Kapitel 145: Bhīṣmavākyam
Bhīṣmas Rede vor der Kuru-Versammlung
Kṛṣṇa berichtet Yudhiṣṭhira in Upaplavya ausführlich, was in der Kuru-Versammlung gesagt wurde. Bhīṣma erzählt darin Duryodhana seine eigene Lebensgeschichte - das Gelübde der Ehelosigkeit und des Verzichts auf die Königsherrschaft, die Rettung des Reiches in der Hungersnot, die Geburt Dhṛtarāṣṭras/Pāṇḍus/Viduras durch Vyāsa - und mahnt eindringlich zur Teilung des Königreichs. Bhīṣmas Rede setzt sich im nächsten Kapitel fort.
Vaiśaṃpāyana sprach: Nachdem der Bezwinger der Feinde von Hāstinapura nach Upaplavya gekommen war, berichtete Keśava den Pāṇḍavas alles, wie es sich zugetragen hatte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
āgamya hāstinapurāt upaplavyam
nachdem er von Hāstinapura nach Upaplavya gekommen war (Abs. + Abl.Sg.n. + Akk.Sg.m.)
ariṃdamaḥ keśavaḥ
der Bezwinger der Feinde, Keśava (Nom.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m.)
pāṇḍavānāṃ yathāvṛttaṃ sarvam uktavān
berichtete den Pāṇḍavas alles, wie es sich zugetragen hatte (Gen.Pl.m. + Akk.Sg.n., Kompositum + Akk.Sg.n. + Part.Perf.Akt.)
saṃdhyām upāsya dhyāyantas tam eva gatamānasāḥ ānāyya kṛṣṇaṃ dāśārhaṃ punar mantram amantrayan
und nachdem sie die Abenddämmerungs-Andacht verrichtet hatten, nachdenklich, mit auf ihn gerichteten Gedanken, ließen sie Kṛṣṇa, den Dāśārha, erneut herbeirufen und hielten wieder Rat.
Wort für Wort
saṃdhyām upāsya
nachdem sie die Dämmerungsandacht verrichtet hatten (Akk.Sg.f. + Abs.)
dhyāyantaḥ tam eva gatamānasāḥ
nachdenklich, mit auf ihn gerichteten Gedanken (Part.Präs.Akt. + Akk.Sg. + Nom.Pl.m., Kompositum)
ānāyya kṛṣṇaṃ dāśārham
nachdem sie Kṛṣṇa, den Dāśārha, hatten herbeirufen lassen (Abs. + Akk.Sg.m. x2)
punaḥ mantram amantrayan
erneut hielten sie Rat (Adv. + Akk.Sg.m. + Verb, 3.Pl.Impf.)
yudhiṣṭhira uvāca tvayā nāgapuraṃ gatvā sabhāyāṃ dhṛtarāṣṭrajaḥ kim uktaḥ puṇḍarīkākṣa tan naḥ śaṃsitum arhasi
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Nachdem du nach Nāgapura gegangen bist, was hast du in der Versammlung zum Sohn Dhṛtarāṣṭras gesagt, o Lotusäugiger? Das solltest du uns berichten.‘
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
tvayā nāgapuraṃ gatvā
nachdem du nach Nāgapura gegangen bist (Instr.Sg. + Akk.Sg.n. + Abs.)
sabhāyāṃ dhṛtarāṣṭrajaḥ kim uktaḥ
was wurde in der Versammlung zum Sohn Dhṛtarāṣṭras gesagt (Lok.Sg.f. + Nom.Sg.m., Kompositum + Frage + Part.Perf.Pass.)
tat naḥ śaṃsitum arhasi
das solltest du uns berichten (Akk.Sg.n. + Gen. + Inf. + Verb, 2.Sg.Präs.)
