Kapitel 86: śiva-gīta-kīrtanam [?]
Das Singen des von Herrn Śiva gesungenen Liedes
Kapiteltitel (Sanskrit) ist erschlossen/rekonstruiert (vgl. 'mad-gītam' in Vers 76-77, 79), da das Bhāgavata-Purāṇa im Vers-Kolophon keinen eigenen Sanskrit-Kapiteltitel angibt; die englische Übersetzung 'Chanting the Song Sung by Lord Śiva' stammt von vedabase.io/BBT und diente nur der Orientierung bei der Kapitelzuordnung, nicht als Grundlage der Übersetzung.
Maitreya sprach: Vijitāśva, der Sohn Pṛthus, von großem Ruhm, wurde Großkönig; seinen Brüdern zugetan, gab er den jüngeren Brüdern die (verschiedenen) Himmelsrichtungen.
Dem Haryakṣa wies der Herrscher den Osten zu, dem Dhūmrakeśa den Süden, dem mit Namen Vṛka den Westen und dem Draviṇa den vierten (Himmelsstrich, den Norden).
Nachdem er von Indra die Fähigkeit des Verschwindens erlangt hatte, wurde er 'Antardhāna' genannt; mit Śikhaṇḍinī zeugte er drei allseits geschätzte Kinder.
Pāvaka, Pavamāna und Śuci — so wurden die Feuergötter genannt, die einst durch den Fluch Vasiṣṭhas (als seine Söhne) geboren wurden; sie gelangten wieder zum Zustand des Yoga.
Wort für Wort
pāvakaḥ
Pāvaka (Nom.)
pavamānaḥ
Pavamāna (Nom.)
ca
und
śuciḥ
Śuci (Nom.)
iti
so (genannt) (Partikel)
agnayaḥ
die Feuergötter (Nom.Pl.)
purā
einst (Adv.)
vasiṣṭha-śāpāt
durch den Fluch Vasiṣṭhas (Abl.)
utpannāḥ
entstanden, geboren (Nom.Pl., PPP)
punar
wieder (Adv.)
yoga-gatim
den Zustand des Yoga (Akk.)
gatāḥ
gelangt (Nom.Pl., PPP)
Die Verse setzen als bekannt voraus, dass die drei Söhne Antardhānas mit den drei Feuergöttern (Agnis) identifiziert werden, die einst durch Vasiṣṭhas Fluch als Sterbliche geboren worden waren und nun durch Yoga wieder ihren ursprünglichen Zustand erlangten [?].
rājñāṁ vṛttiṁ karādāna-daṇḍa-śulkādi-dāruṇām | manyamāno dīrgha-sattra-vyājena visasarja ha
Da er den Lebensunterhalt der Könige — bestehend aus Steuererhebung, Bestrafung, Bußgeldern und dergleichen — als grausam erachtete, gab er ihn unter dem Vorwand eines langen Opfers auf.
Während er dort auch, selbstverwirklicht, den Haṁsa, die höchste Person, die höchste Seele, verehrte, erlangte er durch geschickte Versenkung (Samādhi) den Zustand, in dessen Welt zu weilen.
barhiṣat sumahā-bhāgo hāvirdhāniḥ prajāpatiḥ | kriyā-kāṇḍeṣu niṣṇāto yogeṣu ca kurūdvaha
Barhiṣat, sehr glückhaft, der Sohn Havirdhānas, wurde Prajāpati; er war sowohl in den Ritualhandlungen als auch im Yoga erfahren, o Bester der Kurus (Vidura).
Als dieser (Barhiṣat) bei jedem Opfer die Opferstätte für die Götter ausbreitete, war die gesamte Erdoberfläche mit nach Osten gerichteten Spitzen des Kuśa-Grases bestreut.
Wort für Wort
yasya
dessen (Gen.)
idam
dieses (Nom./Akk.)
deva-yajanam
Opferstätte für die Götter (Nom./Akk.)
anuyajñam
bei jedem Opfer (Adv./Akk.)
vitanvataḥ
der ausbreitete, vollzog (Gen.Ptz.Präs.)
prācīna-agraiḥ
mit nach Osten gerichteten Spitzen (Instr.Pl.)
kuśaiḥ
mit Kuśa-Gras (Instr.Pl.)
āsīt
war (3.Sg.Impf.)
āstṛtam
bestreut (Nom./Akk., PPP)
vasudhā-talam
die Erdoberfläche (Nom./Akk.)
Dies erklärt den (in v.13 genannten) Beinamen 'Prācīnabarhi' (dessen Kuśa-Gras nach Osten gerichtet ist).
