Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 4: vyāsaviṣādaḥ Śaunakas Fragen und Vyāsas Unzufriedenheit

Śaunaka stellt Sūta eine ganze Reihe von Fragen (V.1-13): nach Ursprung und Anlass der Bhāgavata-Erzählung, nach Śukas wundersamem Wesen und seiner Ankunft in Hastināpura, nach dem Zustandekommen des Gesprächs zwischen Śuka und Parīkṣit, und nach Parīkṣits Fasten-Tod-Entschluss. Sūtas Antwort (V.14-33) schildert Vyāsas Geburt, seine Einteilung des einen Veda in vier Veden samt Itihāsa-Purāṇa als fünftem Veda, die Verfassung des Mahābhārata für die vom vedischen Studium Ausgeschlossenen - und dennoch seine bleibende innere Unzufriedenheit, die schließlich in die Erkenntnis mündet, die Bhagavata-Dharmas (Hingabe-Lehren) noch nicht dargelegt zu haben. Das Kapitel endet mit Nāradas Ankunft, die in Adhyāya 5 zur entscheidenden Ermahnung führt.

iti bruvāṇaṃ saṃstūya munīnāṃ dīrghasatriṇām / vṛddhaḥ kulapatiḥ sūtaṃ bahvṛcaḥ śaunako 'bravīt //

Zu ihm, der so sprach [Sūta], nachdem er [von den Weisen] gepriesen worden war, sprach der greise Sippenoberhaupt der zum langen Opfersitzungs-Kreis gehörigen Weisen, der im Ṛgveda kundige Śaunaka.

Wort für Wort
iti bruvāṇam
zu ihm, der so sprach
saṃstūya
gepriesen habend
munīnāṃ dīrghasatriṇām
der Weisen der langen Opfersitzung
vṛddhaḥ kulapatiḥ
der greise Sippenoberhaupt
sūtaṃ
zu Sūta
bahvṛcaḥ śaunako 'bravīt
der im Ṛgveda kundige Śaunaka sprach

[Anm.: Die Quelle setzt vor diesem Vers die Sprecherangabe {vyāsa uvāca}, was inhaltlich nicht passt (der Vers berichtet in dritter Person von Śaunakas Anrede an Sūta und schließt an V.3.45, Sūtas eigene Rede, an) - vermutlich ein Etikettierungsfehler der Quelle bzw. der Abrufmethode; hier daher ohne Sprecherkennzeichnung als Fortsetzung von Sūtas Rahmenerzählung wiedergegeben.] [?]

sūta sūta mahābhāga vada no vadatāṃ vara / kathāṃ bhāgavatīṃ puṇyāṃ yad āha bhagavāñ chukaḥ //

{Śaunaka sprach:} Sūta, Sūta, du hochbeglückter, sprich zu uns, o Bester der Redekundigen, die heilige Bhāgavata-Erzählung, die der erhabene Śuka verkündet hat.

Wort für Wort
sūta sūta mahābhāga
Sūta, Sūta, du Hochbeglückter
vada naḥ vadatāṃ vara
sprich zu uns, o Bester der Redner
kathāṃ bhāgavatīṃ puṇyām
die heilige Bhāgavata-Erzählung
yad āha bhagavāñ chukaḥ
die der erhabene Śuka verkündet hat

kasmin yuge pravṛtteyaṃ sthāne vā kena hetunā / kutaḥ sañcoditaḥ kṛṣṇaḥ kṛtavān saṃhitāṃ muniḥ //

In welchem Zeitalter kam sie [diese Erzählung] auf, oder an welchem Ort, aus welchem Grund? Wodurch veranlasst hat der Weise Kṛṣṇa [Dvaipāyana, Vyāsa] die Sammlung (Saṃhitā) verfasst?

Wort für Wort
kasmin yuge pravṛtteyam
in welchem Zeitalter kam sie auf
sthāne vā kena hetunā
an welchem Ort, aus welchem Grund
kutaḥ sañcoditaḥ
wodurch veranlasst
kṛṣṇaḥ kṛtavān saṃhitāṃ muniḥ
hat der Weise Kṛṣṇa [Vyāsa] die Saṃhitā verfasst

tasya putro mahāyogī samadṛṅ nirvikalpakaḥ / ekāntamatir unnidro gūḍho mūḍha iveyate //

Dessen Sohn [Śuka], ein großer Yogī von gleichmütigem, unterscheidungslosem Blick, von ausschließlich [auf ein Ziel gerichtetem] Sinn, wachsam, verborgen, erscheint wie ein Tor.

