Kapitel 93: Kṛṣṇa-Śāntiparva-Vākyam
Kṛṣṇas große Friedensrede vor der Versammlung
Vor der versammelten Kaurava-Hofgesellschaft hält Kṛṣṇa seine große, formelle Friedensrede an Dhṛtarāṣṭra: er rühmt das Kuru-Geschlecht, mahnt zur Zurückhaltung Duryodhanas, listet die unbesiegbaren Verbündeten der Pāṇḍavas auf und schildert eindringlich die Verwüstung eines Krieges. Er zitiert wörtlich die Botschaft, die ihm die Pāṇḍavas für Dhṛtarāṣṭra und die Versammlung aufgetragen haben - eine Erinnerung an das eingehaltene Exil-Abkommen und eine Mahnung an die Pflicht des Lehrers/Vaters gegenüber dem Schüler/Mündel. Abschließend fordert Kṛṣṇa in eigener Stimme die Herausgabe des väterlichen Erbteils und erinnert an Yudhiṣṭhiras unerschütterliche Dharma-Treue trotz der Demütigung Draupadīs. Die Versammlung ehrt die Rede in ihren Herzen, doch niemand wagt es, als Erster zu antworten.
‚Dass zwischen Kurus und Pāṇḍavas Friede werde, o Bhārata - dies ohne große Mühe der Helden zu erwirken, bin ich hierher gekommen.
Wort für Wort
kurūṇāṃ pāṇḍavānāṃ ca śamaḥ syāt
dass Friede zwischen Kurus und Pāṇḍavas werde (Opt. 3. Sg.)
aprayatnena
ohne Mühe, mühelos (Instr. Sg.)
vīrāṇām etat yatitum āgataḥ
gekommen, dies für die Helden zu erstreben (Nom. Sg. Ppp. + Inf.)
[Anm.: SQ öffnet hier - erste tatsächlich zitierte Rede Kṛṣṇas, nachdem V.001-002 nur die Ankündigung der Rede berichteten. ,aprayatnena' (,ohne Mühe') wird auf das erstrebte Ergebnis bezogen: Friede sei ohne große Mühe der Helden erreichbar, vgl. V.012 ,na duṣkaro hy atra śamaḥ' (,nicht schwierig ist hier der Friede').]
rājan nānyat pravaktavyaṃ tava niḥśreyasaṃ vacaḥ viditaṃ hy eva te sarvaṃ veditavyam ariṃdama
O König, es gibt kein anderes Wort, das dir zu deinem Heil zu sagen wäre; denn alles, was zu wissen ist, ist dir ja bereits bekannt, o Bezwinger der Feinde.
Wort für Wort
na anyat pravaktavyaṃ ... niḥśreyasaṃ vacaḥ
kein anderes zum Heil zu sprechendes Wort (Nom. Sg. Ger.)
viditam ... te sarvaṃ veditavyam
dir ist alles Wissenswerte bekannt (Nom. Sg. Ppp. + Ger.)
idam adya kulaṃ śreṣṭhaṃ sarvarājasu pārthiva śrutavṛttopasaṃpannaṃ sarvaiḥ samuditaṃ guṇaiḥ
Dieses Geschlecht ist heute das vorzüglichste unter allen Königsgeschlechtern, o Fürst, ausgestattet mit rechter Überlieferung und Wandel, mit allen Tugenden versehen,
Wort für Wort
idam ... kulaṃ śreṣṭham
dieses vorzüglichste Geschlecht (Nom. Sg.)
sarvarājasu
unter allen Königsgeschlechtern (Lok. Pl.)
śrutavṛttopasaṃpannam
mit Überlieferung und Wandel ausgestattet (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
sarvaiḥ samuditaṃ guṇaiḥ
mit allen Tugenden versehen (Nom. Sg. Ppp. + Instr.)
tvaṃ hi vārayitā śreṣṭhaḥ kurūṇāṃ kurusattama mithyā pracaratāṃ tāta bāhyeṣv ābhyantareṣu ca
Denn du bist der Beste, der die Kurus zurückhalten kann, o Vorzüglichster der Kurus, wenn sie sich trügerisch verhalten, o Lieber, sowohl gegen Außenstehende als auch gegen die Eigenen.
