Kapitel 2: sūtoktabhāgavatadharmavarṇanam
Die von Sūta dargelegte Bhāgavata-Dharma-Lehre
Skandha 1, Adhyāya 2. Quelle wie Kap.1 (GRETIL bhp_01u.htm, abschnittsweise per WebFetch abgerufen). Enthält mehrere der berühmtesten Lehrverse des gesamten Werks: die Definition des wahren Dharma als grundlose Bhakti (V.6), die Muṇḍaka-Upaniṣad-Parallele vom Herzensknoten (V.21), und den anaphorischen Vāsudeva-Hymnus (V.28-29).
Sūta sprach: Vor dem, den, als er fortzog - ohne die Initiation empfangen, ohne noch rituelle Pflichten erfüllt zu haben -, Dvaipāyana, von der Trennung geängstigt, 'Sohn!' rufend anrief, und dem aus Einssein mit ihm die Bäume statt seiner Widerhall gaben - vor diesem Weisen, dem Herz aller Wesen, verneige ich mich. [Anm.]
Wort für Wort
yaṃ pravrajantam anupetam
den, als er fortzog, ohne die Initiation empfangen
apetakṛtyaṃ dvaipāyano
ohne rituelle Pflichten erfüllt, Dvaipāyana
virahakātara ājuhāva
von der Trennung geängstigt, rief an
putreti tanmayatayā taravo 'bhinedus
'Sohn!', worauf aus Einssein mit ihm die Bäume Widerhall gaben
taṃ sarvabhūtahṛdayaṃ munim ānato 'smi
vor diesem Weisen, dem Herz aller Wesen, verneige ich mich
[Anm.] Anspielung auf die berühmte Legende von Śukas Weggang: der junge Śuka, Vyāsas Sohn, zog ohne die vorgeschriebene Initiation und ohne Erfüllung ritueller Pflichten unmittelbar in die Weltentsagung; als der verzweifelte Vater 'Sohn!' rief, antworteten aus Mitgefühl die Bäume des Waldes an seiner Stelle.
Bei jenem Sohn des Vyāsa, dem Lehrer der Weisen, suche ich Zuflucht - bei ihm, der aus eigener Erfahrung das geheime Wissen des Purāṇa verkündete, aus Mitgefühl mit denen, die im Daseinskreislauf durch die blinde Finsternis hindurchzukommen wünschen - er, der die einzige Lampe der Selbst-Erkenntnis, den Kerngehalt der gesamten Schrift, darlegte.
Wort für Wort
yaḥ svānubhāvam akhilaśrutisāram
der aus eigener Erfahrung den Kerngehalt der gesamten Schrift
ekam adhyātmadīpam atititīrṣatāṃ tamo 'ndham
die einzige Lampe der Selbst-Erkenntnis, für die durch blinde Finsternis Hindurchzukommen-Wollenden
saṃsāriṇāṃ karuṇayāha purāṇaguhyaṃ
aus Mitgefühl mit denen im Daseinskreislauf das geheime Wissen des Purāṇa verkündete
taṃ vyāsasūnum upayāmi guruṃ munīnām
bei jenem Sohn des Vyāsa, dem Lehrer der Weisen, suche ich Zuflucht
Nachdem man sich vor Nārāyaṇa und auch vor Nara, dem Besten der Menschen, vor der Göttin Sarasvatī und vor Vyāsa verneigt hat, möge man dann den 'Jaya' vortragen. [Anm.]
Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat
naraṃ caiva narottamam
und auch vor Nara, dem Besten der Menschen
devīṃ sarasvatīṃ vyāsaṃ
vor der Göttin Sarasvatī, vor Vyāsa
tato jayam udīrayet
möge man dann den 'Jaya' vortragen
[Anm.] Klassische Invokationsformel, die (in leicht abgewandelter Form) auch am Anfang des Mahābhārata steht; 'Jaya' ('Sieg') ist ein alter Name für das große Epos bzw. hier für die folgende Erzählung.
