Quellen der Menschheit

Bhāgavata-Purāṇa

Kapitel 16: parīkṣitaḥ kali-nigrahaḥ Wie Parīkṣit das Zeitalter des Kali empfing

Parīkṣit heiratet Irāvatī, vollzieht drei Aśvamedhas und zieht zur Welteroberung aus, wobei er überall vom Ruhm Kṛṣṇas hört (V.1-17). Auf seinem Zug erblickt er einen Śūdra in Königstracht, der eine Kuh mit dem Fuß schlägt - dies ist Kali selbst. Bevor die eigentliche Konfrontation geschildert wird, folgt ein philosophischer Exkurs (V.5-9) sowie die berühmte allegorische Szene: Dharma in Stiergestalt (nur noch auf einem Bein stehend) findet die Erde in Kuhgestalt, glanzlos und weinend, und befragt sie nach dem Grund ihres Kummers (V.18-24). Die Erde antwortet mit einer langen Klage über den Verlust aller Tugenden und schließlich über die Trennung von Kṛṣṇa selbst, dessen Fußspuren sie einst tragen durfte (V.25-35). Am Ende (V.36) erreicht Parīkṣit, während die beiden noch sprechen, den Ort des Geschehens an der Sarasvatī - die eigentliche Begegnung mit Kali folgt in Kapitel 17.

sūta uvāca tataḥ parīkṣid dvija-varya-śikṣayā mahīṁ mahā-bhāgavataḥ śaśāsa ha | yathā hi sūtyām abhijāta-kovidāḥ samādiśan vipra mahad-guṇas tathā ||

Sūta sprach: Darauf beherrschte Parīkṣit, der große Bhāgavata, nach der Unterweisung der vortrefflichen Brahmanen die Erde – so, o Brahmane [Śaunaka], wie es die in der Geburtsastrologie Kundigen zur Stunde seiner Geburt vorhergesagt hatten: dass er von großen Eigenschaften sein werde, so [geschah es].

Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
tataḥ parīkṣit
darauf Parīkṣit
dvija-varya-śikṣayā
nach der Unterweisung der vortrefflichen Brahmanen
mahīm mahā-bhāgavataḥ śaśāsa ha
beherrschte fürwahr die Erde, der große Bhāgavata
yathā hi sūtyām
so wie fürwahr zur Geburtsstunde
abhijāta-kovidāḥ samādiśan
die in der Geburtsastrologie Kundigen vorhergesagt hatten
vipra mahat-guṇaḥ tathā
o Brahmane, [dass er] von großen Eigenschaften [sein werde], so [geschah es]

sa uttarasya tanayām upayema irāvatīm | janamejayādīṁś caturas tasyām utpādayat sutān ||

Er heiratete Irāvatī, die Tochter Uttaras, und zeugte mit ihr die vier Söhne, mit Janamejaya an der Spitze.

Wort für Wort
saḥ uttarasya tanayām upayeme irāvatīm
er heiratete Irāvatī, die Tochter Uttaras
janamejaya-ādīn caturaḥ
die vier [Söhne] mit Janamejaya an der Spitze
tasyām utpādayat sutān
zeugte er in ihr als Söhne

[Anm.: „uttarasya tanayām“ könnte auch „die Tochter [seines Onkels] Uttara“ meinen – Uttara war Sohn des Virāṭa und Bruder von Parīkṣits Mutter Uttarā; Irāvatī wäre demnach seine Cousine mütterlicherseits.]

ājahārāśva-medhāṁs trīn gaṅgāyāṁ bhūri-dakṣiṇān | śāradvataṁ guruṁ kṛtvā devā yatrākṣi-gocarāḥ ||

Er vollzog an der Gaṅgā drei Pferdeopfer mit reichlichen Priestergaben, nachdem er den Śāradvata [Kṛpa] zum Opferpriester gemacht hatte, wobei die Götter [selbst] dort mit bloßem Auge sichtbar waren.

Wort für Wort
ājahāra aśva-medhān trīn
er vollzog drei Pferdeopfer
gaṅgāyām bhūri-dakṣiṇān
an der Gaṅgā, mit reichlichen Priestergaben
śāradvatam gurum kṛtvā
nachdem er den Śāradvata (Kṛpa) zum Priester gemacht hatte
devāḥ yatra akṣi-gocarāḥ
wobei die Götter dort dem Auge sichtbar waren

nijagrāhaujasā vīraḥ kaliṁ digvijaye kvacit | nṛpa-liṅga-dharaṁ śūdraṁ ghnantaṁ go-mithunaṁ padā ||

Der Held ergriff mit Kraft einst bei seinem Welteroberungszug den Kali – [erschienen als] einen Śūdra, der das Abzeichen eines Königs trug und ein Rinderpaar mit dem Fuß schlug.