Wort für Wort
vārayitā śreṣṭhaḥ kurūṇāṃ
der beste Zurückhalter der Kurus (Nom. Sg. Nomen agentis)
mithyā pracaratāṃ
derer, die trügerisch handeln (Gen. Pl. Part. Präs.)
Von dir hängt der Friede ab, o König, und ebenso von mir, o Herr der Völker; halte du deine Söhne im Zaum, o Kaurava, ich werde die anderen im Zaum halten.
Wort für Wort
tvayi adhīnaḥ śamaḥ
von dir hängt der Friede ab (Nom. Sg. + Lok.)
putrān sthāpaya
halte deine Söhne fest, im Zaum (Imperativ 2. Sg. Kausativ von sthā)
sthāpayiṣyāmi ahaṃ parān
ich werde die anderen festhalten (1. Sg. Fut. Kausativ)
Denn dein Befehl, o König der Könige, ist von den Söhnen samt ihrem Gefolge zu befolgen; auch wenn es ihnen schwerfällt - mögen sie in deinem Gebot verharren.
Wort für Wort
ājñā tava ... kāryā
dein Befehl ist zu befolgen (Nom. Sg. fem. Ger.)
putraiḥ saha anvayaiḥ
von den Söhnen samt Gefolge (Instr. Pl.)
hitaṃ balavat api
auch wenn es schwerwiegend/schwer ist (Adv. + Part.)
tiṣṭhatāṃ tava śāsane
mögen sie in deinem Gebot verharren (3. Pl. Imperativ Akt. + Lok.)
Da du selbst das Ungeteilte erkennst, ordne es so an, o Herr der Völker, dass die Bharatas, vereint, dir allein gehören mögen, o Herrscher der Menschen.
Wort für Wort
svayaṃ niṣkalam ālakṣya
selbst das Ungeteilte/Ganze erkannt habend (Ger.)
saṃvidhatsva
ordne an (Imperativ 2. Sg. Med. von sam-vi-dhā)
sahabhūtāḥ ... bharatāḥ tava eva syuḥ
die vereinten Bharatas mögen dir allein gehören (Nom. Pl. + Opt.)
[Anm.: ,niṣkalam' (,ohne Teilung, ganz/ungeteilt') hier auf den Vorteil eines ungeteilten, geeinten Reiches bezogen.]
dharmārthayos tiṣṭha rājan pāṇḍavair abhirakṣitaḥ na hi śakyās tathābhūtā yatnād api narādhipa
Stehe fest in Dharma und Artha, o König, von den Pāṇḍavas beschützt; denn solche, wie sie sind, können auch mit Mühe nicht bezwungen werden, o Herrscher der Menschen.
Wort für Wort
dharmārthayoḥ tiṣṭha
stehe fest in Dharma und Artha (Lok. Dual + Imperativ)
pāṇḍavaiḥ abhirakṣitaḥ
von den Pāṇḍavas beschützt (Nom. Sg. Ppp.)
na śakyāḥ tathābhūtāḥ yatnād api
solche können auch mit Mühe nicht [bezwungen werden] (Neg. + Adj. + Abl.)
na hi tvāṃ pāṇḍavair jetuṃ rakṣyamāṇaṃ mahātmabhiḥ indro 'pi devaiḥ sahitaḥ prasaheta kuto nṛpāḥ
Denn dich, der du von den hochgesinnten Pāṇḍavas beschützt wirst, zu besiegen vermöchte nicht einmal Indra samt den Göttern - wieviel weniger andere Könige.
Wort für Wort
tvāṃ ... rakṣyamāṇaṃ mahātmabhiḥ
dich, der du beschützt wirst von den Hochgesinnten (Akk. Sg. Part. Präs. Pass.)
jetum
zu besiegen (Inf.)
indraḥ api devaiḥ sahitaḥ prasaheta
selbst Indra samt den Göttern vermöchte es (Opt. 3. Sg.)
etair hi sahitaḥ sarvaiḥ pāṇḍavaiḥ svaiś ca bhārata anyān vijeṣyase śatrūn eṣa svārthas tavākhilaḥ
Denn mit all diesen, den Pāṇḍavas und den eigenen Söhnen vereint, o Bhārata, wirst du andere Feinde besiegen - dies ist dein vollständiger eigener Vorteil.
