Kapitel 110: Gālavasya Vyathā
Gālavas Angst während des Flugs
Gālava bittet Garuḍa, ihn zunächst nach Osten zu führen, um die Götter zu sehen; Garuḍa fordert ihn auf, aufzusitzen. Während des rasenden Flugs überwältigen Gālava Schwindel und Sinnestäuschungen - er sieht Meere, Wälder und Berge vorbeiziehen, hört nur noch das Tosen des Ozeans, verliert Sicht und Orientierung, sieht Feuer aus dem Wasser steigen, und bittet verzweifelt um Umkehr, da er ohnehin keinen Weg sieht, die 800 geforderten Pferde zu beschaffen, und erwägt, sein Leben aufzugeben. Garuḍa erwidert lachend, Gālava solle nicht vorschnell verzweifeln, da die Zeit selbst der höchste Herr sei, und schlägt vor, auf dem Berg Ṛṣabha im Ozean zu rasten, bevor sie nach einem Ausweg suchen.
Gālava sprach: Garutman, Feind der Schlangenfürsten, Suparṇa, Sohn der Vinatā (Nom. + 3. Sg. Perf. + Vok. + Vok. + Vok. + Vok.)
naya māṃ tārkṣya pūrveṇa yatra dharmasya cakṣuṣī
führe mich, Tārkṣya, ostwärts, wo die beiden Augen des Dharma sind (Imperativ + Akk. + Vok. + Instr. + Adv. + Gen. + Nom. Dual)
[Anm.: Garuḍas seit Kap.105 durchgehend offene Rede schließt hier implizit (kein 'iti' im Sanskrit; der Sprecherwechsel wird durch 'gālava uvāca' markiert) - anschließend beginnt Gālavas eigene, neue Rede innerhalb von Nāradas Rahmenerzählung.]
atra satyaṃ ca dharmaś ca tvayā samyak prakīrtitaḥ iccheyaṃ tu samāgantuṃ samastair daivatair aham bhūyaś ca tān surān draṣṭum iccheyam aruṇānuja
Dort hast du Wahrheit und Recht zutreffend verkündet; ich wünsche mit allen Göttern zusammenzukommen, und ich wünsche jene Götter wiederzusehen, o jüngerer Bruder des Aruṇa.“
Wort für Wort
atra satyaṃ ca dharmaḥ ca tvayā samyak prakīrtitaḥ
dort sind Wahrheit und Recht von dir zutreffend verkündet worden (Adv. + Nom. + Partikel + Nom. + Partikel + Instr. + Adv. + Nom. Sg. Ppp.)
iccheyaṃ tu samāgantuṃ samastaiḥ daivataiḥ aham bhūyaḥ ca tān surān draṣṭum iccheyam aruṇānuja
ich wünsche mit allen Göttern zusammenzukommen, und ich wünsche jene Götter wiederzusehen, o jüngerer Bruder des Aruṇa (1. Sg. Opt. + Partikel + Inf. + Instr. Pl. + Instr. Pl. + Nom. + Adv. + Partikel + Akk. Pl. + Akk. Pl. + Inf. + 1. Sg. Opt. + Vok.)
nārada uvāca tam āha vinatāsūnur ārohasveti vai dvijam ārurohātha sa munir garuḍaṃ gālavas tadā
Nārada sprach: Vinatās Sohn sagte zu jenem Zweimalgeborenen: „Besteige mich!“, und da bestieg der Weise Gālava den Garuḍa.
Wort für Wort
nārada uvāca tam āha vinatāsūnuḥ ārohasva iti vai dvijam
Nārada sprach: Vinatās Sohn sagte zu jenem Zweimalgeborenen: ,Besteige mich!' (Nom. + 3. Sg. Perf. + Akk. + 3. Sg. Perf. + Nom. + Imperativ + Partikel + Partikel + Akk.)
ārurohātha saḥ muniḥ garuḍaṃ gālavaḥ tadā
und da bestieg der Weise Gālava den Garuḍa (3. Sg. Perf. + Adv. + Nom. + Nom. + Akk. + Nom. + Adv.)
[Anm.: 'nārada uvāca' erscheint hier erneut - Fortsetzung von Nāradas ununterbrochener Rahmenerzählung (SQ bleibt offen); Garuḍas kurzer Befehl bildet eine eigene, kurze CQ-Ebene innerhalb der Narration.]
Gālava sprach: „Während du dahinschreitest, o Schlangenfresser, erscheint deine Gestalt wie die der Sonne, des tausendstrahligen Vivasvat, am Vormittag.
