Kapitel 95: Mātalyupākhyānārambhaḥ
Der Weise Kaṇva und der Beginn der Mātali-Erzählung
Nach Paraśurāma erhebt sich der erhabene Seher Kaṇva und mahnt Duryodhana mit einer kosmologischen Betrachtung über Vergänglichkeit und Sterblichkeit zum Frieden mit den Pāṇḍavas - Macht allein sei kein Schutz, denn auch die Mächtigen finden ihresgleichen. Zur Bekräftigung beginnt er die alte Erzählung von Mātali, dem Wagenlenker Indras: Dessen Tochter Guṇakeśī, an Schönheit unübertroffen, findet unter Göttern, Menschen und Sehern keinen ebenbürtigen Bräutigam; Mātali beschließt daher, sein Glück in der Welt der Nāgas zu suchen, und steigt in das Erdinnere hinab. Die Erzählung wird in den folgenden Kapiteln fortgesetzt.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem er die Worte des Jāmadagnya gehört hatte, sprach auch der erhabene Seher Kaṇva dieses Wort zu Duryodhana in der Kuru-Versammlung:
Wort für Wort
jāmadagnyavacaḥ śrutvā
die Worte des Jāmadagnya gehört habend (Ger. + Akk.)
kaṇvaḥ api bhagavān ṛṣiḥ
auch der erhabene Seher Kaṇva (Nom. Sg.)
duryodhanam idaṃ vākyam abravīt
er sprach dieses Wort zu Duryodhana (Akk. + 3. Sg. Ipf. Akt.)
Andere aber sterben nur aus kosmischem Anlass: Mond und Sonne, Erde, Wasser, Wind, Feuer, ebenso der Raum, die Planeten und die Sternenscharen.
Wort für Wort
nimittamaraṇāḥ tu anye
andere aber sterben nur aus Anlass (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
candrasūryau mahī jalam vāyuḥ agniḥ
Mond und Sonne, Erde, Wasser, Wind, Feuer (Nom. Dual/Sg., Aufzählung)
ākāśaṃ grahāḥ tārāgaṇāḥ
Raum, Planeten, Sternenscharen (Nom. Sg./Pl.)
[Anm.: ,nimittamaraṇāḥ' (,nur aus Anlass sterbend') bezeichnet Wesen, die nur bei einer kosmischen Auflösung (pralaya), nicht durch natürlichen Tod, vergehen.]
te ca kṣayānte jagato hitvā lokatrayaṃ sadā kṣayaṃ gacchanti vai sarve sṛjyante ca punaḥ punaḥ
Und diese gehen am Ende der Weltzeit, nachdem sie die drei Welten verlassen haben, alle stets dem Untergang entgegen, und werden immer wieder neu erschaffen.
Wort für Wort
kṣayānte jagataḥ
am Ende der Weltzeit (Lok. Sg. + Gen.)
hitvā lokatrayaṃ
die drei Welten verlassen habend (Ger. + Akk.)
kṣayaṃ gacchanti vai sarve
alle gehen gewiss dem Untergang entgegen (Akk. + 3. Pl. Präs.)
sṛjyante ca punaḥ punaḥ
und werden immer wieder erschaffen (3. Pl. Präs. Pass.)
muhūrtamaraṇās tv anye mānuṣā mṛgapakṣiṇaḥ tiryagyonyaś ca ye cānye jīvalokacarāḥ smṛtāḥ
Andere aber sterben binnen eines Augenblicks: Menschen, wilde Tiere und Vögel, Tiere niederer Geburt und was sonst noch als in der Lebewesenwelt wandelnd gilt.