Wort für Wort
etaiḥ sahitaḥ sarvaiḥ pāṇḍavaiḥ svaiḥ ca
mit all diesen, den Pāṇḍavas und den Eigenen, vereint (Nom. Sg. Ppp. + Instr. Pl.)
anyān vijeṣyase śatrūn
du wirst andere Feinde besiegen (2. Sg. Fut. Med.)
eṣa svārthaḥ tava akhilaḥ
dies ist dein vollständiger eigener Vorteil (Nom. Sg.)
tair evopārjitāṃ bhūmiṃ bhokṣyase ca paraṃtapa yadi saṃpatsyase putraiḥ sahāmātyair narādhipa
Und du wirst das von ihnen selbst erworbene Land genießen, o Bezwinger der Feinde, wenn du mit deinen Söhnen und Ministern übereinkommst, o Herrscher der Menschen.
Wort für Wort
taiḥ eva upārjitāṃ bhūmiṃ
das von ihnen selbst erworbene Land (Akk. Sg. Ppp.)
bhokṣyase
du wirst genießen (2. Sg. Fut. Med.)
saṃpatsyase putraiḥ saha amātyaiḥ
du wirst übereinkommen mit Söhnen und Ministern (2. Sg. Fut. Med. + Instr.)
In der Schlacht, o Großkönig, ist gewiss sehr großes Verderben zu erwarten; und bei Verderben auf beiden Seiten, o König, welchen Dharma siehst du darin?
Wort für Wort
saṃyuge dṛśyate sumahān kṣayaḥ
in der Schlacht ist sehr großes Verderben zu sehen (Lok. + 3. Sg. Präs. Pass.)
kṣaye ca ubhayataḥ
und bei Verderben auf beiden Seiten (Lok. + Adv.)
kaṃ dharmam anupaśyasi
welchen Dharma siehst du darin (Akk. + 2. Sg. Präs.)
pāṇḍavair nihataiḥ saṃkhye putrair vāpi mahābalaiḥ yad vindethāḥ sukhaṃ rājaṃs tad brūhi bharatarṣabha
Wenn die Pāṇḍavas in der Schlacht getötet wären, oder auch deine hochmächtigen Söhne - welches Glück du dann fändest, das sage mir, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
pāṇḍavaiḥ nihataiḥ saṃkhye
wenn die Pāṇḍavas in der Schlacht getötet wären (Instr. Pl. Ppp. + Lok.)
putraiḥ vā api mahābalaiḥ
oder auch die hochmächtigen Söhne (Instr. Pl.)
yat vindethāḥ sukhaṃ ... tat brūhi
welches Glück du fändest, das sage (2. Sg. Opt. Med. + Imperativ)
Wir möchten nicht sehen, wie alle Kurus und auch die Pāṇḍavas in der Schlacht dahinschwinden, tapfere Männer auf beiden Seiten, von Wagen herab durch Wagenkämpfer getötet.
Wort für Wort
na paśyema
wir möchten nicht sehen (1. Pl. Opt. Akt.)
kurūn sarvān pāṇḍavān ca eva
alle Kurus und auch die Pāṇḍavas (Akk. Pl.)
kṣīṇān ubhayataḥ śūrān
dahinschwindende tapfere Männer auf beiden Seiten (Akk. Pl. Ppp.)
rathebhyo rathibhiḥ hatān
von Wagen herab durch Wagenkämpfer getötet (Akk. Pl. Ppp.)
Rette, o König, diese Welt; nicht mögen diese Geschöpfe zugrunde gehen; wenn du zu deiner natürlichen Haltung zurückkehrst, o Freude der Kurus, mag alles erhalten bleiben.
Wort für Wort
trāhi ... imaṃ lokaṃ
rette diese Welt (Imperativ + Akk.)
na naśyeyuḥ imāḥ prajāḥ
nicht mögen diese Geschöpfe zugrunde gehen (Neg. + Opt.)
tvayi prakṛtim āpanne
wenn du zu deiner natürlichen Haltung zurückkehrst (Lok. Sg. absol. Ppp.)
