Kapitel 5: nāradopadeśaḥ
Nāradas Ermahnung an Vyāsa und die Erzählung von Nāradas eigenem Vorleben
Dieses zentrale Kapitel enthält Nāradas Diagnose von Vyāsas Unzufriedenheit: er habe zwar Dharma, Artha, Kāma und sogar das unpersönliche Brahman behandelt, nicht aber ausführlich die Herrlichkeit Vāsudevas und die Bhāgavata-Dharmas (V.8-22, darin die berühmten "Krähen-Tränke"- und "unkorrekte-Verse"-Verse V.10-11 zur Rechtfertigung von Bhakti-Dichtung). Es folgt Nāradas ausführliche Erzählung seines eigenen Vorlebens als Dienerknabe frommer Weiser, seine dadurch erwachte Bhakti und der Empfang des geheimen Wissens von ihnen (V.23-31, inkl. des Catur-vyūha-Mantras V.37), sowie die abschließende, an Vyāsa gerichtete Aufforderung, nun selbst die Herrlichkeit des Erhabenen zu verkünden (V.40) - der unmittelbare Anstoß zur Komposition des Bhāgavata-Purāṇa.
{Sūta sprach:} Da sprach, zu ihm [Vyāsa], der bequem saß, der Götterweise von großem Ruhm, die Vīṇā in der Hand, wie lächelnd, zu dem Weisen-Brahmanen.
jijñāsitaṃ susampannam api te mahad adbhutam / kṛtavān bhārataṃ yas tvaṃ sarvārthaparibṛṃhitam //
Wohlvollendet ist [nun] das große, wundersame [Werk], das du zu erkennen suchtest, du, der das Bhārata verfasst hat, das mit allen [menschlichen] Zielen angereichert ist.
asty eva me sarvam idaṃ tvayoktaṃ tathāpi nātmā parituṣyate me / tanmūlam avyaktam agādhabodhaṃ pṛcchāmahe tvātmabhavātmabhūtam //
{Vyāsa sprach:} All das, was du gesagt hast, trifft für mich fürwahr zu; dennoch ist mein Selbst nicht zufrieden. Ich frage dich nach jener Wurzel [meiner Unzufriedenheit], dem Unmanifesten, von unergründlicher Erkenntnis, das selbst der Ursprung meines [eigenen] Selbst ist.
Wort für Wort
asty eva me sarvam idam tvayā uktam
all das, was du gesagt hast, trifft für mich fürwahr zu
tathāpi na ātmā parituṣyate me
dennoch ist mein Selbst nicht zufrieden
tanmūlam avyaktam agādhabodham
nach jener Wurzel, dem Unmanifesten, von unergründlicher Erkenntnis
sa vai bhavān veda samastaguhyam upāsito yat puruṣaḥ purāṇaḥ / parāvareśo manasaiva viśvaṃ sṛjaty avaty atti guṇair asaṅgaḥ //
Du fürwahr kennst alle Geheimnisse, da von dir der uralte Puruṣa verehrt wurde, der Herr des Höheren und Niederen, der durch bloßes Denken das Universum erschafft, erhält [und] verzehrt, unberührt von den [materiellen] Eigenschaften.
Wort für Wort
sa vai bhavān veda samastaguhyam
du fürwahr kennst alle Geheimnisse
upāsito yat puruṣaḥ purāṇaḥ
da der uralte Puruṣa verehrt wurde [von dir]
parāvareśo manasaiva viśvam
der Herr des Höheren/Niederen, durch bloßes Denken das Universum
sṛjaty avaty atti guṇair asaṅgaḥ
erschafft, erhält, verzehrt, unberührt von den Eigenschaften
tvaṃ paryaṭann arka iva trilokīm antaścaro vāyur ivātmasākṣī / parāvare brahmaṇi dharmato vrataiḥ snātasya me nyūnam alaṃ vicakṣva //
Du, die drei Welten durchwandernd wie die Sonne, im Inneren wandelnd wie der Wind, Selbst-Zeuge - zeige mir doch deutlich, was mir fehlt, der ich durch Dharma und Gelübde im höheren und niederen Brahman [gleichsam] gebadet bin.