vāsudeva uvāca mayā nāgapuraṃ gatvā sabhāyāṃ dhṛtarāṣṭrajaḥ tathyaṃ pathyaṃ hitaṃ cokto na ca gṛhṇāti durmatiḥ
Vāsudeva sprach: ‚Nachdem ich nach Nāgapura gegangen war, sprach ich in der Versammlung zum Sohn Dhṛtarāṣṭras Wahres, Heilsames und Zuträgliches; doch der Übelgesinnte nimmt es nicht an.‘
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
mayā nāgapuraṃ gatvā
nachdem ich nach Nāgapura gegangen war (Instr.Sg. + Akk.Sg.n. + Abs.)
tathyaṃ pathyaṃ hitaṃ ca uktaḥ
Wahres, Heilsames und Zuträgliches wurde gesprochen (Akk.Sg.n. x3 + Part.Perf.Pass.)
na gṛhṇāti durmatiḥ
der Übelgesinnte nimmt es nicht an (Neg. + Verb, 3.Sg.Präs. + Nom.Sg.m.)
yudhiṣṭhira uvāca tasminn utpatham āpanne kuruvṛddhaḥ pitāmahaḥ kim uktavān hṛṣīkeśa duryodhanam amarṣaṇam ācāryo vā mahābāho bhāradvājaḥ kim abravīt
Yudhiṣṭhira sprach: ‚Als jener auf den falschen Pfad geraten war, was sagte da der alte Kuru, der Großvater, o Hṛṣīkeśa, zu dem zornigen Duryodhana? Und was sprach der Lehrer, der Bhāradvāja, o Starkarmiger?
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
tasmin utpatham āpanne
als jener auf den falschen Pfad geraten war (Lok.Abs., Akk.Sg.m. + Part.Perf.Akt.)
kuruvṛddhaḥ pitāmahaḥ kim uktavān
was sagte der alte Kuru, der Großvater (Nom.Sg.m., Kompositum + Nom.Sg.m. + Frage + Part.Perf.Akt.)
duryodhanam amarṣaṇam
zu dem zornigen Duryodhana (Akk.Sg.m. x2)
ācāryaḥ bhāradvājaḥ kim abravīt
was sprach der Lehrer, der Bhāradvāja (Nom.Sg.m. x2 + Frage + Verb, 3.Sg.Impf.)
yathā ca nābhipadyeta kālas tāta tathā kuru bhavān hi no gatiḥ kṛṣṇa bhavān nātho bhavān guruḥ
Und wie es sich fügen möge, dass die rechte Zeit nicht verstreicht, so handle, mein Lieber; denn du bist unsere Zuflucht, o Kṛṣṇa, du bist unser Schutzherr, du bist unser Lehrer.‘
Wort für Wort
yathā na abhipadyeta kālaḥ
wie die Zeit nicht verstreichen möge (Adv. + Neg. + Verb, 3.Sg.Opt. + Nom.Sg.m.)
tathā kuru tāta
so handle, mein Lieber (Adv. + Imp., 2.Sg. + Vok.Sg.m.)
vāsudeva uvāca śṛṇu rājan yathā vākyam ukto rājā suyodhanaḥ madhye kurūṇāṃ rājendra sabhāyāṃ tan nibodha me
Vāsudeva sprach: ‚Höre, o König, wie König Suyodhana angesprochen wurde; vernimm dies von mir, o Fürst der Könige, was inmitten der Kurus, in der Versammlung, geschah.
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Verbform, 3.Sg.Perf.)
śṛṇu rājan yathā vākyam
höre, o König, wie das Wort (Imp., 2.Sg. + Vok.Sg.m. + Adv. + Akk.Sg.n.)
uktaḥ rājā suyodhanaḥ
König Suyodhana angesprochen wurde (Part.Perf.Pass. + Nom.Sg.m. x2)
madhye kurūṇāṃ sabhāyām
inmitten der Kurus, in der Versammlung (Lok.Sg.n. + Gen.Pl.m. + Lok.Sg.f.)
tat nibodha me
vernimm dies von mir (Akk.Sg.n. + Imp., 2.Sg. + Gen.Sg.)
duryodhana nibodhedaṃ kulārthe yad bravīmi te tac chrutvā rājaśārdūla svakulasya hitaṃ kuru
„Duryodhana, vernimm dies, was ich um des Geschlechtes willen zu dir sage; nachdem du es gehört hast, o Tiger unter den Königen, handle zum Wohl deines eigenen Geschlechts.
