Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 18: parīkṣid-brāhmaṇa-śāpaḥ Mahārāja Parīkṣit wird von einem Brahmanenknaben verflucht

Ein philosophischer Rahmenabschnitt (V.1-23) fasst Parīkṣits Errettung im Mutterleib und seine spätere Furchtlosigkeit angesichts des Fluches zusammen, gefolgt von der Bitte der Naimiṣāraṇya-Weisen an Sūta, die eigentliche Geschichte Parīkṣits zu erzählen. Die eigentliche Erzählung (V.24-50) beginnt: Parīkṣit, erschöpft und durstig von der Jagd, findet einen in Meditation versunkenen Weisen (Śamīka), der ihm - unwissentlich oder absichtlich schweigend - keine Bewirtung anbietet; im Zorn legt der König eine tote Schlange um dessen Hals und kehrt heim. Des Weisen Sohn Śṛṅgi, von dieser Beleidigung erfahrend, verflucht den König in kindlichem Zorn: Er werde am siebten Tag durch die Schlange Takṣaka sterben. Der zurückkehrende Vater tadelt seinen Sohn scharf für diesen unverhältnismäßigen Fluch gegen einen Herrscher, der das Land beschützt, und erklärt ausführlich, welch schweres Unheil (Kastenvermischung, Gesetzlosigkeit) der Verlust königlichen Schutzes nach sich zöge - dennoch nimmt er den Fluch, wie es Weisen ansteht, gelassen hin, ohne selbst Groll zu hegen.

sūta uvāca yo vai drauṇy-astra-vipluṣṭo na mātur udare mṛtaḥ | anugrahād bhagavataḥ kṛṣṇasyādbhuta-karmaṇaḥ ||

Sūta sprach: Er [Parīkṣit], der, von der Waffe des Sohnes Droṇas [Aśvatthāman] versengt, fürwahr nicht im Mutterleib starb – durch die Gnade des erhabenen Kṛṣṇa, dessen Taten wunderbar sind –

Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
yaḥ vai drauṇi-astra-vipluṣṭaḥ
der fürwahr von der Waffe des Sohnes Droṇas versengt
na mātuḥ udare mṛtaḥ
nicht im Mutterleib starb
anugrahāt bhagavataḥ
durch die Gnade des Erhabenen
kṛṣṇasya adbhuta-karmaṇaḥ
Kṛṣṇas, dessen Taten wunderbar sind

brahma-kopotthitād yas tu takṣakāt prāṇa-viplavāt | na sammumohorubhayād bhagavaty arpitāśayaḥ ||

– der aber vor der aus dem Zorn eines Brahmanen entstandenen, durch Takṣaka [drohenden] Vernichtung seines Lebens nicht in großer Furcht die Fassung verlor, da sein Sinn dem Erhabenen hingegeben war,

Wort für Wort
brahma-kopa-utthitāt
das aus dem Zorn eines Brahmanen entstandene
yaḥ tu takṣakāt prāṇa-viplavāt
der aber vor der durch Takṣaka drohenden Vernichtung des Lebens
na sammumoha uru-bhayāt
nicht in großer Furcht die Fassung verlor
bhagavati arpita-āśayaḥ
da sein Sinn dem Erhabenen hingegeben war

utsṛjya sarvataḥ saṅgaṁ vijñātājita-saṁsthitiḥ | vaiyāsaker jahau śiṣyo gaṅgāyāṁ svaṁ kalevaram ||

– nachdem er jegliche Bindung aufgegeben und den [wahren] Zustand des Unbesiegten [Viṣṇu] erkannt hatte, legte er, der Schüler des Sohnes Vyāsas [Śuka], an der Gaṅgā seinen Körper ab.

Wort für Wort
utsṛjya sarvataḥ saṅgam
nachdem er jegliche Bindung aufgegeben hatte
vijñāta-ajita-saṁsthitiḥ
der den Zustand des Unbesiegten erkannt hatte
vaiyāsakeḥ śiṣyaḥ
der Schüler des Sohnes Vyāsas (Śuka)
jahau gaṅgāyām svam kalevaram
legte an der Gaṅgā seinen Körper ab

nottamaśloka-vārtānāṁ juṣatāṁ tat-kathāmṛtam | syāt sambhramo 'nta-kāle 'pi smaratāṁ tat-padāmbujam ||

Für die, welche die Kunde des Preiswürdigsten [Kṛṣṇa] [huldigen] und den unsterblichkeitsspendenden Erzählungen von ihm anhängen, [für die,] die sich [stets] seines Lotosfußes erinnern, entsteht selbst zur Todesstunde keine Verwirrung.

Wort für Wort
na uttamaśloka-vārtānām
nicht für die, welche die Kunde des Preiswürdigsten
juṣatām tat-kathā-amṛtam
huldigen und den unsterblichkeitsspendenden Erzählungen anhängen
syāt sambhramaḥ anta-kāle api
mag Verwirrung selbst zur Todesstunde entstehen [negiert]
smaratām tat-pada-ambujam
für die, die sich seines Lotosfußes erinnern

tāvat kalir na prabhavet praviṣṭo 'pīha sarvataḥ | yāvad īśo mahān urvyām ābhimanyava eka-rāṭ ||

Solange kann Kali, obwohl er hier überall eingedrungen ist, nicht [seine] Macht entfalten, solange der große Herrscher, der Sohn Abhimanyus, als Alleinherrscher auf der Erde [regiert].

Wort für Wort
tāvat kaliḥ na prabhavet
solange kann Kali nicht seine Macht entfalten
praviṣṭaḥ api iha sarvataḥ
obwohl er hier überall eingedrungen ist
yāvat īśaḥ mahān urvyām
solange der große Herrscher auf der Erde
ābhimanyavaḥ eka-rāṭ
der Sohn Abhimanyus, der Alleinherrscher

yasminn ahani yarhy eva bhagavān utsasarja gām | tadaivehānuvṛtto 'sāv adharma-prabhavaḥ kaliḥ ||

An eben dem Tag, an dem der Erhabene die Erde verließ, begann hier eben jener Kali, der Ursprung des Unrechts, zu wirken.