Wort für Wort
tvaṃ paryaṭann arka iva trilokīm
du, die drei Welten durchwandernd wie die Sonne
antaścaro vāyur iva ātmasākṣī
im Inneren wandelnd wie der Wind, Selbst-Zeuge
parāvare brahmaṇi dharmato vrataiḥ snātasya me
mir, der im höheren/niederen Brahman durch Dharma/Gelübde gebadet ist
{Śrī-Nārada sprach:} Von dir ist der makellose Ruhm des Erhabenen fast ungesungen geblieben; eben dadurch, meine ich, wird jenes [dein] Erschauen unvollständig [bleiben, und] eben deshalb ist [dein Selbst] nicht zufrieden.
Wort für Wort
bhavatā anuditaprāyaṃ yaśo bhagavato 'malam
von dir ist der makellose Ruhm des Erhabenen fast ungesungen geblieben
yathā dharmādayaś cārthā munivaryānukīrtitāḥ / na tathā vāsudevasya mahimā hy anuvarṇitaḥ //
So wie Dharma und die anderen [menschlichen] Ziele von dir, bestem der Weisen, gepriesen wurden, so ist die Herrlichkeit Vāsudevas nicht in gleicher Weise beschrieben worden.
na yad vacaś citrapadaṃ hareryaśo jagatpavitraṃ pragṛṇīta karhicit / tad vāyasaṃ tīrtham uśanti mānasā na yatra haṃsā niramanty uśikkṣayāḥ //
Jene Rede, deren kunstvolle Worte niemals den weltreinigenden Ruhm Haris besingen - jene halten die Weisen [wörtl.: die 'Mänasa'-[Schwäne]] für eine Krähen-Tränke, an der die [wahren] Schwäne, in reiner Wonne wohnend, sich nicht erfreuen.
Wort für Wort
na yad vacaś citrapadam
jene Rede, deren Worte kunstvoll
hareryaśo jagatpavitraṃ pragṛṇīta karhicit
niemals den weltreinigenden Ruhm Haris besingt
tad vāyasaṃ tīrtham uśanti mānasāḥ
jene halten die [geistig-reinen] Schwäne für eine Krähen-Tränke
na yatra haṃsā niramanty uśikkṣayāḥ
an der die [wahren] Schwäne, in Wonne wohnend, sich nicht erfreuen
[Anm.: einer der berühmtesten Verse des gesamten Bhāgavata-Purāṇa - Gegenüberstellung von bloß kunstvoller, aber gottesloser Rede ("Krähen-Tränke") und der reinigenden Bhakti-Dichtung ("Schwäne"), Grundlage der Selbstlegitimation des Werkes.]
Jener Redeerguss aber, der die Sünden der Menschen hinwegfegt, in dem - mag er auch in jedem Vers [grammatisch] unrichtig sein - die mit dem Ruhm des Unendlichen gezeichneten Namen [vorkommen], den hören, singen und rezitieren die Rechtschaffenen.
Wort für Wort
tadvāgvisargo janatāghaviplavo
jener Redeerguss, der die Sünden der Menschen hinwegfegt
yasmin pratiślokam abaddhavaty api
worin, mag er auch je Vers unrichtig sein
nāmāny anantasya yaśo 'ṅkitāni
die mit dem Ruhm des Unendlichen gezeichneten Namen
yat śṛṇvanti gāyanti gṛṇanti sādhavaḥ
das die Rechtschaffenen hören, singen, rezitieren
[Anm.: ebenfalls einer der einflussreichsten Verse zur Rechtfertigung von Bhakti-Dichtung unabhängig von grammatischer/stilistischer Vollkommenheit.]
naiṣkarmyam apy acyutabhāvavarjitaṃ na śobhate jñānam alaṃ nirañjanam / kutaḥ punaḥ śaśvad abhadram īśvare na cārpitaṃ karma yad apy akāraṇam //
Selbst handlungsloses, völlig makelloses Wissen glänzt nicht, wenn es der Hingabe an den Unfehlbaren entbehrt; wie viel weniger dann Handeln - und sei es auch motivlos -, das, ewig unheilvoll, nicht dem Herrn dargebracht wird?
