Śrī Nārada sprach: Als der Bruder so von Hari, der die Gestalt eines Ebers angenommen hatte, getötet worden war, o König, quälte sich Hiraṇyakaśipu vor Zorn und Kummer.
Wort für Wort
śrī-nāradaḥ uvāca
Śrī Nārada sprach (3.Sg.Perf.)
bhrātari
beim Bruder (Lok.Sg.)
evam
so, derart (Adv.)
vinihate
als getötet war (Lok.Sg., PPP von vi-ni-√han)
hariṇā
durch Hari (Instr.Sg.)
kroḍa-mūrtinā
der die Eber-Gestalt hatte (Instr.Sg., Bahuvrīhi)
hiraṇyakaśipuḥ
Hiraṇyakaśipu (Nom.Sg.)
rājan
o König (Vok.Sg.)
paryatapyat
er quälte sich, brannte vor Schmerz (3.Sg.Impf.Ātm., pari-√tap)
Und von Zorn erfüllt, die Lippen fest zusammengebissen, sprach er dies, während er mit seinen vor Zorn lodernden Augen den [wie] rauchfarben [erscheinenden] Himmel anblickte.
Wort für Wort
āha
er sprach (3.Sg.Perf., √ah)
ca
und
idam
dies (Akk.Sg.)
ruṣā
von Zorn (Instr.Sg.)
pūrṇaḥ
erfüllt (Nom.Sg.)
sandaṣṭa-daśana-cchadaḥ
dessen Lippen zusammengebissen waren (Nom.Sg., Bahuvrīhi: 'Zahndecke'=Lippe)
Mit furchterregendem Blick und schrecklichen Hauzähnen, sein Gesicht durch die gerunzelte Braue unerträglich anzuschauen, erhob er den Dreizack in der Versammlung und sprach dies zu den Dānavas:
Wort für Wort
karāla-daṃṣṭra-ugra-dṛṣṭyā
mit furchtbaren Hauern und schrecklichem Blick (Instr.Sg.)
duṣprekṣya-bhrukuṭī-mukhaḥ
dessen Gesicht durch die gerunzelte Braue unerträglich anzuschauen war (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
sapatnairghātitaḥ kṣudrairbhrātā me dayitaḥ suhṛt
pārṣṇigrāheṇa hariṇā samenāpyupadhāvanaiḥ
Mein geliebter Bruder, mir stets wohlgesinnt, wurde von niederträchtigen Rivalen getötet - von Hari, der wie ein Hinterhalt-Angreifer, obgleich [scheinbar] neutral, durch vorgetäuschte Annäherungen [handelte].
Wort für Wort
sapatnaiḥ
durch die Rivalen/Feinde (Instr.Pl.)
ghātitaḥ
getötet (Nom.Sg., Kaus.-PPP von √han)
kṣudraiḥ
durch die Niederträchtigen (Instr.Pl.)
bhrātā
der Bruder (Nom.Sg.)
me
mein (Gen.Sg.)
dayitaḥ
geliebt (Nom.Sg.)
suhṛt
der Wohlgesinnte, Freund (Nom.Sg.)
pārṣṇigrāheṇa
durch den Hinterhalt-/Rückenangreifer (Instr.Sg., militärtechn. Begriff)
hariṇā
durch Hari (Instr.Sg.)
samena
durch den [scheinbar] Neutralen (Instr.Sg.)
api
obgleich, sogar
upadhāvanaiḥ
durch [vorgetäuschte] Annäherungen/Ergebenheitsbezeigungen (Instr.Pl.)
'pārṣṇigrāha' und 'sama' sind Termini der altindischen Staatslehre (Arthaśāstra) für Angreifer im Rücken bzw. neutrale Könige; Hiraṇyakaśipu wirft Hari damit politische Heimtücke vor.
Er, der seine [wahre] Wesensart aufgegeben hat, der [angeblich] Mitleidsvolle [?], der im Wald der Täuschung (māyā) wohnt - er, der gegenüber [meinem Bruder], der ihm diente, sich wie ein wankelmütiges Kind verhielt,
Wort für Wort
tasya
von jenem, dessen (Gen.Sg., bezogen auf Hari)
tyakta-svabhāvasya
der seine [wahre] Wesensart aufgegeben hat (Gen.Sg., Bahuvrīhi)
ghṛṇeḥ
des [angeblich] Mitleidsvollen (Gen.Sg.) [?]