Wort für Wort
yasmin ahani yarhi eva
an welchem Tag eben
bhagavān utsasarja gām
der Erhabene die Erde verließ
tadā eva iha anuvṛttaḥ asau
eben dann begann hier zu wirken
adharma-prabhavaḥ kaliḥ
jener Kali, der Ursprung des Unrechts

nānudveṣṭi kaliṁ samrāṭ sāraṅga iva sāra-bhuk | kuśalāny āśu siddhyanti netarāṇi kṛtāni yat ||

Der Kaiser [Parīkṣit] hegt keinen Groll gegen Kali – wie eine Biene, die [nur] den Nektar genießt [und den Rest übergeht] – denn gute [Taten] gelangen rasch zur Vollendung, während andere, [schlechte] getane [Taten dies] nicht [tun].

Wort für Wort
na anudveṣṭi kalim samrāṭ
der Kaiser hegt keinen Groll gegen Kali
sāraṅgaḥ iva sāra-bhuk
wie eine Biene, die nur den Nektar genießt
kuśalāni āśu siddhyanti
die guten Taten gelangen rasch zur Vollendung
na itarāṇi kṛtāni yat
während die anderen getanen es nicht tun

kiṁ nu bāleṣu śūreṇa kalinā dhīra-bhīruṇā | apramattaḥ pramatteṣu yo vṛko nṛṣu vartate ||

Was [könnte] gegenüber Kindern [wörtlich: den Einfältigen] der [nur scheinbar] tapfere, [in Wahrheit] vor den Standhaften furchtsame Kali [ausrichten] – er, der wachsam unter den Unachtsamen wie ein Wolf unter den Menschen umhergeht?

Wort für Wort
kim nu bāleṣu
was [könnte] gegenüber Kindern
śūreṇa kalinā dhīra-bhīruṇā
durch den scheinbar tapferen, vor den Standhaften furchtsamen Kali
apramattaḥ pramatteṣu
der Wachsame unter den Unachtsamen
yaḥ vṛkaḥ nṛṣu vartate
der wie ein Wolf unter den Menschen umhergeht

[?: Die genaue Konstruktion „apramattaḥ pramatteṣu“ (der Wachsame unter den Unachtsamen) im Verhältnis zu „dhīra-bhīruṇā“ (furchtsam vor den Standhaften) ist leicht disparat; Sinn vermutlich, dass Kali nur den Unachtsamen schaden kann, nicht den Wachsamen.]

upavarṇitam etad vaḥ puṇyaṁ pārīkṣitaṁ mayā | vāsudeva-kathopetam ākhyānaṁ yad apṛcchata ||

Dies wurde euch von mir dargelegt: die heilbringende Erzählung Parīkṣits, verbunden mit der Kunde von Vāsudeva, die ihr erfragt hattet.

Wort für Wort
upavarṇitam etat vaḥ
dies wurde euch dargelegt
puṇyam pārīkṣitam mayā
die heilbringende [Geschichte] Parīkṣits von mir
vāsudeva-kathā-upetam ākhyānam
die Erzählung, verbunden mit Vāsudevas Kunde
yat apṛcchata
die ihr erfragt hattet

yā yāḥ kathā bhagavataḥ kathanīyoru-karmaṇaḥ | guṇa-karmāśrayāḥ pumbhiḥ saṁsevyās tā bubhūṣubhiḥ ||

Welche Erzählungen auch immer, gegründet auf [seine] Eigenschaften und Taten, vom Erhabenen [handeln], dessen große Taten erzählenswert sind – sie sollen von den Menschen, die gedeihen wollen, gepflegt werden.

Wort für Wort
yāḥ yāḥ kathāḥ
welche Erzählungen auch immer
bhagavataḥ kathanīya-uru-karmaṇaḥ
des Erhabenen, dessen große Taten erzählenswert sind
guṇa-karma-āśrayāḥ
die sich auf Eigenschaften und Taten gründen
pumbhiḥ saṁsevyāḥ tāḥ bubhūṣubhiḥ
von den nach Gedeihen strebenden Menschen sollen sie gepflegt werden

ṛṣaya ūcuḥ sūta jīva samāḥ saumya śāśvatīr viśadaṁ yaśaḥ | yas tvaṁ śaṁsasi kṛṣṇasya martyānām amṛtaṁ hi naḥ ||

Die Weisen sprachen: O Sūta, lebe, du Sanftmütiger, ewige Jahre mit lauterem Ruhm, du, der du uns Sterblichen von Kṛṣṇa verkündest, was fürwahr [wie] Unsterblichkeit [für uns wirkt].

Wort für Wort
ṛṣayaḥ ūcuḥ
die Weisen sprachen
sūta jīva samāḥ saumya śāśvatīḥ
o Sūta, lebe, du Sanftmütiger, ewige Jahre
viśadam yaśaḥ
mit lauterem Ruhm
yaḥ tvam śaṁsasi kṛṣṇasya
du, der du von Kṛṣṇa verkündest
martyānām amṛtam hi naḥ
das für uns Sterbliche fürwahr Unsterblichkeit [wirkt]

karmaṇy asminn anāśvāse dhūma-dhūmrātmanāṁ bhavān | āpāyayati govinda-pāda-padmāsavaṁ madhu ||

In diesem [langwierigen Opfer-]Werk, das keine Gewissheit [des Erfolgs] bietet, gibst du uns, deren Wesen [schon] vom Rauch geschwärzt ist, den Honigwein von Govindas Lotosfuß zu trinken.