śeṣaṃ syāt
mag ein Rest/alles erhalten bleiben (Nom. Sg. + Opt.)
hārdaṃ yat pāṇḍaveṣv āsīt prāpte 'sminn āyuṣaḥ kṣaye tad eva te bhavatv adya śaśvac ca bharatarṣabha
Die Zuneigung, die du einst für die Pāṇḍavas hegtest, möge, nun da diese Lebenszeit sich neigt, heute wieder die deine sein, und immerdar, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
hārdaṃ yat pāṇḍaveṣu āsīt
die Zuneigung, die für die Pāṇḍavas bestand (Nom. Sg. + 3. Sg. Ipf.)
prāpte asmin āyuṣaḥ kṣaye
nun da diese Lebenszeit sich neigt (Lok. Sg. absol.)
tad eva te bhavatu adya śaśvac ca
dies möge heute und immerdar die deine sein (Imperativ 3. Sg.)
bālā vihīnāḥ pitrā te tvayaiva parivardhitāḥ tān pālaya yathānyāyaṃ putrāṃś ca bharatarṣabha
Als Kinder ihres Vaters beraubt, wurden sie von dir selbst großgezogen; behüte sie und auch deine eigenen Söhne, wie es dem Recht entspricht, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
bālāḥ vihīnāḥ pitrā
als Kinder des Vaters beraubt (Nom. Pl. Ppp. + Instr.)
tvayā eva parivardhitāḥ
von dir selbst großgezogen (Nom. Pl. Ppp.)
tān pālaya yathānyāyaṃ
behüte sie, wie es dem Recht entspricht (Imperativ + Adv.)
Die Pāṇḍavas lassen dir, o König, nach Gruß und Bitte um Gnade, sagen: „Auf dein Geheiß haben wir, samt unseren Gefolgsleuten, Leid erduldet.
Wort für Wort
āhuḥ tvāṃ pāṇḍavāḥ
die Pāṇḍavas lassen dir sagen (3. Pl. Perf. Akt.)
abhivādya prasādya ca
gegrüßt und um Gnade gebeten habend (Ger.)
bhavataḥ śāsanād
auf dein Geheiß (Abl. Sg.)
duḥkham anubhūtaṃ sahānugaiḥ
Leid erduldet, samt den Gefolgsleuten (Akk. Sg. Ppp. + Instr.)
[Anm.: CQ öffnet hier - Kṛṣṇa zitiert innerhalb seiner eigenen (SQ-)Rede wörtlich die Botschaft, die ihm die Pāṇḍavas für Dhṛtarāṣṭra aufgetragen haben; dies bildet die zweite Zitatebene.]
sthātā naḥ samaye tasmin piteti kṛtaniścayāḥ nāhāsma samayaṃ tāta tac ca no brāhmaṇā viduḥ
Wir werden zu jener Abmachung stehen - so lautete unser fester Entschluss, o Vater; wir haben die Abmachung nicht gebrochen, und dies wissen auch die Brahmanen von uns.
Wort für Wort
sthātā naḥ samaye tasmin
wir werden zu jener Abmachung stehen (Fut. Part. + Lok.)
kṛtaniścayāḥ
festen Entschlusses (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
na ahāsma samayaṃ
wir haben die Abmachung nicht verlassen/gebrochen (Neg. + 1. Pl. Ipf. Akt. von hā)
tac ca no brāhmaṇāḥ viduḥ
und dies wissen die Brahmanen von uns (3. Pl. Perf. Akt. von vid)
Stehe du zu jener Abmachung mit uns, die wir sie eingehalten haben, o Stier der Bharatas; stets geplagt, möchten wir, o König, unseren Königsanteil erhalten.
Wort für Wort
tasmin naḥ samaye tiṣṭha
stehe zu jener Abmachung mit uns (Lok. + Imperativ)
sthitānāṃ
derer, die [dabei] geblieben sind (Gen. Pl. Ppp.)
nityaṃ saṃkleśitāḥ
stets geplagt (Nom. Pl. Ppp.)
svarājyāṃśaṃ labhemahi
wir möchten unseren Königsanteil erhalten (Akk. Sg. + 1. Pl. Opt. Med.)
