Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 175: Baler jīvitārpaṇam Bali Mahārāja opfert sein Leben

śrī-śuka uvāca | evaṃ viprakṛto rājan balir bhagavatāsuraḥ | bhidyamāno 'py abhinnātmā pratyāhāviklavaṃ vacaḥ

Śrī Śuka sprach: So von dem Erhabenen gekränkt, o König, erwiderte der Asura Bali, obgleich er verletzt wurde, mit ungebrochenem Geist unbeirrte Worte.

Wort für Wort
śrī-śukaḥ uvāca
Śrī Śuka sprach
evam
so
viprakṛtaḥ
misshandelt, gekränkt
rājan
o König
baliḥ
Bali
bhagavatā
vom Erhabenen
asuraḥ
der Asura
bhidyamānaḥ api
obwohl er verletzt/erschüttert wurde
abhinna-ātmā
mit ungebrochenem Selbst/Geist
pratyāha
erwiderte
aviklavam vacaḥ
unbeirrte Worte

śrī-baliḥ uvāca | yady uttama-śloka bhavān mama īritaṃ vaco vyalīkaṃ sura-varya manyate | karomy ṛtaṃ tan na bhavet pralambhanaṃ padaṃ tṛtīyaṃ kuru śīrṣṇi me nijam

Śrī Bali sprach: Wenn du, o Bester der Besungenen, mein gesprochenes Wort für Lüge hältst, o Bester der Götter, so mache ich es wahr – das soll kein Betrug sein: Setze den dritten Schritt auf mein eigenes Haupt.

Wort für Wort
śrī-baliḥ uvāca
Śrī Bali sprach
yadi
wenn
uttama-śloka
o Bester der Besungenen (Vishnu)
bhavān
du
mama īritam vacaḥ
mein gesprochenes Wort
vyalīkam
für falsch, unwahr
sura-varya
o Bester der Götter
manyate
hältst du, meinst du
karomi ṛtam
ich mache (es) wahr
tat na bhavet pralambhanam
das soll kein Betrug sein
padam tṛtīyam
den dritten Schritt
kuru
setze, mach
śīrṣṇi me nijam
auf mein eigenes Haupt

bibhemi na ahaṃ nirayāt pada-cyuto na pāśa-bandhād vyasanād duratyayāt | na eva artha-kṛcchrād bhavato vinigrahād asādhu-vādād bhṛśam udvije yathā

Ich fürchte mich nicht vor der Hölle, obwohl ich meines Ranges beraubt bin, nicht vor der Fesselung durch den Strick, nicht vor dem schwer zu überwindenden Unglück, auch nicht vor dem Verlust meines Besitzes oder vor deiner Bezwingung – doch vor übler Nachrede erschrecke ich so sehr.

Wort für Wort
bibhemi na aham
ich fürchte mich nicht
nirayāt
vor der Hölle
pada-cyutaḥ
obwohl vom (meinem) Rang gefallen
na pāśa-bandhāt
nicht vor der Fesselung durch den Strick
vyasanāt duratyayāt
vor dem schwer zu überwindenden Unglück
na eva artha-kṛcchrāt
auch nicht vor der Not um den Besitz
bhavataḥ vinigrahāt
vor deiner Bezwingung
asādhu-vādāt
vor übler Nachrede
bhṛśam udvije yathā
so sehr erschrecke/erzittere ich

puṃsāṃ ślāghya-tamaṃ manye daṇḍam arhat-tama-arpitam | yaṃ na mātā pitā bhrātā suhṛdaś ca ādiśanti hi

Ich halte die von dem Höchstwürdigen auferlegte Strafe für das Rühmlichste unter den Menschen – eine Strafe, die weder Mutter noch Vater noch Bruder noch Freunde verhängen.

Wort für Wort
puṃsām
für Menschen
ślāghya-tamam
das Rühmlichste
manye
ich halte (für)
daṇḍam
die Strafe
arhat-tama-arpitam
die vom Höchstwürdigen auferlegte
yam
welche
na mātā pitā bhrātā
nicht Mutter, Vater, Bruder
suhṛdaḥ ca
und Freunde
ādiśanti hi
fürwahr verhängen, auferlegen

tvaṃ nūnam asurāṇāṃ naḥ parokṣaḥ paramo guruḥ | yo naḥ aneka-mada-andhānāṃ vibhraṃśaṃ cakṣur ādiśat

Du bist gewiss für uns Asuras der verborgene, höchste Lehrer, der du uns, die wir durch vielfachen Rausch verblendet waren, den Sturz zum Auge (der Einsicht) gemacht hast.

