Kapitel 90: Vidura-Nītivākyam Dvitīyam
Viduras Warnung vor der Versammlung
In der Nacht, nach dem Mahl, warnt Vidura Kṛṣṇa eindringlich: Duryodhana sei durch zahllose Fehler verdorben, unbelehrbar, von der Größe seines Heeres und dem Vertrauen auf Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa, Karṇa und Jayadratha verblendet, und fest entschlossen, den Pāṇḍavas nichts zurückzugeben. Da wohlgesprochenes und übelgesprochenes Wort dort gleich gälten, solle Kṛṣṇa nicht in die Mitte dieser feindseligen Versammlung hinabsteigen - eine Mahnung, die Vidura aus tiefer Zuneigung und Sorge ausspricht. Die Rede bleibt am Kapitelende offen.
arthadharmātigo mūḍhaḥ saṃrambhī ca janārdana mānaghno mānakāmaś ca vṛddhānāṃ śāsanātigaḥ
Jenseits von Artha und Dharma stehend, töricht, jähzornig, o Janārdana, die Ehre anderer vernichtend und doch selbst nach Ehre begierig, das Gebot der Alten missachtend -
Wort für Wort
arthadharmātigo mūḍhaḥ
jenseits von Artha und Dharma stehend, töricht (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg.)
saṃrambhī ca janārdana
und jähzornig, o Janārdana (Nom.Sg. + Konj. + Vok.Sg.)
mānaghno mānakāmaś ca
die Ehre anderer vernichtend und doch nach Ehre begierig (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg. Bahuvrīhi + Konj.)
vṛddhānāṃ śāsanātigaḥ
das Gebot der Alten missachtend (Gen.Pl. + Nom.Sg. Bahuvrīhi)
jenseits der Dharma-Lehrschriften stehend, träge, bösartig, dem Starrsinn verfallen, unbelehrbar in Bezug auf das Heilsame, sündig - der Sohn Dhṛtarāṣṭras, o Janārdana -
Wort für Wort
dharmaśāstrātigo mando
jenseits der Dharma-Lehrschriften stehend, träge (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg.)
durātmā pragrahaṃ gataḥ
bösartig, dem Starrsinn verfallen (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Akk.Sg. + Nom.Sg.Part.)
aneyaḥ śreyasāṃ pāpo
unbelehrbar bezüglich des Heilsamen, sündig (Nom.Sg. + Gen.Pl. + Nom.Sg.)
dhārtarāṣṭro janārdana
der Sohn Dhṛtarāṣṭras, o Janārdana (Nom.Sg. + Vok.Sg.)
kāmātmā prājñamānī ca mitradhruk sarvaśaṅkitaḥ akartā cākṛtajñaś ca tyaktadharmaḥ priyānṛtaḥ
der Begierde ergeben und sich doch für weise haltend, ein Freundesverräter, allem gegenüber misstrauisch, untätig und undankbar, den Dharma verlassen habend, der Lüge zugetan -
Wort für Wort
kāmātmā prājñamānī ca
der Begierde ergeben und sich für weise haltend (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg. Bahuvrīhi + Konj.)
mitradhruk sarvaśaṅkitaḥ
ein Freundesverräter, allem gegenüber misstrauisch (Nom.Sg. + Nom.Sg. Bahuvrīhi)
akartā ca akṛtajñaś ca
untätig und undankbar (Nom.Sg. + Konj. + Nom.Sg. + Konj.)
tyaktadharmaḥ priyānṛtaḥ
den Dharma verlassen habend, der Lüge zugetan (Nom.Sg. Bahuvrīhi x2)
Bei dem übelgesinnten Sohn Dhṛtarāṣṭras ist entschieden: „Karṇa allein ist fähig, die Feinde zu besiegen.“ - er wird sich daher nicht auf Frieden einlassen.
Wort für Wort
ekaḥ karṇaḥ parāñ jetuṃ
Karṇa allein, die Feinde zu besiegen (Nom.Sg. + Nom.Sg. + Akk.Pl. + Infinitiv)
samartha iti niścitam
fähig - so ist entschieden (Nom.Sg. + Part. + Nom.Sg.Pass.Part.)
dhārtarāṣṭrasya durbuddheḥ
bei dem übelgesinnten Sohn Dhṛtarāṣṭras (Gen.Sg. + Gen.Sg.)
sa śamaṃ na upayāsyati
er wird sich nicht auf Frieden einlassen (Nom.Sg. + Akk.Sg. + Neg. + 3.Sg.Fut.)
