Kapitel 192: Sthūṇākarṇavaraḥ
Śikhaṇḍinīs Flucht zum Yakṣa Sthūṇākarṇa
Die Königin gesteht Drupada die volle Wahrheit über Śikhaṇḍinī; beide hatten die Täuschung mit Wissen und Billigung fortgeführt, im Vertrauen auf Śivas Verheißung. Drupada berät sich mit seinen Ministern, verstärkt die Verteidigung der Stadt und wendet sich, im Bemühen um eine friedliche Lösung ohne Krieg, gemeinsam mit seiner Gemahlin der Verehrung der Götter zu. Śikhaṇḍinī, die ihre Eltern derart leiden sieht und sich als Ursache allen Unglücks betrachtet, beschließt, sich das Leben zu nehmen, und flieht in einen von dem mächtigen Yakṣa Sthūṇākarṇa behüteten Wald. Dort, nach tagelangem Fasten, erscheint ihr der Yakṣa und gewährt ihr, nachdem sie ihm die ganze Notlage geschildert hat, sein Versprechen der Hilfe; sie bittet ihn, sie durch seine Gnade in einen Mann zu verwandeln und ihre Eltern zu retten, solange der Feind noch nicht die Stadt erreicht hat.
Bhīṣma sprach weiter: Dann habe die Mutter Śikhaṇḍins, Herr der Menschen, Starkarmiger, ihrem Gatten der Wahrheit gemäß erklärt, dass Śikhaṇḍinī eine Tochter sei.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tataḥ
dann (Adv.)
śikhaṇḍinaḥ mātā
die Mutter Śikhaṇḍins (Nom. Sg.)
narādhipa
o Herr der Menschen (Vok. Sg.)
yathātattvam
der Wahrheit gemäß (Adv.)
ācacakṣe
sie erklärte (Perf. Med. 3.Sg.)
mahābāho
o Starkarmiger (Vok. Sg.)
bhartre
ihrem Gatten (Dat. Sg.)
kanyām śikhaṇḍinīm
dass Śikhaṇḍinī eine Tochter sei (Akk. Sg.)
[?] Die Beichte der Königin an Drupada (V.002-004) bleibt, wie alle übrige eingebettete Figurenrede, indirekt wiedergegeben.
aputrayā mayā rājan sapatnīnāṃ bhayād idam kanyā śikhaṇḍinī jātā puruṣo vai niveditaḥ
Sie habe gesagt: von ihr, der Sohnlosen, König, sei aus Furcht vor den Nebenfrauen dies getan worden: Śikhaṇḍinī, obwohl als Tochter geboren, sei fürwahr als Mann ausgegeben worden.
tvayā caiva naraśreṣṭha tan me prītyānumoditam putrakarma kṛtaṃ caiva kanyāyāḥ pārthivarṣabha bhāryā coḍhā tvayā rājan daśārṇādhipateḥ sutā
Und auch von ihm, Bester der Männer, sei dies mit Zuneigung gebilligt worden; und die Sohnesriten seien für die Tochter vollzogen worden, Stier unter den Königen; und eine Gattin, die Tochter des Herrschers von Daśārṇa, sei von ihm geheiratet worden, König.
Wort für Wort
tvayā ca eva
und auch von dir (Instr. Sg.)
naraśreṣṭha
o Bester der Männer (Vok. Sg.)
tat me prītyā anumoditam
dies wurde von mir mit Zuneigung gebilligt (PPP Nom.)
Und von ihm sei zuvor, aus dem Verständnis der Bedeutung von Śivas Wort, erklärt worden: nachdem sie ein Mädchen gewesen sei, werde sie zum Mann werden - und so sei dies auf sich beruhen gelassen worden.
Wort für Wort
tvayā ca prāk abhihitam
und von dir wurde zuvor erklärt (PPP Nom.)
devavākyārthadarśanāt
aus dem Verständnis der Bedeutung des Gotteswortes (Abl. Sg.)
kanyā bhūtvā
nachdem sie ein Mädchen gewesen ist (Absolutiv)
pumān bhāvī iti
sie wird ein Mann sein, so (Fut. Part.)
evam ca etat upekṣitam
und so wurde dies auf sich beruhen gelassen (PPP Nom.)
etac chrutvā drupado yajñasenaḥ; sarvaṃ tattvaṃ mantravidbhyo nivedya mantraṃ rājā mantrayām āsa rājan; yad yad yuktaṃ rakṣaṇe vai prajānām
Nachdem er dies gehört hatte, habe Drupada Yajñasena, nachdem er die ganze Wahrheit den Ratskundigen mitgeteilt hatte, mit ihnen beraten, König, was auch immer zum Schutz seiner Untertanen dienlich sei.
