prācīnabarhir uvāca
bhagavaṁs te vaco 'smābhir
na samyag avagamyate
kavayas tad vijānanti
na vayaṁ karma-mohitāḥ
Prācīnabarhi sprach: O Herr, dein Wort wird von uns nicht vollständig verstanden. Die Weisen verstehen das; wir aber nicht, da wir durch unsere Werke verblendet sind.
Nārada sprach: Man soll den Purusha als Purañjana erkennen, weil er sich selbst eine Stadt erschafft - ein-, zwei-, drei- oder vierfüßig, vielfüßig oder fußlos.
yo 'vijñātāhṛtas tasya
puruṣasya sakheśvaraḥ
yan na vijñāyate pumbhir
nāmabhir vā kriyā-guṇaiḥ
Er, der unerkannt zu jenem Purusha gekommen ist, ist der Freund und Herr jenes Purusha - weil er von den Menschen weder durch Namen noch durch Taten und Eigenschaften erkannt wird.
Als der Purusha die Erscheinungsweisen der Natur gänzlich zu genießen begehrte, urteilte er darüber - über den Körper mit neun Toren, zwei Händen und Füßen: "Das ist vortrefflich."
Wort für Wort
yadā
als
jighṛkṣan
zu ergreifen/genießen begehrend (Desid.Ppr.Nom.Sg.)
Die Buddhi aber soll man als die junge Frau erkennen, durch welche die Vorstellung "mein" und "ich" bewirkt wird; gestützt auf sie genießt die Seele in diesem Körper mit den Sinnen die Sinnesobjekte.
Die Erkenntnissinne sind die Freunde, durch die Erkenntnis und Handlung bewirkt werden; die Handlungssinne, deren Tätigkeit jenen entspricht, sind die Freundinnen; der Lebensatem mit seinen fünf Funktionen ist wie eine Schlange.
bṛhad-balaṁ mano vidyād
ubhayendriya-nāyakam
pañcālāḥ pañca viṣayā
yan-madhye nava-khaṁ puram
Man soll das Manas als von großer Kraft erkennen, als den Anführer beider Arten von Sinnen; die "Pañcālas" sind die fünf Sinnesobjekte, in deren Mitte die Stadt mit den neun Öffnungen liegt.
Wort für Wort
bṛhat-balam
von großer Kraft (Akk.Adj.)
manaḥ
den Geist/das Manas (Akk.Sg.)
vidyāt
man soll erkennen (Opt.3.Sg.)
ubhaya-indriya-nāyakam
den Anführer beider Sinnesarten (Akk.Sg.)
pañcālāḥ
die Pañcālas (Nom.Pl., Landesname = Sinnesobjekte)
akṣiṇī nāsike karṇau
mukhaṁ śiśna-gudāv iti
dve dve dvārau bahir yāti
yas tad-indriya-saṁyutaḥ
Die zwei Augen, die zwei Nasenlöcher, die zwei Ohren, der Mund, Geschlechtsorgan und After - so gibt es je zwei gepaarte Tore; durch sie geht derjenige Purusha, der mit jenen Sinnen ausgestattet ist, nach außen.
Wort für Wort
akṣiṇī
die zwei Augen (Nom.Du.)
nāsike
die zwei Nasenlöcher (Nom.Du.)
karṇau
die zwei Ohren (Nom.Du.)
mukham
der Mund (Nom.Sg.)
śiśna-gudau
Geschlechtsorgan und After (Nom.Du.)
iti
so (aufgezählt)
dve dve
je zwei (Nom.Du., wiederholend)
dvārau
als Tore (Nom.Du.)
bahiḥ
nach außen
yāti
geht (3.Sg.Präs.)
yaḥ
welcher (Purusha) (Nom.Sg.)
tat-indriya-saṁyutaḥ
mit jenen Sinnen ausgestattet (Nom.Sg.)
[Anm.: 'dve dve dvārau' (wörtl. 'je zwei Tore') bezieht sich vermutlich zusammenfassend auf die vier Paare (Augen, Nasenlöcher, Ohren, Genital-After) neben dem einzelnen Mund; die genaue Distribution bleibt im Text elliptisch [?].]
Augen, Nasenlöcher und Mund - das sind die fünf, die im Osten der Stadt angelegt sind; das südliche Tor gilt als das rechte Ohr, das nördliche als das linke Ohr; im Westen, das heißt unten, liegen die zwei Tore, die hier After und Geschlechtsorgan genannt werden.
Khadyotā und Āvirmukhī, hier an einer Stelle angelegt, sind die beiden Augen; mit ihnen erblickt der Herrscher der Stadt durch den Sehsinn die erstrahlende Gestalt Vibhrājita.
Nalinī und Nālinī sind die zwei Nasenlöcher; der Geruch wird "Saurabha" genannt, der Geruchssinn "Avadhūta"; Mukhyā ist der Mund, "Vipaṇa" die Sprache; der Geschmackssinn heißt "Rasavit", der Geschmack selbst "Rasa".
Das Geschäft hier am Tor des Mundes heißt "Āpaṇa"; die mannigfaltige Speise heißt "Bahūdana". Das rechte Ohr gilt als "Pitṛhū", der Anrufer der Ahnen, das linke als "Devahū", der Anrufer der Götter.
pravṛttaṁ ca nivṛttaṁ ca
śāstraṁ pañcāla-saṁjñitam
pitṛ-yānaṁ deva-yānaṁ
śrotrāc chruta-dharād vrajet
Die Schrift, die "Pañcāla" genannt wird, besteht aus der zum Sinnesgenuss hinführenden und der davon abwendenden Weisung; vom Gehörsinn, das heißt vom Freund Śrutadhara aus, gelangt man auf den Pfad der Ahnen oder den Pfad der Götter.
"Āsurī" heißt das Geschlechtsorgan, das niedere Tor; der Geschlechtsakt ist das Vergnügen der gewöhnlichen sinnlichen Menschen; das Zeugungsvermögen wird "Durmada" genannt; der After wird "Nirṛti" genannt.
vaiśasaṁ narakaṁ pāyur
lubdhako 'ndhau tu me śṛṇu
hasta-pādau pumāṁs tābhyāṁ
yukto yāti karoti ca
Der Aftersinn heißt "Vaiśasa", die Hölle; er heißt auch "Lubdhaka", der Gierige. Höre nun von mir über die "Blinden": mit Händen und Füßen ausgestattet geht die Seele umher und handelt.