Wort für Wort
tvam
du
nūnam
gewiss, fürwahr
asurāṇām naḥ
von uns Asuras
parokṣaḥ
der verborgene, unsichtbare
paramaḥ guruḥ
der höchste Lehrer
yaḥ
der (du)
naḥ aneka-mada-andhānām
uns, die durch vielfachen Rausch Verblendeten
vibhraṃśam
den Sturz
cakṣuḥ ādiśat
hast zum Auge gemacht

cakṣuḥ und vibhraṃśam stehen beide im Akkusativ; Sinn: 'hast (uns) den Sturz als Auge/Einsicht gewiesen'.

yasmin vaira-anubandhena vyūḍhena vibudha-itarāḥ | bahavo lebhire siddhiṃ yām u ha ekānta-yoginaḥ

Durch die fest verankerte Bindung der Feindschaft zu dir haben viele Nicht-Götter jene Vollendung erlangt, welche fürwahr sonst nur die ausschließlich Hingegebenen erlangen.

Wort für Wort
yasmin
in Bezug auf welchen (dich)
vaira-anubandhena
durch die Bindung der Feindschaft
vyūḍhena
die fest verankert/fortgeführt wird
vibudha-itarāḥ
die Nicht-Götter (Dämonen)
bahavaḥ
viele
lebhire siddhim
erlangten die Vollendung
yām u ha
welche fürwahr
ekānta-yoginaḥ
die ausschließlich Hingegebenen (Yogis)

tena ahaṃ nigṛhīto 'smi bhavatā bhūri-karmaṇā | baddhaś ca vāruṇaiḥ pāśair na ati-vrīḍe na ca vyathe

Deshalb bin ich, von dir, dessen Taten unermesslich sind, gebändigt und mit den Stricken Varuṇas gefesselt worden – ich schäme mich nicht übermäßig und leide auch nicht darunter.

Wort für Wort
tena
deshalb
aham nigṛhītaḥ asmi
bin ich gebändigt worden
bhavatā
von dir
bhūri-karmaṇā
dessen Taten unermesslich/vielfältig sind
baddhaḥ ca
und gefesselt
vāruṇaiḥ pāśaiḥ
mit den Stricken Varuṇas
na ati-vrīḍe
ich schäme mich nicht übermäßig
na ca vyathe
und ich leide auch nicht

pitāmaho me bhavadīya-sammataḥ prahrāda āviṣkṛta-sādhu-vādaḥ | bhavad-vipakṣeṇa vicitra-vaiśasaṃ samprāpitas tvaṃ paramaḥ sva-pitrā

Mein Großvater Prahlāda, dir genehm, dessen Ruf als Heiliger offenkundig geworden ist, wurde von seinem eigenen Vater, deinem Widersacher, mannigfaltiger Qual unterworfen, weil du der Höchste bist.

Wort für Wort
pitāmahaḥ me
mein Großvater
bhavadīya-sammataḥ
dir genehm, von dir anerkannt
prahrādaḥ
Prahlāda
āviṣkṛta-sādhu-vādaḥ
dessen Ruf als Heiliger offenbar geworden ist
bhavat-vipakṣeṇa
durch deinen Widersacher
vicitra-vaiśasam
mannigfaltiger Qual
samprāpitaḥ
wurde unterworfen
tvam paramaḥ
(weil) du der Höchste (bist)
sva-pitrā
durch seinen eigenen Vater

kim ātmanā anena jahāti yo 'ntataḥ kiṃ riktha-hāraiḥ sva-jana-ākhya-dasyubhiḥ | kiṃ jāyayā saṃsṛti-hetu-bhūtayā martyasya gehaiḥ kim iha āyuṣo vyayaḥ

Was nützt dieser Leib als „Selbst“, der einen am Ende verlässt? Was nützen die sich Verwandte nennenden Räuber, die das Erbe rauben? Was nützt dem Sterblichen die Ehefrau, die Ursache des Wiedergeburtskreislaufs ist? Was die Häuser – wozu hier die Verschwendung der Lebenszeit?

