Kapitel 187: Ambāyā Dvādaśavarṣatapaḥ
Rāmas Abweisung und Ambās zwölfjährige Askese
Bhīṣma erzählt weiter: Rāma erklärt Ambā, dass er trotz höchster Anstrengung Bhīṣma nicht übertreffen könne, und weist sie an, sich an Bhīṣma selbst zu wenden. Ambā erwidert, sie werde niemals zu Bhīṣma zurückkehren, sondern selbst einen Weg finden, ihn zu vernichten, und zieht zur Askese fort. Rāma kehrt zum Berg Mahendra zurück, Bhīṣma nach Hāstinapura, wo er seiner Mutter Satyavatī berichtet und, von Sorge geplagt, auch Nārada und Vyāsa einweiht, die ihn trösten. Ambā übt zwölf Jahre lang extreme Askese an zahlreichen heiligen Stätten. Bhīṣmas göttliche Mutter Gaṅgā sucht sie auf und versucht sie umzustimmen; als Ambā bei ihrem Vorhaben bleibt, prophezeit ihr Gaṅgā, dass sie - falls sie ihren Körper aufgebe - zur Hälfte zu einem krummen, gefährlichen Fluss im Land Vatsa werde, der später als 'Ambā' bekannt sein werde, während sie zugleich als Jungfrau ihre Askese fortsetzt.
rāma uvāca pratyakṣam etal lokānāṃ sarveṣām eva bhāmini yathā mayā paraṃ śaktyā kṛtaṃ vai pauruṣaṃ mahat
Rāma sprach: Es sei doch allen Welten offenkundig, schöne Frau, wie er mit höchster Kraft eine gewaltige Manneskraft bewiesen habe.
Wort für Wort
rāmaḥ uvāca
Rāma sprach (Perf.)
pratyakṣam etat
dies sei offenkundig (Nom. Sg.)
lokānām sarveṣām eva
allen Welten (Gen. Pl.)
bhāmini
o schöne Frau (Vok. Sg.)
yathā
wie (Adv.)
mayā
von mir (Instr. Sg.)
param śaktyā
mit höchster Kraft (Instr. Sg.)
kṛtam vai
vollbracht fürwahr (Nom. Sg.)
pauruṣam mahat
eine gewaltige Manneskraft (Nom. Sg.)
[?] Rāmas hier mit eigenem 'rāma uvāca' gekennzeichnete Rede an Ambā (V.001-004) wird - wie alle übrige Figurenrede der Ambā-Erzählung - indirekt wiedergegeben, da sie innerhalb von Bhīṣmas fortlaufender, seit Kap.170 offener Ich-Erzählung liegt.
bhīṣmam eva prapadyasva na te 'nyā vidyate gatiḥ nirjito hy asmi bhīṣmeṇa mahāstrāṇi pramuñcatā
Sie möge sich eben an Bhīṣma selbst wenden; es gebe für sie keinen anderen Ausweg; denn er sei von Bhīṣma, der gewaltige Waffen entfesselt habe, besiegt worden.
Wort für Wort
bhīṣmam eva
eben an Bhīṣma (Akk. Sg.)
prapadyasva
wende dich! (Imp. Med. 2.Sg.)
na te anyā gatiḥ vidyate
es gibt keinen anderen Ausweg für dich (Präs. Med. 3.Sg.)
Bhīṣma sprach weiter: Nachdem er so gesprochen hatte, sei der hochgesinnte Rāma, seufzend, verstummt; da habe die Jungfrau zum Sohn des Bhṛgu gesprochen.
tato mahendraṃ saha tair munibhir bhṛgusattamaḥ yathāgataṃ yayau rāmo mām upāmantrya bhārata
Dann sei der vorzüglichste Sohn des Bhṛgu, Rāma, zusammen mit jenen Weisen zum Berg Mahendra zurückgekehrt, wie er gekommen war, nachdem er mich verabschiedet hatte, o Bhārata.
