Kapitel 18: parīkṣid-brāhmaṇa-śāpaḥ
Mahārāja Parīkṣit wird von einem Brahmanenknaben verflucht
Ein philosophischer Rahmenabschnitt (V.1-23) fasst Parīkṣits Errettung im Mutterleib und seine spätere Furchtlosigkeit angesichts des Fluches zusammen, gefolgt von der Bitte der Naimiṣāraṇya-Weisen an Sūta, die eigentliche Geschichte Parīkṣits zu erzählen. Die eigentliche Erzählung (V.24-50) beginnt: Parīkṣit, erschöpft und durstig von der Jagd, findet einen in Meditation versunkenen Weisen (Śamīka), der ihm - unwissentlich oder absichtlich schweigend - keine Bewirtung anbietet; im Zorn legt der König eine tote Schlange um dessen Hals und kehrt heim. Des Weisen Sohn Śṛṅgi, von dieser Beleidigung erfahrend, verflucht den König in kindlichem Zorn: Er werde am siebten Tag durch die Schlange Takṣaka sterben. Der zurückkehrende Vater tadelt seinen Sohn scharf für diesen unverhältnismäßigen Fluch gegen einen Herrscher, der das Land beschützt, und erklärt ausführlich, welch schweres Unheil (Kastenvermischung, Gesetzlosigkeit) der Verlust königlichen Schutzes nach sich zöge - dennoch nimmt er den Fluch, wie es Weisen ansteht, gelassen hin, ohne selbst Groll zu hegen.
sūta uvāca
yo vai drauṇy-astra-vipluṣṭo na mātur udare mṛtaḥ |
anugrahād bhagavataḥ kṛṣṇasyādbhuta-karmaṇaḥ ||
Sūta sprach: Er [Parīkṣit], der, von der Waffe des Sohnes Droṇas [Aśvatthāman] versengt, fürwahr nicht im Mutterleib starb – durch die Gnade des erhabenen Kṛṣṇa, dessen Taten wunderbar sind –
Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
yaḥ vai drauṇi-astra-vipluṣṭaḥ
der fürwahr von der Waffe des Sohnes Droṇas versengt
brahma-kopotthitād yas tu takṣakāt prāṇa-viplavāt |
na sammumohorubhayād bhagavaty arpitāśayaḥ ||
– der aber vor der aus dem Zorn eines Brahmanen entstandenen, durch Takṣaka [drohenden] Vernichtung seines Lebens nicht in großer Furcht die Fassung verlor, da sein Sinn dem Erhabenen hingegeben war,
Wort für Wort
brahma-kopa-utthitāt
das aus dem Zorn eines Brahmanen entstandene
yaḥ tu takṣakāt prāṇa-viplavāt
der aber vor der durch Takṣaka drohenden Vernichtung des Lebens
– nachdem er jegliche Bindung aufgegeben und den [wahren] Zustand des Unbesiegten [Viṣṇu] erkannt hatte, legte er, der Schüler des Sohnes Vyāsas [Śuka], an der Gaṅgā seinen Körper ab.
Für die, welche die Kunde des Preiswürdigsten [Kṛṣṇa] [huldigen] und den unsterblichkeitsspendenden Erzählungen von ihm anhängen, [für die,] die sich [stets] seines Lotosfußes erinnern, entsteht selbst zur Todesstunde keine Verwirrung.
Wort für Wort
na uttamaśloka-vārtānām
nicht für die, welche die Kunde des Preiswürdigsten
juṣatām tat-kathā-amṛtam
huldigen und den unsterblichkeitsspendenden Erzählungen anhängen
syāt sambhramaḥ anta-kāle api
mag Verwirrung selbst zur Todesstunde entstehen [negiert]
Solange kann Kali, obwohl er hier überall eingedrungen ist, nicht [seine] Macht entfalten, solange der große Herrscher, der Sohn Abhimanyus, als Alleinherrscher auf der Erde [regiert].