Vom Vater müssen wir, sollten wir vom rechten Weg abgekommen sein, zurechtgewiesen werden; führe uns auf die rechten Pfade zurück, bleibe du, o König, auf deinem eigenen Weg.
Wort für Wort
pitrā sthāpayitavyāḥ hi vayam
vom Vater müssen wir zurechtgewiesen werden (Instr. + Ger. + Nom. Pl.)
utpatham āsthitāḥ
sollten wir vom rechten Weg abgekommen sein (Akk. Sg. + Nom. Pl. Ppp.)
saṃsthāpaya pathiṣu asmān
führe uns auf die Pfade zurück (Imperativ Kausativ + Lok. + Akk.)
Und deine Söhne sprechen zu dieser Versammlung, o Stier der Bharatas: Unter dharmakundigen Sitzenden ist dies hier nicht angemessen, nicht geziemend.
Wort für Wort
āhuḥ ca imāṃ pariṣadaṃ putrāḥ te
und deine Söhne sprechen zu dieser Versammlung (3. Pl. Perf. Akt. + Akk.)
dharmajñeṣu sabhāsatsu
unter dharmakundigen Sitzenden (Lok. Pl.)
na iha yuktam asāṃpratam
hier ist [Unrecht] nicht angemessen, nicht geziemend (Neg. + Adj.)
[Anm.: ,putrāḥ te' (,deine Söhne') bezeichnet, wie schon in V.038f., die Pāṇḍavas als von Dhṛtarāṣṭra aufgezogene Mündel. Das erneute ,āhuḥ' (,sie sprechen') markiert keinen neuen CQ-Rahmen, sondern setzt, wie ein wiederholtes ,X uvāca' desselben Sprechers, die bereits in V.040 eröffnete zitierte Botschaft der Pāṇḍavas fort - nun an die Versammlung gerichtet statt an den König allein.]
viddho dharmo hy adharmeṇa sabhāṃ yatra prapadyate na cāsya śalyaṃ kṛntanti viddhās tatra sabhāsadaḥ dharma etān ārujati yathā nady anukūlajān
Wo Dharma, von Adharma durchbohrt, in die Versammlung eintritt und man den Splitter aus ihm nicht herauszieht, dort werden die Versammlungsmitglieder, selbst verwundet, von ihm zerstört - wie ein Fluss die an seinem Ufer wachsenden Bäume entwurzelt.
Wort für Wort
viddhaḥ dharmaḥ adharmeṇa ... prapadyate
Dharma, von Adharma durchbohrt, tritt ein (Nom. Sg. Ppp. + 3. Sg. Präs. Med.)
na ca asya śalyaṃ kṛntanti
und man zieht seinen Splitter nicht heraus (Neg. + Akk. + 3. Pl. Präs. Akt.)
viddhāḥ tatra sabhāsadaḥ
dort sind die Versammlungsmitglieder verwundet (Nom. Pl. Ppp.)
dharma etān ārujati yathā nadī anukūlajān
Dharma zerstört sie, wie ein Fluss die am Ufer Geborenen [entwurzelt] (3. Sg. Präs. Akt. + Vergleich)
die sprechen Wahrheit, Dharma und Rechtes (3. Pl. Perf. Akt.)
[Anm.: CQ schließt hier - Ende der in V.040 eröffneten, durchgehenden zitierten Botschaft der Pāṇḍavas an Dhṛtarāṣṭra und die Versammlung. Ab V.051 kehrt die Rede erkennbar zu Kṛṣṇas eigener Stimme zurück (,bravīmy aham' - ,ich spreche').]
śakyaṃ kim anyad vaktuṃ te dānād anyaj janeśvara bruvantu vā mahīpālāḥ sabhāyāṃ ye samāsate dharmārthau saṃpradhāryaiva yadi satyaṃ bravīmy aham
Was anderes könnte ihnen gesagt werden als das Geben ihres Anteils, o Herr der Menschen? Oder mögen die Könige, die in der Versammlung sitzen, selbst sprechen - wenn ich, nach reiflicher Erwägung von Dharma und Artha, die Wahrheit sage.
