Kapitel 190: Hiraṇyavarmakopaḥ
Śikhaṇḍins Vermählung und die Entdeckung ihres Frauseins
Śikhaṇḍinī wächst heran und wird in Schrift, Künsten und Waffenkunst ausgebildet, auch als Schüler Droṇas. Als Drupada und seine Gemahlin bemerken, dass die Tochter das heiratsfähige Alter erreicht hat, beschließen sie, im Vertrauen auf Śivas Verheißung, für sie eine Ehefrau zu suchen; Śikhaṇḍinī wird mit der Tochter des Königs Hiraṇyavarman von Daśārṇa vermählt. Nach der Hochzeit entdeckt die junge Braut, dass ihre Gattin in Wahrheit eine Frau ist, und offenbart dies beschämt ihren Vertrauten; die Nachricht erreicht Hiraṇyavarman, der in Zorn entbrennt und einen Boten mit einer drohenden Botschaft nach Drupadas Residenz entsendet.
bhīṣma uvāca cakāra yatnaṃ drupadaḥ sarvasmin svajane mahat tato lekhyādiṣu tathā śilpeṣu ca paraṃ gatā iṣvastre caiva rājendra droṇaśiṣyo babhūva ha
Bhīṣma sprach weiter: Drupada habe große Sorgfalt bei seinem ganzen Hausstand aufgewandt; sie sei dann in Schrift und anderen Künsten wie auch in den Handwerken zu höchster Vollendung gelangt, und ebenso im Bogenschießen, bester der Könige, sei sie fürwahr ein Schüler Droṇas geworden.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
cakāra yatnam
er wandte Sorgfalt auf (Perf. 3.Sg.)
drupadaḥ
Drupada (Nom. Sg.)
sarvasmin svajane mahat
große Sorgfalt bei seinem ganzen Hausstand (Lok. Sg.)
tataḥ
dann (Adv.)
lekhyādiṣu tathā śilpeṣu ca
in Schrift und anderen Künsten, ebenso in den Handwerken (Lok. Pl.)
Da sei der Pārṣata, als er jene Tochter sah, die zur Jugendblüte gelangt war, und sie für eine Frau hielt, zusammen mit seiner Gemahlin in Sorge verfallen.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
tām pārṣataḥ dṛṣṭvā
nachdem der Pārṣata sie gesehen hatte (Absolutiv)
kanyām saṃprāptayauvanām
die Tochter, die zur Jugendblüte gelangt war (Akk. Sg.)
Er habe gesagt: diese seine Tochter sei zur Jugendblüte gelangt und mehre den Kummer; und er habe sie auf das Wort des Dreizackträgers hin verborgen gehalten.
Wort für Wort
kanyā mama iyam
diese meine Tochter (Nom. Sg.)
saṃprāptā yauvanam
zur Jugendblüte gelangt (PPP Nom.)
śokavardhinī
den Kummer mehrend (Nom. Sg.)
mayā pracchāditā ca iyam
und sie ist von mir verborgen gehalten worden (PPP Nom.)
vacanāt śūlapāṇinaḥ
auf das Wort des Dreizackträgers hin (Abl. Sg.)
[?] Drupadas Zwiegespräch mit seiner Gemahlin (V.004-007) bleibt - wie alle übrige Figurenrede innerhalb von Bhīṣmas fortlaufendem Zitat - indirekt wiedergegeben.
bhāryovāca yadi te rocate rājan vakṣyāmi śṛṇu me vacaḥ śrutvedānīṃ prapadyethāḥ svakāryaṃ pṛṣatātmaja
Seine Gemahlin habe gesprochen: wenn es ihm gefalle, König, wolle sie sprechen; er möge ihr Wort hören. Nachdem er es gehört habe, möge er nun sein eigenes Vorhaben in Angriff nehmen, Sohn des Pṛṣata.
Wort für Wort
yadi te rocate
wenn es dir gefällt (Präs. 3.Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
vakṣyāmi
ich werde sprechen (Fut. 1.Sg.)
śṛṇu me vacaḥ
höre mein Wort (Imp. 2.Sg.)