Der Kaiser [Parīkṣit] hegt keinen Groll gegen Kali – wie eine Biene, die [nur] den Nektar genießt [und den Rest übergeht] – denn gute [Taten] gelangen rasch zur Vollendung, während andere, [schlechte] getane [Taten dies] nicht [tun].
kiṁ nu bāleṣu śūreṇa kalinā dhīra-bhīruṇā |
apramattaḥ pramatteṣu yo vṛko nṛṣu vartate ||
Was [könnte] gegenüber Kindern [wörtlich: den Einfältigen] der [nur scheinbar] tapfere, [in Wahrheit] vor den Standhaften furchtsame Kali [ausrichten] – er, der wachsam unter den Unachtsamen wie ein Wolf unter den Menschen umhergeht?
Wort für Wort
kim nu bāleṣu
was [könnte] gegenüber Kindern
śūreṇa kalinā dhīra-bhīruṇā
durch den scheinbar tapferen, vor den Standhaften furchtsamen Kali
apramattaḥ pramatteṣu
der Wachsame unter den Unachtsamen
yaḥ vṛkaḥ nṛṣu vartate
der wie ein Wolf unter den Menschen umhergeht
[?: Die genaue Konstruktion „apramattaḥ pramatteṣu“ (der Wachsame unter den Unachtsamen) im Verhältnis zu „dhīra-bhīruṇā“ (furchtsam vor den Standhaften) ist leicht disparat; Sinn vermutlich, dass Kali nur den Unachtsamen schaden kann, nicht den Wachsamen.]
Welche Erzählungen auch immer, gegründet auf [seine] Eigenschaften und Taten, vom Erhabenen [handeln], dessen große Taten erzählenswert sind – sie sollen von den Menschen, die gedeihen wollen, gepflegt werden.
Wort für Wort
yāḥ yāḥ kathāḥ
welche Erzählungen auch immer
bhagavataḥ kathanīya-uru-karmaṇaḥ
des Erhabenen, dessen große Taten erzählenswert sind
guṇa-karma-āśrayāḥ
die sich auf Eigenschaften und Taten gründen
pumbhiḥ saṁsevyāḥ tāḥ bubhūṣubhiḥ
von den nach Gedeihen strebenden Menschen sollen sie gepflegt werden
Die Weisen sprachen: O Sūta, lebe, du Sanftmütiger, ewige Jahre mit lauterem Ruhm, du, der du uns Sterblichen von Kṛṣṇa verkündest, was fürwahr [wie] Unsterblichkeit [für uns wirkt].
Wort für Wort
ṛṣayaḥ ūcuḥ
die Weisen sprachen
sūta jīva samāḥ saumya śāśvatīḥ
o Sūta, lebe, du Sanftmütiger, ewige Jahre
viśadam yaśaḥ
mit lauterem Ruhm
yaḥ tvam śaṁsasi kṛṣṇasya
du, der du von Kṛṣṇa verkündest
martyānām amṛtam hi naḥ
das für uns Sterbliche fürwahr Unsterblichkeit [wirkt]
In diesem [langwierigen Opfer-]Werk, das keine Gewissheit [des Erfolgs] bietet, gibst du uns, deren Wesen [schon] vom Rauch geschwärzt ist, den Honigwein von Govindas Lotosfuß zu trinken.
tulayāma lavenāpi na svargaṁ nāpunar-bhavam |
bhagavat-saṅgi-saṅgasya martyānāṁ kim utāśiṣaḥ ||
Wir würden nicht einmal mit einem Bruchteil [des Wertes] der Gemeinschaft mit einem Gefährten des Erhabenen weder den Himmel noch die Erlösung aufwiegen – geschweige denn die [gewöhnlichen] Segnungen der Sterblichen.
