Sanskrit-Text nach der GRETIL-Ausgabe (bhp_09u.htm), da vedabase.io während der Bearbeitung wiederholt mit HTTP 429 (Ratenbegrenzung) blockierte. Deutsche Übersetzung, Wort-für-Wort-Glossen und philologische Analyse eigenständig aus dem Sanskrit erarbeitet.
Śrī Śuka sprach: Als er (Yayāti) auf solche Weise, ganz dem Weib ergeben, seinen Begierden nachging und dabei die Verleugnung seines eigenen Selbst erkannte, wurde er überdrüssig und sang seiner Geliebten dieses Lied.
Höre, o Tochter Bhṛgus, dieses Lied, die Geschichte eines Mannes meinesgleichen auf Erden, über dessen Schicksal die im Walde weilenden Weisen ebenso wie die Dorfbewohner trauern.
Wort für Wort
śṛṇu
höre
bhārgavi
o Tochter Bhṛgus (Devayānī)
amūm gāthām
dieses Lied
mad-vidhā-caritām
von einem meinesgleichen vollzogen
bhuvi
auf Erden
dhīrāḥ
die Weisen/Standhaften
yasya
über wessen (Schicksal)
anuśocanti
sie trauern
vane
im Wald
grāma-nivāsinaḥ
die Dorfbewohner
Die genaue syntaktische Zuordnung von 'dhīrāḥ ... vane' und 'grāma-nivāsinaḥ' als zwei getrennte, gemeinsam trauernde Gruppen (Waldasketen und Dorfbewohner) ist die wahrscheinlichste, aber nicht völlig sichere Lesart. [?]
Ein einzelner Ziegenbock, der im Wald umherstreifte und nach dem für sich selbst Angenehmen suchte, erblickte eine Ziege, die, der Macht ihres eigenen Karmas unterworfen, in einen Brunnen gefallen war.
Der von Begierde erfüllte Ziegenbock, der über ein Mittel nachsann, sie herauszuholen, schuf, indem er mit der Spitze seiner Hörner die Ränder des Brunnens aufgrub, einen Ausstieg.
sottīrya kūpāt suśroṇī tam eva cakame kila / tayā vṛtaṃ samudvīkṣya bahvyo 'jāḥ kānta-kāminīḥ // pīvānaṃ śmaśrulaṃ preṣṭhaṃ mīḍhvāṃsaṃ yābha-kovidam / sa eko 'java-vṛṣas tāsāṃ bahvīnāṃ rati-vardhanaḥ / reme kāma-graha-grasta ātmānaṃ nāvabudhyata
Nachdem die Schönhüftige aus dem Brunnen gestiegen war, begehrte sie fürwahr eben ihn zum Gatten. Als viele andere Ziegen sahen, dass sie ihn erwählt hatte, begehrten auch sie ihn als geliebten Gatten. Er, die eine herausragende Ziegenbulle - kräftig, bärtig, der Liebste, im Samenerguss erfahren, im Beischlaf kundig - der die Lust jener vielen mehrte, ergötzte sich, vom Ergreifer namens Begierde gepackt, und erkannte sein wahres Selbst nicht.
Wort für Wort
sā uttīrya
sie, nachdem sie herausgestiegen war
kūpāt
aus dem Brunnen
su-śroṇī
die Schönhüftige
tam eva
eben ihn
cakame
begehrte sie (als Gatten)
kila
fürwahr
tayā vṛtam
von ihr erwählt
samudvīkṣya
erblickend
bahvyaḥ ajāḥ
viele Ziegen
kānta-kāminīḥ
einen geliebten Gatten begehrend
pīvānam
den kräftigen
śmaśrulam
den bärtigen
preṣṭham
den liebsten
mīḍhvāṃsam
den im Samenerguss Erfahrenen
yābha-kovidam
den im Beischlaf Kundigen
saḥ ekaḥ aja-vṛṣaḥ
er, die eine Ziegenbulle
tāsāṃ bahvīnām
für jene vielen (Ziegen)
rati-vardhanaḥ
der Mehrer der Lust
reme
er ergötzte sich
kāma-graha-grastaḥ
vom Ergreifer namens Begierde gepackt
ātmānam
sein Selbst
na avabudhyata
erkannte er nicht
Verse 5 und 6 bilden im Original zusammen eine grammatisch fortlaufende Einheit und werden daher, wie bei vedabase.io üblich, hier zusammengefasst.
tam eva preṣṭhatamayā ramamāṇam ajānyayā / vilokya kūpa-saṃvignā nāmṛṣyad basta-karma tat
Als die durch den Brunnensturz erschütterte Ziege sah, wie er sich mit einer anderen, ihm allerliebsten Ziege vergnügte, ertrug sie dieses Verhalten des Ziegenbocks nicht.