Wort für Wort
kim ātmanā anena
was (nützt) mit diesem (Leib) als Selbst
jahāti yaḥ antataḥ
der (ihn) am Ende verlässt
kim riktha-hāraiḥ
was (nützen) die Erbschaftsräuber
sva-jana-ākhya-dasyubhiḥ
die sich Verwandte nennenden Räuber
kim jāyayā
was (nützt) die Ehefrau
saṃsṛti-hetu-bhūtayā
die die Ursache des Wiedergeburtskreislaufs ist
martyasya gehaiḥ
für den Sterblichen die Häuser
kim iha āyuṣaḥ vyayaḥ
wozu hier die Verschwendung der Lebenszeit

itthaṃ sa niścitya pitāmaho mahān agādha-bodho bhavataḥ pāda-padmam | dhruvaṃ prapede hy akuto-bhayaṃ janād bhītaḥ sva-pakṣa-kṣapaṇasya sattama

So nahm, nachdem er dies erkannt hatte, der große Großvater von unergründlicher Weisheit gewisslich Zuflucht zu deinem Lotosfuß, der frei von jeder Furcht ist – aus Furcht vor dem Dasein, das die eigene Sippe vernichtet, o Bester.

Wort für Wort
ittham
so
saḥ
er
niścitya
nachdem er (dies) erkannt hatte
pitāmahaḥ mahān
der große Großvater
agādha-bodhaḥ
von unergründlicher Weisheit
bhavataḥ pāda-padmam
zu deinem Lotosfuß
dhruvam prapede
nahm gewisslich Zuflucht
akutaḥ-bhayam
der frei von jeder Furcht ist
janāt bhītaḥ
aus Furcht vor dem Dasein/den Wesen [?]
sva-pakṣa-kṣapaṇasya
das die eigene Sippe vernichtet [?]
sattama
o Bester (der Reinen)

Konstruktion von 'janād ... svapakṣakṣapaṇasya' im Original unsicher (Kasus-Inkongruenz janāt Abl. / kṣapaṇasya Gen.); Sinn sinngemäß erschlossen: Furcht vor dem (Kreislauf des) Geborenwerdens, der die eigene Sippe vernichtet.

atha aham api ātma-ripos tava antikaṃ daivena nītaḥ prasabhaṃ tyājita-śrīḥ | idaṃ kṛta-anta-antika-varti jīvitaṃ yayā adhruvaṃ stabdha-matir na budhyate

Nun bin auch ich, gewaltsam durch das Schicksal in deine Nähe geführt worden, du Feind des (falschen) Ich, und meines Glanzes beraubt worden. Dieses dem Tode nahe, unbeständige Leben erkennt, wer starren Geistes ist, nicht als solches.

Wort für Wort
atha aham api
nun auch ich
ātma-ripoḥ tava antikam
in deine Nähe, (dich,) den Feind des (falschen) Ich
daivena nītaḥ
durch das Schicksal geführt
prasabham
gewaltsam
tyājita-śrīḥ
meines Glanzes beraubt
idam kṛta-anta-antika-varti jīvitam
dieses dem Tode nahe Leben
yayā adhruvam
welches unbeständig ist
stabdha-matiḥ
wer starren Geistes ist
na budhyate
erkennt nicht

'yayā' grammatisch unklar bezogen; sinngemäß auf 'jīvitam' (unbeständig) bezogen übersetzt.

śrī-śuka uvāca | tasya itthaṃ bhāṣamāṇasya prahrādo bhagavat-priyaḥ | ājagāma kuru-śreṣṭha rākā-patir iva utthitaḥ

Śrī Śuka sprach: Während dieser so sprach, kam Prahlāda, der dem Erhabenen Teure, herbei, o Bester der Kurus, wie der aufgehende Vollmond.

Wort für Wort
śrī-śukaḥ uvāca
Śrī Śuka sprach
tasya ittham bhāṣamāṇasya
während dieser so sprach
prahrādaḥ
Prahlāda
bhagavat-priyaḥ
der dem Erhabenen Teure
ājagāma
kam herbei
kuru-śreṣṭha
o Bester der Kurus
rākā-patiḥ iva utthitaḥ
wie der aufgehende Vollmond

tam indrasenaḥ sva-pitāmahaṃ śriyā virājamānaṃ nalina-āyata-īkṣaṇam | prāṃśuṃ piśaṅga-ambaram añjana-tviṣaṃ pralamba-bāhuṃ śubhaga-ṛṣabham aikṣata

Ihn, seinen eigenen Großvater, erblickte Indrasena (Bali) – erstrahlend von Glanz, mit lotosgleich gestreckten Augen, hochgewachsen, in rötlich-gelbem Gewand, von der Farbe der Augenschminke, mit langen herabhängenden Armen, den Stier unter den Glückhaften.