Wort für Wort
nijagrāha ojasā vīraḥ
ergriff mit Kraft der Held
kalim digvijaye kvacit
einst bei [seinem] Welteroberungszug den Kali
nṛpa-liṅga-dharam śūdram
einen Śūdra, der das Königsabzeichen trug
ghnantam go-mithunam padā
der ein Rinderpaar mit dem Fuß schlug

śaunaka uvāca kasya hetor nijagrāha kaliṁ digvijaye nṛpaḥ | nṛdeva-cihna-dhṛk śūdrako 'sau gāṁ yaḥ padāhanat | tat kathyatāṁ mahā-bhāga yadi kṛṣṇa-kathāśrayam ||

Śaunaka sprach: Aus welchem Grund ergriff der König bei [seinem] Welteroberungszug den Kali – jenen Śūdra, der das Abzeichen eines Königs trug und die Kuh mit dem Fuß schlug? Das möge erzählt werden, o Hochbeglückter, sofern es mit einer Erzählung über Kṛṣṇa verbunden ist.

Wort für Wort
śaunakaḥ uvāca
Śaunaka sprach
kasya hetoḥ nijagrāha kalim
aus welchem Grund ergriff er Kali
digvijaye nṛpaḥ
der König bei [seinem] Welteroberungszug
nṛdeva-cihna-dhṛk śūdrakaḥ asau
jener Śūdra, der das Königsabzeichen trug
gām yaḥ padā ahanat
der die Kuh mit dem Fuß schlug
tat kathyatām mahā-bhāga
das möge erzählt werden, o Hochbeglückter
yadi kṛṣṇa-kathā-āśrayam
sofern es mit einer Kṛṣṇa-Erzählung verbunden ist

athavāsya padāmbhoja-makaranda-lihāṁ satām | kim anyair asad-ālāpair āyuṣo yad asad-vyayaḥ ||

Oder vielmehr: Was [nützen] den Guten, die den Honig des Lotosfußes jenes [Kṛṣṇa] kosten, andere, nichtige Gespräche, die [nur] eine nichtige Vergeudung der Lebenszeit sind?

Wort für Wort
athavā
oder vielmehr
asya pada-ambhoja-makaranda-lihām satām
für die Guten, die den Honig des Lotosfußes jenes [Kṛṣṇa] kosten
kim anyaiḥ asad-ālāpaiḥ
was [nützen] andere, nichtige Gespräche
āyuṣaḥ yat asad-vyayaḥ
die eine nichtige Vergeudung der Lebenszeit sind

kṣudrāyuṣāṁ nṛṇām aṅga martyānām ṛtam icchatām | ihopahūto bhagavān mṛtyuḥ śāmitra-karmaṇi ||

Für die Menschen von kurzer Lebenszeit, o Lieber, die Sterblichen, die das Ewige begehren, wurde hier der erhabene Tod [selbst] zum „Besänftigungsdienst“ [des Opfers] herbeigerufen.

Wort für Wort
kṣudra-āyuṣām nṛṇām
der Menschen von kurzer Lebenszeit
aṅga
o Lieber
martyānām ṛtam icchatām
der Sterblichen, die das Ewige begehren
iha upahūtaḥ bhagavān mṛtyuḥ
hier wurde der erhabene Tod herbeigerufen
śāmitra-karmaṇi
zum Besänftigungsdienst [des Opfers]

[Anm.: „śāmitra“ bezeichnet technisch das Amt des Opferpriesters, der das Opfertier „beruhigt“ (tötet); hier auf den personifizierten Tod angewandt – vermutlicher Bezug auf die Rahmenerzählung, wonach die Weisen von Naimiṣāraṇya den Tod selbst herbeiriefen, damit während ihres jahrtausendlangen Opfers niemand sterbe und die Erzählung ungestört fortgesetzt werden könne (vgl. V.8).]

na kaścin mriyate tāvad yāvad āsta ihāntakaḥ | etad-arthaṁ hi bhagavān āhūtaḥ paramarṣibhiḥ | aho nṛ-loke pīyeta hari-līlāmṛtaṁ vacaḥ ||

Solange der Bezwinger [Tod] hier verweilt, stirbt niemand; eben zu diesem Zweck wurde der Erhabene von den höchsten Weisen herbeigerufen – auf dass, wahrlich, in der Menschenwelt die unsterblichkeitsspendende Rede von Haris Spiel getrunken werde.