Wort für Wort
vaiśasam
(genannt) Vaiśasa (Nom.Sg.)
narakam
die Hölle (Nom.Sg.)
pāyuḥ
der Aftersinn (Nom.Sg.)
lubdhakaḥ
(genannt) Lubdhaka (Nom.Sg.)
andhau
die zwei Blinden (Nom.Du.)
tu
aber/nun
me
von mir (Gen.Sg.)
śṛṇu
höre! (Imp.2.Sg.)
hasta-pādau
die zwei Hände und Füße (Nom.Du.)
pumān
die Seele (Nom.Sg.)
tābhyām
mit ihnen beiden (Instr.Du.)
yuktaḥ
ausgestattet (Nom.Sg.Ppp.)
yāti
er geht (3.Sg.)
karoti ca
und handelt (3.Sg.)
[Anm.: 'andhau' ('die zwei Blinden') bezieht sich vermutlich vorausdeutend auf Hände und Füße, die - ohne eigenes Urteilsvermögen - dem Willen der übrigen Sinne folgen [?].]
antaḥ-puraṁ ca hṛdayaṁ
viṣūcir mana ucyate
tatra mohaṁ prasādaṁ vā
harṣaṁ prāpnoti tad-guṇaiḥ
Das Herz ist der innere Palast, und der Geist wird "Viṣūcīna" genannt; dort erlangt die Seele durch dessen (des Geistes) Erscheinungsweisen Verwirrung, Klarheit oder Freude.
Je nachdem, wie der von den Erscheinungsweisen durchdrungene Geist erregt wird oder selbst verändert, ahmt die Seele als Zuschauer dessen Zustände entsprechend nach.
Der Körper ist ein Wagen, mit den Sinnen als Pferden, mit dem Jahreslauf als Geschwindigkeit, an sich aber ziellos; mit den zwei Arten von Werk als Rädern, mit den drei Erscheinungsweisen als Fahnen, mit den fünf Lebensatemströmen als Wagenkasten, mit dem Geist als Zügel, mit dem Intellekt als Wagenlenker, mit dem Herzen als Nest, mit den Gegensatzpaaren als Deichsel, mit den fünf Sinnesobjekten als Wurfgeschossen, mit den sieben Körperelementen als Panzerung. Mit dem Willen als äußerer Kraftentfaltung läuft er einer Luftspiegelung nach, mit den elf Sinnen als Heerschar, und macht sich die fünf "Schlachtstätten" des Haushalts zum Zeitvertreib.
Wort für Wort
dehaḥ
der Körper (Nom.Sg.)
rathaḥ
ein Wagen (Nom.Sg.)
tu
aber/nun
indriya-aśvaḥ
mit den Sinnen als Pferden (Nom.Sg.)
saṁvatsara-rayaḥ
mit dem Jahreslauf als Geschwindigkeit (Nom.Sg.)
agatiḥ
ziellos/ohne (eigenen) Fortschritt (Nom.Sg.)
dvi-karma-cakraḥ
mit den zwei Werkarten als Rädern (Nom.Sg.)
tri-guṇa-dhvajaḥ
mit den drei Erscheinungsweisen als Fahnen (Nom.Sg.)
pañca-asu-bandhuraḥ
mit den fünf Lebensatemströmen als Wagenkasten (Nom.Sg.)
manaḥ-raśmiḥ
mit dem Geist als Zügel (Nom.Sg.)
buddhi-sūtaḥ
mit dem Intellekt als Wagenlenker (Nom.Sg.)
hṛt-nīḍaḥ
mit dem Herzen als Nest (Nom.Sg.)
dvandva-kūbaraḥ
mit den Gegensatzpaaren als Deichsel (Nom.Sg.)
pañca-indriya-artha-prakṣepaḥ
mit den fünf Sinnesobjekten als Wurfgeschossen (Nom.Sg.)
sapta-dhātu-varūthakaḥ
mit den sieben Körperelementen als Panzerung (Nom.Sg.)
ākūtiḥ
der Wille (Nom.Sg.)
vikramaḥ bāhyaḥ
als äußere Kraftentfaltung (Nom.Sg.)
mṛga-tṛṣṇām
einer Luftspiegelung (Akk.Sg.)
pradhāvati
er läuft nach (3.Sg.)
ekādaśa-indriya-camūḥ
mit den elf Sinnen als Heerschar (Nom.Sg.)
pañca-sūnā-vinoda-kṛt
der die fünf Schlachtstätten zum Zeitvertreib macht (Nom.Sg.)
[Anm.: 'pañca-sūnāḥ' bezeichnet die fünf häuslichen 'Tötungsstätten' (Feuerstelle, Mahlstein, Besen, Wasserkrug, Mörser), an denen im Alltag unabsichtlich Lebewesen zu Schaden kommen [?].]
Das Jahr, "Caṇḍavega" genannt, ist die Zeit, durch die alles gekennzeichnet wird; dessen Tage gelten hier als die Gandharvas, die Nächte als die Gandharvī-Frauen; durch ihren Umlauf rauben sie die Lebenszeit - dreihundertsechzig an der Zahl.
Das Alter ist leibhaftig die Tochter der Zeit; die Welt heißt sie nicht willkommen. Der Tod, der Herr der Yavanas, nahm sie zur Vernichtung der Wesen als Schwester zu sich.
Geistige und körperliche Leiden sind dessen (des Todes) Soldaten, die Yavanas seine Gefolgsleute; sein Verbündeter Prajvāra - das zweifache Fieber - ist von rascher, durch andere Wesen verursachter Wucht. So verweilt, gequält durch vielerlei Leiden, die durch Schicksal, andere Wesen und den eigenen Körper und Geist entstehen, die verkörperte Seele, von Unwissenheit umhüllt, hundert Jahre im Körper. Indem sie die Eigenschaften von Lebensatem, Sinnen und Geist fälschlich sich selbst zuschreibt, ruht die an sich eigenschaftslose Seele, über Bruchstücke des Begehrens sinnend, "mein", "ich" denkend - so zur Handelnden geworden.