Wort für Wort
duryodhana nibodha idam
Duryodhana, vernimm dies (Vok.Sg.m. + Imp., 2.Sg. + Akk.Sg.n.)
kulārthe yat bravīmi te
was ich um des Geschlechtes willen zu dir sage (Akk.Sg.m., adv. + Akk.Sg.n. + Verb, 1.Sg.Präs. + Gen.)
tat śrutvā rājaśārdūla
nachdem du dies gehört hast, o Tiger unter den Königen (Akk.Sg.n. + Abs. + Vok.Sg.m., Kompositum)
svakulasya hitaṃ kuru
handle zum Wohl deines eigenen Geschlechts (Gen.Sg.n., Kompositum + Akk.Sg.n. + Imp., 2.Sg.)
Hier beginnt Bhīṣmas eigene, von Kṛṣṇa zitierte Rede - eine zweite Verschachtelungsebene innerhalb Kṛṣṇas Bericht an Yudhiṣṭhira.
Das Geschlecht solle nicht dem Untergang verfallen, wie aber könnte sich der Ruhm ausbreiten? Als ich seinen Wunsch erkannte, warb ich um Kālī als Gemahlin.
Wort für Wort
na ucchedaṃ kulaṃ yāyāt
das Geschlecht solle nicht dem Untergang verfallen (Neg. + Akk.Sg.m. + Nom.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Opt.)
vistīryeta kathaṃ yaśaḥ
wie könnte sich der Ruhm ausbreiten (Verb, 3.Sg.Opt.Pass. + Frage + Nom.Sg.n.)
tasya īpsitaṃ buddhvā
als ich seinen Wunsch erkannte (Gen.Sg.m. + Akk.Sg.n. + Abs.)
kālīṃ mātaram āvaham
ich warb um Kālī als Mutter/Gemahlin (Akk.Sg.f. + Akk.Sg.f. + Verb, 1.Sg.Impf.Kaus.)
pratijñāṃ duṣkarāṃ kṛtvā pitur arthe kulasya ca arājā cordhvaretāś ca yathā suviditaṃ tava pratīto nivasāmy eṣa pratijñām anupālayan
Nachdem ich ein schwer zu erfüllendes Gelübde abgelegt hatte, um meines Vaters und des Geschlechtes willen — weder König zu werden noch je wieder Nachkommenschaft zu zeugen, wie es dir wohlbekannt ist — lebe ich, hochgeachtet, dieses Gelübde bewahrend.
Wort für Wort
pratijñāṃ duṣkarāṃ kṛtvā
nachdem ich ein schwer zu erfüllendes Gelübde abgelegt hatte (Akk.Sg.f. x2 + Abs.)
pitur arthe kulasya ca
um meines Vaters und des Geschlechtes willen (Gen.Sg.m. + Postp. + Gen.Sg.n.)
arājā ca ūrdhvaretāḥ ca
weder König noch je wieder zeugend (Nom.Sg.m., Kompositum x2)
Als mein Vater in den Himmel eingegangen war, setzte ich jenen König Vicitravīrya in sein Königreich ein, indem ich selbst sein Diener und Untergebener wurde.
