Kapitel 89: Duryodhana-Kṛṣṇa-Saṃvādaḥ
Kṛṣṇas Ablehnung von Duryodhanas Gastmahl
Kṛṣṇa wird bei Duryodhana ehrenvoll empfangen und zum Mahl eingeladen, lehnt jedoch ab. Auf Duryodhanas verwunderte, dann gekränkte Nachfrage erklärt Kṛṣṇa unmissverständlich, dass er mit den Pāṇḍavas eins ist und daher keine von böser Absicht bereitete Speise annehmen kann - nur bei Vidura werde er essen. Er verlässt Duryodhanas Haus und begibt sich zu Vidura; dort besuchen ihn Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa, Bāhlika und die Kurus und bieten ihm ihre Häuser an, werden aber höflich verabschiedet. Vidura bewirtet Kṛṣṇa und sein Gefolge festlich; Kṛṣṇa beschenkt zunächst die Brahmanen, bevor er selbst isst.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem Govinda sich von Pṛthā verabschiedet und auch die Umschreitung vollzogen hatte, ging Śauri, der Feindebezwinger, zum Haus Duryodhanas.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyanaḥ uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Nom.Sg. + 3.Sg.Impf.)
pṛthām āmantrya govindaḥ
nachdem Govinda sich von Pṛthā verabschiedet hatte (Akk.Sg. + Absolutiv + Nom.Sg.)
kṛtvā ca api pradakṣiṇam
und auch die Umschreitung vollzogen habend (Absolutiv + Konj. + Part. + Akk.Sg.)
duryodhanagṛhaṃ śaurir
zum Haus Duryodhanas, Śauri (Akk.Sg. + Nom.Sg.)
abhyagacchad ariṃdamaḥ
ging, der Feindebezwinger (3.Sg.Impf. + Nom.Sg.)
[Anm.: reine Erzählung, Rahmen bleibt auf Grundebene (SQ=0) wie am Ende von Kap.88.]
[Das Haus,] mit höchstem Glanz ausgestattet, dem Haus Puraṃdaras [Indras] gleich - nachdem er drei Umfriedungen davon durchschritten hatte, von den Türhütern ungehindert,
Wort für Wort
lakṣmyā paramayā yuktaṃ
mit höchstem Glanz ausgestattet (Instr.Sg. + Instr.Sg. + Akk.Sg.)
puraṃdaragṛhopamam
dem Haus Puraṃdaras gleich (Akk.Sg. Bahuvrīhi)
tasya kakṣyā vyatikramya
dessen Umfriedungen durchschreitend (Gen.Sg. + Akk.Pl. + Absolutiv)
tisro dvāḥsthair avāritaḥ
drei, von den Türhütern ungehindert (Akk.Pl. + Instr.Pl. + Nom.Sg.Pass.Part.)
sametya dhārtarāṣṭreṇa sahāmātyena keśavaḥ rājabhis tatra vārṣṇeyaḥ samāgacchad yathāvayaḥ
Nachdem er mit dem Sohn Dhṛtarāṣṭras samt dessen Ministern zusammengetroffen war, begegnete Keśava, der Vārṣṇeya, dort auch den Königen, ihrem Alter gemäß.
Wort für Wort
sametya dhārtarāṣṭreṇa
zusammentreffend mit dem Sohn Dhṛtarāṣṭras (Absolutiv + Instr.Sg.)
sahāmātyena keśavaḥ
samt dessen Ministern, Keśava (Instr.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg.)
rājabhis tatra vārṣṇeyaḥ
den Königen dort, der Vārṣṇeya (Instr.Pl. + Adv. + Nom.Sg.)
