Kapitel 96: Varuṇalokadarśanam
Mātali und Nārada besuchen Varuṇas Reich
Auf dem Weg trifft Mātali zufällig den Seher Nārada, der ebenfalls zu Varuṇa unterwegs ist; sie beschließen, gemeinsam zu gehen. Im Reich der Gewässer angekommen, führt Nārada seinen Gefährten durch Varuṇas prächtige Wohnstätte und erklärt ihm die zahlreichen Wunder: die goldene Halle der Vāruṇī, die erbeuteten Waffen der besiegten Daityas, das wache Feuer mit dem Rad Viṣṇus, den Ursprung des Bogens Gāṇḍīva, den ersten Herrscherstab Brahmās und den großen, wasserspendenden Schirm der Könige der Gewässer. Nārada mahnt schließlich zum Aufbruch, um Mātalis eigentliches Anliegen nicht länger zu verzögern.
Kaṇva sprach: Mātali aber traf, während er des Weges zog, zufällig mit dem großen Seher Nārada zusammen, der ebenfalls unterwegs war, um Varuṇa zu besuchen.
Wort für Wort
mātaliḥ tu vrajan mārge
Mātali aber, während er des Weges zog (Nom. Sg. + Part. Präs.)
nāradena maharṣiṇā ... varuṇaṃ gacchatā
mit dem großen Seher Nārada, der zu Varuṇa ging (Instr. Sg. + Part. Präs.)
draṣṭuṃ samāgacchad yadṛcchayā
traf zufällig zusammen, um [ihn] zu sehen (Inf. + 3. Sg. Ipf. Akt. + Instr. Adv.)
Da sprach Nārada zu ihm: „Wohin, o Wagenlenker, bist du aufgebrochen zu gehen - aus eigenem Anliegen oder auf Geheiß des Śatakratu?“
Wort für Wort
nāradaḥ atha abravīd enaṃ
da sprach Nārada zu ihm (Nom. Sg. + 3. Sg. Ipf. Akt. + Akk.)
kva bhavān gantum udyataḥ
wohin bist du aufgebrochen zu gehen (Frage + Nom. + Inf. + Ppp.)
svena vā sūta kāryeṇa śāsanād vā śatakratoḥ
aus eigenem Anliegen, o Wagenlenker, oder auf Geheiß des Śatakratu (Instr. + Vok. + Abl.)
[Anm.: CQ öffnet und schließt hier - Nāradas kurze Frage, eingebettet in Kaṇvas fortlaufende Erzählung (SQ bleibt seit Kap.95 offen). ,Śatakratu' (,der Hundert-Opfer-Vollbringende') ist ein Beiname Indras.]
ahaṃ te sarvam ākhyāsye darśayan vasudhātalam dṛṣṭvā tatra varaṃ kaṃ cid rocayiṣyāva mātale
Ich werde dir alles zeigen und erklären, das Erdinnere; und nachdem wir dort gesehen haben, werden wir gemeinsam einen geeigneten Bräutigam wählen, o Mātali.“
Wort für Wort
ahaṃ te sarvam ākhyāsye
ich werde dir alles erklären (1. Sg. Fut. Akt.)
darśayan vasudhātalam
das Erdinnere zeigend (Part. Präs. Kausativ + Akk.)
dṛṣṭvā tatra varaṃ kaṃ cid rocayiṣyāva
dort gesehen habend, werden wir einen geeigneten Bräutigam wählen (Ger. + Akk. + 1. Dual Fut. Med.)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende von Nāradas kurzer Antwort.]
Nārada sprach: „Du hast Varuṇa gesehen, mein Lieber, umgeben von Söhnen und Enkeln; sieh nun die Wohnstätte des Herrn der Gewässer, allseits vortrefflich und reich an Fülle.
umgeben von Söhnen und Enkeln (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
paśya udakapateḥ sthānaṃ sarvatobhadram ṛddhimat
sieh die Wohnstätte des Herrn der Gewässer, allseits vortrefflich, fülle-reich (Imperativ + Gen. + Akk.)
[Anm.: CQ öffnet hier neu - Nāradas ausführliche Führung durch Varuṇas Reich beginnt und zieht sich, ohne weitere Sprecherwechsel, bis zum Kapitelende (V.025).]
[?] Jyotsnākālī nennt man sie, die an Schönheit einer zweiten Glücksgöttin gleicht; als Sohn der Strahlenkuh des Āditya selbst gilt er als zum ältesten Sohn gemacht.
