Kapitel 197: pūru-vaṁśānuvarṇanam
Die Dynastie des Pūru
Kapitel 20 aus Skandha 9 der Śrīmad-Bhāgavata-Purāṇa: Genealogie der Pūru-Dynastie, die Geschichte von Duṣmanta und Śakuntalā, die Geburt und Großtaten Bharatas, sowie der Ursprung des Namens Bharadvāja.
Śrī Bādarāyaṇi [Śukadeva] sprach: Ich werde nun die Dynastie des Pūru schildern, in der du geboren wurdest, o Bhārata; in ihr wurden nacheinander königliche Weise (rājarṣis) geboren, und aus ihr gingen auch Brahmanen-Dynastien hervor.
Von ihm [entstanden] Ṛteyu, Kakṣeyu, Sthaṇḍileyu, Kṛteyu, Jaleyu und Santateyu, sowie Dharmeyu, Satyeyu und Vrateyu. Dies sind die zehn Söhne von der Apsaras [Ghṛtācī], und Vaneyu gilt als der jüngste von ihnen – [gezeugt] in Ghṛtācī, gleich den zehn Sinnesorganen, die vom höchsten, im Weltall waltenden [Lebenshauch] ausgehen.
Wort für Wort
ṛteyuḥ tasya
Ṛteyu, von ihm
kakṣeyuḥ sthaṇḍileyuḥ kṛteyukaḥ
Kakṣeyu, Sthaṇḍileyu, Kṛteyu
jaleyuḥ sannateyuḥ ca
Jaleyu und Santateyu
dharma-satya-vrateyavaḥ
Dharmeyu, Satyeyu und Vrateyu
daśa ete apsarasaḥ putrāḥ
diese zehn Söhne von der Apsaras
vaneyuḥ ca avamaḥ smṛtaḥ
und Vaneyu gilt als der jüngste
ghṛtācyām
in Ghṛtācī (gezeugt)
indriyāṇi iva
wie die Sinnesorgane
mukhyasya jagad-ātmanaḥ
des höchsten, im Weltall waltenden [Lebenshauchs]
'mukhyasya jagad-ātmanaḥ' bezieht sich traditionell auf den 'Haupt-Prāṇa' (Lebenshauch) als Analogie zu den zehn Sinnesorganen [?]
Dessen Sohn war Medhātithi; von ihm [entstammten] die Brahmanen, angeführt von Praskanna. Von Sumati wurde ein Sohn namens Rebhi geboren; als dessen Sohn gilt Duṣmanta.
Duṣmanta, der zur Jagd ausgezogen war, gelangte zur Einsiedelei Kaṇvas. Dort [sah er eine Frau], die durch ihren eigenen Glanz [den Ort] schmückte wie die Glücksgöttin Ramā selbst. Sobald er sie erblickte, war er sogleich bezaubert, [als sähe er] eine Frau gleich der täuschenden Macht eines Gottes. Von wenigen Kriegern begleitet, sprach er die Schönhüftige an.
vyaktaṁ rājanya-tanayāṁ vedmy ahaṁ tvāṁ su-madhyame
na hi cetaḥ pauravāṇām adharme ramate kvacit
Offenkundig erkenne ich dich als Tochter eines Kṣatriya-Königs, du Schlankhüftige; denn das Herz der Pauravas (Nachkommen Pūrus) findet niemals Gefallen an Unrecht.
Śrī Śakuntalā sprach: Ich bin fürwahr die Tochter Viśvāmitras, die von Menakā im Wald zurückgelassen wurde. Dies weiß der erhabene Kaṇva. O Held, was können wir für dich tun?
Śrī Duṣmanta sprach: Dies ziemt sich wohl, o Schönbraue, für eine, die in der Familie Kuśikas geboren wurde; denn die Töchter der Könige wählen ja selbst einen ihnen ebenbürtigen Gatten.
Wort für Wort
śrī-duṣmantaḥ uvāca
Śrī Duṣmanta sprach
upapannam idaṁ subhru
dies ziemt sich wohl, o Schönbraue
jātāyāḥ kuśika-anvaye
für eine, die in der Familie Kuśikas geboren wurde
om ity ukte yathā-dharmam upayeme śakuntalām
gāndharva-vidhinā rājā deśa-kāla-vidhāna-vit
Nachdem 'Om' [als Zustimmung] gesprochen war, vermählte sich der König, der Ort und Zeit [richtig] zu bestimmen wusste, pflichtgemäß mit Śakuntalā nach dem Gāndharva-Ritus.