[Anm.: erstes CQ-Zitat des Kapitels - der kollektive/individuelle Gedanke der Dhārtarāṣṭra-Partei, eingebettet in Viduras offene Rede.]
niścitaṃ dhārtarāṣṭrāṇāṃ sakarṇānāṃ janārdana bhīṣmadroṇakṛpān pārthā na śaktāḥ prativīkṣitum
Fest entschieden ist bei den Söhnen Dhṛtarāṣṭras samt Karṇa, o Janārdana: die Pārthas seien nicht imstande, Bhīṣma, Droṇa und Kṛpa auch nur anzuschauen.
Wort für Wort
niścitaṃ dhārtarāṣṭrāṇāṃ
fest entschieden bei den Söhnen Dhṛtarāṣṭras (Nom.Sg. + Gen.Pl.)
sakarṇānāṃ janārdana
samt Karṇa, o Janārdana (Gen.Pl. Bahuvrīhi + Vok.Sg.)
bhīṣmadroṇakṛpān pārthā
Bhīṣma, Droṇa, Kṛpa, die Pārthas (Akk.Pl. + Nom.Pl.)
na śaktāḥ prativīkṣitum
seien nicht imstande anzuschauen (Neg. + Nom.Pl. + Infinitiv)
[lautet]: „Den Pāṇḍavas soll von uns nicht zurückgegeben werden, was ihnen gebührt.“ - so haben sie unter sich beschlossen; ein Wort an sie gerichtet wäre daher nutzlos.
Wort für Wort
na pāṇḍavānām asmābhiḥ
nicht den Pāṇḍavas von uns (Neg. + Gen.Pl. + Instr.Pl.)
pratideyaṃ yathocitam
soll zurückgegeben werden, was gebührt (Nom.Sg.Ger. + Nom.Sg.)
iti vyavasitās teṣu
so haben sie beschlossen unter sich (Part. + Nom.Pl.Part. + Lok.Pl.)
vacanaṃ syān nirarthakam
ein Wort wäre nutzlos (Nom.Sg. + 3.Sg.Opt. + Nom.Sg.)
[Anm.: Fortsetzung von V.010 - die 'saṃvic' (Übereinkunft) der Dhārtarāṣṭras wird hier als CQ-Zitat wiedergegeben.]
Unter Unverständigen, Törichten, Maßlosen, o Mādhava, ist es nicht angemessen, dass du sprichst - wie ein Zweimalgeborener nicht unter Caṇḍālas reden sollte.
Wort für Wort
avijānatsu mūḍheṣu
unter Unverständigen, Törichten (Lok.Pl.Part. + Lok.Pl.)
nirmaryādeṣu mādhava
unter Maßlosen, o Mādhava (Lok.Pl. + Vok.Sg.)
na tvaṃ vākyaṃ bruvan yuktaś
nicht angemessen ist es, dass du sprichst (Neg. + Nom.Sg. + Akk.Sg. + Nom.Sg.Part. + Nom.Sg.)
cāṇḍāleṣu dvijo yathā
wie ein Zweimalgeborener unter Caṇḍālas (Lok.Pl. + Nom.Sg. + Adv.)
Vor den Übelgesinnten, Ungesitteten, den vielen von böser Gesinnung, eine ihnen zuwiderlaufende Rede in ihrer Mitte zu halten - das gefällt mir nicht, o Kṛṣṇa.
Wort für Wort
durbuddhīnām aśiṣṭānāṃ
der Übelgesinnten, Ungesitteten (Gen.Pl. x2)
bahūnāṃ pāpacetasām
der vielen von böser Gesinnung (Gen.Pl. + Gen.Pl. Bahuvrīhi)
pratīpaṃ vacanaṃ madhye
eine zuwiderlaufende Rede in ihrer Mitte (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Lok.Sg.)
tava kṛṣṇa na rocate
dein, o Kṛṣṇa, gefällt mir nicht (Gen.Sg. + Vok.Sg. + Neg. + 3.Sg.Präs.Med.)
anupāsitavṛddhatvāc chriyā mohāc ca darpitaḥ vayodarpād amarṣāc ca na te śreyo grahīṣyati
Weil er die Alten nie verehrt hat, durch Reichtum und Verblendung überheblich geworden, aus Altersdünkel und Ungeduld - er wird dein heilsames Wort nicht annehmen.
Wort für Wort
anupāsitavṛddhatvāc
weil er die Alten nie verehrt hat (Abl.Sg. Bahuvrīhi)
chriyā mohāc ca darpitaḥ
durch Reichtum und Verblendung überheblich geworden (Instr.Sg. + Abl.Sg. + Konj. + Nom.Sg.Pass.Part.)
vayodarpād amarṣāc ca
aus Altersdünkel und Ungeduld (Abl.Sg. + Abl.Sg. + Konj.)
na te śreyo grahīṣyati
wird dein heilsames Wort nicht annehmen (Neg. + Gen.Sg. + Akk.Sg. + 3.Sg.Fut.)
