ṛṣabha uvāca
nāyaṁ deho deha-bhājāṁ nṛloke kaṣṭān kāmān arhate viḍ-bhujāṁ ye
tapo divyaṁ putrakā yena sattvaṁ śuddhyed yasmād brahma-saukhyaṁ tv anantam
Ṛṣabha sprach: Dieser Körper ist unter den verkörperten Wesen in der Menschenwelt nicht dazu bestimmt, sich um jene mühevollen Sinnesgenüsse zu bemühen, welche [auch] den Kotfressern zuteilwerden. Göttliche Askese, oh meine Söhne, ist [das rechte Ziel], wodurch das Herz gereinigt wird und woraus unendliches, geistiges Glück [entspringt].
Wort für Wort
ṛṣabhaḥ
Ṛṣabha (Nom. Sg., Subjekt)
uvāca
sprach (3. Sg. Perf.)
na
nicht
ayam
dieser (Nom. Sg. m.)
dehaḥ
Körper (Nom. Sg.)
deha-bhājām
der Körperträger (Gen. Pl.)
nṛloke
in der Menschenwelt (Lok. Sg.)
kaṣṭān
mühevolle (Akk. Pl.)
kāmān
Begierden/Sinnesgenüsse (Akk. Pl.)
arhate
verdient/ist bestimmt für (3. Sg. Präs.)
viḍ-bhujām
der Kotfresser (Gen. Pl.)
ye
welche (Nom. Pl., relativisch)
tapaḥ
Askese (Nom. Sg.)
divyam
göttliche (Nom. Sg. Adj.)
putrakāḥ
oh Söhne (Vok. Pl.)
yena
wodurch (Instr. Sg.)
sattvam
das Wesen/Herz (Nom. Sg.)
śuddhyet
möge gereinigt werden (3. Sg. Opt.)
yasmāt
woraus (Abl. Sg.)
brahma-saukhyam
geistiges Glück (Nom. Sg.)
tu
aber/wahrlich
anantam
unendliches (Nom. Sg. Adj.)
arhate wörtlich 'ist wert/verdient (etwas)'; das Prädikat des zweiten Satzabschnitts (tapaḥ ...) ist elliptisch und sinngemäß ergänzt.
mahat-sevāṁ dvāram āhur vimuktes
tamo-dvāraṁ yoṣitāṁ saṅgi-saṅgam
mahāntas te sama-cittāḥ praśāntā
vimanyavaḥ suhṛdaḥ sādhavo ye
Den Dienst an den Großen nennt man das Tor zur Befreiung; die Gesellschaft derer, die an Frauen hängen, [nennt man] das Tor zur Finsternis. Jene Großen sind von gleichmütigem Sinn, befriedet, frei von Zorn, wohlgesinnt und tugendhaft – das sind sie, die 'die Großen' [genannt werden].
ye vā mayīśe kṛta-sauhṛdārthā
janeṣu dehambhara-vārtikeṣu
gṛheṣu jāyātmaja-rātimatsu
na prīti-yuktā yāvad-arthāś ca loke
Diejenigen aber, die es sich zum Ziel gemacht haben, Zuneigung zu Mir, dem Herrn, zu entwickeln, hängen nicht an Menschen, die nur mit der Erhaltung des Körpers beschäftigt sind, noch an Häusern, die Gattin, Kinder und Verwandte enthalten; und in der Welt begnügen sie sich mit dem, was gerade nötig ist.
nūnaṁ pramattaḥ kurute vikarma
yad indriya-prītaya āpṛṇoti
na sādhu manye yata ātmano 'yam
asann api kleśada āsa dehaḥ
Fürwahr, verblendet begeht [der Mensch] verbotene Taten, wenn er sich der Sinnesbefriedigung widmet. Ich halte das nicht für recht, denn dieser Körper, obwohl [in Wahrheit] unwirklich für das Selbst, ist zur Quelle des Leidens geworden.
parābhavas tāvad abodha-jāto
yāvan na jijñāsata ātma-tattvam
yāvat kriyās tāvad idaṁ mano vai
karmātmakaṁ yena śarīra-bandhaḥ
Solange man nicht nach der Wahrheit des Selbst zu erkennen sucht, solange währt das aus Unwissenheit entstandene Unterliegen [im Daseinskampf]. Solange Handlungen [bestehen], solange ist dieser Geist wahrlich von Werk durchdrungen, wodurch die Bindung an den Körper [entsteht].
evaṁ manaḥ karma-vaśaṁ prayuṅkte
avidyayātmany upadhīyamāne
prītir na yāvan mayi vāsudeve
na mucyate deha-yogena tāvat
So gerät der Geist unter die Macht des Werks, während [das Selbst] durch Unwissenheit überlagert wird. Solange keine Liebe zu Mir, Vāsudeva, [entsteht], so lange wird man nicht von der Verbindung mit dem Körper befreit.