Wort für Wort
karmaṇi asmin anāśvāse
in diesem Werk, das keine Gewissheit bietet
dhūma-dhūmra-ātmanām
für uns, deren Wesen vom Rauch geschwärzt ist
bhavān āpāyayati
du gibst zu trinken
govinda-pāda-padma-āsavam madhu
den Honigwein von Govindas Lotosfuß

tulayāma lavenāpi na svargaṁ nāpunar-bhavam | bhagavat-saṅgi-saṅgasya martyānāṁ kim utāśiṣaḥ ||

Wir würden nicht einmal mit einem Bruchteil [des Wertes] der Gemeinschaft mit einem Gefährten des Erhabenen weder den Himmel noch die Erlösung aufwiegen – geschweige denn die [gewöhnlichen] Segnungen der Sterblichen.

Wort für Wort
tulayāma lavena api
wir würden [nicht einmal] mit einem Bruchteil aufwiegen
na svargam na apunaḥ-bhavam
weder den Himmel noch die Nicht-Wiedergeburt
bhagavat-saṅgi-saṅgasya
mit der Gemeinschaft eines Gefährten des Erhabenen
martyānām kim uta āśiṣaḥ
geschweige denn Segnungen der Sterblichen

ko nāma tṛpyed rasavit kathāyāṁ mahattamaikānta-parāyaṇasya | nāntaṁ guṇānām aguṇasya jagmur yogeśvarā ye bhava-pādma-mukhyāḥ ||

Wer, der den [wahren] Geschmack kennt, würde gesättigt sein an der Erzählung von dem, der das alleinige Ziel der Größten ist? Selbst die Herren des Yoga, angeführt von Śiva und Brahmā, erreichten nicht das Ende der Eigenschaften des [an sich] Eigenschaftslosen.

Wort für Wort
kaḥ nāma tṛpyet rasa-vit
wer, der den Geschmack kennt, würde gesättigt sein
kathāyām mahattama-ekānta-parāyaṇasya
an der Erzählung von dem, der das alleinige Ziel der Größten ist
na antam guṇānām
nicht das Ende der Eigenschaften
aguṇasya jagmuḥ
des Eigenschaftslosen erreichten
yoga-īśvarāḥ ye bhava-pādma-mukhyāḥ
die Herren des Yoga, angeführt von Śiva und Brahmā

tan no bhavān vai bhagavat-pradhāno mahattamaikānta-parāyaṇasya | harer udāraṁ caritaṁ viśuddhaṁ śuśrūṣatāṁ no vitanotu vidvan ||

Darum mögest du, o Kundiger, der du dem Erhabenen [selbst] am meisten ergeben bist, uns, die wir [danach] zu hören begehren, das erhabene, reine Wirken Haris entfalten, dessen, der das alleinige Ziel der Größten ist.

Wort für Wort
tat naḥ bhavān vai bhagavat-pradhānaḥ
darum mögest du, dem Erhabenen Ergebenster
mahattama-ekānta-parāyaṇasya
dessen, der das alleinige Ziel der Größten ist
hareḥ udāram caritam viśuddham
Haris erhabenes, reines Wirken
śuśrūṣatām naḥ vitanotu vidvan
uns, die wir zu hören begehren, entfalten, o Kundiger

sa vai mahā-bhāgavataḥ parīkṣid yenāpavargākhyam adabhra-buddhiḥ | jñānena vaiyāsaki-śabditena bheje khagendra-dhvaja-pāda-mūlam ||

Jener fürwahr große Bhāgavata Parīkṣit, von unermesslichem Verstand, erlangte durch das Wissen, das vom Sohn Vyāsas [Śuka] verkündet wurde – [Wissen], genannt Erlösung – die Fußwurzel dessen, dessen Banner der Vogelfürst [Garuḍa] ist.

Wort für Wort
saḥ vai mahā-bhāgavataḥ parīkṣit
jener fürwahr große Bhāgavata Parīkṣit
yena apavarga-ākhyam
durch welches, genannt Erlösung
adabhra-buddhiḥ
von unermesslichem Verstand
jñānena vaiyāsaki-śabditena
durch das vom Sohn Vyāsas verkündete Wissen
bheje khagendra-dhvaja-pāda-mūlam
erlangte er die Fußwurzel dessen, dessen Banner der Vogelfürst ist

tan naḥ paraṁ puṇyam asaṁvṛtārtham ākhyānam atyadbhuta-yoga-niṣṭham | ākhyāhy anantācaritopapannaṁ pārīkṣitaṁ bhāgavatābhirāmam ||

Jene für uns höchst heilbringende Erzählung von klarem Sinn, gegründet auf höchst wunderbarem Yoga, mit den Taten des Unendlichen [Kṛṣṇa] verbunden – erzähle [uns] die Pārīkṣita[-Geschichte], die den Bhāgavatas erfreulich ist.

Wort für Wort
tat naḥ param puṇyam asaṁvṛta-artham
jene für uns höchst heilbringende Erzählung von klarem Sinn
ākhyānam ati-adbhuta-yoga-niṣṭham
die auf höchst wunderbarem Yoga gegründete Erzählung
ākhyāhi ananta-ācarita-upapannam
erzähle die mit den Taten des Unendlichen verbundene
pārīkṣitam bhāgavata-abhirāmam
die Pārīkṣita, die den Bhāgavatas erfreulich ist

sūta uvāca aho vayaṁ janma-bhṛto 'dya hāsma vṛddhānuvṛttyāpi viloma-jātāḥ | dauṣkulyam ādhiṁ vidhunoti śīghraṁ mahattamānām abhidhāna-yogaḥ ||

Sūta sprach: Ach, wir sind heute wahrhaft [erst richtig] geboren – obwohl wir, dem Brauch der Alten folgend, aus einer [Kasten-]Mischehe stammen –, denn die Verbindung mit dem Aussprechen des Namens der Größten vertreibt rasch die Schande der Herkunft und [allen] Kummer.

Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
aho vayam janma-bhṛtaḥ adya ha asma
ach, wir sind heute wahrhaft geboren
vṛddha-anuvṛttyā api viloma-jātāḥ
obwohl dem Brauch der Alten folgend aus Mischehe geboren
dauṣkulyam ādhim vidhunoti śīghram
die Herkunftsschande und den Kummer vertreibt rasch
mahattamānām abhidhāna-yogaḥ
die Verbindung mit dem Aussprechen des Namens der Größten

[Anm.: Sūta gehörte einer gemischten Kaste an; er bezieht sich hier selbstreflexiv auf seine eigene Herkunft.]

kutaḥ punar gṛṇato nāma tasya mahattamaikānta-parāyaṇasya | yo 'nanta-śaktir bhagavān ananto mahad-guṇatvād yam anantam āhuḥ ||

Wieviel mehr [gilt dies] für den, der den Namen dessen ausspricht, der das alleinige Ziel der Größten ist – er, von unendlicher Macht, der erhabene Unendliche, den man wegen [seiner] großen Eigenschaften „den Unendlichen“ nennt.

Wort für Wort
kutaḥ punaḥ gṛṇataḥ nāma tasya
wieviel mehr für den, der den Namen dessen ausspricht
mahattama-ekānta-parāyaṇasya
der das alleinige Ziel der Größten ist
yaḥ ananta-śaktiḥ bhagavān anantaḥ
der von unendlicher Macht, der erhabene Unendliche
mahat-guṇatvāt yam anantam āhuḥ
wegen großer Eigenschaften, den man den Unendlichen nennt

etāvatālaṁ nanu sūcitena guṇair asāmyānatiśāyanasya | hitvetarān prārthayato vibhūtir yasyāṅghri-reṇuṁ juṣate 'nabhīpsoḥ ||

Damit genug – nicht wahr – mit dem [bereits] Angedeuteten über den, dessen Eigenschaften nichts gleichkommt und die nichts übertrifft: dessen Fußstaub [sogar] die Glücksgöttin verehrt, obwohl er [selbst], andere [Dinge] verschmähend, ihrer nicht begehrt.

Wort für Wort
etāvatā alam nanu sūcitena
damit genug mit dem Angedeuteten
guṇaiḥ asāmya-anatiśāyanasya
dessen Eigenschaften nichts gleichkommt noch übertrifft
hitvā itarān prārthayataḥ
der, andere verschmähend, [nichts] erbittet
vibhūtiḥ yasya aṅghri-reṇum juṣate anabhīpsoḥ
dessen Fußstaub die Glücksgöttin verehrt, obwohl er [ihrer] nicht begehrt

athāpi yat-pāda-nakhāvasṛṣṭaṁ jagad viriñcopahṛtārhaṇāmbhaḥ | seśaṁ punāty anyatamo mukundāt ko nāma loke bhagavat-padārthaḥ ||

Und ferner: das von seinem Fußnagel entlassene [Wasser – die Gaṅgā –], [von] Brahmā als Ehrengabe dargebracht, reinigt die Welt samt Śiva. Gibt es [also] irgendeinen anderen als Mukunda – wer [sonst] trägt in der Welt wirklich zu Recht den Titel „der Erhabene“?

Wort für Wort
atha api
und ferner
yat-pāda-nakha-avasṛṣṭam
das von seinem Fußnagel entlassene
jagat viriñca-upahṛta-arhaṇa-ambhaḥ
die Welt, das von Brahmā als Ehrengabe dargebrachte Wasser
seśam punāti
reinigt samt Śiva
anyatamaḥ mukundāt
gibt es einen anderen als Mukunda
kaḥ nāma loke bhagavat-pada-arthaḥ
wer trägt wirklich den Titel der Erhabene

yatrānuraktāḥ sahasaiva dhīrā vyapohya dehādiṣu saṅgam ūḍham | vrajanti tat pārama-haṁsyam antyaṁ yasminn ahiṁsopaśamaḥ sva-dharmaḥ ||

An ihm hingegeben, werfen die Standhaften sogleich die an Körper und Ähnlichem haftende Bindung ab und gelangen zu jenem höchsten, letzten Zustand der Paramahaṁsas, in dem Gewaltlosigkeit und [innerer] Friede die eigentliche Pflicht sind.

Wort für Wort
yatra anuraktāḥ sahasā eva dhīrāḥ
an dem hingegeben sogleich die Standhaften
vyapohya deha-ādiṣu saṅgam ūḍham
die an Körper usw. haftende Bindung abwerfend
vrajanti tat pārama-haṁsyam antyam
gelangen zu jenem höchsten, letzten Zustand der Paramahaṁsas
yasmin ahiṁsā-upaśamaḥ sva-dharmaḥ
in dem Gewaltlosigkeit und innerer Friede die eigene Pflicht sind

ahaṁ hi pṛṣṭo 'ryamaṇo bhavadbhir ācakṣa ātmāvagamo 'tra yāvān | nabhaḥ patanty ātma-samaṁ patattriṇas tathā samaṁ viṣṇu-gatiṁ vipaścitaḥ ||

Ich wurde ja von euch, o Verehrungswürdige, befragt; ich erkläre, soweit mein eigenes Verständnis hierzu reicht – so wie die Vögel [nur] soweit den Himmel durchfliegen, wie es ihrem [eigenen Vermögen] entspricht, ebenso [erreichen] auch die Weisen Viṣṇus Weg [nur] entsprechend [ihrem eigenen Wissen].