Wort für Wort
na kaścit mriyate
niemand stirbt
tāvat yāvat āste iha antakaḥ
solange der Bezwinger [Tod] hier verweilt
etat-artham hi
eben zu diesem Zweck
bhagavān āhūtaḥ paramarṣibhiḥ
wurde der Erhabene von den höchsten Weisen herbeigerufen
aho nṛ-loke pīyeta
auf dass in der Menschenwelt getrunken werde
hari-līlā-amṛtam vacaḥ
die unsterblichkeitsspendende Rede von Haris Spiel

mandasya manda-prajñasya vayo mandāyuṣaś ca vai | nidrayā hriyate naktaṁ divā ca vyartha-karmabhiḥ ||

Des Trägen, des an Einsicht Trägen, des an Lebenskraft Geringen Lebenszeit wird fürwahr durch Schlaf in der Nacht weggenommen, und der Tag durch nutzlose Tätigkeiten.

Wort für Wort
mandasya manda-prajñasya
des Trägen, des an Einsicht Trägen
vayaḥ manda-āyuṣaḥ ca vai
und fürwahr des an Lebenskraft Geringen Lebenszeit
nidrayā hriyate naktam
wird durch Schlaf die Nacht weggenommen
divā ca vyartha-karmabhiḥ
und der Tag durch nutzlose Tätigkeiten

sūta uvāca yadā parīkṣit kuru-jāṅgale 'vasat kaliṁ praviṣṭaṁ nija-cakravartite | niśamya vārtām anatipriyāṁ tataḥ śarāsanaṁ saṁyuga-śauṇḍir ādade ||

Sūta sprach: Als Parīkṣit, [während er] in Kurujāṅgala weilte, vernahm, dass Kali in sein eigenes Kaiserreich eingedrungen sei – [eine] wenig erfreuliche Nachricht –, ergriff darauf der im Kampf Kühne seinen Bogen.

Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
yadā parīkṣit kuru-jāṅgale avasat
als Parīkṣit in Kurujāṅgala weilte
kalim praviṣṭam nija-cakravartite
dass Kali in sein eigenes Kaiserreich eingedrungen sei
niśamya vārtām anatipriyām
nachdem er die wenig erfreuliche Nachricht vernommen hatte
tataḥ śarāsanam
darauf den Bogen
saṁyuga-śauṇḍiḥ ādade
der im Kampf Kühne ergriff [ihn]

svalaṅkṛtaṁ śyāma-turaṅga-yojitaṁ rathaṁ mṛgendra-dhvajam āśritaḥ purāt | vṛto rathāśva-dvipapatti-yuktayā sva-senayā digvijayāya nirgataḥ ||

Er bestieg [seinen] wohlgeschmückten, mit dunklen Pferden bespannten Wagen mit dem Löwenbanner und zog, umgeben von seinem eigenen, aus Wagen, Pferden, Elefanten und Fußvolk bestehenden Heer, aus der Stadt zur Welteroberung aus.

Wort für Wort
su-alaṅkṛtam śyāma-turaṅga-yojitam ratham
den wohlgeschmückten, mit dunklen Pferden bespannten Wagen
mṛgendra-dhvajam āśritaḥ purāt
mit dem Löwenbanner besteigend, [zog er] aus der Stadt
vṛtaḥ ratha-aśva-dvipa-patti-yuktayā sva-senayā
umgeben von seinem aus Wagen, Pferden, Elefanten und Fußvolk bestehenden Heer
digvijayāya nirgataḥ
zog er zur Welteroberung aus

bhadrāśvaṁ ketumālaṁ ca bhārataṁ cottarān kurūn | kimpuruṣādīni varṣāṇi vijitya jagṛhe balim ||

Nachdem er Bhadrāśva, Ketumāla, Bhārata[varṣa], die nördlichen Kurus und die Länder, mit Kiṃpuruṣa beginnend, besiegt hatte, nahm er [von ihnen] Tribut entgegen.

Wort für Wort
bhadrāśvam ketumālam ca
Bhadrāśva und Ketumāla
bhāratam ca uttarān kurūn
und Bhārata[varṣa] und die nördlichen Kurus
kimpuruṣa-ādīni varṣāṇi vijitya
nachdem er die mit Kiṃpuruṣa beginnenden Länder besiegt hatte
jagṛhe balim
nahm er Tribut entgegen

[Anm.: Bezugnahme auf die traditionelle neunfache Kontinent-Einteilung (Navadvīpa) der purāṇischen Kosmographie.]

tatra tatropaśṛṇvānaḥ sva-pūrveṣāṁ mahātmanām | pragīyamāṇaṁ ca yaśaḥ kṛṣṇamāhātmyasūcakam ||

Dort und dort [überall] den gepriesenen Ruhm seiner Vorfahren, der großen Seelen, hörend, der auf Kṛṣṇas Größe hinwies,

