Śrī Śuka sprach: Als der Erhabene diese dharma-gemäße und wahrhaftige Rede des Sohnes Virocanas vernommen hatte, sprach er, erfreut und sie lobend, folgende Worte.
Der Erhabene sprach: Diese deine Rede, o Herr der Menschen, ist wahrhaftig, deiner Familie angemessen, dharma-gemäß und ruhmbringend – wessen Maßstab für das Jenseits die Bhṛgu-Priester sind, und [ebenso] dein Großvater, der friedvolle Älteste der Familie.
na hy etasmin kule kaścin
niḥsattvaḥ kṛpaṇaḥ pumān
pratyākhyātā pratiśrutya
yo vādātā dvijātaye
Denn in diesem Geschlecht gibt es niemanden, der charakterschwach oder geizig wäre, der eine Bitte zurückweist oder der, nachdem er es versprochen hat, dem Zweimalgeborenen nicht gibt.
na santi tīrthe yudhi cārthinārthitāḥ
parāṅmukhā ye tv amanasvino nṛpa
yuṣmat-kule yad yaśasāmalena
prahrāda udbhāti yathoḍupaḥ khe
In eurer Familie, o König, gibt es keine kleingeistigen Männer, die sich abwenden, wenn sie an heiliger Stätte oder in der Schlacht von einem Bittsteller gebeten werden – weil durch makellosen Ruhm Prahlāda in ihr erstrahlt wie der Mond am Himmel.
Aus welcher Familie Hiraṇyākṣa geboren wurde, der, allein über diese Erde wandernd, bei der Eroberung der Weltrichtungen, mit seiner Keule bewaffnet, keinen ebenbürtigen Gegner fand.
Den Hiraṇyākṣa, der bei der Errettung der Erde herangekommen war, besiegte Viṣṇu nur mit großer Mühe, und noch danach, immer wieder an dessen Heldenkraft denkend, betrachtete er sich kaum als Sieger.
Als er ihn, mit dem Dreizack in der Hand wie der personifizierte Tod herankommen sah, dachte Viṣṇu, der die Zeit kennt, der Beste der Meister der Māyā, bei sich:
yato yato 'haṁ tatrāsau
mṛtyuḥ prāṇa-bhṛtām iva
ato 'ham asya hṛdayaṁ
pravekṣyāmi parāg-dṛśaḥ
Wohin auch immer ich gehe, dorthin folgt mir dieser wie der Tod den Lebewesen. Daher werde ich in das Herz dieses Mannes, dessen Blick nur nach außen gerichtet ist, eintreten.
So beschlossen habend, trat er, o Herr der Asuras, mit seinem feinstofflichen, im Atemwind verborgenen Körper durch die Öffnung von dessen Lebenshauch [das Nasenloch] in den Körper des heranstürmenden Feindes ein, den Sinn beunruhigt.
Wort für Wort
evam
so
saḥ
er
niścitya
beschlossen habend
ripoḥ
des Feindes
śarīram
in den Körper
ādhāvataḥ
der heranstürmte
nirviviśe
trat ein
asura-indra
o Herr der Asuras
śvāsa-anila
durch den Atemwind
antarhita
verborgen
sūkṣma-dehaḥ
mit feinstofflichem Körper
tat-prāṇa-randhreṇa
durch dessen Lebenshauch-Öffnung
vivigna-cetāḥ
mit unruhigem Sinn [?]
[?] vivigna-cetāḥ ist grammatisch auf Viṣṇu bezogen (Nom.Sg.m., wie sūkṣma-dehaḥ); ob damit Vorsicht/Anspannung beim riskanten Eindringen gemeint ist, bleibt unsicher.
sa tan-niketaṁ parimṛśya śūnyam
apaśyamānaḥ kupito nanāda
kṣmāṁ dyāṁ diśaḥ khaṁ vivarān samudrān
viṣṇuṁ vicinvan na dadarśa vīraḥ
Er durchsuchte dessen Wohnstatt, und da er sie leer fand und Viṣṇu nicht sah, brüllte er zornig. Erde, Himmel, die Himmelsrichtungen, den Äther, die Höhlen und die Meere durchsuchend, fand der Held Viṣṇu nicht.
