Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 10: kṛṣṇasya dvārakāgamanam Yudhiṣṭhiras Herrschaft und Kṛṣṇas Rückkehr nach Dvārakā

Unter Yudhiṣṭhiras vom Dharma geleiteter Herrschaft, gestützt auf Bhīṣmas und Kṛṣṇas Unterweisung, herrscht im Land eine Zeit idealen Wohlstands (reicher Regen, gedeihende Natur, Freiheit von Krankheit und Leid). Nach einigen Monaten in Hastinapura verabschiedet sich Kṛṣṇa von den tief betrübten Pāṇḍavas, um nach Dvārakā zurückzukehren; die Frauen der Stadt sehen ihm bewegt nach und führen ein philosophisch dichtes Gespräch über seine wahre, universale Identität als der eine Puruṣa jenseits und zugleich Ursprung aller Schöpfung. Das Kapitel schließt mit dem besorgten Yudhiṣṭhira, der Kṛṣṇa zu seinem Schutz ein Heer mitgibt, und Kṛṣṇas Rückkehr in seine eigene Stadt.

śaunaka uvāca | hatvā svarikthaspṛdha ātatāyino yudhiṣṭhiro dharmabhṛtāṃ variṣṭhaḥ | sahānujaiḥ pratyavaruddhabhojanaḥ kathaṃ pravṛttaḥ kimakāraṣīttataḥ

Śaunaka sprach: Nachdem er die Räuber seines Erbes, die todeswürdigen Angreifer, getötet hatte - er, Yudhiṣṭhira, der Beste der Dharma-Wahrer, dessen Genuss (des Königreichs bislang) zurückgehalten worden war - wie verfuhr er samt seinen jüngeren Brüdern weiter, was tat er danach?

Wort für Wort
śaunaka uvāca
Śaunaka sprach
hatvā svarikthaspṛdhaḥ ātatāyinaḥ
nachdem er die Räuber seines Erbes, die todeswürdigen Angreifer, getötet hatte
yudhiṣṭhiro dharmabhṛtāṃ variṣṭhaḥ
Yudhiṣṭhira, der Beste der Dharma-Wahrer
sahānujaiḥ pratyavaruddhabhojanaḥ
dessen Genuss (des Reichs) zurückgehalten worden war, samt seinen jüngeren Brüdern
kathaṃ pravṛttaḥ kim akāraṣīt tataḥ
wie verfuhr er, was tat er danach

[Anm.: Beginn von Adhyāya 10 mit Śaunakas erneuter Rahmenfrage an Sūta.]

sūta uvāca | vaṃśaṃ kurorvaṃśadavāgninirhṛtaṃ saṃrohayitvā bhavabhāvano hariḥ | niveśayitvā nijarājya īśvaro yudhiṣṭhiraṃ prītamanā babhūva ha

Sūta sprach: Nachdem Hari, der Urheber allen Werdens, das Geschlecht Kurus, das vom Feuer des Geschlechterstreits vernichtet worden war, wieder hatte emporwachsen lassen, und ihn, Yudhiṣṭhira, in sein eigenes Königreich eingesetzt hatte, war der Herr wahrlich frohen Sinnes.

Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
vaṃśaṃ kuroḥ vaṃśadavāgninirhṛtam
das Geschlecht Kurus, das vom Feuer des Geschlechterstreits vernichtet worden war
saṃrohayitvā bhavabhāvano hariḥ
nachdem Hari, der Urheber allen Werdens, (es) hatte emporwachsen lassen
niveśayitvā nijarājya īśvaraḥ
nachdem der Herr ihn in sein eigenes Königreich eingesetzt hatte
yudhiṣṭhiraṃ prītamanā babhūva ha
war er wahrlich frohen Sinnes

niśamya bhīṣmoktamathācyutoktaṃ pravṛttavijñānavidhūtavibhramaḥ | śaśāsa gāmindra ivājitāśrayaḥ paridhyupāntāmanujānuvartitaḥ

Nachdem er das von Bhīṣma Gesagte und das vom Unfehlbaren (Kṛṣṇa) Gesagte vernommen hatte, seine Verwirrung durch die entstandene Erkenntnis abgeschüttelt, beherrschte er die bis zum Rand (des Meeres) reichende Erde - wie Indra, gestützt auf den Unbesiegten - begleitet von seinen jüngeren Brüdern.