Wort für Wort
ādhayaḥ
geistige Leiden (Nom.Pl.)
vyādhayaḥ
körperliche Leiden (Nom.Pl.)
tasya
dessen (des Todes) (Gen.Sg.)
sainikāḥ
Soldaten (Nom.Pl.)
yavanāḥ carāḥ
die Yavanas, Gefolgsleute (Nom.Pl.)
bhūta-upasarga-āśu-rayaḥ
von rascher, durch (andere) Wesen verursachter Wucht (Nom.Sg.)
prajvāraḥ
(genannt) Prajvāra (Nom.Sg.)
dvi-vidhaḥ
zweifach (Nom.Adj.)
jvaraḥ
Fieber (Nom.Sg.)
evam
so
bahu-vidhaiḥ duḥkhaiḥ
durch vielerlei Leiden (Instr.Pl.)
daiva-bhūta-ātma-sambhavaiḥ
entstanden durch Schicksal, (andere) Wesen und den eigenen (Körper/Geist) (Instr.Pl.)
kliśyamānaḥ
gequält werdend (Nom.Sg.Ppr.Pass.)
śatam varṣam
hundert Jahre (Akk.Sg., Zeitdauer)
dehe
im Körper (Lok.Sg.)
dehī
die verkörperte Seele (Nom.Sg.)
tamaḥ-vṛtaḥ
von Unwissenheit umhüllt (Nom.Sg.)
prāṇa-indriya-manaḥ-dharmān
die Eigenschaften von Lebensatem, Sinnen und Geist (Akk.Pl.)
Wenn aber der Mensch, ohne die höchste Seele - den Erhabenen, den höchsten Lehrer - zu erkennen, sich an den Erscheinungsweisen der Natur verstrickt, obwohl er doch sein eigenes Wohl sehen könnte - dann, sich mit den Erscheinungsweisen identifizierend, vollbringt er unfreiwillig Werke und wird entsprechend seinem Werk weiß, schwarz oder rot wiedergeboren.
Wort für Wort
yadā
wenn
ātmānam
die (höchste) Seele (Akk.Sg.)
avijñāya
ohne zu erkennen (Abs.negiert)
bhagavantam
den Erhabenen (Akk.Sg.)
param gurum
den höchsten Lehrer (Akk.Sg.)
puruṣaḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
tu
aber
viṣajjeta
er verstrickt sich (Opt.3.Sg.)
guṇeṣu
an den Erscheinungsweisen (Lok.Pl.)
prakṛteḥ
der Natur (Gen.Sg.)
sva-dṛk
der sein eigenes (Wohl) sehen könnte (Nom.Sg.)
guṇa-abhimānī
sich mit den Erscheinungsweisen identifizierend (Nom.Sg.)
Von der Geburt in der Erscheinungsweise "weiß" aus erlangt er manchmal Welten, die meist von Licht geprägt sind, manchmal aber Welten, deren Ende Leid ist, voller Mühsal der Tätigkeit, und manchmal Welten, die von Dunkelheit und Kummer überwältigt sind.
Manchmal männlich, manchmal weiblich, manchmal keins von beiden - mit verblendetem Verstand wird er geboren als Gott, Mensch oder Tier; die Geburt richtet sich nach Werk und dessen Eigenschaft.
Wie ein von Hunger ergriffener, elender Hund, der von Haus zu Haus streift, nur das erhält, was ihm zugewiesen ist - sei es Schläge oder Speise -, so auch erlangt die von Begierden erfüllte verkörperte Seele, auf höheren und niederen Pfaden umherirrend, oben, unten oder in der Mitte geboren, das ihr zugewiesene Angenehme und Unangenehme.
duḥkheṣv ekatareṇāpi
daiva-bhūtātma-hetuṣu
jīvasya na vyavacchedaḥ
syāc cet tat-tat-pratikriyā
Selbst wenn es gegen jedes einzelne dieser Leiden - deren Ursachen Schicksal, andere Wesen und der eigene Körper/Geist sind - eine je eigene Gegenmaßnahme gäbe, so gäbe es für die verkörperte Seele dennoch keine Beendigung, und sei es auch nur hinsichtlich einer einzigen dieser Leidarten.
Wort für Wort
duḥkheṣu
unter den Leiden (Lok.Pl.)
ekatareṇa api
selbst durch eine einzige (Ursache) (Instr.Sg.)
daiva-bhūta-ātma-hetuṣu
deren Ursachen Schicksal, (andere) Wesen und der eigene (Körper/Geist) sind (Lok.Pl.)
jīvasya
der (verkörperten) Seele (Gen.Sg.)
na vyavacchedaḥ
keine Beendigung (Nom.Sg.)
syāt
es gäbe (Opt.3.Sg.)
cet
selbst wenn
tat-tat-pratikriyā
eine je eigene Gegenmaßnahme (Nom.Sg.)
[Anm.: Die genaue logische Verschränkung von 'ekatareṇa api' und 'cet tat-tat-pratikriyā' ist im Sanskrit elliptisch; Übersetzung nach wahrscheinlichstem Sinn [?].]
yathā hi puruṣo bhāraṁ
śirasā gurum udvahan
taṁ skandhena sa ādhatte
tathā sarvāḥ pratikriyāḥ
So wie ein Mann, der eine schwere Last auf dem Kopf trägt, sie zur Erleichterung auf die Schulter verlagert - ebenso verhält es sich mit allen Gegenmaßnahmen gegen das Leid: sie verschieben es nur.
Die Gegenmaßnahme gegen Werke ist niemals endgültig, sondern lediglich wieder ein neues Werk; beides nämlich ist der Unwissenheit unterworfen - wie im Traum ein weiterer Traum, o Sündloser.
arthe hy avidyamāne 'pi
saṁsṛtir na nivartate
manasā liṅga-rūpeṇa
svapne vicarato yathā
Denn selbst wenn der reale Gegenstand nicht vorhanden ist, hört das weltliche Dasein nicht auf - wie bei einem, der im Traum durch den Geist, in Gestalt des Subtilkörpers, umherwandert.
Daher gilt: das weltliche Dasein, von dem aus für die Seele, deren eigentliches Wohl ein anderes ist, eine Kette von Übeln entsteht - dessen Beendigung geschieht durch höchste Hingabe zum göttlichen Meister. Die fest auf Vāsudeva, den Erhabenen, gerichtete Praxis der Hingabe wird auf wahrhaftige Weise Entsagung und Erkenntnis hervorbringen.
Wort für Wort
atha
daher
ātmanaḥ
der Seele (Gen.Sg.)
artha-bhūtasya
deren (eigentliches) Wohl (ein anderes ist) (Gen.Sg.)
so 'cirād eva rājarṣe
syād acyuta-kathāśrayaḥ
śṛṇvataḥ śraddadhānasya
nityadā syād adhīyataḥ
Dies wird, o Königsweiser, sehr bald geschehen, gestützt auf die Erzählungen vom Unfehlbaren, für den, der sie voller Glauben hört; beständig wird es geschehen für den, der sie auch selbst studiert.