Wort für Wort
naiṣkarmyam apy acyutabhāvavarjitam
selbst handlungsloses [Wissen], der Hingabe an den Unfehlbaren entbehrend
na śobhate jñānam alaṃ nirañjanam
glänzt nicht, das völlig makellose Wissen
kutaḥ punaḥ śaśvad abhadram īśvare
wie viel weniger, [das] ewig unheilvolle, dem Herrn
Darum, du Hochbeglückter, von unfehlbarem Blick, reinem Ruf, der Wahrheit ergeben, von festen Gelübden - gedenke, zur gänzlichen Befreiung von der Bindung, in Versenkung (Samādhi) der Taten des Weitschreitenden [Viṣṇu].
Wort für Wort
atho mahābhāga bhavān amoghadṛk
darum, Hochbeglückter, von unfehlbarem Blick
śuciśravāḥ satyarato dhṛtavrataḥ
reinen Rufes, der Wahrheit ergeben, festen Gelübden
urukramasyākhilabandhamuktaye
zur gänzlichen Befreiung von der Bindung [durch die Taten] des Weitschreitenden
tato 'nyathā kiñcana yad vivakṣataḥ pṛthag dṛśas tatkṛtarūpanāmabhiḥ / na karhicit kvāpi ca duḥsthitā matir labheta vātāhatanaur ivāspadam //
Denn wer, mit von jenem [Ziel] verschiedener Sicht, etwas anderes auszudrücken sucht, dessen Geist findet, verwirrt durch die von ihr [der Sicht] geschaffenen Formen und Namen, niemals irgendwo einen festen Halt - wie ein vom Wind getriebenes Boot.
Wort für Wort
tato 'nyathā kiñcana yad vivakṣataḥ
wer etwas anderes als jenes auszudrücken sucht
pṛthag dṛśas tatkṛtarūpanāmabhiḥ
mit abweichender Sicht, durch deren Formen und Namen
jugupsitaṃ dharmakṛte 'nuśāsataḥ svabhāvaraktasya mahān vyatikramaḥ / yad vākyato dharma iti itaraḥ sthito na manyate tasya nivāraṇaṃ janaḥ //
Ein großer Fehltritt liegt vor bei einem, der, [selbst] seiner [Sinnes-]Natur ergeben, andere um des Dharma willen belehrt und dabei Verachtenswertes [lehrt]; denn wenn ein anderer, [nur] auf seine Worte gestützt, meint, dies sei Dharma, so nimmt er dessen Zurückweisung [durch bessere Belehrung] nicht mehr an.
Wort für Wort
jugupsitaṃ dharmakṛte 'nuśāsataḥ
Verachtenswertes lehrend, um des Dharma willen belehrend
svabhāvaraktasya mahān vyatikramaḥ
bei einem seiner [Sinnes-]Natur Ergebenen ist es ein großer Fehltritt
yad vākyato dharma iti itaraḥ sthito
denn wenn ein anderer, auf [dessen] Worte gestützt, meint, dies sei Dharma
na manyate tasya nivāraṇaṃ janaḥ
nimmt dieser Mensch dessen Zurückweisung nicht an
[?] die genaue syntaktische Auflösung dieses Verses ist umstritten; hier nach wahrscheinlichster Lesart übersetzt.
Ein Kluger sollte erkennen, dass das Glück, das aus der Abkehr von dem grenzenlosen Allmächtigen [entsteht], [höher steht als jenes,] das aus dem Wirken der Eigenschaften des Nicht-Selbst hervorgeht; darum zeige du die Taten des Allmächtigen.