Wort für Wort
evam
so
manaḥ
der Geist (Nom. Sg.)
karma-vaśam
unter die Macht des Werks (Akk. Sg.)
prayuṅkte
gerät/setzt sich ein (3. Sg. Präs. Med.)
avidyayā
durch Unwissenheit (Instr. Sg.)
ātmani
im Selbst (Lok. Sg.)
upadhīyamāne
während überlagert wird (Lok. Sg. Part. Präs. Pass.)
yadā na paśyaty ayathā guṇehāṁ
svārthe pramattaḥ sahasā vipaścit
gata-smṛtir vindati tatra tāpān
āsādya maithunyam agāram ajñaḥ
Wenn selbst der Gelehrte, verblendet im eigenen Interesse, das unrichtige Streben nach den Sinnesobjekten nicht [als solches] erkennt, verliert er plötzlich die Besinnung; als Unwissender findet er, nachdem er sich ein auf Paarung gegründetes Heim erworben hat, dort [nur] Qualen.
Diesen Zustand der Paarung des Mannes mit der Frau nennt man den gegenseitigen Herzensknoten der beiden. Daher [entsteht] durch Haus, Feld, Kinder, Verwandte und Reichtum die Verblendung des Menschen, [ausgedrückt] als 'ich' und 'mein'.
Wort für Wort
puṁsaḥ
des Mannes (Gen. Sg.)
striyā
mit der Frau (Instr. Sg.)
mithunī-bhāvam
den Zustand der Paarung (Akk. Sg.)
etam
diesen (Akk. Sg.)
tayoḥ
der beiden (Gen. Du.)
mithaḥ
gegenseitig
hṛdaya-granthim
den Herzensknoten (Akk. Sg.)
āhuḥ
sie nennen (3. Pl. Perf.)
ataḥ
daher
gṛha-kṣetra-suta-āpta-vittaiḥ
durch Haus, Feld, Kinder, Verwandte, Reichtum (Instr. Pl.)
Wenn sich der feste, durch Werk gebundene Geist-Herz-Knoten dieses [Menschen] lockert, dann wendet sich der Mensch von diesem [Zustand] ab; befreit geht er, nachdem er die Ursache überwunden hat, zum Höchsten.
Durch Hingabe an den Paramahaṁsa, den geistigen Lehrer, [der Mir gleich ist], durch [beständiges] Folgen, durch Freiheit von Begierde und durch das Ertragen der Gegensatzpaare, durch das überall [geübte] Erkennen des Elends der Lebewesen, durch das Verlangen zu erkennen und durch Askese, [verbunden] mit dem Aufgeben des [weltlichen] Strebens (10) – durch Taten für Mich und durch beständige Erzählungen über Mich, durch die Gemeinschaft mit Meinen Anhängern und durch das Besingen Meiner Eigenschaften, oh Söhne, durch Feindlosigkeit, Gleichmut und Befriedung [des Zorns], durch das Verlangen, die Auffassung von Körper und Heim als Selbst aufzugeben (11) – durch geistige Schulung, durch das Aufsuchen der Einsamkeit, durch das vollständige Bezwingen von Lebensatem, Sinnen und Geist, durch aufrichtigen Glauben, durch beständige Keuschheit, durch Unachtsamkeitslosigkeit und durch Zügelung der Worte (12) – durch das überall [geübte] Erkennen Meiner Gegenwart, durch Wissen, das durch [praktische] Erkenntnis erleuchtet ist, [und] durch [diesen] Yoga, ausgestattet mit Standhaftigkeit, Eifer und Tatkraft, möge der Geschickte das 'Ich' genannte [Trugbild-]Kennzeichen abwerfen. (13)
Wort für Wort
haṁse
im Paramahaṁsa (Lok. Sg.)
gurau
im geistigen Lehrer (Lok. Sg.)
mayi
in mir (Lok. Sg.)
bhaktyā
durch Hingabe (Instr. Sg.)
anuvṛtyā
durch [beständiges] Folgen (Instr. Sg.)
vitṛṣṇayā
durch Freiheit von Begierde (Instr. Sg.)
dvandva-titikṣayā
durch Ertragen der Gegensatzpaare (Instr. Sg.)
ca
und
sarvatra
überall
jantoḥ
des Lebewesens (Gen. Sg.)
vyasana-avagatyā
durch Erkennen des Elends (Instr. Sg.)
jijñāsayā
durch das Verlangen zu erkennen (Instr. Sg.)
tapasā
durch Askese (Instr. Sg.)
