Kapitel 9: bhīṣmasvargārohaṇam
Bhīṣmas Unterweisung und Heimgang auf dem Pfeilbett
Von Yudhiṣṭhiras Sinnkrise (Ende Adhyāya 8) getrieben, begibt sich dieser mit Kṛṣṇa, den Brüdern und einer großen Versammlung von Weisen zum sterbenden Bhīṣma nach Vinaśana. Bhīṣma, der Kṛṣṇas wahre Göttlichkeit erkennt, tröstet zunächst die Pāṇḍavas und weist auf die unergründliche Fügung der Zeit hin; anschließend unterweist er Yudhiṣṭhira, auf seinem Pfeilbett liegend, in den verschiedenen Dharmas (Varṇāśrama-, Rāja-, Mokṣa-, Frauen- und Bhagavat-Dharma). Als die vorherbestimmte Stunde seines selbstgewählten Todes (am Beginn des Uttarāyaṇa) naht, versenkt er seinen Geist in Kṛṣṇa und trägt die berühmte Bhīṣma-Stuti (V.32-42) vor - eine Reihe ergreifender Erinnerungsbilder an Kṛṣṇas Rolle im Krieg (darunter die Episode, in der Kṛṣṇa sein Gelübde, keine Waffe zu ergreifen, fast bricht) sowie an dessen universale Göttlichkeit. Bhīṣma geht in das ungeteilte Brahman ein; nach den Bestattungsriten und dem Trost für Dhṛtarāṣṭra und Gāndhārī tritt Yudhiṣṭhira offiziell die Herrschaft an.
Sūta sprach: So erschreckt aus Furcht, seinen Untertanen Unrecht zu tun, und aus dem Wunsch, alle Dharmas zu erkennen, zog er (Yudhiṣṭhira) darauf nach Vinaśana, wo Devavrata (Bhīṣma) gefallen war.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
iti bhītaḥ prajādrohāt
so erschreckt aus Furcht, den Untertanen Unrecht zu tun
sarvadharmavivitsayā
aus dem Wunsch, alle Dharmas zu erkennen
tataḥ vinaśanaṃ prāgāt
darauf zog er nach Vinaśana
yatra devavrataḥ apatat
wo Devavrata (Bhīṣma) gefallen war
[Anm.: Dieser Vers knüpft unmittelbar an Yudhiṣṭhiras in Adhyāya 8 (V.46-52) geschilderte Sinnkrise nach dem Krieg an - die dortige Verzweiflung über die Tötung der Verwandten treibt ihn nun zu Bhīṣma, um von diesem höhere Unterweisung zu erhalten. Quelle für dieses gesamte Kapitel: da die GRETIL-Quelle ab Adh.8 V.46 in dieser Sitzung unzuverlässig wurde (s. Methoden-Notiz), wurde für Adhyāya 9 durchgehend die unabhängig kreuzgeprüfte Sanskrit-Reintext-Quelle vedabase.io verwendet (nur Devanagari/IAST abgerufen, keine dortige Übersetzung gelesen).]
Auch der Erhabene (Kṛṣṇa), o bester der Weisen (Śaunaka), erglänzte mit seinem Wagen samt Dhanañjaya (Arjuna); zusammen mit ihnen erstrahlte der König (Yudhiṣṭhira), wie Kuvera inmitten der Guhyakas.
Als sie ihn auf der Erde liegend sahen, wie einen vom Himmel herabgefallenen Unsterblichen, verneigten sich die Pāṇḍavas samt ihrem Gefolge und samt dem Diskusträger (Kṛṣṇa) vor Bhīṣma.
Wort für Wort
dṛṣṭvā nipatitaṃ bhūmau
als sie ihn auf der Erde liegend sahen
divaḥ cyutam iva amaram
wie einen vom Himmel herabgefallenen Unsterblichen
Nachdem der Beste der Vasus (Bhīṣma) sie, die so Versammelten, die hochbeglückten Weisen, wahrgenommen hatte, ehrte er sie, der Dharma-Kundige, der die Einteilung von Ort und Zeit kennt.
