Kapitel 109: Uttaradigvarṇanam
Beschreibung der nördlichen Himmelsrichtung
Garuḍa vollendet seine Beschreibung der vier Himmelsrichtungen mit dem Norden, der höchsten und heiligsten Richtung. Er schildert den Himavat mit Nārāyaṇa-Kṛṣṇa und dem ewigen Brahmā in Badarī, den ewig dort weilenden großen Gott, den Ursprung der Gaṅgā, die Askese der Göttin Umā, Kuberas Weihe zur Herrschaft über Yakṣas, Rākṣasas und Gandharvas am Kailāsa, zahlreiche mythische Orte (Caitraratha-Hain, Mandākinī, Saugandhika-Wald mit den Saṃtānaka-Bäumen), die sieben Ṛṣis und Arundhatī, den unbeweglich feststehenden Großvater Brahmā, um den Gestirne, Mond und Sonne beständig kreisen, sowie die geheimnisvollen, wahrheitsredenden Weisen namens Dhāma. Er erwähnt ferner den Viṣṇupada, König Maruttas Opfer am Uśīrabīja, den heiligen See des Himavat und den nach dem Weisen Jīmūta benannten Wald. Mit dem Abschluss dieser vierten Richtung endet Garuḍas kosmologische Reisebeschreibung; er fordert Gālava auf, ihn zu besteigen, damit er ihm die ganze Erde zeigen könne.
Suparṇa sprach: Weil man von ihr aus vom Übel befreit wird und weil man von ihr aus das höchste Heil erlangt, deshalb wird sie von den Weisen, wegen dieser Frucht der Befreiung, die Obere genannt.
Wort für Wort
yasmāt uttāryate pāpāt yasmāt niḥśreyasaḥ aśnute
weil man von ihr aus vom Übel befreit wird, weil man von ihr aus das höchste Heil erlangt (Abl. + 3. Sg. Präs. Pass. + Abl. + Abl. + Akk./Gen. + 3. Sg. Präs. Med.)
tasmāt uttāraṇaphalāt uttarā iti ucyate budhaiḥ
deshalb wird sie, wegen dieser Frucht der Befreiung, die Obere genannt von den Weisen (Abl. + Abl. + Nom. + Partikel + 3. Sg. Präs. Pass. + Instr. Pl.)
[Anm.: ,suparṇa uvāca' erscheint hier erneut, Fortsetzung derselben, ununterbrochenen Rede - nun zur Beschreibung des Nordens, der letzten der vier Richtungen. Wortspiel: uttara (Norden/die Obere) von ut-tṝ (,hinüberbefreien').]
uttarasya hiraṇyasya parivāpasya gālava mārgaḥ paścimapūrvābhyāṃ digbhyāṃ vai madhyamaḥ smṛtaḥ
Der Weg zum nördlichen Goldland [?] gilt, o Gālava, als der mittlere zwischen der westlichen und der östlichen Richtung.
Wort für Wort
uttarasya hiraṇyasya parivāpasya gālava mārgaḥ
der Weg zum nördlichen Goldland, o Gālava (Gen. + Gen. + Gen. + Vok. + Nom.)
paścimapūrvābhyāṃ digbhyāṃ vai madhyamaḥ smṛtaḥ
gilt als der mittlere zwischen der westlichen und der östlichen Richtung (Instr. Dual + Instr. Dual + Partikel + Nom. + Nom. Sg. Ppp.)
[Anm.: ,hiraṇyasya parivāpasya' (,des Gold-Aussäens') spielt auf das sagenhafte nördliche Goldland (Uttarakuru) an; die genaue geographische Aussage - der Norden als ,Mitte' zwischen West und Ost - bleibt unklar und ist hier wörtlich wiedergegeben.]
In dieser höchsten, nördlichen Richtung, o Bulle der Zweimalgeborenen, wohnt kein Mensch, der nicht sanftmütig, nicht selbstbeherrscht oder nicht rechtschaffen wäre.