Wort für Wort
kramamāṇasya te rūpaṃ dṛśyate pannagāśana
während du dahinschreitest, erscheint deine Gestalt, o Schlangenfresser (Gen. Sg. Part. Präs. + Gen. + Nom. + 3. Sg. Präs. Pass. + Vok.)
bhāskarasya iva pūrvāhṇe sahasrāṃśoḥ vivasvataḥ
wie die der Sonne, des tausendstrahligen Vivasvat, am Vormittag (Gen. + Vergleich + Lok. + Gen. + Gen.)
der vom Wind deiner Flügel fortgetriebenen, dir folgenden Bäume, als ob aufgebrochen (Gen. Pl., Bahuvrīhi + Gen. Pl. + Gen. Pl. Part. Präs. + Gen. Pl. Ppp. + Vergleich)
samaṃ paśyāmi iha gatiṃ khaga
sehe ich hier gleichsam ihre Bahn, o Vogel (Adv. + 1. Sg. Präs. + Adv. + Akk. + Vok.)
Die Erde mit ihren Ozeanen und Wäldern, mit ihren Bergen, Hainen und Dickichten, scheinst du, o Himmelswanderer, mit dem Wind deiner Flügel gleichsam hinter dir herzuziehen.
Wort für Wort
sasāgaravanām urvīṃ saśailavanakānanām
die Erde mit ihren Ozeanen und Wäldern, mit ihren Bergen, Hainen und Dickichten (Akk., Bahuvrīhi + Akk. + Akk., Bahuvrīhi)
ākarṣan iva ca ābhāsi pakṣavātena khecara
scheinst du sie gleichsam hinter dir herzuziehen mit dem Wind deiner Flügel, o Himmelswanderer (Nom. Sg. Part. Präs. + Vergleich + Partikel + 2. Sg. Präs. + Instr. + Vok.)
samīnanāganakraṃ ca kham ivāropyate jalam vāyunā caiva mahatā pakṣavātena cāniśam
Und das Wasser mit seinen Fischen, Schlangenfischen und Krokodilen scheint unaufhörlich, gleichsam zum Himmel emporgehoben, durch den gewaltigen Wind sowie durch den Wind deiner Flügel.
Wort für Wort
samīnanāganakraṃ ca kham iva āropyate jalam
und das Wasser mit seinen Fischen, Schlangen und Krokodilen scheint zum Himmel emporgehoben (Akk., Bahuvrīhi + Partikel + Akk. + Vergleich + 3. Sg. Präs. Pass. + Nom.)
vāyunā ca eva mahatā pakṣavātena ca aniśam
durch den gewaltigen Wind sowie durch den Wind deiner Flügel, unaufhörlich (Instr. + Partikel + Partikel + Instr. + Instr. + Partikel + Adv.)
tulyarūpānanān matsyāṃs timimatsyāṃs timiṃgilān nāgāṃś ca naravaktrāṃś ca paśyāmy unmathitān iva
Ich sehe Fische von gleicher Gestalt und gleichem Antlitz, Timi-Fische, Timiṅgilas, sowie Schlangen mit Menschengesichtern, wie aufgewühlt.
Wort für Wort
tulyarūpānanān matsyān timimatsyān timiṃgilān
Fische von gleicher Gestalt und Antlitz, Timi-Fische, Timiṅgilas (Akk. Pl., Bahuvrīhi + Akk. Pl. + Akk. Pl. + Akk. Pl.)
nāgān ca naravaktrān ca paśyāmi unmathitān iva
und Schlangen mit Menschengesichtern sehe ich, wie aufgewühlt (Akk. Pl. + Partikel + Akk. Pl., Bahuvrīhi + Partikel + 1. Sg. Präs. + Akk. Pl. Ppp. + Vergleich)
mahārṇavasya ca ravaiḥ śrotre me badhirīkṛte na śṛṇomi na paśyāmi nātmano vedmi kāraṇam
Und durch das Tosen des großen Ozeans sind meine beiden Ohren betäubt; ich höre nicht, ich sehe nicht, und ich kenne nicht einmal die Ursache meines eigenen Zustands.
Wort für Wort
mahārṇavasya ca ravaiḥ śrotre me badhirīkṛte
und durch das Tosen des großen Ozeans sind meine beiden Ohren betäubt (Gen. + Partikel + Instr. Pl. + Nom. Dual + Gen. + Nom. Dual Ppp.)
na śṛṇomi na paśyāmi na ātmanaḥ vedmi kāraṇam
ich höre nicht, ich sehe nicht, ich kenne nicht einmal die Ursache meines eigenen Zustands (Neg. + 1. Sg. Präs. + Neg. + 1. Sg. Präs. + Neg. + Gen. + 1. Sg. Präs. + Akk.)
śanaiḥ sādhu bhavān yātu brahmahatyām anusmaran na dṛśyate ravis tāta na diśo na ca khaṃ khaga
Fliege langsam und behutsam, eingedenk der Sünde des Brahmanenmords; ich sehe weder die Sonne, o Teurer, noch die Himmelsrichtungen, noch den Himmel selbst, o Vogel.