Wort für Wort
tān sametān mahābhāgān
sie, die versammelten, hochbeglückten (Weisen)
upalabhya vasūttamaḥ
nachdem der Beste der Vasus (Bhīṣma) sie wahrgenommen hatte
kṛṣṇaṃ ca tatprabhāvajña āsīnaṃ jagadīśvaram | hṛdisthaṃ pūjayāmāsa māyayopāttavigraham
Und Kṛṣṇa, den in seinem Herzen thronenden Herrn der Welt, der scheinbar nur dasaß, ehrte er - er, der dessen wahre Macht kannte - obwohl Kṛṣṇa durch Māyā eine (bloß scheinbare) Gestalt angenommen hatte.
Wort für Wort
kṛṣṇaṃ ca tatprabhāvajñaḥ
und Kṛṣṇa, er, der dessen Macht kannte
āsīnaṃ jagadīśvaram
den scheinbar (nur) dasitzenden Herrn der Welt
hṛdisthaṃ pūjayām āsa
ehrte er, den im Herzen Weilenden
māyayā upātta-vigraham
der durch Māyā eine (scheinbare) Gestalt angenommen hatte
'Ach, welch Elend, ach, welch Ungerechtigkeit, dass ihr, die Söhne des Dharma, gezwungen seid, ein leidvolles Leben zu leben - ihr, die ihr in Brahmanentum, Dharma und dem Unvergänglichen eure Zuflucht habt!
Wort für Wort
aho kaṣṭam aho anyāyyam
ach, welch Elend, ach, welch Ungerechtigkeit
yat yūyaṃ dharmanandanāḥ
dass ihr, die Söhne des Dharma
jīvituṃ na arhatha kliṣṭam
gezwungen seid, ein leidvolles Leben zu leben
vipra-dharma-acyuta-āśrayāḥ
die ihr in Brahmanentum, Dharma und dem Unvergänglichen Zuflucht habt
Als der große Wagenkämpfer Pāṇḍu von hinnen ging, hat Pṛthā, die junge Schwiegertochter mit den noch kindlichen Söhnen, euretwegen viele Leiden ertragen, immer wieder, obwohl sie selbst (noch kleine) Kinder hatte.
Wort für Wort
saṃsthite atirathe pāṇḍau
als der große Wagenkämpfer Pāṇḍu von hinnen ging
pṛthā bālaprajā vadhūḥ
Pṛthā, die junge Schwiegertochter mit kindlichen Söhnen
yuṣmatkṛte bahūn kleśān
euretwegen viele Leiden
prāptā tokavatī muhuḥ
erlitt sie immer wieder, obwohl (selbst noch) Kinder habend
sarvaṃ kālakṛtaṃ manye bhavatāṃ ca yadapriyam | sapālo yadvaśe loko vāyoriva ghanāvaliḥ
Ich halte alles, auch das, was euch unlieb ist, für von der Zeit bewirkt - der Zeit, in deren Macht die Welt samt ihren Hütern steht, wie eine Wolkenmasse in der Macht des Windes.
Selbst dort, wo der König, der Sohn des Dharma, ist, wo Vṛkodara (Bhīma) mit der Keule in der Hand ist, wo Kṛṣṇa (Arjuna) mit dem Bogen Gāṇḍiva bewaffnet ist, wo der Freund Kṛṣṇa ist - dennoch geschah euch Unglück.
Wort für Wort
yatra dharmasuto rājā
wo der König, der Sohn des Dharma
gadāpāṇiḥ vṛkodaraḥ
(wo) Vṛkodara (Bhīma) mit der Keule in der Hand
kṛṣṇo astrī gāṇḍivaṃ cāpam
(wo) Kṛṣṇa (Arjuna) mit dem Bogen Gāṇḍiva bewaffnet
suhṛt kṛṣṇaḥ tataḥ vipat
(wo) der Freund Kṛṣṇa (ist) - dennoch (geschah) Unglück
Darum, o Stier der Bharatas, akzeptiere dies als von göttlicher Fügung gelenkt; ihr, die ihr, obwohl ohne eigenen Schutzherrn, ihr gemäß handelt - beschütze du, o Gebieter, nun selbst als Schutzherr die Untertanen.