Er heiratete Śatadruti, die Tochter des Ozeans, die vom Gott der Götter (Brahmā) empfohlen worden war. Als Agni sie, an allen Gliedern schön, jugendlich, trefflich geschmückt, bei der Hochzeit (das Feuer) umschreitend erblickte, begehrte er sie, wie einst Śukī.
Götter, Dämonen, Gandharvas, Weise, Siddhas, Menschen und Schlangenwesen — in allen Richtungen wurden sie von Sūryā allein durch das Klingen ihrer Fußglöckchen bezwungen.
Vom Vater bezüglich der Erzeugung von Nachkommen angewiesen, betraten sie zwecks Askese den Ozean und verehrten zehntausend Jahre lang durch Askese den Herrn der Askese (Śiva).
yad uktaṁ pathi dṛṣṭena giriśena prasīdatā | tad dhyāyanto japantaś ca pūjayantaś ca saṁyatāḥ
Was von Giriśa (Śiva), der ihnen auf dem Weg begegnet und ihnen gnädig war, gesprochen wurde, das bedachten, rezitierten und verehrten sie, gesammelten Sinnes.
vidura uvāca | pracetasāṁ giritreṇa | yathāsīt pathi saṅgamaḥ | yad utāha haraḥ prītas | tan no brahman vadārthavat
Vidura sprach: Wie sich die Begegnung der Pracetas mit Giritra (Śiva) auf dem Weg zutrug, und was der erfreute Hara sprach — das erzähle uns, o Brahmane, ausführlich (dem Sinn nach).
Eine Begegnung mit Śiva ist fürwahr, o Weiser unter den Brahmanen, für verkörperte Wesen in dieser Welt schwer zu erlangen; die Weisen strebten, ihn ersehnend, durch Loslösung (nach ihm).
Maitreya sprach: Die frommen Pracetas, das Wort des Vaters mit dem Haupte annehmend (ehrend), zogen, ihren Sinn der Askese zugewandt, in westliche Richtung fort.
(einen See,) eine Fundgrube blauer und roter Lotusblumen, Wasserlotusse, Kahlāra- und Indīvara-Blüten, erfüllt vom Rufen der Schwäne, Kraniche, Cakravāka- und Kāraṇḍava-Vögel.
(einen See,) dessen Schlingpflanzen und Bäume vor Freude gleichsam die Haare sträubten durch das schöne Summen trunkener Bienen, wo der Wind den Blütenstaub der Lotuskelche in alle Richtungen verstreuend ein Fest feierte.
Wort für Wort
matta-bhramara-sausvarya
durch das schöne Summen trunkener Bienen (Kompositumsglied)
hṛṣṭa-roma-latā-aṅghripam
dessen Schlingpflanzen und Bäume die Haare sträubten (Akk.)
tatra gāndharvam ākarṇya | divya-mārga-manoharam | visismyū rāja-putrās te | mṛdaṅga-paṇavādy anu
Dort, als sie himmlische, harmonische, herzerfreuende Gandharva-Musik hörten, begleitet von Trommeln, Handtrommeln und dergleichen, staunten jene Königssöhne.
Eben da, als er (Śiva) mit seinem Gefolge aus jenem See heraustrat, von den Gefolgsleuten der Götter als der Beste der Unsterblichen besungen, sahen sie ihn — von der Farbe geschmolzenen Goldes, blauhalsig, dreiäugig, mit gnädigem, schönem Antlitz — und, von Staunen ergriffen, verneigten sie sich.
sa tān prapannārti-haro bhagavān dharma-vatsalaḥ | dharma-jñān śīla-sampannān prītaḥ prītān uvāca ha
Er, der Herr, der das Leid der Ergebenen hinwegnimmt, dem Dharma zugetan, sprach erfreut zu jenen, die den Dharma kannten und von gutem Charakter und liebevollem Wesen waren.
śrī-rudra uvāca | yūyaṁ vediṣadaḥ putrā | viditaṁ vaś cikīrṣitam | anugrahāya bhadraṁ va | evaṁ me darśanaṁ kṛtam
Der erhabene Rudra sprach: Ihr Söhne des Vediṣad, euer Vorhaben ist mir bekannt. Zur Gunsterweisung — Segen euch — habe ich euch so meinen Anblick gewährt.
yaḥ paraṁ raṁhasaḥ sākṣāt tri-guṇāj jīva-saṁjñitāt | bhagavantaṁ vāsudevaṁ prapannaḥ sa priyo hi me
Wer sich unmittelbar dem Herrn Vāsudeva ergibt, der ist jenseits jener aus den drei Erscheinungsweisen (der Natur) hervorgehenden Kraft, die 'Lebewesen' (Jīva) genannt wird — er ist mir wahrlich lieb.