Wort für Wort
svaryāte pitari
als der Vater in den Himmel eingegangen war (Lok.Abs., Part.Perf.Akt. + Lok.Sg.m.)
ahaṃ taṃ svarājye saṃnyaveśayam
ich setzte ihn in sein Königreich ein (Nom.Sg. + Akk.Sg.m. + Lok.Sg.n. + Verb, 1.Sg.Impf.Kaus.)
vicitravīryaṃ rājānam
den König Vicitravīrya (Akk.Sg.m. x2)
bhṛtyaḥ bhūtvā adhaścaraḥ
indem ich Diener und Untergebener wurde (Nom.Sg.m. + Abs. + Nom.Sg.m.)
tasyāhaṃ sadṛśān dārān rājendra samudāvaham jitvā pārthivasaṃghātam api te bahuśaḥ śrutam
Für ihn brachte ich ihm ebenbürtige Gemahlinnen, o Fürst der Könige, nachdem ich eine Schar von Königen besiegt hatte; auch das hast du gewiss oftmals gehört.
Wort für Wort
tasya ahaṃ sadṛśān dārān
für ihn brachte ich ebenbürtige Gemahlinnen (Gen.Sg.m. + Nom.Sg. + Akk.Pl.m. x2)
samudāvaham jitvā
ich brachte, nachdem ich besiegt hatte (Verb, 1.Sg.Impf. + Abs.)
pārthivasaṃghātam
eine Schar von Königen (Akk.Sg.m., Kompositum)
api te bahuśaḥ śrutam
auch das hast du oftmals gehört (Partikel + Gen. + Adv. + Part.Perf.Pass.)
tato rāmeṇa samare dvandvayuddham upāgamam sa hi rāmabhayād ebhir nāgarair vipravāsitaḥ dāreṣv atiprasaktaś ca yakṣmāṇaṃ samapadyata
Darauf trat ich mit Rāma im Zweikampf in der Schlacht an; denn er, aus Furcht vor Rāma von diesen Städtern verbannt, verfiel, seinen Gemahlinnen übermäßig ergeben, der Schwindsucht.
Wort für Wort
tataḥ rāmeṇa samare
darauf mit Rāma in der Schlacht (Adv. + Instr.Sg.m. + Lok.Sg.m.)
dvandvayuddham upāgamam
ich trat in den Zweikampf ein (Akk.Sg.n., Kompositum + Verb, 1.Sg.Impf.)
rāmabhayāt vipravāsitaḥ
aus Furcht vor Rāma verbannt (Abl.Sg.m., Kompositum + Part.Perf.Pass.)
dāreṣu atiprasaktaḥ
seinen Gemahlinnen übermäßig ergeben (Lok.Pl.m. + Nom.Sg.m.)
yakṣmāṇaṃ samapadyata
verfiel der Schwindsucht (Akk.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Impf.Med.)
Die Untertanen baten mich damals, geschwächt wie sie alle waren, König zu werden, ihnen zum Segen, und das Unheil abzuwenden — Heil sei mir, dem Mehrer von Śaṃtanus Geschlecht.
Wort für Wort
prajāḥ ūcuḥ
die Untertanen sprachen (Nom.Pl.f. + Verb, 3.Pl.Perf.)
upakṣīṇāḥ prajāḥ sarvāḥ
geschwächt alle Untertanen (Nom.Pl.f. x3)
rājā bhava bhavāya naḥ
werde König, uns zum Segen (Nom.Sg.m. + Imp., 2.Sg. + Dat.Sg.m. + Gen.Pl.)
ītayaḥ nuda
vertreibe das Unheil (Akk.Pl.f. + Imp., 2.Sg.)
śaṃtanoḥ kulavardhana
o Mehrer von Śaṃtanus Geschlecht (Gen.Sg.m. + Vok.Sg.m., Kompositum)
Die wörtliche Rede der Untertanen ('prajā ūcuḥ') wäre hier eine dritte Verschachtelungsebene (Kṛṣṇas Bericht > Bhīṣmas Rede > Untertanen-Rede) und wird daher in indirekte Rede umgewandelt, statt eine neue Anführungsebene einzuführen.
Ich, der Held, möge die Krankheiten vertreiben und die Untertanen nach dem Dharma beschützen; solange ich lebe, solle das Reich nicht dem Untergang verfallen.