Wort für Wort
aham hi pṛṣṭaḥ aryamaṇaḥ bhavadbhiḥ
ich wurde ja von euch, o Verehrungswürdige, befragt
ācakṣe ātma-avagamaḥ atra yāvān
ich erkläre, soweit mein Selbstverständnis reicht
nabhaḥ patanti ātma-samam patattriṇaḥ
die Vögel fliegen soweit der Himmel ihrem Vermögen entspricht
tathā samam viṣṇu-gatim vipaścitaḥ
ebenso die Weisen Viṣṇus Weg entsprechend

ekadā dhanur udyamya vicaran mṛgayāṁ vane | mṛgān anugataḥ śrāntaḥ kṣudhitas tṛṣito bhṛśam ||

Einst, den Bogen erhebend, auf der Jagd im Wald umherstreifend, den Wildtieren nachfolgend, ermüdet, hungrig und heftig durstig,

Wort für Wort
ekadā dhanuḥ udyamya
einst, den Bogen erhebend
vicaran mṛgayām vane
auf der Jagd im Wald umherstreifend
mṛgān anugataḥ śrāntaḥ
den Wildtieren nachfolgend, ermüdet
kṣudhitaḥ tṛṣitaḥ bhṛśam
hungrig, heftig durstig

jalāśayam acakṣāṇaḥ praviveśa tam āśramam | dadarśa munim āsīnaṁ śāntaṁ mīlita-locanam ||

betrat er, kein Wasserbecken erblickend, jene Einsiedelei [und] erblickte den [dort] sitzenden Weisen, ruhig, mit geschlossenen Augen –

Wort für Wort
jala-āśayam acakṣāṇaḥ
kein Wasserbecken erblickend
praviveśa tam āśramam
betrat er jene Einsiedelei
dadarśa munim āsīnam
erblickte er den sitzenden Weisen
śāntam mīlita-locanam
ruhig, mit geschlossenen Augen

pratiruddhendriya-prāṇa-mano-buddhim upāratam | sthāna-trayāt paraṁ prāptaṁ brahma-bhūtam avikriyam ||

– dessen Sinne, Lebensatem, Geist und Verstand zurückgehalten waren, der [für die äußere Welt] aufgehört hatte [zu wirken], der den jenseits der drei Bewusstseinszustände gelegenen [Zustand] erlangt hatte, zum Brahman geworden, unveränderlich.

Wort für Wort
pratiruddha-indriya-prāṇa-manaḥ-buddhim
dessen Sinne, Lebensatem, Geist und Verstand zurückgehalten waren
upāratam
der aufgehört hatte [zu wirken]
sthāna-trayāt param prāptam
der den jenseits der drei Zustände gelegenen [Zustand] erlangt hatte
brahma-bhūtam avikriyam
zum Brahman geworden, unveränderlich

viprakīrṇa-jaṭācchannaṁ rauraveṇājinena ca | viśuṣyat-tāluḥ udakaṁ tathā-bhūtam ayācata ||

Von diesem so [dasitzenden], mit zerzaustem Haar bedeckten und mit dem Fell einer Ruru-Antilope [bekleideten Weisen] erbat er, dessen Gaumen austrocknete, Wasser.

Wort für Wort
viprakīrṇa-jaṭā-ācchannam
bedeckt mit zerzaustem Haar
rauraveṇa ajinena ca
und mit dem Fell einer Ruru-Antilope
viśuṣyat-tāluḥ
dessen Gaumen austrocknete
udakam tathā-bhūtam ayācata
erbat von diesem so [dasitzenden] Wasser

alabdha-tṛṇa-bhūmy-ādir asamprāptārghya-sūnṛtaḥ | avajñātam ivātmānaṁ manyamānaś cukopa ha ||

Da ihm weder Sitzgras noch [ein Platz auf dem] Boden gewährt wurde noch er Ehrenwasser oder ein freundliches Wort erhielt, erachtete er sich selbst als missachtet und wurde fürwahr zornig.

Wort für Wort
alabdha-tṛṇa-bhūmi-ādiḥ
ohne dass ihm Sitzgras, Boden u.a. gewährt wurde
asamprāpta-arghya-sūnṛtaḥ
ohne Ehrenwasser oder freundliches Wort
avajñātam iva ātmānam manyamānaḥ
sich selbst wie missachtet erachtend
cukopa ha
wurde er fürwahr zornig

abhūta-pūrvaḥ sahasā kṣut-tṛḍbhyām arditātmanaḥ | brāhmaṇaṁ praty abhūd brahman matsaro manyur eva ca ||

Ein zuvor nie dagewesener, plötzlicher [Ausbruch von] Missgunst und Zorn entstand, o Brahmane [Śaunaka], gegenüber dem Brahmanen bei ihm, dessen Selbst von Hunger und Durst gequält war.

Wort für Wort
abhūta-pūrvaḥ sahasā
ein zuvor nie dagewesener, plötzlicher
kṣut-tṛḍbhyām ardita-ātmanaḥ
dessen Selbst von Hunger und Durst gequält war
brāhmaṇam prati abhūt brahman
entstand gegenüber dem Brahmanen, o Brahmane
matsaraḥ manyuḥ eva ca
Missgunst und Zorn

sa tu brahma-ṛṣer aṁse gatāsum uragaṁ ruṣā | vinirgacchan dhanuṣ-koṭyā nidhāya puram āgataḥ ||

Er aber legte, im Zorn hinausgehend, mit der Spitze seines Bogens eine tote Schlange auf die Schulter des Brahmanenweisen und kehrte [dann] in die Stadt zurück.

Wort für Wort
saḥ tu brahma-ṛṣeḥ aṁse
er aber auf die Schulter des Brahmanenweisen
gata-asum uragam
eine tote Schlange
ruṣā vinirgacchan
im Zorn hinausgehend
dhanuṣ-koṭyā nidhāya
mit der Bogenspitze legend
puram āgataḥ
kehrte in die Stadt zurück

eṣa kiṁ nibhṛtāśeṣa-karaṇo mīlitekṣaṇaḥ | mṛṣā-samādhir āhosvit kiṁ nu syāt kṣatra-bandhubhiḥ ||

Ist dieser [Weise], dessen sämtliche Sinnesorgane zur Ruhe gebracht sind, mit geschlossenen Augen, [wirklich in Samādhi], oder ist [sein] Samādhi [nur] vorgetäuscht? Was mögen wohl die Kṣatriya-Sprösslinge [über ihn] denken?