Wort für Wort
tasya putro mahāyogī
dessen Sohn, ein großer Yogī
samadṛṅ nirvikalpakaḥ
von gleichmütigem, unterscheidungslosem Blick
ekāntamatir unnidraḥ
von einsinnigem Denken, wachsam
gūḍho mūḍha iva īyate
verborgen erscheint er wie ein Tor

dṛṣṭvānuyāntam ṛṣim ātmajam apy anagnaṃ devyo hriyā paridadhur na sutasya citram / tad vīkṣya pṛcchati munau jagadus tavāsti strīpuṃbhidā na tu sutasya viviktadṛṣṭeḥ //

Als sie den Weisen [Vyāsa] sahen, der [seinem] eigenen, obgleich nackten Sohn [Śuka] folgte, bedeckten sich die Himmelsfrauen aus Scham - [aber] nicht wegen des Sohnes; wie seltsam! Als der Weise dies bemerkte und fragte, sagten sie: 'Für dich besteht [noch] der Unterschied von Mann und Frau, nicht aber für deinen Sohn, dessen Blick [von aller Dualität] geschieden/rein ist.'

Wort für Wort
dṛṣṭvā anuyāntam ṛṣim
den [ihm] folgenden Weisen sehend
ātmajam apy anagnam
obgleich der eigene Sohn nackt [war]
devyo hriyā paridadhuḥ
die Himmelsfrauen bedeckten sich aus Scham
na sutasya citram
nicht wegen des Sohnes - seltsam!
tad vīkṣya pṛcchati munau
als der Weise dies bemerkte und fragte
jagaduḥ
sagten sie
tava asti strīpuṃbhidā
für dich besteht der Mann-Frau-Unterschied
na tu sutasya viviktadṛṣṭeḥ
nicht aber für den Sohn, dessen Blick [von Dualität] geschieden ist

[?] die genaue Wortfügung von "jagadus tavāsti" ist in der abgerufenen Quelle etwas unklar zusammengezogen (vermutlich sandhi-bedingt aus "jagaduḥ tava asti"); Übersetzung nach wahrscheinlichster grammatischer Auflösung.

katham ālakṣitaḥ pauraiḥ samprāptaḥ kurujāṅgalān / unmattamūkajaḍavad vicaran gajasāhvaye //

Wie wurde er, als er in Kurujāṅgala ankam, von den Stadtbewohnern erkannt, während er in Hastināpura (Gajasāhvaya) wie ein Wahnsinniger, Stummer oder Dummkopf umherwandelte?

Wort für Wort
katham ālakṣitaḥ pauraiḥ
wie wurde er von den Stadtbewohnern erkannt
samprāptaḥ kurujāṅgalān
als er in Kurujāṅgala angekommen war
unmattamūkajaḍavad vicaran
wie ein Wahnsinniger, Stummer, Dummkopf umherwandelnd
gajasāhvaye
in Hastināpura (Gajasāhvaya)

kathaṃ vā pāṇḍaveyasya rājarṣer muninā saha / saṃvādaḥ samabhūt tāta yatraiṣā sātvatī śrutiḥ //

Und wie, o Lieber, kam das Zwiegespräch zwischen dem königlichen Weisen aus dem Pāṇḍava-Geschlecht [Parīkṣit] und dem Weisen [Śuka] zustande, in dem diese Sātvata-Schrift [verkündet wurde]?

Wort für Wort
kathaṃ vā
und wie
pāṇḍaveyasya rājarṣer muninā saha
zwischen dem königlichen Weisen des Pāṇḍava-Geschlechts und dem Weisen
saṃvādaḥ samabhūt tāta
kam das Zwiegespräch zustande, o Lieber
yatra eṣā sātvatī śrutiḥ
in dem diese Sātvata-Schrift [verkündet wurde]

sa godohanamātraṃ hi gṛheṣu gṛhamedhinām / avekṣate mahābhāgas tīrthīkurvaṃs tad-āśramam //

Denn jener Hochbeglückte [Śuka] weilt in den Häusern der Hausväter nur so lange, wie eine Kuh gemolken wird, und macht dadurch diese Wohnstätte zu einem [heiligen] Tīrtha.