Wort für Wort
tasmāt idaṃ daivatantram
darum akzeptiere dies als von göttlicher Fügung gelenkt
vyavasya bharatarṣabha
o Stier der Bharatas
tasya anuvihitaḥ anāthāḥ
ihr, die (ihr) ihr gemäß handelt, ohne (eigenen) Schutzherrn
nātha pāhi prajāḥ prabho
beschütze, o Gebieter, (nun als) Schutzherr die Untertanen
Dieser hier (Kṛṣṇa) ist wahrlich der Erhabene selbst, der ursprüngliche Person Nārāyaṇa, der, die Welt durch seine Māyā täuschend, verborgen unter den Vṛṣṇis wandelt.
Den ihr für euren Onkelssohn (mütterlicherseits), euren lieben Freund, euren besten Wohltäter haltet, den ihr zu eurem Ratgeber, Boten und - aus Freundschaft - sogar zu eurem Wagenlenker gemacht habt -
Wort für Wort
yaṃ manyase mātuleyam
den ihr für euren Onkelssohn (mütterlicherseits) haltet
sarvātmanaḥ samadṛśo hyadvayasyānahaṅkṛteḥ | tatkṛtaṃ mativaiṣamyaṃ niravadyasya na kvacit
für den, der alle Seelen gleich sieht, der nicht-dual und ohne Ich-Bewusstsein ist, gibt es, den Makellosen, niemals eine durch ihn selbst bewirkte Ungleichbehandlung.
Wort für Wort
sarvātmanaḥ samadṛśaḥ
für den, der alle Seelen gleich sieht
hi advayasya anahaṅkṛteḥ
der nicht-dual und ohne Ich-Bewusstsein ist
tatkṛtaṃ mativaiṣamyam
eine durch ihn selbst bewirkte Ungleichbehandlung
niravadyasya na kvacit
gibt es für den Makellosen niemals
[Anm.: Bhīṣma stellt hier klar, dass das erlittene Unglück nicht auf eine parteiische Bevorzugung/Benachteiligung durch Kṛṣṇa selbst zurückzuführen ist, sondern - wie in V.14-17 dargelegt - auf die undurchschaubare Fügung der Zeit/des Schicksals.]
Dennoch, seht nur, wie er den ausschließlich Hingegebenen Erbarmen erweist, o Könige - dass er, während ich gerade mein Leben aufgebe, persönlich zu dieser Audienz gekommen ist, Kṛṣṇa!
Wort für Wort
tathāpi ekāntabhakteṣu
dennoch, den ausschließlich Hingegebenen gegenüber
paśya bhūpa anukampitam
seht, o Könige, (sein) Erbarmen
yat me asūn tyajataḥ
dass er, während ich mein Leben aufgebe
sākṣāt kṛṣṇo darśanam āgataḥ
persönlich zu (dieser) Audienz gekommen ist, Kṛṣṇa
Der Yogin, der seinen Geist in Hingabe auf ihn richtet, mit der Stimme dessen Namen aussprechend, und dabei den Körper verlässt, wird von den Fesseln der begierdegetriebenen Werke befreit.
sa devadevo bhagavān pratīkṣatāṃ kalevaraṃ yāvadidaṃ hinomyaham | prasannahāsāruṇalocanollasanmukhāmbujo dhyānapathaścaturbhujaḥ
Möge dieser Gott der Götter, der Erhabene, warten, solange bis ich diesen meinen Körper endgültig von mir gebe - er, dessen lotosgleiches Antlitz von einem heiter-lächelnden, rötlichen Blick erstrahlt, der Pfad der Meditation, der Vierarmige.