Wort für Wort
saḥ
dies (Bhakti-Yoga) (Nom.Sg.)
acirāt eva
schon sehr bald (Adv.)
rāja-ṛṣe
o Königsweiser (Vok.)
syāt
es wird geschehen (Opt.3.Sg.)
acyuta-kathā-āśrayaḥ
gestützt auf Erzählungen vom Unfehlbaren (Nom.Sg.)
yatra bhāgavatā rājan
sādhavo viśadāśayāḥ
bhagavad-guṇānukathana-
śravaṇa-vyagra-cetasaḥ
tasmin mahan-mukharitā
madhubhic-caritra-pīyūṣa-
śeṣa-saritaḥ paritaḥ sravanti
tā ye pibanty avitṛṣo
nṛpa gāḍha-karṇais
tān na spṛśanty aśana-tṛḍ-
bhaya-śoka-mohāḥ
Wo, o König, Verehrer des Erhabenen - fromme Menschen von lauterem Herzen -, deren Sinn eifrig auf das beständige Erzählen und Hören der Eigenschaften des Erhabenen gerichtet ist, versammelt sind - dort fließen ringsum, aus dem Mund der Großen ertönend, die Ströme, die der übriggebliebene Nektar der Taten des Töters von Madhu sind; diejenigen, die sie mit lauschenden Ohren unersättlich trinken, o König - jene berühren Hunger, Durst, Furcht, Kummer und Verblendung nicht.
Wort für Wort
yatra
wo
bhāgavatāḥ
Verehrer des Erhabenen (Nom.Pl.)
rājan
o König (Vok.)
sādhavaḥ
fromme (Menschen) (Nom.Pl.)
viśada-āśayāḥ
von lauterem Herzen (Nom.Pl.)
bhagavat-guṇa-anukathana-śravaṇa-vyagra-cetasaḥ
deren Sinn eifrig auf Erzählen und Hören der Eigenschaften des Erhabenen gerichtet ist (Nom.Pl.)
tasmin
dort (Lok.Sg.)
mahat-mukharitāḥ
aus dem Mund der Großen ertönend (Nom.Pl.)
madhu-bhit-caritra-pīyūṣa-śeṣa-saritaḥ
die Ströme des übriggebliebenen Nektars der Taten des Madhu-Töters (Nom.Pl.)
Beständig durch diese naturgemäß entstehenden Übel bedrängt, entwickelt die Welt der verkörperten Seelen gewiss keine Freude am Ozean des Erzählungsnektars von Hari.
Der Herr der Prajāpatis leibhaftig, der erhabene Śiva, Manu, die von Dakṣa angeführten Herrscher über die Geschöpfe, die beständig im Keuschheitsgelübde verharrenden, von Sanaka angeführten Weisen, Marīci, Atri und Aṅgiras, Pulastya, Pulaha, Kratu, Bhṛgu und Vasiṣṭha - diese, mich eingeschlossen, sind Verkünder des Brahman. Selbst noch heute sehen die Herren der Rede, obwohl sie durch Askese, Wissen und Versenkung manches wahrnehmen, dennoch nicht den höchsten Herrn, der alles sieht.
Wort für Wort
prajāpati-patiḥ
der Herr der Prajāpatis (Nom.Sg.)
sākṣāt
leibhaftig
bhagavān giriśaḥ
der erhabene Śiva (Nom.Sg.)
manuḥ
Manu (Nom.Sg.)
dakṣa-ādayaḥ
mit Dakṣa an der Spitze (Nom.Pl.)
prajā-adhyakṣāḥ
Herrscher über die Geschöpfe (Nom.Pl.)
naiṣṭhikāḥ
die beständig (im Keuschheitsgelübde verharrenden) (Nom.Pl.)
śabda-brahmaṇi duṣpāre
caranta uru-vistare
mantra-liṅgair vyavacchinnaṁ
bhajanto na viduḥ param
Diejenigen, die sich im weit ausgedehnten, schwer zu durchquerenden klanglichen Brahman - den Veden - bewegen und das Göttliche, durch die Merkmale der Vedasprüche nur eingegrenzt erfasst, verehren, erkennen das Höchste nicht.
Wort für Wort
śabda-brahmaṇi
im klanglichen Brahman (Veda) (Lok.Sg.)
duṣpāre
dessen (anderes) Ufer schwer zu erreichen ist (Lok.Sg.)
Deshalb, o Barhiṣmat, richte nicht aus Unwissenheit deinen Blick auf rituelle Werke, die nur als wertvoller Gewinn erscheinen, als hätten sie wahren Sinn - Werke, die nur das Ohr berühren, deren wahre Substanz aber unerreicht bleibt.
Wort für Wort
tasmāt
deshalb
karmasu
auf (rituelle) Werke (Lok.Pl.)
barhiṣman
o Barhiṣmat (Vok.)
ajñānāt
aus Unwissenheit (Abl.Sg.)
artha-kāśiṣu
die als (wertvoller) Gewinn erscheinen (Lok.Pl.)
mā
nicht!
artha-dṛṣṭim
die Ansicht, sie hätten wahren Sinn (Akk.Sg.)
kṛthāḥ
richte! (Inj.2.Sg.)
śrotra-sparśiṣu
die (nur) das Ohr berühren (Lok.Pl.)
aspṛṣṭa-vastuṣu
deren (wahre) Substanz unerreicht bleibt (Lok.Pl.)
svaṁ lokaṁ na vidus te vai
yatra devo janārdanaḥ
āhur dhūmra-dhiyo vedaṁ
sakarmakam atad-vidaḥ
Jene, deren Verstand wie von Rauch getrübt ist und die jenes Höchste nicht kennen, kennen fürwahr nicht die eigene wahre Welt, wo der Gott Janārdana weilt; sie erklären den Veda nur als mit rituellen Werken verbunden.
Wort für Wort
svam lokam
die eigene (wahre) Welt (Akk.Sg.)
na viduḥ
sie kennen nicht (3.Pl.)
te vai
jene fürwahr (Nom.Pl.)
yatra
wo
devaḥ janārdanaḥ
der Gott Janārdana (Nom.Sg.)
āhuḥ
sie erklären (3.Pl.)
dhūmra-dhiyaḥ
deren Verstand (wie von) Rauch (getrübt ist) (Nom.Pl.)