māyā-vana-okasaḥ
der im Wald der Täuschung wohnt (Gen.Sg., Bahuvrīhi)
bhajantam
den Dienenden/Verehrenden [meinen Bruder] (Akk.Sg., Präs.-Part.)
bhajamānasya
des sich [ihm scheinbar] Hingebenden (Gen.Sg., Med.-Part. von √bhaj)
bālasya iva
wie eines Kindes (Gen.Sg.)
asthira-ātmanaḥ
dessen Gemüt unstet ist (Gen.Sg., Bahuvrīhi)
Satz setzt sich in Vers 8 fort; 'ghṛṇeḥ' hier vermutlich sarkastisch im Sinne von 'des angeblich Mitleidsvollen' gebraucht.
macchūlabhinnagrīvasya bhūriṇā rudhireṇa vai
asṛkpriyaṃ tarpayiṣye bhrātaraṃ me gatavyathaḥ
- dessen Hals von meinem Speer durchbohrt sein wird -, mit seinem reichlich fließenden Blut werde ich meinen blutliebenden Bruder befriedigen und so von meiner Qual befreit sein.
Wort für Wort
mat-śūla-bhinna-grīvasya
dessen Hals von meinem Speer durchbohrt ist (Gen.Sg., Bahuvrīhi)
bhūriṇā
mit dem reichlichen (Instr.Sg.)
rudhireṇa
mit Blut (Instr.Sg.)
vai
fürwahr
asṛk-priyam
den Blutliebenden (Akk.Sg.)
tarpayiṣye
ich werde befriedigen/zufriedenstellen (1.Sg.Fut.Med., Kaus. von √tṛp)
bhrātaram
den Bruder (Akk.Sg.)
me
meinen (Gen.Sg.)
gatavyathaḥ
frei von Qual geworden (Nom.Sg., Bahuvrīhi, bezogen auf das Subjekt 'ich')
Bild eines Blut-Totenopfers (tarpaṇa) für den gefallenen Bruder Hiraṇyākṣa, der als 'blutliebend' charakterisiert wird.
Wenn jener Betrüger und Feind zugrunde gegangen ist wie ein Baum, dessen Wurzel abgeschnitten wurde, dann werden die Götter, deren Lebenskraft Viṣṇu ist, verdorren wie seine Zweige.
Wort für Wort
tasmin
wenn jener (Lok.Sg.)
kūṭe
der Betrüger, Hinterlistige (Lok.Sg.)
ahite
der Feind (Lok.Sg.)
naṣṭe
zugrunde gegangen (Lok.Sg., PPP)
kṛtta-mūle
dessen Wurzel abgeschnitten ist (Lok.Sg., Bahuvrīhi)
Geht derweil sogleich zur Erde, die durch Brahmanen und Kṣatriyas gedeiht, und vernichtet dort jene, die sich der Askese, dem Opfer, dem Vedenstudium und frommen Gelübden hingeben!
Wort für Wort
tāvat
solange, inzwischen
yāta
geht! (2.Pl.Imp., √yā)
bhuvam
zur Erde (Akk.Sg.)
yūyam
ihr (Nom.Pl.)
brahma-kṣatra-samedhitām
die durch Brahmanen und Kṣatriyas gedeiht (Akk.Sg.f.)
sūdayadhvam
vernichtet! (2.Pl.Imp.Kaus.)
tapaḥ-yajña-svādhyāya-vrata-dāninaḥ
die sich Askese, Opfer, Vedenstudium und Gelübden hingeben (Akk.Pl.)
viṣṇurdvijakriyāmūlo yajño dharmamayaḥ pumān
devarṣipitṛbhūtānāṃ dharmasya ca parāyaṇam
Viṣṇu, dessen Wurzel die [rituellen] Handlungen der Zweifachgeborenen sind, ist das Opfer [selbst], die aus Dharma bestehende [höchste] Person, die höchste Zuflucht der Götter, Weisen, Ahnen und aller Wesen, sowie des Dharma [selbst].
Wort für Wort
viṣṇuḥ
Viṣṇu (Nom.Sg.)
dvija-kriyā-mūlaḥ
dessen Wurzel die Riten der Zweifachgeborenen sind (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
Wo immer Brahmanen, Kühe, die Veden und die Riten der [vier] Stände und Lebensstufen [zu finden sind], geht in jenes Land, setzt es in Brand und verwüstet es!
iti te bhartṛnirdeśamādāya śirasādṛtāḥ
tathā prajānāṃ kadanaṃ vidadhuḥ kadanapriyāḥ
So nahmen sie, respektvoll, den Befehl ihres Herrn gleichsam auf dem Haupt entgegen, und diese, die am Verderben Gefallen fanden, vollbrachten ebenso das Verderben der Untertanen.