Wort für Wort
sa devadevo bhagavān pratīkṣatām
möge dieser Gott der Götter, der Erhabene, warten
kalevaraṃ yāvat idaṃ hinomi aham
solange, bis ich diesen (meinen) Körper von mir gebe
prasanna-hāsa-aruṇa-locana-ullasan-mukhāmbujaḥ
dessen lotosgleiches Antlitz von heiter-lächelndem, rötlichem Blick erstrahlt
dhyānapathaḥ caturbhujaḥ
der Pfad der Meditation, der Vierarmige
[Anm.: Bhīṣmas anrührende Bitte an Kṛṣṇa, bis zu seinem Tod anwesend zu bleiben.]
Sūta sprach: Als Yudhiṣṭhira dies vernommen hatte, befragte er ihn, der im Pfeilkäfig (Pfeilbett) lag, während die Weisen zuhörten, über die verschiedenen Dharmas -
die durch die Eigenart des Menschen bestimmt sind, gemäß Kaste (Varṇa) und Lebensstadium (Āśrama), überliefert mit beiderlei Kennzeichen - dem der Entsagung (Vairāgya) und dem der Anhaftung (Rāga) -,
die Dharmas des Schenkens, die Königs-Dharmas, die Erlösungs-Dharmas im Einzelnen, die Frauen-Dharmas, die Bhagavat-Dharmas, in zusammengefasster wie in ausführlicher Weise -
Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa samt ihren Mitteln, wie sie sind, o Weiser (Śaunaka) - all dies stellte der Wahrheitskenner (Bhīṣma) mittels vielerlei Erzählungen und Itihāsas dar.
Wort für Wort
dharma-artha-kāma-mokṣān ca
Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa
sahopāyān yathā mune
samt ihren Mitteln, wie sie sind, o Weiser
nānākhyāna-itihāseṣu
mittels vielerlei Erzählungen und Itihāsas
varṇayām āsa tattvavit
stellte der Wahrheitskenner (Bhīṣma dies alles) dar
dharmaṃ pravadatastasya sa kālaḥ pratyupasthitaḥ | yo yoginaśchandamṛtyorvāñchitastūttarāyaṇaḥ
Während er so den Dharma verkündete, kam für ihn die rechte Zeit heran - jene ersehnte Zeit des nördlichen Sonnenlaufs (Uttarāyaṇa), die Zeit des Todes nach eigenem Willen für den Yogin.
Wort für Wort
dharmaṃ pravadataḥ tasya
während er (so) den Dharma verkündete
sa kālaḥ pratyupasthitaḥ
kam jene (rechte) Zeit heran
yaḥ yoginaḥ chanda-mṛtyoḥ
die (Zeit) des Todes nach eigenem Willen für den Yogin
vāñchitaḥ tu uttarāyaṇaḥ
die ersehnte (Zeit) des nördlichen Sonnenlaufs
[Anm.: Bhīṣma besaß der Sage nach die Gabe des icchā-mṛtyu, des freiwilligen, selbstbestimmten Todeszeitpunkts, als Segen seines Vaters Śantanu; er wartete auf den als besonders günstig geltenden Beginn des Uttarāyaṇa (nördlicher Sonnenlauf).]
Da zog der Herr über tausend Sinnesorgane seine Rede zurück und richtete den von aller Bindung befreiten Geist auf den Ur-Puruṣa, auf Kṛṣṇa mit dem leuchtenden gelben Gewand, den Vierarmigen, der vor ihm stand, mit unverwandtem Blick.
Wort für Wort
tadā upasaṃhṛtya giraḥ
da zog er (seine) Rede zurück
sahasraṇīḥ vimuktasaṅgaṃ manaḥ
der Herr über tausend (Sinnesorgane, richtete) den von Bindung befreiten Geist
ādipūruṣe kṛṣṇe
auf den Ur-Puruṣa, auf Kṛṣṇa
lasat-pīta-paṭe caturbhuje
mit dem leuchtenden gelben Gewand, den Vierarmigen
puraḥsthite amīlita-dṛk vyadhārayat
der vor ihm stand, richtete er mit unverwandtem Blick (den Geist)
[Anm.: Beginn der berühmten Bhīṣma-Stuti, in der Tradition einer der bewegendsten Sterbeszenen der gesamten indischen Literatur.]