Nachdem du den Erdkreis gänzlich mit ostwärts gerichtetem Kuśa-Gras bestreut hast, kennst du, starr in deinem Ritual und stolz auf das große Töten im Opfer, nicht das höchste Werk. Jenes Werk ist das, was Hari erfreut; jenes allein ist wahres Wissen - die Gesinnung, wodurch man auf jenes gerichtet ist.
Hari ist die Seele der verkörperten Wesen; er selbst ist zugleich Herrscher über die Natur. Der Grund Seiner Füße ist die Zuflucht, von woher den Menschen hier in dieser Welt Wohlergehen zuteilwird.
sa vai priyatamaś cātmā
yato na bhayam aṇv api
iti veda sa vai vidvān
yo vidvān sa gurur hariḥ
Er fürwahr ist der Liebste und das wahre Selbst, von dem her nicht die geringste Furcht entsteht; wer dies so erkennt, der ist fürwahr ein Wissender - und wer ein Wissender ist, der ist selbst zum Lehrer geworden, gleich Hari.
nārada uvāca
praśna evaṁ hi sañchinno
bhavataḥ puruṣarṣabha
atra me vadato guhyaṁ
niśāmaya suniścitam
Nārada sprach: So, o Bester der Menschen, ist deine Frage fürwahr beantwortet. Höre nun, während ich weiter spreche, aufmerksam das Geheime, wohlbegründet dargelegt.
Suche in dir den Hirsch, der auf niedrigem Gras weidet, im Bereich schöner Blüten mit einer Hirschkuh vereint, hingezogen zum Gesang der Bienenscharen, dessen Ohr danach begehrt, der - ohne vorn die lebensraubenden Wölfe zu beachten - dahinzieht und von hinten vom Pfeil des Jägers durchbohrt wird.
In der Zuflucht des Haushaltslebens, bei Frauen, deren Wesensart der von Blüten gleicht - wie der Hirsch dem Duft von Blütenhonig -, das geringste, aus dem Reifen begehrter Werke entstandene Bruchstück von Sinnenglück, angefangen mit Genuss von Zunge und Geschlecht, suchend, sich mit der Frau vereinend, den Geist darauf versessen, durch überaus bezaubernde Reden von Frauen und anderen Hausgenossen, die dem Gesang der Bienenscharen gleichen, das Ohr übermäßig verlockt - während vorn, gleich einem Wolfsrudel, die Zeit die Lebensspanne raubt, nämlich jene Tage und Nächte, jene besonderen Zeitabschnitte, ohne sie zu beachten, im Haus sich vergnügend - während von hinten, unbemerkt, der Jäger namens Tod ihm folgt, der ihn hier von innen mit dem Pfeil durchbohrt - diesen, dich selbst, o König, mit durchbohrtem Herzen, solltest du erblicken.
Wort für Wort
sumanaḥ-sama-dharmaṇām strīṇām
von Frauen, deren Wesensart der von Blüten gleicht (Gen.Pl.)
śaraṇe āśrame
in der Zuflucht des Haushaltslebens (Lok.Sg.)
puṣpa-madhu-gandha-vat
wie den Duft von Blütenhonig (Adv.)
kṣudratamam
das Geringste (Akk.Sg.)
kāmya-karma-vipāka-jam
aus dem Reifen begehrter Werke entstanden (Akk.Sg.)
kāma-sukha-lavam
ein Bruchstück von Sinnenglück (Akk.Sg.)
jaihvya-aupasthya-ādi
angefangen mit Genuss von Zunge und Geschlecht (Akk.Sg.)
vicinvantam
suchend (Akk.Sg.Ppr.)
mithunī-bhūya
sich vereinend (Abs.)
tat-abhiniveśita-manasam
dessen Geist darauf versessen ist (Akk.Sg.)
ṣaṭ-aṅghri-gaṇa-sāma-gīta-vat
wie der Gesang der Bienenscharen (Adv.)
atimanohara-vanitā-ādi-jana-ālāpeṣu
durch überaus bezaubernde Reden von Frauen und Hausgenossen (Lok.Pl.)
atitarām atipralobhita-karṇam
dessen Ohr übermäßig verlockt ist (Akk.Sg.)
agre vṛka-yūtha-vat
vorn wie ein Wolfsrudel (Adv.)
ātmanaḥ āyuḥ haratāḥ
die die Lebensspanne rauben (Gen.Pl.Ppr.)
ahaḥ-rātrān
Tage und Nächte (Akk.Pl.)
tān kāla-lava-viśeṣān
jene besonderen Zeitabschnitte (Akk.Pl.)
avigaṇayya
ohne zu beachten (Abs.)
gṛheṣu viharantam
im Haus sich vergnügend (Akk.Sg.Ppr.)
pṛṣṭhataḥ eva parokṣam
von hinten, unbemerkt (Adv.)
anupravṛttaḥ
gefolgt (Nom.Sg.Ppp.)
lubdhakaḥ kṛta-antaḥ
der Jäger namens Tod (Nom.Sg.)
antaḥ śareṇa
von innen mit dem Pfeil (Instr.Sg.)
yam iha parāvidhyati
den er hier durchbohrt (3.Sg.)
tam imam ātmānam
diesen, dich selbst (Akk.Sg.)
aho rājan
o König (Vok.)
bhinna-hṛdayam
mit durchbohrtem Herzen (Akk.Sg.)
draṣṭum arhasi
du solltest erblicken (Inf.+2.Sg.)
iti
so
[Anm.: langer, im Original durchgehender Satzperiode mit zahlreichen Partizipialkonstruktionen; die deutsche Wiedergabe folgt der syntaktischen Struktur des Sanskrit so weit wie möglich.]
sa tvaṁ vicakṣya mṛga-ceṣṭitam
ātmano 'ntaś
cittaṁ niyaccha hṛdi
karṇa-dhunīṁ ca citte
jahy aṅganāśramam
asattama-yūtha-gāthaṁ
prīṇīhi haṁsa-śaraṇaṁ
virama krameṇa
Du, der du im Hirsch dich wiedererkennst, erkenne das Verhalten des Hirsches und zügle im Innern des Selbst dein Bewusstsein; empfange im Herzen den Erzählungsstrom für das Ohr, und gib im Bewusstsein die Zuflucht bei der Frau auf - die Erzählung von der niedrigsten Schar des weltlichen Treibens; erfreue dich an der Zuflucht der reinen Schwäne und halte allmählich inne.
rājā uvāca
śrutam anvīkṣitaṁ brahman
bhagavān yad abhāṣata
naitaj jānanty upādhyāyāḥ
kiṁ na brūyur vidur yadi
Der König sprach: Gehört und erwogen habe ich, o Brahmane, was du, Erhabener, gesprochen hast. Doch meine Lehrer wissen dies nicht - warum sollten sie es nicht sagen, wenn sie es wüssten?
saṁśayo 'tra tu me vipra
sañchinnas tat-kṛto mahān
ṛṣayo 'pi hi muhyanti
yatra nendriya-vṛttayaḥ
Mein großer, dadurch entstandener Zweifel, o Weiser, ist nun beseitigt; denn selbst die Seher geraten in Verwirrung, wo die Tätigkeiten der Sinne allein nicht ausreichen.
