Kapitel 121: Yayāter Brahmalokapraveśaḥ (Gālavopākhyānasamāptiḥ)
Yayāti bei Brahmā (Abschluss der Gālava-Erzählung)
Yayāti wird feierlich im Himmel empfangen; Brahmā erklärt ihm auf seine Frage, dass allein Hochmut den unermesslichen Verdienst seiner Opfer zunichtegemacht hatte. Nārada zieht daraus - wie schon Kaṇva in Kap.103 mit der Garuḍa-Erzählung - die unmittelbare Lehre für Duryodhana: auch er solle Hochmut und Zorn ablegen und Frieden mit den Pāṇḍavas schließen. Mit dieser Mahnung schließt die gesamte, seit Kap.104 durchgehend offene Gālava-Mādhavī-Yayāti-Rahmenerzählung endgültig (SQ 1→0); ein knapper Schlussvers preist die Erzählung selbst.
Nārada sprach: Von den Guten, den Fürsten mit reichen Opfergaben, in den Himmel emporgehoben, nachdem er die Enkelsöhne mütterlicherseits verabschiedet hatte, bestieg Yayāti den Himmel.
Wort für Wort
nāradaḥ uvāca
Nārada sprach (Verb, Perf. 3.Sg.)
sadbhiḥ āropitaḥ svargam
von den Guten in den Himmel emporgehoben (Instr.Pl. + Partizip Perf.Pass., Nom.Sg. + Akk.Sg.)
pārthivaiḥ bhūridakṣiṇaiḥ
den Fürsten mit reichen Opfergaben (Instr.Pl. + Adj.Instr.Pl.)
abhyanujñāya dauhitrān
nachdem er die Enkelsöhne mütterlicherseits verabschiedet hatte (Absolutiv + Akk.Pl.)
Nachdem er den unerschütterlichen Ort bestiegen hatte, der durch die Frucht der Enkelsöhne erobert war, von seinen eigenen Taten gemehrt, erstrahlte er in höchstem Glanz.
Wort für Wort
acalam sthānam āruhya
nachdem er den unerschütterlichen Ort bestiegen hatte (Adj.Akk.Sg. + Subst.Akk.Sg. + Absolutiv)
dauhitraphalanirjitam
durch die Frucht der Enkelsöhne erobert (Adj., Akk.Sg.)
karmabhiḥ svaiḥ upacitaḥ
von seinen eigenen Taten gemehrt (Instr.Pl. + Adj.Instr.Pl. + Partizip Perf.Pass., Nom.Sg.)
jajvāla parayā śriyā
er erstrahlte in höchstem Glanz (Verb, Perf. 3.Sg. + Adj.Instr.Sg. + Subst.Instr.Sg.)
und die Frucht des Himmels erlangt habend - zu ihm sprach der Großvater (Brahmā), dem Befriedeten, dem im Sinn Beruhigten, ihn gleichsam mit Worten erquickend:
Wort für Wort
prāptaḥ svargaphalam ca eva
und die Frucht des Himmels erlangt habend (Partizip Perf., Nom.Sg. + Subst.Akk.Sg. + Partikel + Partikel)
tam uvāca pitāmahaḥ
zu ihm sprach der Großvater (Akk.Sg. + Verb, Perf. 3.Sg. + Subst.Nom.Sg.)
nirvṛtam śāntamanasam
dem Befriedeten, dem im Sinn Beruhigten (Adj.Akk.Sg. + Bahuvrīhi-Adj., Akk.Sg.)
vacobhiḥ tarpayan iva
ihn gleichsam mit Worten erquickend (Instr.Pl. + Partizip Präs.Kausativ, Nom.Sg. + Vgl.-Partikel)
catuṣpādas tvayā dharmaś cito lokyena karmaṇā akṣayas tava loko 'yaṃ kīrtiś caivākṣayā divi punas tavādya rājarṣe sukṛteneha karmaṇā
„Die vierfüßige Tugend wurde von dir durch weltgemäßes Handeln gemehrt - unvergänglich ist diese deine Welt, und unvergänglich ist auch dein Ruhm im Himmel, wiederum heute, königlicher Weiser, durch gutes Werk hier.