īhā-nivṛttyā
durch das Aufgeben des Strebens (Instr. Sg.)
mat-karmabhiḥ
durch Taten für mich (Instr. Pl.)
mat-kathayā
durch Rede über mich (Instr. Sg.)
nityam
beständig
mat-deva-saṅgāt
durch Gemeinschaft mit meinen Anhängern (Abl. Sg.)
guṇa-kīrtanāt
durch das Besingen der Eigenschaften (Abl. Sg.)
me
mein/von mir (Gen. Sg.)
nirvaira-sāmya-upaśamena
durch Feindlosigkeit, Gleichmut, Befriedung (Instr. Sg.)
putrāḥ
oh Söhne (Vok. Pl.)
jihāsayā
durch das Verlangen aufzugeben (Instr. Sg.)
deha-geha-ātma-buddheḥ
der Auffassung von Körper und Heim als Selbst (Gen. Sg.)
adhyātma-yogena
durch geistige Schulung (Instr. Sg.)
vivikta-sevayā
durch das Aufsuchen der Einsamkeit (Instr. Sg.)
prāṇa-indriya-ātma-abhijayena
durch Bezwingen von Lebensatem, Sinnen, Geist (Instr. Sg.)
sadhryak
vollständig
sat-śraddhayā
durch aufrichtigen Glauben (Instr. Sg.)
brahmacaryeṇa
durch Keuschheit (Instr. Sg.)
śaśvat
beständig
asampramādena
durch Unachtsamkeitslosigkeit (Instr. Sg.)
yamena
durch Zügelung (Instr. Sg.)
vācām
der Worte (Gen. Pl.)
mat-bhāva-vicakṣaṇena
durch Erkennen meiner Gegenwart (Instr. Sg.)
jñānena
durch Wissen (Instr. Sg.)
vijñāna-virājitena
durch praktische Erkenntnis erleuchtet (Instr. Sg.)
yogena
durch Yoga (Instr. Sg.)
dhṛti-udyama-sattva-yuktaḥ
mit Standhaftigkeit, Eifer, Tatkraft ausgestattet (Nom. Sg.)
liṅgam
das Kennzeichen (Akk. Sg.)
vyapohet
möge abwerfen (3. Sg. Opt.)
kuśalaḥ
der Geschickte (Nom. Sg.)
aham-ākhyam
das 'Ich' genannte (Akk. Sg.)
Vier Verse bilden eine einzige, fortlaufende Satzperiode (Aufzählung der Mittel, deren Frucht erst in Vers 13 mit 'vyapohet' erscheint); daher hier als eine Einheit übersetzt.
Die durch Unwissenheit hervorgebrachte Fessel des Herzensknotens, [nämlich] die Neigung zu Werken, möge der Wachsame durch diesen Yoga, gemäß der Unterweisung, vollständig abwerfen – und [danach] auch vom Yoga selbst ablassen.
putrāṁś ca śiṣyāṁś ca nṛpo gurur vā
mal-loka-kāmo mad-anugrahārthaḥ
ittham vimanyur anuśiṣyād ataj-jñān
na yojayet karmasu karma-mūḍhān
kaṁ yojayan manujo 'rthaṁ labheta
nipātayan naṣṭa-dṛśaṁ hi garte
Ein König oder Lehrer, der Mein Reich begehrt und dem Meine Gnade das Ziel ist, möge so, frei von Zorn, Söhne und Schüler, die diese Wahrheit nicht kennen, unterweisen; er möge die im Werk Verblendeten nicht [weiter] in [fruchtbringende] Werke verstricken. Welchen Nutzen sollte ein Mensch erlangen, der [jemanden] einsetzt und dabei einen Sehunfähigen in eine Grube stürzen lässt?
lokaḥ svayaṁ śreyasi naṣṭadṛṣṭir
yo 'rthān samīheta nikāma-kāmaḥ
anyonya-vairaḥ sukha-leśa-hetor
ananta-duḥkhaṁ ca na veda mūḍhaḥ
Der Mensch, der selbst hinsichtlich seines [wahren] Heils die Sicht verloren hat und, von übermäßigem Verlangen erfüllt, nach [Sinnes-]Dingen strebt, [lebt] in gegenseitiger Feindschaft um eines winzigen Bruchteils an Glück willen; der Verblendete kennt das unendliche Leid [das daraus folgt] nicht.