Wort für Wort
jyotsnākālī iti yām āhuḥ
Jyotsnākālī nennt man sie (Nom. Sg. + Rel. + 3. Pl. Perf. Akt.)
dvitīyāṃ rūpataḥ śriyam
an Schönheit einer zweiten Glücksgöttin gleich (Akk. Sg., Vergleich)
ādityasya eva goḥ putraḥ jyeṣṭhaḥ putraḥ kṛtaḥ smṛtaḥ
der Sohn der Kuh des Āditya selbst gilt als zum ältesten Sohn gemacht (Gen. + Nom. + Ppp. + Ppp.)
[Anm.: V.013cd ist genealogisch dunkel [?] - die genaue mythologische Beziehung (,ādityasya ... goḥ putro jyeṣṭhaḥ putraḥ kṛtaḥ', wörtlich ,der Sohn der Kuh des Āditya wurde zum ältesten Sohn gemacht') bleibt unklar und wird wörtlich, ohne Auflösung, wiedergegeben.]
Sieh den Palast der Vāruṇī, diesen ganz aus Gold; durch deren Erlangung wurden die Götter zu Suras, o Freund des Götterherrn.
Wort für Wort
bhavanaṃ paśya vāruṇyā
sieh den Palast der Vāruṇī (Akk. + Imperativ + Gen.)
yad etat sarvakāñcanam
diesen, ganz aus Gold (Akk. Sg., Bahuvrīhi)
yāṃ prāpya suratāṃ prāptāḥ surāḥ surapateḥ sakhe
durch deren Erlangung wurden die Götter zu Suras, o Freund des Götterherrn (Akk. + Ger. + Akk. + Nom. Pl. Ppp. + Vok.)
[Anm.: Anspielung auf den Mythos vom Milchozean-Quirlen: Vāruṇī (die Göttin des berauschenden Trankes) wurde von den Göttern angenommen, den Asuras (,Nicht-Suras') dagegen verweigert - daher, so die volksetymologische Deutung, ,Suras' (,die Vāruṇī Erlangenden').]
Dieser zügelt auch die Unzügelbaren unter den den Rākṣasas verbundenen Königen - der erstgeborene Stab, von Brahmā, dem Verkünder des Brahman, geschaffen.
Wort für Wort
aśāsyān api śāsti eṣa
dieser zügelt auch die Unzügelbaren (Akk. Pl. + 3. Sg. Präs. Akt. + Nom.)
rakṣobandhuṣu rājasu
unter den den Rākṣasas verbundenen Königen (Lok. Pl.)
sṛṣṭaḥ prathamajo daṇḍo brahmaṇā brahmavādinā
der erstgeborene Stab, von Brahmā, dem Verkünder des Brahman, geschaffen (Nom. Sg. Ppp. + Instr.)
[?] Das von diesem Schirm herabfallende, mondreine Wasser wird von Dunkelheit umfangen, so dass man es nicht mehr zu Gesicht bekommt.
Wort für Wort
chatrāt paribhraṣṭaṃ salilaṃ somanirmalam
das von diesem Schirm herabfallende, mondreine Wasser (Nom. Sg. Ppp. + Adj.)
tamasā mūrchitaṃ yāti
es wird von Dunkelheit umfangen (Instr. + Ppp. + 3. Sg. Präs. Akt.)
yena na ṛcchati darśanam
wodurch es nicht [mehr] zu Gesicht kommt (Instr. Rel. + Neg. + 3. Sg. Präs. + Akk.)
[Anm.: Die genaue Bildlogik von V.024 (,wird von Dunkelheit umfangen, so dass man es nicht mehr sieht') bleibt unsicher [?] - möglicherweise eine Anspielung darauf, dass das herabfallende Wasser sich sogleich mit dem übrigen, dunklen Ozean vermischt und so unsichtbar wird.]
bahūny adbhutarūpāṇi draṣṭavyānīha mātale tava kāryoparodhas tu tasmād gacchāva māciram
Vieles von wunderbarer Gestalt ist hier noch zu sehen, o Mātali; doch dein Anliegen soll nicht behindert werden - darum lass uns ohne Verzug gehen.“
Wort für Wort
bahūni adbhutarūpāṇi draṣṭavyāni iha mātale
vieles von wunderbarer Gestalt ist hier zu sehen, o Mātali (Nom. Pl. + Ger. + Vok.)
tava kāryoparodhas tu
doch dein Anliegen [soll] nicht [behindert werden] (Nom. Sg.)
tasmād gacchāva māciram
darum lass uns ohne Verzug gehen (Adv. + 1. Dual Präs. + Neg. Adv.)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende von Nāradas ausführlicher Führung durch Varuṇas Reich (seit V.010); die Rahmenrede Kaṇvas (SQ) bleibt weiterhin offen, die Erzählung wird im folgenden Kapitel fortgesetzt.]