Wort für Wort
sa godohanamātraṃ hi
denn er, nur für die Dauer eines Kuhmelkens
gṛheṣu gṛhamedhinām
in den Häusern der Hausväter
avekṣate mahābhāgaḥ
weilt/verweilt der Hochbeglückte
tīrthīkurvaṃs tad-āśramam
diese Wohnstätte zum Tīrtha machend

abhimanyusutaṃ sūta prāhur bhāgavatottamam / tasya janma mahāścaryaṃ karmāṇi ca gṛṇīhi naḥ //

O Sūta, den Sohn des Abhimanyu [Parīkṣit] nennt man den Besten der Bhāgavatas; seine höchst wundersame Geburt und seine Taten verkünde uns.

Wort für Wort
abhimanyusutaṃ sūta
o Sūta, den Sohn des Abhimanyu
prāhur bhāgavatottamam
nennt man den Besten der Bhāgavatas
tasya janma mahāścaryam
seine höchst wundersame Geburt
karmāṇi ca gṛṇīhi naḥ
und seine Taten verkünde uns

sa samrāṭ kasya vā hetoḥ pāṇḍūnāṃ mānavardhanaḥ / prāyopaviṣṭo gaṅgāyām anādṛtyādhirāṭśriyam //

Aus welchem Grund setzte sich jener Kaiser, der Mehrer der Ehre der Pāṇḍus, zum Fasten-Tod an der Gaṅgā nieder, die Herrlichkeit eines Groß-Herrschers missachtend?

Wort für Wort
sa samrāṭ kasya vā hetoḥ
aus welchem Grund jener Kaiser
pāṇḍūnāṃ mānavardhanaḥ
der Mehrer der Ehre der Pāṇḍus
prāyopaviṣṭo gaṅgāyām
setzte sich zum Fasten-Tod an der Gaṅgā
anādṛtya adhirāṭśriyam
die Herrlichkeit eines Groß-Herrschers missachtend

namanti yatpādaniketam ātmanaḥ śivāya hānīya dhanāni śatravaḥ / kathaṃ sa vīraḥ śriyam aṅga dustyajāṃ yuvaiṣa totsraṣṭum aho sahāsubhiḥ //

Vor dessen Füßen als Zuflucht sich sogar die Feinde, zu ihrem eigenen Heil, unter Aufgabe ihrer Reichtümer verneigen - wie konnte dieser junge Held, o Freund, ein derart schwer aufzugebendes Königsglück, noch dazu zusammen mit seinen Lebenshauchen, aufgeben wollen?

Wort für Wort
namanti yat-pādaniketam
vor dessen Füßen als Zuflucht sie sich verneigen
ātmanaḥ śivāya
zu ihrem eigenen Heil
hānīya dhanāni śatravaḥ
die Feinde unter Aufgabe ihrer Reichtümer
kathaṃ sa vīraḥ aṅga
wie [konnte] dieser Held, o Freund
śriyaṃ dustyajām
ein schwer aufzugebendes Glück
yuvā eṣa tu utsraṣṭum
dieser Junge aufgeben wollen
aho sahāsubhiḥ
ach, samt den Lebenshauchen

[?] "hānīya" ist eine ungewöhnliche Gerundiv-/Absolutivform (statt der erwarteten "hitvā"); hier sinngemäß als "unter Aufgabe von" wiedergegeben.

śivāya lokasya bhavāya bhūtaye ya uttamaślokaparāyaṇā janāḥ / jīvanti nātmārtham asau parāśrayaṃ mumoca nirvidya kutaḥ kalevaram //

Menschen, die dem Höchstgepriesenen [Viṣṇu] ganz ergeben sind, leben nicht für sich selbst, sondern zum Heil, Wohl und Gedeihen der Welt; wie also konnte er, der sich [ganz] auf einen anderen [Kṛṣṇa] stützte, aus Weltüberdruss [einfach so] den Leib aufgeben?