tato duryodhanaḥ kṛṣṇam abravīd rājasaṃsadi mṛdupūrvaṃ śaṭhodarkaṃ karṇam ābhāṣya kauravaḥ
Darauf sprach Duryodhana, der Kaurava, zu Kṛṣṇa in der königlichen Versammlung - zunächst sanft, doch von hinterlistigem Ausgang -, nachdem er zuvor Karṇa angesprochen hatte:
Wort für Wort
tato duryodhanaḥ kṛṣṇam
darauf Duryodhana zu Kṛṣṇa (Adv. + Nom.Sg. + Akk.Sg.)
abravīd rājasaṃsadi
sprach in der königlichen Versammlung (3.Sg.Impf. + Lok.Sg.)
mṛdupūrvaṃ śaṭhodarkaṃ
zunächst sanft, doch von hinterlistigem Ausgang (Akk.Sg. Adv. + Akk.Sg. Bahuvrīhi)
karṇam ābhāṣya kauravaḥ
Karṇa zuvor angesprochen habend, der Kaurava (Akk.Sg. + Absolutiv + Nom.Sg.)
[Anm.: reine Erzähler-Ankündigung der Rede, noch kein Zitatinhalt - SQ öffnet erst V.013, wo Duryodhanas tatsächliche Worte beginnen.]
‚Gesandte genießen Speise und nehmen Ehrungen erst an, wenn sie ihr Ziel erreicht haben - mich, wenn ich mein Ziel erreicht habe, wirst du samt meinen Ministern ehren, o Bhārata.‘
Wort für Wort
kṛtārthā bhuñjate dūtāḥ
Gesandte genießen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben (Nom.Pl. + 3.Pl.Präs.Med. + Nom.Pl.)
pūjāṃ gṛhṇanti ca eva hi
und nehmen auch Ehrungen an (Akk.Sg. + 3.Pl.Präs. + Konj. + Part. + Part.)
kṛtārthaṃ māṃ sahāmātyas
mich, wenn ich mein Ziel erreicht habe, samt meinen Ministern (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Nom.Sg. Bahuvrīhi)
tvam arciṣyasi bhārata
wirst du ehren, o Bhārata (Nom.Sg. + 2.Sg.Fut. + Vok.Sg.)
[Anm.: Kṛṣṇas erste, kurze Antwort - Zitat öffnet und schließt in einem einzigen Vers.]
nāhaṃ kāmān na saṃrambhān na dveṣān nārthakāraṇāt na hetuvādāl lobhād vā dharmaṃ jahyāṃ kathaṃ cana
‚Nicht aus Begierde, nicht aus Erregung, nicht aus Hass, nicht um eines Vorteils willen, nicht aus Streitsucht oder Gier würde ich jemals den Dharma aufgeben.
Wort für Wort
na ahaṃ kāmān na saṃrambhān
nicht ich aus Begierde, nicht aus Erregung (Neg. + Nom.Sg. + Abl.Pl. + Neg. + Abl.Pl.)
na dveṣān na arthakāraṇāt
nicht aus Hass, nicht um eines Vorteils willen (Neg. + Abl.Pl. + Neg. + Abl.Sg.)
na hetuvādāl lobhād vā
nicht aus Streitsucht oder Gier (Neg. + Abl.Sg. + Abl.Sg. + Konj.)
dharmaṃ jahyāṃ kathaṃ cana
würde ich den Dharma jemals aufgeben (Akk.Sg. + 1.Sg.Opt. + Adv.)
saṃprītibhojyāny annāni āpadbhojyāni vā punaḥ na ca saṃprīyase rājan na cāpy āpadgatā vayam
Speisen sind entweder aus [echter] Zuneigung zu genießen oder in Notlage - doch weder bist du mir zugeneigt, o König, noch befinden wir uns in einer Notlage.
Wort für Wort
saṃprītibhojyāny annāni
aus Zuneigung zu genießende Speisen (Nom.Pl. Bahuvrīhi + Nom.Pl.)