Wort für Wort
etat śrutvā
nachdem er dies gehört hatte (Absolutiv)
drupadaḥ yajñasenaḥ
Drupada Yajñasena (Nom. Sg.)
sarvam tattvam mantravidbhyaḥ nivedya
nachdem er die ganze Wahrheit den Ratskundigen mitgeteilt hatte (Absolutiv)
mantram rājā mantrayām āsa
der König beriet sich (Perf. periphr. 3.Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
yat yat yuktam rakṣaṇe vai prajānām
was auch immer zum Schutz der Untertanen dienlich ist (Nom. Sg.)
saṃbandhakaṃ caiva samarthya tasmin; dāśārṇake vai nṛpatau narendra svayaṃ kṛtvā vipralambhaṃ yathāvan; mantraikāgro niścayaṃ vai jagāma
Und nachdem er die Verwandtschaft mit jenem König von Daśārṇaka, Herr der Menschen, bedacht und selbst die Täuschung, wie sie sich zugetragen hatte, eingestanden hatte, sei er, mit gesammelter Beratung, fürwahr zu einem Entschluss gelangt.
Wort für Wort
saṃbandhakam ca eva samarthya
und nachdem er die Verwandtschaft bedacht hatte (Absolutiv)
tasmin dāśārṇake vai nṛpatau
mit jenem König von Daśārṇaka (Lok. Sg.)
narendra
o Herr der Menschen (Vok. Sg.)
svayam kṛtvā vipralambham yathāvat
nachdem er selbst die Täuschung, wie sie geschah, eingestanden hatte (Absolutiv)
mantraikāgraḥ
mit gesammelter Beratung (Nom. Sg.)
niścayam vai jagāma
er gelangte fürwahr zu einem Entschluss (Perf. 3.Sg.)
svabhāvaguptaṃ nagaram āpatkāle tu bhārata gopayām āsa rājendra sarvataḥ samalaṃkṛtam
In der Zeit der Gefahr aber, Bhārata, habe er die von Natur aus geschützte Stadt, bester der Könige, von allen Seiten bewachen und vollständig schmücken lassen.
Wort für Wort
svabhāvaguptam nagaram
die von Natur aus geschützte Stadt (Akk. Sg.)
āpatkāle tu
in der Zeit der Gefahr aber (Lok. Sg.)
bhārata
o Bhārata (Vok. Sg.)
gopayām āsa
er ließ bewachen (Perf. Kaus. periphr. 3.Sg.)
rājendra
o bester der Könige (Vok. Sg.)
sarvataḥ samalaṃkṛtam
von allen Seiten vollständig geschmückt (Akk. Sg.)
ārtiṃ ca paramāṃ rājā jagāma saha bhāryayā daśārṇapatinā sārdhaṃ virodhe bharatarṣabha
Und der König sei, zusammen mit seiner Gemahlin, in höchste Bedrängnis geraten wegen der Feindschaft mit dem Herrscher von Daśārṇa, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
ārtim ca paramām
und in höchste Bedrängnis (Akk. Sg.)
rājā jagāma
der König geriet (Perf. 3.Sg.)
saha bhāryayā
zusammen mit seiner Gemahlin (Instr. Sg.)
daśārṇapatinā sārdham virodhe
wegen der Feindschaft mit dem Herrscher von Daśārṇa (Instr. + Lok.)
devānāṃ pratipattiś ca satyā sādhumatā sadā sā tu duḥkhārṇavaṃ prāpya naḥ syād arcayatāṃ bhṛśam
Die Verehrung der Götter, wie sie von den Rechtschaffenen geübt werde, sei stets wahrhaftig; doch möge sie, da sie nun in diesen Ozean des Leidens geraten seien, ihnen durch inbrünstige Verehrung Hilfe werden.
Wort für Wort
devānām pratipattiḥ ca
und die Verehrung der Götter (Nom. Sg.)
satyā sādhumatā sadā
stets wahrhaftig nach der Meinung der Rechtschaffenen (Nom. Sg.)
sā tu duḥkhārṇavam prāpya
doch sie, nachdem wir den Ozean des Leidens erreicht haben (Absolutiv)
daivaṃ hi mānuṣopetaṃ bhṛśaṃ sidhyati pārthiva parasparavirodhāt tu nānayoḥ siddhir asti vai
Denn das Schicksal, verbunden mit menschlichem Bemühen, gelinge trefflich, Herrscher; durch gegenseitigen Widerstreit aber gebe es fürwahr keinen Erfolg von beiden allein.
Wort für Wort
daivam hi mānuṣopetam
denn das Schicksal, verbunden mit dem Menschlichen (Nom. Sg.)
bhṛśam sidhyati
es gelingt trefflich (Präs. 3.Sg.)
pārthiva
o Herrscher (Vok. Sg.)
parasparavirodhāt tu
durch gegenseitigen Widerstreit aber (Abl. Sg.)
na anayoḥ siddhiḥ asti vai
es gibt fürwahr keinen Erfolg der beiden (Präs. 3.Sg., negiert)
Deshalb möge er, nachdem er zusammen mit den Ministern in der Stadt die nötigen Vorkehrungen getroffen habe, die Götter nach Belieben verehren, Herr der Völker.