tato 'haṃ ratham āruhya stūyamāno dvijātibhiḥ praviśya nagaraṃ mātre satyavatyai nyavedayam yathāvṛttaṃ mahārāja sā ca māṃ pratyanandata
Dann bin ich, von den Zweifachgeborenen gepriesen, auf den Wagen gestiegen, in die Stadt eingezogen und habe meiner Mutter Satyavatī berichtet, wie es sich zugetragen hatte, o Großkönig; und sie hat mich beglückwünscht.
puruṣāṃś cādiśaṃ prājñān kanyāvṛttāntakarmaṇi divase divase hy asyā gatajalpitaceṣṭitam pratyāharaṃś ca me yuktāḥ sthitāḥ priyahite mama
Und ich habe kluge Männer beauftragt, über das Geschehen der Jungfrau zu berichten; Tag für Tag hätten sie mir, eifrig auf mein Wohl bedacht, ihr Kommen, Reden und Tun mitgeteilt.
api caitan mayā rājan nārade 'pi niveditam vyāse caiva bhayāt kāryaṃ tau cobhau mām avocatām
Und dies habe er, o König, aus Furcht auch Nārada mitgeteilt sowie Vyāsa; und beide hätten ihm erwidert.
Wort für Wort
api ca etat
und dies auch (Nom. Sg.)
mayā
von mir (Instr. Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
nārade api
auch dem Nārada (Lok. Sg.)
niveditam
mitgeteilt (Nom. Sg. n.)
vyāse ca eva
und auch dem Vyāsa (Lok. Sg.)
bhayāt
aus Furcht (Abl. Sg.)
kāryam
zu tun (Nom. Sg. n., Gerundiv)
tau ca ubhau
und jene beiden (Nom. Dual)
mām
zu mir (Akk. Sg.)
avocatām
sie sprachen (Impf. 3.Dual)
[?] Hier wechselt der Bezug von Bhīṣmas eigener Ich-Rede (V.010-015) zurück zur berichtenden Beschreibung; 'mayā...niveditam' bezieht sich weiterhin auf Bhīṣma selbst, der aus Furcht Nārada und Vyāsa von seiner Sorge erzählt habe.
sā tu kanyā mahārāja praviśyāśramamaṇḍalam yamunātīram āśritya tapas tepe 'timānuṣam
Jene Jungfrau aber, o Großkönig, sei, nachdem sie in das Gebiet der Einsiedeleien eingetreten war, ans Ufer der Yamunā gegangen und habe übermenschliche Askese geübt.
Wort für Wort
sā tu kanyā
jene Jungfrau aber (Nom. Sg.)
mahārāja
o Großkönig (Vok. Sg.)
praviśya āśramamaṇḍalam
nachdem sie das Gebiet der Einsiedeleien betreten hatte (Absolutiv)
tām abravīt kauraveya mama mātā jalotthitā kimarthaṃ kliśyase bhadre tathyam etad bravīhi me
Zu ihr habe, o Kaurava, meine aus dem Wasser aufgestiegene Mutter gesprochen: warum sie sich quäle, gute Frau; sie solle ihr die Wahrheit sagen.
Wort für Wort
tām
zu ihr (Akk. Sg.)
abravīt
sie sprach (Impf. 3.Sg.)
kauraveya
o Kaurava (Vok. Sg.)
mama mātā
meine Mutter (Nom. Sg.)
jalotthitā
aus dem Wasser aufgestiegen (Nom. Sg.)
kimartham
warum (Adv.)
kliśyase
du quälst dich (Präs. Med. 2.Sg.)
bhadre
o gute Frau (Vok. Sg.)
tathyam etat
dies wahrhaftig (Akk. Sg.)
bravīhi me
sag mir! (Imp. 2.Sg.)
[?] Mit 'meine aus dem Wasser aufgestiegene Mutter' ist erneut Gaṅgā gemeint, die hier Ambā während ihrer Askese aufsucht; ihr Zwiegespräch mit Ambā (V.029-035) bleibt aus demselben Grund wie alle übrige Figurenrede indirekt.
carāmi pṛthivīṃ devi yathā hanyām ahaṃ nṛpam etad vrataphalaṃ dehe parasmin syād yathā hi me
Sie durchwandere die Erde, Göttin, damit sie den König töten könne; dieser Frucht des Gelübdes solle in einem anderen Körper ihr entsprochen werden.