Wort für Wort
niśamya bhīṣmoktam atha acyutoktam
nachdem er das von Bhīṣma und das vom Unfehlbaren (Kṛṣṇa) Gesagte vernommen hatte
pravṛttavijñānavidhūtavibhramaḥ
seine Verwirrung durch die (so) entstandene Erkenntnis abgeschüttelt
śaśāsa gām indra iva ajitāśrayaḥ
beherrschte er die Erde, wie Indra, gestützt auf den Unbesiegten
paridhyupāntām anujānuvartitaḥ
die bis zum Rand reichende (Erde), begleitet von seinen jüngeren Brüdern

kāmaṃ vavarṣa parjanyaḥ sarvakāmadughā mahī | siṣicuḥ sma vrajān gāvaḥ payasodhasvatīrmudā

Nach Belieben regnete Parjanya, der Regengott; die alle Wünsche erfüllende Erde (gedieh); die Kühe befeuchteten mit Freude die Weideplätze mit Milch, die Euter voll.

Wort für Wort
kāmaṃ vavarṣa parjanyaḥ
nach Belieben regnete Parjanya (der Regengott)
sarvakāmadughā mahī
die alle Wünsche erfüllende Erde
siṣicuḥ sma vrajān gāvaḥ
die Kühe befeuchteten die Weideplätze
payasā ūdhasvatīḥ mudā
mit Milch, die Euter voll, mit Freude

nadyaḥ samudrā girayaḥ savanaspativīrudhaḥ | phalantyoṣadhayaḥ sarvāḥ kāmamanvṛtu tasya vai

Flüsse, Meere, Berge samt Bäumen und Kletterpflanzen, alle Heilkräuter trugen Früchte, jeweils zur rechten Jahreszeit, unter ihm.

Wort für Wort
nadyaḥ samudrā girayaḥ
Flüsse, Meere, Berge
savanaspati-vīrudhaḥ
samt Bäumen und Kletterpflanzen
phalanti oṣadhayaḥ sarvāḥ
alle Heilkräuter trugen Früchte
kāmam anvṛtu tasya vai
nach Belieben, zur (jeweils rechten) Jahreszeit, unter ihm

nādhayo vyādhayaḥ kleśā daivabhūtātmahetavaḥ | ajātaśatrāvabhavan jantūnāṃ rājñi karhicit

Weder seelische Nöte noch Krankheiten noch Leiden, verursacht durch göttliche, elementare oder eigene körperliche Ursachen, entstanden unter den Geschöpfen, solange Ajātaśatru (Yudhiṣṭhira) König war.

Wort für Wort
na ādhayo vyādhayaḥ kleśāḥ
weder seelische Nöte noch Krankheiten noch Leiden
daiva-bhūta-ātma-hetavaḥ
verursacht durch göttliche, elementare oder eigene (körperliche) Ursachen
ajātaśatrau abhavan jantūnām
entstanden unter den Geschöpfen, solange Ajātaśatru (König war)
rājñi karhicit
(solange er) König war, jemals

uṣitvā hāstinapure māsān katipayān hariḥ | suhṛdāṃ ca viśokāya svasuśca priyakāmyayā

Nachdem Hari einige Monate in Hastinapura verweilt hatte, um seine Freunde von ihrem Kummer zu befreien und aus Liebe zu seiner Schwester (Subhadrā),

Wort für Wort
uṣitvā hāstinapure
nachdem er in Hastinapura verweilt hatte
māsān katipayān hariḥ
Hari (verweilte) einige Monate
suhṛdāṃ ca viśokāya
um seine Freunde von ihrem Kummer zu befreien
svasuḥ ca priyakāmyayā
und aus Liebe zu seiner Schwester (Subhadrā)

āmantrya cābhyanujñātaḥ pariṣvajyābhivādya tam | āruroha rathaṃ kaiścitpariṣvakto 'bhivāditaḥ

verabschiedete er sich, und von ihm entlassen, umarmte und verehrte er ihn; er bestieg den Wagen, von manchen umarmt, von anderen verehrt.