Wort für Wort
tulayāma lavena api
wir würden [nicht einmal] mit einem Bruchteil aufwiegen
na svargam na apunaḥ-bhavam
weder den Himmel noch die Nicht-Wiedergeburt
bhagavat-saṅgi-saṅgasya
mit der Gemeinschaft eines Gefährten des Erhabenen
ko nāma tṛpyed rasavit kathāyāṁ
mahattamaikānta-parāyaṇasya |
nāntaṁ guṇānām aguṇasya jagmur
yogeśvarā ye bhava-pādma-mukhyāḥ ||
Wer, der den [wahren] Geschmack kennt, würde gesättigt sein an der Erzählung von dem, der das alleinige Ziel der Größten ist? Selbst die Herren des Yoga, angeführt von Śiva und Brahmā, erreichten nicht das Ende der Eigenschaften des [an sich] Eigenschaftslosen.
Wort für Wort
kaḥ nāma tṛpyet rasa-vit
wer, der den Geschmack kennt, würde gesättigt sein
kathāyām mahattama-ekānta-parāyaṇasya
an der Erzählung von dem, der das alleinige Ziel der Größten ist
na antam guṇānām
nicht das Ende der Eigenschaften
aguṇasya jagmuḥ
des Eigenschaftslosen erreichten
yoga-īśvarāḥ ye bhava-pādma-mukhyāḥ
die Herren des Yoga, angeführt von Śiva und Brahmā
tan no bhavān vai bhagavat-pradhāno
mahattamaikānta-parāyaṇasya |
harer udāraṁ caritaṁ viśuddhaṁ
śuśrūṣatāṁ no vitanotu vidvan ||
Darum mögest du, o Kundiger, der du dem Erhabenen [selbst] am meisten ergeben bist, uns, die wir [danach] zu hören begehren, das erhabene, reine Wirken Haris entfalten, dessen, der das alleinige Ziel der Größten ist.
Wort für Wort
tat naḥ bhavān vai bhagavat-pradhānaḥ
darum mögest du, dem Erhabenen Ergebenster
mahattama-ekānta-parāyaṇasya
dessen, der das alleinige Ziel der Größten ist
hareḥ udāram caritam viśuddham
Haris erhabenes, reines Wirken
śuśrūṣatām naḥ vitanotu vidvan
uns, die wir zu hören begehren, entfalten, o Kundiger
sa vai mahā-bhāgavataḥ parīkṣid
yenāpavargākhyam adabhra-buddhiḥ |
jñānena vaiyāsaki-śabditena
bheje khagendra-dhvaja-pāda-mūlam ||
Jener fürwahr große Bhāgavata Parīkṣit, von unermesslichem Verstand, erlangte durch das Wissen, das vom Sohn Vyāsas [Śuka] verkündet wurde – [Wissen], genannt Erlösung – die Fußwurzel dessen, dessen Banner der Vogelfürst [Garuḍa] ist.
Wort für Wort
saḥ vai mahā-bhāgavataḥ parīkṣit
jener fürwahr große Bhāgavata Parīkṣit
yena apavarga-ākhyam
durch welches, genannt Erlösung
adabhra-buddhiḥ
von unermesslichem Verstand
jñānena vaiyāsaki-śabditena
durch das vom Sohn Vyāsas verkündete Wissen
bheje khagendra-dhvaja-pāda-mūlam
erlangte er die Fußwurzel dessen, dessen Banner der Vogelfürst ist
Jene für uns höchst heilbringende Erzählung von klarem Sinn, gegründet auf höchst wunderbarem Yoga, mit den Taten des Unendlichen [Kṛṣṇa] verbunden – erzähle [uns] die Pārīkṣita[-Geschichte], die den Bhāgavatas erfreulich ist.
