Kapitel 94: Dambhodbhavopākhyānam
Paraśurāmas Gleichnis vom König Dambhodbhava
Nach Kṛṣṇas Rede sitzt die Versammlung sprachlos - niemand wagt eine Antwort. Da erhebt sich Paraśurāma (Jāmadagnya) und erzählt zur Mahnung ein altes Gleichnis: Der hochmütige Weltherrscher Dambhodbhava, der sich für unbesiegbar hielt, wurde von den Asketen Nara und Nārāyaṇa auf dem Gandhamādana gedemütigt - Nara besiegte ihn allein mit Schilfgrashalmen, ohne eine einzige Waffe. Paraśurāma deutet die Parabel: Nara und Nārāyaṇa sind niemand anders als Arjuna und Kṛṣṇa selbst, und ebenso unaufhaltsam wie Nara werde Arjuna sein, sollte es zum Krieg kommen. Er schließt mit der eindringlichen Mahnung, Frieden mit den Pāṇḍavas zu suchen und das eigene Geschlecht nicht durch Hochmut zu gefährden.
kaḥ svid uttaram etasmād vaktum utsahate pumān iti sarve manobhis te cintayanti sma pārthivāḥ
‚Wer wohl wagt es, hierauf eine Antwort zu sprechen?‘ - so dachten alle jene Fürsten in ihren Herzen.
Wort für Wort
kaḥ svid uttaram ... vaktum utsahate pumān
wer wohl wagt es, eine Antwort zu sprechen (Nom. Sg. + Inf. + 3. Sg. Präs.)
sarve manobhiḥ te cintayanti sma pārthivāḥ
so dachten alle jene Fürsten in ihren Herzen (3. Pl. Ipf. periphr.)
[Anm.: SQ öffnet und schließt hier - kurzes, mit ,iti' markiertes Gedankenzitat der gesamten Versammlung, direkt in der Rahmenerzählung, da SQ nach Kap.93 auf Nullebene stand.]
„Gibt es irgendeinen, der überlegen oder mir gleich wäre im Kampf - ein Śūdra, ein Vaiśya, ein Kṣatriya oder auch ein waffentragender Brahmane?“
Wort für Wort
asti kaś cid viśiṣṭaḥ vā madvidhaḥ vā
gibt es irgendeinen Überlegenen oder mir Gleichen (3. Sg. Präs. + Nom. Sg.)
bhavet yudhi
er möge sein im Kampf (Opt. + Lok.)
śūdraḥ vaiśyaḥ kṣatriyaḥ vā brāhmaṇaḥ vā api śastrabhṛt
ein Śūdra, Vaiśya, Kṣatriya oder auch ein waffentragender Brahmane (Nom. Sg., Aufzählung)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier - Dambhodbhavas eigene, in V.008 mit ,iti bruvan' (,so sprechend') gerahmte Prahlerei, als eingebettetes Zitat innerhalb Paraśurāmas Erzählung (zweite Zitatebene).]
pratiṣidhyamāno 'py asakṛt pṛcchaty eva sa vai dvijān abhimānī śriyā mattas tam ūcur brāhmaṇās tadā
Obwohl er wiederholt zurückgewiesen wurde, fragte jener Hochmütige, von seiner Herrlichkeit Berauschte, die Zweifachgeborenen dennoch immer wieder; da sprachen die Brahmanen zu ihm:
die büßenden, hochgesinnten, mit Veda-Gelübden ausgestatteten, vor Zorn entflammten Zweifachgeborenen, zu dem sich rühmenden König:
Wort für Wort
tapasvinaḥ mahātmānaḥ vedavratasamanvitāḥ
büßend, hochgesinnt, mit Veda-Gelübden ausgestattet (Nom. Pl., Adj.)
udīryamāṇaṃ rājānaṃ
zu dem sich rühmenden König (Akk. Sg. Part. Präs. Pass.)
krodhadīptāḥ dvijātayaḥ
die vor Zorn entflammten Zweifachgeborenen (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
[Anm.: Reine Beschreibung der Sprecher vor dem eigentlichen Zitatbeginn in V.012 - noch keine SQ/CQ-Markierung, dem etablierten Prinzip folgend (Zitatmarkierung erst dort, wo der tatsächliche Inhalt beginnt).]
Die Brahmanen sprachen: „Nara und Nārāyaṇa, die beiden Asketen - so haben wir gehört - sind in die Welt der Menschen gekommen; mit ihnen kämpfe, o Fürst.
