Der erhabene Herr sprach: Ich werde, o Königstochter, das Merkmal des mit einer Grundlage [einem Meditationsobjekt] versehenen [?] Yoga darlegen, durch welche Methode eben der Geist heiter zum Pfad des Wahren gelangt.
Wort für Wort
śrī-bhagavān uvāca
der erhabene Herr sprach
yogasya lakṣaṇam vakṣye
das Merkmal des Yoga werde ich erklären
sabījasya
des mit Samen/Grundlage versehenen (Yoga)
nṛpa-ātma-je
o Tochter des Königs
manaḥ yena eva vidhinā
der Geist, durch welche Methode eben
prasannam yāti sat-patham
heiter zum Pfad des Wahren/Seienden gelangt
[Anm.: 'sabīja' (wörtl. 'mit Samen') bezeichnet hier einen Yoga mit Objekt/Stütze der Meditation, im Gegensatz zu 'nirbīja'-Yoga; Bedeutung leicht unsicher, daher [?].]
sva-dharmācaraṇaṁ śaktyā
vidharmāc ca nivartanam
daivāl labdhena santoṣa
ātmavic-caraṇārcanam
Das Ausüben der eigenen Pflicht nach Kräften, das Abstehen von fremder [unrechtmäßiger] Pflicht, Zufriedenheit mit dem, was durch Fügung erlangt wird, und die Verehrung der Füße dessen, der das Selbst kennt.
grāmya-dharma-nivṛttiś ca
mokṣa-dharma-ratis tathā
mita-medhyādanaṁ śaśvad
vivikta-kṣema-sevanam
Und das Aufgeben weltlicher Gewohnheiten, ebenso die Freude an der zur Erlösung führenden Übung, stets maßvolle und reine Nahrung, und das Aufsuchen eines abgeschiedenen, sicheren Ortes.
Wort für Wort
grāmya-dharma-nivṛttiḥ ca
und das Aufhören weltlicher/dörflicher Gepflogenheiten
mokṣa-dharma-ratiḥ tathā
ebenso die Freude an der zur Befreiung führenden Praxis
mita-medhya-adanam śaśvat
stets maßvolles, reines Essen
vivikta-kṣema-sevanam
das Aufsuchen eines abgeschiedenen, sicheren Ortes
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, das Besitzen nur dessen, was notwendig ist, Keuschheit, Askese, Reinheit, das Studium [der heiligen Schriften] und die Verehrung der Höchsten Person.
Schweigen, das Meistern einer guten Sitzhaltung, Standfestigkeit, das allmähliche Bezähmen des Lebensatems, und das Zurückziehen der Sinne von ihren Objekten mittels des Geistes, sie ins Herz zurückführend.
Das Festhalten des Lebensatems mit dem Geist an einer Stelle der eigenen [Energiezentren], die Meditation auf die Spiele des Herrn von Vaikuṇṭha, und so die völlige Sammlung des Geistes.
Wort für Wort
sva-dhiṣṇyānām eka-deśe
an einer Stelle der eigenen (Sitz-)Zentren
manasā prāṇa-dhāraṇam
das Festhalten des Lebensatems mit dem Geist
vaikuṇṭha-līlā-abhidhyānam
die Meditation auf die Spiele des Herrn von Vaikuṇṭha
etair anyaiś ca pathibhir
mano duṣṭam asat-patham
buddhyā yuñjīta śanakair
jita-prāṇo hy atandritaḥ
Durch diese und andere Methoden soll man den fehlerhaften, auf dem Pfad des Unwirklichen wandelnden Geist mit Hilfe des Verstandes allmählich lenken – wachsam und nachdem man den Lebensatem bezwungen hat.
Wort für Wort
etaiḥ anyaiḥ ca pathibhiḥ
durch diese und andere Wege/Methoden
manaḥ duṣṭam asat-patham
den fehlerhaften, auf dem Pfad des Unwirklichen befindlichen Geist
Nachdem man an einem reinen Ort den Sitz aufgestellt hat, soll der Yogī, die Sitzhaltung gemeistert habend, darauf wohlbehalten sitzend, mit aufrechtem Körper üben.
