Kapitel 186: Yuddhavirāmaḥ
Das Ende des Zweikampfs: Die Ahnen halten Rāma zurück
Bhīṣma erzählt weiter: Als er die Prasvāpa-Waffe einsetzen will, ruft eine Stimme vom Himmel ihn zurück - Nārada und die Götter verbieten den Einsatz, da Rāma ein Brahmane und Bhīṣmas Lehrer sei. Bhīṣma zieht die Waffe zurück und setzt stattdessen die Brahmā-Waffe ein. Rāma, empört über den Rückzug seiner eigenen Waffe, wird von seinen Ahnen (Vater Jamadagni und weiteren Vorfahren, angeführt von Ṛcīka, zusammen mit Nārada) bestürmt, den Kampf zu beenden - sie erklären ihm, dass Bhīṣma ein Vasu sei und ohnehin vorbestimmt sei, dereinst nur durch Arjuna (Nara) zu sterben. Rāma weigert sich zunächst standhaft, seinem kriegerischen Gelübde untreu zu werden, gibt aber schließlich dem Drängen seiner Ahnen nach und legt die Waffen nieder. Bhīṣma und Rāma versöhnen sich in gegenseitiger Achtung; Rāma erklärt sich zufrieden und ruft dann, mit kläglicher Stimme, Ambā zu sich, um ihr - im Beisein aller - eine Botschaft zu verkünden.
bhīṣma uvāca tato halahalāśabdo divi rājan mahān abhūt prasvāpaṃ bhīṣma mā srākṣīr iti kauravanandana
Bhīṣma sprach weiter: Da sei am Himmel ein gewaltiger Tumultschrei entstanden, o König, des Inhalts, ich solle die Prasvāpa-Waffe nicht abschießen, o Sohn der Kauravas.
Wort für Wort
bhīṣmaḥ uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.)
tataḥ
dann (Adv.)
halahalāśabdaḥ
ein Tumultschrei (Nom. Sg.)
divi
am Himmel (Lok. Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
mahān
gewaltig (Nom. Sg.)
abhūt
er entstand (Impf. 3.Sg.)
prasvāpam
die Prasvāpa-Waffe (Akk. Sg.)
bhīṣma
o Bhīṣma (Vok. Sg.)
mā srākṣīḥ
du sollst nicht abschießen (Inj. 2.Sg.)
iti
so (Zitatpartikel)
kauravanandana
o Sohn der Kauravas (Vok. Sg.)
[?] Der Himmelsruf sowie die folgenden Reden Nāradas, der acht Weisen und der Ahnen Rāmas (V.001-032) bleiben durchgehend indirekt wiedergegeben, da sie innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung liegen.
ete viyati kauravya divi devagaṇāḥ sthitāḥ te tvāṃ nivārayanty adya prasvāpaṃ mā prayojaya
Er habe gesagt, diese Scharen der Götter, die dort am Himmel im Luftraum stünden, o Kaurava, hielten ihn heute zurück; er solle die Prasvāpa-Waffe nicht einsetzen.
tato 'paśyaṃ diviṣṭhān vai tān aṣṭau brahmavādinaḥ te māṃ smayanto rājendra śanakair idam abruvan
Dann habe ich jene acht im Himmel weilenden, brahma-kundigen Brahmanen erblickt; sie hätten mich, lächelnd, o Herrscher der Könige, sanft mit diesen Worten angesprochen.
tato rāmo ruṣito rājaputra; dṛṣṭvā tad astraṃ vinivartitaṃ vai jito 'smi bhīṣmeṇa sumandabuddhir; ity eva vākyaṃ sahasā vyamuñcat
Da habe Rāma, o Königssohn, zornig, als er sah, dass jene Waffe zurückgezogen worden war, plötzlich die Worte ausgestoßen, er, von schwachem Verstand, sei von Bhīṣma besiegt worden.
tato 'paśyat pitaraṃ jāmadagnyaḥ; pitus tathā pitaraṃ tasya cānyam ta evainaṃ saṃparivārya tasthur; ūcuś cainaṃ sāntvapūrvaṃ tadānīm
Dann habe der Sohn des Jamadagni seinen Vater erblickt, ebenso den Vater seines Vaters, und noch einen anderen; sie hätten ihn umringt und ihn da mit tröstenden Worten angesprochen.