Wort für Wort
tam
ihn
indrasenaḥ
Indrasena (Bali)
sva-pitāmaham
seinen eigenen Großvater
śriyā virājamānam
der durch Glanz erstrahlte
nalina-āyata-īkṣaṇam
dessen Augen lotosgleich gestreckt waren
prāṃśum
hochgewachsen
piśaṅga-ambaram
mit rötlich-gelbem Gewand
añjana-tviṣam
von der Farbe der Augenschminke
pralamba-bāhum
mit langen herabhängenden Armen
śubhaga-ṛṣabham
den Stier (Besten) unter den Glückhaften
aikṣata
erblickte

tasmai balir vāruṇa-pāśa-yantritaḥ samarhaṇaṃ na upajahāra pūrva-vat | nanāma mūrdhnā aśru-vilola-locanaḥ sa-vrīḍa-nīcīna-mukho babhūva ha

Ihm konnte Bali, durch die Stricke Varuṇas gefesselt, nicht wie zuvor die gebührende Ehrerbietung darbringen; er verneigte sich mit dem Haupt, seine Augen von Tränen überflutet, und sein Gesicht wurde fürwahr vor Scham gesenkt.

Wort für Wort
tasmai
ihm
baliḥ
Bali
vāruṇa-pāśa-yantritaḥ
durch die Stricke Varuṇas gefesselt
samarhaṇam
die gebührende Ehrerbietung
na upajahāra pūrva-vat
brachte nicht wie zuvor dar
nanāma mūrdhnā
verneigte sich mit dem Haupt
aśru-vilola-locanaḥ
dessen Augen von Tränen überflutet waren
sa-vrīḍa-nīcīna-mukhaḥ
mit vor Scham gesenktem Gesicht
babhūva ha
wurde fürwahr

sa tatra ha āsīnam udīkṣya sat-patiṃ hariṃ sunanda-ādi-anugair upāsitam | upetya bhūmau śirasā mahā-manā nanāma mūrdhnā pulaka-aśru-viklavaḥ

Er, als er dort Hari, den Herrn der Guten, sitzend erblickte, umgeben von Dienern wie Sunanda, trat heran und verneigte sich, der Großgesinnte, mit dem Haupt zur Erde, überwältigt von Freudenschauer und Tränen.

Wort für Wort
saḥ tatra ha āsīnam
er, den dort sitzenden
udīkṣya
erblickend
sat-patim harim
Hari, den Herrn der Guten
sunanda-ādi-anugaiḥ upāsitam
von Dienern wie Sunanda umgeben
upetya bhūmau
herantretend, auf die Erde
śirasā mahā-manāḥ
mit dem Haupt, der Großgesinnte
nanāma mūrdhnā
verneigte sich mit dem Haupt
pulaka-aśru-viklavaḥ
überwältigt von Freudenschauer und Tränen

śrī-prahrādaḥ uvāca | tvayā eva dattaṃ padam aindram ūrjitaṃ hṛtaṃ tad eva adya tathā eva śobhanam | manye mahān asya kṛto hy anugraho vibhraṃśito yac chriya ātma-mohanāt

Śrī Prahlāda sprach: Von dir allein wurde der mächtige Rang Indras gegeben, und eben dieser wird heute genommen – ebenso wohlgetan. Ich halte dies für eine große Gunst, die diesem erwiesen wurde, dass er von jenem das Selbst verblendenden Reichtum gestürzt wurde.

Wort für Wort
śrī-prahrādaḥ uvāca
Śrī Prahlāda sprach
tvayā eva dattam
von dir allein gegeben
padam aindram ūrjitam
der mächtige Rang Indras
hṛtam tat eva adya
eben dieser wird heute genommen
tathā eva śobhanam
ebenso wohlgetan, gut
manye
ich halte (für)
mahān anugrahaḥ
eine große Gunst
kṛtaḥ hi asya
die fürwahr diesem erwiesen wurde
vibhraṃśitaḥ
er wurde gestürzt
yat śriyaḥ ātma-mohanāt
von jenem das Selbst verblendenden Reichtum

yayā hi vidvān api muhyate yatas tat ko vicaṣṭe gatim ātmano yathā | tasmai namas te jagad-īśvarāya vai nārāyaṇāya akhila-loka-sākṣiṇe

Durch die Māyā, welche fürwahr selbst den Gelehrten verblendet – wer erkennt da den rechten Weg des Selbst, wie er wirklich ist? Dir sei Verehrung, dem Herrn der Welt, fürwahr Nārāyaṇa, dem Zeugen aller Welten.