Wort für Wort
tatra tatra upaśṛṇvānaḥ
dort und dort [überall] hörend
sva-pūrveṣām mahātmanām
seiner Vorfahren, der großen Seelen
pragīyamāṇam ca yaśaḥ
den gepriesenen Ruhm
kṛṣṇa-māhātmya-sūcakam
der auf Kṛṣṇas Größe hinweist

ātmānaṁ ca paritrātam aśvatthāmno 'stra-tejasaḥ | snehaṁ ca vṛṣṇipārthānāṁ teṣāṁ bhaktiṁ ca keśave ||

– [wie] er selbst vor der Glut der Waffe Aśvatthāmans gerettet worden war, und [von] der Zuneigung zwischen den Vṛṣṇis und Pārthas und deren Hingabe an Keśava –

Wort für Wort
ātmānam ca paritrātam
und [wie] er selbst gerettet wurde
aśvatthāmnaḥ astra-tejasaḥ
vor der Glut der Waffe Aśvatthāmans
sneham ca vṛṣṇi-pārthānām
und die Zuneigung zwischen Vṛṣṇis und Pārthas
teṣām bhaktim ca keśave
und deren Hingabe an Keśava

tebhyaḥ parama-santuṣṭaḥ prīty-ujjṛmbhita-locanaḥ | mahā-dhanāni vāsāṁsi dadau hārān mahā-manāḥ ||

gab er, von ihnen höchst zufrieden gestellt, mit vor Freude sich weitenden Augen, der Großmütige, kostbare Gewänder und Halsketten.

Wort für Wort
tebhyaḥ parama-santuṣṭaḥ
von ihnen höchst zufrieden gestellt
prīti-ujjṛmbhita-locanaḥ
dessen Augen sich vor Freude weiteten
mahā-dhanāni vāsāṁsi
kostbare Gewänder
dadau hārān mahā-manāḥ
gab Halsketten, der Großmütige

sārathya-pāraṣada-sevana-sakhya-dautya-vīrāsanānugamana-stavana-praṇāmān snigdheṣu pāṇḍuṣu jagat-praṇatiṁ ca viṣṇor bhaktiṁ karoti nṛ-patiś caraṇāravinde ||

[Ihm bewusst, wie Kṛṣṇa] den geliebten Pāṇḍus gegenüber [Dienste erwiesen hatte wie] Wagenlenken, Ratsdienst, Dienerschaft, Freundschaft, Botengang, Abtreten des Heldensitzes, Nachfolgen, Lobpreis und Verehrung, und [wie] die [ganze] Welt sich vor Viṣṇu verneigt, übte der Herrscher [Parīkṣit] Hingabe an [dessen] Lotosfuß.

Wort für Wort
sārathya-pāraṣada-sevana-sakhya-dautya-vīra-āsana-anugamana-stavana-praṇāmān
Wagenlenken, Ratsdienst, Dienerschaft, Freundschaft, Botengang, Abtreten des Heldensitzes, Nachfolgen, Lobpreis, Verehrung
snigdheṣu pāṇḍuṣu
gegenüber den geliebten Pāṇḍus
jagat-praṇatim ca viṣṇoḥ
und die Verneigung der Welt vor Viṣṇu
bhaktim karoti nṛ-patiḥ caraṇa-aravinde
übte der Herrscher Hingabe am Lotosfuß

tasyaivaṁ vartamānasya pūrveṣāṁ vṛttim anvaham | nātidūre kilāścaryaṁ yad āsīt tan nibodha me ||

Während er sich so verhielt, täglich dem Beispiel der Vorfahren folgend, [geschah] nicht weit entfernt – wie es heißt – etwas Wunderbares; das vernimm von mir.

Wort für Wort
tasya evam vartamānasya
während er sich so verhielt
pūrveṣām vṛttim anvaham
täglich dem Wandel der Vorfahren [folgend]
na atidūre kila āścaryam yat āsīt
nicht weit entfernt geschah, wie es heißt, etwas Wunderbares
tat nibodha me
das vernimm von mir

dharmaḥ padaikena caran vicchāyām upalabhya gām | pṛcchati smāśru-vadanāṁ vivatsām iva mātaram ||

Dharma [in Gestalt eines Stieres], auf einem einzigen Fuß wandelnd, erblickte die glanzlose Kuh und fragte sie, deren Gesicht tränenüberströmt war, wie eine Mutter, die ihr Kalb [verloren hat]:

Wort für Wort
dharmaḥ pada-ekena caran
Dharma, auf einem [einzigen] Fuß wandelnd
vicchāyām upalabhya gām
die glanzlose Kuh erblickend
pṛcchati sma aśru-vadanām
fragte er sie, deren Gesicht tränenüberströmt war
vivatsām iva mātaram
wie eine Mutter, die ihr Kalb [verloren hat]

dharma uvāca kaccid bhadre 'nāmayam ātmanas te vicchāyāsi mlāyateṣan mukhena | ālakṣaye bhavatīm antarādhiṁ dūre bandhuṁ śocasi kañcanāmba ||

Dharma sprach: Ist es dir wohl, du Gute, mit deiner Gesundheit? Du bist glanzlos, dein Gesicht leicht welk. Ich erkenne an dir eine innere Sorge – du trauerst wohl um einen fernen Verwandten, o Mutter?

