Kapitel 75: Daivapauruṣa-Vākyam
Kṛṣṇas Lehre von Schicksal und Eigentat; Ankündigung der Gesandtschaft
Kṛṣṇa erklärt sein vorheriges Necken (Kap.73) offen als bewusste Prüfung/Anstachelung von Bhīmas Entschlossenheit, lobt dessen wahre Größe und entfaltet eine kurze philosophische Lehre über das Wechselspiel von Schicksal (daiva) und menschlicher Tatkraft (pauruṣa) - beide seien letztlich ungewiss, doch nur durch Handeln lasse sich überhaupt etwas erreichen. Kündigt sodann konkret an, am nächsten Tag zu Dhṛtarāṣṭra zu gehen und für Frieden zu werben; scheitert dies, sei Krieg unausweichlich - Kṛṣṇa weist Bhīma die Hauptverantwortung, Arjuna die Hauptlast im Kampf zu und kündigt an, selbst Arjunas Wagenlenker zu werden.
bhagavān uvāca bhāvaṃ jijñāsamāno 'haṃ praṇayād idam abruvam na cākṣepān na pāṇḍityān na krodhān na vivakṣayā
‘Der Erhabene sprach: ‚Aus Zuneigung sagte ich dies, um deine Gesinnung zu erproben - nicht aus Tadelsucht, nicht aus Gelehrtendünkel, nicht aus Zorn, nicht aus der Absicht, dich herabzusetzen.
Wort für Wort
bhagavān uvāca bhāvaṃ jijñāsamāno 'haṃ praṇayād idam abruvam
der Erhabene sprach: aus Zuneigung sagte ich dies, um deine Gesinnung zu erproben (Nom. + 3.Sg.Perf. + Akk. + Nom.Ptz.Präs.Desid. + Abl. + Akk. + 1.Sg.Impf.)
na cākṣepān na pāṇḍityān na krodhān na vivakṣayā
nicht aus Tadelsucht, nicht aus Gelehrtendünkel, nicht aus Zorn, nicht aus der Absicht, dich herabzusetzen (Neg.+Abl. + Neg.+Abl. + Neg.+Abl. + Neg.+Instr.Desid.)
[Anm.: Sprecherwechsel Bhīma->Kṛṣṇa (SQ schließt/öffnet erneut, Tiefe bleibt 1). Kṛṣṇa erklärt sein Necken aus Kap.73 als Prüfung von Bhīmas Gesinnung.]
jijñāsanto hi dharmasya saṃdigdhasya vṛkodara paryāyaṃ na vyavasyanti daivamānuṣayor janāḥ
Denn wer den ungewissen Verlauf des Schicksals erkennen möchte, Vṛkodara - die Menschen vermögen den Wechsel von Göttlichem und Menschlichem nicht zu ergründen.
Wort für Wort
jijñāsanto hi dharmasya saṃdigdhasya vṛkodara
denn wer den ungewissen Verlauf des Schicksals erkennen möchte, Vṛkodara (Nom.Pl.Ptz.Präs.Desid. + Partikel + Gen. + Gen. + Vok.)
paryāyaṃ na vyavasyanti daivamānuṣayor janāḥ
die Menschen vermögen den Wechsel von Göttlichem und Menschlichem nicht zu ergründen (Akk. + Neg. + 3.Pl.Präs. + Gen.Du.Kompositum + Nom.Pl.)
sa eva hetur bhūtvā hi puruṣasyārthasiddhiṣu vināśe 'pi sa evāsya saṃdigdhaṃ karma pauruṣam
Denn eben dieser Einsatz, der zur Ursache des Gelingens der Ziele eines Mannes wird, ist auch die Ursache seines Untergangs; ungewiss ist das menschliche Handeln.
Wort für Wort
sa eva hetur bhūtvā hi puruṣasyārthasiddhiṣu
denn eben dieser Einsatz, der zur Ursache des Gelingens der Ziele eines Mannes wird (Nom. + Partikel + Nom. + Ger. + Partikel + Gen.Kompositum)
vināśe 'pi sa evāsya saṃdigdhaṃ karma pauruṣam
ist auch die Ursache seines Untergangs; ungewiss ist das menschliche Handeln (Lok. + Partikel + Nom. + Partikel+Gen. + Nom. + Nom. + Nom.)