Wort für Wort
yayā hi
durch welche (Māyā) fürwahr
vidvān api muhyate
selbst der Wissende wird verblendet
yataḥ tat
wovon aus, das
kaḥ vicaṣṭe
wer erkennt
gatim ātmanaḥ yathā
den wahren Gang des Selbst, wie er ist
tasmai namaḥ te
dir sei Verehrung
jagat-īśvarāya
dem Herrn der Welt
vai nārāyaṇāya
fürwahr Nārāyaṇa
akhila-loka-sākṣiṇe
dem Zeugen aller Welten

śrī-śuka uvāca | tasya anuśṛṇvato rājan prahrādasya kṛta-añjaleḥ | hiraṇyagarbho bhagavān uvāca madhusūdanam

Śrī Śuka sprach: Während Prahlāda, mit gefalteten Händen, so zuhörte, o König, sprach der erhabene Hiraṇyagarbha (Brahmā) zu Madhusūdana.

Wort für Wort
śrī-śukaḥ uvāca
Śrī Śuka sprach
tasya anuśṛṇvataḥ
während dieser zuhörte
rājan
o König
prahrādasya kṛta-añjaleḥ
Prahlāda, der die Hände gefaltet hatte
hiraṇyagarbhaḥ bhagavān
der erhabene Hiraṇyagarbha (Brahmā)
uvāca
sprach
madhusūdanam
zu Madhusūdana

baddhaṃ vīkṣya patiṃ sādhvī tat-patnī bhaya-vihvalā | prāñjaliḥ praṇata upendraṃ babhāṣe 'vāṅmukhī nṛpa

Als sie ihren Gatten gefesselt erblickte, sprach dessen tugendhafte Gattin, von Furcht überwältigt, mit gefalteten Händen, sich vor Upendra verneigend, mit gesenktem Gesicht, o König.

Wort für Wort
baddham vīkṣya
gefesselt erblickend
patim
den Gatten
sādhvī tat-patnī
dessen tugendhafte Gattin
bhaya-vihvalā
von Furcht überwältigt
prāñjaliḥ
mit gefalteten Händen
praṇatā upendram
sich vor Upendra verneigend
babhāṣe
sprach
avāṅ-mukhī
mit gesenktem Gesicht
nṛpa
o König

śrī-vindhyāvaliḥ uvāca | krīḍā-artham ātmana idaṃ tri-jagat kṛtaṃ te svāmyaṃ tu tatra kudhiyo 'para īśa kuryuḥ | kartuḥ prabhos tava kim asyata āvahanti tyakta-hriyas tvad-avaropita-kartṛ-vādāḥ

Śrī Vindhyāvali sprach: Zum Zwecke des Spieles wurden von dir, dem Selbst, diese drei Welten erschaffen; die Herrschaft darüber aber mögen andere von schlechtem Verstand beanspruchen, o Herr. Was bringt dies dir, dem Schöpfer und Herrn, an Schaden – jenen, die, die Scham abgelegt, den ihnen nur von dir verliehenen Anspruch der Urheberschaft geltend machen?

Wort für Wort
śrī-vindhyāvaliḥ uvāca
Śrī Vindhyāvali sprach
krīḍā-artham
zum Zweck des Spiels
ātmanaḥ idam tri-jagat kṛtam
von dir (deinem Selbst) diese drei Welten erschaffen
te svāmyam tu
deine Herrschaft aber
tatra kudhiyaḥ apare
darüber andere von schlechtem Verstand
īśa
o Herr
kuryuḥ
mögen beanspruchen
kartuḥ prabhoḥ tava
für dich, den Schöpfer und Herrn
kim asyataḥ āvahanti
was bringt dies (an Schaden) herbei
tyakta-hriyaḥ
die die Scham abgelegt haben
tvat-avaropita-kartṛ-vādāḥ
deren Anspruch der Urheberschaft (nur) von dir verliehen ist

Arya-artige, philosophisch verdichtete Verszeile; Konstruktion sinngemäß aufgelöst.

śrī-brahmā uvāca | bhūta-bhāvana bhūta-īśa deva-deva jagan-maya | muñca enaṃ hṛta-sarvasvaṃ na ayam arhati nigraham

Śrī Brahmā sprach: O Erzeuger der Wesen, o Herr der Wesen, o Gott der Götter, o der du das Weltall durchdringst – lass diesen frei, dessen ganzer Besitz genommen ist; er verdient keine weitere Bestrafung.