Welcher Weise, der selbst dies erkennt, würde, nachdem er den Verirrten, [der] inmitten der Unwissenheit weilt, erblickt hat, ihn – voller Mitleid – [noch weiter] einsetzen, gleichwie man einen Blinden auf dem falschen Weg [gehen lässt]?
gurur na sa syātsvajano na sa syāt
pitā na sa syājjananī na sā syāt
daivaṁ na tatsyānna patiśca sa syān
na mocayedyaḥ samupetamṛtyum
Wer nicht [einen anderen], der dem [wiederholten] Tod ausgesetzt ist, zu befreien vermag, der sollte weder ein Lehrer noch ein Verwandter sein, weder ein Vater noch eine Mutter, weder eine Gottheit noch auch ein Gatte.
idaṁ śarīraṁ mama durvibhāvyaṁ
sattvaṁ hi me hṛdayaṁ yatra dharmaḥ
pṛṣṭhe kṛto me yadadharma ārād
ato hi mām ṛṣabhaṁ prāhur āryāḥ
Dieser Mein Körper ist unbegreiflich; wahrlich, reines Sein ist Mein Herz, worin Rechtschaffenheit [wohnt]. Weil Ich das Unrecht weit von Mir gewiesen habe, darum nennen Mich die Edlen wahrlich 'Ṛṣabha' [den Besten].
Daher, ihr alle, die ihr aus [Meinem] Herzen geboren seid, dient mit ungetrübtem Verstand jenem erhabeneren [Bruder], eurem leiblichen Bruder Bharata; dieser Dienst [an ihm] ist [zugleich] die Erhaltung der Untertanen.
bhūteṣu vīrudbhya uduttamā ye sarīsṛpāsteṣu sabodhaniṣṭhāḥ
tato manuṣyāḥ pramathāstato 'pi gandharvasiddhā vibudhānugā ye
devāsurebhyo maghavatpradhānā dakṣādayo brahmasutāstu teṣām
bhavaḥ paraḥ so 'tha viriñcavīryaḥ sa matparo 'haṁ dvijadevadevaḥ
Unter den Geschöpfen sind die, welche [Lebenskraft besitzen], den Pflanzen weit überlegen; die Kriechtiere [stehen höher] als diese, [und höher noch] die mit Bewusstsein ausgestatteten [Tiere]; höher als diese die Menschen, höher noch als diese die Unholde, [höher als diese wiederum] die Gandharvas und Siddhas, [und] die Kinnaras, die Gefolgsleute der Götter. (21) Über die Götter und Dämonen erhaben sind jene, angeführt von Indra – [nämlich] Dakṣa und die anderen Söhne Brahmās; über sie ist Śiva erhaben. Er [Śiva] aber [entstammt] der Zeugungskraft Brahmās; und dieser [Brahmā] ist Mir hingegeben. Ich [aber] bin der Gott der Zweifachgeborenen und der Götter [selbst]. (22)
Wort für Wort
bhūteṣu
unter den Geschöpfen (Lok. Pl.)
vīrudbhyaḥ
als die Pflanzen (Abl. Pl.)
uduttamāḥ
weit überlegen (Nom. Pl.)
ye
die welche (Nom. Pl.)
sarīsṛpāḥ
die Kriechtiere (Nom. Pl.)
teṣu
im Vergleich zu ihnen (Lok. Pl.)
sa-bodha-niṣṭhāḥ
die mit Bewusstsein ausgestatteten (Nom. Pl.)
tataḥ
als diese
manuṣyāḥ
die Menschen (Nom. Pl.)
pramathāḥ
die Unholde (Nom. Pl.)
tataḥ api
noch höher als diese
gandharva-siddhāḥ
die Gandharvas und Siddhas (Nom. Pl.)
vibudha-anugāḥ
die Gefolgsleute der Götter, Kinnaras (Nom. Pl.)
deva-asurebhyaḥ
als Götter und Dämonen (Abl. Pl.)
maghavat-pradhānāḥ
die mit Indra an der Spitze (Nom. Pl.)
dakṣa-ādayaḥ
Dakṣa und die übrigen (Nom. Pl.)
brahma-sutāḥ
Söhne Brahmās (Nom. Pl.)
tu
aber
teṣām
über diese (Gen. Pl.)
bhavaḥ
Śiva (Nom. Sg.)
paraḥ
erhaben/höher (Nom. Sg.)
saḥ
er (Nom. Sg.)
atha
ferner
viriñca-vīryaḥ
aus Brahmās Zeugungskraft entstanden (Nom. Sg.)
mat-paraḥ
mir hingegeben (Nom. Sg.)
aham
ich (Nom. Sg.)
dvija-deva-devaḥ
der Gott der Zweifachgeborenen und Götter (Nom. Sg.)