Wort für Wort
vicakṣaṇo 'syārhati veditum
ein Kluger sollte erkennen
vibhor anantapārasya nivṛttitaḥ sukham
das Glück aus der Abkehr vom grenzenlosen Allmächtigen
pravartamānasya guṇair anātmanas
[im Gegensatz zu jenem] aus dem Wirken der Eigenschaften des Nicht-Selbst
tyaktvā svadharmaṃ caraṇāmbujaṃ harer bhajann apakvo 'tha patet tato yadi / yatra kva vābhadram abhūd amuṣya kiṃ ko vārtha āpto 'bhajatāṃ svadharmataḥ //
Sollte einer, der seinen eigenen Dharma aufgegeben hat und den Lotosfuß Haris verehrt, [noch] unreif, dabei zu Fall kommen - welches Übel wäre ihm dadurch je widerfahren? Oder welchen Gewinn hätte einer erlangt, der, [treu] seinem eigenen Dharma, [den Herrn] nicht verehrt?
Wort für Wort
tyaktvā svadharmaṃ caraṇāmbujaṃ harer bhajann
seinen Dharma aufgegeben habend, den Lotosfuß Haris verehrend
apakvo 'tha patet tato yadi
sollte er, noch unreif, dabei fallen
yatra kva vābhadram abhūd amuṣya
welches Übel wäre ihm irgendwo widerfahren
kiṃ ko vārtha āpto 'bhajatāṃ svadharmataḥ
welchen Gewinn hätte einer erlangt, der, treu seinem Dharma, nicht verehrt
tasyaiva hetoḥ prayateta kovido na labhyate yad bhramatām upary adhaḥ / tal labhyate duḥkhavad anyataḥ sukhaṃ kālena sarvatra gabhīraraṃhasā //
Um jenes [höchsten Glückes] willen allein sollte der Kundige sich mühen, das nicht erlangt wird durch Umherwandern nach oben oder unten; [gewöhnliches] Glück hingegen wird, wie das Leid, ohnehin überall von selbst, mit der Zeit, durch deren tiefe, mächtige Eigendynamik, erlangt.
Wort für Wort
tasyaiva hetoḥ prayateta kovido
um jenes willen allein sollte der Kundige sich mühen
na labhyate yad bhramatām upary adhaḥ
das nicht erlangt wird durch Umherwandern nach oben/unten
tal labhyate duḥkhavad anyataḥ sukhaṃ
[gewöhnliches] Glück hingegen wird wie Leid erlangt
kālena sarvatra gabhīraraṃhasā
mit der Zeit, überall, durch deren tiefe Eigendynamik
[Anm.: berühmter Vers zur Rechtfertigung, dass weltliches Glück/Leid ohnehin karmisch/durch die Zeit von selbst eintrifft, weshalb Anstrengung allein dem transzendenten Ziel gelten sollte.]
na vai jano jātu kathañcanāvrajen mukundasevy anyavad aṅga saṃsṛtim / smaran mukundāṅghryupagūhanaṃ punar vihātum icchen na rasagraho janaḥ //
Ein Diener Mukundas sollte, o Lieber, niemals, unter keinen Umständen, wie andere den Kreislauf [der Wiedergeburt] betreten; ein Mensch, der [einmal] den Genuss [der Hingabe] erfasst hat, wird, sich der Umarmung von Mukundas Füßen erinnernd, nicht wünschen, sie je wieder aufzugeben.
Wort für Wort
na vai jano jātu kathañcanāvrajen
niemals, unter keinen Umständen, sollte ein Mensch betreten
mukundasevy anyavad aṅga saṃsṛtim
ein Diener Mukundas, wie andere, den Kreislauf, o Lieber
smaran mukundāṅghryupagūhanam
sich der Umarmung von Mukundas Füßen erinnernd
punar vihātum icchen na rasagraho janaḥ
wird der den Genuss erfassende Mensch nicht wünschen, sie wieder aufzugeben
idaṃ hi viśvaṃ bhagavān ivetaro yato jagatsthānanirodhasambhavāḥ / tad dhi svayaṃ veda bhavāṃs tathāpi te prādeśamātraṃ bhavataḥ pradarśitam //
Denn dieses ganze Universum ist gleichsam nichts anderes als der Erhabene selbst, da von ihm Entstehen, Bestehen und Vergehen der Welt [herrühren]; dies weißt du fürwahr selbst, dennoch wurde dir [bislang] nur ein bloßer Bruchteil davon gezeigt.