Wort für Wort
śucau deśe pratiṣṭhāpya āsanam
nachdem man an einem reinen Ort den Sitz aufgestellt hat
Er soll die Bahn des Lebensatems reinigen durch Einatmen, Anhalten und Ausatmen, oder in umgekehrter Reihenfolge, damit der Geist fest und unbewegt werde.
mano 'cirāt syād virajaṁ
jita-śvāsasya yoginaḥ
vāyv-agnibhyāṁ yathā lohaṁ
dhmātaṁ tyajati vai malam
Bald wird der Geist des Yogī, dessen Atem bezwungen ist, rein sein – so wie Gold, das mit Wind und Feuer geschmolzen wird, gewiss seinen Schmutz ablegt.
prāṇāyāmair dahed doṣān
dhāraṇābhiś ca kilbiṣān
pratyāhāreṇa saṁsargān
dhyānenānīśvarān guṇān
Durch Prāṇāyāma soll er die Fehler verbrennen, durch Dhāraṇā die Sünden, durch Pratyāhāra die schädlichen Verbindungen, durch Dhyāna die [noch] unbeherrschten [?] Erscheinungsweisen der Natur.
Wort für Wort
prāṇāyāmaiḥ dahet doṣān
durch Atemkontrolle soll er die Fehler verbrennen
dhāraṇābhiḥ ca kilbiṣān
und durch Konzentration die Sünden
pratyāhāreṇa saṁsargān
durch Sinneszurückziehung die schädlichen Verbindungen
dhyānena anīśvarān guṇān
durch Meditation die unbeherrschten Erscheinungsweisen (der Natur)
[Anm.: 'anīśvarān guṇān' wörtl. 'herrenlose/unbeherrschte guṇas' – Bedeutung leicht unsicher, daher [?].]
Wenn der eigene Geist rein und durch Yoga wohlgesammelt ist, soll er, auf die Spitze der eigenen Nase blickend, auf die höchste Gestalt des Herrn meditieren.
Wort für Wort
yadā manaḥ svam virajam
wenn der eigene Geist rein ist
yogena su-samāhitam
durch Yoga wohlgesammelt
kāṣṭhām bhagavataḥ dhyāyet
soll er auf die höchste Gestalt des Herrn meditieren
[Auf ihn, dessen] Lotusgesicht heiter ist, dessen Augen wie das Innere eines Lotus rötlich sind, dessen [Leib] dunkel ist wie das Blütenblatt einer blauen Lotusblume, und der Muschelhorn, Diskus und Keule trägt.
Wort für Wort
prasanna-vadana-ambhojam
dessen heiteres Lotusgesicht
padma-garbha-aruṇa-īkṣaṇam
mit Augen rötlich wie das Innere eines Lotus
nīla-utpala-dala-śyāmam
dunkel wie das Blütenblatt einer blauen Lotusblume
śaṅkha-cakra-gadā-dharam
Muschelhorn, Diskus und Keule tragend
[Anm.: Vers ohne eigenes Prädikat, Fortsetzung des 'dhyāyet' aus Vers 12.]
[Ihn, der] ein gelbes Seidengewand trägt, das wie der schimmernde Blütenstaub des Lotus leuchtet, mit dem Śrīvatsa-Zeichen auf der Brust, den strahlenden Kaustubha-Edelstein am Hals tragend.
Wort für Wort
lasat-paṅkaja-kiñjalka-pīta-kauśeya-vāsasam
mit gelbem Seidengewand, [gelb] wie schimmernder Lotus-Blütenstaub
[Ihn], umgeben von einer Waldblumengirlande, um die ein Schwarm berauschter Bienen summt, geschmückt mit unschätzbar wertvoller Halskette, Armreifen, Krone, Oberarmreifen und Fußspangen.
Wort für Wort
matta-dvirepha-kalayā
durch einen Schwarm berauschter, summender Bienen
parītam vana-mālayā
umgeben von einer Waldblumengirlande
parārdhya-hāra-valaya-kirīṭa-aṅgada-nūpuram
mit unschätzbarer Halskette, Armreifen, Krone, Oberarmreifen, Fußspangen
[Ihn], dessen Hüften durch das schimmernde Gürtelband erstrahlen, dessen Sitz der Lotus des Herzens ist, den höchst sehenswerten, friedvollen, der Geist und Augen erfreut.