Durch reine Konzentration von allem Unheil befreit, durch dessen bloßen Anblick sogleich von der Erschöpfung der Waffenkämpfe befreit, von jeglicher Aktivität der Sinne zur Ruhe gekommen, pries er, seinen Lebensfaden endgültig loslassend, Janārdana (Kṛṣṇa):
Wort für Wort
viśuddhayā dhāraṇayā hataāśubhaḥ
durch reine Konzentration von allem Unheil befreit
tadīkṣayā eva āśu gata-āyudha-śramaḥ
durch dessen bloßen Anblick sogleich von der Waffenkampf-Erschöpfung befreit
nivṛtta-sarva-indriya-vṛtti-vibhramaḥ
von jeglicher Sinnesaktivität zur Ruhe gekommen
tuṣṭāva janyaṃ visṛjan janārdanam
pries er, seinen Lebensfaden loslassend, Janārdana
Śrī-Bhīṣma sprach: So ist mein von Begierde freier Sinn nun auf den Erhabenen gerichtet, den Stier der Sātvatas, den Allmächtigen - der, während der Strom des Werdens (für die übrigen Wesen weitergeht), manchmal, seinem eigenen Glück gemäß, sich zu vergnügen, in seine (wahre) Natur zurücktritt.
Wort für Wort
śrībhīṣma uvāca
Śrī-Bhīṣma sprach
iti matiḥ upakalpitā vitṛṣṇā
so ist mein von Begierde freier Sinn (nun darauf) gerichtet
bhagavati sātvatapuṅgave vibhūmni
auf den Erhabenen, den Stier der Sātvatas, den Allmächtigen
svasukham upagate kvacit vihartum
der manchmal, seinem eigenen Glück gemäß, um sich zu vergnügen
prakṛtim upeyuṣi yadbhavapravāhaḥ
in seine (wahre) Natur zurücktritt, während der Daseinsstrom (weitergeht)
[?: Die genaue syntaktische Beziehung von 'yadbhavapravāhaḥ' zum Rest des Verses bleibt in dieser knappen Formulierung etwas offen; hier verstanden im Sinne eines Kontrasts zwischen dem fortwährenden Daseinsstrom der Wesen und Kṛṣṇas freiem, spielerischem Rückzug in seine eigene Natur.]
tribhuvanakamanaṃ tamālavarṇaṃ ravikaragauravarāmbaraṃ dadhāne | vapuralakakulāvṛtānanābjaṃ vijayasakhe ratirastu me 'navadyā
Der eine Gestalt trägt, die den drei Welten begehrenswert ist, von der Farbe des Tamāla-Baumes, mit einem prächtigen, in der Farbe der Sonnenstrahlen goldschimmernden Gewand bekleidet, mit einem von Lockenhaarsträhnen umringten Lotosgesicht - möge meine makellose Liebe dem Freund des Vijaya (Arjuna) gehören!
Wort für Wort
tribhuvana-kamanaṃ tamāla-varṇam
der (eine Gestalt), den drei Welten begehrenswert, von der Farbe des Tamāla-Baumes
ravi-kara-gaura-vara-ambaraṃ dadhāne
mit einem prächtigen, sonnenstrahlfarben goldschimmernden Gewand bekleidet
vapuḥ alaka-kula-āvṛta-ānana-abjam
(dessen) Gestalt ein von Lockenhaarsträhnen umringtes Lotosgesicht (trägt)
vijayasakhe ratiḥ astu me anavadyā
möge meine makellose Liebe dem Freund des Vijaya (Arjuna) gehören
yudhi turagarajovidhūmraviṣvakkacalulitaśramavāryalaṅkṛtāsye | mama niśitaśarairvibhidyamānatvaci vilasatkavace 'stu kṛṣṇa ātmā
In der Schlacht, sein Gesicht geschmückt vom rauchgrau-staubverhüllten, nach allen Seiten wehenden Haar und vom Anstrengungsschweiß - möge, während meine Haut von meinen scharfen Pfeilen durchbohrt wird, an seinem glänzenden Panzer, Kṛṣṇa meine Seele sein!