Wort für Wort
tat naḥ param puṇyam asaṁvṛta-artham
jene für uns höchst heilbringende Erzählung von klarem Sinn
ākhyānam ati-adbhuta-yoga-niṣṭham
die auf höchst wunderbarem Yoga gegründete Erzählung
ākhyāhi ananta-ācarita-upapannam
erzähle die mit den Taten des Unendlichen verbundene
Sūta sprach: Ach, wir sind heute wahrhaft [erst richtig] geboren – obwohl wir, dem Brauch der Alten folgend, aus einer [Kasten-]Mischehe stammen –, denn die Verbindung mit dem Aussprechen des Namens der Größten vertreibt rasch die Schande der Herkunft und [allen] Kummer.
Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
aho vayam janma-bhṛtaḥ adya ha asma
ach, wir sind heute wahrhaft geboren
vṛddha-anuvṛttyā api viloma-jātāḥ
obwohl dem Brauch der Alten folgend aus Mischehe geboren
dauṣkulyam ādhim vidhunoti śīghram
die Herkunftsschande und den Kummer vertreibt rasch
mahattamānām abhidhāna-yogaḥ
die Verbindung mit dem Aussprechen des Namens der Größten
[Anm.: Sūta gehörte einer gemischten Kaste an; er bezieht sich hier selbstreflexiv auf seine eigene Herkunft.]
Wieviel mehr [gilt dies] für den, der den Namen dessen ausspricht, der das alleinige Ziel der Größten ist – er, von unendlicher Macht, der erhabene Unendliche, den man wegen [seiner] großen Eigenschaften „den Unendlichen“ nennt.
Wort für Wort
kutaḥ punaḥ gṛṇataḥ nāma tasya
wieviel mehr für den, der den Namen dessen ausspricht
mahattama-ekānta-parāyaṇasya
der das alleinige Ziel der Größten ist
yaḥ ananta-śaktiḥ bhagavān anantaḥ
der von unendlicher Macht, der erhabene Unendliche
mahat-guṇatvāt yam anantam āhuḥ
wegen großer Eigenschaften, den man den Unendlichen nennt
Damit genug – nicht wahr – mit dem [bereits] Angedeuteten über den, dessen Eigenschaften nichts gleichkommt und die nichts übertrifft: dessen Fußstaub [sogar] die Glücksgöttin verehrt, obwohl er [selbst], andere [Dinge] verschmähend, ihrer nicht begehrt.
Wort für Wort
etāvatā alam nanu sūcitena
damit genug mit dem Angedeuteten
guṇaiḥ asāmya-anatiśāyanasya
dessen Eigenschaften nichts gleichkommt noch übertrifft
hitvā itarān prārthayataḥ
der, andere verschmähend, [nichts] erbittet
vibhūtiḥ yasya aṅghri-reṇum juṣate anabhīpsoḥ
dessen Fußstaub die Glücksgöttin verehrt, obwohl er [ihrer] nicht begehrt
Und ferner: das von seinem Fußnagel entlassene [Wasser – die Gaṅgā –], [von] Brahmā als Ehrengabe dargebracht, reinigt die Welt samt Śiva. Gibt es [also] irgendeinen anderen als Mukunda – wer [sonst] trägt in der Welt wirklich zu Recht den Titel „der Erhabene“?
Wort für Wort
atha api
und ferner
yat-pāda-nakha-avasṛṣṭam
das von seinem Fußnagel entlassene
jagat viriñca-upahṛta-arhaṇa-ambhaḥ
die Welt, das von Brahmā als Ehrengabe dargebrachte Wasser
An ihm hingegeben, werfen die Standhaften sogleich die an Körper und Ähnlichem haftende Bindung ab und gelangen zu jenem höchsten, letzten Zustand der Paramahaṁsas, in dem Gewaltlosigkeit und [innerer] Friede die eigentliche Pflicht sind.