Wort für Wort
brāhmaṇāḥ ūcuḥ
die Brahmanen sprachen (3. Pl. Perf. Akt.)
naraḥ nārāyaṇaḥ ca eva tāpasau
Nara und Nārāyaṇa, die beiden Asketen (Nom. Dual)
iti naḥ śrutam āyātau mānuṣe loke
so haben wir gehört, sie seien in die Menschenwelt gekommen (Nom. Dual Ppp. + Lok.)
tābhyāṃ yudhyasva pārthiva
mit ihnen kämpfe, o Fürst (Instr. Dual + Imperativ Med.)
śrūyate tau mahātmānau naranārāyaṇāv ubhau tapo ghoram anirdeśyaṃ tapyete gandhamādane
Man hört, dass jene beiden Hochgesinnten, Nara und Nārāyaṇa, eine schreckliche, unbeschreibliche Askese auf dem Gandhamādana üben.“
Wort für Wort
śrūyate
man hört (3. Sg. Präs. Pass.)
tau mahātmānau naranārāyaṇau ubhau
jene beiden Hochgesinnten, Nara und Nārāyaṇa (Nom. Dual)
tapaḥ ghoram anirdeśyaṃ tapyete
sie üben eine schreckliche, unbeschreibliche Askese (Akk. Sg. + 3. Dual Präs. Med.)
gandhamādane
auf dem Gandhamādana-Berg (Lok. Sg.)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende der Antwort der Brahmanen; ab V.016 kehrt mit ,rāma uvāca' Paraśurāmas eigene Erzählstimme zurück (kein neues SQ nötig, da derselbe Sprecher fortfährt).]
Rāma sprach: Jener König, nachdem er ein großes, sechsteiliges Heer aufgeboten hatte, unfähig, dies zu ertragen, zog dorthin, wo jene beiden Unbesiegten waren.
Wort für Wort
mahatīṃ senāṃ yojayitvā ṣaḍaṅginīm
ein großes, sechsteiliges Heer aufgeboten habend (Ger. + Akk.)
amṛṣyamāṇaḥ
unfähig es zu ertragen (Nom. Sg. Part. Präs. Med.)
saṃprāyāt yatra tau aparājitau
er zog dorthin, wo jene beiden Unbesiegten waren (3. Sg. Ipf. Akt. + Akk. Dual)
Als er die beiden sah, abgezehrt von Hunger und Durst, deren Adern hervortraten, von Kälte, Wind und Sonnenhitze ausgemergelt, die beiden vortrefflichsten Männer, trat er heran, umarmte sie und erkundigte sich nach ihrem Wohlergehen.
Wort für Wort
tau dṛṣṭvā
als er die beiden sah (Ger. + Akk. Dual)
kṣutpipāsābhyāṃ kṛśau dhamanisaṃtatau
abgezehrt von Hunger und Durst, mit hervortretenden Adern (Akk. Dual, Bahuvrīhi)
śītavātātapaiḥ karśitau puruṣottamau
von Kälte, Wind, Hitze ausgemergelt, die beiden vortrefflichsten Männer (Akk. Dual Ppp.)
abhigamya upasaṃgṛhya paryapṛcchad anāmayam
herangetreten, umarmt, er erkundigte sich nach dem Wohlergehen (Ger. + 3. Sg. Ipf. Akt. + Akk.)
tam arcitvā mūlaphalair āsanenodakena ca nyamantrayetāṃ rājānaṃ kiṃ kāryaṃ kriyatām iti
Nachdem sie ihn mit Wurzeln und Früchten, mit einem Sitz und mit Wasser geehrt hatten, luden die beiden den König ein: „Was ist zu tun? Was sollen wir für dich tun?“
Wort für Wort
tam arcitvā mūlaphalaiḥ āsanena udakena ca
ihn mit Wurzeln, Früchten, Sitz und Wasser geehrt habend (Ger. + Instr.)
nyamantrayetāṃ rājānaṃ
die beiden luden den König ein (3. Dual Ipf. Med.)
kiṃ kāryaṃ kriyatām
was ist zu tun, was soll getan werden (Frage + 3. Sg. Imperativ Pass.)
dambhodbhava uvāca bāhubhyāṃ me jitā bhūmir nihatāḥ sarvaśatravaḥ bhavadbhyāṃ yuddham ākāṅkṣann upayāto 'smi parvatam ātithyaṃ dīyatām etat kāṅkṣitaṃ me ciraṃ prati
Dambhodbhava sprach: „Mit meinen beiden Armen habe ich die Erde erobert, alle Feinde erschlagen; nach einem Kampf mit euch beiden verlangend bin ich zu diesem Berg gekommen. Gewährt mir diese Gastfreundschaft - dies habe ich lange ersehnt.“
Wort für Wort
bāhubhyāṃ me jitā bhūmiḥ
mit meinen beiden Armen habe ich die Erde erobert (Instr. Dual + Nom. Sg. fem. Ppp.)