Wort für Wort
om iti ukte
nachdem 'Om' gesprochen war
yathā-dharmam upayeme śakuntalām
vermählte er sich pflichtgemäß mit Śakuntalā
gāndharva-vidhinā
nach dem Gāndharva-Ritus
rājā deśa-kāla-vidhāna-vit
der König, der Ort und Zeit [richtig] zu bestimmen wusste
Der königliche Weise von unfehlbarer Zeugungskraft legte seinen Samen in die Fürstin; am nächsten Tag zog er in seine eigene Stadt; nach einiger Zeit gebar sie einen Sohn.
Wort für Wort
amogha-vīryaḥ rājarṣiḥ
der königliche Weise von unfehlbarer Zeugungskraft
mahiṣyāṁ vīryam ādadhe
legte seinen Samen in die Fürstin
śvo-bhūte sva-puraṁ yātaḥ
als der nächste Tag anbrach, zog er in seine eigene Stadt
kaṇvaḥ kumārasya vane cakre samucitāḥ kriyāḥ
baddhvā mṛgendraṁ tarasā krīḍati sma sa bālakaḥ
Kaṇva vollzog im Wald die vorgeschriebenen Riten für den Knaben. Dieser Knabe pflegte, nachdem er kraftvoll einen Löwen gebunden hatte, mit ihm zu spielen.
Diesen, dessen Tapferkeit unüberwindlich war, den aus einem Teil eines Teils Haris Entstandenen, nahm die vortreffliche Frau mit sich und begab sich zu ihrem Gatten.
mātā bhastrā pituḥ putro yena jātaḥ sa eva saḥ
bharasva putraṁ duṣmanta māvamaṁsthāḥ śakuntalām
'Die Mutter ist nur der Blasebalg [des Vaters]; der Sohn, durch den der Vater gezeugt wird, ist er selbst. Ernähre deinen Sohn, Duṣmanta! Verachte Śakuntalā nicht!
Wort für Wort
mātā bhastrā
die Mutter ist [nur] der Blasebalg
pituḥ putraḥ
der Sohn des Vaters
yena jātaḥ sa eva saḥ
durch den [der Vater wieder]geboren wird, ist er selbst
O Herrscher der Menschen, der Sohn, [dessen] Samen [du gespendet hast], errettet [dich] aus dem Reich Yamas; und du bist der Urheber dieses Keimes – Śakuntalā spricht die Wahrheit.'
Wort für Wort
retaḥ-dhāḥ putraḥ nayati
der Sohn, [der Träger des von dir gespendeten] Samens, errettet
Nach dem Hinscheiden seines Vaters wurde er [Bharata] zum ruhmreichen Weltherrscher; seine Größe, als eines aus einem Teil Haris Geborenen, wird auf Erden besungen.
Wort für Wort
pitari uparate
nach dem Hinscheiden des Vaters
saḥ api cakravartī mahā-yaśāḥ
wurde er zum ruhmreichen Weltherrscher
mahimā gīyate tasya
seine Größe wird besungen
hareḥ aṁśa-bhuvaḥ bhuvi
dessen, der aus einem Teil Haris geboren ist, auf Erden
cakraṁ dakṣiṇa-haste 'sya padma-kośo 'sya pādayoḥ
īje mahābhiṣekeṇa so 'bhiṣikto 'dhirāḍ vibhuḥ
pañca-pañcāśatā medhyair gaṅgāyām anu vājibhiḥ
māmateyaṁ purodhāya yamunām anu ca prabhuḥ
aṣṭa-saptatim medhyāśvān babandha pradadad vasu
bharatasya hi dauṣmanter agniḥ sācī-guṇe citaḥ
sahasraṁ badvaśo yasmin brāhmaṇā gā vibhejire
Ein Rad-Zeichen war auf seiner rechten Hand, ein Lotoskelch-Zeichen an seinen Füßen; er ließ sich mit der großen Weihe (Mahābhiṣeka) weihen und wirkte, so geweiht, als mächtiger Oberherrscher. Mit fünfundfünfzig geweihten Rossen [opferte er] entlang der Gaṅgā, mit Māmateya als Priester eingesetzt, ebenso entlang der Yamunā; er band achtundsiebzig für das Opfer geeignete Pferde und verschenkte dabei Reichtümer. Denn bei [dem Opfer] Bharatas, des Sohnes Duṣmantas, wurde das Feuer entlang der Sācī errichtet, wobei die Brahmanen wiederholt je tausend Kühe unter sich aufteilten.