Wort für Wort
dharmaḥ uvāca
Dharma sprach
kaccit bhadre anāmayam ātmanaḥ te
ist es dir wohl, du Gute, mit deiner Gesundheit?
vicchāyā asi mlāyatā iṣat mukhena
du bist glanzlos, mit leicht welkem Gesicht
ālakṣaye bhavatīm antarādhim
ich erkenne an dir eine innere Sorge
dūre bandhum śocasi kañcana amba
du trauerst wohl um einen fernen Verwandten, o Mutter

pādair nyūnaṁ śocasi maika-pādam ātmānaṁ vā vṛṣalair bhokṣyamāṇam | āho surādīn hṛta-yajña-bhāgān prajā uta svin maghavaty avarṣati ||

Trauerst du [etwa] um mich, der [nun] um [drei] Füße vermindert ist, oder um dich selbst, [die nur noch] einen Fuß [hat] und von Niederen beherrscht werden wird? Oder um die Götter und andere, deren Opferanteile geraubt wurden, oder um die Geschöpfe, wenn Indra keinen Regen spendet?

Wort für Wort
pādaiḥ nyūnam śocasi mā
trauerst du um mich, der um [drei] Füße vermindert ist
eka-pādam ātmānam vā
oder um dich selbst, die nur einen Fuß hat
vṛṣalaiḥ bhokṣyamāṇam
die von Niederen beherrscht werden wird
āho surādīn hṛta-yajña-bhāgān
oder um die Götter, deren Opferanteile geraubt wurden
prajāḥ uta svit maghavati avarṣati
oder um die Geschöpfe, wenn Indra keinen Regen spendet

arakṣyamāṇāḥ striya urvi bālān śocasy atho puruṣādair ivārtān | vācaṁ devīṁ brahma-kule kukarmaṇy abrahmaṇye rāja-kule kulāgryān ||

[Trauerst du] um die unbeschützten Frauen, o [du] Weite [Erde], [oder] trauerst du auch um die Kinder, die wie von Menschenfressern gequält [werden]? [Oder] um die göttliche Vāc [Rede/Wissen] im Brahmanengeschlecht, [das nun] übler Tat [ergeben ist], [oder] um die Vornehmsten der Geschlechter im dem Brahman untreu gewordenen Königsgeschlecht?

Wort für Wort
arakṣyamāṇāḥ striyaḥ urvi
um die unbeschützten Frauen, o [du] Weite
bālān śocasi atho
trauerst du auch um die Kinder
puruṣa-adaiḥ iva ārtān
die wie von Menschenfressern gequält [werden]
vācam devīm brahma-kule kukarmaṇi
um die göttliche Vāc im [übler Tat ergebenen] Brahmanengeschlecht
abrahmaṇye rāja-kule kula-agryān
um die Vornehmsten der Geschlechter im dem Brahman untreuen Königsgeschlecht

kiṁ kṣatra-bandhūn kalinopasṛṣṭān rāṣṭrāṇi vā tair avaropitāni | itas tato vāśana-pāna-vāsaḥ- snāna-vyavāyonmukha-jīva-lokam ||

[Trauerst du] um die [unwürdig gewordenen] Kṣatriya-Sprösslinge, die von Kali befallen sind, oder um die Reiche, die durch sie zerstört wurden, oder hier und dort um die Lebewesen, die [nur noch] auf Essen, Trinken, Kleidung, Baden und Geschlechtsverkehr aus sind?

Wort für Wort
kim kṣatra-bandhūn kalinā upasṛṣṭān
um die von Kali befallenen Kṣatriya-Sprösslinge
rāṣṭrāṇi vā tair avaropitāni
oder um die Reiche, die von ihnen zerstört wurden
itaḥ tataḥ vā
oder hier und dort
aśana-pāna-vāsaḥ-snāna-vyavāya-unmukha-jīva-lokam
um die auf Essen, Trinken, Kleidung, Baden und Geschlechtsverkehr aus seienden Lebewesen

yadvāmba te bhūribharāvatāra- kṛtāvatārasya harerdharitri | antarhitasya smaratī visṛṣṭā karmāṇi nirvāṇavilambitāni ||

Oder vielmehr, o Mutter, o Erdträgerin, trauerst du, dich jenes Hari erinnernd, der zur [Beseitigung] deiner überschweren Last herabgestiegen war und [nun wieder] verborgen ist, um [seine] Taten, die bis zu [seinem] Erlöschen [aus dieser Welt vollbracht und nun der Erinnerung anheimgestellt sind]?