Wort für Wort
āmantrya ca abhyanujñātaḥ
er verabschiedete sich, und (von ihm) entlassen
pariṣvajya abhivādya tam
umarmte und verehrte er ihn
āruroha ratham
er bestieg den Wagen
kaiścit pariṣvaktaḥ abhivāditaḥ
von manchen umarmt, (von anderen) verehrt

subhadrā draupadī kuntī virāṭatanayā tathā | gāndhārī dhṛtarāṣṭraśca yuyutsurgautamo yamau

Subhadrā, Draupadī, Kuntī, ebenso die Tochter Virāṭas (Uttarā), Gāndhārī und Dhṛtarāṣṭra, Yuyutsu, Gautama (Kṛpa) und die Zwillinge (Nakula und Sahadeva),

Wort für Wort
subhadrā draupadī kuntī
Subhadrā, Draupadī, Kuntī
virāṭatanayā tathā
ebenso die Tochter Virāṭas (Uttarā)
gāndhārī dhṛtarāṣṭraḥ ca
Gāndhārī und Dhṛtarāṣṭra
yuyutsuḥ gautamo yamau
Yuyutsu, Gautama (Kṛpa) und die Zwillinge

vṛkodaraśca dhaumyaśca striyo matsyasutādayaḥ | na sehire vimuhyanto virahaṃ śārṅgadhanvanaḥ

Vṛkodara (Bhīma) und Dhaumya, sowie die Frauen mit der Tochter des Matsya(-Königs, Uttarā) an der Spitze - sie ertrugen, von Bestürzung überwältigt, die Trennung vom Träger des Śārṅga-Bogens (Kṛṣṇa) nicht.

Wort für Wort
vṛkodaraḥ ca dhaumyaḥ ca
Vṛkodara (Bhīma) und Dhaumya
striyo matsyasutādayaḥ
die Frauen mit der Tochter des Matsya(-Königs) an der Spitze
na sehire vimuhyantaḥ
sie ertrugen es nicht, von Bestürzung überwältigt
virahaṃ śārṅgadhanvanaḥ
die Trennung vom Träger des Śārṅga-Bogens (Kṛṣṇa)

satsaṅgānmuktaduḥsaṅgo hātuṃ notsahate budhaḥ | kīrtyamānaṃ yaśo yasya sakṛdākarṇya rocanam

Ein Weiser, der durch heiligen Umgang von schlechtem Umgang befreit ist, vermag es nicht, den aufzugeben, dessen gepriesenen, erfreulichen Ruhm er auch nur einmal gehört hat -

Wort für Wort
satsaṅgāt muktaduḥsaṅgo
(ein Weiser,) der durch heiligen Umgang von schlechtem Umgang befreit ist
hātuṃ na utsahate budhaḥ
vermag es nicht, (ihn) aufzugeben, der Weise
kīrtyamānaṃ yaśo yasya
dessen gepriesenen Ruhm
sakṛt ākarṇya rocanam
auch nur einmal gehört, erfreulich (klingend)

tasminnyastadhiyaḥ pārthāḥ saheranvirahaṃ katham | darśanasparśasaṃlāpaśayanāsanabhojanaiḥ

wie hätten da die Söhne Pṛthās, deren Denken ganz auf ihn gerichtet war, die Trennung ertragen können - die Trennung vom Sehen, Berühren, gemeinsamen Reden, Ruhen, Sitzen und Speisen mit ihm?

Wort für Wort
tasmin nyastadhiyaḥ pārthāḥ
die Söhne Pṛthās, deren Denken auf ihn gerichtet war
saheran virahaṃ katham
wie hätten sie die Trennung ertragen können
darśana-sparśa-saṃlāpa
vom Sehen, Berühren, gemeinsamen Reden
śayana-āsana-bhojanaiḥ
vom Ruhen, Sitzen und Speisen (mit ihm)

sarve te 'nimiṣairakṣaistamanudrutacetasaḥ | vīkṣantaḥ snehasambaddhā viceluḥ tatra tatra ha

Sie alle, mit unbewegten Augen, ihm mit fortstürzendem Herzen folgend, ihn betrachtend, durch Zuneigung verbunden, bewegten sich hierhin und dorthin.