Wort für Wort
iti
so
te
sie (Nom.Pl.)
bhartṛ-nirdeśam
den Befehl des Herrn (Akk.Sg.)
ādāya
annehmend (Absolutiv, ā-√dā)
śirasā
mit dem Haupt (Instr.Sg., ehrerbietig)
ādṛtāḥ
geehrt, respektvoll (Nom.Pl.)
tathā
so, ebenso
prajānām
der Untertanen (Gen.Pl.)
kadanam
das Verderben (Akk.Sg.)
vidadhuḥ
sie vollbrachten (3.Pl.Perf., vi-√dhā)
kadana-priyāḥ
die am Verderben Gefallen finden (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
puragrāmavrajodyāna kṣetrārāmāśramākarān
kheṭakharvaṭaghoṣāṃśca dadahuḥ pattanāni ca
Sie verbrannten Städte, Dörfer, Kuhpferche, Gärten, Felder, Parkanlagen, Einsiedeleien und Bergwerke, Marktflecken, kleine Städte, Hirtenlager und auch Hafenstädte.
Manche zerstörten mit Spaten Dämme, Stadtmauern und Torbauten; manche, eine Axt in der Hand, fällten die dem Lebensunterhalt dienenden Bäume; andere verbrannten mit lodernden Feuerbränden die Wohnstätten der Untertanen.
Wort für Wort
kecit
manche (Nom.Pl.)
khanitraiḥ
mit Grabwerkzeugen, Spaten (Instr.Pl.)
bibhiduḥ
sie zerstörten (3.Pl.Perf., √bhid)
setu-prākāra-gopurān
Dämme, Stadtmauern, Torbauten (Akk.Pl.)
ājīvyān
die dem Lebensunterhalt dienenden (Akk.Pl.)
cicchiduḥ
sie fällten (3.Pl.Perf., √chid)
vṛkṣān
Bäume (Akk.Pl.)
kecit
manche (Nom.Pl.)
paraśu-pāṇayaḥ
die eine Axt in der Hand hatten (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
Als die Welt so beständig durch die Gefolgsleute des Daitya-Herrschers versehrt wurde, verließen die Götter den Himmel und wandelten unerkannt auf der Erde umher.
Wort für Wort
evam
so
viprakṛte
versehrt, geschädigt (Lok.Sg.)
loke
die Welt (Lok.Sg.)
daitya-indra-anucaraiḥ
durch die Gefolgsleute des Daitya-Herrschers (Instr.Pl.)
tanmātaraṃ ruṣābhānuṃ ditiṃ ca jananīṃ girā
ślakṣṇayā deśakālajña idamāha janeśvara
Zu deren Mutter Ruṣābhānu und zu Diti, seiner eigenen Mutter, sprach er, kundig von rechtem Ort und rechter Zeit, mit sanfter Stimme dies, o Herrscher der Menschen [Yudhiṣṭhira].
Wort für Wort
tat-mātaram
deren Mutter (Akk.Sg.)
ruṣābhānum
Ruṣābhānu (Akk.Sg., Eigenname)
ditim
Diti (Akk.Sg.)
ca
und
jananīm
die [eigene] Mutter (Akk.Sg.)
girā
mit Rede (Instr.Sg.)
ślakṣṇayā
sanft, mild (Instr.Sg.)
deśa-kāla-jñaḥ
kundig von Ort und Zeit (Nom.Sg., Bahuvrīhi)
idam
dies (Akk.Sg.)
āha
er sprach (3.Sg.Perf.)
janeśvara
o Herrscher der Menschen (Vok.Sg., Anrede Nāradas an Yudhiṣṭhira)
Śrī Hiraṇyakaśipu sprach: O Mutter, Mutter! O Schwägerin! O Söhne! Ihr solltet den Helden nicht betrauern - der Tod im Angesicht des Feindes ist für Helden rühmenswert und ersehnt.
O Tugendhafte, das Zusammensein der Lebewesen in dieser Welt ist wie das Zusammentreffen von Reisenden an einer Wasserstelle: durch das Schicksal werden sie an einem Ort zusammengeführt und durch ihre eigenen früheren Taten wieder weggeführt.
Das Selbst ist ewig, unvergänglich, rein, allgegenwärtig, allwissend und transzendent; dennoch nimmt es für sich, indem es durch Māyā die Erscheinungsweisen der Materie entfaltet, eine [subtile] Kennzeichen-Gestalt an.