Wort für Wort
yadvā amba
oder vielmehr, o Mutter
te bhūri-bhara-avatāra-kṛta-avatārasya hareḥ
jenes Hari, der zur [Beseitigung] deiner überschweren Last herabgestiegen war
dharitri
o Erdträgerin
antarhitasya smaratī
dich erinnernd, der [nun] verborgen ist
visṛṣṭā karmāṇi nirvāṇa-vilambitāni
[seine] hinterlassenen, bis zu [seinem] Erlöschen [verrichteten] Taten

idaṁ mamācakṣva tavādhi-mūlaṁ vasundhare yena vikarśitāsi | kālena vā te balināṁ balīyasā surārcitaṁ kiṁ hṛtam amba saubhagam ||

Das erkläre mir: die Wurzel deines Kummers, o Erdreiche, durch die du abgezehrt bist. Oder wurde [dir], o Mutter, durch die Zeit, die stärker ist als die Starken, dein von den Göttern verehrtes Glück geraubt?

Wort für Wort
idam mama ācakṣva
das erkläre mir
tava ādhi-mūlam vasundhare
die Wurzel deines Kummers, o Erdreiche
yena vikarśitā asi
durch die du abgezehrt bist
kālena vā te balinām balīyasā
oder durch die Zeit, die stärker ist als die Starken
sura-arcitam kim hṛtam amba saubhagam
wurde [dir], o Mutter, dein von den Göttern verehrtes Glück geraubt?

dharaṇy uvāca bhavān hi veda tat sarvaṁ yan māṁ dharmānupṛcchasi | caturbhir vartase yena pādair loka-sukhāvahaiḥ ||

Die Erde sprach: Du weißt fürwahr all das, o Dharma, wonach du mich fragst – durch [eben] die vier Füße, mit denen du [einst] wandeltest, die der Welt Glück brachten.

Wort für Wort
dharaṇī uvāca
die Erde sprach
bhavān hi veda tat sarvam
du weißt fürwahr all das
yat mām dharma anupṛcchasi
was du mich, o Dharma, fragst
caturbhiḥ vartase yena pādaiḥ
durch die vier Füße, mit denen du wandeltest
loka-sukha-āvahaiḥ
die der Welt Glück brachten

satyaṁ śaucaṁ dayā kṣāntis tyāgaḥ santoṣa ārjavam | śamo damas tapaḥ sāmyaṁ titikṣoparatiḥ śrutam ||

Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl, Geduld, Entsagung, Zufriedenheit, Aufrichtigkeit; Geistesruhe, Sinnesbeherrschung, Askese, Gleichmut, Duldsamkeit, [innere] Zurückgezogenheit, [heiliges] Wissen;

Wort für Wort
satyam śaucam dayā kṣāntiḥ tyāgaḥ santoṣaḥ ārjavam
Wahrhaftigkeit, Reinheit, Mitgefühl, Geduld, Entsagung, Zufriedenheit, Aufrichtigkeit
śamaḥ damaḥ tapaḥ sāmyam titikṣā uparatiḥ śrutam
Geistesruhe, Sinnesbeherrschung, Askese, Gleichmut, Duldsamkeit, Zurückgezogenheit, [heiliges] Wissen

jñānaṁ viraktiraiśvaryaṁ śauryaṁ tejo balaṁ smṛtiḥ | svātantryaṁ kauśalaṁ kāntirdhairyaṁ mārdavameva ca ||

Erkenntnis, Entsagung, Herrschermacht, Heldenmut, Tatkraft, Stärke, Erinnerungsvermögen; Selbständigkeit, Geschicklichkeit, Anmut, Standhaftigkeit und auch Sanftmut;

Wort für Wort
jñānam viraktiḥ aiśvaryam śauryam tejaḥ balam smṛtiḥ
Erkenntnis, Entsagung, Herrschermacht, Heldenmut, Tatkraft, Stärke, Erinnerungsvermögen
svātantryam kauśalam kāntiḥ dhairyam mārdavam eva ca
Selbständigkeit, Geschicklichkeit, Anmut, Standhaftigkeit und auch Sanftmut

prāgalbhyaṁ praśrayaḥ śīlaṁ saha ojo balaṁ bhagaḥ | gāmbhīryaṁ sthairyamāstikyaṁ kīrtirmāno'nahaṅkṛtiḥ ||