Wort für Wort
sarve te animiṣaiḥ akṣaiḥ
sie alle mit unbewegten Augen
tam anu drutacetasaḥ
ihm mit fortstürzendem Herzen (folgend)
vīkṣantaḥ snehasambaddhāḥ
ihn betrachtend, durch Zuneigung verbunden
viceluḥ tatra tatra ha
bewegten sich hierhin und dorthin

nyarundhannudgaladbāṣpamautkaṇṭhyāddevakīsute | niryātyagārānno 'bhadramiti syādbāndhavastriyaḥ

Sie unterdrückten die vor Sehnsucht hervorquellenden Tränen beim Abschied vom Sohn der Devakī, denn 'wenn wir weinend aus dem Haus gehen, könnte es Unglück bedeuten' - so dachten die Frauen der Verwandtschaft.

Wort für Wort
nyarundhan udgalad bāṣpam
sie unterdrückten die hervorquellenden Tränen
autkaṇṭhyāt devakīsute
aus Sehnsucht, beim (Abschied vom) Sohn der Devakī
niryāti agārāt naḥ abhadram iti syāt
'wenn wir aus dem Haus gehen (weinend), könnte es für uns Unglück bedeuten'
bāndhavastriyaḥ
so (dachten) die Frauen der Verwandtschaft

mṛdaṅgaśaṅkhabheryaśca vīṇāpaṇavagomukhāḥ | dhundhuryānakaghaṇṭādyā nedurdundubhayastathā

Mṛdaṅga-Trommeln, Muschelhörner, Kriegstrommeln, Vīṇās, Handtrommeln und Gomukha-Hörner, Dhundhurī-, Ānaka- und Glockeninstrumente ertönten, ebenso die Kesselpauken.

Wort für Wort
mṛdaṅga-śaṅkha-bheryaḥ ca
Mṛdaṅga-Trommeln, Muschelhörner, Kriegstrommeln
vīṇā-paṇava-gomukhāḥ
Vīṇās, Handtrommeln, Gomukha-Hörner
dhundhury-ānaka-ghaṇṭādyāḥ
Dhundhurī-, Ānaka- und Glockeninstrumente
nedur dundubhayaḥ tathā
ertönten, ebenso die Kesselpauken

prāsādaśikharārūḍhāḥ kurunāryo didṛkṣayā | vavṛṣuḥ kusumaiḥ kṛṣṇaṃ premavrīḍāsmitekṣaṇāḥ

Die Kuru-Frauen, auf die Palastdächer gestiegen, aus Verlangen ihn zu sehen, ließen Blumen auf Kṛṣṇa herabregnen, mit von Liebe, Scham und Lächeln erfüllten Blicken.

Wort für Wort
prāsādaśikharārūḍhāḥ kurunāryaḥ
die Kuru-Frauen, auf die Palastdächer gestiegen
didṛkṣayā
aus Verlangen (ihn) zu sehen
vavṛṣuḥ kusumaiḥ kṛṣṇam
ließen Blumen auf Kṛṣṇa herabregnen
prema-vrīḍā-smita-īkṣaṇāḥ
mit von Liebe, Scham und Lächeln erfüllten Blicken

sitātapatraṃ jagrāha muktādāmavibhūṣitam | ratnadaṇḍaṃ guḍākeśaḥ priyaḥ priyatamasya ha

Den weißen Sonnenschirm, mit einer Perlenschnur geschmückt, mit einem Edelsteinstab, ergriff Guḍākeśa (Arjuna), der Liebste, für seinen Liebsten.

Wort für Wort
sitātapatraṃ jagrāha
den weißen Sonnenschirm ergriff (er)
muktādāmavibhūṣitam
mit einer Perlenschnur geschmückt
ratnadaṇḍaṃ guḍākeśaḥ
mit einem Edelsteinstab, Guḍākeśa (Arjuna)
priyaḥ priyatamasya ha
der Liebste für seinen Liebsten

uddhavaḥ sātyakiścaiva vyajane paramādbhute | vikīryamāṇaḥ kusumai reje madhupatiḥ pathi

Uddhava und Sātyaki fächelten mit den beiden wunderbaren Fächern; von Blumen überschüttet, erstrahlte der Herr der Madhus (Kṛṣṇa) auf dem Weg.

