Kapitel 166: Pāṇḍavarathasaṃkhyānam
Bhīṣmas Lobpreis der Pāṇḍava-Krieger
Bhīṣma beendet seine zornige Erwiderung an Karṇa (V.1-9) und fordert ihn zum Kampf gegen Arjuna auf. Auf Duryodhanas Bitte um eine Einschätzung der gegnerischen Wagenkämpfer (V.10-13) beginnt Bhīṣma eine ausführliche Lobrede auf die Pāṇḍava-Krieger: Yudhiṣṭhira, Bhīmasena, die Zwillinge Nakula und Sahadeva, gemeinsames Lob ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge seit der Kindheit, und schließlich ein überschwängliches Loblied auf Arjuna - seinen Wagenlenker Kṛṣṇa, den Bogen Gāṇḍīva, seine göttliche Rüstung und Waffenschätze mehrerer Götter, seinen früheren Sieg über die Dānavas von Hiraṇyapura - mit dem Schluss, dass nur Bhīṣma selbst oder Droṇa ihm überhaupt entgegentreten könnten, beide aber schon alt seien (V.14-37). Die Könige erschauern bei diesen Worten, sich an die erwiesene Kampfkraft der Pāṇḍavas erinnernd (V.38-39).
Bhīṣma sprach: „Übernommen ist diese meine sehr große, dem Ozean gleiche Last, für des Dhṛtarāṣṭra-Sohnes Sache im Kampf, über Jahresfolgen hinweg wohlbedacht.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Nom. Sg. + Perf. 3. Sg.)
samudyataḥ
übernommen (Nom. Sg. Past Part.)
ayam
diese (Nom. Sg.)
bhāraḥ
Last (Nom. Sg.)
me
meine (Gen. Sg.)
sumahān
sehr große (Nom. Sg.)
sāgaropamaḥ
dem Ozean gleiche (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
dhārtarāṣṭrasya
für des Dhṛtarāṣṭra-Sohnes (Gen. Sg.)
saṃgrāme
im Kampf (Loc. Sg.)
varṣapūgābhicintitaḥ
über Jahresfolgen hinweg bedacht (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
tasminn abhyāgate kāle pratapte lomaharṣaṇe mithobhedo na me kāryas tena jīvasi sūtaja
Wenn jene Zeit herangekommen ist, die glühende, haarsträubende, soll von mir keine Zwietracht [gestiftet] werden - deswegen lebst du noch, Sohn des Sūta.
na hy ahaṃ nādya vikramya sthaviro 'pi śiśos tava yuddhaśraddhāṃ raṇe chindyāṃ jīvitasya ca sūtaja
Denn ich könnte wohl, auch als Greis, heute mit Tapferkeit dir, dem Knaben, im Kampf die Kampfeslust und zugleich das Leben abschneiden, Sohn des Sūta.
Wort für Wort
na hi
denn (Partikel + Neg., aufgehoben durch zweites na)
Zwar loben die Guten dieses Eigenlob der eigenen Kraft nicht; doch ich werde, erhitzt vor Zorn, zu dir sprechen, du Niedriger, Schänder deines Geschlechts.
Die versammelte königliche Kriegerschaft beim Svayaṃvara des Königs von Kāśī habe ich besiegt, mit nur einem Wagen, und die Mädchen mit Kraft geraubt -
saṃjaya uvāca tam uvāca tato rājā dhārtarāṣṭro mahāmanāḥ mām avekṣasva gāṅgeya kāryaṃ hi mahad udyatam
Saṃjaya sprach: Darauf sprach zu ihm der hochherzige König, der Sohn des Dhṛtarāṣṭra: „Betrachte mich, Sohn der Gaṅgā - denn eine große Aufgabe steht bevor.
bhīmasenas tu rājendra ratho 'ṣṭaguṇasaṃmitaḥ nāgāyutabalo mānī tejasā na sa mānuṣaḥ
Bhīmasena aber, Indra der Könige, ist als Wagenkämpfer achtfach gerechnet, von der Kraft zehntausend Elefanten, stolz - an Kraft ist er kein Mensch mehr.
Wort für Wort
bhīmasenaḥ
Bhīmasena (Nom. Sg.)
tu
aber (Partikel)
rājendra
o Indra der Könige (Vok. Sg.)
rathaḥ
als Wagenkämpfer (Nom. Sg.)
aṣṭaguṇasaṃmitaḥ
achtfach gerechnet (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
nāgāyutabalaḥ
von der Kraft zehntausend Elefanten (Nom. Sg. Bahuvrīhi)
Scham-erfüllt, Tiger unter den Männern, wie Tiger von gewaltiger Kraft; an Schnelligkeit, im Schlagen, im Handgemenge sind alle übermenschlich; alle haben Erdherrscher besiegt bei der Eroberung der Himmelsrichtungen, Stier der Bharatas.