Wort für Wort
śivāya lokasya bhavāya bhūtaye
zum Heil, Wohl und Gedeihen der Welt
ya uttamaślokaparāyaṇā janāḥ
Menschen, die dem Höchstgepriesenen ergeben sind
jīvanti na ātmārtham
leben nicht für sich selbst
asau parāśrayam
er, der sich auf einen anderen stützte
mumoca nirvidya kutaḥ kalevaram
wie gab er aus Weltüberdruss den Leib auf

tat sarvaṃ naḥ samācakṣva pṛṣṭo yad iha kiñcana / manye tvāṃ viṣaye vācāṃ snātam anyatra chāndasāt //

Verkünde uns dies alles vollständig, was immer wir hier gefragt haben; ich halte dich für einen, der im Bereich der Rede - auch jenseits des Vedischen - [wie] gebadet [d.h. vollkommen bewandert] ist.

Wort für Wort
tat sarvaṃ naḥ samācakṣva
verkünde uns dies alles
pṛṣṭo yad iha kiñcana
was immer hier gefragt wurde
manye tvāṃ
ich halte dich für
viṣaye vācāṃ snātam
im Bereich der Rede gebadet [bewandert]
anyatra chāndasāt
auch jenseits des Vedischen

dvāpare samanuprāpte tṛtīye yugaparyaye / jātaḥ parāśarād yogī vāsavyāṃ kalayā hareḥ //

{Sūta sprach:} Als das Dvāpara[-Zeitalter], die dritte Wende der Zeitalter, herangekommen war, wurde der Yogī [Vyāsa], als Teil (Kalā) Haris, von Parāśara und Vāsavī [Satyavatī] geboren.

Wort für Wort
dvāpare samanuprāpte
als das Dvāpara herangekommen war
tṛtīye yugaparyaye
die dritte Wende der Zeitalter
jātaḥ parāśarād yogī
wurde der Yogī von Parāśara geboren
vāsavyāṃ kalayā hareḥ
von Vāsavī, als Teil Haris

sa kadācit sarasvatyā upaspṛśya jalaṃ śuciḥ / vivikta eka āsīna udite ravimaṇḍale //

Er berührte einst, gereinigt, das Wasser der Sarasvatī [in rituellem Sipping] und saß, als die Sonnenscheibe aufgegangen war, allein an einem abgeschiedenen Ort.

Wort für Wort
sa kadācit sarasvatyā
er einst, [am Ufer] der Sarasvatī
upaspṛśya jalaṃ śuciḥ
das Wasser berührend, gereinigt
vivikta eka āsīnaḥ
allein an abgeschiedenem Ort sitzend
udite ravimaṇḍale
als die Sonnenscheibe aufgegangen war

parāvarajñaḥ sa ṛṣiḥ kālenāvyaktaraṃhasā / yugadharmavyatikaraṃ prāptaṃ bhuvi yuge yuge //

Jener Weise, Kenner des Höheren und Niederen, [erkannte] durch die Zeit, deren Lauf unmerklich ist, die Vermischung der Zeitalter-Dharmas, die Zeitalter um Zeitalter über die Erde gekommen war.

Wort für Wort
parāvarajñaḥ sa ṛṣiḥ
jener Weise, Kenner des Höheren und Niederen
kālena avyaktaraṃhasā
durch die Zeit, deren Lauf unmerklich ist
yugadharmavyatikaram
die Vermischung der Zeitalter-Dharmas
prāptaṃ bhuvi yuge yuge
die Zeitalter um Zeitalter über die Erde gekommen war

bhautikānāṃ ca bhāvānāṃ śaktihrāsaṃ ca tatkṛtam / aśraddadhānān niḥsattvān durmedhān hrasitāyuṣaḥ //

Und [er erkannte] die durch jene [Zeit] bewirkte Verminderung der Kraft der stofflichen Wesen: [Menschen,] die glaubenslos, ohne innere Kraft, von schlechtem Verstand, von verkürzter Lebensspanne [geworden waren].