Wort für Wort
idaṃ hi viśvaṃ bhagavān ivetaro
denn dieses Universum ist gleichsam nichts anderes als der Erhabene
yato jagatsthānanirodhasambhavāḥ
da von ihm Entstehen, Bestehen, Vergehen der Welt [kommen]
tad dhi svayaṃ veda bhavāṃs
dies weißt du fürwahr selbst
tathāpi te prādeśamātraṃ bhavataḥ pradarśitam
dennoch wurde dir nur ein bloßer Bruchteil davon gezeigt
Erkenne du selbst durch dich selbst, du von unfehlbarem Blick, dass [dein Selbst] ein Teil (Kalā) der höchsten Person, des höchsten Selbst ist, des Ungeborenen, [das doch] zum Heil der Welt geboren wurde - möge das Herabkommen jener großen Machterscheinung [von dir] erwogen werden.
Wort für Wort
tvam ātmanātmānam avehy amoghadṛk
erkenne du selbst durch dich selbst, unfehlbaren Blicks
parasya puṃsaḥ paramātmanaḥ kalām
als Teil der höchsten Person, des höchsten Selbst
ajaṃ prajātaṃ jagataḥ śivāya
des Ungeborenen, zum Heil der Welt geboren
tan mahānubhāvābhyudayo 'dhigaṇyatām
möge das Herabkommen jener großen Machterscheinung erwogen werden
idaṃ hi puṃsas tapasaḥ śrutasya vā sviṣṭasya sūktasya ca buddhidattayoḥ / avicyuto 'rthaḥ kavibhir nirūpito yad uttamaślokaguṇānuvarṇanam //
Denn dies ist, wie von den Weisen dargelegt, das unfehlbare Ziel der Askese des Menschen, seines vedischen Studiums, seines wohlvollzogenen Opfers, seines [wohlgesetzten] Hymnus und seiner [wohlerwogenen] Wohltätigkeit: nämlich die Beschreibung der Eigenschaften dessen, der mit höchsten Versen gepriesen wird [Uttamaśloka].
Wort für Wort
idaṃ hi puṃsas tapasaḥ śrutasya vā
dies ist das [Ziel] der Askese des Menschen oder seines Studiums
sviṣṭasya sūktasya ca buddhidattayoḥ
seines Opfers, Hymnus und seiner [erwogenen] Wohltätigkeit
avicyuto 'rthaḥ kavibhir nirūpitaḥ
das unfehlbare, von den Weisen dargelegte Ziel
yad uttamaślokaguṇānuvarṇanam
nämlich die Beschreibung der Eigenschaften des Uttamaśloka
ahaṃ purātītabhave 'bhavaṃ mune dāsyāḥ tu kasyāścana vedavādinām / nirūpito bālaka eva yogināṃ śuśrūṣaṇe prāvṛṣi nirvivikṣatām //
Ich selbst, o Weiser, war in einem früheren Leben [der Sohn] einer Dienerin gewisser Verkünder des Veda; noch als Knabe wurde ich zum Dienst an Yogīs bestimmt, die zur Regenzeit [an einem Ort] Einkehr hielten.
Wort für Wort
ahaṃ purātītabhave 'bhavaṃ mune
ich war in einem früheren Leben, o Weiser
dāsyāḥ tu kasyāścana vedavādinām
[der Sohn] einer Dienerin gewisser Vedakenner
nirūpito bālaka eva yogināṃ
noch als Knabe bestimmt, den Yogīs [zu dienen]
śuśrūṣaṇe prāvṛṣi nirvivikṣatām
im Dienst, [ihnen] die zur Regenzeit Einkehr hielten
[Anm.: hier beginnt Nāradas eigene, ausführliche Vorleben-Erzählung.]