Wort für Wort
yaḥ
wer (Nom.)
param
jenseitig, darüber hinaus (Akk.)
raṁhasaḥ
der [bewegenden] Kraft (Abl./Gen.)
sākṣāt
unmittelbar (Adv.)
tri-guṇāt
von den drei Erscheinungsweisen (Abl.)
jīva-saṁjñitāt
genannt 'Jīva' [Lebewesen] (Abl.)
bhagavantam
den Herrn (Akk.)
vāsudevam
Vāsudeva (Akk.)
prapannaḥ
sich ergeben habend (Nom.)
saḥ
er (Nom.)
priyaḥ
lieb (Nom.)
hi
wahrlich (Partikel)
me
mir (Gen./Dat.)
Die genaue syntaktische Beziehung von 'paraṁ raṁhasaḥ' ('jenseits der Kraft') und 'tri-guṇāt jīva-saṁjñitāt' ist im Sanskrit stark verdichtet; hier als eine Aussage über den Zustand des Ergebenen (nicht über Vāsudeva selbst) aufgefasst [?].
sva-dharma-niṣṭhaḥ śata-janmabhiḥ pumān | viriñcatām eti tataḥ paraṁ hi mām | avyākṛtaṁ bhāgavato 'tha vaiṣṇavaṁ | padaṁ yathāhaṁ vibudhāḥ kalātyaye
Ein Mensch, der hundert Geburten lang in der eigenen (vorgeschriebenen) Pflicht gefestigt ist, erlangt den Rang Brahmās; danach fürwahr mich, den Unmanifestierten, der jenseits (dessen) ist; ein Geweihter (Bhāgavata) aber (erlangt) den zu Viṣṇu gehörigen Ort — so wie ich und die Götter, beim Vergehen der (materiellen) Zeitabschnitte.
Wort für Wort
sva-dharma-niṣṭhaḥ
in der eigenen Pflicht gefestigt (Nom.)
śata-janmabhiḥ
durch hundert Geburten hindurch (Instr.)
pumān
ein Mensch (Nom.)
viriñcatām
den Rang Brahmās (Akk.)
eti
er erlangt (3.Sg.Präs.)
tataḥ
danach (Adv.)
param
jenseits, darüber hinaus (Akk.)
hi
fürwahr (Partikel)
mām
mich (Akk.)
avyākṛtam
das Unmanifestierte (Akk.)
bhāgavataḥ
ein Geweihter (Nom.)
atha
dann, sodann (Adv.)
vaiṣṇavam
zu Viṣṇu gehörig (Akk.)
padam
den Ort, Zustand (Akk.)
yathā
wie (Adv.)
aham
ich (Nom.)
vibudhāḥ
die Götter (Nom.Pl.)
kalā-atyaye
beim Vergehen der Zeitabschnitte (Lok.)
Vers stark verdichtet/elliptisch; die Zuordnung von 'avyākṛtam' (zu 'mām' oder als eigenständiges Objekt) sowie 'yathāhaṁ vibudhāḥ kalātyaye' bleiben unsicher [?].
atha bhāgavatā yūyaṁ priyāḥ stha bhagavān yathā | na mad bhāgavatānāṁ ca preyān anyo 'sti karhicit
Da ihr nun Geweihte (Vaiṣṇavas) seid, seid ihr mir lieb wie der Herr selbst; und für die Geweihten gibt es niemals einen anderen, der teurer wäre als ich.
Dies (Lied), das im Verborgenen zu rezitieren ist, rein, höchst verheißungsvoll und auch das höchste Heil bewirkend — es werde gehört; das spreche ich zu euch.
śrī-rudra uvāca | jitaṁ ta ātma-vid-varya-svastaye svastir astu me | bhavatārādhasā rāddhaṁ sarvasmā ātmane namaḥ
Der erhabene Rudra sprach: Ruhm sei dir, o Bester der Selbstkenner, zum Heil! Heil sei mir! Durch dich, den Allvollkommenen, ist (alles) vollbracht. Verneigung dem Allwesenden, der höchsten Seele!
Wort für Wort
śrī-rudraḥ
der erhabene Rudra (Nom.)
uvāca
sprach (3.Sg.Perf.)
jitam
Sieg, Ruhm [errungen] (Nom.)
te
dir (Dat.)