Wort für Wort
uddhavaḥ sātyakiḥ ca eva
Uddhava und Sātyaki
vyajane paramādbhute
(fächelten mit) den beiden wunderbaren Fächern
vikīryamāṇaḥ kusumaiḥ
von Blumen überschüttet
reje madhupatiḥ pathi
erstrahlte der Herr der Madhus auf dem Weg

aśrūyantāśiṣaḥ satyāstatra tatra dvijeritāḥ | nānurūpānurūpāśca nirguṇasya guṇātmanaḥ

Dort und da wurden wahrhafte Segenswünsche gehört, von Brahmanen ausgesprochen - Wünsche, die dem eigenschaftslosen und zugleich aus Eigenschaften bestehenden Herrn bald nicht angemessen, bald angemessen erschienen.

Wort für Wort
aśrūyanta āśiṣaḥ satyāḥ
es wurden wahrhafte Segenswünsche gehört
tatra tatra dvijeritāḥ
dort und da, von Brahmanen ausgesprochen
na anurūpa anurūpāḥ ca
bald nicht angemessen, (bald) angemessen
nirguṇasya guṇātmanaḥ
dem eigenschaftslosen und (zugleich) aus Eigenschaften bestehenden (Herrn)

[Anm.: Die Segenswünsche der Brahmanen gelten gewöhnlichen Menschen und passen daher - so die theologische Pointe - zugleich nicht und doch (paradox) an auf den, der jenseits aller Eigenschaften (nirguṇa) und doch deren Träger (guṇātman) ist.]

anyonyamāsītsañjalpa uttamaślokacetasām | kauravendrapurastrīṇāṃ sarvaśrutimanoharaḥ

Ein Gespräch entstand untereinander, unter den Frauen der Kuru-Herrscherstadt, deren Sinn auf den Preisgesungenen (Kṛṣṇa) gerichtet war - ein Gespräch, das jedes Ohr bezauberte:

Wort für Wort
anyonyam āsīt sañjalpaḥ
ein Gespräch entstand untereinander
uttamaślokacetasām
deren Sinn auf den Preisgesungenen (Kṛṣṇa) gerichtet war
kauravendra-pura-strīṇām
unter den Frauen der Kuru-Herrscherstadt
sarvaśrutimanoharaḥ
das jedes Ohr bezauberte

sa vai kilāyaṃ puruṣaḥ purātano ya eka āsīdaviśeṣa ātmani | agre guṇebhyo jagadātmanīśvare nimīlitātmanniśi suptaśaktiṣu

'Dieser hier ist wahrlich jener uralte Puruṣa, der der Eine war, undifferenziert im bloßen Selbst, vor der Entfaltung der Guṇas, in der Weltseele, dem Herrn, mit geschlossenem Selbst, in der Nacht, während alle Kräfte schliefen.

Wort für Wort
sa vai kila ayaṃ puruṣaḥ purātanaḥ
dieser hier ist wahrlich jener uralte Puruṣa
yaḥ ekaḥ āsīt aviśeṣa ātmani
der der Eine war, undifferenziert im (bloßen) Selbst
agre guṇebhyo jagadātmani īśvare
vor (der Entfaltung) der Guṇas, in der Weltseele, dem Herrn
nimīlitātman niśi suptaśaktiṣu
mit geschlossenem Selbst, in der Nacht, während (alle) Kräfte schliefen

[Anm.: Beginn des philosophisch dichten Gesprächs der Kuru-Frauen über Kṛṣṇas kosmische Identität (V.21-24) - eine Kosmogonie in nuce.]

sa eva bhūyo nijavīryacoditāṃ svajīvamāyāṃ prakṛtiṃ sisṛkṣatīm | anāmarūpātmani rūpanāmanī vidhitsamāno 'nusasāra śāstrakṛt

Er selbst, wieder von seiner eigenen Kraft angetrieben, wandte sich der schöpfungswilligen eigenen Lebens-Māyā, der Prakṛti, zu; im zunächst namen- und gestaltlosen Selbst Gestalt und Namen zu verleihen begehrend, folgte er dem eigenen Plan, der Schöpfer der heiligen Lehrschriften.