Mit mir, einem von aller Unbeständigkeit freien Kind, gezähmt, dem Spiel nicht ergeben, folgsam - mit mir hatten jene Weisen, obwohl von gleichmütigem Blick [gegenüber allen], Erbarmen, da ich diente und wenig sprach.
Wort für Wort
te mayy apetākhilacāpale 'rbhake
mit mir, einem von aller Unbeständigkeit freien Kind
dānte 'dhṛtakrīḍanake 'nuvartini
gezähmt, dem Spiel nicht ergeben, folgsam
cakruḥ kṛpāṃ yadyapi tulyadarśanāḥ
hatten Erbarmen, obwohl von gleichmütigem Blick
śuśrūṣamāṇe munayo 'lpabhāṣiṇi
die Weisen mit mir, der ich diente und wenig sprach
Von den Zweifachgeborenen dazu ermutigt, aß ich einmal [täglich] die an [ihren Schalen] haftenden Speisereste, wodurch meine Verfehlungen [zugleich] getilgt wurden; so tätig, [wurde] mein Geist gereinigt, [und] eine Vorliebe für eben ihren Dharma entstand in mir.
Wort für Wort
ucchiṣṭalepān anumodito dvijaiḥ
von den Zweifachgeborenen ermutigt, die Speisereste
sakṛt sma bhuñje tad-apāstakilbiṣaḥ
aß ich einmal [täglich], dadurch meiner Verfehlungen ledig
Dort hörte ich Tag für Tag, durch ihre Gnade, die herzbezaubernden Kṛṣṇa-Erzählungen, wie sie sie sangen; während ich sie mit Glauben, Schritt für Schritt, anhörte, entstand in mir, o Lieber, eine Vorliebe für den, dessen Ruhm so teuer ist [Kṛṣṇa].
Wort für Wort
tatrānvahaṃ kṛṣṇakathāḥ pragāyatām
dort Tag für Tag die Kṛṣṇa-Erzählungen, wie sie sie sangen
anugraheṇāśṛṇavaṃ manoharāḥ
hörte ich durch ihre Gnade, die herzbezaubernden
tāḥ śraddhayā me 'nupadaṃ viśṛṇvataḥ
während ich sie mit Glauben, Schritt für Schritt, anhörte
priyaśravasy aṅga mamābhavad ruciḥ
entstand in mir eine Vorliebe für den mit teurem Ruhm, o Lieber
tasmiṃs tadā labdharucer mahāmate priyaśravasy askhalitā matir mama / yayāham etat sad-asat svamāyayā paśye mayi brahmaṇi kalpitaṃ pare //
Damals, o Großgesinnter, als meine Vorliebe für ihn, dessen Ruhm teuer ist, [einmal] gewonnen war, wurde mein Denken unwandelbar auf ihn [gerichtet]; dadurch sehe ich nun dieses [scheinbare] Sein und Nicht-Sein als durch meine eigene Māyā gestaltet, [ruhend] in mir, dem höchsten Brahman.
Wort für Wort
tasmiṃs tadā labdharucer mahāmate
damals, als [meine] Vorliebe für ihn gewonnen war, o Großgesinnter
priyaśravasy askhalitā matir mama
wurde mein Denken unwandelbar auf ihn gerichtet
yayāham etat sad-asat svamāyayā
wodurch ich dieses Sein und Nicht-Sein durch meine eigene Māyā
So entstand, während ich durch die Herbst- und Regenzeit hindurch fortwährend den makellosen Ruhm Haris hörte, wie er von den großmütigen Weisen gemeinsam gepriesen wurde, jene tätige Hingabe (Bhakti), die Leidenschaft (Rajas) und Dunkelheit (Tamas) [meines] Selbst vertreibt.