Wort für Wort
hrīmantaḥ
scham-erfüllt (Nom. Pl. Bahuvrīhi)
puruṣavyāghrāḥ
Tiger unter den Männern (Nom. Pl.)
vyāghrāḥ
Tiger (Nom. Pl.)
iva
wie (Partikel)
balotkaṭāḥ
von gewaltiger Kraft (Nom. Pl. Bahuvrīhi)
jave
an Schnelligkeit (Loc. Sg.)
prahāre
im Schlagen (Loc. Sg.)
saṃmarde
im Handgemenge (Loc. Sg.)
sarve
alle (Nom. Pl.)
eva
gewiss (Partikel)
atimānuṣāḥ
übermenschlich (Nom. Pl.)
sarve
alle (Nom. Pl.)
jitamahīpālāḥ
die Erdherrscher besiegt haben (Nom. Pl. Bahuvrīhi)
digjaye
bei der Eroberung der Himmelsrichtungen (Loc. Sg.)
na caiṣāṃ puruṣāḥ ke cid āyudhāni gadāḥ śarān viṣahanti sadā kartum adhijyāny api kaurava udyantuṃ vā gadāṃ gurvīṃ śarān vāpi prakarṣitum
Und keine anderen Männer vermögen es, deren Waffen - Keulen, Pfeile - zu ertragen, noch stets die Bogen zu spannen, Kaurava, noch die schwere Keule zu heben, noch die Pfeile bis zum Äußersten zu ziehen.
Wort für Wort
na
nicht (Neg.)
ca
und (Partikel)
eṣām
deren (Gen. Pl.)
puruṣāḥ
Männer (Nom. Pl.)
ke cit
irgendwelche (Nom. Pl.)
āyudhāni
Waffen (Akk. Pl.)
gadāḥ
Keulen (Akk. Pl.)
śarān
Pfeile (Akk. Pl.)
viṣahanti
vermögen zu ertragen (Präs. 3. Pl.)
sadā
stets (Adv.)
kartum
zu tun (Inf.)
adhijyāni
gespannt (Akk. Pl.)
api
auch (Partikel)
kaurava
o Kaurava (Vok. Sg.)
udyantum
zu heben (Inf.)
vā
oder (Partikel)
gadām
die Keule (Akk. Sg.)
gurvīm
schwere (Akk. Sg.)
śarān
Pfeile (Akk. Pl.)
vā api
oder auch (Partikel)
prakarṣitum
bis zum Äußersten zu ziehen (Inf.)
[?] Die genaue syntaktische Verbindung von 'viṣahanti...kartum' mit den Infinitiven ist im knappen Sanskrit-Text nicht ganz eindeutig; sinngemäß als Aussage gedeutet, dass kein anderer Krieger den Pāṇḍavas an Waffenführung gleichkommt.
na hi deveṣu vā pūrvaṃ dānaveṣūrageṣu vā rākṣaseṣv atha yakṣeṣu nareṣu kuta eva tu
Denn weder unter den Göttern einst, noch unter den Dānavas, den Schlangenwesen, den Rākṣasas, den Yakṣas, noch gar unter den Menschen gibt es einen solchen.
Weder ein vergangener noch ein zukünftiger Wagenkämpfer wurde von mir je gehört, o Großkönig, der so ausgestattet wäre wie der des weisen Sohnes der Pṛthā.
dānavānāṃ sahasrāṇi hiraṇyapuravāsinām hatāny ekarathenājau kas tasya sadṛśo rathaḥ
Tausende von Dānavas, den Bewohnern von Hiraṇyapura, wurden von ihm mit nur einem Wagen im Kampf erschlagen - wer ist ihm an Wagenkämpferschaft gleich?
Dieser könnte wohl, erzürnt, kraftvoll, von wahrer Tapferkeit, der Starkarmige, deine Streitmacht vernichten, während er zugleich die eigene beschützt.
ahaṃ cainaṃ pratyudiyām ācāryo vā dhanaṃjayam na tṛtīyo 'sti rājendra senayor ubhayor api ya enaṃ śaravarṣāṇi varṣantam udiyād rathī
Ich könnte diesem Dhanaṃjaya entgegentreten, oder der Lehrer; einen Dritten gibt es nicht, Indra der Könige, in beiden Heeren, der als Wagenkämpfer diesem, wenn er Pfeilregen niederregnen lässt, entgegentreten könnte.
jīmūta iva gharmānte mahāvātasamīritaḥ samāyuktas tu kaunteyo vāsudevasahāyavān taruṇaś ca kṛtī caiva jīrṇāv āvām ubhāv api
Wie eine Gewitterwolke am Ende der heißen Jahreszeit, von starkem Wind angetrieben, so ist der Sohn der Kuntī, ausgestattet, mit Vāsudeva als Beistand; jung ist er und geübt - wir beide aber sind alt.“
Saṃjaya sprach: Als sie dies von Bhīṣma gehört hatten, da erzitterten den Königen die mit goldenen Armreifen geschmückten, kräftigen, mit Sandelpaste gesalbten Arme.
Wort für Wort
saṃjayaḥ uvāca
Saṃjaya sprach (Nom. Sg. + Perf. 3. Sg.)
etat
dies (Akk. Sg.)
śrutvā
gehört habend (Absol.)
tu
als (Partikel)
bhīṣmasya
von Bhīṣma (Gen. Sg.)
rājñām
den Königen (Gen. Pl.)
dadhvaṃsire
erzitterten (Perf. Med. 3. Pl.)
tadā
da (Adv.)
kāñcanāṅgadinaḥ
mit goldenen Armreifen geschmückten (Nom. Pl. Bahuvrīhi)