So wie durch fließendes Wasser die Bäume [am Ufer] scheinbar sich zu bewegen scheinen, wie durch ein sich drehendes Auge die Erde erscheint, als bewege sie sich,
so gerät, o Holde, ebenso das [unveränderliche] Selbst, wenn der Geist durch die Erscheinungsweisen verwirrt wird, [scheinbar] in Gleichheit mit jenem, und erscheint, obwohl fürwahr ohne [subtile] Gestalt, als besäße es eine solche.
Wort für Wort
evam
so, ebenso
guṇaiḥ
durch die Erscheinungsweisen (Instr.Pl.)
bhrāmyamāṇe
das verwirrt wird (Lok.Sg., Präs.-Part.Pass.)
manasi
im Geist (Lok.Sg.)
avikalaḥ
der unveränderliche (Nom.Sg.)
pumān
das [höchste] Selbst (Nom.Sg.)
yāti
es gerät (3.Sg.Präs.)
tat-sāmyatām
zur Gleichheit mit jenem (Akk.Sg.)
bhadre
o Holde (Vok.Sg.)
hi
fürwahr
aliṅgaḥ
ohne Kennzeichen-Gestalt (Nom.Sg.)
liṅgavān iva
wie einer, der eine solche Gestalt besitzt (Nom.Sg.)
Dies ist die Verkehrung des Selbst: fürwahr, im [eigentlich] Gestaltlosen die Vorstellung einer [materiellen] Gestalt anzunehmen. Dies ist auch die Verbindung mit und Trennung vom Angenehmen und Unangenehmen, sowie der Kreislauf des Karmas.
sambhavaśca vināśaśca śokaśca vividhaḥ smṛtaḥ
aviveka ścacintā ca vivekāsmṛtireva ca
Entstehen und Vergehen, sowie mannigfaltiger Kummer, gelten als [Folgen dieser Verkehrung] - ebenso Unterscheidungslosigkeit, Sorge und eben das Vergessen der Unterscheidungsfähigkeit.
Wort für Wort
sambhavaḥ
das Entstehen (Nom.Sg.)
ca
und
vināśaḥ
das Vergehen (Nom.Sg.)
ca
und
śokaḥ
der Kummer (Nom.Sg.)
ca
und
vividhaḥ
mannigfaltig (Nom.Sg.)
smṛtaḥ
gilt als überliefert (Nom.Sg., PPP)
avivekaḥ
die Unterscheidungslosigkeit (Nom.Sg.)
ca
und
cintā
die Sorge (Nom.Sg.)
ca
und
viveka-asmṛtiḥ
das Vergessen der Unterscheidungsfähigkeit (Nom.Sg.)
ihn, den toten König, mit zersplittertem Juwelenpanzer, mit abgefallenem Schmuck und abgefallener Blumengirlande, mit vom Pfeil durchbohrtem Herzen, blutbefleckt daliegend,
Wort für Wort
viśīrṇa-ratna-kavacam
dessen Juwelenpanzer zersplittert war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
vibhraṣṭa-ābharaṇa-srajam
dessen Schmuck und Blumengirlande abgefallen waren (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
śara-nirbhinna-hṛdayam
dessen Herz von einem Pfeil durchbohrt war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
śayānam
daliegend (Akk.Sg., Präs.-Part.)
asṛk-āvilam
blutbefleckt (Akk.Sg.)
Attribute zu 'tam' (den toten König Suyajña) aus Vers 28, Satz setzt sich über Verse 29-31 fort.
mit zerzaustem Haar, mit erloschenen Augen, mit heftig zusammengebissener Lippe, mit staubverhülltem Lotus-Antlitz, mit im Kampf abgetrenntem Waffenarm -
Wort für Wort
prakīrṇa-keśam
dessen Haar zerzaust war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
dhvasta-akṣam
dessen Augen erloschen waren (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
rabhasā
heftig, mit Wucht (Instr./Adv.)
daṣṭa-dacchadam
dessen Lippe gebissen war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
rajaḥ-kuṇṭha-mukha-ambhojam
dessen Lotusgesicht von Staub verdeckt war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
chinna-āyudha-bhujam
dessen [waffentragender] Arm abgetrennt war (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
Als die [königlichen] Gemahlinnen ihren Gatten, den König der Uśīnaras, so vom Schicksal zugerichtet erblickten, betrübt, riefen sie: 'Wir sind verloren, o Herr!', sich heftig und wiederholt mit den Händen an die Brust schlagend, und fielen zu seinen [beiden] Füßen nieder.