Wort für Wort
itthaṃ śarat-prāvṛṣikāv ṛtū
so durch die Herbst- und Regenzeit hindurch
harer viśṛṇvato me 'nusavaṃ yaśo 'malam
während ich fortwährend den makellosen Ruhm Haris hörte
saṅkīrtyamānaṃ munibhir mahātmabhir
wie er von den großmütigen Weisen gemeinsam gepriesen wurde
bhaktiḥ pravṛttātma-rajas-tamopahā
entstand tätige Hingabe, die Rajas und Tamas [des Selbst] vertreibt
...teilten mir jene, den Demütigen zugetanen [Weisen], im Begriff fortzugehen, aus Erbarmen jenes geheimste Wissen mit, das unmittelbar vom Erhabenen selbst verkündet worden war.
Wort für Wort
jñānaṃ guhyatamaṃ yat tat
jenes geheimste Wissen
sākṣād bhagavatoditam
das unmittelbar vom Erhabenen verkündet war
anvavocan gamiṣyantaḥ kṛpayā
teilten sie mit, im Begriff fortzugehen, aus Erbarmen
Wodurch ich eben die Macht der Māyā des Erhabenen Vāsudeva, des Ordners, erkannte - jenes [Wissen], durch das [die Wissenden] zu seinem [höchsten] Zustand gelangen.
Wort für Wort
yenaivāhaṃ bhagavato vāsudevasya vedhasaḥ
wodurch ich eben des Erhabenen Vāsudeva, des Ordners
māyānubhāvam avidam
die Macht der Māyā erkannte
yena gacchanti tatpadam
durch das [die Wissenden] zu seinem Zustand gelangen
Dies, o Brahmane [Vyāsa], wurde [dir nun] als das Heilmittel für das dreifache Leid angedeutet: dass nämlich das Handeln dem Herrn, dem Erhabenen, [der zugleich] Brahman ist, gewidmet werde.
Wort für Wort
etat saṃsūcitaṃ brahman
dies wurde angedeutet, o Brahmane
tāpatrayacikitsitam
das Heilmittel für das dreifache Leid
yad īśvare bhagavati karma brahmaṇi bhāvitam
dass das Handeln dem Herrn, dem Erhabenen [als] Brahman, gewidmet werde
āmayo yaś ca bhūtānāṃ jāyate yena suvrata / tad eva hy āmayaṃ dravyaṃ na punāti cikitsitam //
Denn, o du von gutem Gelübde, dasjenige Ding, wodurch bei Wesen eine Krankheit entsteht, heilt, [wenn es selbst nur wieder angewandt wird als] Behandlung, eben diese Krankheit nicht.
Wort für Wort
āmayo yaś ca bhūtānāṃ jāyate yena
die Krankheit, die bei Wesen entsteht, wodurch
suvrata
o du von gutem Gelübde
tad eva hy āmayaṃ dravyaṃ
eben dasselbe krankheitserregende Ding
na punāti cikitsitam
heilt nicht, [selbst wenn] als Behandlung [angewandt]
evaṃ nṛṇāṃ kriyāyogāḥ sarve saṃsṛtihetavaḥ / ta evātmavināśāya kalpante kalpitāḥ pare //
Ebenso sind alle Handlungs-Yogas der Menschen Ursachen für den [fortgesetzten] Weltenkreislauf; eben diese, [wenn sie doch] auf ein höheres [Ziel] hin ausgerichtet gestaltet werden, dienen zur Vernichtung [dieser Bindung] des Selbst.
Wort für Wort
evaṃ nṛṇāṃ kriyāyogāḥ sarve
ebenso sind alle Handlungs-Yogas der Menschen
saṃsṛtihetavaḥ
Ursachen des Weltenkreislaufs
ta evātmavināśāya kalpante kalpitāḥ pare
eben diese dienen, auf ein höheres [Ziel] gerichtet, der Auflösung [der Bindung] des Selbst
[?] die Auflösung von "ta evātmavināśāya kalpante kalpitāḥ pare" ist mehrdeutig - hier als "wenn auf ein höheres Ziel gerichtet, dienen sie der Auflösung/Zerstörung [der Bindung]" gedeutet, nicht als generelle Selbstzerstörung.