Vers 22 ist syntaktisch dicht und lässt mehrere Lesarten zu; 'so 'tha viriñca-vīryaḥ' wurde hier als Aussage über Śiva (aus Brahmās Zeugungskraft entstanden) gedeutet, 'sa mat-paraḥ' als Aussage über Brahmā [?]. Alternative Deutung: beide Halbverse beziehen sich durchgehend auf Śiva. Mit [?] markiert.
na brāhmaṇais tulaye bhūtam anyat
paśyāmi viprāḥ kim ataḥ paraṁ tu
yasmin nṛbhiḥ prahutaṁ śraddhayāham
aśnāmi kāmaṁ na tathāgni-hotre
Ich stelle kein anderes Wesen den Brahmanen gleich; oh Brahmanen, ich sehe [nichts], was höher wäre als dies. Was von Menschen mit Glauben [durch die Hand eines Brahmanen] dargebracht wird, das esse Ich gern – nicht ebenso [gern das, was] beim Feueropfer [dargebracht wird].
dhṛtā tanūr uśatī me purāṇī
yeneha sattvaṁ paramaṁ pavitram
śamo damaḥ satyam anugrahaś ca
tapastitikṣānubhavaśca yatra
Angenommen habe Ich diese Meine reine, uralte Gestalt, wodurch hier [in der Welt] die höchste, reinste Erscheinungsweise der Güte [verkörpert ist] – worin Geistesruhe, Sinnenbeherrschung, Wahrhaftigkeit und Güte, Askese, Duldsamkeit und [unmittelbare] Erkenntnis wohnen.
Wort für Wort
dhṛtā
angenommen/getragen (Nom. Sg.)
tanūḥ
Gestalt (Nom. Sg.)
uśatī
rein/leuchtend (Nom. Sg.)
me
mein (Gen. Sg.)
purāṇī
uralt (Nom. Sg.)
yena
wodurch (Instr. Sg.)
iha
hier
sattvam
die Erscheinungsweise der Güte (Nom. Sg.)
paramam
höchste (Nom. Sg.)
pavitram
reinste (Nom. Sg.)
śamaḥ
Geistesruhe (Nom. Sg.)
damaḥ
Sinnenbeherrschung (Nom. Sg.)
satyam
Wahrhaftigkeit (Nom. Sg.)
anugrahaḥ
Güte (Nom. Sg.)
ca
und
tapaḥ
Askese (Nom. Sg.)
titikṣā
Duldsamkeit (Nom. Sg.)
anubhavaḥ
Erkenntnis (Nom. Sg.)
yatra
worin
Im Kontext der vorangehenden und folgenden Verse (Lob der Brahmanen) legt sich nahe, dass mit 'tanūḥ' der Brahmanenstand als Gestalt/Leib des Herrn gemeint ist; dies bleibt hier als Deutungsmöglichkeit markiert [?], da der Vers selbst dies nicht explizit macht.
matto 'py anantāt parataḥ parasmāt
svargāpavargādhipater na kiñcit
yeṣāṁ kim u syād itareṇa teṣām
akiñcanānāṁ mayi bhakti-bhājām
Selbst von Mir, dem Grenzenlosen, höher als das Höchste, dem Herrn über Himmel und Erlösung, [gibt es] nichts [zu erlangen für die Brahmanen] – was also könnten die Besitzlosen, die an Mir Hingabe üben, mit irgendetwas anderem [anfangen]?
sarvāṇi mad-dhiṣṇyatayā bhavadbhiś
carāṇi bhūtāni sutā dhruvāṇi
sambhāvitavyāni pade pade vo
vivikta-dṛgbhis tad u hārhaṇaṁ me
Alle Wesen, ob beweglich oder unbeweglich, oh Söhne, sollen von euch, die ihr mit unterscheidendem Blick [versehen seid], bei jedem Schritt geachtet werden, da sie Mein Sitz sind – das eben ist wahrlich die Verehrung, [die ihr] Mir [erweist].
mano-vaco-dṛk-karaṇehitasya
sākṣāt-kṛtaṁ me paribarhaṇaṁ hi
vinā pumān yena mahā-vimohāt
kṛtānta-pāśān na vimoktum īśet
Das [rechte] Streben von Geist, Rede, Blick und den [übrigen] Sinnesorganen ist, unmittelbar [Mir] dargebracht, wahrlich Meine [rechte] Verehrung; ohne dies vermag ein Mensch sich nicht aus der großen Verblendung, aus der Schlinge des Todes[gottes], zu befreien.
Wort für Wort
manaḥ-vacaḥ-dṛk-karaṇa-īhitasya
des Strebens von Geist, Rede, Blick, Sinnesorganen (Gen. Sg.)
Śrī Śuka sprach: Nachdem Er so Seine Söhne unterwiesen hatte – obwohl sie selbst schon wohlunterrichtet waren, [geschah dies] nur, um die [übrige] Welt zu belehren –, Er, die erhabene Persönlichkeit, der höchste Wohltäter, der Erhabene, [unter dem Namen] Ṛṣabha bekannt, indem Er den großen, von Begierde freien und von [fruchtbringenden] Werken abgekehrten Weisen die durch Hingabe, Wissen und Loslösung gekennzeichnete Lebensweise der Paramahaṁsas lehrte, salbte Er Bharata, den ältesten Seiner hundert Söhne, den höchsten Gottgeweihten, ganz den Geweihten des Herrn ergeben, zur Herrschaft über die Erde; Er selbst aber, im eigenen Haus nur noch den bloßen Körper behaltend, zog wie ein Wahnsinniger, den Himmel als Gewand [tragend], mit zerzaustem Haar, das [heilige] Feuer in Sich selbst aufgenommen, von Brahmāvarta fort.