Laut weinend, die Lotosfüße ihres Geliebten mit Tränen benetzend, die vom Kuṅkuma-Puder ihrer Brüste rötlich gefärbt waren, mit gelöstem Haar und Schmuck, bei den Menschen Kummer erregend, klagten sie mit lautem Wehgeschrei.
Wort für Wort
rudatyaḥ
weinend (Nom.Pl.f., Präs.-Part.)
uccaiḥ
laut (Adv.)
dayita-aṅghri-paṅkajam
die Lotosfüße des Geliebten (Akk.Sg.)
siñcantyaḥ
benetzend (Nom.Pl.f., Präs.-Part.)
asraiḥ
mit [ihren] Tränen (Instr.Pl.)
kuca-kuṅkuma-aruṇaiḥ
die vom Brust-Kuṅkuma rötlich gefärbt waren (Instr.Pl.)
visrasta-keśa-ābharaṇāḥ
deren Haar und Schmuck sich gelöst hatten (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
Ach, o Herr, vom mitleidlosen Schicksal bist du für uns in diesen [augenscheinlichen] Zustand gebracht worden! Du warst einst der Unterhaltsgeber der Uśīnaras - und bist nun derjenige, der nur noch den Kummer vermehrt.
Wie könnten wir, o Herr der Erde, ohne dich sein, den Dankbaren, unseren besten Freund? O Held, gewähre uns, die wir dir dienen wollen, das Mitgehen zu deinen Füßen dorthin, wohin auch du gehen wirst!
Wort für Wort
tvayā
durch dich (Instr.Sg.)
kṛtajñena
den Dankbaren (Instr.Sg.)
vayam
wir (Nom.Pl.)
mahīpate
o Herr der Erde (Vok.Sg.)
katham
wie
vinā
ohne
syāma
könnten wir sein (1.Pl.Opt., √as)
suhṛttamena
dem besten Freund (Instr.Sg.)
te
dein, von dir (Gen.Sg.)
tatra
dorthin
anuyānam
das Mitgehen, Folgen (Akk.Sg.)
tava
dein (Gen.Sg.)
vīra
o Held (Vok.Sg.)
pādayoḥ
der [beiden] Füße (Gen.Dual)
śuśrūṣatīnām
derer, die dienen wollen (Gen.Pl.f., Desiderativ-Part.)
Śrī Yama sprach: Ach, welch eine Verblendung besteht doch bei diesen [Trauernden], die älter an Jahren sind und doch eigentlich die Ordnung der Welt durchschauen [sollten]! Den Menschen, der dorthin gegangen ist, von wo er selbst einst gekommen war, betrauern sie sinnlos, obwohl sie selbst vom gleichen [sterblichen] Los sind.
Wort für Wort
śrī-yamaḥ uvāca
Śrī Yama sprach
aho
ach!
amīṣām
dieser [dort] (Gen.Pl.)
vayasā adhikānām
die an Alter überlegen sind (Gen.Pl.)
vipaśyatām
die [doch eigentlich] erkennen (Gen.Pl., Präs.-Part.)
loka-vidhim
die Ordnung der Welt (Akk.Sg.)
vimohaḥ
die Verblendung (Nom.Sg.)
yatra
von wo
āgataḥ
gekommen (Nom.Sg., PPP)
tatra
dorthin
gatam
gegangen (Akk.Sg., PPP)
manuṣyam
den Menschen (Akk.Sg.)
svayam
selbst
sadharmāḥ
die vom gleichen [sterblichen] Wesen sind (Nom.Pl., Bahuvrīhi)
aho vayaṃ dhanyatamā yadatra tyaktāḥ pitṛbhyāṃ na vicintayāmaḥ
abhakṣyamāṇā abalā vṛkādibhiḥ sa rakṣitā rakṣati yo hi garbhe
Ach, wir sind die Glücklichsten, dass wir, obwohl hier von unseren Eltern verlassen, uns nicht grämen - wir Schwachen, die wir nicht von Wölfen und anderen Raubtieren gefressen werden, denn jener beschützt uns, der fürwahr auch im Mutterleib beschützt.