„Dies kann heute im Kampf nicht bezwungen werden, selbst nicht von Indra samt den Unsterblichen.“ - so haben alle Söhne Dhṛtarāṣṭras beschlossen, o Janārdana.
Wort für Wort
na idam adya yudhā śakyam
dies kann heute im Kampf nicht (Neg. + Nom.Sg. + Adv. + Instr.Sg. + Nom.Sg.)
indreṇa api sahāmaraiḥ
selbst nicht von Indra samt den Unsterblichen (Instr.Sg. + Part. + Instr.Pl. Bahuvrīhi)
iti vyavasitāḥ sarve
so haben beschlossen alle (Part. + Nom.Pl.Part. + Nom.Pl.)
dhārtarāṣṭrā janārdana
die Söhne Dhṛtarāṣṭras, o Janārdana (Nom.Pl. + Vok.Sg.)
Inmitten der Elefantenschar stehend, der Träge, inmitten der aus Wagen und Pferden gefügten Streitmacht, der Törichte - Duryodhana denkt, seinen Zorn scheinbar abgelegt: „Diese ganze Erde ist von mir erobert.“
Wort für Wort
madhye tiṣṭhan hastyanīkasya
inmitten der Elefantenschar stehend (Lok.Sg. + Nom.Sg.Part. + Gen.Sg.)
mando rathāśvayuktasya balasya
der Träge, der aus Wagen und Pferden gefügten Streitmacht (Nom.Sg. + Gen.Sg. + Gen.Sg.)
mūḍhaḥ duryodhano manyate
der Törichte, Duryodhana denkt (Nom.Sg. + Nom.Sg. + 3.Sg.Präs.Med.)
vītamanyuḥ kṛtsnā mayā iyaṃ
seinen Zorn abgelegt, diese ganze, von mir (Nom.Sg. Bahuvrīhi + Nom.Sg. + Instr.Sg. + Nom.Sg.)
pṛthivī jitā iti
die Erde ist erobert - so (Nom.Sg. + Nom.Sg.Pass.Part. + Part.)
Der Sohn Dhṛtarāṣṭras erhofft sich unangefochtene große Herrschaft über die Erde - bei ihm ist Frieden allein nicht zu erlangen; er meint, der erstrebte Zweck sei bereits gesichert erreicht.
Wort für Wort
āśaṃsate dhṛtarāṣṭrasya putro
erhofft sich der Sohn Dhṛtarāṣṭras (3.Sg.Präs.Med. + Gen.Sg. + Nom.Sg.)
mahārājyam asapatnaṃ pṛthivyām
unangefochtene große Herrschaft über die Erde (Akk.Sg. + Akk.Sg. + Lok.Sg.)
tasmiñ śamaḥ kevalo na upalabhyo
bei ihm ist Frieden allein nicht zu erlangen (Lok.Sg. + Nom.Sg. + Nom.Sg. + Neg. + Nom.Sg.Ger.)
baddhaṃ santam āgataṃ manyate 'rtham
er meint, der Zweck sei gesichert erreicht (Akk.Sg. + Akk.Sg.Part. + Akk.Sg.Part. + 3.Sg.Präs.Med. + Akk.Sg.)
[Anm.: 'baddhaṃ santam āgataṃ' wörtlich 'als gebunden/gesichert vorhanden gekommen' - gemeint: Duryodhana hält den von ihm erstrebten Erfolg bereits für gesichert erlangt.]
Diese Erde ist im Umbruch, von der Zeit reif geworden - um Duryodhanas willen sind alle Krieger der Erde, kampfbegierig gegen die Pāṇḍavas, versammelt, und die Könige mit den Landesherren zusammengekommen.
Wort für Wort
paryasteyaṃ pṛthivī kālapakvā
diese Erde ist im Umbruch, von der Zeit reif geworden (Nom.Sg.Pass.Part. + Pron. + Nom.Sg. + Nom.Sg. Bahuvrīhi)
duryodhanārthe pāṇḍavān
um Duryodhanas willen, gegen die Pāṇḍavas (Lok.Sg. Kompositum + Akk.Pl.)
yoddhukāmāḥ samāgatāḥ sarvayodhāḥ
kampfbegierig, versammelt, alle Krieger (Nom.Pl. Bahuvrīhi + Nom.Pl.Part. + Nom.Pl.)
pṛthivyāṃ rājānaś ca
auf der Erde, und die Könige (Lok.Sg. + Nom.Pl. + Konj.)
kṣitipālaiḥ sametāḥ
mit den Landesherren zusammengekommen (Instr.Pl. + Nom.Pl.Part.)
sarve caite kṛtavairāḥ purastāt; tvayā rājāno hṛtasārāś ca kṛṣṇa tavodvegāt saṃśritā dhārtarāṣṭrān; susaṃhatāḥ saha karṇena vīrāḥ
Alle diese Könige, die zuvor von dir zu Feinden gemacht und ihrer Kraft beraubt wurden, o Kṛṣṇa, haben sich aus Furcht vor dir den Söhnen Dhṛtarāṣṭras angeschlossen, fest geeint, zusammen mit dem Helden Karṇa.