Nara und Nārāyaṇa sprachen: „Frei von Zorn und Gier ist diese Einsiedelei, o Bester der Könige; denn in dieser Einsiedelei gibt es keinen Kampf - woher eine Waffe, woher Arglist? Suche den Kampf anderswo; viele Kṣatriyas gibt es auf Erden.“
Wort für Wort
apetakrodhalobhaḥ ayam āśramaḥ
frei von Zorn und Gier ist diese Einsiedelei (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
na asmin āśrame yuddhaṃ kutaḥ śastraṃ kutaḥ anṛjuḥ
in dieser Einsiedelei gibt es keinen Kampf, keine Waffe, keine Arglist (Neg. + Lok. + Fragepartikel)
anyatra yuddham ākāṅkṣva
suche den Kampf anderswo (Adv. + Imperativ Med.)
bahavaḥ kṣatriyāḥ kṣitau
viele Kṣatriyas gibt es auf Erden (Nom. Pl. + Lok.)
[Anm.: Sprecherwechsel innerhalb der offenen SQ - CQ schließt V.020 (Dambhodbhava) und öffnet unmittelbar neu in V.021 (Nara-Nārāyaṇa), close-then-reopen wie bei echtem Sprecherwechsel üblich; hier vollständig innerhalb je eines Verses.]
rāma uvāca ucyamānas tathāpi sma bhūya evābhyabhāṣata punaḥ punaḥ kṣamyamāṇaḥ sāntvyamānaś ca bhārata dambhodbhavo yuddham icchann āhvayaty eva tāpasau
Rāma sprach: Obwohl so angesprochen, redete Dambhodbhava dennoch immer wieder von Neuem; obgleich um Nachsicht gebeten und besänftigt, o Bhārata, forderte er, nach Kampf begehrend, die beiden Asketen immer wieder heraus.
Wort für Wort
ucyamānaḥ tathāpi
obwohl so angesprochen (Nom. Sg. Part. Präs. Pass.)
bhūyaḥ eva abhyabhāṣata punaḥ punaḥ
er redete immer wieder von Neuem (3. Sg. Ipf. Med.)
kṣamyamāṇaḥ sāntvyamānaḥ ca
um Nachsicht gebeten und besänftigt (Nom. Sg. Part. Präs. Pass.)
yuddham icchan āhvayati eva tāpasau
kampfbegierig forderte er die beiden Asketen heraus (Part. Präs. + 3. Sg. Präs. Akt. + Akk. Dual)
Dambhodbhava sprach: „Wenn du meinst, o Asket, dass diese Waffe gegen uns angemessen sei, so werde ich auch mit dieser gegen dich kämpfen; denn kampfbegierig bin ich gekommen.“
Wort für Wort
yadi etat astram asmāsu yuktaṃ ... manyase
wenn du meinst, diese Waffe sei gegen uns angemessen (Bed. + Akk. + 2. Sg. Präs. Med.)
etena api tvayā yotsye
auch mit dieser werde ich gegen dich kämpfen (Instr. + 1. Sg. Fut. Med.)
yuddhārthī hi aham āgataḥ
denn kampfbegierig bin ich gekommen (Nom. Sg., Bahuvrīhi + Nom. Sg. Ppp.)
[Anm.: Erneuter Sprecherwechsel, CQ schließt V.024 und öffnet/schließt wieder in V.025.]
Rāma sprach: So sprechend überschüttete Dambhodbhava, ihn (den Asketen) zu töten trachtend, samt seinen Kriegern, jenen Asketen von allen Seiten mit einem Pfeilregen.
Wort für Wort
ity uktvā
so gesprochen habend (Ger.)
śaravarṣeṇa sarvataḥ samavākirat
er überschüttete ihn von allen Seiten mit einem Pfeilregen (Instr. + 3. Sg. Ipf. Akt.)
tāpasaṃ taṃ jighāṃsuḥ sahasainikaḥ
jenen Asketen zu töten trachtend, samt seinen Kriegern (Akk. + Nom. Sg., Bahuvrīhi)
Darum: solange am vorzüglichsten Bogen Gāṇḍīva noch kein Geschoss angelegt ist, so lange gehe du, deinen Stolz aufgebend, o König, zu Dhanaṃjaya.
Wort für Wort
yāvad dhanuḥśreṣṭhe gāṇḍīve astraṃ na yujyate
solange am vorzüglichsten Bogen Gāṇḍīva kein Geschoss angelegt ist (Konj. + Lok. + Neg. + 3. Sg. Präs. Pass.)
tāvat tvaṃ mānam utsṛjya gaccha
so lange gehe du, deinen Stolz aufgebend (Ger. + Imperativ)
rājan dhanaṃjayam
o König, zu Dhanaṃjaya (Vok. + Akk.)