Wort für Wort
yudhi turaga-rajo-vidhūmra-viṣvak-kaca
in der Schlacht, (sein) vom Pferdestaub rauchgrau verhülltes, nach allen Seiten (wehendes) Haar
lulita-śrama-vāri-alaṅkṛta-āsye
(sein) vom Anstrengungsschweiß geschmücktes Gesicht
mama niśita-śaraiḥ vibhidyamāna-tvaci
während meine (mit) scharfen Pfeilen (getroffene) Haut durchbohrt wird
vilasat-kavace astu kṛṣṇa ātmā
möge an (seinem) glänzenden Panzer Kṛṣṇa (meine) Seele sein
Sogleich, nachdem er das Wort des Freundes (Arjunas) vernommen hatte, den Wagen zwischen die beiden Heere - das eigene und das gegnerische - stellend, während er dastand, mit dem Auge das Leben der feindlichen Krieger raubend - möge meine Liebe dem Freund des Pārtha (Arjuna, d.h. Kṛṣṇa) gehören!
Wort für Wort
sapadi sakhivaco niśamya
sogleich, nachdem er das Wort des Freundes vernommen hatte
madhye nijaparayoḥ balayoḥ rathaṃ niveśya
den Wagen zwischen die beiden Heere - das eigene und das gegnerische - stellend
sthitavati parasainikāyuḥ akṣṇā hṛtavati
während er dastand, mit dem Auge das Leben der feindlichen Krieger raubend
pārthasakhe ratiḥ mama astu
möge meine Liebe dem Freund des Pārtha (Arjuna) gehören
[Anm.: Anspielung auf Kṛṣṇas Rolle als Arjunas Wagenlenker, der den Wagen 'zwischen die beiden Heere' stellt - vgl. Bhagavadgītā 1.21.]
Als er die versperrte Front des Heeres sah, und Arjuna, der sich dann aus fehlgeleitetem Schuldbewusstsein vom Töten der eigenen Leute abwandte - er, der dessen Fehleinsicht durch Selbst-Erkenntnis hinwegnahm - möge die Zuneigung zu seinen Füßen, dem Höchsten, mir zuteilwerden!
Wort für Wort
vyavahita-pṛtanā-mukhaṃ nirīkṣya
als er die (nun) versperrte Front des Heeres sah
svajanavadhāt vimukhasya doṣabuddhyā
und (Arjuna), der sich aus fehlgeleitetem Schuldbewusstsein vom Töten der eigenen Leute abwandte
kumatim aharat ātmavidyayā
der (dessen) Fehleinsicht durch Selbst-Erkenntnis hinwegnahm
yaḥ caraṇaratiḥ paramasya tasya me astu
möge die Zuneigung zu seinen Füßen, dem Höchsten, mir zuteilwerden
[Anm.: Bezieht sich auf Arjunas Zweifel zu Beginn der Bhagavadgītā und Kṛṣṇas Belehrung, die ihn davon abbrachte.]
Sein eigenes Gelübde beiseitelassend, um MEIN Versprechen wahr zu machen, vom Wagen herabspringend, das Wagenrad ergreifend, eilte er heran, mit wankendem Schritt, wie ein Löwe, der einen Elefanten töten will, sein oberes Gewand verloren habend -
Wort für Wort
svanigamam apahāya
sein eigenes Gelübde beiseitelassend
matpratijñām ṛtam adhikartum
um MEIN Versprechen wahr zu machen
avaplutaḥ rathasthaḥ
vom Wagen herabspringend
dhṛta-ratha-caraṇaḥ abhyayāt caladguḥ
das Wagenrad ergreifend, eilte er heran, mit wankendem Schritt
hariḥ iva hantum ibhaṃ gatottarīyaḥ
wie ein Löwe, der einen Elefanten töten will, sein oberes Gewand verloren habend
[Anm.: Anspielung auf die berühmteste Episode dieser Erinnerungsreihe: Kṛṣṇa hatte geschworen, im Krieg selbst keine Waffe zu ergreifen, brach dieses Gelübde jedoch fast, als Bhīṣma ihn provozierte, um Arjunas (Bhīṣmas eigenes, an Arjuna gerichtetes) Versprechen, Kṛṣṇa zum Kämpfen zu zwingen, wahr werden zu lassen - Kṛṣṇa sprang vom Wagen und stürmte, das Rad als Waffe ergreifend, auf Bhīṣma zu, wurde jedoch von Arjuna aufgehalten.]