ātma-vit-varya
o Bester der Selbstkenner (Vok.)
svastaye
zum Heil (Dat.)
svastiḥ
Heil, Wohlergehen (Nom.)
astu
es sei (3.Sg.Imp.)
me
mein, mir (Gen./Dat.)
bhavatā
durch dich (Instr.)
ārādhasā
durch den Allvollkommenen (Instr.)
rāddham
vollbracht, erlangt (Nom.)
sarvasmai
dem Allwesenden (Dat.)
ātmane
der höchsten Seele (Dat.)
namaḥ
Verneigung (Interjektion)
Dichte, formelhafte Anrufungssprache; die genaue Verknüpfung von 'jitam ... svastaye' und 'bhavatārādhasā rāddham' bleibt in der Kommentarliteratur umstritten [?].
Verneigung dem Lotusnabligen, dem Ursprung der (groben) Elemente, der subtilen (Sinnesobjekte) und der Sinne, dem Vāsudeva, dem Friedvollen, dem Unveränderlichen, dem aus eigenem Glanz Leuchtenden.
Wort für Wort
namaḥ
Verneigung
paṅkaja-nābhāya
dem Lotusnabligen (Dat.)
bhūta-sūkṣma-indriya-ātmane
dem Ursprung von Elementen, subtilen Sinnesobjekten und Sinnen (Dat.)
namo namo 'niruddhāya hṛṣīkeśendriyātmane | namaḥ paramahaṁsāya pūrṇāya nibhṛtātmane
Verneigung, Verneigung dem Aniruddha, dem Selbst der Sinne, dem Herrn der Sinne! Verneigung dem höchsten Haṁsa, dem Vollkommenen, dem in sich zurückgezogenen Selbst!
svargāpavarga-dvārāya nityaṁ śuci-ṣade namaḥ | namo hiraṇya-vīryāya cātur-hotrāya tantave
Verneigung dem Tor zum Himmel und zur Erlösung, dem stets im Reinen Weilenden! Verneigung dem von goldenem Samen, dem Urheber des vierfachen (vedischen) Opferdienstes, dem Ausbreiter (der Schöpfung)!
nama ūrja iṣe trayyāḥ pataye yajña-retase | tṛpti-dāya ca jīvānāṁ namaḥ sarva-rasātmane
Verneigung der Kraft (den Ahnen), der Nahrung (den Göttern), dem Herrn der drei Veden, dem Samen der Opfer! Verneigung dem, der den Lebewesen Sättigung gibt, dem Selbst aller Essenzen!
sarva-sattvātma-dehāya viśeṣāya sthavīyase | namas trailokya-pālāya saha ojo-balāya ca
Verneigung dem, dessen Leib das Selbst aller Wesen ist, der Vielfalt, dem Gröbsten (der materiellen Elemente), dem Beschützer der drei Welten mitsamt Tatkraft und Stärke!
Wort für Wort
sarva-sattva-ātma-dehāya
dem, dessen Leib das Selbst aller Wesen ist (Dat.)
pravṛttāya nivṛttāya pitṛ-devāya karmaṇe | namo 'dharma-vipākāya mṛtyave duḥkha-dāya ca
Verneigung dem Weg der Tätigkeit und dem Weg der Entsagung, dem Herrn der Ahnenwelt, dem Karma! Verneigung der Frucht der Unrechtmäßigkeit, dem Tod, dem Leid-Gebenden!
namas ta āśiṣām īśa | manave kāraṇātmane | namo dharmāya bṛhate | kṛṣṇāyākuṇṭha-medhase | puruṣāya purāṇāya | sāṅkhya-yogeśvarāya ca
Verneigung dir, o Herr der Segnungen! Dem Manu (Geist), dem Selbst als Ursache! Verneigung dem erhabenen Dharma, dem Kṛṣṇa von ungehemmtem Verstand, der uralten (höchsten) Person, dem Herrn von Sāṅkhya und Yoga!
śakti-traya-sametāya mīḍhuṣe 'haṅkṛtātmane | ceta-ākūti-rūpāya namo vāco vibhūtaye
Dem mit den drei Energien Vereinten, dem Freigebigen, dem Selbst des Ich-Bewusstseins, dem in Form von Bewusstsein und Wille — Verneigung der Erhabenheit der Rede!
darśanaṁ no didṛkṣūṇāṁ dehi bhāgavatārcitam | rūpaṁ priyatamaṁ svānāṁ sarvendriya-guṇāñjanam
Gewähre uns, die wir (danach) verlangen zu sehen, den Anblick jener von den Geweihten verehrten Gestalt, die deinen Eigenen die liebste ist, die alle Sinne mit ihren Vorzügen erfreut.