Wort für Wort
bhautikānāṃ ca bhāvānāṃ
und der stofflichen Wesen
śaktihrāsaṃ ca tatkṛtam
die durch jene [Zeit] bewirkte Kraftverminderung
aśraddadhānān niḥsattvān
glaubenslos, ohne innere Kraft
durmedhān hrasitāyuṣaḥ
von schlechtem Verstand, verkürzter Lebensspanne

durbhagāṃś ca janān vīkṣya munir divyena cakṣuṣā / sarvavarṇāśramāṇāṃ yad dadhyau hitam amoghadṛk //

Und als der Weise von unfehlbarem Blick mit göttlichem Auge die unglückseligen Menschen erblickte, überlegte er, was für [Menschen] aller Kasten und Lebensstadien heilsam wäre.

Wort für Wort
durbhagāṃś ca janān vīkṣya
und die unglückseligen Menschen erblickend
munir divyena cakṣuṣā
der Weise mit göttlichem Auge
sarvavarṇāśramāṇāṃ
für [Menschen] aller Kasten und Lebensstadien
yad dadhyau hitam amoghadṛk
überlegte, was heilsam wäre, [er] von unfehlbarem Blick

cāturhotraṃ karma śuddhaṃ prajānāṃ vīkṣya vaidikam / vyadadhād yajñasantatyai vedam ekaṃ caturvidham //

Da er das reine vedische Werk der vier [Opfer-]Priester als Wirken der Menschen betrachtete, gliederte er den einen Veda in vier Arten, zur Fortdauer des Opfers.

Wort für Wort
cāturhotraṃ karma śuddham
das reine Vier-Priester-Werk
prajānāṃ vīkṣya vaidikam
als vedisches [Werk] der Menschen betrachtend
vyadadhād yajñasantatyai
er gliederte zur Fortdauer des Opfers
vedam ekaṃ caturvidham
den einen Veda in vier Arten

ṛgyajuḥsāmātharvākhyā vedāś catvāra uddhṛtāḥ / itihāsapurāṇaṃ ca pañcamo veda ucyate //

Die vier Veden mit den Namen Ṛg, Yajus, Sāma [und] Atharva wurden [so] herausgezogen; und Itihāsa-Purāṇa wird der fünfte Veda genannt.

Wort für Wort
ṛgyajuḥsāmātharvākhyā vedāḥ
die Veden mit den Namen Ṛg, Yajus, Sāma, Atharva
catvāra uddhṛtāḥ
die vier wurden herausgezogen
itihāsapurāṇaṃ ca
und Itihāsa-Purāṇa
pañcamo veda ucyate
wird der fünfte Veda genannt

tatra ṛgvedadharaḥ pailaḥ sāmago jaiminiḥ kaviḥ / vaiśampāyana evaiko niṣṇāto yajuṣām uta //

Darunter wurde Paila der Träger des Ṛgveda, der weise Jaimini der Sänger des Sāma[veda], und Vaiśampāyana allein wurde im Yajus[-Veda] bewandert.

Wort für Wort
tatra ṛgvedadharaḥ pailaḥ
darunter Paila, der Träger des Ṛgveda
sāmago jaiminiḥ kaviḥ
der weise Jaimini, der Sänger des Sāma
vaiśampāyana evaiko niṣṇātaḥ
Vaiśampāyana allein bewandert
yajuṣām uta
im Yajus[-Veda]

atharvāṅgirasām āsīt sumantur dāruṇo muniḥ / itihāsapurāṇānāṃ pitā me romaharṣaṇaḥ //

Für den Atharvāṅgiras[-Veda] war es der strenge Weise Sumantu; für die Itihāsas und Purāṇas [war es] mein Vater Romaharṣaṇa.

Wort für Wort
atharvāṅgirasām āsīt
für den Atharvāṅgiras-[Veda] war
sumantur dāruṇo muniḥ
der strenge Weise Sumantu
itihāsapurāṇānāṃ pitā me
für Itihāsas und Purāṇas [war] mein Vater
romaharṣaṇaḥ
Romaharṣaṇa

[Anm.: Romaharṣaṇa/Lomaharṣaṇa ist der Vater Sūtas und wird auch im Brahma-Purāṇa (Projekt 5, Werk 1) als Erzähler-Rahmenfigur geführt.]

ta eta ṛṣayo vedaṃ svaṃ svaṃ vyasyann anekadhā / śiṣyaiḥ praśiṣyais tacchiṣyair vedās te śākhino 'bhavan //

Diese Weisen gliederten ihren jeweils eigenen Veda auf vielfache Weise; durch [ihre] Schüler, Enkelschüler und deren Schüler wurden jene Veden vielverzweigt.