Wort für Wort
aho
ach!
vayam
wir (Nom.Pl.)
dhanyatamāḥ
die Glücklichsten (Nom.Pl., Superlativ)
yat
dass, weil
atra
hier, in dieser Lage
tyaktāḥ
verlassen (Nom.Pl., PPP)
pitṛbhyām
von den [beiden] Eltern (Instr.Dual)
na vicintayāmaḥ
wir sorgen uns nicht (1.Pl.Präs.)
abhakṣyamāṇāḥ
nicht gefressen werdend (Nom.Pl., Präs.-Part.Pass.)
abalāḥ
die Schwachen (Nom.Pl.)
vṛka-ādibhiḥ
von Wölfen u.a. (Instr.Pl.)
saḥ
jener (Nom.Sg.)
rakṣitā
der Beschützer (Nom.Sg.)
rakṣati
er beschützt (3.Sg.Präs.)
yaḥ
der (Nom.Sg.)
hi
fürwahr
garbhe
im Mutterleib (Lok.Sg.)
Yama, als Knabe auftretend, spricht rhetorisch im Bild eines verwaisten, aber gottbehüteten Kindes.
ya icchayeśaḥ sṛjatīdamavyayo ya eva rakṣatyavalumpate ca yaḥ
tasyābalāḥ krīḍanamāhurīśituś carācaraṃ nigrahasaṅgrahe prabhuḥ
Der unvergängliche Herrscher, der nach [eigenem] Willen dieses Universum erschafft, der es eben erhält und wieder vernichtet - dessen Spielzeug nennt man die Schwachen [Geschöpfe]. Er, der Herrschende, ist der Meister über das Bewegliche und Unbewegliche, im Zurückhalten wie im Begünstigen.
Das auf dem Weg verlorene Kind, wenn es vom Schicksal beschützt ist, bleibt am Leben; das im Haus befindliche Kind, wenn es vom Schicksal preisgegeben ist, geht zugrunde. Das verwaiste Kind lebt, auch im Wald, wenn es vom Schicksal behütet wird; das im Haus wohlbehütete Kind, wenn es von diesem Schicksal verlassen ist, lebt nicht.
bhūtāni taistairnijayonikarmabhir bhavanti kāle na bhavanti sarvaśaḥ
na tatra hātmā prakṛtāvapi sthitas tasyā guṇairanyatamo hi badhyate
Die Lebewesen entstehen durch ihre jeweils eigenen [karma-bedingten] Geburtsursachen und Taten, und zur rechten Zeit hören sie gänzlich auf zu sein. Das Selbst aber, obwohl es sich [scheinbar] in der materiellen Natur befindet, wird dabei fürwahr nicht durch irgendeine ihrer Erscheinungsweisen gebunden.
Wort für Wort
bhūtāni
die Lebewesen (Nom.Pl.n.)
taiḥ taiḥ
durch diese und jene jeweiligen (Instr.Pl.)
nija-yoni-karmabhiḥ
durch die eigene Geburtsursache und Taten (Instr.Pl.)
Dieser Körper der [verkörperten] Person ist aus Verblendung entstanden, [zu betrachten] wie ein gesondertes, aus Elementen bestehendes Haus - so wie der Mensch, aus Wasser-, Erd- und Feuer-Elementen durch die Zeit entstanden, wieder gewandelt wird und vergeht.
So wie das Feuer, [obwohl] in den Holzscheiten [wirkend], als von diesen gesondert erscheint, wie der Wind, obwohl im Körper befindlich, unabhängig bleibt, und wie der Luftraum, obgleich allgegenwärtig, nirgends anhaftet - so bleibt das transzendente Selbst, der Träger aller [materiellen] Eigenschaften, [von ihnen unberührt].
suyajño nanvayaṃ śete mūḍhā yamanuśocatha
yaḥ śrotā yo 'nuvakteha sa na dṛśyeta karhicit
Dieser da, den ihr betrauert, ist doch wohl nur der leblose Suyajña, der jetzt bloß daliegt, o ihr Verblendeten! Das wahre Selbst, das hier hörte und das hier sprach, könnte niemals [mit den Augen] gesehen werden.
na śrotā nānuvaktāyaṃ mukhyo 'pyatra mahān asuḥ
yastvihendriyavān ātmā sa cānyaḥ prāṇadehayoḥ
Auch dieser hier, der vornehmste Lebenshauch - die große Lebenskraft -, ist weder der Hörende noch der Sprechende. Das wahre, mit Sinnen ausgestattete Selbst hier ist jedoch ein anderes, verschieden von sowohl Lebenshauch als auch Körper.
Der alldurchdringende [Selbst] nimmt die aus Elementen, Sinnen und Geist gekennzeichneten höheren und niederen Körper an und gibt sie wieder auf - fürwahr selbst verschieden davon bleibend, durch seine eigene innewohnende Kraft.