Wort für Wort
darśanam
den Anblick (Akk.)
naḥ
uns (Dat./Gen.Pl.)
didṛkṣūṇām
der Sehen-Wollenden (Gen.Pl.)
dehi
gib, gewähre! (Imp.)
bhāgavata-arcitam
von den Geweihten verehrt (Akk.)
rūpam
die Gestalt (Akk.)
priya-tamam
die liebste (Akk.)
svānām
der Eigenen (Gen.Pl.)
sarva-indriya-guṇa-añjanam
die alle Sinne mit [deren] Vorzügen erfreut (Akk.)
(die Gestalt,) glänzend dunkel wie eine dichte Regenzeitwolke, den Inbegriff aller Schönheit, mit schönen, langen vier Armen, mit wohlgeformtem, anmutigem Antlitz, mit Augen wie Lotusblütenblättern, mit schönen Augenbrauen, schöner Nase, schönen Zähnen, schönen Wangen und gleichmäßig geschmückten Ohren.
Wort für Wort
snigdha-prāvṛṭ-ghana-śyāmam
glänzend dunkel wie eine dichte Regenzeitwolke (Akk.)
(die Gestalt,) mit liebevoll lächelndem Seitenblick, durch Locken an Schönheit geziert, mit glänzendem, safranfarbenem Gewand, mit glänzenden Ohrringen, mit strahlendem Diadem, Armreifen, Halskette, Fußglöckchen und Gürtel, Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotus (tragend), mit Girlande und Juwelen von höchster Pracht geschmückt.
Wort für Wort
prīti-prahasita-apāṅgam
mit liebevoll lächelndem Seitenblick (Akk.)
alakaiḥ rūpa-śobhitam
durch Locken an Schönheit geziert (Akk.)
lasat-paṅkaja-kiñjalka-dukūlam
mit glänzendem, safranfarbenem Gewand (Akk.)
mṛṣṭa-kuṇḍalam
mit glänzenden Ohrringen (Akk.)
sphurat-kirīṭa-valaya-hāra-nūpura-mekhalam
mit strahlendem Diadem, Armreifen, Halskette, Fußglöckchen, Gürtel (Akk.)
(die Gestalt,) die den Glanz (der Mähne) auf den Löwenschultern trägt, den Kaustubha-Edelstein am glückverheißenden Hals, an deren Brust, durch die nie weichende Glücksgöttin (Śrī) erstrahlend, sogar der Prüfstein für Gold übertroffen wird.
Wort für Wort
siṁha-skandha-tviṣaḥ
den Glanz [der Mähne] auf den Löwenschultern (Akk.Pl.)
bibhrat
tragend (Nom.Ptz.Präs.)
saubhaga-grīva-kaustubham
den Kaustubha-Edelstein am glückverheißenden Hals (Akk.)
śriyā anapāyinyā
durch die nie weichende Glücksgöttin (Instr.)
kṣipta-nikaṣa-aśma
den Prüfstein übertreffend (Nom./Akk.)
urasā ullasat
an der Brust erstrahlend (Instr.+Nom.Ptz.)
Der Bezug von 'kṣipta-nikaṣāśma' (den Prüfstein übertreffend) auf die Brust ist im Kompositum verdichtet; Einzelheiten der Konstruktion bleiben unsicher [?].
(die Gestalt,) mit einem Bauch, dessen Falten, durch Ein- und Ausatmen bewegt, schön wie (Banyan-)Blätter sind, die durch den in Wirbeln tiefen Nabel das Universum gleichsam (in sich) hindurchzieht.
Wort für Wort
pūra-recaka-saṁvigna
durch Ein- und Ausatmen bewegt (Kompositumsglied)
vali-valgu-dala-udaram
mit einem Bauch, dessen Falten schön wie Blätter sind (Akk.)
(die Gestalt,) mit dunkler Hüfte, darüber ein golden erstrahlender Gürtel über dem (Seiden-)Gewand, mit ebenmäßigen, schönen Füßen, Waden und Schenkeln, mit wohlgeformten, vertieften Knien, schön anzusehen.