Sie hätten gesagt, er solle, mein Kind, keinesfalls je wieder eine solche Gewalttat begehen, mit Bhīṣma in den Kampf zu ziehen, zumal mit einem Kṣatriya.
kṣatriyasya tu dharmo 'yaṃ yad yuddhaṃ bhṛgunandana svādhyāyo vratacaryā ca brāhmaṇānāṃ paraṃ dhanam
Dies, der Kampf, sei die Pflicht des Kṣatriya, Sohn des Bhṛgu; das Studium der heiligen Schriften und das Halten der Gelübde aber sei der höchste Schatz der Brahmanen.
Dieser Bhīṣma, Sohn des Śaṃtanu, sei von allen Göttern zurückgehalten worden; er solle sich von diesem Kampf zurückziehen - so sei er auch gedrängt worden.
rāmeṇa saha mā yotsīr guruṇeti punaḥ punaḥ na hi rāmo raṇe jetuṃ tvayā nyāyyaḥ kurūdvaha mānaṃ kuruṣva gāṅgeya brāhmaṇasya raṇājire
Er solle nicht mit seinem Lehrer Rāma kämpfen - so sei ihm wiederholt gesagt worden; denn es zieme sich nicht, dass Rāma von ihm im Kampf besiegt werde, Erhöhung der Kurus; er, Sohn der Gaṅgā, möge dem Brahmanen auf dem Schlachtfeld Ehrerbietung erweisen.
Dieser ruhmreiche Sohn der Gaṅgā, Sohn des Śaṃtanu, sei ein Vasu; wie könne er von ihm im Kampf besiegt werden, Rāma? Er möge sich fürwahr zurückziehen.
Arjuna, der Beste der Pāṇḍavas, der Sohn Indras, der Starke, sei Nara, ein Sohn des Prajāpati, ein Held, ein uralter, ewiger Gott.
Wort für Wort
arjunaḥ
Arjuna (Nom. Sg.)
pāṇḍavaśreṣṭhaḥ
der Beste der Pāṇḍavas (Nom. Sg.)
puraṃdarasutaḥ
der Sohn Indras (Nom. Sg.)
balī
der Starke (Nom. Sg.)
naraḥ
Nara (Nom. Sg.)
prajāpatiḥ
ein Sohn des Prajāpati (Nom. Sg.)
vīraḥ
ein Held (Nom. Sg.)
pūrvadevaḥ
ein uralter Gott (Nom. Sg.)
sanātanaḥ
ewig (Nom. Sg.)
[?] 'Nara' bezeichnet hier die göttliche Identität Arjunas als Gefährte des Nārāyaṇa; die Vorhersage kündigt an, dass allein Arjuna Bhīṣma später im Kurukṣetra-Krieg töten wird.
na nivartitapūrvaṃ ca kadā cid raṇamūrdhani nivartyatām āpageyaḥ kāmaṃ yuddhāt pitāmahāḥ na tv ahaṃ vinivartiṣye yuddhād asmāt kathaṃ cana
Er sei niemals zuvor an der Spitze der Schlacht zurückgewichen; wenn sie wollten, möge der Sohn des Flusses sich gerne vom Kampf zurückziehen, Großväter; er selbst aber werde sich von diesem Kampf keinesfalls zurückziehen.
Sie hätten gesagt, er solle sich vom Kampf zurückziehen, mein Kind, und die vorzüglichen Brahmanen ehren; er aber habe ihnen, aus Rücksicht auf die Kṣatriya-Pflicht, Nein gesagt.