O Weise, trefflich bin ich von euch gefragt worden, zum Heil der Welt, da die Frage über Kṛṣṇa gestellt wurde, wodurch die Seele wahrhaft zufrieden wird.
sa vai puṃsāṃ paro dharmo yato bhaktiradhokṣaje / ahaitukyapratihatā yayātmā suprasīdati //
Das eben ist der höchste Dharma für die Menschen, wodurch Hingabe zum Transzendenten entsteht - grundlos und ungehindert -, wodurch die Seele wahrhaft zufrieden wird. [Anm.]
Wort für Wort
sa vai puṃsāṃ paro dharmo
das eben ist der höchste Dharma für die Menschen
yato bhaktiradhokṣaje
wodurch Hingabe zum Transzendenten entsteht
ahaitukyapratihatā
grundlos und ungehindert
yayātmā suprasīdati
wodurch die Seele wahrhaft zufrieden wird
[Anm.] Einer der berühmtesten und meistzitierten Verse der gesamten Vaiṣṇava-Theologie: die Definition des wahren Dharma als grundlose, ungehinderte Hingabe (Bhakti) zum Transzendenten (Adhokṣaja, Beiname Viṣṇus).
Denn des zur Erlösung führenden Dharma Zweck dient nicht dem Erwerb von Gewinn; und des Gewinns, der doch allein dem Dharma dienen soll, wird das Sinnenverlangen ja nicht als rechtes Ziel überliefert.
Wort für Wort
dharmasya hyāpavargyasya
denn des zur Erlösung führenden Dharma
nārtho 'rthāyopakalpate
Zweck dient nicht dem Erwerb von Gewinn
nārthasya dharmaikāntasya
und des Gewinns, der allein dem Dharma dienen soll
Des Sinnenverlangens rechtes Ziel ist nicht die Sinnenfreude, sondern nur so viel, wie man zum Leben braucht; ebenso ist der Seele rechtes Ziel das Verlangen nach Erkenntnis der Wahrheit, nicht aber das, was hier durch bloße rituelle Werke erlangt wird.
Wort für Wort
kāmasya nendriyaprītir
des Verlangens Ziel ist nicht die Sinnenfreude
lābho jīveta yāvatā
der Gewinn, nur so viel wie man zum Leben braucht
jīvasya tattvajijñāsā
der Seele das Verlangen nach Erkenntnis der Wahrheit
nārtho yaśceha karmabhiḥ
nicht das Ziel, das hier durch Werke [erlangt wird]
Jene Wahrheit, die die nicht-duale Erkenntnis selbst ist, nennen die Kenner der Wahrheit; sie wird als 'Brahman', als 'höchstes Selbst', als 'der Erhabene' bezeichnet.
Daran gläubig vertrauend, schauen die Weisen im Selbst das Selbst, durch die mit Erkenntnis und Leidenschaftslosigkeit verbundene Hingabe, die durch das heilige Gehörte erfasst wurde.
Wort für Wort
tac chraddadhānā munayo
daran gläubig vertrauend, die Weisen
jñānavairāgyayuktayā
durch die mit Erkenntnis und Leidenschaftslosigkeit verbundene
paśyantyātmani cātmānaṃ
schauen im Selbst das Selbst
bhaktyā śrutagṛhītayā
durch die Hingabe, die durch das Gehörte erfasst wurde
Deshalb, o ihr Besten der Zweifachgeborenen, ist die Vollendung des von den Menschen gemäß der Einteilung nach Stand und Lebensstufe wohl ausgeübten Dharma das Erfreuen Haris.
Wort für Wort
ataḥ pumbhirdvijaśreṣṭhā
deshalb, von den Menschen, o Beste der Zweifachgeborenen
yadanudhyāsinā yuktāḥ karmagranthinibandhanam / chindanti kovidāstasya ko na kuryāt kathāratim //
Durch dessen beständiges Bedenken durchtrennen die damit verbundenen Kundigen die Fessel des Karma-Knotens - wer würde nicht Freude an seiner Erzählung haben?