Wort für Wort
śyāma-śroṇi
dunkle Hüfte (Akk.)
adhi-rociṣṇu
darüber erstrahlend (Akk.)
dukūla-svarṇa-mekhalam
mit goldenem Gürtel über dem Gewand (Akk.)
sama-cāru-aṅghri-jaṅgha-ūru
mit ebenmäßigen, schönen Füßen, Waden, Schenkeln (Akk.)
nimna-jānu-sudarśanam
mit wohlgeformten, vertieften Knien, schön anzusehen (Akk.)
Zeige (uns) deinen eigenen, die Furcht vertreibenden Fuß, der glänzt wie ein Herbstlotusblatt, der durch den Glanz seiner Zehennägel unser inneres Übel hinwegfegt, o Meister, du Führer des (rechten) Weges für die, welche in Finsternis weilen.
Diese Gestalt ist zu meditieren für jene, die die Reinigung des Selbst begehren, deren Bhakti-Yoga Furchtlosigkeit verleiht, (nämlich) für jene, die ihre eigene (vorgeschriebene) Pflicht ausüben.
Du bist durch den, der Hingabe besitzt, erreichbar, (doch) für alle verkörperten Wesen schwer erreichbar; auch dem Herrn der Souveränität (Indra) erwünscht, bist du einzig und allein das Ziel der Selbsterkenner.
taṁ durārādhyam ārādhya satām api durāpayā | ekānta-bhaktyā ko vāñchet pāda-mūlaṁ vinā bahiḥ
Wer würde, nachdem er dich, den schwer zu Verehrenden, sogar für die Vollkommenen (nur) durch schwer erlangbare, ausschließliche Hingabe verehrt hat, etwas anderes als deinen Fuß begehren, etwas Äußerliches ohne diesen?
Denjenigen, der in dich, die Zuflucht, eingetreten ist, greift der Tod nicht an — er, der das Universum vernichtet allein durch das vor Kraft und Tapferkeit zuckende Runzeln seiner Augenbraue.
Wort für Wort
yatra
worin, wohin (Adv.)
nirviṣṭam
eingetreten (Akk.)
araṇam
eine Zuflucht [dich] (Akk.)
kṛta-antaḥ
die vollendende Zeit, der Tod (Nom.)
na abhimanyate
greift nicht an (3.Sg.Präs.)
viśvam
das Universum (Akk.)
vidhvaṁsayan
vernichtend (Nom.Ptz.Präs.Kaus.)
vīrya-śaurya-visphūrjita-bhruvā
durch das vor Kraft und Tapferkeit zuckende Runzeln der Augenbraue (Instr.)
kṣaṇārdhenāpi tulaye | na svargaṁ nāpunar-bhavam | bhagavat-saṅgi-saṅgasya | martyānāṁ kim utāśiṣaḥ
Nicht einmal mit einer halben Augenblicksdauer (im Umgang mit einem Gefährten des Herrn) vergleiche ich den Himmel oder die Befreiung von der Wiedergeburt — wie viel weniger die bloßen Segnungen der Sterblichen!
Wort für Wort
kṣaṇa-ardhena api
selbst mit einer halben Augenblicksdauer (Instr.+auch)
tulaye
ich wiege auf, vergleiche (1.Sg.Präs.Med.)
na svargam
nicht den Himmel (Neg.+Akk.)
na apunaḥ-bhavam
nicht die Nicht-Wiedergeburt (Neg.+Akk.)
bhagavat-saṅgi-saṅgasya
der Gemeinschaft mit einem Gefährten des Herrn (Gen.)
So möge uns denn diese Gnade zuteilwerden: Gemeinschaft mit jenen, deren Sünde durch das innere und äußere Baden in den beiden Pilgerstätten — deinem Ruhm und deinen makellosen Füßen — fortgewaschen wurde, die gegenüber allen Wesen von Mitgefühl und lauterem Wesen geprägten Charakters sind — das sei deine Gnade uns gegenüber.
Wort für Wort
atha
daher, nun (Adv.)
anagha-aṅghreḥ
dessen [makellose] Füße (Gen.)
tava
deine (Gen.)
kīrti-tīrthayoḥ
der beiden Pilgerstätten [Ruhm und Füße] (Gen.Dual.)
antaḥ-bahiḥ-snāna-vidhūta-pāpmanām
derer, deren Sünde durch inneres und äußeres Baden fortgewaschen wurde (Gen.Pl.)
bhūteṣu
gegenüber allen Wesen (Lok.Pl.)
anukrośa-susattva-śīlinām
derer, die von Mitgefühl und Güte geprägten Charakters sind (Gen.Pl.)