Wort für Wort
sarve ca ete kṛtavairāḥ purastāt
alle diese, zuvor zu Feinden gemacht (Nom.Pl. + Konj. + Nom.Pl. + Nom.Pl. Bahuvrīhi + Adv.)
tvayā rājāno hṛtasārāś ca kṛṣṇa
von dir, die Könige, ihrer Kraft beraubt, o Kṛṣṇa (Instr.Sg. + Nom.Pl. + Nom.Pl. Bahuvrīhi + Konj. + Vok.Sg.)
tava udvegāt saṃśritā dhārtarāṣṭrān
aus Furcht vor dir haben sich den Söhnen Dhṛtarāṣṭras angeschlossen (Gen.Sg. + Abl.Sg. + Nom.Pl.Part. + Akk.Pl.)
susaṃhatāḥ saha karṇena vīrāḥ
fest geeint, zusammen mit dem Helden Karṇa (Nom.Pl. + Postposition + Instr.Sg. + Nom.Pl.)
tyaktātmānaḥ saha duryodhanena; sṛṣṭā yoddhuṃ pāṇḍavān sarvayodhāḥ teṣāṃ madhye praviśethā yadi tvaṃ; na tan mataṃ mama dāśārha vīra
Ihr Leben aufgegeben habend, zusammen mit Duryodhana, sind alle Krieger entschlossen, die Pāṇḍavas zu bekämpfen - solltest du unter sie treten, so ist das nicht meine Zustimmung, o Held, Dāśārha.
Wort für Wort
tyaktātmānaḥ saha duryodhanena
ihr Leben aufgegeben habend, zusammen mit Duryodhana (Nom.Pl. Bahuvrīhi + Postposition + Instr.Sg.)
sṛṣṭā yoddhuṃ pāṇḍavān sarvayodhāḥ
entschlossen, die Pāṇḍavas zu bekämpfen, alle Krieger (Nom.Pl.Pass.Part. + Infinitiv + Akk.Pl. + Nom.Pl.)
teṣāṃ madhye praviśethā yadi tvaṃ
solltest du unter sie treten (Gen.Pl. + Lok.Sg. + 2.Sg.Opt.Med. + Konj. + Nom.Sg.)
na tan mataṃ mama dāśārha vīra
so ist das nicht meine Zustimmung, o Held, Dāśārha (Neg. + Pron. + Nom.Sg. + Gen.Sg. + Vok.Sg. + Vok.Sg.)
Gewiss bist du, o Starkarmiger, selbst von den Göttern kaum zu bestehen - ich kenne deine Macht, deine Manneskraft, deinen Verstand, o Feindevernichter.
Wort für Wort
sarvathā tvaṃ mahābāho
gewiss bist du, o Starkarmiger (Adv. + Nom.Sg. + Vok.Sg.)
devair api durutsahaḥ
selbst von den Göttern kaum zu bestehen (Instr.Pl. + Part. + Nom.Sg.)
yā me prītiḥ pāṇḍaveṣu bhūyaḥ sā tvayi mādhava premṇā ca bahumānāc ca sauhṛdāc ca bravīmy aham
Welche Liebe ich für die Pāṇḍavas hege, noch größer ist sie für dich, o Mādhava - aus Zuneigung, aus hoher Wertschätzung und aus Freundschaft spreche ich dies.
Wort für Wort
yā me prītiḥ pāṇḍaveṣu
welche Liebe ich für die Pāṇḍavas hege (Nom.Sg. + Gen.Sg. + Nom.Sg. + Lok.Pl.)
bhūyaḥ sā tvayi mādhava
noch größer ist sie für dich, o Mādhava (Adv.Komp. + Nom.Sg. + Lok.Sg. + Vok.Sg.)
premṇā ca bahumānāc ca
aus Zuneigung und aus hoher Wertschätzung (Instr.Sg. + Konj. + Abl.Sg. + Konj.)
sauhṛdāc ca bravīmy aham
und aus Freundschaft spreche ich dies (Abl.Sg. + Konj. + 1.Sg.Präs. + Nom.Sg.)
[Anm.: Viduras Rede bleibt am Kapitelende offen (SQ=1) - kein Sprecherwechsel, Fortsetzung in Kap.91 erwartet.]