachsinnen über die [wahren] Prinzipien die gewaltige Furcht zum Verschwinden gebracht; doch weil ihre Ursache nicht [wirklich] beseitigt ist, stellt sie sich wieder ein.
śrī-bhagavān uvāca
animitta-nimittena
sva-dharmeṇāmalātmanā
tīvrayā mayi bhaktyā ca
śruta-sambhṛtayā ciram
Die Höchste Persönlichkeit Gottes sprach: Durch [das Ausüben] der eigenen Pflicht ohne [selbstsüchtigen] Beweggrund, mit reinem Herzen, und durch intensive Hingabe zu Mir, die durch langes Hören [über Mich] genährt wurde,
…durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erschaut wird, durch kraftvolle Entsagung, durch mit Askese verbundenen Yoga und durch intensive Selbstversenkung –
Wort für Wort
jñānena dṛṣṭa-tattvena
durch das Wissen, mit dem die Wahrheit erschaut wird
prakṛtiḥ puruṣasyeha
dahyamānā tv ahar-niśam
tiro-bhavitrī śanakair
agner yonir ivāraṇiḥ
…wird die materielle Natur der Seele hier, Tag und Nacht verzehrt, allmählich verschwinden – so wie das Reibholz, aus dem das Feuer entsteht, [selbst vom Feuer verzehrt wird].
bhukta-bhogā parityaktā
dṛṣṭa-doṣā ca nityaśaḥ
neśvarasyāśubhaṁ dhatte
sve mahimni sthitasya ca
…die materielle Natur, deren Genüsse [bereits] genossen wurden, die aufgegeben wurde und deren Fehlerhaftigkeit stets erkannt ist, kann demjenigen, der in seiner eigenen [wahren] Herrlichkeit verankert und [damit] Herr [über sich selbst] ist, kein Unheil mehr zufügen.
yathā hy apratibuddhasya
prasvāpo bahv-anartha-bhṛt
sa eva pratibuddhasya
na vai mohāya kalpate
So wie fürwahr der Traum für den nicht Erwachten vielerlei Unheil mit sich bringt, so vermag eben derselbe [Traum] für den Erwachten gewiss nicht zur Verwirrung zu führen.
Ebenso vermag die materielle Natur demjenigen, der die Wahrheit erkannt hat, der seinen Geist auf Mich richtet und der sich im Selbst erfreut, niemals Schaden zuzufügen.
Wenn so der an der Selbst-Erkenntnis erfreute Weise im Laufe vieler Geburten und langer Zeit überall – bis hinauf zu Brahmaloka – Entsagung entwickelt hat,
…[dann] erlangt Mein Geweihter, dessen [wahres] Wesen erwacht ist, durch Meine überreiche Gnade das höchste Gut – die eigene [wahre] Wohnstätte, genannt Kaivalya, die in Mir gegründet ist –
Wort für Wort
mat-bhaktaḥ
Mein Geweihter
pratibuddha-arthaḥ
dessen wahres Wesen erwacht ist
mat-prasādena bhūyasā
durch Meine überreiche Gnade
niḥśreyasam
das höchste Gut
sva-saṁsthānam
die eigene Wohnstätte
kaivalya-ākhyam
genannt Kaivalya
mad-āśrayam
in Mir gegründet
Fortsetzung des Satzes aus Vers 27; wird in Vers 29 abgeschlossen. [Anm.: Diese Verszählung folgt der auf vedabase.io als kombinierte Seite 'sb/3/27/28-29' dargestellten Zuordnung der beiden Sanskrit-Texte zu den Versnummern 28 und 29.]
prāpnotīhāñjasā dhīraḥ
sva-dṛśā cchinna-saṁśayaḥ
yad gatvā na nivarteta
yogī liṅgād vinirgame
…er, der Standhafte, dessen Zweifel durch die eigene [innere] Einsicht beseitigt sind, erlangt [es] hier auf direktem Weg – [jenen Ort,] wohin gegangen der Yogi beim Ausscheiden aus der subtilen Hülle nicht wieder zurückkehrt.
Wort für Wort
prāpnoti iha añjasā
erlangt hier auf direktem Weg
dhīraḥ
der Standhafte
sva-dṛśā chinna-saṁśayaḥ
dessen Zweifel durch eigene Einsicht beseitigt sind
yadā na yogopacitāsu ceto
māyāsu siddhasya viṣajjate 'ṅga
ananya-hetuṣv atha me gatiḥ syād
ātyantikī yatra na mṛtyu-hāsaḥ
Wenn, o [liebe Mutter], das Bewusstsein des vollkommenen [Yogis] sich nicht an die durch Yoga angehäuften Kräfte der Māyā haftet, sondern [ausschließlich] an das [Ziel], das keine andere Ursache als Mich hat, dann wird sein Gang zu Mir endgültig, wo es keine Macht des Todes [mehr gibt] [?].
Wort für Wort
yadā
wenn
na yoga-upacitāsu māyāsu
nicht an die durch Yoga angehäuften Kräfte der Māyā
cetaḥ viṣajjate
das Bewusstsein sich haftet
aṅga
o [liebe Mutter]
ananya-hetuṣu atha
sondern an das, was keine andere Ursache hat
me gatiḥ syāt ātyantikī
wird mein/sein Gang endgültig
yatra na mṛtyu-hāsaḥ
wo es keine Macht des Todes gibt
„mṛtyu-hāsaḥ“ wörtlich etwa ‚das Lachen/die Regung des Todes‘; hier sinngemäß als ‚Macht/Zugriff des Todes‘ wiedergegeben.