Wort für Wort
yatra anuraktāḥ sahasā eva dhīrāḥ
an dem hingegeben sogleich die Standhaften
vyapohya deha-ādiṣu saṅgam ūḍham
die an Körper usw. haftende Bindung abwerfend
vrajanti tat pārama-haṁsyam antyam
gelangen zu jenem höchsten, letzten Zustand der Paramahaṁsas
yasmin ahiṁsā-upaśamaḥ sva-dharmaḥ
in dem Gewaltlosigkeit und innerer Friede die eigene Pflicht sind
Ich wurde ja von euch, o Verehrungswürdige, befragt; ich erkläre, soweit mein eigenes Verständnis hierzu reicht – so wie die Vögel [nur] soweit den Himmel durchfliegen, wie es ihrem [eigenen Vermögen] entspricht, ebenso [erreichen] auch die Weisen Viṣṇus Weg [nur] entsprechend [ihrem eigenen Wissen].
Wort für Wort
aham hi pṛṣṭaḥ aryamaṇaḥ bhavadbhiḥ
ich wurde ja von euch, o Verehrungswürdige, befragt
ācakṣe ātma-avagamaḥ atra yāvān
ich erkläre, soweit mein Selbstverständnis reicht
nabhaḥ patanti ātma-samam patattriṇaḥ
die Vögel fliegen soweit der Himmel ihrem Vermögen entspricht
– dessen Sinne, Lebensatem, Geist und Verstand zurückgehalten waren, der [für die äußere Welt] aufgehört hatte [zu wirken], der den jenseits der drei Bewusstseinszustände gelegenen [Zustand] erlangt hatte, zum Brahman geworden, unveränderlich.
Wort für Wort
pratiruddha-indriya-prāṇa-manaḥ-buddhim
dessen Sinne, Lebensatem, Geist und Verstand zurückgehalten waren
upāratam
der aufgehört hatte [zu wirken]
sthāna-trayāt param prāptam
der den jenseits der drei Zustände gelegenen [Zustand] erlangt hatte
viprakīrṇa-jaṭācchannaṁ rauraveṇājinena ca |
viśuṣyat-tāluḥ udakaṁ tathā-bhūtam ayācata ||
Von diesem so [dasitzenden], mit zerzaustem Haar bedeckten und mit dem Fell einer Ruru-Antilope [bekleideten Weisen] erbat er, dessen Gaumen austrocknete, Wasser.
alabdha-tṛṇa-bhūmy-ādir asamprāptārghya-sūnṛtaḥ |
avajñātam ivātmānaṁ manyamānaś cukopa ha ||
Da ihm weder Sitzgras noch [ein Platz auf dem] Boden gewährt wurde noch er Ehrenwasser oder ein freundliches Wort erhielt, erachtete er sich selbst als missachtet und wurde fürwahr zornig.
abhūta-pūrvaḥ sahasā kṣut-tṛḍbhyām arditātmanaḥ |
brāhmaṇaṁ praty abhūd brahman matsaro manyur eva ca ||
Ein zuvor nie dagewesener, plötzlicher [Ausbruch von] Missgunst und Zorn entstand, o Brahmane [Śaunaka], gegenüber dem Brahmanen bei ihm, dessen Selbst von Hunger und Durst gequält war.
sa tu brahma-ṛṣer aṁse gatāsum uragaṁ ruṣā |
vinirgacchan dhanuṣ-koṭyā nidhāya puram āgataḥ ||
Er aber legte, im Zorn hinausgehend, mit der Spitze seines Bogens eine tote Schlange auf die Schulter des Brahmanenweisen und kehrte [dann] in die Stadt zurück.
Ist dieser [Weise], dessen sämtliche Sinnesorgane zur Ruhe gebracht sind, mit geschlossenen Augen, [wirklich in Samādhi], oder ist [sein] Samādhi [nur] vorgetäuscht? Was mögen wohl die Kṣatriya-Sprösslinge [über ihn] denken?
