maitreya uvāca
evaṁ niśamya kapilasya vaco janitrī sā
kardamasya dayitā kila devahūtiḥ
visrasta-moha-paṭalā tam abhipraṇamya
tuṣṭāva tattva-viṣayāṅkita-siddhi-bhūmim
Maitreya sprach: Nachdem sie so die Worte Kapilas vernommen hatte, verneigte sich jene Mutter – die geliebte Gattin Kardamas, nämlich Devahūti, von der sich der Schleier der Verblendung gelöst hatte – vor ihm und pries ihn, der die durch die Wahrheit der Grundprinzipien gekennzeichnete Grundlage der Vollkommenheit ist.
Wort für Wort
maitreyaḥ uvāca
Maitreya sprach
evaṁ niśamya
so gehört habend
kapilasya vacaḥ
die Worte Kapilas
janitrī sā
jene Mutter
kardamasya dayitā
die geliebte (Gattin) Kardamas
kila devahūtiḥ
nämlich Devahūti
visrasta-moha-paṭalā
deren Schleier der Verblendung sich gelöst hatte
tam abhipraṇamya
sich vor ihm verneigend
tuṣṭāva
sie pries (mit Lobpreisungen)
tattva-viṣaya-aṅkita-siddhi-bhūmim
ihn, die durch die Wahrheit der Grundprinzipien gekennzeichnete Grundlage der Vollkommenheit
devahūtir uvāca
athāpy ajo 'ntaḥ-salile śayānaṁ
bhūtendriyārthātma-mayaṁ vapus te
guṇa-pravāhaṁ sad-aśeṣa-bījaṁ
dadhyau svayaṁ yaj-jaṭharābja-jātaḥ
Devahūti sprach: Und ferner meditierte Brahmā, der Ungeborene, der selbst aus dem Lotos deines Nabels geboren wurde, über deine im Urwasser liegende Gestalt, die aus den groben Elementen, den Sinnen, den Sinnesobjekten und dem Geist besteht, über den Strom der Erscheinungsweisen, den Samen alles Bestehenden.
Wort für Wort
devahūtiḥ uvāca
Devahūti sprach
atha api ajaḥ
und ferner der Ungeborene (Brahmā)
antaḥ-salile śayānam
der im Urwasser Liegende
bhūta-indriya-artha-ātma-mayaṁ vapuḥ te
deine aus Elementen, Sinnen, Sinnesobjekten und Geist bestehende Gestalt
sa eva viśvasya bhavān vidhatte
guṇa-pravāheṇa vibhakta-vīryaḥ
sargādy anīho 'vitathābhisandhir
ātmeśvaro 'tarkya-sahasra-śaktiḥ
Eben du selbst lenkst das Universum, wobei deine Kraft durch den Strom der Erscheinungsweisen aufgeteilt ist – du, der bei Schöpfung und so fort untätig bleibst, dessen Entschluss nie fehlgeht, der Herr der Seelen, mit tausend unbegreiflichen Kräften.
Wort für Wort
saḥ eva bhavān
eben du selbst
viśvasya vidhatte
lenkst das Universum
guṇa-pravāheṇa vibhakta-vīryaḥ
dessen Kraft durch den Strom der Erscheinungsweisen geteilt ist
sa tvaṁ bhṛto me jaṭhareṇa nātha
kathaṁ nu yasyodara etad āsīt
viśvaṁ yugānte vaṭa-patra ekaḥ
śete sma māyā-śiśur aṅghri-pānaḥ
Du selbst, o Herr, wurdest von meinem Leib getragen – wie ist das möglich, da doch in deinem Bauch dieses Universum ruhte, als du am Ende des Zeitalters allein auf einem Banyanblatt lagst, ein Kind deiner eigenen Māyā, an deiner Zehe saugend?
Du hast einen Körper angenommen, o Allmächtiger, um die Sünden zu besänftigen und um das Wohlergehen jener zu mehren, die deinen Weisungen folgen; so wie deine Inkarnationen, angefangen mit dem Eber, so dient auch diese Gestalt dazu, den Pfad der Selbsterkenntnis zu offenbaren.