[Ihn], von schönem, ewigem Anblick, von allen Welten verehrt, im jugendlichen Alter verweilend, eifrig darauf bedacht, seinen Dienern Gnade zu erweisen.
kīrtanya-tīrtha-yaśasaṁ
puṇya-śloka-yaśaskaram
dhyāyed devaṁ samagrāṅgaṁ
yāvan na cyavate manaḥ
Auf den Gott, dessen Ruhm heilig ist und der den Ruhm der Frommen mehrt, soll er in seiner Gesamtgestalt meditieren, bis der Geist nicht mehr davon abweicht.
Wort für Wort
kīrtanya-tīrtha-yaśasam
dessen Ruhm preiswürdig/heilig ist
puṇya-śloka-yaśaskaram
der den Ruhm der Frommen mehrt
dhyāyet devam samagra-aṅgam
er soll auf den Gott in seiner Gesamtgestalt meditieren
[Ihn], der im Herzen weilt, stehend, gehend, sitzend oder liegend, und dessen Taten sehenswert sind, soll er mit reinem, hingegebenem Geist betrachten.
Wenn der Geist des Weisen, in ihm Halt gefunden habend, auf allen seinen Gliedern ruht, soll er, jedes Glied wahrnehmend, den Geist auf eine einzelne Stelle, ein Glied des Herrn, richten.
Wort für Wort
tasmin labdha-padam cittam
der Geist, der in ihm Halt gefunden hat
sarva-avayava-saṁsthitam
auf allen Gliedern ruhend
vilakṣya ekatra saṁyujyāt
nachdem er wahrgenommen hat, soll er auf eine Stelle richten
Er soll auf den Lotosfuß des Herrn meditieren, der reich geschmückt ist mit den Zeichen des Donnerkeils, Elefantenstachels, der Fahne und des Lotus, und der durch den Glanz des Kreises seiner hoch aufragenden, roten, glänzenden Nägel die tiefe Dunkelheit des Herzens vertreibt.
Wort für Wort
sañcintayet bhagavataḥ caraṇa-aravindam
er soll auf den Lotosfuß des Herrn meditieren
vajra-aṅkuśa-dhvaja-saroruha-lāñchana-āḍhyam
reich geschmückt mit Donnerkeil-, Stachel-, Fahnen-, Lotus-Zeichen
uttuṅga-rakta-vilasan-nakha-cakravāla-jyotsnābhiḥ
durch den Glanz des Kreises der hohen, roten, glänzenden Nägel
Er, durch dessen Waschwasser, das als heiliges Tīrtha des besten der Flüsse entsprang und auf dem Haupt Śivas getragen wird, selbst Śiva noch glückverheißender wurde – lange soll er auf diesen Lotosfuß des Herrn meditieren, der wie ein gegen den Berg der Unreinheit im Geist des Meditierenden geschleuderter Donnerkeil ist.
Wort für Wort
yat-śauca-niḥsṛta-sarit-pravara-udakena
durch das aus dessen Waschung entsprungene Wasser des besten Flusses
tīrthena mūrdhni adhikṛtena
als heiliges Tīrtha auf dem Haupt getragen
śivaḥ śivaḥ abhūt
wurde Śiva (noch) glückverheißender
dhyātuḥ manaḥ-śamala-śaila-nisṛṣṭa-vajram
ein gegen den Berg der Geistes-Unreinheit des Meditierenden geschleuderter Donnerkeil
dhyāyet ciram bhagavataḥ caraṇa-aravindam
lange soll er auf den Lotosfuß des Herrn meditieren
Das Knie-Paar des allmächtigen, ungeborenen Herrn, das seine lotusäugige Mutter Lakṣmī – die von den Göttern verehrte Mutter des gesamten Universums, auch Brahmās – auf ihre Schenkel gelegt und mit dem Glanz ihrer knospengleichen Hände liebkost hat, möge man im Herzen betrachten.
