Kapitel 41: Sanatsujāta-parva (1)
Übergang zur Sanatsujātīya: Vidura beruft den ewigen Weisen Sanatsujāta
Kurzes Übergangskapitel zwischen der abgeschlossenen Vidura-nīti und der berühmten Sanatsujātīya-Lehrrede: Dhṛtarāṣṭra fragt, ob Vidura noch mehr zu sagen habe; Vidura verweist auf den unsterblichen, ewig jungen Weisen Sanatsujāta, könne aber selbst, als Sohn einer Śūdra-Frau, das tiefste Geheimnis nicht aussprechen. Auf Dhṛtarāṣṭras Bitte hin ruft Vidura den Weisen durch bloße Gedankenkraft herbei (der Erzähler Vaiśaṃpāyana übernimmt hier kurz die Rahmenerzählung) und bittet ihn, Dhṛtarāṣṭras Zweifel - wie man über die Gegensatzpaare von Glück/Leid, Gewinn/Verlust, Alter/Tod usw. hinausgelangt - zu klären. Damit ist die Bühne für die eigentliche Sanatsujātīya-Lehre bereitet.
dhṛtarāṣṭra uvāca anuktaṃ yadi te kiṃ cid vācā vidura vidyate tan me śuśrūṣave brūhi vicitrāṇi hi bhāṣase
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Wenn es noch etwas gibt, Vidura, das du mit Worten nicht gesagt hast, so sage es mir, der ich zuhören will; denn du sprichst so mannigfaltige Dinge.‘
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca anuktaṃ yadi te kiṃ cid vācā vidura vidyate tan me śuśrūṣave brūhi vicitrāṇi hi bhāṣase
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Wenn es noch etwas gibt, Vidura, das du mit Worten nicht gesagt hast, so sage es mir, der ich zuhören will; denn du sprichst so mannigfaltige Dinge.‘
Mit dieser Frage beginnt der Übergang von der abgeschlossenen Vidura-nīti zur Sanatsujātīya-Episode.
Vidura sprach: ‚O Dhṛtarāṣṭra, es gibt einen ewig jungen, uralten, immerwährenden Weisen namens Sanatsujāta, der verkündet hat: der Tod existiert nicht, o Bhārata.
Vidura sprach: ‚O Dhṛtarāṣṭra, es gibt einen ewig jungen, uralten, immerwährenden Weisen namens Sanatsujāta, der verkündet hat: der Tod existiert nicht, o Bhārata.
dhṛtarāṣṭra uvāca kiṃ tvaṃ na veda tad bhūyo yan me brūyāt sanātanaḥ tvam eva vidura brūhi prajñāśeṣo 'sti cet tava
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Weißt du selbst nicht das, was mir der Ewige weiter sagen würde? Sprich du selbst, Vidura, wenn dir noch ein Rest an Weisheit bleibt.‘
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca kiṃ tvaṃ na veda tad bhūyo yan me brūyāt sanātanaḥ tvam eva vidura brūhi prajñāśeṣo 'sti cet tava
Dhṛtarāṣṭra sprach: ‚Weißt du selbst nicht das, was mir der Ewige weiter sagen würde? Sprich du selbst, Vidura, wenn dir noch ein Rest an Weisheit bleibt.‘
vidura uvāca śūdrayonāv ahaṃ jāto nāto 'nyad vaktum utsahe kumārasya tu yā buddhir veda tāṃ śāśvatīm aham
Vidura sprach: ‚Ich bin aus einem Śūdra-Schoß geboren, darum wage ich nicht, mehr zu sagen; doch welche Einsicht der ewig Junge hat, diese ewige Einsicht kenne ich immerhin.
Wort für Wort
vidura uvāca śūdrayonāv ahaṃ jāto nāto 'nyad vaktum utsahe kumārasya tu yā buddhir veda tāṃ śāśvatīm aham
Vidura sprach: ‚Ich bin aus einem Śūdra-Schoß geboren, darum wage ich nicht, mehr zu sagen; doch welche Einsicht der ewig Junge hat, diese ewige Einsicht kenne ich immerhin.
