Kapitel 177: matsyāvatāra-varṇanam
Matsya, die Fischinkarnation des Herrn
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Śrī Rāja [Parīkṣit] sprach: O Herr, ich wünsche die Erzählung von der ersten Inkarnation Haris, dessen Taten wunderbar sind, zu hören - die täuschende, durch māyā bewirkte Nachahmung eines Fisches.
Weshalb nahm der Herr jene von der Welt verabscheute Fischgestalt an, deren Wesen aus Finsternis besteht und die schwer erträglich ist - der Herr, gleichsam vom Karma ergriffen?
Śrī Sūta sprach: So von Viṣṇurāta [Parīkṣit] angesprochen, erzählte der erhabene Sohn Bādarāyaṇas [Śukadeva] die Geschichte dessen, was Viṣṇu in Fischgestalt vollbrachte.
śrī-śuka uvāca
go-vipra-sura-sādhūnāṃ
chandasām api ceśvaraḥ
rakṣām icchaṃs tanūr dhatte
dharmasyārthasya caiva hi
Śrī Śuka sprach: Der Herr nimmt, den Schutz der Kühe, der Brahmanen, der Götter, der Frommen und selbst der vedischen Hymnen wünschend, Gestalten an - ebenso um der Rechtschaffenheit und des rechten Nutzens willen.
uccāvaceṣu bhūteṣu
caran vāyur iveśvaraḥ
noccāvacatvaṃ bhajate
nirguṇatvād dhiyo guṇaiḥ
Wie der Wind, der sich durch höhere und niedere Wesen bewegt, nimmt der Herr, wandelnd unter den Geschöpfen hoch und niedrig, doch selbst kein Hoch- oder Niedrigsein an, da er jenseits der Erscheinungsweisen (guṇas) ist, mit denen der Verstand der Wesen behaftet ist.
āsīd atīta-kalpānte
brāhmo naimittiko layaḥ
samudropaplutās tatra
lokā bhūrādayo nṛpa
O König, am Ende des vergangenen kalpa geschah die gelegentliche Auflösung [zum Tage] Brahmās; da wurden die Welten, angefangen mit der Erde, vom Ozean überflutet.
Als durch die Zeit dem Schöpfer Brahmā der Schlaf nahte und er sich zur Ruhe begeben wollte, raubte der mächtige Hayagrīva die aus seinem Mund hervorgekommenen Veden, die in der Nähe waren.
satyavrato 'ñjali-gatāṃ
saha toyena bhārata
utsasarja nadī-toye
śapharīṃ draviḍeśvaraḥ
O Nachkomme Bharatas, Satyavrata, der Herrscher von Draviḍa, ließ den in seinen hohlen Händen befindlichen kleinen Fisch mitsamt dem Wasser wieder ins Flusswasser.
Sehr kläglich sprach sie zu dem überaus mitleidsvollen König: 'Vor den Wassertieren, die die eigenen Artgenossen morden - mich Elende, o du, der den Elenden zugetan ist, wie kannst du mich Verängstigte in diesem Flusswasser preisgeben, o König?'
tam ātmano 'nugrahārthaṃ
prītyā matsya-vapur-dharam
ajānan rakṣaṇārthāya
śapharyāḥ sa mano dadhe
Ihn, der aus Liebe die Fischgestalt angenommen hatte, um ihm selbst [dem König] Gnade zu erweisen, nicht erkennend, richtete Satyavrata seinen Sinn darauf, den kleinen Fisch zu beschützen.
Wort für Wort
tam
ihn
ātmanaḥ
seiner selbst
anugraha-artham
zum Zweck der Gnade
prītyā
aus Liebe
matsya-vapuḥ-dharam
der die Fischgestalt trug
ajānan
nicht erkennend
rakṣaṇa-arthāya
zum Zweck des Schutzes
śapharyāḥ
des kleinen Fisches
saḥ
er
manaḥ dadhe
richtete seinen Sinn
ātmanaḥ bezieht sich auf den König selbst, dem der Fisch zur eigenen Gnade erscheint; Stelle leicht verdichtet wiedergegeben.
Nachdem er ihre noch klagendere Rede vernommen hatte, legte der mitleidige Erdenherrscher sie in das Wasser eines Kruges und brachte sie zu seiner Einsiedelei.
Daraufhin nahm der König sie und warf sie, o König [Parīkṣit], in einen See; und da wuchs dieser große Fisch weiter, bis er ihn mit seinem eigenen Leib ganz ausfüllte.
ity uktaḥ so 'nayan matsyaṃ
tatra tatrāvidāsini
jalāśaye 'sammitaṃ taṃ
samudre prākṣipaj jhaṣam
So angesprochen, brachte er den Fisch von einem nie versiegenden Gewässer zum anderen; und als dieser schließlich unermesslich groß geworden war, warf er ihn in den Ozean.