Wort für Wort
śrī-śukaḥ uvāca
Śrī Śuka sprach
evam
so
anuśāsya
nachdem er unterwiesen hatte (Gerundium)
ātma-jān
seine Söhne (Akk. Pl.)
svayam
selbst
anuśiṣṭān
wohlunterrichtet (Akk. Pl.)
api
obwohl
loka-anuśāsana-artham
um die Welt zu belehren
mahā-anubhāvaḥ
die erhabene Persönlichkeit (Nom. Sg.)
parama-suhṛt
der höchste Wohltäter (Nom. Sg.)
bhagavān
der Erhabene (Nom. Sg.)
ṛṣabha-apadeśaḥ
als Ṛṣabha bekannt (Nom. Sg.)
upaśama-śīlānām
der von Begierde Freien (Gen. Pl.)
uparata-karmaṇām
der von Werken Abgekehrten (Gen. Pl.)
mahā-munīnām
der großen Weisen (Gen. Pl.)
bhakti-jñāna-vairāgya-lakṣaṇam
durch Hingabe, Wissen, Loslösung gekennzeichnet (Akk. Sg.)
pāramahaṁsya-dharmam
die Lebensweise der Paramahaṁsas (Akk. Sg.)
upaśikṣamāṇaḥ
lehrend (Nom. Sg. Part.)
sva-tanaya-śata-jyeṣṭham
den ältesten seiner hundert Söhne (Akk. Sg.)
parama-bhāgavatam
den höchsten Gottgeweihten (Akk. Sg.)
bhagavat-jana-parāyaṇam
ganz den Geweihten des Herrn ergeben (Akk. Sg.)
bharatam
Bharata (Akk. Sg.)
dharaṇi-pālanāya
zur Herrschaft über die Erde
abhiṣicya
nachdem er gesalbt hatte (Gerundium)
svayam
selbst
bhavane eva
im eigenen Haus
urvarita-śarīra-mātra-parigrahaḥ
nur den bloßen Körper behaltend (Nom. Sg.)
unmattaḥ iva
wie ein Wahnsinniger
gagana-paridhānaḥ
den Himmel als Gewand tragend (Nom. Sg.)
prakīrṇa-keśaḥ
mit zerzaustem Haar (Nom. Sg.)
ātmani āropita-āhavanīyaḥ
das Opferfeuer in sich aufgenommen (Nom. Sg.)
brahmāvartāt
von Brahmāvarta (Abl. Sg.)
pravavrāja
er zog fort (3. Sg. Perf.)
Langer Prosa-Satz (Vers 28); die deutsche Wiedergabe folgt der Satzstruktur so eng wie im Deutschen möglich.
In der Gestalt eines Avadhūta, [erscheinend] wie ein Stumpfsinniger, ein Blinder, ein Stummer, ein Tauber, ein Gespenst oder ein Wahnsinniger, blieb Er, obwohl von den Menschen [immer wieder] angesprochen, [da Er] das Gelübde des Schweigens abgelegt hatte, still.
tatra tatra pura-grāmākara-kheṭa-vāṭa-kharvaṭa-śibira-vraja-ghoṣa-sārtha-giri-vanāśramādiṣv anupatham avanicarāpasadaiḥ paribhūyamāno makṣikābhir iva vana-gajas tarjana-tāḍanāvamehana-ṣṭhīvana-grāva-śakṛd-rajaḥ-prakṣepa-pūti-vāta-duruktais tad avigaṇayann evāsat-saṁsthāna etasmin dehopalakṣaṇe sad-apadeśa ubhayānubhava-svarūpeṇa sva-mahimāvasthānenāsamāropitāhaṁ-mamābhimānatvād avikhaṇḍita-manāḥ pṛthivīm eka-caraḥ paribabhrāma
Hier und dort, in Städten, Dörfern, Bergwerksorten, Ackerbausiedlungen, Gärten, Taldörfern, Feldlagern, Kuhhürden, Hirtensiedlungen, Pilgerrastplätzen, Bergen, Wäldern, Einsiedeleien und dergleichen, wanderte Er auf den Pfaden entlang, von niederträchtigen Wegelagerern umringt wie ein Waldelefant von Fliegen – durch Drohungen, Schläge, Urinbespritzung, Anspucken, das Bewerfen mit Steinen, Kot und Staub sowie üble Schmähworte, all dies unbeachtet lassend; da Er sich hinsichtlich dieses Körpers, [der nur] ein äußeres Merkmal [des Selbst], eine für einen Edlen unwürdige Behausung ist, obgleich er als 'wirklich' bezeichnet wird, keine Vorstellung von 'Ich' und 'Mein' zueignete – kraft des Verweilens in Seiner eigenen Herrlichkeit, [erfahren] in der Wesensform, die beiderlei [Körper und Selbst] umfasst –, zog Er, ungebrochenen Geistes, allein über die ganze Erde umher.