Wort für Wort
bhūta-indriya-manaḥ-liṅgān
die aus Elementen, Sinnen und Geist gekennzeichneten (Akk.Pl.)
yāval liṅgānvito hyātmā tāvat karmanibandhanam
tato viparyayaḥ kleśo māyāyogo 'nuvartate
Solange das Selbst fürwahr mit der Subtilgestalt verbunden ist, so lange besteht die Fesselung durch Karma; daraus folgt beständig die Verkehrung, das Leid und die Verbindung mit Māyā.
Dies ist die auf Falschem beruhende Verhaftung: dass man in den [materiellen] Erscheinungsweisen ihre Wirklichkeit sieht und davon spricht. Wie ein Wunschtraum, wie ein Traum, ist alles, was auf den Sinnen beruht, trügerisch.
Wort für Wort
vitatha-abhiniveśaḥ
die auf Falschem beruhende Verhaftung (Nom.Sg.)
ayam
diese (Nom.Sg.)
yat
dass
guṇeṣu
in den Erscheinungsweisen (Lok.Pl.)
artha-dṛk-vacaḥ
die Anschauung und Rede von [ihrer] Wirklichkeit (Nom.Sg.)
Daher trauern die Kenner der Wahrheit weder um das Ewige noch um das Vergängliche. Doch es ist nicht anders möglich zu handeln - das ist die [natürliche] Wesensart derer, die eben doch trauern.
Sie verfing sich in der Schlinge des Netzes, am Strick gefangen - die 'Königin' [des Vogelpaares], gebunden durch die [tödliche] Zeit. Als das Kuliṅga-Männchen sie, so in Not geraten, erblickte, heftig betrübt, aus Zuneigung hilflos, beklagte der Bemitleidenswerte die Bemitleidenswerte.
Wort für Wort
āsajjata
sie verfing sich (3.Sg.Impf.Med., ā-√sañj)
sicaḥ
der Schlinge (Gen.Sg.)
tantryām
am Strick, Faden (Lok.Sg.)
mahiṣyaḥ
die 'Königin' [poet. für das Vogelweibchen] (Nom.Sg.) [Anm.: Form grammatisch auffällig]
kāla-yantritā
durch die [tödliche] Zeit gefesselt (Nom.Sg.)
kuliṅgaḥ
der Kuliṅga-Vogel [Männchen] (Nom.Sg.)
tām
sie (Akk.Sg.)
tathā āpannām
die so [in Not] geraten war (Akk.Sg., PPP)
nirīkṣya
erblickend (Absolutiv)
bhṛśa-duḥkhitaḥ
heftig betrübt (Nom.Sg.)
snehāt
aus Zuneigung (Abl.Sg.)
akalpaḥ
unfähig, hilflos (Nom.Sg.)
kṛpaṇaḥ
der Bemitleidenswerte (Nom.Sg.)
kṛpaṇām
die Bemitleidenswerte (Akk.Sg.)
paryadevayat
er beklagte (3.Sg.Impf., pari-√div)
[Anm.: 'mahiṣyaḥ' (eigtl. 'Königin/Gemahlin') ist für ein Vogelweibchen grammatisch/stilistisch auffällig - möglicherweise Textvariante der GRETIL-Quelle für 'mahiṣī'; hier sinngemäß als poetische Bezeichnung übersetzt.]
Ach, was wird das mitleidlose, mächtige Schicksal noch mit meiner Frau anfangen - mit der elenden, die mich, den Bemitleidenswerten, so mitleidvoll betrauert? [?]
Wort für Wort
aho
ach!
akaruṇaḥ
der Mitleidlose (Nom.Sg.)
devaḥ
das Schicksal, der Gott (Nom.Sg.)
striyā
mit/an der Frau (Instr.Sg.)
akaruṇayā
der mitleidlosen [?] (Instr.Sg.)
vibhuḥ
der Mächtige (Nom.Sg.)
kṛpaṇam
den Bemitleidenswerten (Akk.Sg.)
mām
mich (Akk.Sg.)
anuśocantyā
die betrauert (Instr.Sg.f., Präs.-Part.)
dīnayā
der Elenden (Instr.Sg.)
kim kariṣyati
was wird er tun? (3.Sg.Fut.)