Wort für Wort
nivartasva
zieh dich zurück! (Imp. Med. 2.Sg.)
raṇāt
vom Kampf (Abl. Sg.)
tāta
mein Kind (Vok. Sg.)
mānayasva
ehre! (Imp. Med. 2.Sg.)
dvijottamān
die vorzüglichen Brahmanen (Akk. Pl.)
na iti avocam aham
ich sagte Nein (Impf. 1.Sg.)
tān ca
zu ihnen (Akk. Pl.)
kṣatradharmavyapekṣayā
aus Rücksicht auf die Kṣatriya-Pflicht (Instr. Sg.)
nāhaṃ lobhān na kārpaṇyān na bhayān nārthakāraṇāt tyajeyaṃ śāśvataṃ dharmam iti me niścitā matiḥ
Weder aus Gier noch aus Kleinmut, weder aus Furcht noch aus einem materiellen Grund werde er die ewige Pflicht aufgeben - das sei sein fester Entschluss.
tatas te munayo rājann ṛcīkapramukhās tadā nāradenaiva sahitāḥ samāgamyedam abruvan
Dann seien alle jene Weisen, angeführt von Nārada, o König, sowie meine Mutter, die Tochter des Bhagīratha, mitten auf das Schlachtfeld getreten.
Wort für Wort
tataḥ
dann (Adv.)
te munayaḥ sarve
alle jene Weisen (Nom. Pl.)
nāradapramukhāḥ
angeführt von Nārada (Nom. Pl.)
nṛpa
o König (Vok. Sg.)
bhāgīrathī ca me mātā
und meine Mutter, die Tochter des Bhagīratha (Nom. Sg.)
raṇamadhyam
mitten auf das Schlachtfeld (Akk. Sg.)
prapedire
sie traten (Perf. Med. 3.Pl.)
[?] Die beiden gleichlautenden Halbverse zu Beginn (identisch mit V.023) markieren im überlieferten Sanskrittext offenbar eine formelhafte Wiederaufnahme der Szene, bevor der eigentliche Inhalt des Verses (das Erscheinen auch von Bhīṣmas Mutter Gaṅgā) folgt; die Übersetzung folgt dem tatsächlichen Vers 027.
Während ich ebenso, mit aufgelegtem Pfeil, den Bogen haltend, ebenso festen Entschlusses, bereitstand, im Kampf zu streiten, hätten sie sich versammelt und noch einmal zu Rāma, dem Sohn des Bhṛgu, im Kampf gesprochen.
nāvanītaṃ hi hṛdayaṃ viprāṇāṃ śāmya bhārgava rāma rāma nivartasva yuddhād asmād dvijottama avadhyo hi tvayā bhīṣmas tvaṃ ca bhīṣmasya bhārgava
Sie hätten gesagt, das Herz der Brahmanen sei doch nicht auf Rachsucht gerichtet; er möge sich beruhigen, Sohn des Bhṛgu; Rāma, Rāma, er möge sich von diesem Kampf zurückziehen, vorzüglichster der Zweifachgeborenen, denn Bhīṣma dürfe von ihm nicht getötet werden, und er selbst nicht von Bhīṣma, Sohn des Bhṛgu.
Dann bin ich, schwer verwundet, zu Rāma getreten und habe ihn ehrerbietig gegrüßt; und Rāma, der große Asket, habe mich lächelnd und liebevoll angesprochen.
Er habe gesagt, es gebe in dieser Welt keinen Kṣatriya, der auf der Erde wandle und ihm gleiche; er, Bhīṣma, möge gehen; in diesem Kampf sei er, Rāma, von ihm sehr zufriedengestellt worden.
Und vor meinen Augen habe der Sohn des Bhṛgu jene Jungfrau herbeigerufen und mit kläglicher Stimme inmitten jener Asketen gesprochen.
Wort für Wort
mama ca eva samakṣam
und vor meinen Augen (Adv.)
tām kanyām
jene Jungfrau (Akk. Sg.)
āhūya
nachdem er gerufen hatte (Absolutiv)
bhārgavaḥ
der Sohn des Bhṛgu (Nom. Sg.)
uvāca
er sprach (Perf. 3.Sg.)
dīnayā vācā
mit kläglicher Stimme (Instr. Sg.)
madhye
inmitten (Adv.)
teṣām tapasvinām
jener Asketen (Gen. Pl.)
[?] Die im folgenden Kapitel überlieferten, mit einer eigenen 'rāma uvāca'-Kennzeichnung versehenen Worte Rāmas an Ambā werden - da sie ebenfalls innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender Ich-Erzählung liegen - dort weiterhin indirekt wiedergegeben.