Wort für Wort
śrī-brahmā uvāca
Śrī Brahmā sprach
bhūta-bhāvana
o Erzeuger der Wesen
bhūta-īśa
o Herr der Wesen
deva-deva
o Gott der Götter
jagat-maya
o der du das Weltall durchdringst
muñca enam
lass diesen frei
hṛta-sarvasvam
dessen ganzer Besitz genommen ist
na ayam arhati nigraham
er verdient keine weitere Bestrafung

kṛtsnā te 'nena dattā bhūr lokāḥ karma-arjitāś ca ye | niveditaṃ ca sarvasvam ātmā aviklavayā dhiyā

Die ganze Erde wurde dir von diesem gegeben, auch die Welten, die durch seine Werke erworben waren, und mit unbeirrtem Sinn wurde dir sein ganzer Besitz, ja sein eigenes Selbst, dargebracht.

Wort für Wort
kṛtsnā bhūḥ
die ganze Erde
te anena dattā
dir von diesem gegeben
lokāḥ karma-arjitāḥ ca ye
und die Welten, welche durch seine Werke erworben wurden
niveditam ca
und dargebracht
sarvasvam ātmā
sein ganzer Besitz, sein eigenes Selbst
aviklavayā dhiyā
mit unbeirrtem Sinn

yat-pādayor aśaṭha-dhīḥ salilaṃ pradāya | dūrvā-aṅkurair api vidhāya satīṃ saparyām | apy uttamāṃ gatim asau bhajate tri-lokīṃ | dāśvān aviklava-manāḥ katham ārtim ṛcchet

Wer zu deinen beiden Füßen mit aufrichtigem Sinn Wasser darbringt und mit Dūrvā-Grasspitzen die wahrhafte Verehrung vollzieht, der erlangt sogar das höchste Ziel – was wäre da erst die Herrschaft über die drei Welten! Wie sollte ein solcher Geber, von unerschüttertem Sinn, Leid erfahren?

Wort für Wort
yat-pādayoḥ
zu wessen (deinen) beiden Füßen
aśaṭha-dhīḥ
von aufrichtigem Sinn
salilam pradāya
Wasser darbringend
dūrvā-aṅkuraiḥ api vidhāya
auch mit Dūrvā-Grasspitzen vollziehend
satīm saparyām
die wahrhafte Verehrung
api uttamām gatim
sogar das höchste Ziel
asau bhajate
dieser erlangt
tri-lokīm
geschweige denn die drei Welten
dāśvān
der Geber, Opfernde
aviklava-manāḥ
von unerschüttertem Sinn
katham ārtim ṛcchet
wie sollte er Leid erfahren

śrī-bhagavān uvāca | brahman yam anugṛhṇāmi tad-viśo vidhunomy aham | yan-madaḥ puruṣaḥ stabdho lokaṃ māṃ ca avamanyate

Śrī Bhagavān sprach: O Brahmā, wen ich begünstige, dessen Besitz entziehe ich; durch dessen Rausch der Mensch hochmütig wird und die Welt und mich missachtet.

Wort für Wort
śrī-bhagavān uvāca
Śrī Bhagavān sprach
brahman
o Brahmā
yam anugṛhṇāmi
wen ich begünstige
tat-viśaḥ vidhunomi aham
dessen Besitz entziehe ich
yat-madaḥ puruṣaḥ stabdhaḥ
durch dessen Rausch der Mensch hochmütig wird
lokam mām ca avamanyate
die Welt und mich missachtet

yadā kadācij jīva-ātmā saṃsaran nija-karmabhiḥ | nānā-yoniṣv anīśo 'yaṃ pauruṣīṃ gatim āvrajet

Wann auch immer diese machtlose individuelle Seele, im Daseinskreislauf durch eigene Werke durch verschiedene Geburtsformen wandernd, den menschlichen Zustand erreicht –

Wort für Wort
yadā kadācit
wann auch immer
jīva-ātmā
die individuelle Seele
saṃsaran
im Daseinskreislauf wandernd
nija-karmabhiḥ
durch eigene Werke
nānā-yoniṣu
in verschiedenen Geburtsformen
anīśaḥ ayam
diese machtlose (Seele)
pauruṣīm gatim āvrajet
den menschlichen Zustand erreichen möge

janma-karma-vayo-rūpa vidyā-aiśvarya-dhana-ādibhiḥ | yady asya na bhavet stambhas tatra ayaṃ mad-anugrahaḥ

– wenn diesem durch Geburt, Werk, Alter, Gestalt, Wissen, Herrschaft, Reichtum und dergleichen kein Hochmut entstünde, dann eben darin besteht meine Gnade.