Wort für Wort
saṁśayaḥ atra tu
der Zweifel hierzu aber (Nom.Sg.)
me
mein (Gen.Sg.)
vipra
o Weiser (Vok.)
sañchinnaḥ
beseitigt (Nom.Sg.Ppp.)
tat-kṛtaḥ mahān
großer, dadurch entstandener (Nom.Sg.)
ṛṣayaḥ api hi
denn selbst die Seher (Nom.Pl.)
muhyanti
geraten in Verwirrung (3.Pl.)
yatra
wobei
na indriya-vṛttayaḥ
nicht die Tätigkeiten der Sinne (ausreichen) (Nom.Pl.)
karmāṇy ārabhate yena
pumān iha vihāya tam
amutrānyena dehena
juṣṭāni sa yad aśnute
Zu erklären ist, wie der Mensch, nachdem er jenen Körper, mit dem er hier Werke begann, aufgegeben hat, dort mit einem anderen Körper das genießt, was er als Frucht jener Werke genießt.
Wort für Wort
karmāṇi ārabhate
er beginnt Werke (3.Sg.Med.)
yena
mit welchem (Körper) (Instr.Sg.)
pumān
der Mensch (Nom.Sg.)
iha
hier (in diesem Leben)
vihāya tam
jenen (Körper) aufgegeben habend (Abs.+Akk.)
amutra
dort (im nächsten Leben)
anyena dehena
mit einem anderen Körper (Instr.Sg.)
juṣṭāni
deren Früchte genossen werden (Akk.Pl.)
saḥ yat aśnute
was er genießt (3.Sg.)
[Anm.: Vers wird hier als Fortsetzung der Rede des Königs (fortbestehender Zweifel) verstanden, da vor Vers 60 kein neuer Sprecherwechsel markiert ist [?].]
iti veda-vidāṁ vādaḥ
śrūyate tatra tatra ha
karma yat kriyate proktaṁ
parokṣaṁ na prakāśate
So vernimmt man hier und dort fürwahr die Lehrmeinung der Vedakundigen: das Werk, das in einem Leben getan wird, bleibt, wie gesagt, verborgen und offenbart sich im nächsten Leben äußerlich nicht.
nārada uvāca
yenaivārabhate karma
tenaivāmutra tat pumān
bhuṅkte hy avyavadhānena
liṅgena manasā svayam
Nārada sprach: Mit eben demselben Körper, mit dem er das Werk beginnt, genießt der Mensch fürwahr dort im nächsten Leben eben dieses Werkes Frucht - ohne Unterbrechung, nämlich mit dem Subtilkörper, das heißt mit dem Geist selbst.
Wort für Wort
nāradaḥ uvāca
Nārada sprach
yena eva ārabhate karma
mit eben demselben (Körper) beginnt er das Werk (3.Sg.)
tena eva amutra
mit eben diesem dort (im nächsten Leben)
tat pumān
jenes der Mensch (Akk.Sg./Nom.Sg.)
bhuṅkte hi
genießt fürwahr (3.Sg.Med.)
avyavadhānena
ohne Unterbrechung (Instr.Adv.)
liṅgena manasā svayam
mit dem Subtilkörper, mit dem Geist selbst (Instr.Sg.)
So wie der Mensch, nachdem er diesen noch atmenden, aber im Schlaf daliegenden Körper vorübergehend verlassen hat, das im Traum Erlebte erfährt - ebenso genießt er das im Geist eingeprägte Werk mit einem gleichartigen oder einem anderen Körper, nach dem Tod.
Wort für Wort
śayānam imam
diesen daliegenden (Körper) (Akk.Sg.)
utsṛjya
verlassen habend (Abs.)
śvasantam
atmend (Akk.Sg.Ppr.)
puruṣaḥ yathā
so wie der Mensch (Nom.Sg.)
karma
das Werk (Akk.Sg.)
ātmani āhitam
im Geist eingeprägt (Akk.Sg.)
bhuṅkte
er genießt (3.Sg.Med.)
tādṛśena itareṇa vā
mit einem gleichartigen oder einem anderen (Körper) (Instr.Sg.)
mamaite manasā yad yad
asāv aham iti bruvan
gṛhṇīyāt tat pumān rāddhaṁ
karma yena punar bhavaḥ
Was auch immer jener Mensch mit dem Geist als "mein" betrachtet und, "ich" sagend, für sich in Anspruch nimmt - das gilt als sein vollbrachtes Werk, wodurch ihm erneut Wiedergeburt zuteilwird.
So wie der gegenwärtige Geisteszustand durch die Betätigungen beider Arten von Sinnen erschlossen wird, so wird auch das im früheren Körper entstandene Werk durch die gegenwärtigen Zustände des Bewusstseins erkannt.
Wort für Wort
yathā anumīyate cittam
so wie das Bewusstsein erschlossen wird (Präs.Pass.)
ubhayaiḥ indriya-īhitaiḥ
durch Betätigungen beider (Arten von) Sinnen (Instr.Pl.)
nānubhūtaṁ kva cānena
dehenādṛṣṭam aśrutam
kadācid upalabhyeta
yad rūpaṁ yādṛg ātmani
Nicht könnte jemals etwas, das mit diesem gegenwärtigen Körper nicht erfahren, nicht gesehen, nicht gehört wurde, manchmal im Geist wahrgenommen werden - welcherlei Gestalt es auch sei.