[Anm.: Der Adressat ,rājan' wechselt hier möglicherweise faktisch von Dhṛtarāṣṭra zu Duryodhana, an den sich die konkrete Mahnung richtet, persönlich vor Arjuna nachzugeben - die formale Anrede an den ,König' bleibt jedoch, wie im Sanskrit, uneindeutig [?] und wird entsprechend beibehalten.]
die acht Geschosse: Kākudīka, Śuka, Nāka, ebenso Akṣisaṃtarjana, Saṃtāna, das schreckliche Nartana und als achtes Āsyamodaka -
Wort für Wort
kākudīkaṃ śukaṃ nākam
Kākudīka, Śuka, Nāka (Akk. Sg., Eigennamen der Waffen)
akṣisaṃtarjanaṃ saṃtānaṃ nartanaṃ ghoram
Akṣisaṃtarjana, Saṃtāna, das schreckliche Nartana (Akk. Sg., Eigennamen)
āsyamodakam aṣṭamam
Āsyamodaka als achtes (Akk. Sg.)
[Anm.: Aufzählung von acht besonderen, mythischen Pfeilwaffen Arjunas; die genauen Wirkweisen mancher Namen (z.B. ,Kākudīka') sind unsicher [?] und werden daher unübersetzt als Eigennamen belassen.]
Unzählbar sind die Vorzüge des Pārtha (Arjuna); Janārdana (Kṛṣṇa) ist noch überlegener als er; du selbst kennst den Sohn der Kuntī, Dhanaṃjaya, besser als andere.
Wort für Wort
asaṃkhyeyāḥ guṇāḥ pārthe
unzählbar sind die Vorzüge des Pārtha (Nom. Pl. + Lok.)
tadviśiṣṭaḥ janārdanaḥ
Janārdana, der ihn noch übertrifft (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
tvam eva bhūyaḥ jānāsi kuntīputraṃ dhanaṃjayam
du selbst kennst den Sohn der Kuntī, Dhanaṃjaya, noch mehr (2. Sg. Präs. + Akk.)
atha cen manyase śreyo na me bhedo bhaved iti praśāmya bharataśreṣṭha mā ca yuddhe manaḥ kṛthāḥ
Wenn du aber denkst, es sei besser, wenn durch mich keine Zwietracht entstehe, so besänftige dich dennoch, o Vorzüglichster der Bharatas, und richte deinen Sinn nicht auf den Krieg.
Wort für Wort
atha cet manyase śreyaḥ
wenn du aber denkst, es sei besser (Bed. + 2. Sg. Präs. Med.)
na me bhedo bhaved iti
dass durch mich keine Zwietracht entstehe (Neg. + Nom. Sg. + Opt. + Zitatpartikel)
praśāmya bharataśreṣṭha
besänftige dich, o Vorzüglichster der Bharatas (Imperativ + Vok.)
mā ca yuddhe manaḥ kṛthāḥ
und richte deinen Sinn nicht auf den Krieg (Neg. Aor. Inj. + Lok. + Akk.)
[Anm.: V.044ab (,na me bhedo bhaved iti') ist syntaktisch nicht eindeutig [?] - möglich ist auch die Lesart, dass Duryodhana/Dhṛtarāṣṭra es vorzieht, sich nicht durch Paraśurāmas Eingreifen von seinem Kurs abbringen zu lassen; die Grundaussage (Mahnung zum Frieden trotzdem) bleibt in beiden Lesarten gleich.]
bhavatāṃ ca kuruśreṣṭha kulaṃ bahumataṃ bhuvi tat tathaivāstu bhadraṃ te svārtham evānucintaya
Und euer Geschlecht, o Vorzüglichster der Kurus, ist auf Erden hochgeachtet; möge es auch fernerhin so bleiben - Heil dir; bedenke wohl deinen eigenen wahren Vorteil.‘
Wort für Wort
bhavatāṃ ... kulaṃ bahumataṃ bhuvi
euer Geschlecht ist auf Erden hochgeachtet (Gen. Pl. + Nom. Sg. Ppp. + Lok.)
tat tathā eva astu
möge es ebenso bleiben (Opt. 3. Sg.)
bhadraṃ te
Heil dir (formelhafter Segenswunsch)
svārtham eva anucintaya
bedenke deinen eigenen wahren Vorteil (Akk. + Imperativ)
[Anm.: SQ schließt hier final - Paraśurāmas große Mahn- und Gleichnisrede endet, die in V.004 begonnen hatte.]