Kapitel 128: Keśavagrahaṇamantraṇam
Der Anschlag auf Kṛṣṇa
Duryodhana missachtet Gāndhārīs Mahnrede und schmiedet mit Karṇa, Śakuni und Duḥśāsana den Plan, Kṛṣṇa gefangen zu nehmen. Sātyaki durchschaut das Komplott und warnt Kṛṣṇa; Vidura berichtet es Dhṛtarāṣṭra. Kṛṣṇa erklärt, er könne die Verschwörer mühelos bändigen, wolle aber in Dhṛtarāṣṭras Gegenwart keine getadelte Tat begehen, und erklärt alle Übereinkünfte für gelöst. Dhṛtarāṣṭra ruft Duryodhana zurück und hält ihm in scharfen Worten seine Torheit vor; Vidura schließt mit einer langen Aufzählung von Kṛṣṇas unbezwingbaren Heldentaten (Pūtanā, Govardhana, Kaṃsa, Jarāsaṃdha, Śiśupāla, Naraka, Madhu und Kaiṭabha, Hayagrīva u.a.), um Duryodhana vor der Aussichtslosigkeit seines Vorhabens zu warnen.
Wenn sie hören, dass der Vārṣṇeya [Kṛṣṇa] gefangen ist, werden die Pāṇḍavas, ihres Mutes beraubt, ohne Tatkraft sein, wie Schlangen mit zerbrochenen Giftzähnen.
ayaṃ hy eṣāṃ mahābāhuḥ sarveṣāṃ śarma varma ca asmin gṛhīte varade ṛṣabhe sarvasātvatām nirudyamā bhaviṣyanti pāṇḍavāḥ somakaiḥ saha
Denn dieser Großarmige ist ihnen allen Schutz und Rüstung zugleich; ist dieser Stier unter allen Sātvatas, der Gunsterweisende, erst gefangen, werden die Pāṇḍavas samt den Somakas ohne Antrieb sein.
Wort für Wort
mahābāhuḥ
der Großarmige (Nom.Sg.)
śarma varma ca
Schutz und Rüstung (Nom.Sg. je)
asmin gṛhīte
wenn dieser gefangen ist (Loc.Absol.)
varade
dem Gunsterweisenden (Loc.Sg.)
ṛṣabhe sarvasātvatām
dem Stier unter allen Sātvatas (Loc.Sg. + Gen.Pl.)
dharmād apetam arthāc ca karma sādhuvigarhitam mandāḥ kartum ihecchanti na cāvāpyaṃ kathaṃ cana
‚Eine Tat, die von Recht und Nutzen abgekehrt ist und von den Guten getadelt wird, wollen hier Toren begehen, obwohl sie auf keine Weise zu erreichen ist.
Wort für Wort
dharmāt apetam
von Recht abgekehrt (Akk.Sg.n.)
arthāt
vom Nutzen (Abl.Sg.)
karma
die Tat (Akk.Sg.n.)
sādhuvigarhitam
von den Guten getadelt (Akk.Sg.n.)
mandāḥ
die Toren (Nom.Pl.)
kartum icchanti
sie wollen tun (Inf. + 3.Pl.Präs.)
na avāpyam
nicht erreichbar (Nom.Sg.n.)
kathaṃ cana
auf keine Weise (Adv.)
Sātyakis Bericht der Verschwörung, hier in indirekter Wiedergabe direkt zitiert; reicht bis V016.
Schon früher handelten die Törichten, Bösseeligen, wenn sie zusammenkamen, verkehrt, von Begierde und Zorn bedrängt, der Macht von Wut und Gier ergeben.
pāṇḍavārthe hi lubhyantaḥ svārthād dhāsyanti te sutāḥ ete ced evam icchanti kṛtakāryo yudhiṣṭhiraḥ
Denn nach dem Besitz der Pāṇḍavas gierend, werden deine Söhne ihren eigenen Besitz verlieren; wenn diese das so wollen, ist Yudhiṣṭhiras Ziel bereits erreicht.