Da er ihn nicht sah, sprach er so: 'Dieses ganze Universum habe ich durchsucht. Gewiss ist der Mörder meines Bruders dorthin gegangen, von wo kein Wesen zurückkehrt.'
So weitreichend, bis zum Tode, ist die Bindung der Feindschaft bei verkörperten Wesen hier – ein aus Unwissenheit entstandener Zorn, genährt durch Ich-Dünkel.
pitā prahrāda-putras te
tad-vidvān dvija-vatsalaḥ
svam āyur dvija-liṅgebhyo
devebhyo 'dāt sa yācitaḥ
Dein Vater, der Sohn Prahlādas, den Zweimalgeborenen zugetan, gab, obwohl er dies wusste, den Göttern, die die äußere Gestalt von Brahmanen angenommen hatten, auf deren Bitte hin seine eigene Lebensdauer.
nānyat te kāmaye rājan
vadānyāj jagad-īśvarāt
nainaḥ prāpnoti vai vidvān
yāvad-artha-pratigrahaḥ
Nichts anderes begehre ich von dir, o König, dem großzügigen Herrn der Welt. Wahrlich, ein Weiser, der nur so viel annimmt, wie er benötigt, erlangt keine Verfehlung.
Śrī Bali sprach: Ach, du Erbe eines Brahmanen, deine Worte sind zwar von den Weisen gebilligt, doch du bist noch ein Kind von kindlichem Verstand, unwissend, wie es scheint, hinsichtlich deines eigenen Vorteils.
Wer, nachdem er mich, den einzigen Herrscher der Welten, mit Worten zufriedengestellt hat, nur drei Schritte erbittet – von mir, der ihm doch ganze Inseln schenken könnte –, ist unklug.
na pumān mām upavrajya
bhūyo yācitum arhati
tasmād vṛttikarīṁ bhūmiṁ
vaṭo kāmaṁ pratīccha me
Ein Mann, der zu mir herangetreten ist, sollte nicht ein zweites Mal betteln müssen. Deshalb, o kleiner Brahmacārin, nimm von mir nach Belieben Land an, das dir den Lebensunterhalt sichert.
śrī-bhagavān uvāca
yāvanto viṣayāḥ preṣṭhās
tri-lokyām ajitendriyam
na śaknuvanti te sarve
pratipūrayituṁ nṛpa
Der Erhabene sprach: All die angenehmen Sinnesobjekte, so viele es in den drei Welten gibt, vermögen, o König, einen Menschen mit ungezügelten Sinnen nicht zufriedenzustellen.
tribhiḥ kramair asantuṣṭo
dvīpenāpi na pūryate
nava-varṣa-sametena
sapta-dvīpa-varecchayā
Wer mit drei Schritten unzufrieden ist, wird auch durch eine ganze Insel, die neun Länder umfasst, nicht gesättigt – er würde nach allen sieben trefflichen Inseln verlangen.
Wort für Wort
tribhiḥ
mit drei
kramaiḥ
Schritten
asantuṣṭaḥ
der Unzufriedene
dvīpena api
selbst durch eine Insel
na pūryate
wird nicht gesättigt
nava-varṣa-sametena
die neun Länder umfassend
sapta-dvīpa-vara-icchayā
durch das Verlangen nach sieben trefflichen Inseln
Könige, Herrscher über die sieben Inseln, wie der Sohn Venas [Pṛthu], Gaya und andere, gelangten trotz allen Reichtums und erfüllter Wünsche nicht an das Ende ihres Durstes – so haben wir gehört.
Wer mit dem zufrieden ist, was ihm durch Fügung zuteil wird, lebt glücklich; wer aber unzufrieden und unbeherrscht ist, wird es nicht, selbst wenn ihm die drei Welten zuteil würden.