Wort für Wort
asyāṃ diśi variṣṭhāyām uttarāyāṃ dvijarṣabha
in dieser höchsten, nördlichen Richtung, o Bulle der Zweimalgeborenen (Lok. + Lok. + Lok. + Lok. + Vok.)
na asaumyaḥ na avidheyātmā na adharmyaḥ vasate janaḥ
wohnt kein Mensch, der nicht sanftmütig, nicht selbstbeherrscht, nicht rechtschaffen wäre (Neg. + Nom. + Neg. + Nom., Bahuvrīhi + Neg. + Nom. + 3. Sg. Präs. Med. + Nom.)
[Anm.: doppelte Verneinung im Sanskrit (na + a-saumyaḥ usw.) - gemeint ist: nur sanftmütige, selbstbeherrschte, rechtschaffene Menschen wohnen hier.]
atra devyā tapas taptaṃ maheśvaraparīpsayā atra kāmaś ca roṣaś ca śailaś comā ca saṃbabhuḥ
Hier übte die Göttin Buße, um den großen Gott zu gewinnen; hier entstanden [?] Begierde und Zorn, der Berg und Umā.
Wort für Wort
atra devyā tapaḥ taptaṃ maheśvaraparīpsayā
hier wurde von der Göttin Buße geübt, aus Verlangen, den großen Gott zu gewinnen (Adv. + Instr. + Nom. + Nom. Sg. Ppp. + Instr., Desiderativabstraktum)
atra kāmaḥ ca roṣaḥ ca śailaḥ ca umā ca saṃbabhuḥ
hier entstanden Begierde und Zorn, der Berg und Umā (Adv. + Nom. + Partikel + Nom. + Partikel + Nom. + Partikel + Nom. + Partikel + 3. Pl. Perf.)
[Anm.: ,saṃbabhuḥ' (,entstanden'/,vereinigten sich') ist mehrdeutig - gemeint sein könnte sowohl das Entstehen dieser Dinge an diesem Ort als auch ihre Vereinigung; hier neutral als ,entstanden' wiedergegeben.]
na teṣāṃ jñāyate sūtir nākṛtir na tapaś citam parivartasahasrāṇi kāmabhogyāni gālava
Weder ihre Geburt ist bekannt, noch ihre Gestalt, noch das Maß ihrer Askese [?]; tausend Weltenwenden lang genießen sie nach Belieben [?], o Gālava.
Wort für Wort
na teṣāṃ jñāyate sūtiḥ na ākṛtiḥ na tapaḥ citam
weder ihre Geburt ist bekannt, noch ihre Gestalt, noch das Maß ihrer Askese (Neg. + Gen. Pl. + 3. Sg. Präs. Pass. + Nom. + Neg. + Nom. + Neg. + Nom. + Nom. Sg. Ppp.)
parivartasahasrāṇi kāmabhogyāni gālava
tausend Weltenwenden lang, nach Belieben zu genießen, o Gālava (Nom. Pl./Akk. Pl. + Nom. Pl. + Vok.)
[Anm.: der Bezug dieses Verses ist unklar - möglicherweise wird das Bild himmlischer, frei genießbarer Wonnen (vgl. V011) auf die Weisen namens Dhāma übertragen; der Sanskrit-Text ist hier syntaktisch stark verdichtet.]
Hier ist der Ort namens Viṣṇupada, geschaffen von Viṣṇu, als er schritt, o Brahmane, bei seinem Schritt durch die drei Welten, der sich auf die nördliche Richtung stützte.
Wort für Wort
atra viṣṇupadaṃ nāma kramatā viṣṇunā kṛtam
hier ist der Ort namens Viṣṇupada, geschaffen von Viṣṇu, als er schritt (Adv. + Nom. + Instr. + Instr. Sg. Part. Präs. + Instr. + Nom. Sg. Ppp.)
trilokavikrame brahman uttarāṃ diśam āśritam
bei seinem Schritt durch die drei Welten, o Brahmane, der sich auf die nördliche Richtung stützte (Lok. + Vok. + Akk. + Akk. + Akk. Sg. Ppp.)
brāhmaṇeṣu ca yat kṛtsnaṃ svantaṃ kṛtvā dhanaṃ mahat vavre vanaṃ maharṣiḥ sa jaimūtaṃ tad vanaṃ tataḥ
Und nachdem er sein gesamtes großes Vermögen ganz unter den Brahmanen verteilt hatte, wählte jener große Weise sich den Wald - seither heißt jener Wald der Jaimūta-Wald.