Wort für Wort
pāṇḍavārthe lubhyantaḥ
nach dem Besitz der Pāṇḍavas gierend (Loc. + Ptz.)
svārthāt hāsyanti
sie werden ihren eigenen Besitz verlieren (Abl. + 3.Pl.Fut.)
adyaiva hy aham etāṃś ca ye caitān anu bhārata nigṛhya rājan pārthebhyo dadyāṃ kiṃ duṣkṛtaṃ bhavet
Denn noch heute könnte ich diese und alle, die ihnen folgen, o Bhārata, ergreifen und den Söhnen der Pṛthā übergeben, o König — was wäre daran Unrecht?
Wort für Wort
adya eva
noch heute (Adv.)
etān ca ye ca etān anu
diese und die, die ihnen folgen (Akk.Pl.)
bhārata rājan
o Bhārata, o König (Vok.Sg.)
nigṛhya
ergriffen habend (Gerundium)
pārthebhyaḥ dadyām
ich könnte den Söhnen der Pṛthā geben (Dat.Pl. + 1.Sg.Optativ)
— samt seinen Freunden, samt seinen Ministern, samt seinen Brüdern, samt seinem Gefolge —, ob ich ihn wohl vermag, von neuem auf den [rechten] Weg zurückzuführen.‘
Wort für Wort
sahamitram sahāmātyam
samt Freunden, samt Ministern (Akk.Sg.)
sasodaryam sahānugam
samt Brüdern, samt Gefolge (Akk.Sg.)
śaknuyām yadi
ob ich wohl vermag (1.Sg.Optativ + Konj.)
panthānam avatārayitum
auf den Weg zurückzuführen (Akk.Sg. + Inf. Kausativ)
Schwer mit der Hand zu fassen ist der Wind, schwer mit der Hand zu berühren ist der Mond, schwer mit dem Haupt zu tragen ist die Erde — schwer mit Gewalt zu fassen ist Keśava.‘
Wort für Wort
durgrahaḥ pāṇinā vāyuḥ
schwer mit der Hand zu fassen ist der Wind (Nom.Sg. je)
duḥsparśaḥ pāṇinā śaśī
schwer mit der Hand zu berühren ist der Mond (Nom.Sg. je)
durdharā mūrdhnā pṛthivī
schwer mit dem Haupt zu tragen ist die Erde (Nom.Sg. + Instr.)
durgrahaḥ balāt keśavaḥ
schwer mit Gewalt zu fassen ist Keśava (Nom.Sg. je)
‚Am Tor von Saubha bedeckte der Affenfürst mit Namen Dvivida den Keśava mit einem gewaltigen Steinregen.
Wort für Wort
saubhadvāre
am Tor von Saubha (Loc.Sg.)
vānarendraḥ dvividaḥ
der Affenfürst Dvivida (Nom.Sg.)
nāma nāmataḥ
mit Namen (Adv.)
śilāvarṣeṇa mahatā
mit einem gewaltigen Steinregen (Instr.Sg.)
chādayām āsa
er bedeckte (3.Sg.Perf.)
keśavam
den Keśava (Akk.Sg.)
'Saubha' war die fliegende Stadt/Festung des Dānava-Königs Śālva, den Kṛṣṇa in einer bekannten früheren Schlacht bezwang; Dvivida, ein mit den Vānaras verbündeter Affenfürst, wird hier als sein Verbündeter genannt. [?] Die genaue Rolle Dvividas in dieser Episode ist im überlieferten Text knapp und nicht ganz eindeutig. Viduras Rede über Kṛṣṇas unbezwingbare Taten reicht bis zum Kapitelende (V052).
Bei Nirmocana vermochten sechstausend große Asuras, ihn mit Schlingen gebunden habend, ihn nicht zu ergreifen — und du begehrst ihn mit Gewalt.
Wort für Wort
nirmocane
bei Nirmocana (Loc.Sg., Ortsname)
ṣaṭ sahasrāḥ mahāsurāḥ
sechstausend große Asuras (Nom.Pl.)
pāśaiḥ baddhvā
mit Schlingen gebunden habend (Instr. + Gerundium)
grahītum na aśakan
sie vermochten nicht zu ergreifen (Inf. + 3.Pl.Impf.)
enam
ihn (Akk.Sg.)