Wort für Wort
tatra tatra
hier und dort
pura
Städte
grāma
Dörfer
ākara
Bergwerksorte
kheṭa
Ackerbausiedlungen
vāṭa
Gärten
kharvaṭa
Taldörfer
śibira
Feldlager
vraja
Kuhhürden
ghoṣa
Hirtensiedlungen
sārtha
Pilgerrastplätze
giri
Berge
vana
Wälder
āśrama
Einsiedeleien
ādiṣu
und dergleichen (Lok. Pl.)
anupatham
auf den Pfaden entlang
avanicara-apasadaiḥ
von niederträchtigen Wegelagerern (Instr. Pl.)
paribhūyamānaḥ
umringt werdend (Nom. Sg. Part. Pass.)
makṣikābhiḥ iva
wie von Fliegen
vana-gajaḥ
ein Waldelefant (Nom. Sg.)
tarjana
Drohungen
tāḍana
Schläge
avamehana
Urinbespritzung
ṣṭhīvana
Anspucken
grāva-śakṛt-rajaḥ-prakṣepa
das Bewerfen mit Steinen, Kot, Staub
pūti-vāta
übler Wind
duruktaiḥ
und Schmähworte (Instr. Pl.)
tat avigaṇayan
dies unbeachtet lassend (Part. Präs.)
asat-saṁsthāne
in unwürdiger Behausung (Lok. Sg.)
etasmin deha-upalakṣaṇe
in diesem Körper als Merkmal (Lok. Sg.)
sat-apadeśe
als 'wirklich' bezeichnet (Lok. Sg.)
ubhaya-anubhava-svarūpeṇa
durch die Wesensform, die beides erfährt (Instr. Sg.)
sva-mahimā-avasthānena
durch Verweilen in eigener Herrlichkeit (Instr. Sg.)
asamāropita-aham-mama-abhimānatvāt
weil er sich kein 'Ich und Mein' zueignete (Abl. Sg.)
avikhaṇḍita-manāḥ
ungebrochenen Geistes (Nom. Sg.)
pṛthivīm
über die Erde (Akk. Sg.)
eka-caraḥ
allein wandernd (Nom. Sg.)
paribabhrāma
er wanderte umher (3. Sg. Perf.)
Ein einziger, sehr langer Sanskrit-Satz mit zahlreichen Komposita; die deutsche Wiedergabe bemüht sich um Nachvollziehbarkeit, bleibt an manchen Stellen aber notwendig interpretierend [?].
Mit äußerst zarten Händen, Füßen, breiter Brust, langen Armen, Schultern, Hals und Antlitz und den übrigen Gliedern wohlgestaltet, von Natur aus schön mit einem von Natur lächelnden, schönen Antlitz, mit reizenden, wie frische Lotusblütenblätter [wirkenden], kühlen, von rötlichen Iriden [durchzogenen], weit geöffneten Augen, mit ebenmäßig schönen Wangen, Ohren, Hals und Nase – durch das Freudenfest Seines tief verborgenen, lächelnden Antlitzes weckte Er in den Herzen der Frauen der Stadt den Blumenpfeil-Bogen [des Liebesgottes]; [doch zugleich] mit einer gewaltigen Last von wirrem, verfilztem, braunem Haar, das nach hinten herabhing, erschien Er, in Seinem vernachlässigten, schmutzigen eigenen Leib, wie von einem Dämon besessen.
Wort für Wort
ati-sukumāra
äußerst zart
kara-caraṇa-uraḥ-sthala
Hände, Füße, Brust
vipula-bāhu-aṁsa-gala-vadana
lange Arme, Schultern, Hals, Antlitz
ādi-avayava-vinyāsaḥ
und die übrigen Glieder wohlgestaltet (Nom. Sg.)
prakṛti-sundara-svabhāva-hāsa-sumukhaḥ
von Natur schön, mit natürlich lächelndem Antlitz (Nom. Sg.)
nava-nalina-dala-āyamāna
wie frische Lotusblütenblätter wirkend
śiśira-tāra-aruṇa-āyata-nayana-ruciraḥ
mit kühlen, rötlichen, weiten, reizenden Augen (Nom. Sg.)