Da verließ sie ihn - den Bösherzigen in der Gestalt eines Freundes, den Lüsternen, dessen Freundschaft nur einen Augenblick währte, der nur an der Sinnenbefriedigung Freude fand - und ging bekümmert zu ihrem früheren Herrn.
Auch er, dem Weib ergeben, folgte ihr elend, um sie zu besänftigen; klägliche Laute von sich gebend, vermochte er sie doch auf dem Weg nicht zu versöhnen.
Dort schnitt ihm ein gewisser Brahmane, der Herr der Ziege, im Zorn den herabhängenden Hoden ab; doch dann fügte er ihn, der Yoga-Kundige, zu einem bestimmten Zweck wieder an.
Wort für Wort
tasya
ihm
tatra
dort
dvijaḥ kaścit
irgendein Brahmane
ajā-svāmī
der Herr der Ziege
acchinat
schnitt ab
ruṣā
im Zorn
lambantam vṛṣaṇam
den herabhängenden Hoden
bhūyaḥ
wiederum
sandadhe
er fügte wieder an
arthāya
zu einem (bestimmten) Zweck
yoga-vit
der Yoga-Kundige
Die genaue Bezugsgröße von 'arthāya' (zu wessen Nutzen/Zweck) bleibt im Vers offen. [?]
sambaddha-vṛṣaṇaḥ so 'pi hy ajayā kūpa-labdhayā / kālaṃ bahutithaṃ bhadre kāmair nādyāpi tuṣyati
Fürwahr, o Gütige, selbst er, der Ziegenbock mit dem wieder angefügten Hoden, wird, obwohl er schon lange Zeit mit der aus dem Brunnen gewonnenen Ziege zusammen ist, durch die Erfüllung seiner Begierden bis heute nicht zufrieden.
yat pṛthivyāṃ vrīhi-yavaṃ hiraṇyaṃ paśavaḥ striyaḥ / na duhyanti manaḥ-prītiṃ puṃsaḥ kāma-hatasya te
Denn selbst wenn Reis und Gerste, Gold, Vieh und Frauen auf der ganzen Erde vorhanden wären - diese Dinge können für den von Begierde geschlagenen Mann keine wahre Zufriedenheit des Geistes hervorbringen.
Wenn ein Mensch keine unheilvolle Gesinnung mehr gegenüber irgendeinem Wesen hegt, dann sind für diesen Menschen der Gleichsicht alle Richtungen von Glückseligkeit erfüllt.
Dieses Verlangen, das von den Toren nur schwer aufgegeben wird und das, selbst wenn der Mensch altert, nicht mitaltert - dieses Verlangen, das eine Ansammlung von Leid ist, sollte, wer nach wahrem Glück strebt, rasch aufgeben.
Man sollte nicht mit der Mutter, der Schwester oder der Tochter an einem allzu abgeschiedenen Ort verweilen; denn die mächtige Schar der Sinne zieht selbst den Wissenden in ihren Bann.
Wort für Wort
mātrā
mit der Mutter
svasrā
mit der Schwester
duhitrā vā
oder mit der Tochter
na avivikta-āsanaḥ bhavet
man sollte nicht an einem (zu) abgeschiedenen Ort sitzen
Deshalb werde ich diese Begierde aufgeben, meinen Geist auf das Brahman richten und, frei von den Gegensatzpaaren und frei vom Ich-Bewusstsein, zusammen mit den wilden Tieren umherziehen.
dṛṣṭaṃ śrutam asad buddhvā nānudhyāyen na sandiśet / saṃsṛtiṃ cātma-nāśaṃ ca tatra vidvān sa ātma-dṛk
Wer das Gesehene und das Gehörte als unwirklich erkennt, sollte weder darüber nachsinnen noch sich danach ausrichten; wer darin sowohl den Weltenkreislauf als auch den Verlust des Selbst erkennt, der ist der wahrhaft Wissende, der Selbst-Schauende.
Nachdem er dies zu seiner Gattin gesagt hatte, gab der Sohn des Nahuṣa, nunmehr frei von jeglichem Verlangen, dem Pūru dessen eigene Jugend zurück und nahm sein eigenes Alter von ihm wieder an sich.
Wort für Wort
iti uktvā
so sprechend
nāhuṣaḥ
der Sohn des Nahuṣa (Yayāti)
jāyām
zu (seiner) Gattin
tadīyam vayaḥ
dessen (Pūrus) Jugend
pūrave dattvā
dem Pūru zurückgebend
sva-jarasam
sein eigenes Alter
tasmāt
von ihm
ādade
nahm er wieder an sich
vigata-spṛhaḥ
frei von Verlangen
Bezug auf die frühere Episode, in der Yayāti sein Alter gegen die Jugend seines Sohnes Pūru eingetauscht hatte.
Nachdem er Pūru, den Würdigsten unter den Untertanen, zum Herrscher der gesamten Erdenscheibe gesalbt und dessen ältere Brüder unter seine Herrschaft gestellt hatte, ging er in den Wald.
Er, der viele Jahre lang die Sechsergruppe der Sinne in Bezug auf die Sinnesobjekte gepflegt hatte, gab sie alle in einem Augenblick auf, wie ein Vogel, dem neue Flügel gewachsen sind, sein Nest verlässt.
Wort für Wort
āsevitam
das (lange) Gepflegte
varṣa-pūgān
viele Jahre lang
ṣaḍ-vargam
die Sechsergruppe (der Sinne)
viṣayeṣu
in Bezug auf die Sinnesobjekte
saḥ
er
kṣaṇena
in einem Augenblick
mumuce
er gab auf
nīḍam
das Nest
jāta-pakṣaḥ
dem neue Flügel gewachsen sind
iva dvijaḥ
wie ein Vogel
'ṣaḍ-varga' bezeichnet die Sechsergruppe der Sinnesorgane samt Geist bzw. der aus ihnen entspringenden Triebe.
sa tatra nirmukta-samasta-saṅga ātmānubhūtyā vidhuta-tri-liṅgaḥ / pare 'male brahmaṇi vāsudeve lebhe gatiṃ bhāgavatīṃ pratītaḥ
Dort, gänzlich von allen Bindungen befreit, hatte er durch die Verwirklichung des Selbst die drei Merkmale der materiellen Natur abgeschüttelt und erlangte, gewiss geworden, in das höchste, makellose Brahman - welches Vāsudeva ist - den Zustand der Erlösung, der den reinen Gottgeweihten zuteilwird.
Wort für Wort
saḥ tatra
er, dort
nirmukta-samasta-saṅgaḥ
von dem alle Bindungen völlig gelöst waren
ātma-anubhūtyā
durch die Verwirklichung des Selbst
vidhuta-tri-liṅgaḥ
der die drei Merkmale (der drei Guṇas) abgeschüttelt hatte
Als Devayānī das Lied gehört hatte, hielt sie es für eine bloße Neckerei an ihre eigene Adresse, geäußert wie ein Scherz, entstanden aus der Verwirrung der ehelichen Zuneigung zwischen Mann und Frau.
Sie erkannte, dass das Zusammensein mit Angehörigen nur wie das kurze Beisammensein Reisender an einer Wasserstelle ist - Angehörige, die alle der Herrschaft des Herrn unterworfen sind, und dass dieses Zusammensein durch die Māyā des Herrn bewirkt ist. Da gab Bhārgavī, indem sie alles mit einem Traum verglich, jede Anhaftung überall auf und schüttelte, ihren Geist auf Kṛṣṇa richtend, die feinstoffliche Hülle ihres Selbst ab.
Wort für Wort
sā
sie
sannivāsam suhṛdām
das Zusammensein der Angehörigen
prapāyām iva gacchatām
wie (das Beisammensein) Reisender an einer Wasserstelle
vijñāya
erkennend
īśvara-tantrāṇām
derer, die der Herrschaft des Herrn unterworfen sind
māyā-viracitam
durch (dessen) Trugkraft bewirkt
prabhoḥ
des Herrn
sarvatra saṅgam utsṛjya
jede Anhaftung überall aufgebend
svapna-aupamyena
durch den Vergleich mit einem Traum
bhārgavī
die Tochter Bhṛgus (Devayānī)
kṛṣṇe manaḥ samāveśya
den Geist auf Kṛṣṇa richtend
vyadhunot
sie schüttelte ab
liṅgam ātmanaḥ
die feinstoffliche Hülle des Selbst
Verse 27 und 28 bilden im Original einen zusammenhängenden Satz und werden daher, wie bei vedabase.io üblich, hier zusammengefasst.