Wort für Wort
eṣaḥ kim
ist dieser etwa
nibhṛta-aśeṣa-karaṇaḥ mīlita-īkṣaṇaḥ
dessen sämtliche Sinnesorgane zur Ruhe gebracht sind, mit geschlossenen Augen
mṛṣā-samādhiḥ āhosvit
oder ist [sein] Samādhi nur vorgetäuscht
kim nu syāt kṣatra-bandhubhiḥ
was könnte von Kṣatriya-Sprösslingen [gedacht werden]

[Anm.: Dieser Vers scheint eine eingeschobene, an Sūta gerichtete Zwischenfrage (vermutlich Śaunakas) zu sein, ob des Weisen Versunkenheit echt oder vorgetäuscht war - eine im Bhāgavata gelegentlich auftretende Unterbrechungstechnik.]

tasya putro 'titejasvī viharan bālako 'rbhakaiḥ | rājñāghaṁ prāpitaṁ tātaṁ śrutvā tatredam abravīt ||

Dessen [des Weisen] überaus mächtiger Sohn, [noch] ein mit [anderen] Kindern spielender Knabe, sprach dort, als er hörte, dass seinem Vater vom König Unrecht zugefügt worden sei, Folgendes:

Wort für Wort
tasya putraḥ ati-tejasvī
dessen überaus mächtiger Sohn
viharan bālakaḥ arbhakaiḥ
ein mit anderen Kindern spielender Knabe
rājñā agham prāpitam tātam
dass seinem Vater vom König Unrecht zugefügt worden sei
śrutvā tatra idam abravīt
als er dies hörte, sprach er dort dies

aho adharmaḥ pālānāṁ pīvnāṁ bali-bhujām iva | svāminy aghaṁ yad dāsānāṁ dvāra-pānāṁ śunām iva ||

Ach, welches Unrecht der Beschützer [begeht] – wie [bei] wohlgenährten [Rindern], die vom [ihnen anvertrauten] Tribut zehren –, dass Unrecht gegen den Herrn von den Dienern [begangen wird], wie [von] Wachhunden am Tor [gegen ihren Herrn]!

Wort für Wort
aho adharmaḥ pālānām
ach, welches Unrecht der Beschützer
pīvnām bali-bhujām iva
wie wohlgenährter [Rinder], die vom Tribut zehren
svāmini agham yat dāsānām
dass Unrecht gegen den Herrn von den Dienern [begangen wird]
dvāra-pānām śunām iva
wie von Wachhunden am Tor

[Anm.: Der Knabe vergleicht den König (als „Diener/Wächter“ des Dharma) mit einem Wachhund, der seinen Herrn angreift, statt ihn zu schützen.]

brāhmaṇaiḥ kṣatra-bandhur hi gṛha-pālo nirūpitaḥ | sa kathaṁ tad-gṛhe dvāḥ-sthaḥ sabhāṇḍaṁ bhoktum arhati ||

Von den Brahmanen wurde der Kṣatriya-Sprössling fürwahr als Hausbeschützer eingesetzt – wie kann er, der [bloße] Türsteher in dessen Haus, [es] wagen, [sogar dessen] Hausgerät mitzugenießen [geschweige denn ihn zu beleidigen]?

Wort für Wort
brāhmaṇaiḥ kṣatra-bandhuḥ hi
von den Brahmanen wurde der Kṣatriya-Sprössling fürwahr
gṛha-pālaḥ nirūpitaḥ
als Hausbeschützer eingesetzt
saḥ katham tat-gṛhe dvāḥ-sthaḥ
wie kann er, der Türsteher in dessen Haus
sabhāṇḍam bhoktum arhati
dessen Hausgerät zu genießen wagen

kṛṣṇe gate bhagavati śāstary utpatha-gāminām | tad bhinna-setūn adyāhaṁ śāsmi paśyata me balam ||

Da der erhabene Kṛṣṇa, der Zuchtmeister derer, die auf Abwege geraten, [nun] gegangen ist, werde ich heute diejenigen, deren [moralische] Dämme gebrochen sind, bestrafen – seht meine Macht!

Wort für Wort
kṛṣṇe gate bhagavati
da der erhabene Kṛṣṇa gegangen ist
śāstari utpatha-gāminām
der Zuchtmeister derer, die auf Abwege geraten
tat bhinna-setūn adya aham
darum werde ich heute die, deren Dämme gebrochen sind
śāsmi paśyata me balam
bestrafen - seht meine Macht

ity uktvā roṣa-tāmrākṣo vayasyān ṛṣi-bālakaḥ | kauśiky-āpa upaspṛśya vāg-vajraṁ visasarja ha ||

So zu [seinen] Altersgenossen sprechend, mit vor Zorn kupferroten Augen, berührte der Weisenknabe das Wasser der Kauśikī und entließ fürwahr seinen Rede-Blitzstrahl [den Fluch]:

Wort für Wort
iti uktvā roṣa-tāmra-akṣaḥ
so sprechend, mit vor Zorn kupferroten Augen
vayasyān ṛṣi-bālakaḥ
zu Altersgenossen, der Weisenknabe
kauśikī-āpaḥ upaspṛśya
das Wasser der Kauśikī berührend
vāk-vajram visasarja ha
entließ fürwahr seinen Rede-Blitzstrahl

iti laṅghita-maryādaṁ takṣakaḥ saptame 'hani | daṅkṣyati sma kulāṅgāraṁ codito me tata-druham ||

„Diesen, der die [heilige] Grenze überschritten hat, den Schandfleck seines Geschlechts, den Widersacher meines Vaters, wird Takṣaka, von mir angetrieben, am siebten Tag beißen.“

Wort für Wort
iti laṅghita-maryādam
diesen, der die Grenze überschritten hat
takṣakaḥ saptame ahani
Takṣaka wird am siebten Tag
daṅkṣyati sma kulāṅgāram
beißen, diesen Schandfleck des Geschlechts
coditaḥ me tata-druham
angetrieben von mir, den Widersacher meines Vaters

tato 'bhyetyāśramaṁ bālo gale sarpa-kalevaram | pitaraṁ vīkṣya duḥkhārto mukta-kaṇṭho ruroda ha ||

Darauf, zur Einsiedelei zurückkehrend, erblickte der Knabe seinen Vater mit dem Schlangenkörper am Hals, [und], von Kummer gequält, weinte er fürwahr mit lauter Stimme.

