Kapitel 191: Hiraṇyavarmasenāsajjā
Drupadas Furcht und die Bitte um die Wahrheit
Drupada versucht vergeblich, die Wahrheit zu verbergen; Hiraṇyavarman, nun der Wahrheit gewiss, rüstet mit verbündeten Königen ein Heer, um Drupada zu fesseln, einen anderen König über die Pāñcālas einzusetzen und Drupada samt Śikhaṇḍin zu töten. Von Furcht ergriffen, sucht Drupada heimlich seine Gemahlin auf und bittet sie eindringlich, ihm die Wahrheit über Śikhaṇḍinī zu offenbaren, damit er weiß, wie er handeln soll. Die Königin, obwohl er die Wahrheit bereits kennt, wird öffentlich dazu aufgefordert zu antworten - ihre Antwort folgt im nächsten Kapitel.
Bhīṣma sprach weiter: So vom Boten angesprochen, sei Drupada, König, damals, wie ein ertappter Dieb, sprachlos gewesen, seine Rede sei ihm nicht vorangekommen.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
evam uktasya dūtena
so vom Boten angesprochen (Gen. Sg.)
drupadasya tadā
Drupadas damals (Gen. Sg.)
nṛpa
o König (Vok. Sg.)
corasya iva gṛhītasya
wie eines ertappten Diebes (Gen. Sg.)
na prāvartata bhāratī
seine Rede kam nicht voran (Impf. Med. 3.Sg., negiert)
Jener König aber sei, nachdem er sich der Wahrheit gemäß vergewissert hatte, dass die Tochter des Pāñcāla-Königs tatsächlich ein Mädchen sei, eilig aufgebrochen.
Wort für Wort
saḥ rājā
jener König (Nom. Sg.)
bhūyaḥ eva atha
noch einmal da (Adv.)
kṛtvā tattvataḥ āgamam
nachdem er sich der Wahrheit gemäß vergewissert hatte (Absolutiv)
kanyā iti pāñcālasutām
dass die Tochter des Pāñcāla ein Mädchen sei (Akk. Sg.)
tatra vai niścitaṃ teṣām abhūd rājñāṃ mahātmanām tathyaṃ ced bhavati hy etat kanyā rājañ śikhaṇḍinī baddhvā pāñcālarājānam ānayiṣyāmahe gṛhān
Dort sei, so heißt es, unter jenen hochherzigen Königen der Entschluss gefasst worden: wenn dies wahr sei, dass Śikhaṇḍinī ein Mädchen sei, wollten sie den König der Pāñcālas fesseln und in ihre Heimstätten führen.
Wort für Wort
tatra vai niścitam
dort wurde fürwahr beschlossen (PPP Nom.)
teṣām abhūt rājñām mahātmanām
unter jenen hochherzigen Königen (Gen. Pl.)
tathyam ced bhavati hi
wenn dies wahr ist (Präs. 3.Sg.)
etat kanyā rājan śikhaṇḍinī
dass Śikhaṇḍinī, o König, ein Mädchen ist (Nom. Sg.)
baddhvā pāñcālarājānam
nachdem wir den König der Pāñcālas gefesselt haben (Absolutiv)
ānayiṣyāmahe gṛhān
wir werden ihn in unsere Heimstätten führen (Fut. Med. 1.Pl.)
[?] Der Kriegsratsbeschluss der verbündeten Könige (V.007-008) bleibt - als eingebettete Rede innerhalb von Bhīṣmas fortlaufendem Zitat - indirekt wiedergegeben.
Er, der Herrscher, habe dann, nachdem er den Boten - einen Wagenlenker - erneut unterwiesen hatte, ihn zum Pārṣata entsandt: er werde ihn töten - er möge sich wappnen.
Wort für Wort
saḥ tadā
er dann (Nom. Sg.)
dūtam ājñāya
nachdem er den Boten unterwiesen hatte (Absolutiv)
Nachdem er den Boten aus Daśārṇa entlassen hatte, sei Drupada, von Kummer abgezehrt, zu seiner Gemahlin gegangen und habe ihr, der Herr der Menschen, im Verborgenen ein Wort gesagt.
Wort für Wort
visṛjya dūtam dāśārṇam
nachdem er den Boten aus Daśārṇa entlassen hatte (Absolutiv)
drupadaḥ śokakarśitaḥ
Drupada, von Kummer abgezehrt (Nom. Sg.)
sametya bhāryām rahite
nachdem er im Verborgenen zu seiner Gemahlin gegangen war (Absolutiv + Lok.)
kim idānīṃ kariṣyāmi mūḍhaḥ kanyām imāṃ prati śikhaṇḍī kila putras te kanyeti pariśaṅkitaḥ
Was solle er Törichter nun in Bezug auf diese Tochter tun? Śikhaṇḍin sei fürwahr dein Sohn - so habe er gesagt - doch nun hege jener den Verdacht, es sei eine Tochter.