Wort für Wort
jānu-dvayam
das Knie-Paar
jalaja-locanayā jananyā
von der lotusäugigen Mutter
lakṣmyā akhilasya sura-vanditayā vidhātuḥ
von Lakṣmī, der von den Göttern verehrten Mutter des Alls und Brahmās
ūrvoḥ nidhāya kara-pallava-rociṣā
auf ihre Schenkel gelegt, mit dem Glanz ihrer knospengleichen Hände
yat saṁlālitam
welches, liebkost
hṛdi vibhoḥ abhavasya kuryāt
möge man im Herzen des allmächtigen, ungeborenen Herrn betrachten
Die beiden Schenkel, die auf den Schultern Garuḍas schön erstrahlen, beide Speicher der Kraft, im Glanz der Leinblüte leuchtend, und die runde Hüfte, auf dem herabhängenden, gelben, prächtigen Gewand befindlich, von der Gürtelkette umschlungen – [auf diese soll er meditieren].
Wort für Wort
ūrū suparṇa-bhujayoḥ adhi śobhamānau
die beiden auf Garuḍas Schultern schön erstrahlenden Schenkel
ojaḥ-nidhī atasikā-kusuma-avabhāsau
beide Kraftspeicher, im Glanz der Leinblüte
vyālambi-pīta-vara-vāsasi vartamāna
auf dem herabhängenden, gelben, prächtigen Gewand befindlich
Den Nabelsee, der im Innern der Höhle liegt, die der Schatz der Welten ist, aus dem der Lotus hervorsproß – die Wohnstätte Brahmās, der alle Welten enthält –, und das Paar der smaragdgleichen Brustwarzen dieses Herrn, weiß erstrahlend vom Glanz der klaren Perlenkette – auf dieses Paar soll er meditieren.
Die Brust – Wohnstätte des höchsten Herrn, die Mahā-Lakṣmī birgt –, die den Menschen Freude für Geist und Augen verleiht, und den Hals, der zur Zierde des Kaustubha-Juwels dient, möge er im Geist betrachten, er, der von allen Welten verehrt wird.
Wort für Wort
vakṣaḥ adhivāsam ṛṣabhasya mahā-vibhūteḥ
die Brust, Wohnstätte des höchsten, mit großer Fülle versehenen Herrn
puṁsām manaḥ-nayana-nirvṛtim ādadhānam
die Freude für Geist und Augen der Menschen verleiht
kaṇṭham ca kaustubha-maṇeḥ adhibhūṣaṇa-artham
und den Hals, zur Zierde des Kaustubha-Juwels
kuryāt manasi akhila-loka-namaskṛtasya
möge er im Geist betrachten, dessen, der von allen Welten verehrt wird
bāhūṁś ca mandara-gireḥ parivartanena
nirṇikta-bāhu-valayān adhiloka-pālān
sañcintayed daśa-śatāram asahya-tejaḥ
śaṅkhaṁ ca tat-kara-saroruha-rāja-haṁsam
Und die Arme, deren Armreifen durch das Drehen des Mandara-Berges poliert wurden, die die Stütze der Weltenhüter sind, soll er sich vergegenwärtigen, ebenso den Diskus mit tausend Speichen von unerträglichem Glanz, und das Muschelhorn, das wie ein königlicher Schwan in seiner Lotoshand ruht.
Wort für Wort
bāhūn ca mandara-gireḥ parivartanena
und die Arme, durch das Drehen des Mandara-Berges
nirṇikta-bāhu-valayān adhiloka-pālān
deren Armreifen poliert wurden, die Stütze der Weltenhüter
sañcintayet daśa-śata-aram asahya-tejaḥ
er soll sich das Rad mit tausend Speichen, von unerträglichem Glanz, vergegenwärtigen
śaṅkham ca tat-kara-saroruha-rāja-haṁsam
und das Muschelhorn, wie ein Schwan in seiner Lotoshand
Er soll sich der Keule Kaumodakī erinnern, die dem Herrn lieb ist, befleckt mit dem blutigen Schlamm feindlicher Krieger, ebenso der Girlande, umsummt vom Klang der Bienenschwärme, und des makellosen Juwels an seinem Hals – des reinen Prinzips des inneren Zeugen [?].