āpadbhojyāni vā punaḥ
oder in Notlage zu genießende, wiederum (Nom.Pl. Bahuvrīhi + Konj. + Adv.)
na ca saṃprīyase rājan
doch du bist mir nicht zugeneigt, o König (Neg. + Konj. + 2.Sg.Präs.Med. + Vok.Sg.)
na ca api āpadgatā vayam
noch befinden wir uns in einer Notlage (Neg. + Konj. + Part. + Nom.Pl. + Nom.Pl.)
kāmakrodhānuvartī hi yo mohād virurutsate guṇavantaṃ ca yo dveṣṭi tam āhuḥ puruṣādhamam
Denn wer, Begierde und Zorn folgend, aus Verblendung sich [gegen einen Tugendhaften] auflehnen will, und wer einen Tugendbegabten hasst - den nennt man den niedrigsten der Menschen.
Wort für Wort
kāmakrodhānuvartī hi
denn wer Begierde und Zorn folgt (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Part.)
yo mohād virurutsate
wer aus Verblendung sich auflehnen will (Nom.Sg. + Abl.Sg. + 3.Sg.Präs.Desid.Med.)
guṇavantaṃ ca yo dveṣṭi
und wer einen Tugendbegabten hasst (Akk.Sg. + Konj. + Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.)
tam āhuḥ puruṣādhamam
den nennt man den niedrigsten der Menschen (Akk.Sg. + 3.Pl.Perf. + Akk.Sg.)
[Anm.: 'virurutsate' (Desiderativ von vi-ruh/vi-rudh) hier als 'sich auflehnen wollen' gedeutet; genaue Nuance unsicher.]
yaḥ kalyāṇaguṇāñ jñātīn mohāl lobhād didṛkṣate so 'jitātmājitakrodho na ciraṃ tiṣṭhati śriyam
Wer, aus Verblendung, aus Gier, seine tugendbegabten Verwandten [nur missgünstig] anzusehen begehrt [?], der, sich selbst und seinen Zorn nicht bezähmend, behält nicht lange seinen Glanz.
Wort für Wort
yaḥ kalyāṇaguṇāñ jñātīn
wer die tugendbegabten Verwandten (Nom.Sg. + Akk.Pl. Bahuvrīhi + Akk.Pl.)
mohāl lobhād didṛkṣate
aus Verblendung, aus Gier zu sehen begehrt (Abl.Sg. + Abl.Sg. + 3.Sg.Präs.Desid.Med.)
so 'jitātmājitakrodho
der, sich selbst und seinen Zorn nicht bezähmend (Nom.Sg. + Nom.Sg. Bahuvrīhi)
na ciraṃ tiṣṭhati śriyam
behält nicht lange seinen Glanz (Neg. + Akk.Sg.Adv. + 3.Sg.Präs. + Akk.Sg.)
[Anm.: 'didṛkṣate' (Desiderativ von dṛś, 'sehen wollen') im Kontext von Neid/Missgunst gegenüber tugendhaften Verwandten unsicher zu deuten - wörtlich 'sehen wollen', hier als missgünstiges Betrachten interpretiert; Lesart unsicher.]
Nachdem er dies gesagt hatte, verließ der Starkarmige den erzürnten Duryodhana und ging darauf aus dem strahlenden Haus des Sohnes Dhṛtarāṣṭras hinaus.
Wort für Wort
evam uktvā mahābāhur
nachdem er dies gesagt hatte, der Starkarmige (Adv. + Absolutiv + Nom.Sg.)
duryodhanam amarṣaṇam
den erzürnten Duryodhana (Akk.Sg. + Akk.Sg.)
niścakrāma tataḥ śubhrād
ging hinaus, darauf, aus dem strahlenden (3.Sg.Perf. + Adv. + Abl.Sg.)
dhārtarāṣṭraniveśanāt
aus dem Haus des Sohnes Dhṛtarāṣṭras (Abl.Sg.)
[Anm.: reine Schluss-Erzählung dieser Szene - SQ bereits in V.032 geschlossen.]