Wort für Wort
vyādhīn praṇudya vīra
die Krankheiten vertreibend, o Held (Akk.Pl.m. + Abs. + Vok.Sg.m.)
prajā dharmeṇa pālaya
beschütze die Untertanen nach dem Dharma (Akk.Pl.f. + Instr.Sg.m. + Imp., 2.Sg.)
tvayi jīvati
solange du/ich lebst (Lok.Abs.)
mā rāṣṭraṃ vināśam upagacchatu
das Reich solle nicht dem Untergang verfallen (Neg. + Nom.Sg.n. + Akk.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Imp.)
bhīṣma uvāca prajānāṃ krośatīnāṃ vai naivākṣubhyata me manaḥ pratijñāṃ rakṣamāṇasya sadvṛttaṃ smaratas tathā
Bhīṣma sprach: Beim Klagen der Untertanen geriet mein Sinn dennoch nicht ins Wanken, da ich mein Gelübde bewahrte und mich des rechten Verhaltens erinnerte.
beim Klagen der Untertanen (Gen.Pl.f. + Gen.Pl.f., Part.Präs.Akt.)
na eva akṣubhyata me manaḥ
mein Sinn geriet keineswegs ins Wanken (Neg. + Partikel + Verb, 3.Sg.Impf.Pass. + Gen. + Nom.Sg.n.)
pratijñāṃ rakṣamāṇasya sadvṛttaṃ smarataḥ
der das Gelübde bewahrte und sich des rechten Verhaltens erinnerte (Akk.Sg.f. + Part.Präs.Med., Gen.Sg.m. + Akk.Sg.n. + Part.Präs.Akt., Gen.Sg.m.)
Die erneute Sprecherangabe 'bhīṣma uvāca' markiert hier keinen Sprecherwechsel (Bhīṣma spricht ununterbrochen weiter) und schließt daher keine Zitatebene.
tataḥ paurā mahārāja mātā kālī ca me śubhā bhṛtyāḥ purohitācāryā brāhmaṇāś ca bahuśrutāḥ mām ūcur bhṛśasaṃtaptā bhava rājeti saṃtatam
Da baten mich, o Großkönig, die Städter, meine gütige Mutter Kālī, die Diener, der Hauspriester und die Lehrer sowie die gelehrten Brahmanen, tief bekümmert, beständig, König zu werden.
Wort für Wort
paurāḥ mātā kālī
die Städter, die Mutter Kālī (Nom.Pl.m. + Nom.Sg.f. x2)
bhṛtyāḥ purohitācāryāḥ
die Diener, der Hauspriester und die Lehrer (Nom.Pl.m., Kompositum)
brāhmaṇāḥ bahuśrutāḥ
die gelehrten Brahmanen (Nom.Pl.m. + Nom.Pl.m.)
mām ūcuḥ bhṛśasaṃtaptāḥ
sie sprachen zu mir, tief bekümmert (Akk.Sg. + Verb, 3.Pl.Perf. + Nom.Pl.m., Kompositum)
bhava rājā iti saṃtatam
werde König - so beständig (Imp., 2.Sg. + Nom.Sg.m. + Zitatpartikel + Adv.)
Erneut indirekte Wiedergabe statt dritter Zitatebene, aus demselben Grund wie V.025.
ity uktaḥ prāñjalir bhūtvā duḥkhito bhṛśam āturaḥ tebhyo nyavedayaṃ putra pratijñāṃ pitṛgauravāt ūrdhvaretā hy arājā ca kulasyārthe punaḥ punaḥ
So angesprochen, mit gefalteten Händen, bekümmert und sehr bedrängt, erklärte ich ihnen, mein Sohn, wieder und wieder mein Gelübde, aus Ehrerbietung gegenüber meinem Vater: dass ich, um des Geschlechtes willen, weder Nachkommenschaft zeugen noch König werden würde.