Wort für Wort
śakyaṃ kim anyad vaktuṃ te dānād anyat
was anderes könnte ihnen gesagt werden als das Geben (Nom. Sg. + Inf. + Abl.)
bruvantu vā mahīpālāḥ sabhāyāṃ ye samāsate
oder mögen die in der Versammlung sitzenden Könige sprechen (3. Pl. Imperativ + Lok.)
Befreie diese Kṣatriyas aus der Schlinge des Todes, o Stier der Kṣatriyas; sei besänftigt, o Vorzüglichster der Bharatas, gerate nicht in die Gewalt des Zorns.
Wort für Wort
pramuñca imān mṛtyupāśāt kṣatriyān
befreie diese Kṣatriyas aus der Schlinge des Todes (Imperativ + Abl. + Akk.)
praśāmya
sei besänftigt, werde ruhig (Imperativ von pra-śam)
mā manyuvaśam anvagāḥ
gerate nicht in die Gewalt des Zorns (Neg. Aor. Inj.)
Gib den Pāṇḍavas ihren väterlichen Anteil, wie es sich gebührt; dann genieße, mit deinen Söhnen, dein Ziel erreicht, die Genüsse, o Bezwinger der Feinde.
Du kennst Ajātaśatru, der stets im Dharma der Guten steht, und das Verhalten, das er dir samt deinen Söhnen gegenüber bewahrt, o Herrscher der Menschen.
sa tatra nivasan sarvān vaśam ānīya pārthivān tvanmukhān akarod rājan na ca tvām atyavartata
Dort wohnend brachte er alle Könige unter seine Botmäßigkeit und machte sie dir zugewandt, o König, und er überschritt dich nicht in seiner Ehrerbietung.
Wort für Wort
tatra nivasan
dort wohnend (Part. Präs. Akt.)
sarvān vaśam ānīya pārthivān
alle Könige unter seine Botmäßigkeit gebracht habend (Ger. + Akk.)
tvanmukhān akarot
er machte sie dir zugewandt (Kausativ 3. Sg. Ipf.)
na ca tvām atyavartata
und er überschritt dich nicht (Neg. + 3. Sg. Ipf. Med.)
sa tām avasthāṃ saṃprāpya kṛṣṇāṃ prekṣya sabhāgatām kṣatradharmād ameyātmā nākampata yudhiṣṭhiraḥ
Als er in jene Lage geraten war und Kṛṣṇā in die Versammlung geschleppt sah, wankte Yudhiṣṭhira von unermesslicher Seele doch nicht vom Kṣatriya-Dharma.
Wort für Wort
tām avasthāṃ saṃprāpya
in jene Lage geraten (Ger. + Akk.)
kṛṣṇāṃ prekṣya sabhāgatām
Kṛṣṇā (Draupadī), in die Versammlung gebracht, gesehen habend (Ger. + Akk. Ppp.)
kṣatradharmād ... nākampata
er wankte nicht vom Kṣatriya-Dharma (Abl. + Neg. 3. Sg. Ipf. Med.)
ameyātmā yudhiṣṭhiraḥ
Yudhiṣṭhira von unermesslicher Seele (Nom. Sg., Bahuvrīhi)
[Anm.: ,Kṛṣṇā' bezeichnet hier Draupadī (fem. Form von ,Kṛṣṇa'), Anspielung auf ihre Schändung in der Würfelspiel-Versammlung (Kap.61 u.ö.).]
Die Pārthas stehen bereit, zu gehorchen, und stehen bereit, zu kämpfen, die Bezwinger der Feinde; was für dich das Zuträglichste ist, o König, dabei bleibe, o Bezwinger der Feinde.‘
Wort für Wort
sthitāḥ śuśrūṣituṃ pārthāḥ
die Pārthas stehen bereit zu gehorchen (Nom. Pl. Ppp. + Inf.)
sthitāḥ yoddhum ariṃdamāḥ
stehen bereit zu kämpfen, die Feindebezwinger (Nom. Pl. Ppp. + Inf.)
yat te pathyatamaṃ ... tasmin tiṣṭha
bleibe bei dem, was für dich am zuträglichsten ist (Nom. + Lok. + Imperativ)
[Anm.: SQ schließt hier final - Kṛṣṇas große Friedensrede endet, die in V.003 begonnen hatte.]