Wort für Wort
cakraṁ dakṣiṇa-haste asya
ein Rad[-Zeichen] an seiner rechten Hand
padma-kośaḥ asya pādayoḥ
ein Lotoskelch[-Zeichen] an seinen Füßen
īje mahābhiṣekeṇa
er opferte/weihte sich mit der großen Weihe
saḥ abhiṣiktaḥ adhirāṭ vibhuḥ
er, geweiht, [wurde zum] mächtigen Oberherrscher
pañca-pañcāśatā medhyaiḥ vājibhiḥ
mit fünfundfünfzig geweihten Rossen
gaṅgāyām anu
entlang der Gaṅgā
māmateyaṁ purodhāya
mit Māmateya als Priester eingesetzt
yamunām anu ca prabhuḥ
und entlang der Yamunā, der Herrscher
aṣṭa-saptatim medhyāśvān babandha
er band achtundsiebzig für das Opfer geeignete Pferde
pradadat vasu
dabei Reichtümer verschenkend
bharatasya hi dauṣmanteḥ
denn [bei dem Opfer] Bharatas, des Sohnes Duṣmantas
agniḥ sācī-guṇe citaḥ
wurde das [Opfer-]Feuer entlang der Sācī errichtet
sahasraṁ badvaśaḥ yasmin
tausend[fach], wiederholt, wobei
brāhmaṇāḥ gāḥ vibhejire
die Brahmanen Kühe unter sich aufteilten
[Anm.: 'sācī-guṇe' (Bedeutung eines Ort- oder Ritualbegriffs) und 'badvaśo' (vermutlich für 'bahuśo', 'vielfach') sind im überlieferten Text unklar; Lesart unsicher [?]
Nachdem er dreihundertunddreißig[hundert, d.h. 3300] Pferde gebunden und damit die Könige in Staunen versetzt hatte, übertraf der Sohn Duṣmantas [selbst] die Täuschungsmacht der Götter und erlangte [den Rang] Bṛhaspatis, des Lehrers der Götter.
Wort für Wort
trayas-triṁśat-śataṁ hi aśvān baddhvā
nachdem er fürwahr dreitausenddreihundert Pferde gebunden hatte
vismāpayan nṛpān
die Könige in Staunen versetzend
dauṣmantiḥ atyagāt māyāṁ devānām
der Sohn Duṣmantas übertraf die Täuschungsmacht der Götter
gurum āyayau
und erlangte den Lehrer/dessen Rang
'devānāṁ gurum āyayau' (er erlangte/erreichte Bṛhaspati, den Lehrer der Götter) ist in der genauen Bedeutung unsicher [?]
Die große Tat Bharatas erreichten weder frühere noch spätere Könige, noch werden sie sie je erreichen – ebensowenig, wie man mit bloßen Armen den Himmel [erreichen kann].
Wort für Wort
bharatasya mahat karma
die große Tat Bharatas
na pūrve na apare nṛpāḥ
weder frühere noch spätere Könige
na eva āpuḥ na eva prāpsyanti
erreichten sie nicht, noch werden sie sie erreichen
bāhubhyāṁ tridivaṁ yathā
so wie [man] mit [bloßen] Armen den Himmel [nicht erreicht]
Kirātas, Hūṇas, Yavanas, Pauṇḍras, Kaṅkas, Khaśas und Śakas sowie alle unfrommen, den Brahmanen feindlichen Könige und Mlecchas erschlug er auf seinem Feldzug zur Welteroberung.
Wort für Wort
kirāta-hūṇān yavanān
Kirātas, Hūṇas, Yavanas
pauṇḍrān kaṅkān khaśān śakān
Pauṇḍras, Kaṅkas, Khaśas, Śakas
abrahmaṇya-nṛpān ca ahan
und er erschlug die den Brahmanen feindlichen Könige
Die Frauen der Götter, die von den Dämonen – welche einst, nachdem sie die Götter besiegt hatten, in die Unterwelt (Rasātala) geflohen waren – in jene Region verschleppt worden waren, brachte er, zusammen mit deren Bewohnern, wieder zurück.
Wort für Wort
jitvā purā asurāḥ devān
nachdem die Dämonen einst die Götter besiegt hatten
ye rasa-okāṁsi bhejire
die [Dämonen], welche die Wohnstätten der Rasā (Unterwelt) aufsuchten
deva-striyaḥ rasāṁ nītāḥ
die Frauen der Götter, in die Rasā (Unterwelt) verschleppt
prāṇibhiḥ punaḥ āharat
brachte er, samt deren Lebewesen, wieder zurück
'prāṇibhiḥ' (zusammen mit den Lebewesen/Bewohnern [der Unterwelt]) ist in der genauen Bezugnahme unsicher [?]
Himmel und Erde spendeten unter seiner Herrschaft alle Wünsche der Untertanen; siebenundzwanzigtausend Jahre lang ließ er sein [Herrschafts-]Rad in alle Richtungen rollen.