yad atra kriyate karma bhagavat-paritoṣaṇam / jñānaṃ yat tad adhīnaṃ hi bhaktiyogasamanvitam //
Das Handeln aber, das hier [in dieser Welt] zur Zufriedenstellung des Erhabenen vollzogen wird, ist [wahres] Wissen, denn es ist von diesem [Ziel] abhängig [und] mit dem Yoga der Hingabe (Bhaktiyoga) verbunden.
kurvāṇā yatra karmāṇi bhagavacchikṣayāsakṛt / gṛṇanti guṇanāmāni kṛṣṇasyānusmaranti ca //
[Jene,] die, wiederholt nach der Unterweisung des Erhabenen Handlungen vollziehend, dabei [seine] Eigenschaften und Namen rezitieren und Kṛṣṇas [stets] gedenken...
Wort für Wort
kurvāṇā yatra karmāṇi
die, während sie Handlungen vollziehen
bhagavacchikṣayāsakṛt
wiederholt nach der Unterweisung des Erhabenen
gṛṇanti guṇanāmāni
rezitieren [seine] Eigenschaften und Namen
kṛṣṇasyānusmaranti ca
und gedenken Kṛṣṇas
[Anm.: Satz leitet zum in V.37 zitierten Mantra über.]
oṃ namo bhagavate tubhyaṃ vāsudevāya dhīmahi / pradyumnāyāniruddhāya namaḥ saṅkarṣaṇāya ca //
'Oṃ, Verehrung dir, dem Erhabenen! Auf Vāsudeva wollen wir meditieren; Verehrung Pradyumna, Aniruddha, und Saṅkarṣaṇa!'
Wort für Wort
oṃ namo bhagavate tubhyaṃ
Oṃ, Verehrung dir, dem Erhabenen
vāsudevāya dhīmahi
auf Vāsudeva wollen wir meditieren
pradyumnāyāniruddhāya namaḥ
Verehrung Pradyumna, Aniruddha
saṅkarṣaṇāya ca
und Saṅkarṣaṇa
[Anm.: das berühmte Catur-vyūha-Mantra (die vierfache Erscheinungsweise Vāsudeva-Saṅkarṣaṇa-Pradyumna-Aniruddha der Pāñcarātra-/Sātvata-Theologie, vgl. Projekt 4).]
So verehrt, durch die Benennung [seiner vierfachen] Gestalt, den im Mantra gestaltgewordenen, [an sich] gestaltlosen Opfer-Puruṣa jener Mensch von rechter Einsicht.
imaṃ svanigamaṃ brahmann avetya mad-anuṣṭhitam / adān me jñānam aiśvaryaṃ svasmin bhāvaṃ ca keśavaḥ //
Da er erkannte, o Brahmane, dass ich diese seine eigene Lehre so befolgte, gab mir Keśava [Kṛṣṇa] Wissen, Herrschermacht, und die Verwirklichung [meines Zustandes] in mir selbst.
Auch du, o vielfach Gelehrter, [kennst] den berühmten Ruhm des Allmächtigen, durch den das Erkenntnisverlangen der Wissenden gestillt wird; verkünde ihn, zur Auslöschung des Leidens derer, deren Seelen fortwährend durch Schmerzen gequält werden - denn anders wünschen [die Weisen] es nicht.
Wort für Wort
tvam apy adabhraśruta
auch du, o vielfach Gelehrter
viśrutaṃ vibhoḥ
den berühmten Ruhm des Allmächtigen
samāpyate yena vidāṃ bubhutsitam
durch den das Erkenntnisverlangen der Wissenden gestillt wird
prākhyāhi duḥkhair muhur arditātmanām
verkünde ihn, für die, deren Seelen fortwährend durch Schmerzen gequält werden
saṅkleśa-nirvāṇam uśanti nānyathā
zur Auslöschung des Leidens - anders wünschen sie es nicht
[Anm.: Kapitelschluss; Nāradas abschließende Aufforderung an Vyāsa, mit der die Erzählung in Adhyāya 6 (Nāradas Weggang) und Adhyāya 7 (Vyāsas Komposition des Bhāgavata) fortgesetzt wird.]