Wort für Wort
janma-karma-vayaḥ-rūpa
durch Geburt, Werk, Alter, Gestalt
vidyā-aiśvarya-dhana-ādibhiḥ
durch Wissen, Herrschaft, Reichtum und dergleichen
yadi asya na bhavet stambhaḥ
wenn diesem kein Hochmut entstünde
tatra ayam mat-anugrahaḥ
darin eben besteht meine Gnade

Vers 25–26 bilden einen zusammenhängenden Satz.

māna-stambha-nimittānāṃ janma-ādīnāṃ samantataḥ | sarva-śreyaḥ-pratīpānāṃ hanta muhyen na mat-paraḥ

Durch die Dinge wie Geburt usw., die Ursache von Stolz und Starrsinn sind und allem Heil gänzlich entgegenstehen – ach, der mir Ergebene wird dadurch nicht verblendet.

Wort für Wort
māna-stambha-nimittānām
die die Ursache von Stolz und Starrsinn sind
janma-ādīnām
von den Dingen wie Geburt usw.
samantataḥ
gänzlich, von allen Seiten
sarva-śreyaḥ-pratīpānām
die allem Heil entgegenstehen
hanta
ach, fürwahr
muhyet na mat-paraḥ
der mir Ergebene wird nicht verblendet

eṣa dānava-daityānām agra-nīḥ kīrti-vardhanaḥ | ajaiṣīd ajayāṃ māyāṃ sīdann api na muhyati

Dieser, der Anführer der Dānavas und Daityas, dessen Ruhm mehrend, hat die unbesiegbare Māyā besiegt; obwohl er leidet, wird er nicht verblendet.

Wort für Wort
eṣaḥ
dieser
dānava-daityānām agra-nīḥ
der Anführer der Dānavas und Daityas
kīrti-vardhanaḥ
dessen Ruhm mehrend
ajaiṣīt
er besiegte
ajayām māyām
die unbesiegbare Māyā
sīdan api
obwohl er leidet
na muhyati
wird nicht verblendet

kṣīṇa-rikthaś cyutaḥ sthānāt kṣipto baddhaś ca śatrubhiḥ | jñātibhiś ca parityakto yātanām anuyāpitaḥ

Seines Besitzes beraubt, von seinem Rang gefallen, verstoßen und von Feinden gefesselt, von Verwandten verlassen und der Qual unterworfen –

Wort für Wort
kṣīṇa-rikthaḥ
seines Besitzes beraubt
cyutaḥ sthānāt
von seinem Rang gefallen
kṣiptaḥ
verstoßen, geschmäht
baddhaḥ ca śatrubhiḥ
und von Feinden gefesselt
jñātibhiḥ ca parityaktaḥ
und von Verwandten verlassen
yātanām anuyāpitaḥ
der Qual unterworfen

guruṇā bhartsitaḥ śapto jahau na satyaṃ suvrataḥ | chalair uktaḥ mayā dharmo na ayaṃ tyajati satya-vāk

– vom Lehrer gescholten und verflucht, verließ der Tugendhafte dennoch die Wahrhaftigkeit nicht; obwohl von mir mit List angesprochen, lässt dieser Wahrhaftige die Pflicht nicht fahren.

Wort für Wort
guruṇā bhartsitaḥ
vom Lehrer gescholten
śaptaḥ
verflucht
jahau na satyam
verließ die Wahrhaftigkeit nicht
suvrataḥ
der Tugendhafte, an das Gelübde Gebundene
chalaiḥ uktaḥ mayā
obwohl von mir mit List angesprochen
dharmam na ayam tyajati
lässt dieser die Pflicht nicht fahren
satya-vāk
dessen Wort wahrhaftig ist

Vers 29–30 bilden einen zusammenhängenden Satz (Aufzählung von Balis Leiden, dennoch Standhaftigkeit).

eṣa me prāpitaḥ sthānaṃ duṣprāpam amarair api | sāvarṇer antarasya ayaṃ bhavitā indro mad-āśrayaḥ

Diesen habe ich zu einem Rang geführt, der selbst für die Unsterblichen schwer erreichbar ist; dieser wird, unter meinem Schutz, der Indra des Sāvarṇi-Manvantara sein.

