Kapitel 165: Bhīṣmakarṇavivādaḥ
Der Streit zwischen Bhīṣma und Karṇa
Nachdem Bhīṣma die Aufzählung mit Acala und Vṛṣaka fortgesetzt hat, wendet er sich Karṇa zu und erklärt ihn wegen des Fluches Paraśurāmas und des Verlusts seiner angeborenen Rüstung und Ohrringe nur zum 'halben Wagenkämpfer'. Droṇa bestätigt dieses Urteil. Karṇa bricht daraufhin in zornige Anklage gegen Bhīṣma aus, wirft ihm Voreingenommenheit und Zwietrachtstiftung vor, hält eine Grundsatzrede über die wahren Maßstäbe kriegerischer Größe, und schwört schließlich, nicht zu kämpfen, solange Bhīṣma lebt - erst nach dessen Fall werde er gegen alle Wagenkämpfer antreten.
Dieser ist weder ein vollwertiger Wagenkämpfer noch ein Atiratha, o König - beraubt der angeborenen Rüstung, geistesabwesend, und auch beraubt der beiden göttlichen Ohrringe, stets weichherzig.
abhiśāpāc ca rāmasya brāhmaṇasya ca bhāṣaṇāt karaṇānāṃ viyogāc ca tena me 'rdharatho mataḥ naiṣa phalgunam āsādya punar jīvan vimokṣyate
Und wegen des Fluches Rāmas, und wegen der Rede des Brahmanen, und wegen des Verlusts seiner Körperausstattung - deswegen gilt er mir als halber Wagenkämpfer; dieser wird, auf Phalguna treffend, nicht mehr lebend entkommen.“
raṇe raṇe 'timānī ca vimukhaś caiva dṛśyate ghṛṇī karṇaḥ pramādī ca tena me 'rdharatho mataḥ
In jeder Schlacht ist er übermäßig stolz, und man sieht ihn abgewandt; weichherzig ist Karṇa, und nachlässig - deswegen gilt er mir als halber Wagenkämpfer.“
Als er dies gehört hatte, sprach der Sohn der Rādhā, vor Zorn mit aufgerissenen Augen, zu Bhīṣma, Indra der Könige, ihn mit Worten wie mit einem Stachelstock stechend: „
pitāmaha yatheṣṭaṃ māṃ vākśarair upakṛntasi anāgasaṃ sadā dveṣād evam eva pade pade marṣayāmi ca tat sarvaṃ duryodhanakṛtena vai
Großvater, nach Belieben zerschneidest du mich mit den Pfeilen deiner Worte, mich, den Schuldlosen, stets aus Hass, Schritt für Schritt - und dennoch ertrage ich das alles, um Duryodhanas willen.
ko hi nāma samāneṣu rājasūdāttakarmasu tejovadham imaṃ kuryād vibhedayiṣur āhave yathā tvaṃ guṇanirdeśād aparādhaṃ cikīrṣasi
Denn wer würde unter Königen von gleich erhabenen Taten eine solche Herabwürdigung der Ehre begehen, es sei denn einer, der Zwietracht in der Schlacht säen will, so wie du unter dem Vorwand, Vorzüge aufzuzählen, Unrecht zu tun beabsichtigst?
Wort für Wort
kaḥ
wer (Nom. Sg.)
hi nāma
denn wahrlich (Partikel)
samāneṣu
unter gleichen (Loc. Pl.)
rājasu
Königen (Loc. Pl.)
udāttakarmasu
von erhabenen Taten (Loc. Pl. Bahuvrīhi)
tejovadham
die Herabwürdigung der Ehre (Akk. Sg.)
imam
diese (Akk. Sg.)
kuryāt
würde begehen (Opt. 3. Sg.)
vibhedayiṣuḥ
Zwietracht säen wollend (Nom. Sg. Desiderativ)
āhave
in der Schlacht (Loc. Sg.)
yathā
so wie (Partikel)
tvam
du (Nom. Sg.)
guṇanirdeśāt
unter dem Vorwand der Vorzugsaufzählung (Abl. Sg.)
aparādham
Unrecht (Akk. Sg.)
cikīrṣasi
beabsichtigst zu tun (Präs. Desiderativ 2. Sg.)
[?] Die genaue syntaktische Verknüpfung von 'vibhedayiṣur āhave' mit dem Hauptsatz ist im knappen Sanskrit-Text nicht ganz eindeutig; sinngemäß als Vorwurf gedeutet, dass Bhīṣma unter dem Vorwand einer sachlichen Kriegerbewertung bewusst Zwietracht stiften wolle.
na hāyanair na palitair na vittair na ca bandhubhiḥ mahārathatvaṃ saṃkhyātuṃ śakyaṃ kṣatrasya kaurava
Weder durch Lebensjahre, noch durch graues Haar, noch durch Reichtum, noch durch Verwandte kann man, Kaurava, den Rang eines großen Wagenkämpfers eines Kṣatriya bemessen.
Als durch Kraft vorrangig gilt der Kṣatriya-Stand, durch Weisheit vorrangig die Zweimalgeborenen, durch Reichtum vorrangig gelten die Vaiśyas, die Śūdras aber durch das Alter.
bhinnā hi senā nṛpate duḥsaṃdheyā bhavaty uta maulāpi puruṣavyāghra kim u nānā samutthitā
Denn ein gespaltenes Heer, o König, ist schwer wieder zu einen, selbst wenn es aus einem Stamm ist, Tiger unter den Männern - wie viel mehr, wenn es aus verschiedenen Herkünften zusammengekommen ist.
Auf mich, den mit unfehlbaren Pfeilen, treffend, werden die Pāṇḍavas samt den Pāñcālas in die zehn Himmelsrichtungen fliehen, wie Stiere vor einem Tiger.
kva ca yuddhavimardo vā mantrāḥ suvyāhṛtāni vā kva ca bhīṣmo gatavayā mandātmā kālamohitaḥ
Wo ist das Kampfgetümmel, oder die wohlgesprochenen Ratschläge? Und wo ist Bhīṣma, dessen Lebenszeit vergangen ist, von geringem Verstand, vom Alter verwirrt?
Wort für Wort
kva
wo (Interrog.)
ca
und (Partikel)
yuddhavimardaḥ
das Kampfgetümmel (Nom. Sg.)
vā
oder (Partikel)
mantrāḥ
Ratschläge (Nom. Pl.)
suvyāhṛtāni
wohlgesprochene (Nom. Pl.)
vā
oder (Partikel)
kva
wo (Interrog.)
ca
und (Partikel)
bhīṣmaḥ
Bhīṣma (Nom. Sg.)
gatavayāḥ
dessen Lebenszeit vergangen ist (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
kṛtaḥ senāpatis tv eṣa tvayā bhīṣmo narādhipa senāpatiṃ guṇo gantā na tu yodhān kathaṃ cana
Dieser Bhīṣma wurde von dir zum Heerführer gemacht, Herrscher der Menschen; der Ruhm wird dem Heerführer zufallen, keineswegs aber den anderen Kriegern.
nāhaṃ jīvati gāṅgeye yotsye rājan kathaṃ cana hate tu bhīṣme yodhāsmi sarvair eva mahārathaiḥ
Solange der Sohn der Gaṅgā lebt, werde ich keinesfalls kämpfen, o König; ist aber Bhīṣma gefallen, werde ich gegen alle gewaltigen Wagenkämpfer kämpfen.“