Wort für Wort
sa eva bhūyaḥ nijavīryacoditām
er selbst, wieder von seiner eigenen Kraft angetrieben
svajīvamāyāṃ prakṛtiṃ sisṛkṣatīm
der schöpfungswilligen eigenen Lebens-Māyā, der Prakṛti
anāmarūpātmani rūpanāmanī vidhitsamānaḥ
im (zunächst) namen- und gestaltlosen (Selbst) Gestalt und Namen zu verleihen begehrend
anusasāra śāstrakṛt
folgte er (seinem Plan), der Schöpfer der Lehrschriften

sa vā ayaṃ yatpadamatra sūrayo jitendriyā nirjitamātariśvanaḥ | paśyanti bhaktyutkalitāmalātmanā nanveṣa sattvaṃ parimārṣṭumarhati

Dieser hier ist wahrlich derselbe, dessen Fußstellung hier die sinnesbeherrschten Weisen, die selbst den Windgott (an Schnelligkeit) übertroffen haben, mit durch Hingabe geläuterter, makelloser Seele erblicken - fürwahr, er allein vermag das Sattva rein zu erhalten.

Wort für Wort
sa vā ayaṃ yatpadam atra
dieser hier ist wahrlich (derselbe), dessen Fuß(-Stellung) hier
sūrayo jitendriyāḥ nirjitamātariśvanaḥ
die sinnesbeherrschten Weisen, die den Windgott übertroffen haben
paśyanti bhaktyutkalitāmalātmanā
erblicken mit durch Hingabe geläuterter, makelloser Seele
nanu eṣa sattvaṃ parimārṣṭum arhati
fürwahr, er (allein) vermag das Sattva rein zu erhalten

sa vā ayaṃ sakhyanugītasatkatho vedeṣu guhyeṣu ca guhyavādibhiḥ | ya eka īśo jagadātmalīlayā sṛjatyavatyatti na tatra sajjate

Dieser hier ist wahrlich derselbe, dessen heilige Geschichte, o Freundin, in den geheimen Veden von den Kennern des Geheimen besungen wird - er, der eine Herr, der durch das Spiel seines eigenen Selbst die Welt erschafft, erhält und wieder verzehrt, ohne dabei je selbst daran zu haften.'

Wort für Wort
sa vā ayaṃ sakhi anugītasatkathaḥ
dieser hier ist wahrlich derselbe, o Freundin, dessen heilige Geschichte besungen wird
vedeṣu guhyeṣu ca guhyavādibhiḥ
in den geheimen Veden, von den Kennern des Geheimen
ya ekaḥ īśo jagadātmalīlayā
er, der eine Herr, durch das Spiel seines eigenen Selbst
sṛjati avati atti na tatra sajjate
erschafft, erhält, verzehrt (die Welt), ohne (dabei je) daran zu haften

yadā hyadharmeṇa tamodhiyo nṛpā jīvanti tatraiṣa hi sattvataḥ kila | dhatte bhagaṃ satyamṛtaṃ dayāṃ yaśo bhavāya rūpāṇi dadhadyuge yuge

Wann immer Könige von finsterer Gesinnung durch Unrecht herrschend leben, dann nimmt er, eben durch das reine Sattva, Glanz, Wahrheit, Rechtschaffenheit, Erbarmen und Ruhm an, indem er, für das Wohlergehen der Welt, Gestalt um Gestalt annimmt, Zeitalter um Zeitalter.

Wort für Wort
yadā hi adharmeṇa tamodhiyo nṛpāḥ jīvanti
wann immer Könige von finsterer Gesinnung durch Unrecht (herrschend) leben
tatra eṣa hi sattvataḥ kila
dann (nimmt) er, eben durch das (reine) Sattva
dhatte bhagaṃ satyam ṛtaṃ dayāṃ yaśo
Glanz, Wahrheit, Rechtschaffenheit, Erbarmen und Ruhm an
bhavāya rūpāṇi dadhat yuge yuge
für das Wohlergehen (der Welt) Gestalt um Gestalt annehmend, Zeitalter um Zeitalter

aho alaṃ ślāghyatamaṃ yadoḥ kulamaho alaṃ puṇyatamaṃ madhorvanam | yadeṣa puṃsāmṛṣabhaḥ śriyaḥ patiḥ svajanmanā caṅkramaṇena cāñcati

Ach, wie überaus preisenswert ist das Geschlecht der Yadus, ach, wie überaus heilig ist der Wald des Madhu - dass dieser hier, der Stier unter den Menschen, der Gemahl der Glücksgöttin, ihn durch seine eigene Geburt und sein Umherwandeln schmückt!