Wort für Wort
iti uktaḥ prāñjaliḥ bhūtvā
so angesprochen, mit gefalteten Händen (Zitatpartikel + Part.Perf.Pass. + Nom.Sg.m. + Abs.)
duḥkhitaḥ bhṛśam āturaḥ
bekümmert, sehr bedrängt (Nom.Sg.m. + Adv. + Nom.Sg.m.)
tebhyaḥ nyavedayaṃ putra pratijñām
ich erklärte ihnen, mein Sohn, das Gelübde (Dat.Pl.m. + Verb, 1.Sg.Impf.Kaus. + Vok.Sg.m. + Akk.Sg.f.)
pitṛgauravāt punaḥ punaḥ
aus Ehrerbietung gegenüber dem Vater, wieder und wieder (Abl.Sg.n., Kompositum + Adv.)
ūrdhvaretāḥ arājā ca kulasya arthe
weder Nachkommenschaft zeugend noch König, um des Geschlechtes willen (Nom.Sg.m., Kompositum x2 + Gen.Sg.n. + Postp.)
Darauf, mit gefalteten Händen, suchte ich meine Mutter zu besänftigen: dass ich, von Śaṃtanu geboren, das Kaurava-Geschlecht fortführend, mein Gelübde nicht brechen würde — so versicherte ich, o König, wieder und wieder.
ich suchte die Mutter zu besänftigen (Akk.Sg.f. + Verb, 1.Sg.Impf.Kaus.)
na amba śaṃtanunā jātaḥ
nicht, o Mutter, von Śaṃtanu geboren (Neg. + Vok.Sg.f. + Instr.Sg.m. + Part.Perf.Pass.)
kauravaṃ vaṃśam udvahan
das Kaurava-Geschlecht fortführend (Akk.Sg.m. + Akk.Sg.m. + Part.Präs.Akt.)
pratijñāṃ vitathāṃ kuryām
ich würde das Gelübde zunichtemachen (Akk.Sg.f. x2 + Verb, 1.Sg.Opt.)
Die von Bhīṣma an seine Mutter gerichteten Worte ('nāmba... iti') werden ebenfalls in indirekte Rede umgewandelt, statt eine dritte Zitatebene zu eröffnen.
viśeṣatas tvadarthaṃ ca dhuri mā māṃ niyojaya ahaṃ preṣyaś ca dāsaś ca tavāmba sutavatsale
Vor allem deinetwegen möge sie mich nicht ins Joch der Königsherrschaft spannen; ich sei ihr Diener und Knecht, o Mutter, die du deine Söhne so sehr liebst.
Wort für Wort
viśeṣataḥ tvadartham
vor allem deinetwegen (Adv. + Akk.Sg.m., adv.)
dhuri mā māṃ niyojaya
spanne mich nicht ins Joch (Lok.Sg.f. + Neg. + Akk.Sg. + Imp., 2.Sg.)
ahaṃ preṣyaḥ dāsaḥ ca
ich bin Diener und Knecht (Nom.Sg. + Nom.Sg.m. x2)
tava amba sutavatsale
dir, o Mutter, die du deine Söhne liebst (Gen. + Vok.Sg.f. x2, Kompositum)
evaṃ tām anunīyāhaṃ mātaraṃ janam eva ca ayācaṃ bhrātṛdāreṣu tadā vyāsaṃ mahāmunim
So, nachdem ich meine Mutter und auch die Leute besänftigt hatte, bat ich damals den großen Weisen Vyāsa um Nachkommenschaft bei den Gemahlinnen meines Bruders.