Wort für Wort
eṣaḥ me prāpitaḥ sthānam
diesen habe ich zu einem Rang geführt
duṣprāpam amaraiḥ api
der selbst für die Unsterblichen schwer erreichbar ist
sāvarṇeḥ antarasya
des Sāvarṇi-Manvantara
ayam bhavitā indraḥ
dieser wird Indra sein
mat-āśrayaḥ
unter meinem Schutz

tāvat sutalam adhyāstāṃ viśvakarma-vinirmitam | yad ādhayo vyādhayaś ca klamas tandrā parābhavaḥ | na upasargā nivasatāṃ sambhavanti mama īkṣayā

Unterdessen möge er Sutala bewohnen, das von Viśvakarman erbaute Reich, wo für die Bewohner durch meine Aufsicht weder seelische noch körperliche Leiden, weder Erschöpfung noch Mattigkeit, weder Niederlage noch sonstige Übel entstehen.

Wort für Wort
tāvat
unterdessen
sutalam adhyāstām
möge er Sutala bewohnen
viśvakarma-vinirmitam
das von Viśvakarman erbaute Reich
yat ādhayaḥ vyādhayaḥ ca
wo seelische und körperliche Leiden
klamaḥ tandrā parābhavaḥ
Erschöpfung, Mattigkeit, Niederlage
na upasargāḥ
keine sonstigen Übel
nivasatām
für die Bewohner
sambhavanti
entstehen
mama īkṣayā
durch meine Aufsicht, meinen Blick

indrasena mahārāja yāhi bho bhadram astu te | sutalaṃ svargibhiḥ prārthyaṃ jñātibhiḥ parivāritaḥ

O Indrasena, Großkönig, geh – Heil sei dir! – nach Sutala, das selbst von den Himmelsbewohnern erwünscht wird, umgeben von deinen Verwandten.

Wort für Wort
indrasena mahārāja
o Indrasena, Großkönig
yāhi bhoḥ
geh, wohlan
bhadram astu te
Heil sei dir
sutalam
nach Sutala
svargibhiḥ prārthyam
das von den Himmelsbewohnern erwünscht wird
jñātibhiḥ parivāritaḥ
umgeben von deinen Verwandten

na tvām abhibhaviṣyanti loka-īśāḥ kim uta apare | tvac-chāsana-atigān daityāṃś cakraṃ me sūdayiṣyati

Nicht einmal die Weltenherren werden dich bezwingen können, wieviel weniger andere; die Daityas, die deinem Gebot zuwiderhandeln, wird meine Scheibe vernichten.

Wort für Wort
na tvām abhibhaviṣyanti
sie werden dich nicht bezwingen
loka-īśāḥ
die Weltenherren
kim uta apare
wieviel weniger andere
tvat-śāsana-atigān daityān
die Daityas, die deinem Gebot zuwiderhandeln
cakram me sūdayiṣyati
meine Scheibe wird (sie) vernichten

rakṣiṣye sarvato 'haṃ tvāṃ sa-anugaṃ sa-paricchadam | sadā sannihitaṃ vīra tatra māṃ drakṣyate bhavān

Ich werde dich, samt deinem Gefolge und deinem Besitz, von allen Seiten beschützen; stets gegenwärtig, o Held, wirst du mich dort sehen.

Wort für Wort
rakṣiṣye sarvataḥ aham tvām
ich werde dich von allen Seiten beschützen
sa-anugam
samt deinem Gefolge
sa-paricchadam
samt deinem Besitz, Hausrat
sadā sannihitam
stets gegenwärtig
vīra
o Held
tatra mām drakṣyate bhavān
dort wirst du mich sehen

tatra dānava-daityānāṃ saṅgāt te bhāva āsuraḥ | dṛṣṭvā mad-anubhāvaṃ vai sadyaḥ kuṇṭho vinaṅkṣyati

Dort wird deine dämonische Gesinnung, die durch den Umgang mit den Dānavas und Daityas entstanden ist, sobald du meine Macht gesehen hast, sogleich geschwächt schwinden.

Wort für Wort
tatra
dort
dānava-daityānām saṅgāt
durch den Umgang mit den Dānavas und Daityas
te bhāvaḥ āsuraḥ
deine dämonische Gesinnung
dṛṣṭvā mat-anubhāvam
nachdem du meine Macht gesehen hast
vai sadyaḥ
fürwahr sogleich
kuṇṭhaḥ vinaṅkṣyati
geschwächt wird sie schwinden

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