Während er hineingeworfen wurde, sprach er dies zu ihm: 'Hier werden mich die überaus starken Krokodile und andere Meeresungeheuer fressen, o Held; du sollst mich hier nicht preisgeben.'
Niemals haben wir ein Wasserwesen von solcher Kraft gesehen noch gehört, wie du, der du an einem einzigen Tag einen See von hundert Yojanas Ausdehnung erfüllt hast.
namas te puruṣa-śreṣṭha
sthity-utpatty-apyayeśvara
bhaktānāṃ naḥ prapannānāṃ
mukhyo hy ātma-gatir vibho
Verehrung dir, o Bester der Wesen, Herr über Entstehung, Erhaltung und Vergehen! O Allmächtiger, du bist fürwahr die vornehmste Zuflucht unser, der Hingegebenen, die sich dir ergeben haben.
na te 'ravindākṣa padopasarpaṇaṃ
mṛṣā bhavet sarva-suhṛt-priyātmanaḥ
yathetareṣāṃ pṛthag-ātmanāṃ satām
adīdṛśo yad-vapur adbhutaṃ hi naḥ
O Lotusäugiger, nicht vergeblich sei uns das Nahen zu deinen Füßen, dir, der du allen Wesen Freund und lieb bist - so wie es für die anderen Frommen, die sich [fälschlich] als gesondert [von dir] betrachten, nicht vergeblich war; denn du hast uns fürwahr diese wunderbare Gestalt gezeigt.
Śrī Śuka sprach: Zu Satyavrata, der so sprach, sagte der Weltenherr - in Fischgestalt beim Untergang des Zeitalters, gewillt sich im Ozean der Auflösung zu vergnügen und zu handeln entschlossen, er, dem seine ausschließlich Ergebenen lieb sind - liebevolle Worte.
Der erhabene Herr sprach: O Bezwinger der Feinde, fürwahr, am siebten Tag von heute an wird dies - die drei Welten, angefangen mit Erde und Luftraum - im Ozean der Auflösung versinken.
tvaṃ tāvad oṣadhīḥ sarvā
bījāny uccāvacāni ca
saptarṣibhiḥ parivṛtaḥ
sarva-sattvopabṛṃhitaḥ
Du sollst alsdann alle Heilpflanzen und Samen, höhere wie niedere, [mitnehmen], umgeben von den sieben Weisen und begleitet von allen Arten von Lebewesen.
āruhya bṛhatīṃ nāvaṃ
vicariṣyasy aviklavaḥ
ekārṇave nirāloke
ṛṣīṇām eva varcasā
Nachdem du das große Schiff bestiegen hast, wirst du unerschrocken im einen, lichtlosen Ozean umherfahren, allein durch den Glanz der Weisen [geleitet].
dodhūyamānāṃ tāṃ nāvaṃ
samīreṇa balīyasā
upasthitasya me śṛṅge
nibadhnīhi mahāhinā
Jenes Schiff, vom übermächtigen Wind hin- und hergeschüttelt, binde mit der großen Schlange [als Seil] an mein Horn fest, das sich [dir] darbieten wird.
Nachdem der königliche Weise Kuśagras mit den Spitzen nach Osten ausgebreitet hatte, setzte er sich, das Gesicht nach Nordosten gewandt, an die Füße Haris, an den in Fischgestalt Weilenden denkend.
dhyāyan bhagavad-ādeśaṃ
dadṛśe nāvam āgatām
tām āruroha viprendrair
ādāyauṣadhi-vīrudhaḥ
Über die Anweisung des Herrn meditierend, sah er das Schiff ankommen. Er bestieg es, nachdem er die Heilpflanzen und Gewächse mitgenommen hatte, zusammen mit den besten Brahmanen.
Nachdem er das Schiff an dessen Horn festgebunden hatte, mit der Schlange als Strick, wie ihm zuvor von Hari geboten worden war, pries der zufriedene König Madhusūdana.
Śrī Rāja sprach: Diejenigen, deren Selbsterkenntnis durch anfanglose Unwissenheit getrübt ist und die, deren Wurzel eben diese ist, von der Mühsal des Daseinskreislaufs geplagt sind - sie mögen dich, den Geber der Befreiung, durch Fügung erlangen. Du bist unser höchster Lehrer.
jano 'budho 'yaṃ nija-karma-bandhanaḥ
sukhecchayā karma samīhate 'sukham
yat-sevayā tāṃ vidhunoty asan-matiṃ
granthiṃ sa bhindyād dhṛdayaṃ sa no guruḥ
Dieser unwissende Mensch, gefesselt durch die eigenen Taten, unternimmt aus Verlangen nach Glück leidvolle Handlungen. Wer durch dessen Dienst jenen falschen Sinn abschüttelt und den Knoten des Herzens durchtrennt - der ist unser Lehrer.
yat-sevayāgner iva rudra-rodanaṃ
pumān vijahyān malam ātmanas tamaḥ
bhajeta varṇaṃ nijam eṣa so 'vyayo
bhūyāt sa īśaḥ paramo guror guruḥ
Durch dessen Dienst möge der Mensch - wie [der Rauch] durch das Feuer [vergeht - Anm.: Stelle unsicher] - den Schmutz und die Finsternis des Selbst ablegen und zu seiner eigenen, unvergänglichen Natur gelangen. Er, der Herr, sei der höchste Lehrer der Lehrer.