śitaviśikhahato viśīrṇadaṃśaḥ kṣatajapariplutaātatāyino me | prasabhamabhisasāra madvadhārthaṃ sa bhavatu me bhagavān gatirmukundaḥ
'Von scharfen Pfeilen getroffen, mit zerfetzter Rüstung, blutüberströmt, stürmte er, mein Waffenträger, gewaltsam auf mich zu, um mich zu töten - er, der Erhabene Mukunda, möge mein Ziel sein!
Wort für Wort
śita-viśikha-hataḥ viśīrṇa-daṃśaḥ
von scharfen Pfeilen getroffen, mit zerfetzter Rüstung
kṣataja-pariplutaḥ ātatāyinaḥ me
blutüberströmt, mein Waffenträger
prasabham abhisasāra madvadhārtham
stürmte er gewaltsam auf mich zu, um mich zu töten
Auf dem Wagen des Vijaya (Arjuna), die Stachel-Peitsche ergriffen habend, die Zügel der Pferde haltend, anzusehen in jener seiner Herrlichkeit - dem Erhabenen möge meine Liebe gehören, mir, der ich im Sterben liege - er, in dessen Anblick selbst die Getöteten hier ihre wahre Wesensform erlangten!
Wort für Wort
vijaya-ratha-kuṭumbhe āttatotre
auf dem Wagen des Vijaya (Arjuna), die Stachel-Peitsche ergriffen habend
dhṛta-haya-raśmini tacchriyā īkṣaṇīye
die Zügel der Pferde haltend, anzusehen in jener Herrlichkeit
bhagavati ratiḥ astu me mumūrṣoḥ
dem Erhabenen möge meine Liebe gehören, mir, der ich im Sterben liege
yam iha nirīkṣya hatā gatāḥ svarūpam
in dessen Anblick die Getöteten (hier) ihre wahre Wesensform erlangten
lalitagativilāsavalguhāsapraṇayanirīkṣaṇakalpitorumānāḥ | kṛtamanukṛtavatya unmadāndhāḥ prakṛtimagan kila yasya gopavadhvaḥ
Durch dessen anmutigen Gang, spielerisches, liebliches Lächeln, liebevolle Blicke sich jeweils für auserwählt haltend, ahmten die vor Verzückung geblendeten Kuhhirtenfrauen einst nach, was er selbst tat, und erlangten dadurch - so heißt es - seine wahre Natur.
Wort für Wort
lalita-gati-vilāsa-valgu-hāsa
durch (dessen) anmutigen Gang, spielerisches, liebliches Lächeln
praṇaya-nirīkṣaṇa-kalpita-uru-mānāḥ
liebevolle Blicke sich jeweils für auserwählt haltend
kṛtam anukṛtavatyaḥ unmadāndhāḥ
ahmten die vor Verzückung geblendeten (Frauen) nach, was er tat
prakṛtim agan kila yasya gopavadhvaḥ
die Kuhhirtenfrauen erlangten - so heißt es - seine (wahre) Natur
[Anm.: Anspielung auf die Rāsa-līlā, den mystischen Reigentanz Kṛṣṇas mit den Gopīs (ausführlich im 10. Skandha erzählt), hier vorausdeutend in Bhīṣmas Sterbehymne erwähnt.]
Inmitten der von Scharen von Weisen und besten Königen erfüllten Versammlung, bei Yudhiṣṭhiras Rājasūya-Opfer, empfing er deren Ehrung, anzusehen von allen - dieser offenbar gewordene Selbst ist nun in meinen Blick getreten.