śrutvā idānīm
nachdem du es jetzt gehört hast (Absolutiv)
prapadyethāḥ svakāryam
mögest du dein eigenes Vorhaben in Angriff nehmen (Opt. 2.Sg.)
kriyatām asya nṛpate vidhivad dārasaṃgrahaḥ satyaṃ bhavati tad vākyam iti me niścitā matiḥ
Für sie möge vorschriftsgemäß eine Verheiratung veranstaltet werden, Herrscher; jenes Wort werde sich als wahr erweisen - dies sei ihre feste Überzeugung.
Wort für Wort
kriyatām asya
für sie möge veranstaltet werden (Pass. Imp. 3.Sg.)
nṛpate
o Herrscher (Vok. Sg.)
vidhivat dārasaṃgrahaḥ
eine vorschriftsgemäße Verheiratung (Nom. Sg.)
satyam bhavati tat vākyam
jenes Wort wird sich als wahr erweisen (Präs. 3.Sg.)
Bhīṣma sprach weiter: Dann habe das Ehepaar, nachdem es in dieser Sache einen Entschluss gefasst hatte, um die Tochter des Herrschers von Daśārṇa geworben.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tataḥ
dann (Adv.)
tau niścayam kṛtvā
nachdem die beiden einen Entschluss gefasst hatten (Absolutiv)
tasmin kārye atha
in dieser Sache da (Lok. Sg.)
dampatī varayām cakratuḥ
das Ehepaar warb (Perf. periphr. 3.Du.)
kanyām daśārṇādhipateḥ sutām
um die Tochter des Herrschers von Daśārṇa (Akk. Sg.)
Dann habe König Drupada, der Löwe unter den Königen, nachdem er alle Könige nach ihrer Abstammung geprüft hatte, für Śikhaṇḍin um die Tochter des Königs von Daśārṇaka als Gattin geworben.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
rājā drupadaḥ rājasiṃhaḥ
König Drupada, der Löwe unter den Königen (Nom. Sg.)
sarvān rājñaḥ kulataḥ saṃniśāmya
nachdem er alle Könige nach ihrer Abstammung geprüft hatte (Absolutiv)
dāśārṇakasya nṛpateḥ tanūjām
um die Tochter des Königs von Daśārṇaka (Akk. Sg.)
kṛte vivāhe tu tadā sā kanyā rājasattama yauvanaṃ samanuprāptā sā ca kanyā śikhaṇḍinī
Als aber die Hochzeit vollzogen war, bester der Könige, sei jene Tochter zur Jugendblüte gelangt gewesen - und jene Śikhaṇḍinī war ja in Wahrheit ein Mädchen.
Wort für Wort
kṛte vivāhe tu tadā
als aber damals die Hochzeit vollzogen war (Lok. abs.)
sā kanyā
jene Tochter (Nom. Sg.)
rājasattama
o bester der Könige (Vok. Sg.)
yauvanam samanuprāptā
zur Jugendblüte gelangt (PPP Nom.)
sā ca kanyā śikhaṇḍinī
und jene Śikhaṇḍinī war ein Mädchen (Nom. Sg.)
[?] Der Vers stellt hier klärend fest, was die Braut noch nicht weiß: Śikhaṇḍinī war, trotz männlicher Erziehung, in Wahrheit eine Frau - dies bereitet die folgende Enthüllung vor.
kṛtadāraḥ śikhaṇḍī tu kāmpilyaṃ punar āgamat na ca sā veda tāṃ kanyāṃ kaṃ cit kālaṃ striyaṃ kila
Śikhaṇḍin aber sei, nachdem die Ehe geschlossen war, wieder nach Kāmpilya zurückgekehrt; und jene Braut habe, so heißt es, eine gewisse Zeit lang nicht gewusst, dass diese ihre Gattin eine Frau sei.