Wort für Wort
eṣaḥ kim
ist dieser etwa
nibhṛta-aśeṣa-karaṇaḥ mīlita-īkṣaṇaḥ
dessen sämtliche Sinnesorgane zur Ruhe gebracht sind, mit geschlossenen Augen
mṛṣā-samādhiḥ āhosvit
oder ist [sein] Samādhi nur vorgetäuscht
kim nu syāt kṣatra-bandhubhiḥ
was könnte von Kṣatriya-Sprösslingen [gedacht werden]
[Anm.: Dieser Vers scheint eine eingeschobene, an Sūta gerichtete Zwischenfrage (vermutlich Śaunakas) zu sein, ob des Weisen Versunkenheit echt oder vorgetäuscht war - eine im Bhāgavata gelegentlich auftretende Unterbrechungstechnik.]
Dessen [des Weisen] überaus mächtiger Sohn, [noch] ein mit [anderen] Kindern spielender Knabe, sprach dort, als er hörte, dass seinem Vater vom König Unrecht zugefügt worden sei, Folgendes:
Wort für Wort
tasya putraḥ ati-tejasvī
dessen überaus mächtiger Sohn
viharan bālakaḥ arbhakaiḥ
ein mit anderen Kindern spielender Knabe
rājñā agham prāpitam tātam
dass seinem Vater vom König Unrecht zugefügt worden sei
Ach, welches Unrecht der Beschützer [begeht] – wie [bei] wohlgenährten [Rindern], die vom [ihnen anvertrauten] Tribut zehren –, dass Unrecht gegen den Herrn von den Dienern [begangen wird], wie [von] Wachhunden am Tor [gegen ihren Herrn]!
Wort für Wort
aho adharmaḥ pālānām
ach, welches Unrecht der Beschützer
pīvnām bali-bhujām iva
wie wohlgenährter [Rinder], die vom Tribut zehren
svāmini agham yat dāsānām
dass Unrecht gegen den Herrn von den Dienern [begangen wird]
dvāra-pānām śunām iva
wie von Wachhunden am Tor
[Anm.: Der Knabe vergleicht den König (als „Diener/Wächter“ des Dharma) mit einem Wachhund, der seinen Herrn angreift, statt ihn zu schützen.]
brāhmaṇaiḥ kṣatra-bandhur hi gṛha-pālo nirūpitaḥ |
sa kathaṁ tad-gṛhe dvāḥ-sthaḥ sabhāṇḍaṁ bhoktum arhati ||
Von den Brahmanen wurde der Kṣatriya-Sprössling fürwahr als Hausbeschützer eingesetzt – wie kann er, der [bloße] Türsteher in dessen Haus, [es] wagen, [sogar dessen] Hausgerät mitzugenießen [geschweige denn ihn zu beleidigen]?
Wort für Wort
brāhmaṇaiḥ kṣatra-bandhuḥ hi
von den Brahmanen wurde der Kṣatriya-Sprössling fürwahr
kṛṣṇe gate bhagavati śāstary utpatha-gāminām |
tad bhinna-setūn adyāhaṁ śāsmi paśyata me balam ||
Da der erhabene Kṛṣṇa, der Zuchtmeister derer, die auf Abwege geraten, [nun] gegangen ist, werde ich heute diejenigen, deren [moralische] Dämme gebrochen sind, bestrafen – seht meine Macht!
Wort für Wort
kṛṣṇe gate bhagavati
da der erhabene Kṛṣṇa gegangen ist
śāstari utpatha-gāminām
der Zuchtmeister derer, die auf Abwege geraten
tat bhinna-setūn adya aham
darum werde ich heute die, deren Dämme gebrochen sind
So zu [seinen] Altersgenossen sprechend, mit vor Zorn kupferroten Augen, berührte der Weisenknabe das Wasser der Kauśikī und entließ fürwahr seinen Rede-Blitzstrahl [den Fluch]:
iti laṅghita-maryādaṁ takṣakaḥ saptame 'hani |
daṅkṣyati sma kulāṅgāraṁ codito me tata-druham ||
„Diesen, der die [heilige] Grenze überschritten hat, den Schandfleck seines Geschlechts, den Widersacher meines Vaters, wird Takṣaka, von mir angetrieben, am siebten Tag beißen.“
Wort für Wort
iti laṅghita-maryādam
diesen, der die Grenze überschritten hat
takṣakaḥ saptame ahani
Takṣaka wird am siebten Tag
daṅkṣyati sma kulāṅgāram
beißen, diesen Schandfleck des Geschlechts
coditaḥ me tata-druham
angetrieben von mir, den Widersacher meines Vaters
tato 'bhyetyāśramaṁ bālo gale sarpa-kalevaram |
pitaraṁ vīkṣya duḥkhārto mukta-kaṇṭho ruroda ha ||
Darauf, zur Einsiedelei zurückkehrend, erblickte der Knabe seinen Vater mit dem Schlangenkörper am Hals, [und], von Kummer gequält, weinte er fürwahr mit lauter Stimme.