Wort für Wort
aho alaṃ ślāghyatamaṃ yadoḥ kulam
ach, wie überaus preisenswert ist das Geschlecht der Yadus
aho alaṃ puṇyatamaṃ madhoḥ vanam
ach, wie überaus heilig ist der Wald des Madhu
yat eṣa puṃsām ṛṣabhaḥ śriyaḥ patiḥ
dass dieser hier, der Stier unter den Menschen, der Gemahl der Glücksgöttin
svajanmanā caṅkramaṇena ca añcati
(ihn) durch seine eigene Geburt und sein Umherwandeln schmückt

aho bata svaryaśasastiraskarī kuśasthalī puṇyayaśaskarī bhuvaḥ | paśyanti nityaṃ yadanugraheṣitaṃ smitāvalokaṃ svapatiṃ sma yatprajāḥ

Ach fürwahr, den himmlischen Ruhm übertreffend, macht Kuśasthalī (Dvārakā) die Erde heilig und ruhmreich - das Land, dessen Bewohner ständig seinen gnädig-wohlwollenden, lächelnden Blick sehen, ihn, ihren eigenen Gemahl.

Wort für Wort
aho bata svaryaśasaḥ tiraskarī
ach fürwahr, den himmlischen Ruhm übertreffend
kuśasthalī puṇyayaśaskarī bhuvaḥ
macht Kuśasthalī (Dvārakā) die Erde heilig und ruhmreich
paśyanti nityaṃ yat anugraheṣitam
dessen (Bewohner) ständig den gnädig-wohlwollenden (Blick) sehen
smitāvalokaṃ svapatiṃ sma yatprajāḥ
den lächelnden Blick, ihren eigenen Gemahl - (das ist) dessen Bewohnerschaft

nūnaṃ vratasnānahutādineśvaraḥ samarcito hyasya gṛhītapāṇibhiḥ | pibanti yāḥ sakhyadharāmṛtaṃ muhurvrajastriyaḥ sammumuhuryadāśayāḥ

Gewiss haben sie durch Gelübde, rituelle Bäder, Feueropfer und dergleichen den Herrn verehrt - sie, deren Hand er ergriffen hat, die, o Freundin, immer wieder den Nektar seiner Lippen trinken, jene Frauen von Vraja, die schon damals vor Sehnsucht nach ihm hinschmolzen.

Wort für Wort
nūnaṃ vrata-snāna-huta-ādinā īśvaraḥ samarcitaḥ
gewiss haben sie durch Gelübde, rituelle Bäder, Feueropfer und dergleichen den Herrn verehrt
hi asya gṛhītapāṇibhiḥ
sie, deren Hand er ergriffen hat
pibanti yāḥ sakhi adharāmṛtaṃ muhuḥ
die, o Freundin, immer wieder den Nektar seiner Lippen trinken
vrajastriyaḥ sammumuhuḥ yadāśayāḥ
jene Frauen von Vraja, die (schon damals) vor Sehnsucht (nach ihm) hinschmolzen

yā vīryaśulkena hṛtāḥ svayaṃvare pramathya caidyapramukhān hi śuṣmiṇaḥ | pradyumnasāmbāmbasutādayo 'parā yāścāhṛtā bhaumavadhe sahasraśaḥ

und die, die im Svayaṃvara als Preis für seine Tapferkeit gewonnen wurden, nachdem er Śiśupāla, den Fürsten von Cedi, und andere Übermütige besiegt hatte; und die anderen, die Mütter von Pradyumna, Sāmba und der Tochter Ambās und weiterer, und die, die bei der Tötung des Bhauma (Narakāsura) zu Tausenden befreit wurden -

Wort für Wort
yā vīryaśulkena hṛtāḥ svayaṃvare
die, die im Svayaṃvara als Preis für (seine) Tapferkeit gewonnen wurden
pramathya caidyapramukhān hi śuṣmiṇaḥ
nachdem er Śiśupāla (den Fürsten von Cedi) und andere Übermütige besiegt hatte
pradyumna-sāmba-amba-suta-ādayaḥ aparāḥ
und die anderen, die Mütter von Pradyumna, Sāmba, der Tochter Ambās und weiterer
yāḥ ca āhṛtā bhaumavadhe sahasraśaḥ
und die, die bei der Tötung des Bhauma (Narakāsura) zu Tausenden befreit wurden

etāḥ paraṃ strītvamapāstapeśalaṃ nirastaśaucaṃ bata sādhu kurvate | yāsāṃ gṛhātpuṣkaralocanaḥ patirna jātvapaityāhṛtibhirhṛdi spṛśan

diese Frauen allein verwirklichen recht eigentlich die höchste Weiblichkeit, sonst unerreicht an Anmut und - fürwahr - als unrein geltend, aus deren Haus der Lotosäugige Gemahl niemals fortgeht, sie im Herzen berührend durch seine immer erneuten Zuwendungen.