Wort für Wort
munigaṇa-nṛpa-varya-saṅkule antaḥsadasi
inmitten der von Weisenscharen und besten Königen erfüllten Versammlung
yudhiṣṭhira-rājasūye eṣām arhaṇam upapeda
bei Yudhiṣṭhiras Rājasūya-Opfer empfing er deren Ehrung
īkṣaṇīyo mama dṛśigocaraḥ
anzusehen, (nun) in meinen Blick getreten
eṣa āvirātmā
dieser offenbar gewordene Selbst
[Anm.: Anspielung auf Kṛṣṇas Ehrung als 'Agrapūjā' (Erstverehrung) beim Rājasūya-Opfer Yudhiṣṭhiras.]
Diesen Ungeborenen, der in jedem einzelnen Herzen der verkörperten Wesen weilt, je ihrer eigenen Vorstellung entsprechend - wie das eine Licht in jedem Spiegelbild vielfach erscheint - habe ich, von Trug und Unterscheidung befreit, nun endgültig erkannt.
Wort für Wort
tam imam aham ajaṃ śarīrabhājām
diesen Ungeborenen, (der) in den verkörperten Wesen (weilt)
hṛdi hṛdi dhiṣṭhitam ātmakalpitānām
in jedem einzelnen Herzen weilt, je ihrer eigenen Vorstellung entsprechend
pratidṛśam iva naikadhā arkam ekam
wie das eine (Licht der) Sonne in jedem Spiegelbild vielfach (erscheint)
samadhigataḥ asmi vidhūtabhedamohaḥ
habe ich, von Trug und Unterscheidung befreit, (nun) erkannt
Sūta sprach: So, indem er sein Selbst - mittels der Tätigkeiten von Geist, Rede und Blick - in Kṛṣṇa, dem Erhabenen, in sein eigenes wahres Selbst versenkte, kam sein innerer Atem zur Ruhe.
Wort für Wort
sūta uvāca
Sūta sprach
kṛṣṇa evaṃ bhagavati
so in Kṛṣṇa, den Erhabenen
mano-vāk-dṛṣṭi-vṛttibhiḥ
mittels der Tätigkeiten von Geist, Rede und Blick
ātmani ātmānam āveśya
sein Selbst in sein (eigenes wahres) Selbst versenkend
saḥ antaḥśvāsa upāramat
kam sein innerer Atem zur Ruhe
[?: Die überlieferte Form 'kṛṣṇa' (statt des grammatisch zu erwartenden Lokativs 'kṛṣṇe') bleibt unsicher - möglicherweise eine Lautform/Variante für 'kṛṣṇe' ('in Kṛṣṇa'); so übersetzt, da dies dem Satzsinn ('sein Selbst in Kṛṣṇa, den Erhabenen, versenkend') am ehesten entspricht.]
Nachdem Yudhiṣṭhira für ihn, den Dahingeschiedenen, die Bestattungsriten und dergleichen hatte durchführen lassen, o Nachkomme Bhṛgus (Śaunaka), war er einen Augenblick lang bekümmert.
Wort für Wort
tasya nirharaṇādīni
für ihn die Bestattungsriten und dergleichen
samparetasya bhārgava
für den Dahingeschiedenen, o Nachkomme Bhṛgus
yudhiṣṭhiraḥ kārayitvā
nachdem Yudhiṣṭhira (sie) hatte durchführen lassen
Vom Vater erlaubt und von Vāsudeva gebilligt, übte der mächtige König das Reich seiner Väter und Großväter gemäß dem Dharma aus.
Wort für Wort
pitrā ca anumato rājā
vom Vater erlaubt, der König
vāsudeva-anumoditaḥ
und von Vāsudeva gebilligt
cakāra rājyaṃ dharmeṇa
übte das Reich gemäß dem Dharma aus
pitṛpaitāmahaṃ vibhuḥ
der mächtige (König das Reich) seiner Väter und Großväter
[Anm.: Chapterschluss - Yudhiṣṭhiras Krise aus Adhyāya 8 findet hier ihre (vorläufige) Auflösung durch Bhīṣmas Unterweisung; Adhyāya 10 wendet sich vermutlich Kṛṣṇas Rückkehr nach Dvārakā zu.]