na yasya cittaṁ bahir-artha-vibhramaṁ | tamo-guhāyāṁ ca viśuddham āviśat | yad-bhakti-yogānugṛhītam añjasā | munir vicaṣṭe nanu tatra te gatim
Wessen Herz, gereinigt, weder in die Verwirrung durch äußere Objekte noch in die Höhle der Finsternis eintritt — der Weise, durch dessen Bhakti-Yoga begnadet, erschaut fürwahr mühelos darin dein wahres Wesen.
yo māyayedaṁ puru-rūpayāsṛjad bibharti bhūyaḥ | kṣapayaty avikriyaḥ | yad-bheda-buddhiḥ sad ivātma-duḥsthayā | tvam ātma-tantraṁ bhagavan pratīmahi
Der du durch deine vielgestaltige Māyā dieses (Universum) erschaffst, wiederum erhältst und (schließlich) vernichtest, unveränderlich bleibend — dessen Empfindung der Verschiedenheit wie etwas Wirkliches erscheint durch die (Māyā,) die dem Selbst Unbehagen bereitet — dich, den Selbst-Abhängigen, erkennen wir, o Herr.
Wort für Wort
yaḥ
der (Nom.)
māyayā
durch [seine] Māyā (Instr.)
idam
dies [Universum] (Akk.)
puru-rūpayā
der vielgestaltigen (Instr.)
asṛjat
er erschuf (3.Sg.Impf.)
bibharti
er erhält (3.Sg.Präs.)
bhūyaḥ
wiederum (Adv.)
kṣapayati
er vernichtet (3.Sg.Präs.)
avikriyaḥ
unveränderlich (Nom.)
yat-bheda-buddhiḥ
dessen Empfindung der Verschiedenheit (Nom.)
sat iva
wie etwas Wirkliches (Nom.+wie)
ātma-duḥsthayā
durch die dem Selbst Unbehagen bereitende [Māyā] (Instr.)
kriyā-kalāpair idam eva yoginaḥ | śraddhānvitāḥ sādhu yajanti siddhaye | bhūtendriyāntaḥ-karaṇopalakṣitaṁ | vede ca tantre ca ta eva kovidāḥ
Eben dies, gekennzeichnet durch die groben Elemente, die Sinne und das innere Organ, verehren die Yogis, von Glauben erfüllt, gebührend durch die Gesamtheit ihrer (rituellen) Handlungen, zur Vollkommenheit — sie sind es, die sowohl im Veda als auch im Tantra kundig sind.
Wort für Wort
kriyā-kalāpaiḥ
durch die Gesamtheit der [rituellen] Handlungen (Instr.Pl.)
idam eva
eben dies (Akk.)
yoginaḥ
die Yogis (Nom.Pl.)
śraddhā-anvitāḥ
von Glauben erfüllt (Nom.Pl.)
sādhu
gebührend, recht (Adv.)
yajanti
sie verehren (3.Pl.Präs.)
siddhaye
zur Vollkommenheit (Dat.)
bhūta-indriya-antaḥ-karaṇa-upalakṣitam
gekennzeichnet durch Elemente, Sinne und inneres Organ (Akk.)
Du bist die eine, ursprüngliche Person mit schlummernder Energie, durch die Leidenschaft, Güte und Unwissenheit (die drei Erscheinungsweisen) ausdifferenziert werden — das Mahat-Prinzip, das Ich-Bewusstsein, Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde, die Götter und Weisen, die Scharen der Lebewesen — dies alles (entsteht) aus dir.
In dieses durch seine eigene Kraft erschaffene, vierfache (Körper-)Gefäß eingegangen durch seinen eigenen Anteil — als den im Inneren weilenden Puruṣa kennen ihn (die Weisen), der durch die Sinne die honigähnliche Essenz genießt.
Eben du, von überaus heftiger Geschwindigkeit, reißt fürwahr, als Zeit dahinschreitend, die Welten fort, unwiderstehlich wie der Wind die Wolkenreihen — deine Wesenheit lässt sich nur durch andere Wesen erschließen.
Den, der laut mit dem Gedanken 'dies ist zu tun' unachtsam ist, von wachsender Gier nach Sinnesobjekten begehrlich — den befällst du, der Wachsame, o Tod, plötzlich, wie eine hungrig leckende Schlange die Maus.
kas tvat-padābjaṁ vijahāti paṇḍito | yas te 'vamāna-vyayamāna-ketanaḥ | viśaṅkayāsmad-gurur arcati sma yad | vinopapattiṁ manavaś caturdaśa
Wer, der weise ist, würde deinen Lotosfuß meiden — er, dessen Leib durch die Missachtung deiner (Person schon) schwindet? Ohne Bedenken verehrte unser Vater (dich); (ebenso verehren dich) ohne Zweifel die vierzehn Manus.