Diese Unzufriedenheit des Menschen hinsichtlich Besitz und Begehren ist die Ursache des weltlichen Daseinskreislaufs; Zufriedenheit mit dem, was einem durch Fügung zuteil wird, gilt hingegen als Weg zur Befreiung.
yadṛcchā-lābha-tuṣṭasya
tejo viprasya vardhate
tat praśāmyaty asantoṣād
ambhasevāśuśukṣaṇiḥ
Der Glanz eines Brahmanen, der mit dem zufällig Erlangten zufrieden ist, wächst; durch Unzufriedenheit erlischt er, wie Feuer durch Wasser gelöscht wird.
Wort für Wort
yadṛcchā-lābha-tuṣṭasya
dessen, der mit dem zufällig Erlangten zufrieden ist
Deshalb erbitte ich von dir, dem besten der Gebenden, nur drei Schritte; schon damit allein bin ich zufrieden – denn Besitz sollte nur so viel sein, wie wirklich notwendig ist.
Śrī Śuka sprach: So angesprochen, sagte er lächelnd: 'Nach deinem Wunsch sei es dir gewährt.' Und um dem Vāmana das Land zu geben, ergriff er das Wassergefäß.
Zu Bali, dem Herrn der Asuras, der im Begriff war, Viṣṇu das Land zu geben, sprach Uśanas [Śukrācārya], der Beste der Wissenden, der Viṣṇus Absicht kannte, zu seinem Schüler:
Śrī Śukra sprach: Dieser Knabe, o Sohn Virocanas, ist leibhaftig der unvergängliche Erhabene, Viṣṇu, von Kaśyapa und Aditi geboren, um die Sache der Götter zu vollbringen.
Er wird mit drei Schritten, indem er zum Leib des Universums wird, diese Welten durchschreiten. Wie willst du, o Tor, dein Leben fristen, nachdem du Viṣṇu alles gegeben hast, was dir gehört?
Mit dem ersten Schritt durchschreitet er die Erde, mit dem zweiten den Himmel, und mit seinem gewaltigen Leib zugleich den Äther – wohin aber soll der dritte Schritt des Alldurchdringenden noch gehen?
niṣṭhāṁ te narake manye
hy apradātuḥ pratiśrutam
pratiśrutasya yo 'nīśaḥ
pratipādayituṁ bhavān
Ich halte deinen letzten Aufenthalt für die Hölle bestimmt; denn wer das Versprochene nicht gibt, [dem gebührt die Hölle] – und du bist unfähig, das Versprochene zu erfüllen.
na tad dānaṁ praśaṁsanti
yena vṛttir vipadyate
dānaṁ yajñas tapaḥ karma
loke vṛttimato yataḥ
Jene Gabe preisen die Weisen nicht, durch die der eigene Lebensunterhalt zunichte wird. Gabe, Opfer, Askese und rituelles Handeln sollen in der Welt von dem ausgehen, der noch über seinen Lebensunterhalt verfügt.
dharmāya yaśase 'rthāya
kāmāya sva-janāya ca
pañcadhā vibhajan vittam
ihāmutra ca modate
Wer seinen Besitz fünffach aufteilt – für Dharma, für Ruhm, für Gewinn, für Wunscherfüllung und für die eigenen Angehörigen –, der erfreut sich sowohl hier als auch in jener Welt.
atrāpi bahvṛcair gītaṁ
śṛṇu me 'sura-sattama
satyam om iti yat proktaṁ
yan nety āhānṛtaṁ hi tat
Auch hierzu höre von mir, o Bester der Asuras, was von den Weisen des Bahvṛca ausgesagt wird: Was mit 'Om' bekräftigt ausgesprochen wird, ist wahr; was aber mit 'Nein' verneint wird, das gilt wahrlich als unwahr.
satyaṁ puṣpa-phalaṁ vidyād
ātma-vṛkṣasya gīyate
vṛkṣe 'jīvati tan na syād
anṛtaṁ mūlam ātmanaḥ
Man erkenne, dass die Wahrheit Blüte und Frucht des Baumes des Selbst ist, wie gelehrt wird; wenn der Baum nicht lebt, kann es sie nicht geben – die [pragmatische] Unwahrheit aber ist die Wurzel dieses Selbst-Baumes.