Wort für Wort
tataḥ abhyetya āśramam
darauf, zur Einsiedelei zurückkehrend
bālaḥ gale sarpa-kalevaram
der Knabe, mit dem Schlangenkörper am Hals
pitaram vīkṣya duḥkha-ārtaḥ
seinen Vater erblickend, von Kummer gequält
mukta-kaṇṭhaḥ ruroda ha
weinte er fürwahr mit lauter Stimme

sa vā āṅgiraso brahman śrutvā suta-vilāpanam | unmīlya śanakair netre dṛṣṭvā cāṁse mṛtoragam ||

Er, der Nachkomme Aṅgiras', o Brahmane, öffnete, als er die Wehklage des Sohnes hörte, fürwahr langsam die Augen und erblickte die tote Schlange auf seiner Schulter.

Wort für Wort
saḥ vai āṅgirasaḥ brahman
er, der Nachkomme Aṅgiras', fürwahr, o Brahmane
śrutvā suta-vilāpanam
die Wehklage des Sohnes hörend
unmīlya śanakaiḥ netre
langsam die Augen öffnend
dṛṣṭvā ca aṁse mṛta-uragam
und die tote Schlange auf der Schulter erblickend

visṛjya taṁ ca papraccha vatsa kasmād dhi rodiṣi | kena vā te 'pakṛtam ity uktaḥ sa nyavedayat ||

[Die Schlange] abwerfend, fragte er [den Sohn]: „Kind, warum weinst du? Oder wer hat dir Unrecht getan?“ – so gefragt, berichtete jener.

Wort für Wort
visṛjya tam ca papraccha
sie abwerfend, fragte er
vatsa kasmāt hi rodiṣi
Kind, warum weinst du
kena vā te apakṛtam
oder wer hat dir Unrecht getan
iti uktaḥ saḥ nyavedayat
so gefragt, berichtete jener

niśamya śaptam atad-arhaṁ narendraṁ sa brāhmaṇo nātmajam abhyanandat | aho batāṁho mahad adya te kṛta- malpīyasi droha urur damo dhṛtaḥ ||

Als er hörte, dass der König, der dies nicht verdient hatte, verflucht worden war, beglückwünschte jener Brahmane seinen Sohn nicht: „Ach, welch große Sünde hast du heute begangen! Für ein geringfügiges Unrecht wurde eine übergroße Strafe auferlegt.“

Wort für Wort
niśamya śaptam a-tat-arham narendram
als er hörte, dass der König, der dies nicht verdient hatte, verflucht worden war
saḥ brāhmaṇaḥ na ātmajam abhyanandat
beglückwünschte jener Brahmane seinen Sohn nicht
aho bata aṁhaḥ mahat adya te kṛtam
ach, welch große Sünde hast du heute begangen
alpīyasi drohe uruḥ damaḥ dhṛtaḥ
für ein geringfügiges Unrecht wurde eine übergroße Strafe auferlegt

na vai nṛbhir nara-devaṁ parākhyaṁ sammātum arhasy avipakva-buddhe | yat-tejasā durviṣaheṇa guptā vindanti bhadrāṇy akutobhayāḥ prajāḥ ||

Niemals sollte, du von unreifem Verstand, der Menschengott [König] von [gewöhnlichen] Menschen mit einem gewöhnlichen [Wesen] gleichgesetzt werden - er, durch dessen unwiderstehliche Macht beschützt die Untertanen, ohne jegliche Furcht, [ihr] Wohl erlangen.

Wort für Wort
na vai nṛbhiḥ nara-devam
niemals durch Menschen der Menschengott
para-ākhyam sammātum arhasi
mit einem gewöhnlichen [Wesen] gleichgesetzt werden dürfen
avipakva-buddhe
du von unreifem Verstand
yat-tejasā durviṣaheṇa guptāḥ
durch dessen unwiderstehliche Macht beschützt
vindanti bhadrāṇi akutaḥ-bhayāḥ prajāḥ
erlangen die Untertanen ohne Furcht ihr Wohl

alakṣyamāṇe nara-deva-nāmni rathāṅga-pāṇāv ayam aṅga lokaḥ | tadā hi caura-pracuro vinaṅkṣyaty arakṣyamāṇo 'vivarūthavat kṣaṇāt ||

Wenn der den Titel „Menschengott“ tragende [Herrscher] – der [gleich Viṣṇu] das Diskus-Rad in der Hand hält – nicht [mehr] wahrgenommen wird, o Lieber, wird diese Welt dann fürwahr, unbeschützt, von Räubern überflutet, im Augenblick zugrunde gehen, wie [ein Wagen] ohne Radkranz.

Wort für Wort
alakṣyamāṇe nara-deva-nāmni
wenn der den Titel Menschengott tragende nicht wahrgenommen wird
ratha-aṅga-pāṇau ayam aṅga lokaḥ
der das Diskus-Rad in der Hand hält, diese Welt, o Lieber
tadā hi caura-pracuraḥ vinaṅkṣyati
wird dann fürwahr, von Räubern überflutet, zugrunde gehen
arakṣyamāṇaḥ avivarūthavat kṣaṇāt
unbeschützt, wie ein Wagen ohne Radkranz, im Augenblick

tad adya naḥ pāpam upaity ananvayaṁ yan naṣṭa-nāthasya vasor vilumpakāt | parasparaṁ ghnanti śapanti vṛñjate paśūn striyo 'rthān puru-dasyavo janāḥ ||

Darum trifft uns heute eine unermessliche Sünde, da – weil [die Erde] ihres Beschützers beraubt ist – [ihr] Gut geplündert wird [und] die Menschen, [nun] zu zahlreichen Räubern geworden, einander töten, verfluchen [und] Vieh, Frauen [und] Besitz rauben.