Wort für Wort
kaḥ
wer (Nom.)
tvat-pada-abjam
deinen Lotusfuß (Akk.)
vijahāti
meidet, verlässt (3.Sg.Präs.)
paṇḍitaḥ
ein Weiser, Kluger (Nom.)
yaḥ
der (Nom.)
te
dein (Gen.)
avamāna
Missachtung (Kompositumsglied)
vyayamāna-ketanaḥ
dessen Leib [dabei] schwindet (Nom.)
viśaṅkayā
ohne Zweifel, Bedenken (Instr.)
asmat-guruḥ
unser Vater, Lehrer (Nom.)
arcati sma
er verehrte (3.Sg.Impf.Perf.)
yat
dass, weil (Akk./Adv.)
vinā
ohne
upapattim
Bedenken, logische Einwand (Akk.)
manavaḥ
die Manus (Nom.Pl.)
caturdaśa
vierzehn (Nom.Pl.)
Die genaue Konstruktion von 'viśaṅkayā ... arcati sma yad vinopapattim' bleibt unsicher; hier als doppelte Aussage über 'unseren Vater' und 'die vierzehn Manus' aufgefasst, die ohne Bedenken/Zweifel verehren [?].
atha tvam asi no brahman | paramātman vipaścitām | viśvaṁ rudra-bhaya-dhvastam | akutaścid-bhayā gatiḥ
Daher bist du, o Brahman, o höchste Seele, für uns Weise die von nirgendwoher Furcht kennende Zuflucht — du, durch dessen Furcht (vor Rudra allein schon) das Universum erschüttert ist.
idam āha purāsmākaṁ bhagavān viśvasṛk-patiḥ | bhṛgv-ādīnām ātmajānāṁ sisṛkṣuḥ saṁsisṛkṣatām
Dies sprach einst zu uns der Herr, der Herrscher der Weltenschöpfer (Brahmā), als er seine Söhne, angeführt von Bhṛgu, die selbst schöpfen wollten, erschaffen wollte.
Wir, alle als Herren der Geschöpfe zur Erschaffung von Nachkommen angewiesen, schufen, durch dieses (Lied) von Unwissenheit befreit, vielfältige Geschöpfe.
Unter allen (Wegen zum) Wohl hier (in dieser Welt) ist die Erkenntnis das höchste (Mittel zum) Heil; das Boot der Erkenntnis durchquert mühelos den uferlosen Ozean des Unheils.
Wer, mit Glauben ausgestattet, dieses von mir gesungene Lied, den Lobpreis des Herrn, studiert, jener verehrt (erfolgreich) den schwer zu verehrenden Hari.
vindate puruṣo 'muṣmād yad yad icchaty asatvaram | mad-gīta-gītāt suprītāc chreyasām eka-vallabhāt
Der Mensch erlangt von jenem — von dem durch mein Lied Besungenen, sehr Erfreuten, dem unter allen Segnungen einzig Liebsten — mühelos, was auch immer er wünscht.
Wer, am frühen Morgen aufgestanden, mit gefalteten Händen, von Glauben erfüllt, dies hört oder andere hören lässt — ein solcher Sterblicher wird von den Fesseln der (fruchtbringenden) Handlung befreit.
Wort für Wort
idam
dies (Akk.)
yaḥ
wer (Nom.)
kalye
am frühen Morgen (Lok.)
utthāya
aufgestanden (Absol.)
prāñjaliḥ
mit gefalteten Händen (Nom.)
śraddhayā anvitaḥ
von Glauben erfüllt (Nom.)
śṛṇuyāt
er höre (3.Sg.Opt.)
śrāvayet
er lasse hören (3.Sg.Opt.Kaus.)
martyaḥ
der Sterbliche (Nom.)
mucyate
wird befreit (3.Sg.Präs.Pass.)
karma-bandhanaiḥ
von den Fesseln der [fruchtbringenden] Handlung (Instr.Pl.)
gītaṁ mayedaṁ naradeva-nandanāḥ parasya puṁsaḥ paramātmanaḥ stavam | japanta ekāgra-dhiyas tapo mahat caradhvam ante tata āpsyathepsitam
Dies, den Lobpreis der höchsten Person, der höchsten Seele, habe ich gesungen, o Söhne des Königs. Rezitiert es mit gesammeltem Verstand und übt große Askese; am Ende werdet ihr danach das Erwünschte erlangen.