[?] 'Nirmocana' bezeichnet einen Schauplatz einer weiteren, im überlieferten Erzählgut nur knapp erhaltenen Episode, in der Asuras vergeblich versuchten, Kṛṣṇa zu fesseln.
anena hi hatā bālye pūtanā śiśunā tathā govardhano dhāritaś ca gavārthe bharatarṣabha
Denn durch ihn wurde Pūtanā in der Kindheit getötet, noch als Säugling, und der Berg Govardhana wurde um der Kühe willen emporgehoben, o Stier der Bharatas.
Wort für Wort
anena hatā pūtanā
durch ihn wurde Pūtanā getötet (Instr. + Nom.Sg.)
bālye śiśunā
in der Kindheit, als Säugling (Loc. + Instr.)
govardhanaḥ dhāritaḥ
der Govardhana wurde emporgehoben (Nom.Sg. + Ptz.)
König Varuṇa wurde bezwungen, und Pāvaka [Agni], von ihm, dem Unermesslich-Energischen; und, als er den Pārijāta[-Baum] raubte, wurde selbst der Gatte der Śacī [Indra] leibhaftig bezwungen.
Wort für Wort
varuṇaḥ rājā nirjitaḥ
König Varuṇa wurde bezwungen (Nom.Sg. + Ptz.)
pāvakaḥ amitaujasā
Pāvaka [Agni], vom Unermesslich-Energischen (Nom.Sg. + Instr.)
pārijātam haratā
als er den Pārijāta raubte (Akk. + Instr.Ptz.)
sākṣāt śacīpatiḥ jitaḥ
selbst der Gatte der Śacī wurde bezwungen (Adv. + Nom.Sg. + Ptz.)
ekārṇave śayānena hatau tau madhukaiṭabhau janmāntaram upāgamya hayagrīvas tathā hataḥ
Von ihm, der auf dem einen Ozean ruhte, wurden jene beiden, Madhu und Kaiṭabha, erschlagen; ebenso wurde, nachdem eine andere Geburt eingetreten war, Hayagrīva erschlagen.
Wort für Wort
ekārṇave śayānena
von ihm, der auf dem einen Ozean ruhte (Loc. + Instr.Ptz.)
hatau tau madhukaiṭabhau
jene beiden, Madhu und Kaiṭabha, wurden erschlagen (Nom.Du. + Ptz.)
janmāntaram upāgamya
nachdem eine andere Geburt eingetreten war (Akk.Sg.n. + Gerundium)
hayagrīvaḥ tathā hataḥ
ebenso wurde Hayagrīva erschlagen (Nom.Sg. + Ptz.)
[?] Die Wendung 'janmāntaram upāgamya' ('nachdem eine andere Geburt eingetreten war') ist im Sanskrit-Original knapp und lässt offen, ob damit ein späteres Weltzeitalter, eine andere Existenzform Kṛṣṇas oder eine gesonderte Erzähltradition um den Dämon Hayagrīva gemeint ist; hier wörtlich wiedergegeben.
pradharṣayan mahābāhuṃ kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam pataṃgo 'gnim ivāsādya sāmātyo na bhaviṣyasi
Wenn du den großarmigen Kṛṣṇa, den von unermüdetem Wirken, angreifst, wirst du samt deinen Ministern nicht mehr sein, wie ein Falter, der sich dem Feuer genähert hat.‘
Wort für Wort
pradharṣayan
angreifend (Ptz.)
mahābāhum kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam
den großarmigen Kṛṣṇa von unermüdetem Wirken (Akk.Sg.)
pataṃgaḥ agnim iva āsādya
wie ein Falter, der sich dem Feuer genähert hat (Vergleich + Gerundium)
sāmātyaḥ na bhaviṣyasi
du wirst samt deinen Ministern nicht mehr sein (Nom.Sg. + 2.Sg.Fut.)