Kühnheit, Bescheidenheit, guter Charakter, [innere] Kraft, Stärke, Glücksfülle; Tiefsinn, Festigkeit, Gottvertrauen, Ruhm, Würde, Freiheit von Eigendünkel;

Wort für Wort
prāgalbhyam praśrayaḥ śīlam saha ojaḥ balam bhagaḥ
Kühnheit, Bescheidenheit, guter Charakter, [innere] Kraft, Stärke, Glücksfülle
gāmbhīryam sthairyam āstikyam kīrtiḥ mānaḥ anahaṅkṛtiḥ
Tiefsinn, Festigkeit, Gottvertrauen, Ruhm, Würde, Freiheit von Eigendünkel

ete cānye ca bhagavannityā yatra mahāguṇāḥ | prārthyā mahattvamicchadbhirna viyanti sma karhicit ||

diese und andere ewige große Tugenden, o Erhabener, die von denen erstrebt werden, die [selbst] Größe begehren, weichen niemals von ihm [Kṛṣṇa].

Wort für Wort
ete ca anye ca bhagavan
diese und andere, o Erhabener
nityāḥ yatra mahā-guṇāḥ
die ewigen großen Tugenden, in dem
prārthyāḥ mahattvam icchadbhiḥ
die erstrebt werden von denen, die Größe begehren
na viyanti sma karhicit
sie weichen niemals [von ihm]

tenāhaṁ guṇapātreṇa śrīnivāsena sāmpratam | śocāmi rahitaṁ lokaṁ pāpmanā kalinekṣitam ||

Um seinetwillen, des Gefäßes der Tugenden, der Wohnstatt der Śrī, trauere ich nun um die Welt, die [seiner] beraubt und vom Sünder Kali heimgesucht ist.

Wort für Wort
tena aham guṇa-pātreṇa
um seinetwillen, des Gefäßes der Tugenden
śrī-nivāsena sāmpratam
der Wohnstatt der Śrī, nun
śocāmi rahitam lokam
trauere ich um die beraubte Welt
pāpmanā kalinā īkṣitam
die vom Sünder Kali heimgesucht ist

ātmānaṁ cānuśocāmi bhavantaṁ cāmarottamam | devān pitṝn ṛṣīn sādhūn sarvān varṇāṁs tathāśramān ||

Und ich trauere um mich selbst und um dich, den Besten der Unsterblichen, um die Götter, Ahnen, Weisen und Frommen, um alle [gesellschaftlichen] Stände und ebenso die Lebensstufen.

Wort für Wort
ātmānam ca anuśocāmi
und ich trauere um mich selbst
bhavantam ca amara-uttamam
und um dich, den Besten der Unsterblichen
devān pitṝn ṛṣīn sādhūn
um die Götter, Ahnen, Weisen, Frommen
sarvān varṇān tathā āśramān
um alle Stände und ebenso die Lebensstufen

brahmādayo bahutithaṁ yadapāṅgamokṣa- kāmāstapaḥ samacaran bhagavatprapannāḥ | sā śrīḥ svavāsamaravindavanaṁ vihāya yat-pāda-saubhagamalaṁ bhajate'nuraktā ||

Brahmā und andere [Götter] übten, dem Erhabenen ergeben, viele Zeitalter hindurch Buße, [nur] um die Gunst seines Seitenblicks zu erlangen; jene Śrī [Lakṣmī selbst] verlässt ihre eigene Wohnstatt, den Lotoshain, und verehrt voller Zuneigung übergenug das Glück an seinem Fuß.

Wort für Wort
brahma-ādayaḥ bahu-tithaṁ
Brahmā und andere, viele [Zeitalter] lang
yat-apāṅga-mokṣa-kāmāḥ tapaḥ samacaran
die die Gunst seines Seitenblicks begehrten, übten Buße
bhagavat-prapannāḥ
[ihm,] dem Erhabenen, ergeben
sā śrīḥ sva-vāsam aravinda-vanam vihāya
jene Śrī, ihre eigene Wohnstatt, den Lotoshain, verlassend
yat-pāda-saubhagam alam bhajate anuraktā
verehrt voller Zuneigung übergenug das Glück seines Fußes

tasyāhamabjakuliśāṅkuśaketuketaiḥ śrīmatpadairbhagavataḥ samalaṅkṛtāṅgī | trīnatyaroca upalabhya tato vibhūtiṁ lokān sa māṁ vyasṛjadutsmayatīṁ tadante ||

Ich [die Erde], durch die glückverheißenden, mit den Zeichen Lotos, Blitzkeil, Elefantenstachel und Banner [versehenen] Füße des Erhabenen an meinem Leib geschmückt, übertraf strahlend die drei [Welten] und erlangte darauf höchste Herrlichkeit unter den Welten – [doch] er ließ mich [schließlich wieder] los, während ich [noch] lächelte, an jenem Ende [seines irdischen Verweilens].