Und umgekehrt wird auch ein noch nicht vollzogenes Werk des Schicksals durch menschliche Tatkraft abgewehrt - wie Kälte, Hitze, Regen, Hunger und Durst, o Bhārata.
Wort für Wort
daivam apy akṛtaṃ karma pauruṣeṇa vihanyate
und umgekehrt wird auch ein noch nicht vollzogenes Werk des Schicksals durch menschliche Tatkraft abgewehrt (Nom. + Partikel + Nom.Kompositum + Nom. + Instr. + 3.Sg.Präs.Pass.)
śītam uṣṇaṃ tathā varṣaṃ kṣutpipāse ca bhārata
wie Kälte, Hitze, Regen, Hunger und Durst, o Bhārata (Nom. + Nom. + Adv. + Nom. + Nom.Du.Kompositum + Partikel + Vok.)
yad anyad diṣṭabhāvasya puruṣasya svayaṃkṛtam tasmād anavarodhaś ca vidyate tatra lakṣaṇam
Was auch immer über das Schicksalsbestimmte eines Menschen hinaus durch eigenes Tun bewirkt wird - dem steht kein Hindernis entgegen; das ist das Kennzeichen dabei.
Wort für Wort
yad anyad diṣṭabhāvasya puruṣasya svayaṃkṛtam
was auch immer über das Schicksalsbestimmte eines Menschen hinaus durch eigenes Tun bewirkt wird (Nom.Rel. + Nom. + Gen.Kompositum + Gen. + Nom.Kompositum)
tasmād anavarodhaś ca vidyate tatra lakṣaṇam
dem steht kein Hindernis entgegen; das ist das Kennzeichen dabei (Abl. + Nom.Kompositum + Partikel + 3.Sg.Präs.Pass. + Adv. + Nom.)
[Anm.: Verslogik unsicher [?] in genauer philosophischer Nuance - sinngemäß als Unterscheidungskriterium zwischen Schicksal (daiva) und Eigentat (pauruṣa) gedeutet.]
Des Lebens Bestand hat keine andere Quelle als das Handeln, o Pāṇḍava; wer solcher Einsicht ist, sollte zur Tat schreiten; die Frucht ergibt sich aus dem Zusammenwirken beider.
Wort für Wort
lokasya nānyato vṛttiḥ pāṇḍavānyatra karmaṇaḥ
des Lebens Bestand hat keine andere Quelle als das Handeln, o Pāṇḍava (Gen. + Neg.+Abl. + Nom. + Vok.+Adv. + Gen.)
evaṃbuddhiḥ pravarteta phalaṃ syād ubhayānvayāt
wer solcher Einsicht ist, sollte zur Tat schreiten; die Frucht ergibt sich aus dem Zusammenwirken beider (Nom.Kompositum + 3.Sg.Opt.Med. + Nom. + 3.Sg.Opt. + Abl.Kompositum)
ya evaṃ kṛtabuddhiḥ san karmasv eva pravartate nāsiddhau vyathate tasya na siddhau harṣam aśnute
Wer solcher Einsicht ist und sich nur den ihm gebührenden Handlungen widmet, für den gibt es kein Leid im Misslingen, noch genießt er Freude im Gelingen.
Wort für Wort
ya evaṃ kṛtabuddhiḥ san karmasv eva pravartate
wer solcher Einsicht ist und sich nur den Handlungen widmet (Nom. + Adv. + Nom.Kompositum + Nom.Ptz.Präs. + Lok.Pl. + Partikel + 3.Sg.Präs.Med.)
nāsiddhau vyathate tasya na siddhau harṣam aśnute
für den gibt es kein Leid im Misslingen, noch genießt er Freude im Gelingen (Neg.+Lok. + 3.Sg.Präs.Med. + Gen. + Neg. + Lok. + Akk. + 3.Sg.Präs.Med.)