Wort für Wort
brāhmaṇeṣu ca yat kṛtsnaṃ svantaṃ kṛtvā dhanaṃ mahat
und nachdem er sein gesamtes großes Vermögen ganz unter den Brahmanen verteilt hatte (Lok. Pl. + Partikel + Akk. + Akk. + Akk. Sg. Ppp. + Ger. + Akk. + Akk.)
vavre vanaṃ maharṣiḥ sa jaimūtaṃ tat vanaṃ tataḥ
wählte jener große Weise sich den Wald - seither heißt jener Wald der Jaimūta-Wald (3. Sg. Perf. Med. + Akk. + Nom. + Nom. + Nom. + Nom. + Nom. + Adv.)
atra nityaṃ diśāpālāḥ sāyaṃ prātar dvijarṣabha kasya kāryaṃ kim iti vai parikrośanti gālava
Hier rufen die Hüter der Richtungen, o Bulle der Zweimalgeborenen, stets abends und morgens aus, wessen Aufgabe was sei, o Gālava.
Wort für Wort
atra nityaṃ diśāpālāḥ sāyaṃ prātar dvijarṣabha
hier stets abends und morgens, o Bulle der Zweimalgeborenen (Adv. + Adv. + Nom. Pl. + Adv. + Adv. + Vok.)
kasya kāryaṃ kim iti vai parikrośanti gālava
rufen die Hüter der Richtungen aus, wessen Aufgabe was sei [wörtlich: wessen Aufgabe ist was], o Gālava (Gen. + Nom. + Nom. + Partikel [in indir. Rede] + Partikel + 3. Pl. Präs. + Vok.)
[Anm.: dritte Zitatebene vermieden - der Ruf der Richtungshüter (wörtlich: ,wessen Aufgabe ist was') wird hier indirekt wiedergegeben, gemäß Standardregel gegen Drittebenen-Zitate innerhalb von Garuḍas bereits als CQ markierter Rede.]
So ist diese nördliche Richtung, o Bester der Zweimalgeborenen, auch durch andere Vorzüge als die Obere bekannt, und sie ist zudem bei allen Handlungen die Vorrangige.
Wort für Wort
evam eṣā dvijaśreṣṭha guṇaiḥ anyaiḥ dik uttarā
so ist diese nördliche Richtung, o Bester der Zweimalgeborenen, durch andere Vorzüge (Adv. + Nom. + Vok. + Instr. Pl. + Instr. Pl. + Nom. + Nom.)
uttarā iti parikhyātā sarvakarmasu ca uttarā
als die Obere bekannt, und sie ist bei allen Handlungen die Vorrangige (Nom. + Partikel + Nom. Sg. Ppp. + Lok. Pl. + Partikel + Nom.)
Ich bin bereit, o Bester der Zweimalgeborenen, dir die Richtungen zu zeigen, und die ganze Erde, o Brahmane; deshalb besteige mich, Zweimalgeborener.
Wort für Wort
udyataḥ aham dvijaśreṣṭha tava darśayituṃ diśaḥ
ich bin bereit, o Bester der Zweimalgeborenen, dir die Richtungen zu zeigen (Nom. + Nom. + Vok. + Gen. + Inf. + Akk. Pl.)
pṛthivīṃ ca akhilāṃ brahman tasmāt āroha mām dvija
und die ganze Erde, o Brahmane; deshalb besteige mich, Zweimalgeborener (Akk. + Partikel + Akk. + Vok. + Abl. + Imperativ + Akk. + Vok.)
[Anm.: CQ bleibt am Kapitelende offen - Garuḍas Rede setzt sich fort; mit dem Abschluss der vier Himmelsrichtungen endet die kosmologische Digression, und Garuḍa fordert Gālava nun auf, ihn zu besteigen - Übergang zur eigentlichen Reise erwartet.]