sadṛśa-subhaga-kapola-karṇa-kaṇṭha-nāsaḥ
mit ebenmäßig schönen Wangen, Ohren, Hals, Nase (Nom. Sg.)
vigūḍha-smita-vadana-mahā-utsavena
durch das Freudenfest des verborgenen, lächelnden Antlitzes (Instr. Sg.)
pura-vanitānām
der Frauen der Stadt (Gen. Pl.)
manasi
im Herzen (Lok. Sg.)
kusuma-śarāsanam
den Blumenpfeil-Bogen (Akk. Sg.)
upadadhānaḥ
weckend/hervorrufend (Nom. Sg. Part.)
parāk-avalambamāna
nach hinten herabhängend
kuṭila-jaṭila-kapiśa-keśa-bhūri-bhāraḥ
mit gewaltiger Last wirren, verfilzten, braunen Haars (Nom. Sg.)
avadhūta-malina-nija-śarīreṇa
mit vernachlässigtem, schmutzigem eigenem Leib (Instr. Sg.)
Als der Erhabene sah, dass die Menschenwelt [Seiner] Yoga-Übung völlig feindlich gesinnt war, und da Er [jede] Gegenmaßnahme dafür für abstoßend hielt, nahm Er das Gelübde eines Python an: liegend nur aß, trank und kaute Er, ließ Er Urin und Kot ab, indem Er Sich [darin] wälzte, [Seinen] Körper mit [dem eigenen] Kot beschmiert.
So, nach der Lebensweise von Kühen, Rehen und Krähen, wandelnd, stehend, sitzend und liegend, [Sich] verhaltend wie Krähen, Rehe und Kühe, trank, aß und ließ Er Urin.
Wort für Wort
evam
so
go-mṛga-kāka-caryayā
nach der Lebensweise von Kühen, Rehen, Krähen (Instr. Sg.)
So, verschiedene Yoga-Übungen praktizierend, [Er,] der Erhabene, der Herr der Kaivalya[-Befreiung], Ṛṣabha, unaufhörlich die höchste, große Wonne erfahrend in der Seele, [die] das Selbst aller Wesen [ist], im Erhabenen, Vāsudeva – durch die Ununterschiedenheit [Seines Wesens von Ihm] und die endlose, alle Trennung überwindende Innigkeit [mit Ihm] völlig erfüllt mit allem, was an Vollkommenheit zu erlangen ist –, nahm die mystischen Yoga-Kräfte, [wie] das Fliegen im Himmelsraum, [die Geschwindigkeit] des Gedankens, das Verschwinden, das Eindringen in fremde Körper, das Wahrnehmen aus der Ferne und dergleichen, die sich [Ihm] von selbst darboten, o König, nicht unmittelbar in Seinem Herzen an.
Wort für Wort
iti
so
nānā-yoga-caryā-ācaraṇaḥ
verschiedene Yoga-Übungen praktizierend (Nom. Sg.)
bhagavān
der Erhabene (Nom. Sg.)
kaivalya-patiḥ
der Herr der Kaivalya (Nom. Sg.)
ṛṣabhaḥ
Ṛṣabha (Nom. Sg.)
avirata-parama-mahā-ānanda-anubhavaḥ
unaufhörlich höchste, große Wonne erfahrend (Nom. Sg.)
ātmani
in der Seele (Lok. Sg.)
sarveṣām bhūtānām
aller Wesen (Gen. Pl.)
ātma-bhūte
dem Selbst aller (Lok. Sg.)
bhagavati vāsudeve
im Erhabenen Vāsudeva (Lok. Sg.)
ātmanaḥ avyavadhāna-ananta-rodara-bhāvena
durch die Ununterschiedenheit und endlose Innigkeit des Selbst (Instr. Sg.)
siddha-samasta-artha-paripūrṇaḥ
erfüllt mit allem zu Erlangenden (Nom. Sg.)
yoga-aiśvaryāṇi
die Yoga-Kräfte (Akk. Pl.)
vaihāyasa
Fliegen im Himmelsraum
manaḥ-java
Geschwindigkeit des Gedankens
antardhāna
Verschwinden
parakāya-praveśa
Eindringen in fremde Körper
dūra-grahaṇa
Fernwahrnehmung
ādīni
und dergleichen (Akk. Pl.)
yadṛcchayā upagatāni
von selbst sich darbietend (Akk. Pl.)
na añjasā
nicht unmittelbar
nṛpa
o König (Vok. Sg.)
hṛdayena
im Herzen (Instr. Sg.)
abhyanandat
er begrüßte/schätzte (3. Sg. Impf.)
'nāñjasā ... hṛdayena abhyanandat' wörtlich 'begrüßte/hieß nicht unmittelbar im Herzen willkommen', hier sinngemäß als 'schätzte sie nicht' wiedergegeben.