Für den, der zu hören begehrt und gläubig vertraut, o Brahmanen, entstehe die Vorliebe für die Erzählung von Vāsudeva durch den Dienst an den Heiligen und durch das wiederholte Verweilen an heiligen Pilgerstätten.
Wort für Wort
śuśrūṣoḥ śraddadhānasya
für den, der zu hören begehrt und gläubig vertraut
vāsudevakathāruciḥ
die Vorliebe für die Erzählung von Vāsudeva
syān mahatsevayā viprāḥ
entstehe durch den Dienst an den Heiligen, o Brahmanen
Für die, die seine Erzählungen anhören - dessen Hören und Besingen verdienstvoll ist -, entfernt Kṛṣṇa, im Innern des Herzens weilend, ja die Übel, er, der Freund der Guten.
Wenn durch beständigen Dienst am Bhāgavata die Übel fast gänzlich vernichtet sind, entsteht standhafte Hingabe zum erhabenen, in vortrefflichen Versen besungenen Herrn.
Wort für Wort
naṣṭaprāyeṣvabhadreṣu
wenn die Übel fast gänzlich vernichtet sind
nityaṃ bhāgavatasevayā
durch beständigen Dienst am Bhāgavata
bhagavatyuttamaśloke
zum erhabenen, in vortrefflichen Versen besungenen Herrn
So entsteht für den, dessen Geist durch die Hingabe-Praxis an den Erhabenen heiter geworden ist, und der von aller Anhaftung befreit ist, die wahre Erkenntnis der Wesenheit des Erhabenen.
Der Herzensknoten wird gesprengt, alle Zweifel werden durchtrennt, und dessen karmische Wirkungen schwinden, sobald man das Selbst als den Herrn erblickt hat. [Anm.]
Sattva, Rajas, Tamas genannt sind die Erscheinungsweisen der Urnatur; mit diesen versehen nimmt der eine höchste Puruṣa hier für dieses Universum, zum Zwecke von Erhaltung usw., die Bezeichnungen Hari, Virañci und Hara an - die Heilsgüter dabei mögen den Menschen wahrlich von dem zuteilwerden, der die Sattva-Gestalt hat.
Wort für Wort
sattvaṃ rajastama iti prakṛterguṇāstair yuktaḥ
Sattva, Rajas, Tamas, die Erscheinungsweisen der Urnatur, mit diesen versehen
paramapuruṣa eka ihāsya dhatte
nimmt der eine höchste Puruṣa hier für dieses Universum an
sthityādaye hariviriñcihareti saṃjñāḥ
zum Zwecke von Erhaltung usw. die Bezeichnungen Hari, Virañci, Hara
śreyāṃsi tatra khalu sattvatanornṛṇāṃ syuḥ
die Heilsgüter dabei mögen den Menschen von dem mit Sattva-Gestalt zuteilwerden
Aus dem Erdigen entsteht der Rauch, daraus das aus dem dreifachen Veda-Wissen bestehende Feuer; aus dem Tamas aber entsteht das Rajas, daraus das Sattva, welches die Schau des Brahman ermöglicht.
Wort für Wort
pārthivāddāruṇo dhūmas
aus dem Erdigen der Rauch
tasmādagnistrayīmayaḥ
daraus das aus dem dreifachen Veda-Wissen bestehende Feuer
tamasastu rajastasmāt
aus dem Tamas aber das Rajas, daraus
sattvaṃ yadbrahmadarśanam
das Sattva, welches die Schau des Brahman ermöglicht
Die nach Erlösung Verlangenden, die neidlosen, verehren, nachdem sie die schrecklichen Gestalten, die Herren der niederen Wesen, verlassen haben, ja die friedvollen Teilerscheinungen Nārāyaṇas.