Wort für Wort
na anubhūtam
nicht erfahren (Nom.Sg.)
kva ca
irgendwo/jemals
anena dehena
mit diesem (gegenwärtigen) Körper (Instr.Sg.)
adṛṣṭam aśrutam
ungesehen, ungehört (Nom.Sg.)
kadācit upalabhyeta
könnte manchmal wahrgenommen werden (Opt.Pass.3.Sg.)
Deshalb, o König, vertraue darauf, dass es sich mit diesem Subtilkörper-Besitzer ebenso verhält - dass Erinnerungen, die im früheren Körper entstanden sind, sich zeigen -, denn ein nie erfahrener Gegenstand vermag den Geist nicht zu berühren.
Wort für Wort
tena
deshalb (durch dieses Argument) (Instr.Sg.)
asya liṅginaḥ
dieses (Subtilkörper-)Besitzers (Gen.Sg.)
tādṛśam deha-sambhavam
derartiges, im (früheren) Körper Entstandenes (Akk.Sg.)
mana eva manuṣyasya
pūrva-rūpāṇi śaṁsati
bhaviṣyataś ca bhadraṁ te
tathaiva na bhaviṣyataḥ
Der Geist allein verkündet des Menschen frühere Gestalten - Segen sei mit dir! - und ebenso auch die Gestalten dessen, der künftig wiedergeboren werden wird, wie auch dessen, der nicht wieder geboren werden wird.
Und wenn hier manchmal Ungesehenes und Ungehörtes dennoch im Geist wahrgenommen wird, so ist dies, wie es auch sei, als gestützt auf einen anderen Ort, eine andere Zeit und Handlung anzunehmen.
Wort für Wort
adṛṣṭam aśrutam ca
Ungesehenes und Ungehörtes (Nom.Sg.)
atra kvacit
hier manchmal
manasi dṛśyate
wird im Geist wahrgenommen (Präs.Pass.)
yathā tathā
wie es auch sei
anumantavyam
es ist anzunehmen (Ger.)
deśa-kāla-kriyā-āśrayam
gestützt auf (einen anderen) Ort, Zeit, Handlung (Nom./Akk.Sg.)
Bei allen mit Geist versehenen Wesen kommen alle Sinnesgegenstände gemäß der zeitlichen Reihenfolge im Geist wiederholt hervor und vergehen vielfach wieder.
In einem allein in der Erscheinungsweise der Güte verankerten Geist, der sich an der Seite des Erhabenen befindet, erscheint dieses Weltgeschehen wie ein Schatten auf dem Mond, sich nur noch darauf abzeichnend.
Wort für Wort
sattva-eka-niṣṭhe manasi
in einem allein in der Güte verankerten Geist (Lok.Sg.)
bhagavat-pārśva-vartini
der sich an der Seite des Erhabenen befindet (Lok.Sg.)
Diese "Ich"-"Mein"-Vorstellung wird in der Seele nicht beseitigt, solange die anfanglose Anordnung aus Intellekt, Geist, Sinnen, Sinnesobjekten und Erscheinungsweisen - der Subtilkörper - besteht.
Wort für Wort
na aham mama iti bhāvaḥ ayam
diese "Ich"-"Mein"-Vorstellung (Nom.Sg.)
puruṣe vyavadhīyate
wird in der Seele (nicht) beseitigt (Präs.Pass.)
yāvat
solange
buddhi-manaḥ-akṣa-artha-guṇa-vyūhaḥ
die Anordnung aus Intellekt, Geist, Sinnen, Sinnesobjekten, Erscheinungsweisen (Nom.Sg.)
supti-mūrcchopatāpeṣu
prāṇāyana-vighātataḥ
nehate 'ham iti jñānaṁ
mṛtyu-prajvārayor api
Im Tiefschlaf, in Ohnmacht und großer Erschütterung, ebenso bei Tod und hohem Fieber, regt sich - durch Behinderung der Bewegung des Lebensatems - das "Ich"-Bewusstsein nicht.
Wort für Wort
supti-mūrccha-upatāpeṣu
im Tiefschlaf, in Ohnmacht, in großer Erschütterung (Lok.Pl.)
prāṇa-ayana-vighātataḥ
durch Behinderung der Bewegung des Lebensatems (Abl.Sg.)
Im Mutterleib und auch in der Kindheit zeigt sich der elffache Subtilkörper, wegen noch unvollständiger Entfaltung, ebenso wenig wie die Gestalt des erwachsenen Mondes an dem Tag des Neumonds.
Wort für Wort
garbhe bālye api
im Mutterleib, auch in der Kindheit (Lok.Sg.)
apauṣkalyāt
wegen (noch) unvollständiger Entfaltung (Abl.Sg.)
ekādaśa-vidham tadā
dann elffach (Nom.Sg.)
liṅgam na dṛśyate
der Subtilkörper zeigt sich nicht (Präs.Pass.)
yūnaḥ candramasaḥ
des erwachsenen (vollen) Mondes (Gen.Sg.)
kuhvām
an (dem Tag) des Neumonds (Lok.Sg.)
yathā
wie
[Anm.: 'yūnaḥ candramasaḥ' - wörtlich 'des jugendlichen (d.h. vollen) Mondes' - meint den Vollmond, dessen Gestalt am Neumondtag nicht sichtbar ist, als Gleichnis für die im Embryo/Kind noch nicht manifeste Ganzheit des Subtilkörpers [?].]
arthe hy avidyamāne 'pi
saṁsṛtir na nivartate
dhyāyato viṣayān asya
svapne 'narthāgamo yathā
Denn selbst wenn der Gegenstand nicht vorhanden ist, hört das weltliche Dasein nicht auf - wie bei diesem Menschen, der im Traum an Sinnesobjekte denkt, das Auftreten von Unheil nicht ausbleibt.
Wort für Wort
arthe hi avidyamāne api
obwohl der Gegenstand nicht vorhanden ist (Lok.Abs.)
So ist der Subtilkörper - fünffach, dreifach verflochten, sechzehnfach entfaltet; dieser, mit dem Bewusstsein verbunden, wird "Jīva", verkörperte Seele, genannt.
Durch diesen Subtilkörper nimmt der Mensch grobe Körper an und gibt sie wieder auf; und durch diesen erfährt er Freude, Kummer, Furcht, Leid und Glück.
yathā tṛṇa-jalūkeyaṁ
nāpayāty apayāti ca
na tyajen mriyamāṇo 'pi
prāg-dehābhimatiṁ janaḥ
yāvad anyaṁ na vindeta
vyavadhānena karmaṇām
mana eva manuṣyendra
bhūtānāṁ bhava-bhāvanam
So wie diese Raupe erst dann vom alten Halt fortgeht, nachdem sie einen neuen ergriffen hat, und vorher nicht fortgeht - so gibt der Mensch, selbst im Sterben liegend, die Identifikation mit dem früheren Körper nicht auf, solange er nicht durch das Dazwischentreten neuer Werke einen anderen Körper erlangt. Der Geist allein, o Herrscher der Menschen, ist der Bewirker der Wiedergeburt der verkörperten Wesen.