Wort für Wort
tasya aham abja-kuliśa-aṅkuśa-ketu-ketaiḥ
ich, von jenem, mit den Zeichen Lotos, Blitzkeil, Elefantenstachel und Banner
śrīmat-padaiḥ bhagavataḥ samalaṅkṛta-aṅgī
mit den glückverheißenden Füßen des Erhabenen am Leib geschmückt
trīn atyaroca
übertraf strahlend die drei [Welten]
upalabhya tataḥ vibhūtim lokān
darauf die Herrlichkeit unter den Welten erlangend
saḥ mām vyasṛjat utsmayatīm tad-ante
er ließ mich, die ich lächelte, an jenem Ende los

[Anm.: Die Erde beschreibt hier rückblickend das Privileg, Kṛṣṇas Fußspuren getragen zu haben, und ihren nun eingetretenen Verlust dieses Glücks nach seinem Weggang.]

yo vai mamātibharam āsuravaṁśarājñā- m akṣauhiṇī-śatam apānudadātmatantraḥ | tvāṁ duḥsthamūnapadamātmani pauruṣeṇa sampādayan yaduṣu ramyamabibhradaṅgam ||

Er, der fürwahr meine übergroße Last von hundert Akṣauhiṇī-Heeren der Könige dämonischer Abkunft vertrieb, der Selbstherrliche – der dich [Dharma], in schlechter Lage, um [deine] Füße vermindert, durch [seine] Tatkraft [wieder] aufrichtete, [während er selbst] unter den Yadus seinen lieblichen Leib trug –

Wort für Wort
yaḥ vai mama ati-bharam
der fürwahr meine übergroße Last
āsura-vaṁśa-rājñām akṣauhiṇī-śatam apānudat
von hundert Akṣauhiṇī-Heeren der Könige dämonischer Abkunft vertrieb
ātma-tantraḥ
der Selbstherrliche
tvām duḥstham ūna-padam
dich, in schlechter Lage, um Füße vermindert
ātmani pauruṣeṇa sampādayan
durch [seine] Tatkraft in sich [wieder] herstellend
yaduṣu ramyam abibhrat aṅgam
unter den Yadus [seinen] lieblichen Leib tragend

[?: Die genaue Konstruktion von „tvāṁ ... ātmani ... sampādayan“ (dich in [sich] selbst herstellend) ist syntaktisch verdichtet; Sinn vermutlich, dass Kṛṣṇa Dharma durch seine eigene Kraft stützte/wiederherstellte.]

kā vā saheta virahaṁ puruṣottamasya premāvaloka-rucira-smita-valgu-jalpaiḥ | sthairyaṁ samānamaharan madhumāninīnāṁ romotsavo mama yad-aṅghri-viṭaṅkitāyāḥ ||

Wer könnte die Trennung vom höchsten Purusa ertragen – er, der durch [seine] liebevollen Blicke, [sein] anmutiges Lächeln und liebliche Reden [selbst] den von [ihrem eigenen] Liebreiz stolzen Frauen die Standhaftigkeit nahm – wieviel weniger ich, deren Haare sich vor Freude sträuben, [ich,] die von seinem Fuß geprägt bin!

Wort für Wort
kā vā saheta viraham puruṣottamasya
wer könnte die Trennung vom höchsten Purusa ertragen
prema-avaloka-rucira-smita-valgu-jalpaiḥ
durch liebevolle Blicke, anmutiges Lächeln, liebliche Reden
sthairyam samānam aharat
der [ihnen] die gleiche Standhaftigkeit nahm
madhu-māninīnām
der von [ihrem] Liebreiz stolzen Frauen
roma-utsavaḥ mama yat-aṅghri-viṭaṅkitāyāḥ
[wieviel mehr] mein Haaresträuben, [ich] die von seinem Fuß geprägt bin

tayorevaṁ kathayatoḥ pṛthivīdharmayostadā | parīkṣinnāma rājarṣiḥ prāptaḥ prācīṁ sarasvatīm ||

Während jene beiden, die Erde und Dharma, so miteinander sprachen, gelangte der königliche Weise namens Parīkṣit dorthin, zur östlich fließenden Sarasvatī.

Wort für Wort
tayoḥ evam kathayatoḥ
während jene beiden so sprachen
pṛthivī-dharmayoḥ tadā
die Erde und Dharma, damals
parīkṣit nāma rājarṣiḥ
der königliche Weise namens Parīkṣit
prāptaḥ prācīm sarasvatīm
gelangte zur östlich fließenden Sarasvatī

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