Wort für Wort
kaumodakīm bhagavataḥ dayitām smareta
er soll sich der dem Herrn lieben Keule Kaumodakī erinnern
digdhām arāti-bhaṭa-śoṇita-kardamena
befleckt mit dem blutigen Schlamm feindlicher Krieger
mālām madhuvrata-varūtha-girā-upaghuṣṭām
der Girlande, umsummt vom Klang der Bienenschwärme
caityasya tattvam amalam maṇim asya kaṇṭhe
des reinen Juwels an seinem Hals, das Prinzip des inneren Zeugen
[Anm.: 'caityasya tattvam' – 'das Prinzip des Caitya/inneren Zeugen' als Sinnbild des Halsjuwels; Deutung unsicher, daher [?].]
bhṛtyānukampita-dhiyeha gṛhīta-mūrteḥ
sañcintayed bhagavato vadanāravindam
yad visphuran-makara-kuṇḍala-valgitena
vidyotitāmala-kapolam udāra-nāsam
Auf das Lotosgesicht des Herrn, der aus Mitgefühl für seine Diener hier eine Gestalt angenommen hat, soll er meditieren – das Gesicht, dessen makellose Wangen durch das Schwingen der funkelnden, krokodilförmigen Ohrringe erhellt werden, mit edler Nase.
Wort für Wort
bhṛtya-anukampita-dhiyā iha gṛhīta-mūrteḥ
dessen, der aus Mitgefühl für seine Diener hier Gestalt angenommen hat
sañcintayet bhagavataḥ vadana-aravindam
er soll auf das Lotosgesicht des Herrn meditieren
yat visphuran-makara-kuṇḍala-valgitena
das durch das Schwingen der funkelnden, krokodilförmigen Ohrringe
Auf das Gesicht, die Wohnstätte der Schönheit, von Bienen umschwärmt wegen seiner eigenen Pracht, geziert von einer Fülle lockigen Haares, dessen Lotusaugen – die einem Fischpaar gleichen – die Fische selbst beschämen, soll er unermüdlich, mit spielerisch erhobenen Brauen, im Geiste gebildet, meditieren.
Wort für Wort
yat śrī-niketam alibhiḥ parisevyamānam
welches, die Wohnstätte der Schönheit, von Bienen umschwärmt
bhūtyā svayā kuṭila-kuntala-vṛnda-juṣṭam
wegen seiner eigenen Pracht, geziert von lockigem Haar
mīna-dvaya-āśrayam adhikṣipat abja-netram
dessen lotusgleiche Augen das Fischpaar-Vorbild beschämen
dhyāyet manaḥ-mayam atandritaḥ ullasat-bhru
er soll unermüdlich, im Geist gebildet, mit spielenden Brauen meditieren
Auf dessen häufigen Blick, der aus Mitleid zur Linderung der überaus furchtbaren dreifachen Leiden aus seinen Augen entsandt wird, begleitet von einem liebevollen Lächeln, voll überreicher Gnade, soll er lange, mit tiefer innerer Hingabe, im Herzen meditieren.
Auf das erhabene Lächeln Haris, das den Tränenozean des heftigen Kummers aller demütigen Welten austrocknet, und auf den Bogen seiner Augenbrauen, durch seine eigene Māyā zur Bezauberung erschaffen, zum Wohle der Weisen gegen den mit dem Makara-Banner [den Liebesgott, gerichtet – auf all dies soll er meditieren].
Auf das für die Meditation zugängliche Lächeln, dessen Reihe feiner, jasminknospengleicher Zähne vom reichlichen Glanz der Unterlippe gerötet erscheint, soll er meditieren – auf Viṣṇu, der in der Höhle des eigenen Körpers weilt –, mit einem von liebevoller Hingabe durchtränkten Geist, und er soll nicht mehr verlangen, irgendetwas anderes zu sehen.
So, nachdem er Liebe zu Hari, dem Herrn, erlangt hat, sein Herz durch Hingabe schmelzend, mit sich sträubenden Haaren vor Freude, beständig überwältigt von einem Strom sehnsuchtsvoller Tränen, löst er allmählich auch diesen 'Angelhaken des Geistes' [das grobe Meditationsobjekt] von sich.