Wort für Wort
tvam deha-tantraḥ
du, der einen Körper angenommen hat
praśamāya pāpmanām
zur Besänftigung der Sünden
nideśa-bhājāṁ ca vibho vibhūtaye
und zum Wohlergehen derer, die deinen Weisungen folgen, o Allmächtiger
yathā avatārāḥ tava sūkara-ādayaḥ
so wie deine Inkarnationen, angefangen mit dem Eber
yan-nāmadheya-śravaṇānukīrtanād
yat-prahvaṇād yat-smaraṇād api kvacit
śvādo 'pi sadyaḥ savanāya kalpate
kutaḥ punas te bhagavan nu darśanāt
Durch das Hören und Besingen wessen Namens, durch Verneigung vor wem, durch Erinnerung an wen – und sei es nur gelegentlich – selbst ein Hundeesser sogleich für ein Opfer geeignet wird, wie viel mehr erst, o Herr, durch das unmittelbare Erblicken deiner selbst!
aho bata śva-paco 'to garīyān
yaj-jihvāgre vartate nāma tubhyam
tepus tapas te juhuvuḥ sasnur āryā
brahmānūcur nāma gṛṇanti ye te
Oh, wie erstaunlich! Selbst ein Hundeesser, auf dessen Zungenspitze dein Name weilt, ist dadurch erhabener als jene, die Askese übten, Feueropfer darbrachten, sich wie die Ārya reinigten und die Veden rezitierten – ebenso erhaben sind jene, die deinen Namen aussprechen.
Wort für Wort
aho bata
oh, wie erstaunlich
śva-pacaḥ ataḥ garīyān
ein Hundeesser ist dadurch erhabener
yat-jihvā-agre vartate nāma tubhyam
auf dessen Zungenspitze dein Name weilt
te tepuḥ tapaḥ
jene übten Askese
juhuvuḥ
brachten Feueropfer dar
sasnuḥ āryāḥ
wuschen sich rein, die Ārya
brahma anūcuḥ
rezitierten die Veden
nāma gṛṇanti ye te
die deinen Namen aussprechen, jene (sind ebenso erhaben)
Dich verehre ich, das höchste Brahman, die höchste Person, die in der nach innen gewandten Seele erkannt wird, der durch seinen eigenen Glanz den Strom der Erscheinungsweisen aufgelöst hat – dich, Viṣṇu, Kapila, den Ursprung der Veden.
Wort für Wort
tam tvām aham
dich, ich
brahma param pumāṁsam
das höchste Brahman, die höchste Person
pratyak-srotasi ātmani saṁvibhāvyam
der in der nach innen gewandten Seele erkannt wird
sva-tejasā dhvasta-guṇa-pravāham
der durch eigenen Glanz den Strom der Erscheinungsweisen zerstört hat
Maitreya sprach: So gepriesen, sprach der Herr, genannt Kapila, die höchste Person, die seiner Mutter sehr zugetan war, mit gefasster Stimme zu seiner Mutter also:
Wort für Wort
maitreyaḥ uvāca
Maitreya sprach
īḍitaḥ bhagavān evam
so gepriesen, der Herr
kapila-ākhyaḥ paraḥ pumān
genannt Kapila, die höchste Person
vācā aviklavayā iti āha
sprach mit gefasster (unerschütterter) Stimme also
kapila uvāca
mārgeṇānena mātas te
susevyenoditena me
āsthitena parāṁ kāṣṭhām
acirād avarotsyasi
Kapila sprach: Auf diesem Pfad, o Mutter, den ich dir verkündet habe und der leicht zu befolgen ist, wirst du, wenn du ihm folgst, bald das höchste Ziel erlangen.
Wort für Wort
kapilaḥ uvāca
Kapila sprach
mārgeṇa anena mātaḥ
auf diesem Pfad, o Mutter
te susevyena uditena me
der von mir verkündete, leicht zu befolgende (Pfad), für dich
Vertraue auf diese meine Lehre, die von den Kennern des Brahman geschätzt wird, durch die du furchtlos zu mir gelangen wirst – wer sie nicht kennt, erreicht immer wieder nur den Tod.
Maitreya sprach: Nachdem der Herr so den wahrhaften Pfad zur Selbstverwirklichung dargelegt hatte, brach Kapila, von seiner eigenen Mutter, die nun eine Kennerin des Brahman war, verabschiedet, auf.