Wort für Wort
kim idānīm kariṣyāmi
was werde ich jetzt tun (Fut. 1.Sg.)
mūḍhaḥ
ich Törichter (Nom. Sg.)
kanyām imām prati
in Bezug auf diese Tochter (Akk. + Postposition)
śikhaṇḍī kila putraḥ te
Śikhaṇḍin ist fürwahr dein Sohn (Nom. Sg.)
kanyā iti pariśaṅkitaḥ
er hegt den Verdacht, es sei eine Tochter (Nom. Sg.)
Nachdem er dies der Wahrheit gemäß festgestellt habe, wolle er, zusammen mit seinen Verbündeten und seinem Heer, in der Meinung, betrogen worden zu sein, ihn fürwahr vernichten.
Wort für Wort
iti niścitya tattvena
nachdem er dies der Wahrheit gemäß festgestellt hat (Absolutiv)
samitraḥ sabalānugaḥ
zusammen mit Verbündeten und Heer (Nom. Sg.)
vañcitaḥ asmi iti manvānaḥ
in der Meinung, betrogen worden zu sein (Part. Präs. Nom.)
mām kila uddhartum icchati
er will mich fürwahr vernichten (Präs. 3.Sg. + Inf.)
Was hier wahr sei, Schönhüftige, was falsch, das solle sie ihm sagen, Holde; nachdem er ihr Wort von ihr gehört habe, werde er, Glückliche, danach handeln.
sā tvaṃ sarvavimokṣāya tattvam ākhyāhi pṛcchataḥ tathā vidadhyāṃ suśroṇi kṛtyasyāsya śucismite śikhaṇḍini ca mā bhais tvaṃ vidhāsye tatra tattvataḥ
Sie, die Schönhüftige, möge ihm, der sie frage, um vollständiger Befreiung willen die Wahrheit sagen, damit er, Lächelnde, dieser Sache entsprechend handeln könne; und, Śikhaṇḍinī, sie möge sich nicht fürchten - er werde dort der Wahrheit gemäß handeln.
Wort für Wort
sā tvam sarvavimokṣāya
du, um vollständiger Befreiung willen (Nom. Sg.)
tattvam ākhyāhi
sage die Wahrheit! (Imp. 2.Sg.)
pṛcchataḥ
dem Fragenden (Dat./Gen. Sg.)
tathā vidadhyām
damit ich demgemäß handeln möge (Opt. 1.Sg.)
suśroṇi
o Schönhüftige (Vok. Sg.)
kṛtyasya asya
dieser Sache (Gen. Sg.)
śucismite
o Lächelnde/Reinlächelnde (Vok. Sg.)
śikhaṇḍini ca mā bhaiḥ tvam
und Śikhaṇḍinī, fürchte dich nicht! (Vok. + Imp. 2.Sg., negiert)
vidhāsye tatra tattvataḥ
ich werde dort der Wahrheit gemäß handeln (Fut. Med. 1.Sg.)
kriyayāhaṃ varārohe vañcitaḥ putradharmataḥ mayā dāśārṇako rājā vañcitaś ca mahīpatiḥ tad ācakṣva mahābhāge vidhāsye tatra yad dhitam
Durch die Riten, die für sie wie für einen Sohn vollzogen wurden, sei er, Schönhüftige, getäuscht worden; und durch ihn sei auch der König von Daśārṇa, der Herrscher der Erde, getäuscht worden. Dies möge sie ihm sagen, Hochbeglückte; er werde dort tun, was heilsam sei.
Wort für Wort
kriyayā aham varārohe
durch die Riten, o Schönhüftige, ich (Instr. Sg.)
vañcitaḥ putradharmataḥ
getäuscht durch die Sohnespflicht/den Sohnesritus (Nom. Sg.)
mayā dāśārṇakaḥ rājā
durch mich der König von Daśārṇa (Instr. + Nom.)
vañcitaḥ ca mahīpatiḥ
und der Herrscher der Erde ist getäuscht worden (Nom. Sg.)
tat ācakṣva
sage dies! (Imp. 2.Sg.)
mahābhāge
o Hochbeglückte (Vok. Sg.)
vidhāsye tatra yat hitam
ich werde dort tun, was heilsam ist (Fut. Med. 1.Sg.)
jānatāpi narendreṇa khyāpanārthaṃ parasya vai prakāśaṃ coditā devī pratyuvāca mahīpatim
Obwohl der Herrscher der Menschen selbst darum wusste, habe die Königin, damit dies dem anderen kundgetan werde, so offen dazu aufgefordert, dem Herrscher der Erde erwidert:
Wort für Wort
jānatā api narendreṇa
obwohl der Herrscher der Menschen selbst wusste (Instr. Part. Präs.)
khyāpanārtham parasya vai
um es fürwahr dem anderen kundzutun (Adv.)
prakāśam coditā
offen dazu aufgefordert (Nom. Sg.)
devī pratyuvāca
die Königin erwiderte (Perf. 3.Sg.)
mahīpatim
dem Herrscher der Erde (Akk. Sg.)
[?] Der Vers merkt an, dass Drupada die Wahrheit über Śikhaṇḍinī natürlich längst kennt, seine Gemahlin aber dennoch öffentlich danach fragt, damit die Aussage als eigenständig bezeugt gelte; ihre Antwort folgt im nächsten Kapitel.