Satzbezug unsicher: 'akaruṇayā' könnte sich sowohl auf 'devaḥ' (in Wiederholung) als auch idiomatisch auf 'striyā' beziehen; Übersetzung folgt der wahrscheinlicheren Lesart eines rhetorischen 'kiṃ kariṣyati + Instr.' ("was wird er [noch] mit ihr anstellen"). [?]
kāmaṃ nayatu māṃ devaḥ kimardhenātmano hi me
dīnena jīvatā duḥkhamanena vidhurāyuṣā
Meinetwegen möge das Schicksal mich hinwegführen - was nützt mir fürwahr die [andere] Hälfte meines Selbst [meine Gattin], wenn ich nur noch elend weiterlebe, mit diesem von Kummer erfüllten, leidvollen Leben?
Wort für Wort
kāmam
nach Belieben, meinetwegen (Adv.)
nayatu
er möge hinwegführen (3.Sg.Imp., √nī)
mām
mich (Akk.Sg.)
devaḥ
das Schicksal (Nom.Sg.)
kim
wozu, was [nützt]
ardhena
mit der Hälfte (Instr.Sg.)
ātmanaḥ
des Selbst (Gen.Sg.)
hi
fürwahr
me
mir (Gen./Dat.Sg.)
dīnena
mit dem elenden (Instr.Sg.)
jīvatā
mit dem lebenden (Instr.Sg., Präs.-Part.)
duḥkham
Leid (Nom./Akk.Sg.)
anena
mit diesem (Instr.Sg.)
vidhura-āyuṣā
dessen Lebenszeit von Kummer erfüllt ist (Instr.Sg., Bahuvrīhi)
evaṃ kuliṅgaṃ vilapantamārāt priyāviyogāturamaśrukaṇṭham
sa eva taṃ śākunikaḥ śareṇa vivyādha kālaprahito vilīnaḥ
So durchbohrte, während der Kuliṅga-Vogel auf diese Weise klagte, gequält von der Trennung von der Geliebten, mit tränenerstickter Kehle, eben jener Vogelfänger, aus der Nähe, verborgen, von der Zeit gleichsam gesandt, ihn mit einem Pfeil.
Wort für Wort
evam
so
kuliṅgam
den Kuliṅga-Vogel (Akk.Sg.)
vilapantam
klagenden (Akk.Sg., Präs.-Part.)
ārāt
aus der Nähe (Adv.)
priyā-viyoga-āturam
den durch die Trennung von der Geliebten gequälten (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
aśru-kaṇṭham
dessen Kehle von Tränen [erstickt war] (Akk.Sg., Bahuvrīhi)
Ebenso werdet ihr, o Unverständige, die ihr den euch drohenden eigenen Untergang nicht erkennt, diesen [Gatten], obwohl ihr um ihn trauert, selbst in hundert Jahren nicht wiedererlangen.
Śrī Hiraṇyakaśipu sprach: Während der Knabe so redete, erkannten alle Verwandten, deren Geist erstaunt war, alles als vergänglich und ohne wirklichen Bestand.
ataḥ śocata mā yūyaṃ paraṃ cātmānameva vā
ka ātmā kaḥ paro vātra svīyaḥ pārakya eva vā
svaparābhiniveśena vinājñānena dehinām
Daher betrauert weder den anderen noch euch selbst! Wer in Wahrheit ist das eigene Selbst, wer der andere hierbei, wer der Eigene, wer der Fremde - dies alles besteht nur durch die [irrige] Verhaftung an Eigenes und Fremdes, entstanden aus der Unwissenheit der Verkörperten.
Wort für Wort
ataḥ
daher
śocata mā
betrauert nicht! (Prohibitiv, 2.Pl.Imp.)
yūyam
ihr (Nom.Pl.)
param
den anderen (Akk.Sg.)
ca
und, oder
ātmānam
das eigene Selbst (Akk.Sg.)
eva vā
oder eben
kaḥ
wer (Nom.Sg.)
ātmā
das eigene Selbst (Nom.Sg.)
kaḥ
wer
paraḥ
der andere (Nom.Sg.)
vā atra
oder hierin
svīyaḥ
der Eigene (Nom.Sg.)
pārakyaḥ
der Fremde (Nom.Sg.)
eva vā
oder eben
sva-para-abhiniveśena
durch die Verhaftung an Eigenes und Fremdes (Instr.Sg.)
vinā
ohne [d.h. dies alles besteht nur durch diese Verhaftung]
Śrī Nārada sprach: Als Diti, zusammen mit ihrer Schwiegertochter, diese Rede des Daitya-Herrschers Hiraṇyakaśipu gehört hatte, gab sie binnen eines Augenblicks den Kummer um ihren toten Sohn auf und richtete ihren Geist auf die höchste Wahrheit.