Wort für Wort
maitreyaḥ uvāca
Maitreya sprach
iti pradarśya bhagavān
so dargelegt habend, der Herr
satīm tām ātmanaḥ gatim
jenen wahrhaften Pfad zur Selbstverwirklichung
sva-mātrā brahma-vādinyā
von seiner eigenen Mutter, die Kennerin des Brahman war
Und auch sie, vertieft in Yoga gemäß der von ihrem Sohn gegebenen Anweisung, verharrte gesammelt in jener Einsiedelei, der Krone des Flusses Sarasvatī.
prajāpateḥ kardamasya
tapo-yoga-vijṛmbhitam
sva-gārhasthyam anaupamyaṁ
prārthyaṁ vaimānikair api
…das durch die Askese und den Yoga des Prajāpati Kardama entfaltete, unvergleichliche häusliche Leben, das selbst von den Bewohnern der Himmelswagen begehrt wurde,
Wort für Wort
prajā-pateḥ kardamasya
des Prajāpati Kardama
tapaḥ-yoga-vijṛmbhitam
durch Askese und Yoga entfaltet
sva-gārhasthyam anaupamyam
das eigene, unvergleichliche häusliche Leben
prārthyam vaimānikaiḥ api
begehrt selbst von den Bewohnern der Himmelswagen
[Anm.: Teil des mit V.20 (hitvā) verbundenen Satzes.]
hitvā tad īpsitatamam
apy ākhaṇḍala-yoṣitām
kiñcic cakāra vadanaṁ
putra-viśleṣaṇāturā
Obwohl sie jenes Heim aufgegeben hatte, das selbst von den Gattinnen Indras heiß ersehnt war, machte sie ein wenig betrübtes Gesicht, gequält von der Trennung von ihrem Sohn.
Wort für Wort
hitvā tat īpsita-tamam
obwohl sie jenes höchst begehrte (Heim) aufgegeben hatte
Nachdem ihr Gatte in den Wald aufgebrochen war, zunächst von der Trennung vom Kind gequält, wurde sie, obwohl sie die Wahrheit kannte, als ihr Junges fortging, wie eine Kuh, die an ihrem Kalb hängt.
dhyāyatī bhagavad-rūpaṁ
yad āha dhyāna-gocaram
sutaḥ prasanna-vadanaṁ
samasta-vyasta-cintayā
über die Gestalt des Herrn meditierend, die ihr Sohn als Gegenstand der Meditation beschrieben hatte, mit heiterem Antlitz, indem sie sie als Ganzes und in ihren Teilen betrachtete,
Wort für Wort
dhyāyatī bhagavat-rūpam
über die Gestalt des Herrn meditierend
yat āha dhyāna-gocaram
die (ihr Sohn) als Gegenstand der Meditation genannt hatte
sutaḥ prasanna-vadanam
(die Gestalt) mit heiterem Antlitz, (wie sie ihr) der Sohn (beschrieben hatte)
Durch die Kraft des ununterbrochenen Stromes hingebungsvoller Verbindung, durch starke Entsagung und durch das aus rechter Ausübung entstandene, zum Brahman führende Wissen – durch dieses geläuterte Wissen erfasste sie mit dem eigenen Geist den allgegenwärtigen Herrn, durch eigene unmittelbare Verwirklichung, dessen durch die Erscheinungsweisen der Māyā bedingte Unterscheidungsmerkmale ihr entschwunden waren.
Wort für Wort
bhakti-pravāha-yogena
durch den Strom hingebungsvoller Verbindung
vairāgyeṇa balīyasā
durch starke Entsagung
yukta-anuṣṭhāna-jātena jñānena
durch das aus rechter Ausübung entstandene Wissen
brahma-hetunā viśuddhena
das geläuterte, zum Brahman führende (Wissen)
tadā ātmānam ātmanā
dann (erfasste sie) das Selbst mit dem (eigenen) Geist
viśvataḥ-mukham
den Allgegenwärtigen (dessen Antlitz überallhin gewandt ist)
sva-anubhūtyā
durch eigene (unmittelbare) Verwirklichung
tiraḥ-bhūta-māyā-guṇa-viśeṣaṇam
dessen durch Māyās Erscheinungsweisen bedingte Unterscheidungsmerkmale entschwunden waren
[Anm.: Vedabase führt V.24 und V.25 als zusammenhängende Doppelverseinheit "24-25" (keine separate Seite für V.24 allein).]
Ihr Geist war im Brahman verankert, im Herrn, der die Zuflucht des Selbst ist; da sie von der leidvollen Verfassung der bedingten Seele befreit war, erlangte sie, ihrer Leiden ledig, transzendentale Glückseligkeit.