Wort für Wort
yathā tṛṇa-jalūkā iyam
so wie diese Raupe/dieser Blutegel (Nom.Sg.)
na apayāti
geht nicht fort (3.Sg.)
apayāti ca
und geht (dann erst) fort (3.Sg.)
na tyajet
so gibt (der Mensch) nicht auf (Opt.3.Sg.)
mriyamāṇaḥ api
selbst im Sterben liegend (Nom.Sg.Ppr.)
prāk-deha-abhimatim
die Identifikation mit dem früheren Körper (Akk.Sg.)
janaḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
yāvat anyam na vindeta
solange er nicht einen anderen (Körper) erlangt (Opt.3.Sg.)
vyavadhānena karmaṇām
durch das Dazwischentreten (neuer) Werke (Instr.Sg.)
Wenn der Mensch, über die durch die Sinne vollzogenen Handlungen sinnend, beständig neue Werke anhäuft, dann besteht, solange dieses Werk und die zugrundeliegende Unwissenheit bestehen, für den, der sich fälschlich mit dem Nicht-Selbst identifiziert, Bindung durch immer neues Werk.
Wort für Wort
yadā akṣaiḥ caritān dhyāyan
wenn er über die durch die Sinne vollzogenen (Handlungen) sinnt (Ppr.Nom.Sg.)
karmāṇi ācinute asakṛt
er häuft beständig Werke an (3.Sg.Med.)
sati karmaṇi
solange (dieses) Werk besteht (Lok.Abs.)
avidyāyām
solange (auch) Unwissenheit (besteht) (Lok.Abs.)
bandhaḥ
Bindung (Nom.Sg.)
karmaṇi
durch (immer neues) Werk (Lok.Sg.)
anātmanaḥ
dessen, der sich mit dem Nicht-Selbst identifiziert (Gen.Sg.)
atas tad apavādārthaṁ
bhaja sarvātmanā harim
paśyaṁs tad-ātmakaṁ viśvaṁ
sthity-utpatty-apyayā yataḥ
Verehre deshalb, um dies - die Bindung - zu beseitigen, mit ganzem Selbst Hari, indem du das Universum als auf ihm gegründet erblickst, von dem aus Entstehung, Erhaltung und Vergehen aller Dinge geschehen.
Wort für Wort
ataḥ tat apavāda-artham
deshalb, um dies (die Bindung) zu beseitigen (Akk.Sg.)
maitreya uvāca
bhāgavata-mukhyo bhagavān
nārado haṁsayor gatim
pradarśya hy amum āmantrya
siddha-lokaṁ tato 'gamat
Maitreya sprach: Nachdem der erhabene Nārada, der Erste der Gottgeweihten, dem König den wahren Zustand der beiden Schwäne - der individuellen Seele und der Überseele - gezeigt und jenen König verabschiedet hatte, ging er darauf zur Welt der Vollendeten.
Dort, mit einsgerichtetem Geist, von weltlicher Bindung befreit, die Lotosfüße Govindas fortwährend verehrend, erlangte der Standhafte durch Hingabe Gleichheit mit Ihm.
Wort für Wort
tatra eka-agra-manāḥ
dort mit einsgerichtetem Geist (Nom.Sg.)
dhīraḥ
der Standhafte (Nom.Sg.)
govinda-caraṇa-ambujam
die Lotosfüße Govindas (Akk.Sg.)
vimukta-saṅgaḥ
von (weltlicher) Bindung befreit (Nom.Sg.)
anubhajan
fortwährend verehrend (Ppr.Nom.Sg.)
bhaktyā
durch Hingabe (Instr.Sg.)
tat-sāmyatām agāt
er erlangte Gleichheit mit Ihm (Akk.Sg.+3.Sg.Impf.)
Wer diese Erzählung, die durch den Ruhm Mukundas die Welt reinigt, aus dem Mund des Besten der Götterweisen hervorgegangen, das Selbst reinigend, während sie gepriesen wird, aufnimmt, erlangt die höchste göttliche Stellung; von aller Bindung befreit, irrt er nicht mehr in diesem weltlichen Dasein umher.
Wort für Wort
etat
dies (die Erzählung) (Nom.Sg.)
mukunda-yaśasā
durch den Ruhm Mukundas (Instr.Sg.)
bhuvanam punānam
die Welt reinigend (Akk.Sg.)
devarṣi-varya-mukha-niḥsṛtam
aus dem Mund des Besten der Götterweisen hervorgegangen (Akk.Sg.)
ātma-śaucam
das Selbst reinigend (Akk.Sg.)
yaḥ kīrtyamānam adhigacchati
wer, während es gepriesen wird, aufnimmt (3.Sg.)
pārameṣṭhyam
die höchste (göttliche) Stellung (Akk.Sg.)
na asmin bhave bhramati
er irrt nicht in diesem (weltlichen) Dasein umher (3.Sg.)
Diese wunderbare, geheime spirituelle Lehre habe ich von dir empfangen. So ist nun mein Zweifel über das Leben des Menschen mit der Frau beendet, und ebenso der Zweifel über das Leben im Jenseits.
Wort für Wort
adhyātma-pārokṣyam idam
diese geheime spirituelle (Lehre) (Nom.Sg.)
mayā adhigatam
von mir empfangen (Nom.Sg.Ppp.)
adbhutam
wunderbar (Nom.Sg.)
evam
so
striyā āśramaḥ puṁsaḥ
das Leben des Menschen mit der Frau (Nom.Sg.)
chinnaḥ
beendet (Nom.Sg.Ppp.)
amutra ca saṁśayaḥ
und der Zweifel über das Jenseits (Nom.Sg.)
[Anm.: Kein Sprecherwechsel ('vidura uvāca' o.ä.) auf der Quellseite verzeichnet; aus der Ich-Form ('mayā', 'von mir') und dem Inhalt (Abschluss der Zweifel) erschließt sich, dass hier vermutlich Vidura, der Zuhörer, resümierend zu Wort kommt [?].]