Wort für Wort
mumukṣavo ghorarūpān
die nach Erlösung Verlangenden, die schrecklichen Gestalten
rajastamaḥprakṛtayaḥ samaśīlā bhajanti vai / pitṛbhūtaprajeśādīn śriyaiśvaryaprajepsavaḥ //
Die von rajasischer und tamasischer Wesensart, von gleichartigem Wesen wie jene, verehren wahrlich die Ahnen, niederen Wesen, Herren der Geschöpfe und dergleichen, sie, die nach Wohlstand, Herrschaft und Nachkommenschaft verlangen.
Wort für Wort
rajastamaḥprakṛtayaḥ
die von rajasischer und tamasischer Wesensart
samaśīlā bhajanti vai
von gleichartigem Wesen verehren wahrlich
pitṛbhūtaprajeśādīn
die Ahnen, niederen Wesen, Herren der Geschöpfe usw.
śriyaiśvaryaprajepsavaḥ
die nach Wohlstand, Herrschaft, Nachkommenschaft Verlangenden
Auf Vāsudeva hingerichtet sind die Veden, auf Vāsudeva hingerichtet die Opfer, auf Vāsudeva hingerichtet die Yoga-Praktiken, auf Vāsudeva hingerichtet die rituellen Handlungen. [Anm.]
Wort für Wort
vāsudevaparā vedā
auf Vāsudeva hingerichtet die Veden
vāsudevaparā makhāḥ
auf Vāsudeva hingerichtet die Opfer
vāsudevaparā yogā
auf Vāsudeva hingerichtet die Yoga-Praktiken
vāsudevaparāḥ kriyāḥ
auf Vāsudeva hingerichtet die Handlungen
[Anm.] Beginn eines berühmten anaphorischen Hymnus (V.28-29), der Vāsudeva als das letzte Ziel jeder religiösen und philosophischen Bestrebung feiert.
Auf Vāsudeva hingerichtet ist die Erkenntnis, auf Vāsudeva hingerichtet die Askese, auf Vāsudeva hingerichtet der Dharma, auf Vāsudeva hingerichtet das letzte Ziel.
Er selbst, der Erhabene, der Alldurchdringende, selbst frei von den Guṇas, schuf zu Beginn dieses Universum durch seine eigene Māyā, die die Form von Sein und Nichtsein hat und aus den Guṇas besteht.
Wort für Wort
sa evedaṃ sasarjāgre
er selbst schuf zu Beginn dieses Universum
bhagavān ātmamāyayā
der Erhabene, durch seine eigene Māyā
sadasadrūpayā cāsau
die Form von Sein und Nichtsein hat, und dieser
guṇamayāguṇo vibhuḥ
aus den Guṇas bestehend, [selbst] guṇa-los, der Alldurchdringende
So wie das eine Feuer, das in den Hölzern, seinen eigenen Ursprungsstätten, verborgen ist, wie vielfältig erscheint, so erscheint ebenso die Weltseele, der Puruṣa, vielfältig in den Wesen.
Wort für Wort
yathā hyavahito vahnir
so wie das verborgene Feuer
dāruṣvekaḥ svayoniṣu
eines, in den Hölzern, seinen eigenen Ursprungsstätten
Dieser Puruṣa, eingegangen in die von ihm selbst geschaffenen, aus den Guṇas bestehenden Zustände - die aus groben Elementen, Feinstoffen und Sinnesorganen bestehen -, erfährt in den Wesen deren Eigenschaften.
Wort für Wort
asau guṇamayairbhāvair
dieser, in die aus den Guṇas bestehenden Zustände
bhūtasūkṣmendriyātmabhiḥ
die aus Elementen, Feinstoffen, Sinnesorganen bestehen
bhāvayatyeṣa sattvena lokān vai lokabhāvanaḥ / līlāvatārānurato devatiryaṅnarādiṣu //
Dieser Welten-Erhalter lässt durch seine Sattva-Gestalt wahrlich die Welten gedeihen, er, der sich in spielerischen Herabkünften unter Göttern, Tieren, Menschen und dergleichen ergeht.