Wort für Wort
satyam
die Wahrheit
puṣpa-phalam
Blüte und Frucht
vidyāt
man erkenne
ātma-vṛkṣasya
des Baumes des Selbst
gīyate
wird gelehrt
vṛkṣe
wenn der Baum
ajīvati
nicht lebt
tat
das
na syāt
wäre nicht möglich
anṛtam
die Unwahrheit
mūlam
die Wurzel
ātmanaḥ
des Selbst
[Anm.] Śukra argumentiert hier sophistisch: 'anṛta' (Unwahrheit) wird paradox als lebensnotwendige 'Wurzel' des Selbst bezeichnet, um Balis Wortbruch zu rechtfertigen; sparsamste Lesart beibehalten, Widersprüchlichkeit ist im Original angelegt.
tad yathā vṛkṣa unmūlaḥ
śuṣyaty udvartate 'cirāt
evaṁ naṣṭānṛtaḥ sadya
ātmā śuṣyen na saṁśayaḥ
So wie ein entwurzelter Baum vertrocknet und bald umstürzt, ebenso würde, wenn seine [lebensnotwendige] 'Unwahrheit' zerstört wäre, das Selbst sogleich vertrocknen – daran besteht kein Zweifel.
Wort für Wort
tat yathā
so wie
vṛkṣaḥ
ein Baum
unmūlaḥ
entwurzelt
śuṣyati
vertrocknet
udvartate
stürzt um
acirāt
bald
evam
ebenso
naṣṭa-anṛtaḥ
dessen Existenzgrundlage zerstört ist
sadyaḥ
sogleich
ātmā
das Selbst
śuṣyet
würde vertrocknen
na saṁśayaḥ
kein Zweifel
Fortsetzung der sophistischen Baum-Metapher aus Vers 39 (Śukras Argumentation).
parāg riktam apūrṇaṁ vā
akṣaraṁ yat tad om iti
yat kiñcid om iti brūyāt
tena ricyeta vai pumān
bhikṣave sarvam oṁ kurvan
nālaṁ kāmena cātmane
Das nach außen Gewandte, Leere, Unvollständige – jene Silbe heißt 'Om' [Ja]. Was auch immer man mit 'Om' zusagt, dadurch wird man wahrlich beraubt. Wer einem Bettler mit 'Om' alles zusagt, hat nicht genug für die eigenen Wünsche und für sich selbst.
Wort für Wort
parāk
nach außen gewandt
riktam
leer
apūrṇam
unvollständig
vā
oder
akṣaram
die Silbe
yat tat
welche das
om iti
'Om' heißt
yat kiñcit
was auch immer
om iti
mit Om
brūyāt
man zusagt
tena
dadurch
ricyeta
wird man beraubt
vai
wahrlich
pumān
ein Mensch
bhikṣave
einem Bettler
sarvam
alles
om kurvan
mit 'Om' zusagend
na alam
nicht genug
kāmena
für Wünsche
ca
und
ātmane
für sich selbst
[?] Wortspiel om/na (Ja/Nein) als Wahrheitskriterium; Übersetzung folgt der sparsamsten grammatisch möglichen Lesart.
athaitat pūrṇam abhyātmaṁ
yac ca nety anṛtaṁ vacaḥ
sarvaṁ nety anṛtaṁ brūyāt
sa duṣkīrtiḥ śvasan mṛtaḥ
Hingegen ist dies vollständig und dem Selbst zugewandt: das Wort 'Nein', selbst wenn es unwahr ist. Doch wer zu allem 'Nein' sagt, auch wenn dies unwahr ist, der ist von schlechtem Ruf und gilt, obgleich atmend, als tot.
strīṣu narma-vivāhe ca
vṛtty-arthe prāṇa-saṅkaṭe
go-brāhmaṇārthe hiṁsāyāṁ
nānṛtaṁ syāj jugupsitam
Im Umgang mit Frauen, beim Scherz oder bei einer Heirat, für den Lebensunterhalt, in Lebensgefahr, um der Kuh und des Brahmanen willen sowie um jemanden vor Gewalt zu bewahren – dann ist Unwahrheit nicht verwerflich.