Parīkṣit, im Wissen um den nahenden Tod durch Takṣakas Biss, erkennt in der Fluchtat des Brahmanenknaben eine gerechte Fügung für seine eigene frühere Verfehlung und beschließt, unter Aufgabe von Reich und Körper am Ufer der Gaṅgā das Fasten bis zum Tod (prāyopaveśa) anzutreten (V.1-8). Zahlreiche große Weise versammeln sich dort (V.9-19), und der junge, gottgleiche Śukadeva Gosvāmī, der Sohn Vyāsas, erscheint unerwartet in der Gestalt eines von Weltlichem losgelösten Asketen (V.20-31). Parīkṣit begrüßt ihn ehrfürchtig und stellt ihm die entscheidende Frage nach der rechten Pflicht eines Sterbenden — was zu hören, zu tun, zu erinnern und zu verehren sei (V.32-39). Śukas Antwort, mit der die eigentliche Erzählung des Bhāgavata-Purāṇa beginnt, folgt im nächsten Kapitel.
Sūta sprach: Der Herr der Erde [Parīkṣit] aber, über jene tadelnswerte, von ihm selbst begangene Tat nachsinnend, war überaus betrübten Sinnes: „Ach, Niederträchtiges habe ich getan, wie ein Unedler, an einem schuldlosen Brahmanen, dessen Macht verborgen ist.“
dhruvaṁ tato me kṛta-deva-helanād
duratyayaṁ vyasanaṁ nāti-dīrghāt
tad astu kāmaṁ hy agha-niṣkṛtāya me
yathā na kuryāṁ punar evam addhā
Gewiss wird mich, weil ich einen Gottgleichen missachtet habe, bald ein unüberwindliches Unglück ereilen, nicht nach langer Zeit. Nun, das sei mir willkommen zur Tilgung meiner Sünde, auf dass ich dergleichen wahrlich nie wieder tue.
Wort für Wort
dhruvam tataḥ
gewiss deshalb
me kṛta-deva-helanāt
durch die von mir begangene Missachtung eines Gottgleichen
adyaiva rājyaṁ balam ṛddha-kośaṁ
prakopita-brahma-kulānalo me
dahatv abhadrasya punar na me 'bhūt
pāpīyasī dhīr dvija-deva-gobhyaḥ
Noch heute möge das Feuer der von mir erzürnten Brahmanenfamilie mein Königreich, meine Macht und meine angewachsene Schatzkammer verbrennen — des Unheilvollen [wie ich es bin] —, auf dass mir nie wieder ein so sündiger Gedanke gegen Brahmanen, Götter und Kühe entstehe.
sa cintayann ittham athāśṛṇod yathā
muneḥ sutokto nirṛtis takṣakākhyaḥ
sa sādhu mene na cireṇa takṣakā-
nalaṁ prasaktasya virakti-kāraṇam
So denkend, vernahm er, dass vom Sohn des Weisen das Verderben namens Takṣaka verkündet worden war. Er hielt es für gut, dass binnen kurzer Zeit das Gift des Takṣaka für den [an der Welt] Gebundenen zur Ursache der Entsagung werden würde.
So gab er, da beide — diese und jene Welt — schon zuvor als verwerflich erkannt waren, sie auf, und den Dienst an Kṛṣṇas Füßen höher schätzend, setzte er sich zum Fasten bis zum Tod am unsterblichen Fluss [der Gaṅgā] nieder.
yā vai lasac-chrī-tulasī-vimiśra-
kṛṣṇāṅghri-reṇv-abhyadhikāmbu-netrī
punāti lokān ubhayatra seśān
kas tāṁ na seveta mariṣyamāṇaḥ
Wer, der im Sterben begriffen ist, sollte jenem [Fluss] nicht dienen, der, mit dem glänzenden Staub von Kṛṣṇas Füßen und der schönen Tulasī vermischt, ein noch vorzüglicheres Wasser führt und die Welten in beiderlei Hinsicht [diesseits und jenseits] samt ihren Herren reinigt?
Wort für Wort
yā vai
die fürwahr
lasat-śrī-tulasī-vimiśra-kṛṣṇa-aṅghri-reṇu
mit dem glänzenden, mit Tulasī vermischten Staub von Kṛṣṇas Füßen
abhyadhika-ambu-netrī
die vorzüglicheres Wasser führt
punāti lokān ubhayatra sa-īśān
reinigt die Welten beiderseits samt ihren Herren
kaḥ tām na seveta mariṣyamāṇaḥ
wer, im Sterben begriffen, sollte ihr nicht dienen
iti vyavacchidya sa pāṇḍaveyaḥ
prāyopaveśaṁ prati viṣṇu-padyām
dadhau mukundāṅghrim ananya-bhāvo
muni-vrato mukta-samasta-saṅgaḥ
So entschlossen, richtete jener Nachkomme der Pāṇḍavas im Hinblick auf das Fasten bis zum Tod am [Fluss aus] Viṣṇus Fuß seinen Geist mit ungeteilter Gesinnung auf Mukundas Füße, das Gelübde eines Weisen befolgend, von aller Bindung befreit.
Dorthin kamen die Weisen samt ihren Schülern, jene, die die Welt reinigen, von großer Erhabenheit, meist unter dem Vorwand, Pilgerstätten aufzusuchen — denn die Heiligen reinigen ja selbst die Pilgerstätten [durch ihre Anwesenheit].
Wort für Wort
tatra upajagmuḥ
dorthin kamen
bhuvanam punānāḥ
die die Welt reinigen
mahā-anubhāvāḥ munayaḥ sa-śiṣyāḥ
die erhabenen Weisen samt Schülern
prāyeṇa tīrtha-abhigama-apadeśaiḥ
meist unter dem Vorwand, Pilgerstätten aufzusuchen
Atri, Vasiṣṭha, Cyavana, Śaradvān, Ariṣṭanemi, Bhṛgu und Aṅgiras, Parāśara und der Sohn des Gādhi [Viśvāmitra], sodann Rāma, Utathya, Indrapramada und Idhmavāha, Medhātithi, Devala, Ārṣṭiṣeṇa, Bhāradvāja, Gautama, Pippalāda, Maitreya, Aurva, Kavaṣa, der aus dem Wasserkrug Geborene [Agastya], Dvaipāyana [Vyāsa] und der erhabene Nārada —
Wort für Wort
atriḥ vasiṣṭhaḥ cyavanaḥ śaradvān
Atri, Vasiṣṭha, Cyavana, Śaradvān
ariṣṭanemiḥ bhṛguḥ aṅgirāḥ ca
Ariṣṭanemi, Bhṛgu und Aṅgiras
parāśaraḥ gādhi-sutaḥ atha rāma
Parāśara, der Sohn des Gādhi, sodann Rāma
utathyaḥ indrapramada-idhmavāhau
Utathya, Indrapramada und Idhmavāha
medhātithiḥ devalaḥ ārṣṭiṣeṇaḥ
Medhātithi, Devala, Ārṣṭiṣeṇa
bhāradvājaḥ gautamaḥ pippalādaḥ
Bhāradvāja, Gautama, Pippalāda
maitreyaḥ aurvaḥ kavaṣaḥ kumbhayoniḥ
Maitreya, Aurva, Kavaṣa, der Krugentsprossene
dvaipāyanaḥ bhagavān nāradaḥ ca
Dvaipāyana und der erhabene Nārada
[Anm.: Zwei Verse, die eine reine Namensaufzählung der versammelten Weisen bilden; die Identität einzelner Namen (etwa 'Rāma' = Paraśurāma, 'Kumbhayoniḥ' = Agastya) folgt der allgemein bekannten Tradition, ist aber aus dem Text selbst nicht beweisbar.]
anye ca devarṣi-brahmarṣi-varyā
rājarṣi-varyā aruṇādayaś ca
nānārṣeya-pravarān sametān
abhyarcya rājā śirasā vavande
Und andere, die vortrefflichsten unter den Götter- und Brahmanenweisen, die vortrefflichsten Königsweisen, Aruṇa und andere — die versammelten Vorzüglichsten verschiedener Weisengeschlechter verehrend, verneigte sich der König mit dem Haupt vor ihnen.
Wort für Wort
anye ca
und andere
devarṣi-brahmarṣi-varyāḥ
die vortrefflichsten Götter- und Brahmanenweisen
rājarṣi-varyāḥ aruṇa-ādayaḥ ca
die vortrefflichsten Königsweisen, Aruṇa und andere
nānā-ārṣeya-pravarān sametān
die versammelten Vorzüglichsten verschiedener Weisengeschlechter
Als sie sich nun bequem niedergelassen hatten, verneigte er sich abermals und teilte, mit geklärtem Sinn vor ihnen stehend, mit gefalteten Händen mit, was er selbst zu tun beabsichtigte.
Der König sprach: Ach, wir sind die Gesegnetsten unter den Königen, von einer Wesensart, die der Gnade der Größten würdig ist — [ist doch] das Geschlecht der Könige durch die Reinheit an den Füßen der Brahmanen das tadelnswerte Handeln, ach, weit von sich gewiesen.
Wort für Wort
rājā uvāca
der König sprach
aho vayam dhanyatamāḥ nṛpāṇām
ach, wir sind die Gesegnetsten der Könige
mahattama-anugrahaṇīya-śīlāḥ
von einer der Gnade der Größten würdigen Wesensart
rājñām kulam
das Geschlecht der Könige
brāhmaṇa-pāda-śaucāt
durch die Reinheit der Brahmanenfüße
dūrāt visṛṣṭam bata garhya-karma
weit von sich gewiesen, ach, das tadelnswerte Handeln
[?: Die genaue syntaktische Verbindung von 'dūrād visṛṣṭam' — ob das Königsgeschlecht selbst das Unrecht 'von sich weist' oder ob es 'von der Sünde befreit wird' — bleibt im Kompositum offen.]
Für eben diese meine Sünde — da mein Geist beständig an häusliche Dinge gebunden war — hat der Herr über Höheres und Niederes mir, dem [an weltlichen Dingen] Verhafteten, rasch Furcht verliehen, in Gestalt eines Brahmanenfluches, dessen Wurzel [heilsame] Ernüchterung ist.
Wort für Wort
tasya eva me aghasya
für eben diese meine Sünde
parāvareśaḥ
der Herr über Höheres und Niederes
vyāsakta-cittasya gṛheṣu abhīkṣṇam
dessen Geist beständig an häusliche Dinge gebunden war
nirveda-mūlaḥ dvija-śāpa-rūpaḥ
in Gestalt eines Brahmanenfluches, dessen Wurzel Ernüchterung ist
yatra prasaktaḥ bhayam āśu dhatte
dem Verhafteten verleiht er rasch Furcht
[?: Die genaue Konstruktion — wer/was 'prasaktaḥ' ist und worauf sich 'yatra' bezieht — lässt mehrere Lesarten zu; hier als Bezug auf den an häusliche Bindung verhafteten König gedeutet.]
Mich, der ich [zu euch] gekommen bin, meinen Geist auf den Herrn gerichtet, mögen die Brahmanen und die göttliche Gaṅgā annehmen. Mag der vom Brahmanensohn entsandte, trügerische Takṣaka mich nur beißen — singt die Lieder von Viṣṇu!
Wort für Wort
tam mā upayātam
mich, der ich gekommen bin
pratiyantu viprāḥ
mögen die Brahmanen aufnehmen
gaṅgā ca devī
und die göttliche Gaṅgā
dhṛta-cittam īśe
den Geist auf den Herrn gerichtet
dvija-upasṛṣṭaḥ kuhakaḥ takṣakaḥ vā
der vom Brahmanensohn entsandte, trügerische Takṣaka
punaś ca bhūyād bhagavaty anante
ratiḥ prasaṅgaś ca tad-āśrayeṣu
mahatsu yāṁ yām upayāmi sṛṣṭiṁ
maitry astu sarvatra namo dvijebhyaḥ
Und wiederum möge mir Zuneigung zum unendlichen Herrn und Umgang mit den Großen, die bei ihm Zuflucht suchen, zuteilwerden, in welche Geburt auch immer ich eingehen mag; Wohlwollen sei überall, Verehrung den Brahmanen!
Wort für Wort
punaḥ ca bhūyāt
und wiederum möge werden
bhagavati anante ratiḥ
Zuneigung zum unendlichen Herrn
prasaṅgaḥ ca tad-āśrayeṣu mahatsu
und Umgang mit den bei ihm Zuflucht suchenden Großen
So verweilte der standhafte König, von Entschlossenheit erfüllt, nachdem er die Last [des Reiches] seinem eigenen Sohn übergeben hatte, auf Kuśagras mit ostwärts gerichteten Wurzeln, das Antlitz nach Norden gewandt, am Südufer des Flusses, der Gattin des Ozeans [der Gaṅgā].
Wort für Wort
iti sma rājā adhyavasāya-yuktaḥ
so [verweilte] der König, von Entschlossenheit erfüllt
evaṁ ca tasmin nara-deva-deve
prāyopaviṣṭe divi deva-saṅghāḥ
praśasya bhūmau vyakiran prasūnair
mudā muhur dundubhayaś ca neduḥ
Und so, als jener Gott unter den Königen sich zum Fasten bis zum Tod niedergesetzt hatte, lobpreisten die Scharen der Götter im Himmel [ihn] und bestreuten die Erde mit Blüten, und vor Freude ertönten wiederholt die [himmlischen] Kesselpauken.
maharṣayo vai samupāgatā ye
praśasya sādhv ity anumodamānāḥ
ūcuḥ prajānugraha-śīla-sārā
yad uttama-śloka-guṇābhirūpam
Die großen Weisen, die dort versammelt waren, lobten [ihn] und, „wohlgetan!“ billigend, sprachen sie — sie, deren Wesenskern die Gnade gegenüber den Geschöpfen ist — was der Herrlichkeit des Hochgepriesenen [Viṣṇus] angemessen war.
Wort für Wort
mahā-ṛṣayaḥ vai samupāgatāḥ ye
die großen Weisen, die dort versammelt waren
praśasya sādhu iti anumodamānāḥ
lobend, 'wohlgetan!' billigend
ūcuḥ
sprachen
prajā-anugraha-śīla-sārāḥ
deren Wesenskern die Gnade gegenüber den Geschöpfen ist
yat uttama-śloka-guṇa-abhirūpam
was der Herrlichkeit des Hochgepriesenen angemessen war
na vā idaṁ rājarṣi-varya citraṁ
bhavatsu kṛṣṇaṁ samanuvrateṣu
ye 'dhyāsanaṁ rāja-kirīṭa-juṣṭaṁ
sadyo jahur bhagavat-pārśva-kāmāḥ
Dies, o Vortrefflichster der Königsweisen, ist bei euch, die ihr Kṛṣṇa nachfolgt, wahrlich nicht verwunderlich — bei denen, die den von Königskronen besuchten Thron sogleich verlassen haben, aus Verlangen nach der Nähe des Herrn.
Wort für Wort
na vā idam rājarṣi-varya citram
dies ist, o Vortrefflichster der Königsweisen, wahrlich nicht verwunderlich
bhavatsu kṛṣṇam samanuvrateṣu
bei euch, die ihr Kṛṣṇa nachfolgt
ye adhyāsanam rāja-kirīṭa-juṣṭam
die den von Königskronen besuchten Thron
sadyaḥ jahuḥ bhagavat-pārśva-kāmāḥ
sogleich verlassen haben, aus Verlangen nach der Nähe des Herrn
Wir alle wollen nun solange hier verweilen, bis dieser Vorzüglichste unter den Gottgeweihten, seinen Körper aufgebend, zur höchsten, staublosen, leidlosen Welt eingehen wird.
Wort für Wort
sarve vayam tāvat iha āsmahe atha
wir alle wollen nun solange hier verweilen
kalevaram yāvat asau vihāya
solange bis dieser seinen Körper aufgibt
lokam param virajaskam viśokam
zur höchsten, staublosen, leidlosen Welt
yāsyati ayam bhāgavata-pradhānaḥ
wird dieser Vorzüglichste unter den Gottgeweihten eingehen
āśrutya tad ṛṣi-gaṇa-vacaḥ parīkṣit
samaṁ madhu-cyud guru cāvyalīkam
ābhāṣatainān abhinandya yuktān
śuśrūṣamāṇaś caritāni viṣṇoḥ
Nachdem er jene gleichermaßen honigsüßen, gewichtigen und wahrhaftigen Worte der Schar der Weisen vernommen hatte, hieß Parīkṣit sie, die Geeigneten, willkommen und sprach zu ihnen, begierig, von den Taten Viṣṇus zu hören.
Wort für Wort
āśrutya tat ṛṣi-gaṇa-vacaḥ
jene Worte der Weisenschar vernommen habend
parīkṣit samam madhu-cyut guru ca avyalīkam
Parīkṣit — gleichermaßen honigsüß, gewichtig und wahrhaftig
ābhāṣata enān abhinandya yuktān
sprach zu ihnen, den Geeigneten, sie willkommen heißend
samāgatāḥ sarvata eva sarve
vedā yathā mūrti-dharās tri-pṛṣṭhe
nehātha nāmutra ca kaścanārtha
ṛte parānugraham ātma-śīlam
Allesamt von überallher versammelt, wie die Veden in verkörperter Gestalt [an höchster Stätte thronend], habt ihr weder hier noch dort irgendein [eigennütziges] Anliegen außer der Gnade gegenüber anderen, die euer ureigenes Wesen ist.
Wort für Wort
samāgatāḥ sarvataḥ eva sarve
allesamt von überallher versammelt
vedāḥ yathā mūrti-dharāḥ tri-pṛṣṭhe
wie die Veden in verkörperter Gestalt am höchsten Ort
na iha atha na amutra ca kaścana arthaḥ
weder hier noch dort irgendein Anliegen
ṛte parānugraham ātma-śīlam
außer der Gnade gegenüber anderen, die euer Wesen ist
[?: 'Tri-pṛṣṭhe' — wörtlich 'auf dem dreifachen Rücken' — bezeichnet wohl den höchsten Himmelsbereich oberhalb der drei Welten; die genaue kosmologische Referenz bleibt unsicher.]
tataś ca vaḥ pṛcchyam imaṁ vipṛcche
viśrabhya viprā iti kṛtyatāyām
sarvātmanā mriyamāṇaiś ca kṛtyaṁ
śuddhaṁ ca tatrāmṛśatābhiyuktāḥ
Und deshalb frage ich euch, o Brahmanen, dieses vertrauensvoll: was in Bezug auf das zu Tuende [zu tun] ist, und was die reine, [rechte] Pflicht derer ist, die mit ganzer Seele im Sterben liegen — darüber möget ihr, Vertiefte, urteilen.
Wort für Wort
tataḥ ca vaḥ pṛcchyam imam vipṛcche
und deshalb frage ich euch dieses, was zu erfragen ist
viśrabhya viprāḥ
vertrauensvoll, o Brahmanen
iti kṛtyatāyām
in Bezug auf das, was zu tun ist
sarva-ātmanā mriyamāṇaiḥ ca kṛtyam śuddham ca
und was die reine Pflicht der mit ganzer Seele Sterbenden ist
tatra āmṛśata abhiyuktāḥ
darüber möget ihr Vertieften urteilen
[?: Der genaue syntaktische Aufbau dieses Verses ist stark komprimiert; die Übersetzung folgt der wahrscheinlichsten Lesart der Frage nach der Sterbepflicht (kṛtya).]
Dort erschien der erhabene Sohn des Vyāsa, nach eigenem Belieben über die Erde wandernd, unabhängig, dessen [wahre] Kennzeichen nicht erkennbar waren, zufrieden mit dem, was ihm von selbst zufiel, umgeben von Kindern, in der Erscheinung eines von allen Bindungen Losgelösten.
Wort für Wort
tatra abhavat bhagavān vyāsa-putraḥ
dort erschien der erhabene Sohn des Vyāsa
yadṛcchayā gām aṭamānaḥ anapekṣaḥ
nach eigenem Belieben über die Erde wandernd, unabhängig
alakṣya-liṅgaḥ nija-lābha-tuṣṭaḥ
dessen Kennzeichen unerkennbar, zufrieden mit dem, was ihm zufiel
vṛtaḥ ca bālaiḥ avadhūta-veṣaḥ
umgeben von Kindern, in der Erscheinung eines Losgelösten
Ihn, sechzehn Jahre alt, mit zarten Füßen, Händen, Schenkeln, Armen, Schultern, Wangen und Gliedern, mit schönen, weiten Augen, erhabener Nase, ebenmäßigen Ohren, schönen Brauen und Antlitz, mit einem muschelgleichen, wohlgeformten Hals —
Wort für Wort
tam dvi-aṣṭa-varṣam
ihn, sechzehn Jahre alt
su-kumāra-pāda-kara-uru-bāhu-aṁsa-kapola-gātram
mit zarten Füßen, Händen, Schenkeln, Armen, Schultern, Wangen, Gliedern
cāru-āyata-akṣa-unnasa-tulya-karṇa
mit schönen weiten Augen, erhabener Nase, ebenmäßigen Ohren
su-bhrū-ānanam kambu-sujāta-kaṇṭham
mit schönen Brauen, Antlitz, muschelgleichem wohlgeformtem Hals
nigūḍha-jatruṁ pṛthu-tuṅga-vakṣasam
āvarta-nābhiṁ vali-valgūdaraṁ ca
dig-ambaraṁ vaktra-vikīrṇa-keśaṁ
pralamba-bāhuṁ svamarottamābham
— mit verborgenen Schlüsselbeinen, breiter, erhabener Brust, eingezogenem Nabel, einem von Falten anmutig gezierten Bauch, unbekleidet, mit über das Antlitz fallenden Haaren, mit langen, herabhängenden Armen, von einem Glanz wie der vorzüglichste der Unsterblichen.
Wort für Wort
nigūḍha-jatrum pṛthu-tuṅga-vakṣasam
mit verborgenen Schlüsselbeinen, breiter erhabener Brust
āvarta-nābhim vali-valgu-udaram ca
mit eingezogenem Nabel und einem von Falten anmutig gezierten Bauch
dik-ambaram vaktra-vikīrṇa-keśam
unbekleidet, mit über das Antlitz fallenden Haaren
pralamba-bāhum sva-amara-uttama-ābham
mit langen Armen, von einem Glanz wie der Vorzüglichste der Unsterblichen
śyāmaṁ sadāpīvya-vayo-'ṅga-lakṣmyā
strīṇāṁ mano-jñaṁ rucira-smitena
pratyutthitās te munayaḥ svāsanebhyas
tal-lakṣaṇa-jñā api gūḍha-varcasam
[Ihn,] dunkel von Hautfarbe, durch die stets liebliche Schönheit seines Alters und seiner Glieder und durch sein anmutiges Lächeln das Herz der Frauen gewinnend, [ihn,] dessen Glanz verborgen war — vor ihm erhoben sich jene Weisen von ihren eigenen Sitzen, obwohl sie um seine [wahren] Merkmale wussten.
Wort für Wort
śyāmam
dunkel von Hautfarbe
sadā-apīvya-vayaḥ-aṅga-lakṣmyā
durch die stets liebliche Schönheit von Alter und Gliedern
strīṇām manojñam rucira-smitena
das Herz der Frauen gewinnend durch anmutiges Lächeln
pratyutthitāḥ te munayaḥ sva-āsanebhyaḥ
jene Weisen erhoben sich von ihren eigenen Sitzen
tat-lakṣaṇa-jñāḥ api gūḍha-varcasam
obwohl sie um seine Merkmale wussten, [ihn] dessen Glanz verborgen war
sa viṣṇu-rāta atithaya āgatāya
tasmai saparyāṁ śirasājahāra
tato nivṛttā hy abudhāḥ striyo 'rbhakā
mahāsane sopaviveśa pūjitaḥ
Jener von Viṣṇu Beschützte [Parīkṣit] brachte ihm, dem als Gast Gekommenen, mit dem Haupt [sich verneigend] Ehrerbietung dar; daraufhin zogen sich die unwissenden Frauen und Kinder zurück, und er [Śuka] setzte sich, geehrt, auf dem großen Sitz nieder.
Wort für Wort
sa viṣṇu-rātaḥ
jener von Viṣṇu Beschützte
atithaye āgatāya tasmai saparyām
dem als Gast Gekommenen die Ehrerbietung
śirasā ājahāra
brachte er mit dem Haupt dar
tataḥ nivṛttāḥ hi abudhāḥ striyaḥ arbhakāḥ
daraufhin zogen sich die unwissenden Frauen und Kinder zurück
mahāsane sa upaviveśa pūjitaḥ
auf dem großen Sitz setzte er sich, geehrt, nieder
sa saṁvṛtas tatra mahān mahīyasāṁ
brahmarṣi-rājarṣi-devarṣi-saṅghaiḥ
vyarocatālaṁ bhagavān yathendur
graharkṣa-tārā-nikaraiḥ parītaḥ
Er, der Erhabene, Größte unter den Großen, dort umgeben von den Scharen der Brahmanen-, Königs- und Götterweisen, erstrahlte sehr, wie der Mond, umgeben von der Menge der Planeten, Sternbilder und Sterne.
Wort für Wort
sa saṁvṛtaḥ tatra mahān mahīyasām
er, umgeben dort, der Große unter den Großen
brahmarṣi-rājarṣi-devarṣi-saṅghaiḥ
von den Scharen der Brahmanen-, Königs- und Götterweisen
vyarocata alam bhagavān
erstrahlte sehr der Erhabene
yathā induḥ graha-ṛkṣa-tārā-nikaraiḥ parītaḥ
wie der Mond, umgeben von der Menge der Planeten, Sternbilder, Sterne
Der gottgeweihte König näherte sich dem ruhevoll sitzenden Weisen, dessen Weisheit unerschöpflich war, verneigte sich andächtig mit dem Haupt, und mit gefalteten Händen sich neigend, befragte er ihn mit sanfter, wahrhaftiger Stimme.
Wort für Wort
praśāntam āsīnam akuṇṭha-medhasam munim
den ruhevoll sitzenden Weisen, dessen Weisheit unerschöpflich ist
nṛpaḥ bhāgavataḥ abhyupetya
der gottgeweihte König sich nähernd
praṇamya mūrdhnā avahitaḥ kṛta-añjaliḥ
sich verneigend mit dem Haupt, andächtig, mit gefalteten Händen
Parīkṣit sprach: Ach, o Brahmane, heute sind wir, bloße Kṣatriyas, die eigentlich den Guten dienen sollten, von dir aus Gnade, in Gestalt eines Gastes, zu Pilgerstätten gemacht worden.
Durch deren bloße Erinnerung allein werden die Häuser der Menschen sogleich gereinigt — wieviel mehr [dann] durch ihr Erblicken, Berühren, das Waschen ihrer Füße, das Anbieten eines Sitzes und dergleichen!
Wort für Wort
yeṣām saṁsmaraṇāt puṁsām
durch deren bloße Erinnerung der Menschen
sadyaḥ śuddhyanti vai gṛhāḥ
werden sogleich fürwahr die Häuser gereinigt
kim punaḥ
wieviel mehr dann
darśana-sparśa-pāda-śauca-āsana-ādibhiḥ
durch Erblicken, Berühren, Fußwaschung, Sitzanbieten und dergleichen
sānnidhyāt te mahā-yogin
pātakāni mahānty api
sadyo naśyanti vai puṁsāṁ
viṣṇor iva suretarāḥ
Durch deine bloße Gegenwart, o großer Yogin, vergehen selbst große Sünden der Menschen sogleich — so wie durch [die Gegenwart] Viṣṇus die Nicht-Götter [vergehen].
api me bhagavān prītaḥ
kṛṣṇaḥ pāṇḍu-suta-priyaḥ
paitṛ-ṣvaseya-prīty-arthaṁ
tad-gotrasyātta-bāndhavaḥ
Ist mir wohl der erhabene Kṛṣṇa gewogen, der den Söhnen des Pāṇḍu lieb ist, der um der Liebe zum Sohn seiner Vaterschwester [Arjuna] willen die Verwandtschaft mit dessen Geschlecht angenommen hat?
Wort für Wort
api me bhagavān prītaḥ
ist mir der Erhabene wohl gewogen
kṛṣṇaḥ pāṇḍu-suta-priyaḥ
Kṛṣṇa, den Söhnen des Pāṇḍu lieb
paitṛ-ṣvaseya-prīti-artham
um der Liebe zum Sohn der Vaterschwester willen
tad-gotrasya ātta-bāndhavaḥ
der die Verwandtschaft mit dessen Geschlecht angenommen hat
[Anm.: 'Paitṛ-ṣvaseya' bezeichnet den Sohn der Schwester des eigenen Vaters — Kuntī war die Schwester Vasudevas, sodass die Pāṇḍavas Kṛṣṇas Cousins mütterlicherseits (über seinen Vater) sind.]
Andernfalls, wie sollte für uns Menschen, die wir geradewegs im Sterben liegen, das Erblicken deiner, dessen Wandel unergründlich ist, des Vollendeten, des am meisten Ersehnten, [überhaupt] geschehen?
Wort für Wort
anyathā te avyakta-gateḥ
andernfalls deiner, dessen Wandel unergründlich ist
darśanam naḥ katham nṛṇām
wie [sollte] das Erblicken für uns Menschen [geschehen]
Was zu hören, was zu murmeln [rezitieren], was von Menschen zu tun ist, o Herr, was zu erinnern oder zu verehren ist — sprich, oder auch, was das Gegenteil davon [zu Meidende] ist.
nūnaṁ bhagavato brahman
gṛheṣu gṛha-medhinām
na lakṣyate hy avasthānam
api go-dohanaṁ kvacit
Gewiss, o Erhabener, o Brahmane, wird dein Verweilen in den Häusern der Haushälter nirgends bemerkt, nicht einmal für die Dauer, die man braucht, um eine Kuh zu melken.