Wort für Wort
etāḥ paraṃ strītvam
diese (Frauen allein verwirklichen) die höchste Weiblichkeit
apāstapeśalaṃ nirastaśaucaṃ bata sādhu kurvate
(sonst) unerreicht an Anmut, als unrein geltend - fürwahr, sie verwirklichen (sie) recht eigentlich
yāsāṃ gṛhāt puṣkaralocanaḥ patiḥ
aus deren Haus der Lotosäugige Gemahl
na jātu apaiti āhṛtibhiḥ hṛdi spṛśan
niemals fortgeht, sie im Herzen berührend durch (seine) Zuwendungen

[Anm.: Ein paradox formulierter Vers: die 'sonst als unvollkommen/unrein geltende' Weiblichkeit dieser Frauen (Kṛṣṇas zahlreicher Gemahlinnen) wird gerade dadurch zur höchsten erhoben, dass er sie nie wirklich verlässt.]

evaṃvidhā gadantīnāṃ sa giraḥ purayoṣitām | nirīkṣaṇenābhinandan sasmitena yayau hariḥ

Als er solcherart Reden der Frauen der Stadt vernommen hatte, zog Hari, sie mit einem Blick und einem Lächeln begrüßend, davon.

Wort für Wort
evaṃvidhāḥ gadantīnāṃ
als (er) solcherart (Reden), die (sie) sprachen
sa giraḥ purayoṣitām
jene Worte der Frauen der Stadt (vernommen hatte)
nirīkṣaṇena abhinandan sasmitena
sie mit einem Blick und einem Lächeln begrüßend
yayau hariḥ
zog Hari davon

ajātaśatruḥ pṛtanāṃ gopīthāya madhudviṣaḥ | parebhyaḥ śaṅkitaḥ snehātprāyuṅkta caturaṅgiṇīm

Ajātaśatru (Yudhiṣṭhira), aus Zuneigung besorgt, der Feind des Madhu (Kṛṣṇa) könnte von Feinden bedroht sein, setzte ein vierteiliges Heer ein, um ihn zu beschützen.

Wort für Wort
ajātaśatruḥ pṛtanāṃ
Ajātaśatru (setzte) ein Heer (ein)
gopīthāya madhudviṣaḥ
zum Schutz des Feindes des Madhu (Kṛṣṇa)
parebhyaḥ śaṅkitaḥ snehāt
aus Zuneigung besorgt (er könnte) von Feinden (bedroht sein)
prāyuṅkta caturaṅgiṇīm
setzte er ein vierteiliges Heer ein

atha dūrāgatān śauriḥ kauravān virahāturān | sannivartya dṛḍhaṃ snigdhān prāyātsvanagarīṃ priyaiḥ

Da nun, nachdem der Sohn Śūras (Kṛṣṇa) die von weither gekommenen, von der Trennung gequälten Kauravas, die ihm doch sehr zugetan waren, mit fester Bitte hatte umkehren lassen, zog er mit seinen Lieben zu seiner eigenen Stadt (Dvārakā).

Wort für Wort
atha dūrāgatān śauriḥ
da nun (ließ) der Sohn Śūras (Kṛṣṇa) die von weither Gekommenen
kauravān virahāturān
die Kauravas, von der Trennung gequälten
sannivartya dṛḍhaṃ snigdhān
mit fester Bitte umkehren, die (ihm) sehr zugetan waren
prāyāt svanagarīṃ priyaiḥ
zog er mit seinen Lieben zu seiner eigenen Stadt

[Anm.: Kapitelschluss - Kṛṣṇas Rückkehr nach Dvārakā; Adhyāya 11 setzt dort mit seinem Einzug fort.]

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