Wort für Wort
ta eta ṛṣayo
diese Weisen
vedaṃ svaṃ svaṃ vyasyann anekadhā
gliederten ihren jeweils eigenen Veda auf vielfache Weise
śiṣyaiḥ praśiṣyais tacchiṣyair
durch Schüler, Enkelschüler und deren Schüler
vedās te śākhino 'bhavan
wurden jene Veden vielverzweigt

ta eva vedā durmedhair dhāryante puruṣair yathā / evaṃ cakāra bhagavān vyāsaḥ kṛpaṇavatsalaḥ //

Damit eben diese Veden auch von Menschen schwachen Verstandes behalten werden könnten, so handelte der erhabene Vyāsa, der den Elenden zugetane.

Wort für Wort
ta eva vedā
eben diese Veden
durmedhair dhāryante puruṣair yathā
damit sie von Menschen schwachen Verstandes behalten würden
evaṃ cakāra bhagavān vyāsaḥ
so handelte der erhabene Vyāsa
kṛpaṇavatsalaḥ
der den Elenden Zugetane

strīśūdradvijabandhūnāṃ trayī na śrutigocarā / karmaśreyasi mūḍhānāṃ śreya evaṃ bhaved iha / iti bhāratam ākhyānaṃ kṛpayā muninā kṛtam //

Das dreifache [vedische Wissen] liegt nicht im Hörbereich von Frauen, Śūdras und [nur dem Namen nach] mit den Zweifachgeborenen Verwandten; 'so möge auch für die über das Heilsame im Handeln Verwirrten hier Heil entstehen' - so wurde die Bhārata genannte Erzählung aus Mitleid vom Weisen verfasst.

Wort für Wort
strīśūdradvijabandhūnāṃ
für Frauen, Śūdras und nur-nominelle Zweifachgeborene
trayī na śrutigocarā
liegt das dreifache [Wissen] nicht im Hörbereich
karmaśreyasi mūḍhānāṃ
für die über das Heilsame im Handeln Verwirrten
śreya evaṃ bhaved iha
so möge hier Heil entstehen
iti bhāratam ākhyānam
so wurde die Bhārata-Erzählung
kṛpayā muninā kṛtam
aus Mitleid vom Weisen verfasst

evaṃ pravṛttasya sadā bhūtānāṃ śreyasi dvijāḥ / sarvātmakenāpi yadā nātuṣyad dhṛdayaṃ tataḥ //

Obgleich er so, o Zweifachgeborene, mit ganzem Wesen stets auf das Heil der Geschöpfe bedacht war, wurde sein Herz dennoch nicht befriedigt.

Wort für Wort
evaṃ pravṛttasya sadā
obgleich er so stets bedacht war
bhūtānāṃ śreyasi dvijāḥ
auf das Heil der Geschöpfe, o Zweifachgeborene
sarvātmakenāpi
sogar mit ganzem Wesen
yadā na atuṣyad dhṛdayaṃ tataḥ
wurde sein Herz dennoch nicht befriedigt

nātiprasīdad dhṛdayaḥ sarasvatyās taṭe śucau / vitarkayan viviktastha idaṃ covāca dharmavit //

Sein Herz nicht recht zufrieden, sprach der Dharmakundige, während er, in Abgeschiedenheit weilend, am reinen Ufer der Sarasvatī nachsann, folgendermaßen.

Wort für Wort
na atiprasīdad dhṛdayaḥ
sein Herz nicht recht zufrieden
sarasvatyās taṭe śucau
am reinen Ufer der Sarasvatī
vitarkayan viviktastha
nachsinnend, in Abgeschiedenheit weilend
idaṃ ca uvāca dharmavit
sprach der Dharmakundige dies

dhṛtavratena hi mayā chandāṃsi guravo 'gnayaḥ / mānitā nirvyalīkena gṛhītaṃ cānuśāsanam //

Von mir, der ich feste Gelübde hielt, wurden ohne Falschheit die heiligen Verse, die Lehrer [und] die Feuer geehrt, und die [Guru-]Unterweisung wurde empfangen.