Wort für Wort
tasmāt vidhāya nagare vidhānam
deshalb, nachdem er in der Stadt die Vorkehrungen getroffen hat (Absolutiv)
Da habe sie gedacht: um ihretwillen seien diese beiden beide in Kummer - und daraufhin habe sie den Entschluss gefasst, ihr eigenes Leben zu vernichten.
Wort für Wort
tataḥ sā cintayām āsa
da dachte sie (Perf. periphr. 3.Sg.)
matkṛte
um meinetwillen (Adv.)
duḥkhitau ubhau imau iti
diese beiden sind beide in Kummer, so (Nom. Du.)
tataḥ cakre matim
daraufhin fasste sie den Entschluss (Perf. Med. 3.Sg.)
Nachdem sie so einen Entschluss gefasst hatte, tief dem Kummer hingegeben, habe sie ihr Zuhause verlassen und sei in einen dichten, menschenleeren Wald gegangen.
Wort für Wort
evam sā niścayam kṛtvā
nachdem sie so einen Entschluss gefasst hatte (Absolutiv)
bhṛśam śokaparāyaṇā
tief dem Kummer hingegeben (Nom. Sg.)
jagāma
sie ging (Perf. 3.Sg.)
bhavanam tyaktvā
nachdem sie ihr Zuhause verlassen hatte (Absolutiv)
tatra sthūṇasya bhavanaṃ sudhāmṛttikalepanam lājollāpikadhūmāḍhyam uccaprākāratoraṇam
Dort sei die Wohnstätte des Sthūṇa gewesen, mit Kalk und Lehm verputzt, reich an Rauch von geröstetem Korn und Weihrauch, mit hohen Mauern und Torbögen.
Wort für Wort
tatra sthūṇasya bhavanam
dort die Wohnstätte des Sthūṇa (Nom. Sg.)
sudhāmṛttikalepanam
mit Kalk und Lehm verputzt (Nom. Sg.)
lājollāpikadhūmāḍhyam
reich an Rauch von geröstetem Korn und Weihrauch (Nom. Sg.)
Der Yakṣa Sthūṇa, von honigsüßen Augen, habe sich ihr gezeigt: wozu diene ihr Beginnen? Er werde es gewähren; sie möge es ohne Zögern sagen.
Wort für Wort
darśayām āsa tām
er zeigte sich ihr (Perf. periphr. 3.Sg.)
yakṣaḥ sthūṇaḥ
der Yakṣa Sthūṇa (Nom. Sg.)
madhvakṣasaṃyutaḥ
von honigsüßen Augen (Nom. Sg.)
kimarthaḥ ayam tava ārambhaḥ
wozu dient dieses dein Beginnen (Nom. Sg.)
kariṣye
ich werde es tun/gewähren (Fut. Med. 1.Sg.)
brūhi mā ciram
sage es ohne Zögern! (Imp. 2.Sg.)
[?] 'madhvakṣasaṃyutaḥ' ist ein unsicherer Beiname des Yakṣa Sthūṇa (wörtlich etwa 'von honigsüßen Augen'); die genaue Bedeutung bleibt unklar. Das folgende Zwiegespräch zwischen Śikhaṇḍinī und dem Yakṣa (V.023-030) bleibt indirekt wiedergegeben.
dhaneśvarasyānucaro varado 'smi nṛpātmaje adeyam api dāsyāmi brūhi yat te vivakṣitam
Er sei ein Gefolgsmann des Herrn der Schätze und gewähre Wünsche, Königstochter; selbst Unmögliches werde er gewähren - sie möge sagen, was sie zu sagen wünsche.
Wort für Wort
dhaneśvarasya anucaraḥ
ein Gefolgsmann des Herrn der Schätze (Nom. Sg.)
varadaḥ asmi
ich bin ein Wunschgewährer (Nom. Sg. + Präs. 1.Sg.)
nṛpātmaje
o Königstochter (Vok. Sg.)
adeyam api dāsyāmi
selbst Unmögliches werde ich geben (Fut. 1.Sg.)
brūhi yat te vivakṣitam
sage, was du zu sagen wünschst (Imp. 2.Sg.)
[?] Mit dem 'Herrn der Schätze' ist Kubera, der Gott des Reichtums und Herr der Yakṣas, gemeint.
mahābalo mahotsāhaḥ sa hemakavaco nṛpaḥ tasmād rakṣasva māṃ yakṣa pitaraṃ mātaraṃ ca me
Jener König, von großer Kraft, großem Eifer, mit goldener Rüstung bekleidet - deshalb möge er sie beschützen, Yakṣa, sowie ihren Vater und ihre Mutter.