Wort für Wort
evaṃ tāṃ anunīya ahaṃ
so, nachdem ich sie besänftigt hatte (Adv. + Akk.Sg.f. + Abs. + Nom.Sg.)
mātaraṃ janam eva ca
die Mutter und auch die Leute (Akk.Sg.f. + Akk.Sg.m.)
ayācaṃ bhrātṛdāreṣu
ich bat um [Nachkommenschaft] bei den Gemahlinnen des Bruders (Verb, 1.Sg.Impf. + Lok.Pl.m., Kompositum)
saha mātrā mahārāja prasādya tam ṛṣiṃ tadā apatyārtham ayācaṃ vai prasādaṃ kṛtavāṃś ca saḥ trīn sa putrān ajanayat tadā bharatasattama
Zusammen mit meiner Mutter, o Großkönig, besänftigte ich damals jenen Weisen und bat ihn um Nachkommenschaft; und er gewährte die Gnade und zeugte damals drei Söhne, o Bester der Bharatas.
Wort für Wort
saha mātrā prasādya
zusammen mit der Mutter, besänftigend (Postp. + Instr.Sg.f. + Abs.)
tam ṛṣim apatyārtham ayācam
ich bat jenen Weisen um Nachkommenschaft (Akk.Sg.m. + Akk.Sg.m., adv. + Verb, 1.Sg.Impf.)
prasādaṃ kṛtavān saḥ
er gewährte die Gnade (Akk.Sg.m. + Part.Perf.Akt. + Nom.Sg.m.)
trīn putrān ajanayat
er zeugte drei Söhne (Akk.Pl.m. x2 + Verb, 3.Sg.Impf.Kaus.)
nicht wurde dein Vater König (Neg. + Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m. + Gen.)
rājā tu pāṇḍuḥ abhavat
König aber wurde Pāṇḍu (Nom.Sg.m. + Partikel + Nom.Sg.m. + Verb, 3.Sg.Impf.)
mahātmā lokaviśrutaḥ
der Hochherzige, in der Welt berühmt (Nom.Sg.m. + Nom.Sg.m., Kompositum)
Die beiden zitierten Epitheta ('Blind', 'ohne volle Fähigkeit' - Bezug auf Dhṛtarāṣṭras Blindheit und Viduras Śūdra-Geburt) werden als kurze Fachbegriffe in ASCII-Anführungszeichen markiert, analog zu 'Sūtaputra' in Kap.143.
sa rājā tasya te putrāḥ pitur dāyādyahāriṇaḥ mā tāta kalahaṃ kārṣī rājyasyārdhaṃ pradīyatām
Er war König; seine Söhne sind die Erben ihres Vaters, ebenso deine Brüder; mein Lieber, führe keinen Streit — die Hälfte des Königreichs sei ihnen gegeben.
Wort für Wort
sa rājā tasya te putrāḥ
er war König; seine, deine Söhne (Nom.Sg.m. x2 + Gen.Sg.m. + Nom.Pl.m.)
pitur dāyādyahāriṇaḥ
Erben des Vaters (Gen.Sg.m. + Nom.Pl.m., Kompositum)
die Hälfte des Königreichs sei gegeben (Gen.Sg.n. + Nom.Sg.n. + Verb, 3.Sg.Imp.Pass.)
[?] 'tasya te putrāḥ' wird hier auf beide Linien bezogen: Dhṛtarāṣṭras und Pāṇḍus Söhne sind gleichermaßen Erben, da beide von Vicitravīryas Erbe abstammen.
na viśeṣo 'sti me putra tvayi teṣu ca pārthiva matam etat pitus tubhyaṃ gāndhāryā vidurasya ca
Es gibt für mich keinen Unterschied, mein Sohn, zwischen dir und ihnen, o Fürst; dies ist auch die Meinung deines Vaters, dir gegenüber, sowie die Gāndhārīs und Viduras.
Wort für Wort
na viśeṣaḥ asti me
es gibt für mich keinen Unterschied (Neg. + Nom.Sg.m. + Verb + Gen.Sg.)
tvayi teṣu ca pārthiva
zwischen dir und ihnen, o Fürst (Lok.Sg. + Lok.Pl.m. + Vok.Sg.m.)
matam etat pituḥ tubhyam
dies ist die Meinung des Vaters, dir gegenüber (Nom.Sg.n. x2 + Gen.Sg.m. + Dat.Sg.)