Wort für Wort
tat adya naḥ pāpam upaiti ananvayam
darum trifft uns heute eine unermessliche Sünde
yat naṣṭa-nāthasya vasoḥ vilumpakāt
da, weil ihres Beschützers beraubt, ihr Gut geplündert wird
parasparam ghnanti śapanti vṛñjate
sie töten, verfluchen, rauben einander
paśūn striyaḥ arthān puru-dasyavaḥ janāḥ
Vieh, Frauen, Besitz, die zu zahlreichen Räubern gewordenen Menschen

tadārya-dharmaḥ pravilīyate nṛṇāṁ varṇāśramācāra-yutas trayīmayaḥ | tato 'rtha-kāmābhiniveśitātmanāṁ śunāṁ kapīnām iva varṇa-saṅkaraḥ ||

Dann löst sich der edle Dharma der Menschen auf, der aus den Bräuchen der Stände und Lebensstufen besteht und auf der dreifachen [Veden-]Kenntnis beruht; darauf entsteht bei denen, deren Selbst in Besitz und Begierde versunken ist, wie bei Hunden und Affen eine Kastenvermischung.

Wort für Wort
tadā ārya-dharmaḥ pravilīyate nṛṇām
dann löst sich der edle Dharma der Menschen auf
varṇa-āśrama-ācāra-yutaḥ trayī-mayaḥ
der aus den Bräuchen der Stände/Lebensstufen besteht, auf der dreifachen Kenntnis beruhend
tataḥ artha-kāma-abhiniveśita-ātmanām
darauf, bei denen, deren Selbst in Besitz und Begierde versunken ist
śunām kapīnām iva varṇa-saṅkaraḥ
wie bei Hunden und Affen eine Kastenvermischung

dharma-pālo nara-patiḥ sa tu samrāḍ bṛhac-chravāḥ | sākṣān mahā-bhāgavato rājarṣir haya-medhayāṭ | kṣut-tṛṭ-śrama-yuto dīno naivāsmac chāpam arhati ||

Der Dharma-Beschützer, der Menschenherrscher, eben jener Kaiser von großem Ruhm, [ist] unmittelbar ein großer Bhāgavata, ein königlicher Weiser, Vollzieher von Pferdeopfern – von Hunger, Durst und Erschöpfung geplagt, elend, verdient er wahrlich nicht unseren Fluch.

Wort für Wort
dharma-pālaḥ nara-patiḥ
der Dharma-Beschützer, der Menschenherrscher
saḥ tu samrāṭ bṛhat-śravāḥ
eben jener Kaiser von großem Ruhm
sākṣāt mahā-bhāgavataḥ rājarṣiḥ haya-medhayāṭ
unmittelbar ein großer Bhāgavata, ein königlicher Weiser, Vollzieher von Pferdeopfern
kṣut-tṛṭ-śrama-yutaḥ dīnaḥ
von Hunger, Durst und Erschöpfung geplagt, elend
na eva asmat śāpam arhati
verdient wahrlich nicht unseren Fluch

apāpeṣu sva-bhṛtyeṣu bālenāpakva-buddhinā | pāpaṁ kṛtaṁ tad bhagavān sarvātmā kṣantum arhati ||

Das gegenüber [seinen] sündelosen Dienern [den Königen] von einem Knaben unreifen Verstandes begangene Unrecht möge der erhabene, alles durchseelende [Gott] verzeihen.

Wort für Wort
apāpeṣu sva-bhṛtyeṣu
gegenüber den sündelosen Dienern
bālena apakva-buddhinā
von einem Knaben unreifen Verstandes
pāpam kṛtam tat
das begangene Unrecht
bhagavān sarva-ātmā kṣantum arhati
möge der erhabene Allseele verzeihen

tiraskṛtā vipralabdhāḥ śaptāḥ kṣiptā hatā api | nāsya tat pratikurvanti tad-bhaktāḥ prabhavo 'pi hi ||

Verhöhnt, betrogen, verflucht, geschlagen, sogar getötet – vergelten seine [Gottes] Geweihten dies [dem Übeltäter] fürwahr nicht, obwohl sie [dazu] mächtig wären.

Wort für Wort
tiraskṛtāḥ vipralabdhāḥ
verhöhnt, betrogen
śaptāḥ kṣiptāḥ hatāḥ api
verflucht, geschlagen, sogar getötet
na asya tat pratikurvanti
vergelten sie dies ihm nicht
tat-bhaktāḥ prabhavaḥ api hi
seine Geweihten, obwohl mächtig, fürwahr

iti putra-kṛtāghena so 'nutapto mahā-muniḥ | svayaṁ viprakṛto rājñā naivāghaṁ tad acintayat ||

So [war] jener große Weise, reumütig wegen des vom Sohn begangenen Unrechts, [und] dachte, obwohl er selbst vom König beleidigt worden war, gar nicht an jenes [ihm zugefügte] Unrecht.

Wort für Wort
iti putra-kṛta-aghena
durch das vom Sohn begangene Unrecht so
saḥ anutaptaḥ mahā-muniḥ
jener große Weise, reumütig
svayam viprakṛtaḥ rājñā
obwohl selbst vom König beleidigt
na eva agham tat acintayat
dachte er gar nicht an jenes Unrecht

prāyaśaḥ sādhavo loke parair dvandveṣu yojitāḥ | na vyathanti na hṛṣyanti yata ātmā 'guṇāśrayaḥ ||

Meistens werden die Tugendhaften auf der Welt von anderen in Gegensatzpaare [wie Leid und Freude] verwickelt, [doch] sie leiden nicht [und] freuen sich nicht [übermäßig], weil [ihr] Selbst im Eigenschaftslosen gegründet ist.

Wort für Wort
prāyaśaḥ sādhavaḥ loke
meistens die Tugendhaften auf der Welt
paraiḥ dvandveṣu yojitāḥ
von anderen in Gegensatzpaare verwickelt
na vyathanti na hṛṣyanti
sie leiden nicht, sie freuen sich nicht [übermäßig]
yataḥ ātmā aguṇa-āśrayaḥ
weil ihr Selbst im Eigenschaftslosen gegründet ist

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks