Kapitel 103: Garuḍamānabhaṅgaḥ Duryodhanapratyākhyānaṃ ca
Garuḍas Stolz wird gebrochen, und Duryodhana weist Kaṇva zurück
Garuḍa, empört über Indras Gewährung langen Lebens an den Nāga Sumukha, stellt Indra zornig zur Rede und rühmt großspurig seine eigene Stärke. Indra fordert ihn heraus, nur seinen einen Arm zu tragen - Garuḍa bricht unter dem Gewicht zusammen und erkennt, gedemütigt, Indras (bzw. Viṣṇus) überlegene Macht an; er bittet um Verzeihung. Nach der Versöhnung wendet sich Kaṇva unmittelbar an Duryodhana selbst: so wie Garuḍa seine Grenzen erkennen musste, solle auch Duryodhana erkennen, dass er den Pāṇḍava-Helden - Bhīma, Arjuna und den mit ihnen verbundenen Göttern - nicht gewachsen ist, und Frieden suchen, solange er lebt. Damit schließt Kaṇvas gesamte, seit Kap.95 durchgehend offene Rede an die Versammlung - ein zentraler Wendepunkt der Erzählung. Vaiśaṃpāyana berichtet daraufhin, wie Duryodhana, Kaṇvas Mahnung verachtend, höhnisch auflacht und trotzig erklärt, sein Schicksal sei ohnehin vorbestimmt - bloßes Reden werde daran nichts ändern.
kaṇva uvāca garuḍas tat tu śuśrāva yathāvṛttaṃ mahābalaḥ āyuḥpradānaṃ śakreṇa kṛtaṃ nāgasya bhārata
Kaṇva sprach: Garuḍa aber, von großer Kraft, hörte, wie es sich zugetragen hatte, die Gewährung der Lebensdauer, die von Śakra dem Nāga zuteil wurde, o Bhārata.
Wort für Wort
garuḍaḥ tat tu śuśrāva yathāvṛttaṃ mahābalaḥ
Garuḍa aber, von großer Kraft, hörte, wie es sich zugetragen hatte (Nom. + Akk. + 3. Sg. Perf. + Adv. + Nom.)
āyuḥpradānaṃ śakreṇa kṛtaṃ nāgasya bhārata
die Gewährung der Lebensdauer, die von Śakra dem Nāga zuteil wurde, o Bhārata (Akk. + Instr. + Akk. Sg. Ppp. + Gen. + Vok.)
[Anm.: ,bhārata' ist hier Kaṇvas direkte Anrede an Duryodhana selbst innerhalb der Versammlung - bestätigt, dass Kaṇva durchgehend zu Duryodhana spricht.]
garuḍa uvāca bhagavan kim avajñānāt kṣudhāṃ prati bhaye mama kāmakāravaraṃ dattvā punaś calitavān asi
„O Erhabener - ist es aus Geringschätzung meines Hungers, dass du, nachdem du mir einst die Gabe der freien Willenswahl gewährt hast, nun wieder davon abgewichen bist?
Wort für Wort
bhagavan kim avajñānāt kṣudhāṃ prati bhaye mama
o Erhabener, ist es aus Geringschätzung meines Hungers, in meiner Furcht (Vok. + Frage + Abl. + Akk. + Postp. + Lok. + Gen.)
kāmakāravaraṃ dattvā punaḥ calitavān asi
nachdem du die Gabe der freien Willenswahl gegeben hast, bist du nun wieder abgewichen (Akk. + Ger. + Adv. + Nom. Sg. Ppp. + 2. Sg. Präs.)
[Anm.: CQ öffnet hier neu - Garuḍas zornige Rede an Indra beginnt; ,kāmakāravaram' bezieht sich auf eine frühere, hier vorausgesetzte Vereinbarung über Garuḍas freies Recht, Schlangen zu verzehren.]
vṛtaś caiṣa mahānāgaḥ sthāpitaḥ samayaś ca me anena ca mayā deva bhartavyaḥ prasavo mahān
Auch dieser große Nāga wurde von mir auserwählt, und meine Abmachung wurde festgesetzt; und durch ihn muss von mir, o Gott, eine große Nachkommenschaft ernährt werden.
Wort für Wort
vṛtaḥ ca eṣa mahānāgaḥ sthāpitaḥ samayaḥ ca me
auch dieser große Nāga wurde auserwählt, und meine Abmachung wurde festgesetzt (Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Nom. + Gen.)
anena ca mayā deva bhartavyaḥ prasavaḥ mahān
und durch ihn muss von mir, o Gott, eine große Nachkommenschaft ernährt werden (Instr. + Instr. + Vok. + Nom. Sg. Gerundivum + Nom. + Nom.)
etac caivāham arhāmi bhūyaś ca balavṛtrahan trailokyasyeśvaro yo 'haṃ parabhṛtyatvam āgataḥ
Und dies verdiene ich zudem noch, o Bezwinger Balas und Vṛtras: ich, der ich Herr der drei Welten bin, bin zur Dienstbarkeit unter einem anderen gelangt.
Wort für Wort
etat ca eva aham arhāmi bhūyaḥ ca balavṛtrahan
und dies verdiene ich zudem noch, o Bezwinger Balas und Vṛtras (Akk. + Nom. + 1. Sg. Präs. + Adv. + Vok.)
tvayi tiṣṭhati deveśa na viṣṇuḥ kāraṇaṃ mama trailokyarāja rājyaṃ hi tvayi vāsava śāśvatam
[?] Solange du bestehst, o Herr der Götter, ist Viṣṇu nicht mein Anliegen - denn dir, o König der drei Welten, o Vāsava, gehört die ewige Herrschaft.
Wort für Wort
tvayi tiṣṭhati deveśa na viṣṇuḥ kāraṇaṃ mama
solange du bestehst, o Herr der Götter, ist Viṣṇu nicht mein Anliegen (Lok. Abs. + Vok. + Neg. + Nom. + Nom. + Gen.)
trailokyarāja rājyaṃ hi tvayi vāsava śāśvatam
denn dir, o König der drei Welten, o Vāsava, gehört die ewige Herrschaft (Vok. + Nom. + Partikel + Lok. + Vok. + Nom.)
[Anm.: die genaue Logik dieser Aussage bleibt etwas unsicher [?] - sinngemäß scheint Garuḍa zu betonen, dass er sich allein Indra als rechtmäßigem Herrscher verpflichtet fühlt und Viṣṇus Autorität hier nicht in Frage stellt/berücksichtigt.]
yat tu dhvajasthānagato yatnāt paricarāmy aham vahāmi caivānujaṃ te tena mām avamanyase
Aber weil ich, an der Bannerstelle stehend, dir eifrig diene, und weil ich deinen jüngeren Bruder trage, deswegen verachtest du mich.
Wort für Wort
yat tu dhvajasthānagataḥ yatnāt paricarāmi aham
aber weil ich, an der Bannerstelle stehend, eifrig diene (Rel. + Partikel + Nom. Sg. Ppp. + Abl. + 1. Sg. Präs. + Nom.)
vahāmi ca eva anujaṃ te tena mām avamanyase
und weil ich deinen jüngeren Bruder trage, deswegen verachtest du mich (1. Sg. Präs. + Akk. + Gen. + Instr. + Akk. + 2. Sg. Präs. Med.)
[Anm.: mit ,deinem jüngeren Bruder' ist Viṣṇu gemeint, dessen Reittier Garuḍa ist; in mancher Tradition gilt Viṣṇu/Upendra als jüngerer Bruder Indras.]
ko 'nyo bhārasaho hy asti ko 'nyo 'sti balavattaraḥ mayā yo 'haṃ viśiṣṭaḥ san vahāmīmaṃ sabāndhavam
Wer anders vermag Lasten zu tragen, wer anders ist stärker - ich, der ich ausgezeichnet bin, trage diesen mitsamt seinen Verwandten.
Wort für Wort
kaḥ anyaḥ bhārasahaḥ hi asti kaḥ anyaḥ asti balavattaraḥ
wer anders vermag Lasten zu tragen, wer anders ist stärker (Nom. + Nom. + Nom., Bahuvrīhi + Partikel + 3. Sg. Präs. + Nom. + Nom. + 3. Sg. Präs. + Nom.)
mayā yaḥ ahaṃ viśiṣṭaḥ san vahāmi imaṃ sabāndhavam
ich, der ich ausgezeichnet bin, trage diesen mitsamt seinen Verwandten (Instr. + Rel. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Part. Präs. + 1. Sg. Präs. + Akk. + Akk., Bahuvrīhi)
avajñāya tu yat te 'haṃ bhojanād vyaparopitaḥ tena me gauravaṃ naṣṭaṃ tvattaś cāsmāc ca vāsava
Aber weil ich, aus Geringschätzung, von dir meiner Nahrung beraubt wurde, dadurch ist meine Ehre zunichtegemacht, sowohl von dir als auch von diesem, o Vāsava.
Wort für Wort
avajñāya tu yat te ahaṃ bhojanād vyaparopitaḥ
aber weil ich, aus Geringschätzung, von dir meiner Nahrung beraubt wurde (Ger. + Partikel + Rel. + Gen. + Nom. + Abl. + Nom. Sg. Ppp.)
tena me gauravaṃ naṣṭaṃ tvattaḥ ca asmāt ca vāsava
dadurch ist meine Ehre zunichtegemacht, sowohl von dir als auch von diesem, o Vāsava (Instr. + Gen. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Abl. + Abl. + Vok.)
Kaṇva sprach: Nachdem er jenes Wort des Vogels gehört hatte, das in seiner künftigen Wirkung schrecklich war, sprach der Unerschütterliche, Tārkṣya (Garuḍa) provozierend, der Träger des Wagenrades.
Wort für Wort
tasya tad vacanaṃ śrutvā khagasya udarkadāruṇam
nachdem er jenes Wort des Vogels gehört hatte, das in seiner künftigen Wirkung schrecklich war (Gen. + Akk. + Akk. + Ger. + Gen. + Akk.)
akṣobhyaṃ kṣobhayan tārkṣyam uvāca rathacakrabhṛt
sprach der Unerschütterliche, Tārkṣya provozierend, der Träger des Wagenrades (Nom. + Nom. Sg. Part. Präs. Kausativ + Akk. + 3. Sg. Perf. + Nom.)
[Anm.: reine Übergangs-Erzählung Kaṇvas - kein Zitat; die eigentliche Rede Indras beginnt erst in V.019. ,rathacakrabhṛt' (,Träger des Wagenrades') ist ein Beiname Indras.]
[Anm.: auffällig wechselt die Anrede hier von Indra (Śakra/Vāsava/Devarāja, durchgehend V.003-021) zu Viṣṇu - beide waren laut Kap.102 V.22 gemeinsam anwesend; der Sanskrit-Text selbst benennt hier explizit Viṣṇu als denjenigen, vor dem Garuḍa sich verneigt.]
kṣantum arhasi me deva vihvalasyālpacetasaḥ baladāhavidagdhasya pakṣiṇo dhvajavāsinaḥ
Du solltest mir vergeben, o Gott, mir, dem Bewusstlosen, Kleinmütigen, vom Feuer meiner Kraft-Trunkenheit Verzehrten, dem Vogel, der auf dem Banner wohnt.
Wort für Wort
kṣantum arhasi me deva vihvalasya alpacetasaḥ
du solltest mir vergeben, o Gott, mir, dem Bewusstlosen, Kleinmütigen (Inf. + 2. Sg. Präs. + Gen. + Vok. + Gen. + Gen., Bahuvrīhi)
baladāhavidagdhasya pakṣiṇaḥ dhvajavāsinaḥ
vom Feuer meiner Kraft-Trunkenheit Verzehrten, dem Vogel, der auf dem Banner wohnt (Gen. Sg. Ppp. + Gen. + Gen., Bahuvrīhi)
tataś cakre sa bhagavān prasādaṃ vai garutmataḥ maivaṃ bhūya iti snehāt tadā cainam uvāca ha
Da erwies der Erhabene fürwahr Gnade gegenüber Garutmat; „Dass dies nicht wieder geschehe“ - aus Zuneigung sprach er da zu ihm:
Wort für Wort
tataḥ cakre sa bhagavān prasādaṃ vai garutmataḥ
da erwies der Erhabene fürwahr Gnade gegenüber Garutmat (Adv. + 3. Sg. Perf. Med. + Nom. + Nom. + Akk. + Partikel + Gen.)
maivaṃ bhūya iti snehāt tadā ca enam uvāca ha
dass dies nicht wieder geschehe - aus Zuneigung sprach er da zu ihm (Neg.+Adv. + Adv. + Partikel + Abl. + Adv. + Akk. + 3. Sg. Perf. + Partikel)
[Anm.: kurzer, mit ,iti' markierter eingebetteter Ausspruch innerhalb des Verses (,dies geschehe nicht wieder') - öffnet und schließt sofort wieder; die eigentliche, längere Rede beginnt danach neu in V.031, wechselt dort aber inhaltlich zur direkten Anrede Duryodhanas durch Kaṇva selbst (kein neues CQ, sondern Fortsetzung von Kaṇvas eigener SQ-Ebene).]
So auch du, o Sohn Gāndhārīs, solange du jenen Helden, den Söhnen Pāṇḍus, im Kampf nicht begegnest, so lange lebst du, mein Kind.
Wort für Wort
tathā tvam api gāndhāre yāvat pāṇḍusutān raṇe
so auch du, o Sohn Gāndhārīs, solange du im Kampf (Adv. + Nom. + Partikel + Vok. + Adv. + Akk. + Lok.)
na āsādayasi tān vīrān tāvat jīvasi putraka
jenen Helden nicht begegnest, so lange lebst du, mein Kind (Neg. + 2. Sg. Präs. + Akk. + Akk. + Adv. + 2. Sg. Präs. + Vok.)
[Anm.: deutlicher Bruch der Erzählebene - Kaṇva wendet die Garuḍa-Lehre unmittelbar auf Duryodhana an, der als ,gāndhāre' (Sohn Gāndhārīs) direkt angesprochen wird; kein neues CQ, da dies Kaṇvas eigene, bereits offene SQ-Ebene fortsetzt, nicht die Rede eines Charakters innerhalb der Garuḍa-Erzählung.]
der Erhabenheit jenes Viṣṇu, der der Keulen- und Diskusträger ist (Akk. + Rel. + Adv. + Gen. + Rel. + Nom. + Nom., Bahuvrīhi)
[Anm.: SQ schließt hier - Ende von Kaṇvas gesamter, seit Kap.95 durchgehend offener Rede an die Versammlung; die Erzählung kehrt zur Grundebene (Vaiśaṃpāyanas Rahmenerzählung) zurück, markiert im nächsten Vers durch ,vaiśaṃpāyana uvāca'.]
Vaiśaṃpāyana sprach: Duryodhana aber, dies gehört habend, seufzend, mit gerunzelter Stirn, zu Rādheya hinblickend, lachte da laut auf.
Wort für Wort
duryodhanaḥ tu tat śrutvā niḥśvasan bhṛkuṭīmukhaḥ
Duryodhana aber, dies gehört habend, seufzend, mit gerunzelter Stirn (Nom. + Partikel + Akk. + Ger. + Nom. Sg. Part. Präs. + Nom., Bahuvrīhi)
rādheyam abhisaṃprekṣya jahāsa svanavat tadā
zu Rādheya hinblickend, lachte er da laut auf (Akk. + Ger. + 3. Sg. Perf. + Adv. + Adv.)
[Anm.: Rückkehr zur äußersten Erzählebene - Vaiśaṃpāyanas Rahmenerzählung an Janamejaya (Grundebene, unmarkiert); Kaṇvas gesamte, seit Kap.95 offene Rede ist nun abgeschlossen. ,Rādheya' ist Karṇa.]
yathaiveśvarasṛṣṭo 'smi yad bhāvi yā ca me gatiḥ tathā maharṣe vartāmi kiṃ pralāpaḥ kariṣyati
‚So wie ich vom Herrn geschaffen bin, was geschehen wird, und was mein Los ist - so verhalte ich mich, o großer Weiser. Was wird bloßes Geschwätz bewirken?
Wort für Wort
yathā eva īśvarasṛṣṭaḥ asmi yat bhāvi
so wie ich vom Herrn geschaffen bin, was geschehen wird (Vergleich + Nom. Sg. Ppp. + 1. Sg. Präs. + Rel. + Nom. Fut. Part.)
yā ca me gatiḥ tathā maharṣe vartāmi kiṃ pralāpaḥ kariṣyati
und was mein Los ist - so verhalte ich mich, o großer Weiser; was wird bloßes Geschwätz bewirken (Nom. + Nom. + Gen. + Adv. + Vok. + 1. Sg. Präs. Med. + Frage + Nom. + 3. Sg. Fut.)
[Anm.: SQ öffnet hier neu - Duryodhanas eigene, trotzige Erwiderung an Kaṇva beginnt, als Figurenrede innerhalb Vaiśaṃpāyanas Grundrahmenerzählung, auf derselben Einbettungstiefe wie zuvor Kaṇvas Rede; bleibt am Kapitelende offen.]