Man sollte nicht die Zügel zu locker lassen; so verhält es sich im Wandel der Dinge; man sollte weder in Verzagtheit noch in Mutlosigkeit verfallen - aus diesem Grund sage ich dir dies.
Wort für Wort
nātipraṇītaraśmiḥ syāt tathā bhavati paryaye
man sollte nicht die Zügel zu locker lassen; so verhält es sich im Wandel der Dinge (Neg.+Nom.Kompositum + 3.Sg.Opt. + Adv. + 3.Sg.Präs. + Lok.)
viṣādam arched glāniṃ vā etadarthaṃ bravīmi te
man sollte weder in Verzagtheit noch in Mutlosigkeit verfallen - aus diesem Grund sage ich dir dies (Akk. + 3.Sg.Opt. + Akk. + Partikel + Akk.Kompositum + 1.Sg.Präs. + Gen.)
[Anm.: 'atipraṇītaraśmiḥ' (die Zügel zu locker lassend) unsicher [?] in genauer Bildlichkeit - Wagenlenker-Metapher für Übermut/Sorglosigkeit gedeutet.]
śamaṃ cet te kariṣyanti tato 'nantaṃ yaśo mama bhavatāṃ ca kṛtaḥ kāmas teṣāṃ ca śreya uttamam
Wenn sie Frieden schließen, dann wird mir endloser Ruhm zuteil, und euer Wunsch wird erfüllt, und für sie wird es das höchste Heil sein.
Wort für Wort
śamaṃ cet te kariṣyanti tato 'nantaṃ yaśo mama
wenn sie Frieden schließen, dann wird mir endloser Ruhm zuteil (Akk. + Konj. + Nom.Pl. + 3.Pl.Fut. + Adv.+Nom. + Nom. + Gen.)
bhavatāṃ ca kṛtaḥ kāmas teṣāṃ ca śreya uttamam
und euer Wunsch wird erfüllt, und für sie wird es das höchste Heil sein (Gen.Pl. + Partikel + Nom.Ptz.Perf.Pass. + Nom. + Gen.Pl. + Partikel + Nom. + Nom.)
In diesem Krieg, Bhīmasena, ruht die Last auf dir; die Hauptlast soll von Arjuna getragen werden, das übrige Volk soll geführt werden.
Wort für Wort
asmin yuddhe bhīmasena tvayi bhāraḥ samāhitaḥ
in diesem Krieg, Bhīmasena, ruht die Last auf dir (Lok. + Lok. + Vok. + Lok. + Nom. + Nom.Ptz.Perf.Pass.)
dhūr arjunena dhāryā syād voḍhavya itaro janaḥ
die Hauptlast soll von Arjuna getragen werden, das übrige Volk soll geführt werden (Nom. + Instr. + Nom.Verbaladj. + 3.Sg.Opt. + Nom.Verbaladj. + Nom. + Nom.)
ahaṃ hi yantā bībhatsor bhavitā saṃyuge sati dhanaṃjayasyaiṣa kāmo na hi yuddhaṃ na kāmaye
Denn ich werde, wenn die Schlacht stattfindet, der Wagenlenker des Bībhatsu sein; dies ist Dhanaṃjayas Wunsch; ich selbst begehre den Krieg nicht.
Wort für Wort
ahaṃ hi yantā bībhatsor bhavitā saṃyuge sati
denn ich werde, wenn die Schlacht stattfindet, der Wagenlenker des Bībhatsu sein (Nom. + Partikel + Nom. + Gen. + Nom.Fut.Ptz. + Lok.Abs. + Lok.Abs.Ptz.Präs.)
dhanaṃjayasyaiṣa kāmo na hi yuddhaṃ na kāmaye
dies ist Dhanaṃjayas Wunsch; ich selbst begehre den Krieg nicht (Gen.+Nom. + Nom. + Neg. + Partikel + Akk. + Neg. + 1.Sg.Präs.Med.)