Vidura gilt der Überlieferung nach als Sohn einer Dienerin (Śūdra-Frau) und des Weisen Vyāsa; diese Herkunft begründet hier seine Selbstbescheidung.
brāhmīṃ hi yonim āpannaḥ suguhyam api yo vadet na tena garhyo devānāṃ tasmād etad bravīmi te
Denn wer einen Brahmanenschoß erlangt hat, mag auch das tiefste Geheimnis aussprechen, ohne dafür von den Göttern getadelt zu werden - darum sage ich dir dies.‘
Wort für Wort
brāhmīṃ hi yonim āpannaḥ suguhyam api yo vadet na tena garhyo devānāṃ tasmād etad bravīmi te
Denn wer einen Brahmanenschoß erlangt hat, mag auch das tiefste Geheimnis aussprechen, ohne dafür von den Göttern getadelt zu werden - darum sage ich dir dies.‘
vaiśaṃpāyana uvāca cintayām āsa viduras tam ṛṣiṃ saṃśitavratam sa ca tac cintitaṃ jñātvā darśayām āsa bhārata
Vaiśaṃpāyana sprach: Vidura richtete seine Gedanken auf jenen Weisen von scharfen Gelübden, und dieser, das Gedachte erkennend, ließ sich ihm erscheinen, o Bhārata.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca cintayām āsa viduras tam ṛṣiṃ saṃśitavratam sa ca tac cintitaṃ jñātvā darśayām āsa bhārata
Vaiśaṃpāyana sprach: Vidura richtete seine Gedanken auf jenen Weisen von scharfen Gelübden, und dieser, das Gedachte erkennend, ließ sich ihm erscheinen, o Bhārata.
bhagavan saṃśayaḥ kaś cid dhṛtarāṣṭrasya mānase yo na śakyo mayā vaktuṃ tam asmai vaktum arhasi yaṃ śrutvāyaṃ manuṣyendraḥ sukhaduḥkhātigo bhavet
‚Erhabener, im Geiste Dhṛtarāṣṭras liegt ein gewisser Zweifel, den ich ihm nicht zu erklären vermag; erkläre ihm diesen, auf dass dieser Herrscher der Menschen, ihn gehört habend, über Glück und Leid hinausgelange,
Wort für Wort
bhagavan saṃśayaḥ kaś cid dhṛtarāṣṭrasya mānase yo na śakyo mayā vaktuṃ tam asmai vaktum arhasi yaṃ śrutvāyaṃ manuṣyendraḥ sukhaduḥkhātigo bhavet
‚Erhabener, im Geiste Dhṛtarāṣṭras liegt ein gewisser Zweifel, den ich ihm nicht zu erklären vermag; erkläre ihm diesen, auf dass dieser Herrscher der Menschen, ihn gehört habend, über Glück und Leid hinausgelange,
lābhālābhau priyadveṣyau yathainaṃ na jarāntakau viṣaheran bhayāmarṣau kṣutpipāse madodbhavau aratiś caiva tandrī ca kāmakrodhau kṣayodayau
so dass Gewinn und Verlust, Liebes und Verhasstes ihn nicht mehr binden, und Alter und Tod, Furcht und Ungeduld, Hunger und Durst und die aus Rausch entstehenden Leidenschaften, Unlust und Trägheit, Begierde und Zorn, Schwinden und Wachsen ihn nicht zu überwältigen vermögen.‘
Wort für Wort
lābhālābhau priyadveṣyau yathainaṃ na jarāntakau viṣaheran bhayāmarṣau kṣutpipāse madodbhavau aratiś caiva tandrī ca kāmakrodhau kṣayodayau
so dass Gewinn und Verlust, Liebes und Verhasstes ihn nicht mehr binden, und Alter und Tod, Furcht und Ungeduld, Hunger und Durst und die aus Rausch entstehenden Leidenschaften, Unlust und Trägheit, Begierde und Zorn, Schwinden und Wachsen ihn nicht zu überwältigen vermögen.‘