Wort für Wort
brahmaṇi avasthita-matiḥ
deren Geist im Brahman verankert war
bhagavati ātma-saṁśraye
im Herrn, der die Zuflucht des Selbst ist
nivṛtta-jīva-āpattitvāt
da (sie) von der Verfassung der bedingten Seele befreit war
nityārūḍha-samādhitvāt
parāvṛtta-guṇa-bhramā
na sasmāra tadātmānaṁ
svapne dṛṣṭam ivotthitaḥ
Da sie beständig in Trance verharrte und von der durch die Erscheinungsweisen verursachten Täuschung abgewandt war, erinnerte sie sich nicht mehr an jenes ihr eigenes materielles Selbst – wie jemand, der erwacht ist, sich nicht mehr an das im Traum Gesehene erinnert.
Wort für Wort
nitya-ārūḍha-samādhitvāt
da sie beständig in Trance verharrte
parāvṛtta-guṇa-bhramā
von der durch die Erscheinungsweisen verursachten Täuschung abgewandt
na sasmāra tadā ātmānam
erinnerte sich dann nicht an jenes (materielle) Selbst
svapne dṛṣṭam iva utthitaḥ
wie ein Erwachter (sich nicht erinnert) an das im Traum Gesehene
Ihr Körper, obgleich von anderen versorgt, wurde nicht abgezehrt, da keine innere Angst mehr in ihr entstand; von Schmutz bedeckt, erstrahlte er dennoch, einem von Rauch umhüllten Feuer gleich.
svāṅgaṁ tapo-yogamayaṁ
mukta-keśaṁ gatāmbaram
daiva-guptaṁ na bubudhe
vāsudeva-praviṣṭa-dhīḥ
Ihren eigenen Körper, ganz der Askese und dem Yoga hingegeben, das Haar gelöst, das Gewand entglitten, doch von der Vorsehung beschützt, nahm sie, deren Geist in Vāsudeva versunken war, nicht mehr wahr.
Wort für Wort
sva-aṅgam tapaḥ-yoga-mayam
ihren eigenen, ganz der Askese und dem Yoga hingegebenen Körper
Ihr sterblicher Leib, dessen Sterblichkeit durch jenen Yoga abgeschüttelt wurde, wurde zu einem Fluss, o Sanfter – dem vorzüglichsten der Ströme, der Vollkommenheit verleiht und von den Vollendeten aufgesucht wird.
Wort für Wort
tasyāḥ tat yoga-vidhuta-mārtyam
ihr durch jenen Yoga von Sterblichkeit befreiter
martyam abhūt sarit
sterblicher (Leib) wurde zu einem Fluss
srotasām pravarā saumya
der vorzüglichste der Ströme, o Sanfter
siddhidā siddha-sevitā
Vollkommenheit verleihend, von den Vollendeten aufgesucht
Auch Kapila, der große Yogī, der Herr, brach, nachdem er von seiner Mutter Erlaubnis erhalten hatte, aus der Einsiedelei seines Vaters auf und zog in Richtung Nordosten.
Wort für Wort
kapilaḥ api mahā-yogī bhagavān
auch Kapila, der große Yogī, der Herr
pituḥ āśramāt
aus der Einsiedelei des Vaters
mātaram samanujñāpya
nachdem er von der Mutter Erlaubnis erhalten hatte
gepriesen von Siddhas, Cāraṇas, Gandharvas, Weisen und Scharen von Apsaras, und von dem Ozean, der ihm Verehrung darbrachte, eine Wohnstätte gewährt bekommend,
Wort für Wort
siddha-cāraṇa-gandharvaiḥ
von Siddhas, Cāraṇas, Gandharvas
munibhiḥ ca apsaraḥ-gaṇaiḥ
und von Weisen und Scharen von Apsaras
stūyamānaḥ
gepriesen
samudreṇa datta-arhaṇa-niketanaḥ
vom Ozean, der Verehrung darbrachte und eine Wohnstätte gab
ya idam anuśṛṇoti yo 'bhidhatte
kapila-muner matam ātma-yoga-guhyam
bhagavati kṛta-dhīḥ suparṇa-ketāv
upalabhate bhagavat-padāravindam
Wer dies vernimmt oder wer diese geheime Lehre des Weisen Kapila über die Verbindung mit dem Selbst verkündet, wer seinen Geist auf den Herrn richtet, dessen Banner Garuḍa trägt, erlangt die Lotosfüße des Herrn.
Wort für Wort
yaḥ idam anuśṛṇoti
wer dies vernimmt
yaḥ abhidhatte
oder wer verkündet
kapila-muneḥ matam
die Lehre des Weisen Kapila
ātma-yoga-guhyam
die geheime (Lehre) über die Verbindung mit dem Selbst