Wort für Wort
carāmi
ich durchwandere (Präs. 1.Sg.)
pṛthivīm
die Erde (Akk. Sg.)
devi
o Göttin (Vok. Sg.)
yathā hanyām aham
damit ich töte (Opt. 1.Sg.)
nṛpam
den König (Akk. Sg.)
etat vrataphalam
diese Frucht des Gelübdes (Nom. Sg.)
dehe parasmin
in einem anderen Körper (Lok. Sg.)
syāt
es möge sein (Opt. 3.Sg.)
yathā hi me
so wie mir (Dat. Sg.)
[?] Ambā deutet hier bereits an, dass die Erfüllung ihres Gelübdes gegebenenfalls erst in einem künftigen Leben (d.h. als Śikhaṇḍin) möglich sein werde.
Da habe die Meeresgängerin erwidert: sie handle krumm, schöne Frau; dieser Wunsch könne von ihr, der Makellosgliedrigen, Schwachen, nicht erlangt werden.
Wort für Wort
tataḥ abravīt
da erwiderte sie (Impf. 3.Sg.)
sāgaragā
die Meeresgängerin (Nom. Sg.)
jihmam carasi
du handelst krumm (Präs. 2.Sg.)
bhāmini
o schöne Frau (Vok. Sg.)
na eṣaḥ kāmaḥ
dieser Wunsch nicht (Nom. Sg.)
anavadyāṅgi
o Makellosgliedrige (Vok. Sg.)
śakyaḥ
möglich (Nom. Sg.)
prāptum
zu erlangen (Inf.)
tvayā
von dir (Instr. Sg.)
abale
o Schwache (Vok. Sg.)
[?] 'sāgaragā' ('die zum Meer Gehende') bezeichnet den Fluss/Gaṅgā selbst.
yadi bhīṣmavināśāya kāśye carasi vai vratam vratasthā ca śarīraṃ tvaṃ yadi nāma vimokṣyasi nadī bhaviṣyasi śubhe kuṭilā vārṣikodakā
Wenn sie, die Kāśi-Tochter, zur Vernichtung Bhīṣmas fürwahr ein Gelübde übe, und wenn sie, im Gelübde verharrend, ihren Körper etwa aufgeben werde, werde sie, Holde, zu einem krummen Fluss werden, mit Regenwasser gespeist.
Mit schlechten Furten, unkenntlich, nur zur Regenzeit wasserführend, nicht acht Monate im Jahr, voller furchtbarer Krokodile, schrecklich, allen Wesen Furcht einflößend.
Sie, die Tochter des Herrn von Kāśi, sei, aus Gier nach heiligen Furten, immer wieder im Land Vatsa hierhin und dorthin fallend umhergeeilt, o Kaurava.
Jener Fluss im Land Vatsa aber sei berühmt als Ambā bekannt, o Bhārata - nur zur Regenzeit wasserführend, voller Krokodile, mit schlechten Furten, ebenso krumm.
sā kanyā tapasā tena bhāgārdhena vyajāyata nadī ca rājan vatseṣu kanyā caivābhavat tadā
Jene Jungfrau sei durch jene Askese zur Hälfte geboren worden; und im Land Vatsa sei sie zugleich Fluss und Jungfrau gewesen, o König.
Wort für Wort
sā kanyā
jene Jungfrau (Nom. Sg.)
tapasā tena
durch jene Askese (Instr. Sg.)
bhāgārdhena
zur Hälfte (Instr. Sg.)
vyajāyata
sie wurde geboren (Impf. Med. 3.Sg.)
nadī ca
und der Fluss (Nom. Sg.)
rājan
o König (Vok. Sg.)
vatseṣu
im Land Vatsa (Lok. Pl.)
kanyā ca eva
und zugleich die Jungfrau (Nom. Sg.)
abhavat
sie war (Impf. 3.Sg.)
tadā
da (Adv.)
[?] Ambā spaltet sich hier zur Hälfte in einen Fluss, während sie zugleich als Jungfrau ihre Askese fortsetzt - eine bekannte Doppelgestalt-Episode vor ihrer endgültigen Wiedergeburt als Śikhaṇḍin.