Wort für Wort
śanaiḥ sādhu bhavān yātu brahmahatyām anusmaran
fliege langsam und behutsam, eingedenk der Sünde des Brahmanenmords (Instr. + Adv. + Nom. + 3. Sg. Imp. + Akk. + Nom. Sg. Part. Präs.)
na dṛśyate raviḥ tāta na diśaḥ na ca khaṃ khaga
weder die Sonne ist zu sehen, o Teurer, noch die Richtungen, noch der Himmel, o Vogel (Neg. + 3. Sg. Präs. Pass. + Nom. + Vok. + Neg. + Nom. Pl. + Neg. + Partikel + Nom. + Vok.)
śarīre tu na paśyāmi tava caivātmanaś ca ha pade pade tu paśyāmi salilād agnim utthitam
Weder deinen Körper sehe ich noch meinen eigenen; doch bei jedem Schritt sehe ich Feuer aus dem Wasser emporsteigen.
Wort für Wort
śarīre tu na paśyāmi tava ca eva ātmanaḥ ca ha
weder deinen Körper sehe ich noch meinen eigenen (Akk. Dual + Partikel + Neg. + 1. Sg. Präs. + Gen. + Partikel + Partikel + Gen. + Partikel + Partikel)
pade pade tu paśyāmi salilāt agnim utthitam
doch bei jedem Schritt sehe ich Feuer aus dem Wasser emporsteigen (Lok. + Lok. + Partikel + 1. Sg. Präs. + Abl. + Akk. + Akk. Sg. Ppp.)
na me prayojanaṃ kiṃ cid gamane pannagāśana saṃnivarta mahāvega na vegaṃ viṣahāmi te
Ich habe kein Bedürfnis mehr weiterzureisen, o Schlangenfresser; kehre um, du von gewaltiger Geschwindigkeit - ich ertrage deine Geschwindigkeit nicht.
Wort für Wort
na me prayojanaṃ kiṃ cit gamane pannagāśana
ich habe kein Bedürfnis mehr weiterzureisen, o Schlangenfresser (Neg. + Gen. + Nom. + Partikel + Lok. + Vok.)
saṃnivarta mahāvega na vegaṃ viṣahāmi te
kehre um, du von gewaltiger Geschwindigkeit - ich ertrage deine Geschwindigkeit nicht (Imperativ + Vok., Bahuvrīhi + Neg. + Akk. + 1. Sg. Präs. + Gen.)
naiva me 'sti dhanaṃ kiṃ cin na dhanenānvitaḥ suhṛt na cārthenāpi mahatā śakyam etad vyapohitum
Ich besitze überhaupt kein Vermögen, noch habe ich einen vermögenden Freund; auch mit noch so großem Reichtum lässt sich diese Schuld nicht tilgen.“
Wort für Wort
na eva me asti dhanam kiṃ cit na dhanena anvitaḥ suhṛt
ich besitze überhaupt kein Vermögen, noch habe ich einen vermögenden Freund (Neg. + Partikel + Gen. + 3. Sg. Präs. + Nom. + Partikel + Neg. + Instr. + Nom. Sg. Ppp. + Nom.)
na ca arthena api mahatā śakyam etat vyapohitum
auch mit noch so großem Reichtum lässt sich diese Schuld nicht tilgen (Neg. + Partikel + Instr. + Partikel + Instr. + Nom. + Nom. + Inf.)
nārada uvāca evaṃ bahu ca dīnaṃ ca bruvāṇaṃ gālavaṃ tadā pratyuvāca vrajann eva prahasan vinatātmajaḥ
Nārada sprach: Dem Gālava, der so viel und so kläglich sprach, erwiderte da, noch im Fluge lachend, der Sohn der Vinatā.
Wort für Wort
nārada uvāca evaṃ bahu ca dīnaṃ ca bruvāṇaṃ gālavaṃ tadā
Nārada sprach: dem Gālava, der so viel und so kläglich sprach (Nom. + 3. Sg. Perf. + Adv. + Akk. + Partikel + Akk. + Partikel + Akk. Sg. Part. Präs. + Akk. + Adv.)
pratyuvāca vrajan eva prahasan vinatātmajaḥ
erwiderte da, noch im Fluge lachend, der Sohn der Vinatā (3. Sg. Perf. + Nom. Sg. Part. Präs. + Partikel + Nom. Sg. Part. Präs. + Nom.)
[Anm.: 'nārada uvāca' erscheint hier erneut, Fortsetzung von Nāradas Rahmenerzählung (SQ bleibt offen); Gālavas lange Rede (offen seit V.005) ist bereits am Ende von V.018 geschlossen worden, bevor Garuḍas Erwiderung in V.020 als neue CQ-Ebene beginnt.]