Wort für Wort
kṛtadāraḥ śikhaṇḍī tu
Śikhaṇḍin aber, nachdem er sich verheiratet hatte (Nom. Sg.)
kāmpilyam punar āgamat
er kehrte wieder nach Kāmpilya zurück (Impf. 3.Sg.)
hiraṇyavarmaṇaḥ kanyā jñātvā tāṃ tu śikhaṇḍinīm dhātrīṇāṃ ca sakhīnāṃ ca vrīḍamānā nyavedayat kanyāṃ pañcālarājasya sutāṃ tāṃ vai śikhaṇḍinīm
Die Tochter des Hiraṇyavarman aber habe, nachdem sie erkannt hatte, dass jene Śikhaṇḍinī eine Frau war, es sich schämend ihren Ammen und Freundinnen offenbart: jene Tochter des Pāñcāla-Königs sei fürwahr eben diese Śikhaṇḍinī, eine Frau.
Wort für Wort
hiraṇyavarmaṇaḥ kanyā
die Tochter des Hiraṇyavarman (Nom. Sg.)
jñātvā tām tu śikhaṇḍinīm
nachdem sie jene Śikhaṇḍinī erkannt hatte (Absolutiv)
Dann sei der Bote des Kāñcanavarman, nachdem er Drupada erreicht hatte, mit ihm allein beiseite getreten und habe im Vertrauen ein Wort gesprochen.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
drupadam āsādya
nachdem er Drupada erreicht hatte (Absolutiv)
dūtaḥ kāñcanavarmaṇaḥ
der Bote des Kāñcanavarman (Nom. Sg.)
ekaḥ ekāntam utsārya
nachdem er ihn allein beiseite geführt hatte (Absolutiv)
rahaḥ vacanam abravīt
er sprach im Vertrauen ein Wort (Impf. 3.Sg.)
[?] 'Kāñcanavarman' scheint hier ein alternativer Beiname des zuvor als Hiraṇyavarman bezeichneten Königs von Daśārṇa zu sein (beide Namen bedeuten sinngemäß 'goldene Rüstung'); die im Folgenden (V.021ff.) übermittelte Botschaft desselben Boten stammt eindeutig von Hiraṇyavarman.
Der König von Daśārṇa, so habe der Bote gesagt, lasse ihm, dem König, dieses Wort ausrichten: erzürnt durch die Kränkung, von ihm, dem Makellosen, hintergangen -
Wort für Wort
daśārṇarājaḥ
der König von Daśārṇa (Nom. Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
tvām idam vacanam abravīt
er ließ dir dieses Wort sagen (Impf. 3.Sg.)
abhiṣaṅgāt prakupitaḥ
erzürnt durch die Kränkung (Nom. Sg.)
vipralabdhaḥ tvayā anagha
von dir hintergangen, Makelloser (Nom. Sg.)
[?] Die vom Boten überbrachte Botschaft Hiraṇyavarmans (V.021-023) bleibt - als vierfach eingebettete Rede innerhalb von Bhīṣmas Zitat - durchgehend indirekt wiedergegeben.
avamanyase māṃ nṛpate nūnaṃ durmantritaṃ tava yan me kanyāṃ svakanyārthe mohād yācitavān asi
Er verachte ihn wohl, Herrscher; gewiss sei sein Ratschluss schlecht gewesen, da er aus Verblendung um seine Tochter für seine eigene Tochter geworben habe.
Wort für Wort
avamanyase mām
du verachtest mich (Präs. 2.Sg.)
nṛpate
o Herrscher (Vok. Sg.)
nūnam durmantritam tava
gewiss war dein Ratschluss schlecht (Nom. Sg.)
yat me kanyām
da du um meine Tochter (Akk. Sg.)
svakanyārthe
für deine eigene Tochter (Lok. Sg.)
mohāt yācitavān asi
aus Verblendung geworben hast (Perf. Part. + Präs. 2.Sg.)
Er möge nun, Übelgesinnter, die Frucht dieses Betrugs empfangen; hiermit werde er ihn samt seiner Verwandtschaft und seinen Ministern vernichten - er möge sich wappnen.
Wort für Wort
tasya adya vipralambhasya phalam
die Frucht dieses jetzigen Betrugs (Akk. Sg.)
prāpnuhi
empfange! (Imp. 2.Sg.)
durmate
o Übelgesinnter (Vok. Sg.)
eṣaḥ tvām sajanāmātyam uddharāmi
hiermit vernichte ich dich samt Verwandtschaft und Ministern (Präs. 1.Sg.)