Wort für Wort
catuṣpādaḥ tvayā dharmaḥ
die vierfüßige Tugend wurde von dir (Adj.Nom.Sg. + Instr.Sg. + Subst.Nom.Sg.)
durch gutes Werk hier (Subst.Instr.Sg. + Adv. + Subst.Instr.Sg.)
'catuṣpāda dharmaḥ' ('die vierfüßige Tugend') bezeichnet ein klassisches Bild, wonach die Tugend in vollkommener Gestalt auf vier Füßen ruht und in jedem der vier Weltzeitalter um einen Fuß schrumpft.
Von Finsternis verhüllt war das Bewusstsein aller Himmelsbewohner, weshalb sie dich nicht erkannten - deshalb, weil sie dich nicht erkannten, bist du gefallen.
Wort für Wort
āvṛtam tamasā cetaḥ
von Finsternis verhüllt war das Bewusstsein (Partizip Perf.Pass., Nom.Sg. + Subst.Instr.Sg. + Subst.Nom.Sg.)
sarveṣām svargavāsinām
aller Himmelsbewohner (Adj.Gen.Pl. + Subst.Gen.Pl.)
yena tvām na abhijānanti
weshalb sie dich nicht erkannten (Rel.Instr.Sg. + Akk.Sg. + Neg. + Verb, Präs. 3.Pl.)
tataḥ ajñātvā asi pātitaḥ
deshalb, weil sie dich nicht erkannten, bist du gefallen (Adv. + Absolutiv + Verb, Präs. 2.Sg. + Partizip Perf.Pass., Nom.Sg.)
Und aus Liebe eben bist du von den Enkelsöhnen mütterlicherseits errettet worden, du bist hierher gekommen, und du hast den Ort erreicht, der durch dein eigenes Werk erobert wurde, den unerschütterlichen, ewigen, heiligen, höchsten, festen, unvergänglichen.“
Wort für Wort
prītyā eva ca asi dauhitraiḥ
und aus Liebe eben bist du von den Enkelsöhnen (Subst.Instr.Sg. + Partikel + Partikel + Verb, Präs. 2.Sg. + Instr.Pl.)
yayātir uvāca bhagavan saṃśayo me 'sti kaś cit taṃ chettum arhasi na hy anyam aham arhāmi praṣṭuṃ lokapitāmaha
Yayāti sprach: „Erhabener, ein gewisser Zweifel ist mir - diesen zu zerschneiden bist du würdig; denn keinen anderen bin ich würdig zu fragen, Großvater der Welt.
Wort für Wort
yayātiḥ uvāca
Yayāti sprach (Verb, Perf. 3.Sg.)
bhagavan saṃśayaḥ me asti kaḥ cit
Erhabener, ein gewisser Zweifel ist mir (Vok.Sg. + Subst.Nom.Sg. + Gen.Sg. + Verb, Präs. 3.Sg. + Indefinitpron.)
tam chettum arhasi
diesen zu zerschneiden bist du würdig (Akk.Sg. + Infinitiv + Verb, Präs. 2.Sg.)
na hi anyam aham arhāmi praṣṭum
denn keinen anderen bin ich würdig zu fragen (Neg. + Partikel + Akk.Sg. + Pron. + Verb, Präs. 1.Sg. + Infinitiv)
Der Großvater sprach: „Durch viele Jahrtausende der Untertanenpflege gemehrt, durch die Fluten zahlloser Opfer und Gaben - die Frucht, die von dir erworben wurde,
Wort für Wort
pitāmahaḥ uvāca
der Großvater sprach (Subst.Nom.Sg. + Verb, Perf. 3.Sg.)
bahuvarṣasahasrāntam
durch viele Jahrtausende hindurch (Adj., Akk.Sg.)
prajāpālanavardhitam
durch die Untertanenpflege gemehrt (Adj., Akk.Sg.)
anekakratudānaughaiḥ
durch die Fluten zahlloser Opfer und Gaben (Subst., Instr.Pl.)
yat tvayā upārjitam phalam
die Frucht, die von dir erworben wurde (Rel.Pron. + Instr.Sg. + Partizip Perf.Pass.Nom.Sg. + Subst.Nom.Sg.)
nāvamānyās tvayā rājann avarotkṛṣṭamadhyamāḥ na hi mānapradagdhānāṃ kaś cid asti samaḥ kva cit
Nicht zu verachten sind von dir, König, die Niedrigen, Höheren und Mittleren - denn für die vom Hochmut Verbrannten gibt es niemals irgendeinen Gleichgestellten.