Er, der Nachkomme Aṅgiras', o Brahmane, öffnete, als er die Wehklage des Sohnes hörte, fürwahr langsam die Augen und erblickte die tote Schlange auf seiner Schulter.
Als er hörte, dass der König, der dies nicht verdient hatte, verflucht worden war, beglückwünschte jener Brahmane seinen Sohn nicht: „Ach, welch große Sünde hast du heute begangen! Für ein geringfügiges Unrecht wurde eine übergroße Strafe auferlegt.“
Wort für Wort
niśamya śaptam a-tat-arham narendram
als er hörte, dass der König, der dies nicht verdient hatte, verflucht worden war
saḥ brāhmaṇaḥ na ātmajam abhyanandat
beglückwünschte jener Brahmane seinen Sohn nicht
aho bata aṁhaḥ mahat adya te kṛtam
ach, welch große Sünde hast du heute begangen
alpīyasi drohe uruḥ damaḥ dhṛtaḥ
für ein geringfügiges Unrecht wurde eine übergroße Strafe auferlegt
na vai nṛbhir nara-devaṁ parākhyaṁ
sammātum arhasy avipakva-buddhe |
yat-tejasā durviṣaheṇa guptā
vindanti bhadrāṇy akutobhayāḥ prajāḥ ||
Niemals sollte, du von unreifem Verstand, der Menschengott [König] von [gewöhnlichen] Menschen mit einem gewöhnlichen [Wesen] gleichgesetzt werden - er, durch dessen unwiderstehliche Macht beschützt die Untertanen, ohne jegliche Furcht, [ihr] Wohl erlangen.
Wort für Wort
na vai nṛbhiḥ nara-devam
niemals durch Menschen der Menschengott
para-ākhyam sammātum arhasi
mit einem gewöhnlichen [Wesen] gleichgesetzt werden dürfen
Wenn der den Titel „Menschengott“ tragende [Herrscher] – der [gleich Viṣṇu] das Diskus-Rad in der Hand hält – nicht [mehr] wahrgenommen wird, o Lieber, wird diese Welt dann fürwahr, unbeschützt, von Räubern überflutet, im Augenblick zugrunde gehen, wie [ein Wagen] ohne Radkranz.
Wort für Wort
alakṣyamāṇe nara-deva-nāmni
wenn der den Titel Menschengott tragende nicht wahrgenommen wird
ratha-aṅga-pāṇau ayam aṅga lokaḥ
der das Diskus-Rad in der Hand hält, diese Welt, o Lieber
tadā hi caura-pracuraḥ vinaṅkṣyati
wird dann fürwahr, von Räubern überflutet, zugrunde gehen
arakṣyamāṇaḥ avivarūthavat kṣaṇāt
unbeschützt, wie ein Wagen ohne Radkranz, im Augenblick
Darum trifft uns heute eine unermessliche Sünde, da – weil [die Erde] ihres Beschützers beraubt ist – [ihr] Gut geplündert wird [und] die Menschen, [nun] zu zahlreichen Räubern geworden, einander töten, verfluchen [und] Vieh, Frauen [und] Besitz rauben.