Wort für Wort
yat-sevayā
durch dessen Dienst
agneḥ iva
wie durch Feuer
rudra-rodanam
[Anm.: unsichere Stelle, wörtl. etwa 'das Weinen/der Rauch']
pumān
der Mensch
vijahyāt
möge ablegen
malam
den Schmutz
ātmanaḥ
des Selbst
tamaḥ
die Finsternis
bhajeta
möge erlangen
varṇam nijam
die eigene Natur
eṣaḥ saḥ avyayaḥ
dieser Unvergängliche
bhūyāt
möge sein
saḥ īśaḥ
er, der Herr
paramaḥ guroḥ guruḥ
der höchste Lehrer der Lehrer
'agner iva rudra-rodanam' ist eine sprachlich schwierige, mehrdeutige Stelle [?]; sinngemäß auf einen Reinigungsvorgang durch Feuer bezogen wiedergegeben.
na yat-prasādāyuta-bhāga-leśam
anye ca devā guravo janāḥ svayam
kartuṃ sametāḥ prabhavanti puṃsas
tam īśvaraṃ tvāṃ śaraṇaṃ prapadye
Nicht einmal einen winzigen Teil - ein Zehntausendstel - deiner Gnade vermögen andere Götter, Lehrer und Menschen, selbst wenn sie sich vereinten, für den Menschen zu bewirken. Zu dir, dem Herrn, nehme ich Zuflucht.
So wie ein Blinder sich einen [ebenso blinden] Führer nimmt, so nimmt sich der unwissende Mensch einen unwissenden Lehrer. Du aber, dessen Auge der Sonne gleicht, der Betrachter aller Sehenden, bist von uns, die wir unser eigenes Ziel erkennen wollen, als Lehrer erwählt.
Ein Mensch weist dem andern einen trügerischen Weg, durch den er in schwer überwindbare Finsternis gerät. Du aber gewährst unvergängliches, untrügliches Wissen, durch das der Mensch unmittelbar zu seiner eigenen wahren Stätte gelangt.
tvaṃ sarva-lokasya suhṛt priyeśvaro
hy ātmā gurur jñānam abhīṣṭa-siddhiḥ
tathāpi loko na bhavantam andha-dhīr
jānāti santaṃ hṛdi baddha-kāmaḥ
Du bist der Freund aller Welten, der geliebte Herr, fürwahr das Selbst, der Lehrer, das Wissen und die Erfüllung alles Erwünschten. Dennoch erkennt dich die Welt, deren Verstand verblendet und deren Begehren gebunden ist, nicht, obwohl du im Herzen gegenwärtig bist.
Zu dir, dem besten der Götter, dem Erwählenswerten, dem Herrn, nehme ich Zuflucht, auf dass mein Wissen erweckt werde. Durchtrenne, o Herr, mit deinen erleuchtenden Worten die Knoten meines Herzens, und offenbare mir deine eigene Wohnstatt.
Er erzählte dem königlichen Weisen Satyavrata vollständig das Geheimnis des Selbst - die göttliche Purāṇa-Sammlung, die Sāṅkhya, Yoga und rechtes Handeln enthält.
atīta-pralayāpāya
utthitāya sa vedhase
hatvāsuraṃ hayagrīvaṃ
vedān pratyāharad dhariḥ
Nachdem er den Dämon Hayagrīva getötet hatte, brachte Hari dem Schöpfer Brahmā, der nach dem Ende der vergangenen Auflösung erwacht war, die Veden zurück.
Wer diese große Erzählung vom Zwiegespräch des königlichen Weisen Satyavrata mit dem durch māyā erschienenen Fisch, dem Träger des Bogens Śārṅga, gehört hat, wird von aller Schuld befreit.
pralaya-payasi dhātuḥ supta-śakter mukhebhyaḥ
śruti-gaṇam apanītaṃ pratyupādatta hatvā
diti-jam akathayad yo brahma satyavratānāṃ
tam aham akhila-hetuṃ jihma-mīnaṃ nato 'smi
Ihm, der aus den Mündern des Schöpfers, dessen Kraft im Schlaf eingeschlafen war, die geraubten Veden zurücknahm, nachdem er den Sohn Ditis getötet hatte, und der dem Satyavrata das Brahman verkündete - ihm, der Ursache von allem, dem listenreichen Fisch, verneige ich mich.