Wort für Wort
na avamānyāḥ tvayā rājan
nicht zu verachten sind von dir, König (Neg. + Gerundivum, Nom.Pl. + Instr.Sg. + Vok.Sg.)
avarotkṛṣṭamadhyamāḥ
die Niedrigen, Höheren und Mittleren (Adj., Nom.Pl.)
na hi mānapradagdhānām
denn für die vom Hochmut Verbrannten (Neg. + Partikel + Adj.Gen.Pl.)
kaḥ cit asti samaḥ kva cit
gibt es irgendeinen Gleichgestellten, irgendwo (Indefinitpron. + Verb, Präs. 3.Sg. + Adj.Nom.Sg. + Indefinitadv.)
patanārohaṇam idaṃ kathayiṣyanti ye narāḥ viṣamāṇy api te prāptās tariṣyanti na saṃśayaḥ
Diesen Fall und Wiederaufstieg werden die Menschen erzählen, die ihn erzählen - auch wenn sie in Gefahren geraten sind, werden sie sie überwinden, kein Zweifel.“
Wort für Wort
patanārohaṇam idam
diesen Fall und Wiederaufstieg (Subst.Akk.Sg. + Pron.)
kathayiṣyanti ye narāḥ
die Menschen, die erzählen werden (Verb, Fut. 3.Pl. + Rel.Pron.Nom.Pl. + Subst.Nom.Pl.)
viṣamāṇi api te prāptāḥ
auch wenn sie in Gefahren geraten sind (Adj.Akk.Pl. + Partikel + Pron. + Partizip Perf.Nom.Pl.)
tariṣyanti na saṃśayaḥ
werden sie überwinden, kein Zweifel (Verb, Fut. 3.Pl. + Neg. + Subst.Nom.Sg.)
Nārada sprach: Dieser Fehler wurde einst durch Hochmut von Yayāti erlangt, und durch allzu großes Beharren von Gālava, Herr der Erde.
Wort für Wort
nāradaḥ uvāca
Nārada sprach (Verb, Perf. 3.Sg.)
eṣaḥ doṣaḥ abhimānena purā
dieser Fehler wurde einst durch Hochmut (Pron. + Subst.Nom.Sg. + Subst.Instr.Sg. + Adv.)
prāptaḥ yayātinā
erlangt von Yayāti (Partizip Perf.Pass., Nom.Sg. + Instr.Sg.)
nirbandhataḥ ca atimātram
und durch allzu großes Beharren (Abl./Adv. + Partikel + Adv.)
gālavena mahīpate
von Gālava, Herr der Erde (Instr.Sg. + Vok.Sg.)
Ab hier spricht Nārada wieder in eigener Stimme (nicht mehr als Wiedergabe fremder Rede) und zieht die Lehre aus der soeben erzählten Geschichte - die Anrede 'mahīpate' zeigt, dass er sich, wie schon in Kap.103 (Kaṇvas Gleichnis), direkt an seinen gegenwärtigen Zuhörer Duryodhana wendet.
śrotavyaṃ hitakāmānāṃ suhṛdāṃ bhūtim icchatām na kartavyo hi nirbandho nirbandho hi kṣayodayaḥ
Man soll auf das Wohlmeinende der Freunde hören, die das Gedeihen wünschen - denn Beharren soll man nicht üben, denn Beharren ist der Ursprung des Verderbens.