Wort für Wort
evam harau bhagavati pratilabdha-bhāvaḥ
so, nachdem er zu Hari, dem Herrn, Liebe erlangt hat
bhaktyā dravat-hṛdayaḥ utpulakaḥ pramodāt
durch Hingabe schmelzenden Herzens, mit sich sträubenden Haaren vor Freude
autkaṇṭhya-bāṣpa-kalayā muhuḥ ardyamānaḥ
beständig überwältigt von einem Strom sehnsuchtsvoller Tränen
tat ca api citta-baḍiśam śanakaiḥ viyuṅkte
und auch diesen Angelhaken des Geistes löst er allmählich
Wenn der Geist, an das Befreite Zuflucht nehmend, frei von Sinnesobjekten, entsagend, plötzlich zum Erlöschen gelangt wie eine verlöschende Flamme, dann erschaut die Person hier unmittelbar das eine Selbst, während der Strom der materiellen Erscheinungsweisen in ihr zur Ruhe gekommen ist.
Wort für Wort
mukta-āśrayam yarhi nirviṣayam viraktam
wenn, an das Befreite Zuflucht nehmend, frei von Objekten, entsagend
nirvāṇam ṛcchati manaḥ sahasā yathā arciḥ
der Geist plötzlich zum Erlöschen gelangt wie eine Flamme
ātmānam atra puruṣaḥ avyavadhānam ekam anvīkṣate
erschaut die Person hier unmittelbar das eine Selbst
pratinivṛtta-guṇa-pravāhaḥ
dessen Strom der Erscheinungsweisen zur Ruhe gekommen ist
Er, der durch dieses endgültige Aufhören des Geistes in jener [eigenen] Erhabenheit verweilt, jenseits von Lust und Leid, [erkennt, dass] die Ursächlichkeit für Lust und Leid in Wahrheit dem nicht-wirklichen [falschen] Handelnden [dem Ego] zugehört – er, der die höchste Grenze der Erkenntnis des Höchsten Selbst erlangt hat [?].
Wort für Wort
saḥ api etayā caramayā manasaḥ nivṛttyā
er, durch dieses endgültige Aufhören des Geistes
tasmin mahimni avasitaḥ sukha-duḥkha-bāhye
in jener Erhabenheit verweilend, jenseits von Lust und Leid
hetutvam api asati kartari duḥkhayoḥ yat
die Ursächlichkeit, die dem nicht-wirklichen Handelnden für die beiden (Lust/Leid) zugehört
sva-ātman vidhatte
dem eigenen Selbst zuschreibt/beilegt
upalabdha-para-ātma-kāṣṭhaḥ
der die höchste Grenze der Erkenntnis des Höchsten Selbst erlangt hat
[Anm.: Vers philosophisch sehr verdichtet und syntaktisch mehrdeutig (Bezug von 'vidhatte' auf 'sva-ātman' unklar); Übersetzung als beste Annäherung markiert [?].]
Und diesen Körper – ob er nun sitzt oder aufsteht – sieht der Vollendete nicht mehr als sein letztes eigentliches Selbst, da er seine wahre Gestalt erlangt hat; er betrachtet ihn wie ein Kleidungsstück, das durch Schicksal angelegt und wieder durch die Macht des Schicksals abgelegt wird – so wie ein vom Weinrausch Verblendeter [sein Gewand kaum bemerkt].
Wort für Wort
deham ca tam na caramaḥ sthitam utthitam vā
und diesen Körper, sitzend oder stehend, nicht als letztes (Selbst)
siddhaḥ vipaśyati yataḥ adhyagamat sva-rūpam
sieht der Vollendete, da er seine wahre Gestalt erlangt hat
daivāt upetam atha daiva-vaśāt apetam
durch Schicksal gekommen und durch die Macht des Schicksals gegangen
vāsaḥ yathā parikṛtam madirā-mada-andhaḥ
wie ein angelegtes Gewand, das ein vom Weinrausch Verblendeter (kaum bemerkt)
deho 'pi daiva-vaśagaḥ khalu karma yāvat
svārambhakaṁ pratisamīkṣata eva sāsuḥ
taṁ sa-prapañcam adhirūḍha-samādhi-yogaḥ
svāpnaṁ punar na bhajate pratibuddha-vastuḥ
Auch der Körper, dem Schicksal unterworfen, besteht mitsamt seinen Sinnen fort, solange das von ihm selbst begonnene Karma wirkt; doch wer zur Höhe des Samādhi-Yoga aufgestiegen und zum wahren Wesen erwacht ist, nimmt diesen Körper mitsamt seiner Entfaltung nicht wieder als sein eigen an – wie man nach dem Erwachen einen Traumkörper nicht mehr für real hält.