Wort für Wort
muhūrtamaraṇāḥ tu anye
andere aber sterben binnen eines Augenblicks (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
mānuṣāḥ mṛgapakṣiṇaḥ
Menschen, wilde Tiere und Vögel (Nom. Pl.)
tiryagyonyaḥ ca ye ca anye jīvalokacarāḥ smṛtāḥ
Tiere niederer Geburt und was sonst als Lebewesen gilt (Nom. Pl. Ppp.)
bhūyiṣṭhena tu rājānaḥ śriyaṃ bhuktvāyuṣaḥ kṣaye maraṇaṃ pratigacchanti bhoktuṃ sukṛtaduṣkṛtam
Könige aber gehen zumeist, nachdem sie Herrlichkeit genossen haben, am Ende ihrer Lebenszeit dem Tod entgegen, um die Früchte von gutem und bösem Tun zu erfahren.
Wort für Wort
bhūyiṣṭhena tu rājānaḥ
Könige aber zumeist (Instr. Adv. + Nom. Pl.)
śriyaṃ bhuktvā āyuṣaḥ kṣaye
Herrlichkeit genossen habend, am Ende der Lebenszeit (Ger. + Akk. + Lok.)
maraṇaṃ pratigacchanti bhoktuṃ sukṛtaduṣkṛtam
sie gehen dem Tod entgegen, um Gutes und Böses zu erfahren (Akk. + 3. Pl. Präs. + Inf.)
balavān aham ity eva na mantavyaṃ suyodhana balavanto hi balibhir dṛśyante puruṣarṣabha
„Ich bin mächtig“ - so allein sollst du nicht denken, o Suyodhana; denn auch Mächtige werden von noch Mächtigeren übertroffen, o Stier unter den Männern.
Wort für Wort
balavān aham iti eva na mantavyaṃ
,ich bin mächtig' - so allein sollst du nicht denken (Nom. Sg. + Zitatpartikel + Neg. Ger.)
balavantaḥ hi balibhiḥ dṛśyante
denn auch Mächtige werden von Mächtigeren übertroffen/erblickt (Nom. Pl. + Instr. Pl. + 3. Pl. Präs. Pass.)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier - kurzes, hypothetisches Selbstzitat von Duryodhanas vermeintlichem Gedanken, analog zu Kap.86 V.003.]
Hierzu führt man auch diese alte Geschichte an: von Mātali, der seine Tochter zu geben wünschte und einen Bräutigam für sie suchte.
Wort für Wort
atra api udāharanti imam itihāsaṃ purātanam
hierzu führt man auch diese alte Geschichte an (Adv. + 3. Pl. Präs. + Akk.)
mātaleḥ dātukāmasya kanyāṃ mṛgayataḥ varam
von Mātali, der seine Tochter zu geben wünschte, einen Bräutigam suchend (Gen. Sg., Bahuvrīhi + Akk. + Part. Präs.)
[Anm.: Beginn des Mātali-Upākhyāna, einer bekannten eingeschobenen Erzählung des Udyogaparva; die Geschichte wird sich über mehrere folgende Kapitel erstrecken.]
So Sudharmā angesprochen habend und die Umschreitung von rechts vollzogen, küsste er seine Tochter auf das Haupt und stieg hinab in das Erdinnere.
Wort für Wort
iti āmantrya sudharmāṃ
so Sudharmā angesprochen habend (Ger. + Akk.)
kṛtvā ca abhipradakṣiṇam
und die Umschreitung von rechts vollzogen habend (Ger. + Akk.)
kanyāṃ śirasi upāghrāya
die Tochter am Haupt beriechend/küssend (Akk. + Lok. + Ger.)
praviveśa mahītalam
er stieg hinab in das Erdinnere (3. Sg. Perf. Akt. + Akk.)
[Anm.: ,kanyāṃ śirasy upāghrāya' (,die Tochter am Haupt beriechend/küssend') bezeichnet die traditionelle vedische Segensgeste des Kopf-Beriechens beim Abschied. ,mahītalam praviveśa' (,er betrat das Erdinnere') meint den Abstieg in die unterirdische Welt der Nāgas (Pātāla) - Fortsetzung der Erzählung im folgenden Kapitel.]