Wort für Wort
śrotavyam hitakāmānām
man soll auf das Wohlmeinende hören (Gerundivum, Nom.Sg. + Adj.Gen.Pl.)
suhṛdām bhūtim icchatām
der Freunde, die das Gedeihen wünschen (Gen.Pl. + Subst.Akk.Sg. + Partizip Präs.Gen.Pl.)
na kartavyaḥ hi nirbandhaḥ
denn Beharren soll man nicht üben (Neg. + Gerundivum, Nom.Sg. + Partikel + Subst.Nom.Sg.)
nirbandhaḥ hi kṣayodayaḥ
denn Beharren ist der Ursprung des Verderbens (Subst.Nom.Sg. + Partikel + Subst.Nom.Sg.)
dadāti yat pārthiva yat karoti; yad vā tapas tapyati yaj juhoti na tasya nāśo 'sti na cāpakarṣo; nānyas tad aśnāti sa eva kartā
Was ein Fürst gibt, was er tut, welche Buße er übt, was er opfert - dessen gibt es keinen Untergang und keine Minderung; kein anderer genießt dies, er selbst ist der Täter.‘
Wort für Wort
dadāti yat pārthiva yat karoti
was ein Fürst gibt, was er tut (Verb, Präs. 3.Sg. + Rel.Pron. + Subst.Vok./Nom.Sg. + Rel.Pron. + Verb, Präs. 3.Sg.)
yat vā tapaḥ tapyati
oder welche Buße er übt (Rel.Pron. + Partikel + Subst.Akk.Sg. + Verb, Präs. 3.Sg.)
yat juhoti
was er opfert (Rel.Pron. + Verb, Präs. 3.Sg.)
na tasya nāśaḥ asti na ca apakarṣaḥ
dessen gibt es keinen Untergang und keine Minderung (Neg. + Gen.Sg. + Subst.Nom.Sg. + Verb, Präs. 3.Sg. + Neg. + Partikel + Subst.Nom.Sg.)
na anyaḥ tat aśnāti
kein anderer genießt dies (Neg. + Pron.Nom.Sg. + Pron.Akk.Sg. + Verb, Präs. 3.Sg.)
sa eva kartā
er selbst ist der Täter (Pron. + Partikel + Subst.Nom.Sg.)
Mit diesem Vers schließt Nāradas gesamte, seit Kap.104 V.5 durchgehend offene Rahmenerzählung (SQ 1→0) - die Erzählung kehrt zur Grundebene (Vaiśaṃpāyana-Janamejaya) zurück; der folgende Vers ist ein außerhalb der Rede stehender abschließender Preis der Erzählung selbst.
Dieses große Werk gilt als das Vortrefflichste bei den Weitgelehrten, den von Zorn und Leidenschaft Befreiten [?] - wer es betrachtet, wie es vielfach in der Welt verbreitet ist, und den Blick auf die drei Lebensziele richtet, genießt die Erde.
Wort für Wort
idam mahākhyānam anuttamam mataṃ
dieses große Werk gilt als das Vortrefflichste (Pron. + Subst.Nom.Sg. + Adj.Nom.Sg. + Partizip Perf.Pass., Nom.Sg.)
bahuśrutānām gataroṣarāgiṇām
bei den Weitgelehrten, den von Zorn und Leidenschaft Befreiten (Adj.Gen.Pl. + Bahuvrīhi-Adj.Gen.Pl.)
samīkṣya loke bahudhā pradhāvitā
nachdem er betrachtet hat, wie es in der Welt vielfach verbreitet ist (Absolutiv + Lok.Sg. + Adv. + Partizip Perf.Nom.Sg.)
trivargadṛṣṭiḥ pṛthivīm upāśnute
wer den Blick auf die drei Lebensziele gerichtet hat, genießt die Erde (Bahuvrīhi-Adj., Nom.Sg. + Subst.Akk.Sg. + Verb, Präs. 3.Sg.)
Der stark verdichtete Phalaśruti-Vers (Segensspruch über den Wert der Erzählung) wird hier außerhalb jeder Figurenrede - als Stimme des äußeren Erzählers Vaiśaṃpāyana - verstanden; die genaue syntaktische Zuordnung der Genitiv-Komposita bleibt unsicher.