Wort für Wort
dehaḥ api daiva-vaśagaḥ khalu
auch der Körper, dem Schicksal unterworfen, wahrlich
karma yāvat sva-ārambhakam pratisamīkṣate eva sa-asuḥ
solange das von ihm selbst begonnene Karma wirkt, bleibt er mit den Lebenskräften bestehen
tam sa-prapañcam adhirūḍha-samādhi-yogaḥ
diesen mitsamt seiner Entfaltung, er, der zur Höhe des Samādhi-Yoga aufgestiegen ist
svāpnam punaḥ na bhajate pratibuddha-vastuḥ
nimmt nicht wieder als Traum(-Körper) an, zum wahren Wesen erwacht
yathā putrāc ca vittāc ca
pṛthaṅ martyaḥ pratīyate
apy ātmatvenābhimatād
dehādeḥ puruṣas tathā
Wie der Sterbliche, obwohl er Sohn und Vermögen als zu seinem eigenen Selbst gehörig erachtet, dennoch als von ihnen verschieden erkannt wird, so ist ebenso die wahre Person verschieden vom Körper und den übrigen äußeren Hüllen.
Wort für Wort
yathā putrāt ca vittāt ca
wie von seinem Sohn und von seinem Vermögen
pṛthak martyaḥ pratīyate
der Sterbliche als getrennt erkannt wird
api ātmatvena abhimatāt
obwohl als zum eigenen Selbst gehörig erachtet
deha-ādeḥ puruṣaḥ tathā
so die (wahre) Person vom Körper und den übrigen (Hüllen)
Wie das Feuer, obgleich Funke und Rauch, die von ihm selbst entstanden sind, als zu seinem eigenen Wesen gehörig erachtet werden, dennoch verschieden ist von der Fackel selbst –
– ebenso ist das Selbst, der reine Zeuge, der Erhabene, als Brahman bezeichnet, verschieden von den groben Elementen, den Sinnen und dem inneren Organ, verschieden von der Urmaterie, die als 'Jīva' bezeichnet wird.
Und er soll das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst erschauen, mit einer Haltung der Nicht-Verschiedenheit, so wie er in den Wesen auch dessen Wesenseinheit erblicken soll.
Wort für Wort
sarva-bhūteṣu ca ātmānam
und das Selbst in allen Wesen
sarva-bhūtāni ca ātmani
und alle Wesen im Selbst
īkṣeta ananya-bhāvena
er soll mit einer Haltung der Nicht-Verschiedenheit erschauen
Wie das Feuer, obwohl eines, in seinen verschiedenen Brennstoffen aufgrund der Ungleichheit der Eigenschaften der Brennstoffe verschieden erscheint, so erscheint auch das Selbst, das in der materiellen Natur weilt, verschieden.
Wort für Wort
sva-yoniṣu yathā jyotiḥ
wie das Feuer in seinen (verschiedenen) Ursprüngen/Brennstoffen
ekam nānā pratīyate
obwohl eines, verschieden erscheint
yonīnām guṇa-vaiṣamyāt
wegen der Ungleichheit der Eigenschaften der Brennstoffe
Deshalb, nachdem er diese seine eigene, göttliche, aus grobem und feinem Sein bestehende, schwer zu begreifende Natur überwunden hat, verweilt er in seiner eigenen wahren Gestalt.
Wort für Wort
tasmāt imām svām prakṛtim
deshalb diese seine eigene Natur
daivīm sat-asat-ātmikām
die göttliche, aus Sein und Nichtsein (grob und fein) bestehende