Wort für Wort
tat adya naḥ pāpam upaiti ananvayam
darum trifft uns heute eine unermessliche Sünde
yat naṣṭa-nāthasya vasoḥ vilumpakāt
da, weil ihres Beschützers beraubt, ihr Gut geplündert wird
parasparam ghnanti śapanti vṛñjate
sie töten, verfluchen, rauben einander
paśūn striyaḥ arthān puru-dasyavaḥ janāḥ
Vieh, Frauen, Besitz, die zu zahlreichen Räubern gewordenen Menschen
Dann löst sich der edle Dharma der Menschen auf, der aus den Bräuchen der Stände und Lebensstufen besteht und auf der dreifachen [Veden-]Kenntnis beruht; darauf entsteht bei denen, deren Selbst in Besitz und Begierde versunken ist, wie bei Hunden und Affen eine Kastenvermischung.
Wort für Wort
tadā ārya-dharmaḥ pravilīyate nṛṇām
dann löst sich der edle Dharma der Menschen auf
varṇa-āśrama-ācāra-yutaḥ trayī-mayaḥ
der aus den Bräuchen der Stände/Lebensstufen besteht, auf der dreifachen Kenntnis beruhend
tataḥ artha-kāma-abhiniveśita-ātmanām
darauf, bei denen, deren Selbst in Besitz und Begierde versunken ist
dharma-pālo nara-patiḥ sa tu samrāḍ bṛhac-chravāḥ |
sākṣān mahā-bhāgavato rājarṣir haya-medhayāṭ |
kṣut-tṛṭ-śrama-yuto dīno naivāsmac chāpam arhati ||
Der Dharma-Beschützer, der Menschenherrscher, eben jener Kaiser von großem Ruhm, [ist] unmittelbar ein großer Bhāgavata, ein königlicher Weiser, Vollzieher von Pferdeopfern – von Hunger, Durst und Erschöpfung geplagt, elend, verdient er wahrlich nicht unseren Fluch.
Wort für Wort
dharma-pālaḥ nara-patiḥ
der Dharma-Beschützer, der Menschenherrscher
saḥ tu samrāṭ bṛhat-śravāḥ
eben jener Kaiser von großem Ruhm
sākṣāt mahā-bhāgavataḥ rājarṣiḥ haya-medhayāṭ
unmittelbar ein großer Bhāgavata, ein königlicher Weiser, Vollzieher von Pferdeopfern
Das gegenüber [seinen] sündelosen Dienern [den Königen] von einem Knaben unreifen Verstandes begangene Unrecht möge der erhabene, alles durchseelende [Gott] verzeihen.
iti putra-kṛtāghena so 'nutapto mahā-muniḥ |
svayaṁ viprakṛto rājñā naivāghaṁ tad acintayat ||
So [war] jener große Weise, reumütig wegen des vom Sohn begangenen Unrechts, [und] dachte, obwohl er selbst vom König beleidigt worden war, gar nicht an jenes [ihm zugefügte] Unrecht.
prāyaśaḥ sādhavo loke parair dvandveṣu yojitāḥ |
na vyathanti na hṛṣyanti yata ātmā 'guṇāśrayaḥ ||
Meistens werden die Tugendhaften auf der Welt von anderen in Gegensatzpaare [wie Leid und Freude] verwickelt, [doch] sie leiden nicht [und] freuen sich nicht [übermäßig], weil [ihr] Selbst im Eigenschaftslosen gegründet ist.
Wort für Wort
prāyaśaḥ sādhavaḥ loke
meistens die Tugendhaften auf der Welt
paraiḥ dvandveṣu yojitāḥ
von anderen in Gegensatzpaare verwickelt
na vyathanti na hṛṣyanti
sie leiden nicht, sie freuen sich nicht [übermäßig]
yataḥ ātmā aguṇa-āśrayaḥ
weil ihr Selbst im Eigenschaftslosen gegründet ist