Wort für Wort
sarvān kāmān duduhatuḥ
alle Wünsche spendeten
prajānāṁ tasya rodasī
dem Volk Himmel und Erde unter seiner Herrschaft
samāḥ triṇava-sāhasrīḥ
siebenundzwanzigtausend Jahre
dikṣu cakram avartayat
ließ er das [Herrschafts-]Rad in alle Richtungen rollen
'triṇava-sāhasrīḥ' (wörtl. 'drei-neun-tausend') ist eine vedische Zahlformel für 27.000 [?]
sa saṁrāḍ loka-pālākhyam aiśvaryam adhirāṭ śriyam
cakraṁ cāskhalitaṁ prāṇān mṛṣety upararāma ha
Dieser Herrscher (Samrāṭ), der als Oberherrscher (Adhirāj) die 'Hüterschaft der Welt' genannte Herrschaft, den Glanz, das ungehinderte [Rad seiner Macht] und [selbst] die Lebenskräfte innehatte, betrachtete all dies als nichtig und zog sich [davon] zurück.
Wort für Wort
sa saṁrāṭ
dieser Herrscher (Samrāṭ)
loka-pāla-ākhyam aiśvaryam
die 'Hüterschaft der Welt' genannte Herrschaft
adhirāṭ śriyam
als Oberherrscher [innehabend] den Glanz
cakraṁ ca askhalitam
und das ungehinderte [Herrschafts-]Rad
prāṇān
[sowie] die Lebenskräfte
mṛṣā iti upararāma ha
hielt [all dies] für nichtig und zog sich zurück
'upararāma' (er hörte auf/zog sich zurück) könnte auf Bharatas späteres Hinscheiden oder seine Entsagung anspielen [?]
Dieser [Bharata] hatte, o König, drei hochangesehene Gattinnen aus Vidarbha; aus Furcht, [von ihm] verstoßen zu werden, töteten sie [ihre eigenen] Söhne, da gesagt worden war, diese seien [ihm] nicht ebenbürtig.
Wort für Wort
tasya āsan nṛpa
dieser hatte, o König
vaidarbhyaḥ patnyaḥ tisraḥ susammatāḥ
drei hochangesehene Gattinnen aus Vidarbha
jaghnuḥ tyāga-bhayāt putrān
sie töteten aus Furcht vor Verstoßung [ihre] Söhne
na anurūpāḥ iti īrite
da gesagt worden war, [diese seien] nicht ebenbürtig
Als so seine Dynastie fruchtlos (vitatha) geworden war, gaben ihm, während er zu diesem Zweck opferte, die Maruts mittels des Marut-stoma-Opfers Bharadvāja [als Sohn].
Wort für Wort
tasya evaṁ vitathe vaṁśe
als so seine Dynastie fruchtlos/erblos geworden war
tad-artham yajataḥ sutam
während er zu diesem Zweck [für einen] Sohn opferte
Bṛhaspati, der sich der schwangeren Frau seines Bruders zum Beischlaf näherte, wurde [von ihr] zurückgewiesen; dennoch verspritzte er, nachdem er den Embryo verflucht hatte, seinen Samen.
Wort für Wort
antarvatnyāṁ bhrātṛ-patnyām
der schwangeren Frau seines Bruders
maithunāya bṛhaspatiḥ pravṛttaḥ
Bṛhaspati, der sich zum Beischlaf näherte
vāritaḥ
wurde [von ihr] zurückgewiesen
garbhaṁ śaptvā vīryam upāsṛjat
nachdem er den Embryo verflucht hatte, verspritzte er seinen Samen
mūḍhe bhara dvājam imaṁ bhara dvājaṁ bṛhaspate
yātau yad uktvā pitarau bharadvājas tatas tv ayam
'Törin, trage diesen Vogel (dvāja)!' – 'Trage du den Vogel, Bṛhaspati!' – Nachdem die beiden Eltern dies gesagt hatten, gingen sie fort; daher [heißt] dieser seither Bharadvāja ('den Vogel Tragender').
Wort für Wort
mūḍhe bhara dvājam imam
Törin, trage diesen Vogel
bhara dvājaṁ bṛhaspate
trage [du] den Vogel, Bṛhaspati
yātau yat uktvā pitarau
nachdem die Eltern dies gesagt hatten, gingen sie fort
So von den Göttern gedrängt, hielt sie ihn dennoch für einen unrechtmäßigen Sohn und gab ihn fort; die Maruts nahmen ihn auf. Dieser wurde [später, als Erbe] in die kinderlos gebliebene (vitatha) Linie [Bharatas] gegeben.
Wort für Wort
codyamānā suraiḥ evam
so von den Göttern gedrängt
matvā vitatham ātmajam
ihn für einen unrechtmäßigen Sohn haltend
vyasṛjan
gab sie [ihn] fort
marutaḥ abibhran
die Maruts nahmen [ihn] auf
dattaḥ ayaṁ vitathe anvaye
dieser wurde in die 'leere' (vitatha) Linie [Bharatas] gegeben
'vitathe 'nvaye' spielt zugleich auf den späteren Beinamen Bharadvājas als 'Vitatha' in der Bharata-Dynastie an [?]