Wort für Wort
dhṛtavratena hi mayā
von mir, der ich feste Gelübde hielt
chandāṃsi guravo 'gnayaḥ
die Verse, Lehrer, Feuer
mānitā nirvyalīkena
wurden ohne Falschheit geehrt
gṛhītaṃ ca anuśāsanam
und die Unterweisung wurde empfangen

bhāratavyapadeśena hy āmnāyārthaś ca pradarśitaḥ / dṛśyate yatra dharmādi strīśūdrādibhyaḥ apy uta //

Und unter der Bezeichnung 'Bhārata' wurde auch der Sinn der [vedischen] Überlieferung dargelegt, worin Dharma und Übriges sogar von Frauen, Śūdras u.a. erschaut werden kann.

Wort für Wort
bhāratavyapadeśena hi
unter der Bezeichnung 'Bhārata' fürwahr
āmnāyārthaś ca pradarśitaḥ
wurde auch der Sinn der Überlieferung dargelegt
dṛśyate yatra dharmādi
worin Dharma und Übriges erschaut werden kann
strīśūdrādibhyaḥ apy uta
sogar von Frauen, Śūdras u.a.

tathāpi bata me daihyo hy ātmā caivātmanā vibhuḥ / asampanna ivābhāti brahmavarcasya sattamaḥ //

Dennoch, ach, erscheint mein verkörpertes Selbst - obgleich es aus sich selbst durchdringend/vollkommen ist und obgleich [ich] der Beste an Brahman-Glanz [bin] - mir wie unvollendet.

Wort für Wort
tathāpi bata me daihyo ātmā
dennoch, ach, mein verkörpertes Selbst
ca eva ātmanā vibhuḥ
obgleich aus sich selbst durchdringend
asampanna iva ābhāti
erscheint wie unvollendet
brahmavarcasya sattamaḥ
obgleich [ich] der Beste an Brahman-Glanz [bin]

kiṃ vā bhāgavatā dharmā na prāyeṇa nirūpitāḥ / priyāḥ paramahaṃsānāṃ ta eva hy acyutapriyāḥ //

Oder wurden etwa die Bhāgavata-Dharmas, die den Paramahaṃsas lieb sind [und] die eben dem Unfehlbaren [Kṛṣṇa] selbst lieb sind, größtenteils nicht dargelegt?

Wort für Wort
kiṃ vā bhāgavatā dharmā
oder [wurden] die Bhāgavata-Dharmas
na prāyeṇa nirūpitāḥ
größtenteils nicht dargelegt
priyāḥ paramahaṃsānāṃ
die den Paramahaṃsas lieb sind
ta eva hy acyutapriyāḥ
die eben dem Unfehlbaren selbst lieb sind

tasyaivaṃ khilam ātmānaṃ manyamānasya khidyataḥ / kṛṣṇasya nārado 'bhyāgād āśramaṃ prāg udāhṛtam //

Während er [Kṛṣṇa-Dvaipāyana], der sein eigenes Selbst so für unvollständig hielt, sich grämte, kam Nārada zur zuvor genannten Einsiedelei jenes Kṛṣṇa [Vyāsa].

Wort für Wort
tasya evaṃ khilam ātmānaṃ
während er sein Selbst so für unvollständig
manyamānasya khidyataḥ
haltend, sich grämte
kṛṣṇasya nārado 'bhyāgād
zu Kṛṣṇa [Vyāsa] kam Nārada
āśramaṃ prāg udāhṛtam
zur zuvor genannten Einsiedelei

tam abhijñāya sahasā pratyutthāyāgataṃ muniḥ / pūjayām āsa vidhivan nāradaṃ surapūjitam //

Ihn sogleich erkennend, erhob sich der Weise [Vyāsa] für den Angekommenen und verehrte, vorschriftsgemäß, Nārada, der von den Göttern verehrt wird.

Wort für Wort
tam abhijñāya sahasā
ihn sogleich erkennend
pratyutthāya āgataṃ muniḥ
erhob sich der Weise für den Angekommenen
pūjayām āsa vidhivan
er verehrte vorschriftsgemäß
nāradaṃ surapūjitam
Nārada, der von den Göttern verehrt wird

[Anm.: Kapitelschluss; die Erzählung setzt sich in Adhyāya 5 mit Nāradas Ermahnung an Vyāsa fort.]

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